Im Vordergrund v.l.: Eric (Jonas Dassler), Theo (Leonard Scheicher), Lena (Lena Klenke), Paul (Isaiah Michalski) und Kurt (Tom Gramenz) mit ihren Mitschülern (Hintergrund), Copyright: ZDF / Julia Terjung
Im Vordergrund v.l.: Eric (Jonas Dassler), Theo (Leonard Scheicher), Lena (Lena Klenke), Paul (Isaiah Michalski) und Kurt (Tom Gramenz) mit ihren Mitschülern (Hintergrund), Copyright: ZDF / Julia Terjung

Das schweigende Klassenzimmer

Deutschland 1956: Bei einem Kinobesuch im Westteil Berlins sehen Theo und Kurt, Abiturienten aus dem ostdeutschen Stalinstadt, in der "Wochenschau" dramatische Bilder vom Aufstand der Ungarn in Budapest. Als im RIAS zu landesweiten Schweigeminuten für die Opfer aufgerufen wird, wollen die Schüler ein Zeichen der Solidarität setzen. Am nächsten Morgen schweigt die ganze Klasse eine Minute lang. Von der Kreispartei kommt die Anweisung, die Sache zu untersuchen. Wenn der Anstifter nicht bis Weihnachten benannt ist, wird die Klasse aufgelöst, und keiner der Schüler wird mehr in der DDR sein Abitur ablegen können.

  • ZDF, Dienstag, 13. Oktober 2020, 20.15 Uhr
  • ZDF neo, Sonntag, 8. November 2020, 00.45 Uhr
  • ZDF Mediathek, 12. Oktober 2020, 10.00 Uhr - 12. November 2020, 23.59 Uhr

Texte

Stab

Buch und Regie   Lars Kraume, nach dem gleichna-migen Buch von Dietrich Garstka
KameraJens Harant
MusikChristoph M. Kaiser und Julian Maas
TonStefan Soltau
KostümbildEsther Walz
MaskeJens Bartram
SzenenbildOlaf Schiefner
SchnittBarbara Gies
CastingNessi Nesslauer
ProduktionKoproduktion des ZDF mit Akzente Film Produktion, Zero One Film und Studiocanal Film
ProduzentinMiriam Düssel
KoproduzentenThomas Kufus, Kalle Friz, Isabel Hund, Lars Kraume
Executive Producer             Susanne Freyer
HerstellungsleitungFrank Hechler
ProduktionsleitungHolger Härtl
RedaktionCaroline von Senden
Länge107 Minuten

Gefördert von/durch Medienboard Berlin-Brandenburg, FFF Bayern, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, DFFF und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Die Rollen und ihre Darsteller

Theo Lemke     Leonard Scheicher
Kurt Wächter Tom Gramenz
Lena   Lena Klenke
Paul   Isaiah Michalski
Erik Babinsky   Jonas Dassler
Klara WinklerNora Labisch
Regina Winkler Nele Labisch
Hermann LemkeRonald Zehrfeld
Irmgard Lemke Carina Wiese
Direktor Schwarz  Florian Lukas
Frau Kessler  Jördis Triebel
FDJ-Sekretär Ringel Daniel Krauss
Edgar Michael Gwisdek
Volksbildungsminister LangeBurghart Klaußner
Hans Wächter   Max Hopp
Anna Wächter     Judith Engel
Jakob Lemke   Jakob Kraume
Karl Lemke    Karl Kraume
Pfarrer Melzer Götz Schubert
Eriks Mutter Christa Bettina Hoppe
Großmutter Martha   Carmen Maja Antoni
und andere

Inhalt

Deutschland im Herbst 1956: Die Abiturienten Theo und Kurt fah­ren aus dem ostdeutschen Stalinstadt in den Westteil Berlins. Im Kino sehen die Jungen die "Wochenschau"-Bilder des Aufstandes in Ungarn. Der verzweifelte Kampf um Demokratie – gekämpft von jungen Menschen, wie sie selbst – berührt Kurt zutiefst. Zurück in ihrem Heimatort diskutieren sie die Ereignisse mit ihren Klassenkameraden.

