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Der ewige GAU? 10 Jahre Fukushima

ZDFzeit-Dokumentation

Am 11. März 2021 jährt sich zum zehnten Mal die Tsunami- und Atomkatastrophe von Japan, die etwa 20.000 Menschen das Leben und rund 160.000 Japaner ihre Heimat kostete. Filmemacher Michael Mueller zieht zehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima Bilanz und fragt, was Japan, aber auch die Welt, aus dem größten Nuklearunfall seit Tschernobyl gelernt hat. Denn die Gefahren, dass sich ein solcher GAU wiederholt, sind nicht gebannt.

  • ZDF, Dienstag, 9. März 2021, 20.15 Uhr

    Texte

    Status Quo: Ein Super-GAU endet nie
    Von Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

    Am augenfälligsten sind die immer noch unüberschaubaren Folgen der Katastrophe auf dem Gelände der Nuklearanlage: In endlosen Reihen stehen die inzwischen weit mehr als 1000 Tanks, in denen das mit Tritium verseuchte Wasser gesammelt wird, mit denen die geschmolzenen Reaktorkerne bis heute gekühlt werden müssen. Über eine Million Kubikmeter sind es bislang. Im kommenden Jahr wird die Grenze der Kapazität der Tanks und des Geländes erreicht sein. Dann wird man endgültig entscheiden müssen, ob man das belastete Wasser in den Pazifik ablässt oder es zum Verdampfen bringt, was aber zehnmal so teuer wäre.
    2031, zum 20. Jahrestag des Unglücks, will man das Problem gelöst haben. Denn dann braucht man den Platz, um mit der Beseitigung der Trümmer der Reaktorblöcke beginnen zu können. Auch die Bergung des nach wie vor strahlenden Brennstoffs in den drei havarierten Blöcken wird bis mindesten 2031 andauern.
    Regierung und Behörden suggerieren der eigenen und der Weltbevölkerung derweil Normalität. Bis die COVID-19-Pandemie im vergangenen Jahr zur Absage der Olympischen Spiele zwang, plante die Regierung von Premierminister Shinzo Abe unter dem Motto "Reconstruction Olympics" die Spiele auch als Propagandaveranstaltung für ein Japan nach dem GAU. Mit olympischen Wettkämpfen zum Beispiel in der japanischen Nationalsportart Baseball im Azuma-Stadion in Fukushima Stadt und dem Start des Fackellaufs in dem vormals evakuierten Gebiet.
    In diesem Jahr will Tokyo einen erneuten Anlauf nehmen, die Spiele in den größeren Zusammenhang einer neuen Normalität zu setzen. Und dies ungeachtet aller Proteste im In- und Ausland.

    Die Menschen von Fukushima und ihre Chronistin
    Natsuko Katayama ist Reporterin bei der angesehenen liberalen Tageszeitung "Tokyo Shimbun". In den neun Jahren seit der Reaktorkatastrophe hat sie immer wieder mit Menschen gesprochen, die mit der Bewältigung des GAUs beschäftigt waren und ihre Gesundheit und ihr Leben riskiert haben. Die Ergebnisse ihrer jahrelangen Recherchen und Interviews sind jetzt als Buch in Japan erschienen. "Das Tagebuch der Nukleararbeiter von Fukushima" musste bereits kurz nach seiner Veröffentlichung nachgedruckt werden.
    In den Gesprächen, die sie im Film führt, geht es um den Zorn und die Frustration der Menschen, die in den Jahren nach der Katastrophe oft in Unkenntnis der wahren Risiken und unter teils unwürdigen Bedingungen an der Eindämmung der Katastrophe und der Sicherung des Landes vor den unabsehbaren Folgen beteiligt waren. Es geht um die Angst der Arbeiter vor der unsichtbaren Strahlung, vor Krankheit und Krebs und der Frage, ob eine entsprechende Erkrankung am Ende überhaupt als Folge der Arbeit an der Nuklearanlage anerkannt wird. Es geht um die Versuche der Regierung und des Kraftwerkbetreibers TEPCO, die Arbeit in Fukushima mehr und mehr zu "normalisieren", die Schutzmaßnahmen zu senken, die Löhne zu kappen. Es geht darum, dass Arbeiter, die Interviews gaben, von Entlassung bedroht waren und weiterhin sind. Aber auch um Patriotismus und Aufopferungsbereitschaft, über die Angst oder den Mut, in die Heimat zurückzukehren und die Fragen, was das alles mit dem Selbstverständnis Japans und den Olympischen Spielen zu tun hat.

    Ausstieg? Die Zukunft der Atomenergie
    Die Katastrophe von Fukushima schien nach dem Super-GAU von Tschernobyl endgültig das Ende des Atomzeitalters einzuläuten. Zumindest in Deutschland, das zuerst und zunächst als einziges Land den Ausstieg aus der Atomkraft verkündete. Jetzt, zehn Jahre später, folgt die Schweiz. Und der Rest Europas, der Rest der Welt? In Zeiten der Klimakatastrophe scheint Atomkraft – trotz aller Risiken – wieder eine Option zu werden. Die Nuklearwaffenmächte werden aus der Technologie ohnehin nicht aussteigen und aufstrebende oder kommende Super- oder Großmächte wie China, Indien oder Brasilien sehen in der Kernenergie nach wie vor die einzige Option, ihren steigenden Energiebedarf zu sichern. In Osteuropa, der Türkei und in Großbritannien werden neue Meiler gebaut und geplant, selbst in Erdbebengebieten, die, wie Fukushima gezeigt hat, völlig ungeeignet als Standorte für Kernkraftwerke sind.
    Für die Zukunft träumen Forscher von Minireaktoren, von angeblich billiger Kernkraft aus recycelten abgebrannten Brennstäben oder der sauberen Kernfusion. Dies ist die andere Bilanz, zehn Jahre nach der Katastrophe von Fukushima.

