Das Café am Island-Fjord

Jedes Jahr schickt das ZDF ausgewählte Jung-Gastronomen in ein Land, das sich gerade verändert. Dort übernehmen die wissbegierigen jungen Leute für einige Wochen ein kleines Café oder Restaurant. Sie kochen für die Einheimischen und bekommen dadurch einen unverkrampften und direkten Kontakt zu ihnen. Philipp, Caroline, Ina und David reisen in den einsamen Nordwesten von Island. Die vier haben noch nie zusammengearbeitet. 

  • ZDF, Ostermontag, 6. April 2015, 15:00 Uhr

Texte

Gutes Essen öffnet die Türen ...

Für die ZDF- Doku-Reihe "Das Café in ..." gehen jedes Jahr Jung-Gastronomen in ein europäisches Land, das gerade an einem Wendepunkt steht oder einen Wandlungsprozess durchlebt. Dort übernehmen die jungen Deutschen auf Zeit ein kleines Café oder Restaurant. Gemüse, Fleisch und Lebensmittel einkaufen, gemeinsam kochen und überhaupt mit einheimischem Essen und regionalen Essgewohnheiten umgehen: so kommen sie den Leuten vor Ort überraschend nahe. „Gutes Essen öffnet die Türen und die Herzen“ könnte das Motto hinter diesen Café-Abenteuer-Geschichten sein. Sie eröffnen einen ganz eigenen Blick auf ein fremdes Land, seine Menschen und seine Kultur.

Die ersten Filme der Reihe waren Tauschgeschichten. 2011 tauschte ein junges Paar aus Bayern den eigenen Biergarten gegen das Café einer deutschen Auswanderin nach USA: „Lilos Café“ an der Route 66. Während die jungen Deutschen Cowboys und Indianer am Grand Canyon mit Schnitzel und Bratkartoffeln versorgten, tauchte Lilo mit ihren Töchtern wieder in ihre deutsche Heimat ein. „Einmal wilder Westen und zurück“ war ein köstliches deutsch-amerikanisches Experiment (ZDF-Zweiteiler Weihnachten 2011). Ein Jahr später hieß es „Einmal Russland und zurück“, als eine junge Brandenburger Familie ihr Gasthaus gegen das Restaurant einer deutsch-russischen Familie in St. Petersburg tauschte – Blini mit Kaviar gegen Bratwurst mit Sauerkraut und viele unglaubliche deutsch-russische Geschichten (ZDF-Zweiteiler Weihnachten 2012).

Seit Anfang 2014 hat die Reihe ihre derzeitige Form gefunden. Vier junge Gastronomen aus Norddeutschland zogen auf Zeit an den Baikalsee, um dort in einem einsamen, aber bildschönen Dorf ein Café zu eröffnen. Der Russe Nikita, der dort zunehmend auch Reisenden ein Dach über dem Kopf bietet, hatte ein passendes Holzhaus gebaut. Er wollte erproben, ob auch die Einheimischen in so ein Café gehen würden. Das Experiment nahm eine erstaunliche Entwicklung, bei der die vier jungen Deutschen den Alltag und die Träume der Menschen in Putins fernem Sibirien teilten: Sie, und mit ihnen die Zuschauer, erfuhren viel Unerwartetes über das Leben am geheimnisvollen Baikalsee und in der sibirischen Einsamkeit. Dafür erhielt das Produktionsteam um den Autor Bernd Reufels und die Cutterin und Produzentin Miriam Weinandi den „Karlovy Vary Award 2014“. Das ZDF setzt schon lange Abenteuerstoffe mit den beiden und ihrer Produktionsfirma Kelvinfilm um. Diese neueste Produktion am äußersten Rand Europas war für uns alle wieder unvorhersehbar und sehr spannend. Die vier Protagonisten wurden nach einem intensiven Casting ausgewählt. Rund 100 junge Gastronomen aus ganz Deutschland hatten sich um diese außergewöhnliche Erfahrung beworben. Ausgestrahlt wird ihre Geschichte um ihr Island-Café im Osterprogramm des ZDF.

Dr. Susanne Becker
Hauptredaktion Kultur, Geschichte und Wissenschaft

Eine neue Erlebnisdokumentation von Bernd Reufels

Für die neue Erlebnisdokumentation hat Bernd Reufels mit seinem Kamerateam die jungen Leute für mehrere Wochen nach Island begleitet.