Über den Westrundfunk wollen sie mehr über den Aufstand erfah­ren und gehen zu Pauls Onkel Edgar, der ihnen erlaubt, bei sich RIAS zu hören. Im Radio erfahren die Schüler entsetzt, dass auch ihr Idol, der ungarische Nationalspieler Puskás, unter den Todes­opfern sein soll. Als im RIAS zu landesweiten Schweigeminuten für die Opfer aufgerufen wird, sind Kurt, Theo und seine Freundin Lena begeistert von der Idee, ein Zeichen der Solidarität zu set­zen. Doch es gibt auch Gegenstimmen. Insbesondere Erik folgt der DDR-Deutung der Vorgänge in Ungarn als Konterrevolution. Schließlich wird abgestimmt – die Mehrheit ist für die Geste der Solidarität. Im Geschichtsunterricht schweigt die ganze Klasse eine Minute lang. Der Fachlehrer ist empört und beschwert sich bei Direktor Schwarz. Der will die Sache zunächst klein halten und versucht, den Vorfall als Dummejungenstreich zu verkaufen. Doch die "konterrevolutionäre Aktion" hat längst Kreise gezogen. Von der Kreispartei kommt die Anweisung, die Sache zu untersu­chen und die Rädelsführer auszumachen.

Die Schüler sind von den Folgen ihrer Schweigeminute vollkom­men überrumpelt, versprechen sich aber, dass keiner den ande­ren verraten wird. Es war eine gemeinsame Aktion, und die Kon­sequenzen werden gemeinsam getragen. Sie einigen sich auf eine Ausrede: Sie sind sportbegeistert, die Schweigeminute war für Puskás. Doch die Erklärung reicht der Leitung der Kreispartei nicht, die Kreisschulrätin nimmt die Ermittlungen auf.

Die Klassengemeinschaft wird auf eine harte Probe gestellt: Die Schüler werden einzeln verhört, gegeneinander ausgespielt und bedroht. Der Konflikt wird in die Elternhäuser getragen. Hier herrscht Angst. Die Kinder werden angehalten, klein beizuge­ben, um das Abitur nicht zu gefährden.

Schließlich steht der Volksbildungsminister höchstpersönlich bei ihnen im Klassenzimmer und spricht ein Ultimatum aus: Wenn nicht bis kurz vor Weihnachten das Schweigen gebrochen und der Anstifter benannt ist, wird die Klasse aufgelöst. Die Verhör­methoden werden immer perfider. Erik hält dem Druck nicht weiter stand und verrät Edgar. Beim Rest der Gruppe dagegen erhöht der äu­ßere Druck die innere Solidarität. Niemand ist bereit, des eigenen Vorteils willen einen Rädelsführer zu verraten. Ohnmächtig vor Wut schließen daraufhin die Funktionäre die ganze Klasse vom Abitur aus. Damit stehen die Jugendlichen und ihre Familien vor einer folgenschweren Entscheidung.

Interview mit Drehbuchautor und Regisseur Lars Kraume

Nach Ihrem Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" (2016) greifen Sie wieder einen Stoff auf, der in der deutschen Nachkriegs-zeit angesiedelt ist. Was macht für Sie die 1950er Jahre so interessant?

Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. Bei der Beschäftigung mit Fritz Bauer merkte ich, wie spannend aus heutiger Sicht die 50er Jahre sind, die nicht zuletzt die Jugendzeit meiner Eltern waren. Der Transformationsprozess von der Zeit des Faschismus hin zu neuer staatlicher Ordnung verlief voller Widersprüche. Manches erscheint mir geradezu obskur. Zudem war das lange eine Periode, die eher verschwiegen wurde – sowohl im Osten als auch im Westen. Beide Filme, bei denen ich die Drehbücher parallel nach wahren Begebenheiten entwickelt habe, erzählen genau davon: Die Suche nach einem neuen Deutschland, sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR.