Die vielfältige Natur, die mythische Aura dieses Naturwunders im Nordatlantik fasziniert die jungen Deutschen. Die Sprache mit den endlos langen Worten sprechen sie nicht. Wie auch - es ging alles so schnell. Sie bauen darauf, dass ein bisschen Englisch ausreicht. Die Gastronomen eint der Traum, irgendwann einmal ein eigenes Restaurant zu führen. Das Café in Island ist für sie die Chance, sich endlich dieser großen Herausforderung zu stellen.

Die kleine Gruppe übernimmt ein typisch isländisches Café, das in der Siedlung Sauðárkrókur im einsamen Nordwesten wieder zum Hot Spot werden soll. Das kleine Kaffeehaus könnte besser laufen und die Deutschen sollen ihm neuen Geist einhauchen. In kürzester Zeit müssen Ina, David, Caroline und Philipp sich auf den ungewohnten Geschmack ihrer Gäste einstellen. Schließlich bevorzugt man hier Pferdefleisch, Lamm und Wal. Frisches Obst und Gemüse sind teurer als Fisch oder Fleisch. Kristín, die Besitzerin und Chefin des Cafés, überlässt den jungen Gastronomen das Feld. Aber im Hintergrund wacht sie mit Argusaugen über die vier - sie will Ergebnisse sehen. Seit der Wirtschaftskrise ist es schwieriger geworden. Nun sollen wieder mehr Leute aus dem Dorf regelmäßig ins Café kommen. Die Zeit läuft.

Island: Der Inselstaat am Rand Europas macht vor allem dann von sich reden, wenn seine Vulkane den internationalen Flugverkehr durcheinanderbringen. Doch das kleine Land steht für mehr als raue Natur und wilde Landschaften. 2008 kollabierten die drei größten Banken, und der Mittelstand verlor sein Geld. Kein Rettungsschirm schützte das Land, die rund 320.000 Isländer waren auf sich allein gestellt. In den Jahren danach folgte die Rückbesinnung auf ein einfacheres Leben, die eigenen Wurzeln und alte Werte. In Sachen Energie sind die Isländer Vorreiter. Kohlekraftwerke wurden abgeschafft, man versorgt sich nahezu komplett mit Wasserkraft und Erdwärme. Von Island lässt sich einiges lernen: wie man mit wirtschaftlichen Krisen umgeht, was sozialer Zusammenhalt bedeutet und was einem letztlich wichtig ist im Leben. Grund genug also, mit jungen, deutschen Gastronomen das "Abenteuer Island" zu wagen.

Drei Fragen an Autor Bernd Reufels

Wie kamen Sie auf Island als Drehort für Ihr neues Café?

Wir suchen Drehorte, die viele Möglichkeiten bieten und die verschiedene Faktoren vereinen. Island ist ein Land, das einen spannenden Umbruchprozess gerade hinter sich hat. Die Banken kollabierten - doch kein Rettungsschirm schützte die Isländer. Zudem sind uns viele Bräuche und Gewohnheiten der Isländer einigermaßen fremd. Bei Begegnungen mit den Menschen gibt es so immer wieder spannende Momente und viel Neues zu entdecken. Hinzu kommt die fantastische und abwechslungsreiche Landschaft. Am Ende waren wir der Überzeugung, dass wir in einer kleinen, isländischen Stadt einen einzigartigen Einblick in das Leben der Menschen erhalten können. Und dass uns dabei Vieles überraschen kann.

Wie haben Sie das Kaffi Krókur gefunden?

Wir haben ein aufwändiges Casting gemacht: viele Cafés angeschrieben und mit Wirten und Pächtern telefoniert. Die Leute waren sehr aufgeschlossen für unser Projekt, so dass wir am Ende über 15 Cafés auf einer Rundtour durch Island besuchen konnten. Dabei haben wir immer geschaut, welche Möglichkeiten die Orte bieten, welche Menschen dort so leben, und welche Themen die Leute bewegen. Am Ende hat uns die Wirtin Kristin mit ihrem Engagement, ihrem Humor und ihrer Spontaneität überzeugt. Und der Ort Sauðárkrókur hat die perfekte Größe für unseren Film: Es gibt einen Bäcker, eine Schule, ein Krankenhaus - Fischer und Pferdezüchter - so dass ein toller Einblick in den isländischen Alltag gelingt.

Ist während der Dreharbeiten auf Island etwas Außergewöhnliches passiert?

Für uns war das Beeindruckendste, dass die Isländer in Sauðárkrókur so offen für unser Projekt waren. Alle, mit denen wir zu tun hatten, haben uns nach Kräften unterstützt und waren auch immer bereit vor der Kamera zu agieren. Diese freundliche Athmosphäre im Dorf war schon außergewöhnlich. Und dann mussten wir noch lernen, dass das Wetter das Leben der Isländer stark beeinflusst - und so auch unseren Drehplan. An einem Tag kann es morgens in Strömen Regnen - in den Bergen sogar schneien -  und nachmittags ist auf einmal strahlender Sonnenschein.

David Trepsdorf und Ina Hofmann

David Trepsdorf (23) und Ina Hofmann (22) sind ein Paar, leben gemeinsam in Frankfurt und arbeiten bei verschiedenen Gastronomiebetriebe, um möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. Beide kommen aus selbständigen Gastronomie-Familien und sind hoch motiviert, selbst zu leben, wie es ist, ein eigenes Restaurant zu führen. Ina ist Konditorin und backt am liebsten Torten. Ihre Eltern führen eine Bäckerei und Konditorei im Odenwald, wo sie früher regelmäßig mitgearbeitet hat. Die Eltern wünschen sich, dass Ina einmal den Betrieb übernimmt. Das kann sie sich ganz gut vorstellen, doch natürlich will sie ihre Pläne nicht ohne ihren Freund David schmieden. „Es ist wie ein Test für uns, um zu sehen, ob wir das können, ohne Chefs“, sagt Ina kurz vor der Abreise nach Island. Davids Eltern führen einen erfolgreichen Imbiss in Brandenburg. Auch er hat früher zu Hause immer viel mitgeholfen und daher rührt auch sein Wunsch, selbst in der Gastronomie tätig zu werden. „Unser Traum ist es wirklich, ein Restaurant oder ein Café aufzumachen“, sagt der junge Koch. David hat in seinen jungen Jahren schon erfolgreich an zahlreichen Wettbewerben teilgenommen – so war er zum Beispiel Finalist beim renommierten Rudolf-Achenbach-Preis.

Philipp Kleideiter und Caroline Schumacher

Philipp Kleideiter (20) kommt aus Billerbeck in Nordrhein-Westfalen. Seinen Traumberuf Koch schrieb er schon als kleiner Junge immer in die Poesie-Alben seiner Mitschüler. Er und Caroline Schumacher (23) sind seit ihrer gemeinsamen Ausbildungszeit gute Freunde. Als begeisterter Angler ist Island für ihn ein Traumziel, denn hier wimmelt es nur so von frischem Fisch. Die Reise in den hohen Norden sieht er als große Chance, seine Fähigkeiten zu testen: „Ich denke, die größte Herausforderung für mich wird sein, dass wir im Vorhinein nicht wissen, was auf uns zukommt – und dann einfach mit den Gegebenheiten klarzukommen.“ Caroline ist gelernte Köchin und hat gerade noch eine Lehre als Konditorin abgeschlossen.  Ihr Interesse an Island ist nicht nur von gastronomischer Natur: Als passionierte Reiterin hat sie natürlich schon viel von den berühmten Island-Pferden gehört. Auf die Essgewohnheiten der Isländer ist die 23-jährige natürlich auch sehr gespannt. „Also, ich stelle mir vor, die Isländer essen den ganzen Tag Schafsköpfe und Stinkefisch“, spaßt Caroline vor der Abreise. So ganz daneben liegt sie damit nicht …

Cafébesitzerin Kristín Magnúsdóttir

Die Wirtin Kristín ist eine waschechte Isländerin und stammt aus Sauðárkrókur. Sie ist verheiratet, hat eine Tochter, einen Sohn und viele Verwandte und Bekannte in der Gegend. Die 38-Jährige möchte ihren Heimatort lebendiger machen. Nach der Krise 2008 haben sich die Menschen wieder mehr an ihrer Heimat und ihrer Familie orientiert. Daher haben Kristín und ihr Mann Sigurpáll vor einigen Jahren zwei Restaurants eröffnet – das „Ólafshús“ und das „Kaffi Krókur“. Letzteres sollen die vier deutschen Jung-Gastronomen zu neuem Leben erwecken. Normalerweise schließt das „Kaffi Krókur“ Ende August, wenn nur noch wenige Touristen den Weg in den Norden Islands finden. Aber Kristín möchte herausfinden, ob das Café mit einem interessanten Konzept nicht auch für die Leute im Dorf funktionieren könnte. Die Zeit mit den vier Deutschen sieht sie daher als große Chance. „Es wäre schön, wenn die Leute die Wahl hätten zwischen zwei ganz unterschiedlichen Häusern“, erzählt Kristín über den Plan, das „Kaffi Krókur“ für einige Zeit den Deutschen zu überlassen, „vielleicht können wir so ein bisschen Leben in unser Dorf bringen – dass die Leute nicht zu Hause sitzen, sondern dass sie hier einen Ort haben, an dem sie sich treffen und miteinander reden können.“