Sie versuchen, die Strukturen in beiden deutschen Staaten als jeweils eigenständige Entwicklung zu erfassen, die ihren Ausgangspunkt gleichermaßen im gescheiterten Faschismus und im verlorenen Krieg hat.

Na klar. Ich wollte nicht Ost gegen West stellen, sondern der Suche nach jeweils eigenständigen Modellen nachgehen. Dabei versuchte ich zu verstehen, wie sich der Umgang mit neuen Gesellschaftsstrukturen im entsprechenden Umfeld gestaltet hat. Die Schüler aus dem "Klassenzimmer" sind in ihrer ost-deutschen Heimat verhaftet. Im Verlauf der Filmgeschichte werden sie sich immer mehr bewusst darüber, in welcher Gesellschaft sie leben. Allmählich erfahren sie, wo ihre Eltern herkommen, wie sie gelebt haben und was bis dahin verschwiegen wurde. Am Anfang scheint sich ihr Leben durchaus sehr komfortabel zu entwickeln. Um das zu unterstreichen, haben wir unter anderem die Handlung von Storkow nach Stalinstadt verlegt. Dort war in den 1950er Jahren eine moderne Arbeiterstadt gebaut worden, wovon man in Bottrop oder Bochum nur träumen konnte. Der Ort hat in unserem Film eine große Symbolkraft. Noch heute kann man im dortigen Flächendenkmal nachvollziehen, wie die sozialistische Utopie gedacht war. Gerade hier wird deutlich, dass vor dem Mauerbau der Sozialismus als überlegenes Gesellschaftsmodell für viele Leute möglich schien. In diesem Umfeld waren sich unsere Protagonisten zunächst sicher, dass sie ihr Abitur erfolgreich ablegen und dann durch ein Studium alle Aufstiegschancen hätten. Bis zu dem Moment, an dem sie aus einer gewissen Naivität heraus nach Autonomie verlangen und eine eigene politische Meinung artikulieren.

Auch wenn Sie sehr anschaulich ein bestimmtes historisches Ambiente aufzeigen, gehen Ihre zentralen Fragestellungen jedoch weit über den konkreten geschichtlichen Moment hinaus.

Man kann keinen Geschichtsfilm machen, nur um über die Ereig-nisse der Geschichte zu erzählen. Selbst wenn man einen Film über die Schlacht bei Waterloo machen wollte, müsste man etwas finden, was auch heute noch eine Gültigkeit hat. Beim "Klassenzimmer" sind das für mich die Idee des politischen Erwachens und die des Solidaritätsgedankens. Die Solidarität ist bei den Schülern zunächst nicht vorhanden. Dann versucht man sie als Gruppe auseinanderzudividieren. Je mehr sie merken, dass sie sich gegenseitig verraten sollen, desto mehr wächst ihre Solidarität. Gleichzeitig werden sie zu politisch denkenden Menschen. Das scheint mir für heutige junge Zuschauer interessant. Die haben auch ihre Themen, die sie sich nicht auszusprechen trauen. Es ist keine leichte Entscheidung, ob man sich gegen dominierende Zeitströmungen stellen will. Auch in unserer Gesellschaft wird ein gewisser Konformismus verlangt. Wer sich davon löst, kann schnell isoliert sein oder gar gemobbt werden. Dieser Moment: Eine eigene Meinung zu formulieren und auch dazu zu stehen, das ist das Zeitlose der Geschichte.

Ihr Film geht auf eine wahre Begebenheit zurück, die Dietrich Garstka, einer der Beteiligten, in Form von Erinnerungen, Reflektionen und Dokumenten als Buch veröffentlicht hat. Wie war Ihr Ansatz, um aus dem Material ein Drehbuch zu entwickeln?