Ladenbesitzer Bjarni

Bjarni ist der Besitzer des ältesten Geschäftes von Sauðárkrókur. Seit 1919 gibt es diesen Tante-Emma-Laden, den Bjarnis Vater einst eröffnet hat. Der 85-jährige Bjarni steht auch heute noch täglich hinter der Ladentheke. Sein kleines Geschäft ist eine Art Kaufhaus – er bietet alles an: Werkzeug, Küchengeräte, Wollsocken und Lebensmittel. „Früher gab´s im Dorf einige, die nicht viel zu essen hatten“, erzählt Bjarni aus seinen Kindheitstagen, „unsere Familie schon, wir hatten ja den Laden. Meine Eltern waren sehr großzügig. Sie haben den Leuten einfach was mit in die Tüte gepackt.“ Wer in Sauðárkrókur dringend etwas sucht, der geht zu Bjarni. So werden auch die vier Deutschen nicht drum herum kommen, bei Notstand an Bjarnis Ladentür zu klopfen.

Servicekraft Anna Margrét Geirsdóttir

Anna unterstützt die vier Jung-Gastronomen bei der Arbeit im Café. Sie hilft auch sonst öfter bei Kristín aus und kennt das Geschäft. Die 21-Jährige hat gerade ihre Schule abgeschlossen und jobbt morgens in der ortsansässigen Fischfabrik und abends im Café - auch um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Anna ist eine der wenigen jungen Frauen, die in Sauðárkrókur geblieben sind. Viele gehen zum Studium nach Reykjavik und sind nur in den Semesterferien in der Heimat. „Ich will auch weggehen und studieren, aber dann möchte ich auch gern wieder zurückkommen. Denn wir haben viele Möglichkeiten hier: es gibt eine Schule, wir haben Restaurants – viele Sachen passieren hier.“

Der Ort Sauðárkrókur

Das „Kaffi Krókur“ liegt mitten in der kleinen, isländischen Stadt Sauðárkrókur im Norden Islands knapp unterhalb des Polarkreises. Hier leben rund 2500 Menschen – hauptsächlich von Fischfang, Schaf- und Pferdezucht. Dazu gibt es alles, was man in einer Kleinstadt braucht, die zugleich das Zentrum von ganz Nordwest-Island ist: eine Schule, ein kleines Krankenhaus, ein Schwimmbad, zwei Lebensmittelläden und eine Tankstelle. Reykjavik ist weit entfernt (rund 300 Kilometer) – mit dem Auto braucht man etwa vier bis fünf Stunden. Bei schlechtem Wetter ist man hier teilweise tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Die Menschen haben sich also längst darauf eingestellt, dass sie sich selbst versorgen müssen. Besonders bekannt ist die Gegend für die Zucht von Island-Pferden. Daher spielen die Tiere hier eine ganz besondere Rolle: Es gibt Pferde-Auktionen und Pferde-Shows – und Fohlen-Fleisch gilt als Delikatesse.

Das „Kaffi Krókur"

Das Café wurde in einem alten Haus von 1890 eingerichtet. Der Dorf-Polizist residierte hier, später wurde das Gebäude als Lagerhaus genutzt. Ein Brand richtete im Jahr 2008 schwere Schäden an. Kristín Magnúsdóttir und Sigurpáll Aðalsteinsson kauften das Haus, renovierten es und richteten ein Café ein. Es hat eine hübsche, kleine Gaststube im vorderen Teil und einen großen Saal für Veranstaltungen. Insgesamt finden bis zu 150 Leute Platz. Normalerweise schließt das „Kaffi Krókur“ Ende August, wenn nur noch wenige Touristen den Weg in den Norden Islands finden. Aber Kristín würde gern herausfinden, ob das Café mit einem interessanten Konzept nicht auch für die Leute im Dorf funktionieren könnte. Die zwei Wochen mit den deutschen Jung-Gastronomen sieht sie daher als große Chance.

Weitere Informationen

Hinweis für Redaktionen:

Der Autor Bernd Reufels und die vier jungen Protagonisten stehen für Interviews zur Verfügung.

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