Das Buch kam bereits vor zehn Jahren zu mir. Ich fand es interessant, doch ich hatte zunächst keine Idee, wie daraus ein Drehbuch werden könnte. Angeregt durch die Produzentin Miriam Düssel habe ich schließlich versucht, im Rahmen der konkreten Situation 1956 die Zeitlosigkeit der Geschichte zu erfassen. Es ging also um die archaischen Aspekte des Stoffes. Was heißt es, wenn man sich als junger Mensch das erste Mal irgendwie politisch verhält? Die entsprechenden Fragen und Konflikte habe ich in den Figuren Theo und Kurt verankert. Der eine denkt, es geht alles so mit durchmogeln und der andere ist eher ein ernster und prinzipieller Charakter. Natürlich sollte der Film die Geschichte einer ganzen Klasse erzählen. Doch es ist nicht möglich 20 Figuren gleichzeitig zu führen. Also muss man sich als Drehbuchautor auf einzelne Figuren konzentrieren, die den Gesamtzusammenhang symbolisieren. Um ein heutiges Publikum besser erreichen zu können, war es auch wichtig, einen stärkeren Fokus auf die Mädchen zu legen, als dies in der realen Geschichte der Fall war. So wurde Lena zu einem Identifikationsangebot, was auch gleichzeitig die Möglichkeit bot, eine kleine Liebesgeschichte zu erzählen.

Sie haben mit Erik und dessen sehr komplizierten biografischem Hintergrund eine Figur in das Klassenensemble aufgenommen, die es real so nicht gegeben hat. Welche Motive hatten Sie dafür?

Erik gab mir die Möglichkeit, einen wichtigen Teil meines Themas zu erzählen. Hier konnte ich einen zentralen Widerspruch bei der Suche nach einer neuen Gesellschaft nach 1945 festmachen. Ich glaube, man kann nicht einfach erzählen, die DDR war eine Tyrannei und fertig. Erik steht symbolisch für eine junge Genera-tion, die an die Utopie des Sozialismus geglaubt hat und zunehmend durch die reale Entwicklung im Kontext des Stalinismus ernüchtert wurde. Darüber hinaus ging es mir, im Gegensatz zu Dietrich Garstka, darum, bestimmte Familienkonstellationen zu erzählen. Hier ist Erik eine wichtige Facette.

Auch der altersweise Nonkonformist Edgar ist eine Figur, die es in der realen Geschichte nicht gegeben hat. In Ihrem Film spielt sie aber eine zentrale Rolle.

Edgar hat eine wichtige filmische Funktion. Durch ihn bekommt die verschworene Gruppe eine Art Hauptquartier, wo die Proble-me gebündelt diskutiert werden konnten. Damit war es auch möglich, das zunehmend konspirative Handeln der Schüler deutlich zu machen. Natürlich haben die Leute damals überall den verbotenen Radiosender RIAS gehört. Mit Edgars Außenseiterrefugium konnten wir das aber in filmisch überhöhter Weise zusammenfassen. Außerdem macht Edgar den Schülern klar, welche Grenzen sie eigentlich überschritten haben. Das ist aus heutiger Sicht wichtig, damit man überhaupt die Regeln der damaligen Zeit versteht.

Im Buch erzählt Dietrich Garstka auch davon, was die Schüler erlebt haben, nachdem sie ihre Heimat verlassen hatten. Warum haben Sie das im Film nicht aufgegriffen?

Der Film endet dort, wo sich Theo, die Hauptfigur, entschlossen hat, seinen Weg zu gehen. Er traut seiner eigenen Meinung und ist bereit und in der Lage, dieser auch zu folgen. Damit endet die Filmgeschichte dort, wo sie aus filmischer Sicht, nicht aus historisch-politischer Perspektive, tatsächlich am Ende ist.

Das Interview führte Petra Schwuchow.

 

Weitere Informationen

Impressum

Fotos über ZDF Presse und Information

Telefon: (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/klassenzimmer

 

ZDF Hauptabteilung Kommunikation
Presse und Information
Verantwortlich: Alexander Stock

E-Mail: pressedesk@zdf.de

© 2020 ZDF

Ansprechpartner

Name: Susanne Priebe
E-Mail: presse.hamburg@zdf.de
Telefon: (040) 66985 180