    Stab, Interviewpartner und Inhalt

    Dienstag, 9. März 2021, 20.15 Uhr
    Der ewige GAU? 10 Jahre Fukushima
    ZDFzeit-Dokumentation

    Autor____Michael Mueller
    Realisation Japan_____John Wate
    Kamera______ Robin Probyn, Andi Pattke, Paul Kraneis, Dennis Wienecke, Hamish Campbell
    Schnitt______Susanne Bröskamp
    Mitarbeit_____Peter F. Müller
    Animation_____Studio Paeper
    Sprecher_____Goetz Bielefeldt
    Produktion_____Carola Ulrich und Philipp Müller (ZDF), Chya Oshnui und Laura Bicking (Zeitsprung Pictures )
    Produzenten_____Till Derenbach, Michael Souvignier (Zeitsprung Pictures)
    Redaktion_____Carl-Ludwig Paeschke
    Leitung_____Stefan Brauburger

    Interviewpartner
    Natsuko Katayama, Journalistin, Tokyo Shinbun
    Masashi Goto, ehem. Nuklear-Ingenieur, Toshiba
    Yukio Edano, ehem. Regierungssprecher
    Naoto Kan, ehem. Premierminister
    Heinz Smital, Greenpeace Deutschland
    Sumio Konno, ehem. TEPCO-Mitarbeiter
    Arnold Gundersen, US-Nuklear-Experte, ehem. Leiter Kernkraftwerk
    Sylvia Kotting-Uhl, MdB Bündnis 90/Die Grünen, Vorsitzende Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
    Yojiro Iseki, ehem. TEPCO-Mitarbeiter, Pizza-Bäcker
    Mitsuhisa Kawase, Greenpeace Japan
    Kaori Suzuki, Gründerin "Labor der guten Mütter
    Teruaki Kobayashi, TEPCO-Sprecher
    Burkhard Heuel-Fabianek, Strahlungsexperte, Forschungszentrum Jülich, Leiter Geschäftsbereich Sicherheit und Strahlenschutz
    Akira Imaizumi, Fischer
    Rainer Moormann, ehem. Mitarbeiter Forschungszentrum Jülich

    Inhalt
    Am 11. März 2021 jährt sich zum zehnten Mal die Tsunami- und Atomkatastrophe von Fukushima, ein Naturinferno, das etwa 20.000 Menschenleben forderte und ein nuklearer GAU, der rund 160.000 Japaner ihre Heimat kostete. Bis heute kämpfen die Menschen vor Ort mit den medizinischen, psychologischen und technologischen Folgen der drei Kernschmelzen in den Reaktorblöcken des Atomkraftwerks von Fukushima-Daiichi. Der Super-GAU traf das fortschritts- und technologiegläubige Land ins Mark. Und bis heute ist das Trauma noch nicht überwunden.

    Die Dokumentation zeichnet noch einmal – mit zum Teil exklusivem Material – nach, was damals wirklich geschah und wie knapp die Welt einer Katastrophe mit globaleren Auswirkungen entging. Und sie zieht zehn Jahre danach eine Bilanz, fragt, was Japan und die Welt aus dem größten Nuklearunfall seit Tschernobyl gelernt haben, der sehr leicht noch viel verheerendere Ausmaße hätte annehmen können. Wie ist die Situation heute auf dem Gelände des Kraftwerks, in der Präfektur Fukushima, in dem Land, das nach wie vor auf die Atomkraft setzt? Und wie sieht die Zukunft der Atomenergie weltweit aus, zehn Jahre nach Fukushima?

    Drehen in Japan in den Zeiten von Corona
    Ein Hintergrundbericht von Filmemacher Michael Mueller

    Als die Vorbereitungen für unsere Dokumentation zum 10. Jahrestag der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe in Japan und dem Reaktor-GAU in Fukushima im späten Frühjahr 2020 in ihre entscheidende Phase traten, lag der erste Lockdown der COVID-Pandemie gerade hinter uns. Zwar war das Leben noch eingeschränkt und das Reisen weiterhin bestimmten Restriktionen unterworfen, aber es bestand die berechtigte Hoffnung, die Dokumentation wie gewohnt vor Ort realisieren zu können. Trotz des schwierigen Themas und der erschwerten Bedingungen war die Vorfreude auf ein Wiedersehen mit Japan und seinen Menschen nach einigen Besuchen in den vergangenen zehn Jahren groß. Es sollte alles anders kommen.

    Die zweite Welle der Pandemie mit ihren weltweit noch gravierenderen Auswirkungen hat auch unser Projekt vor völlig neue und bis dahin ungekannte Schwierigkeiten und Herausforderungen gestellt. Visa wurden nicht erteilt, Reise- und Zeitpläne, inklusive eingeplanter Quarantänezeiten bei Hin- und gegebenenfalls Rückreise, wurden hinfällig. Die gesamte Logistik und alle Abläufe, unter denen solch ein aufwändiges Projekt unter normalen Umständen entsteht, mussten geändert, ja zum Teil von Grund auf neu geplant werden.
    Und das galt nicht nur für die Tatsache, dass der vorgesehene Stab aus Regie und Produktion nicht nach Japan reisen konnte, sondern alles von Deutschland aus organisiert und gesteuert werden musste. Es betraf auch die Bedingungen, unter denen die Recherche und die Dreharbeiten vor Ort anlaufen mussten. Die Abstimmung zwischen Redaktion, Regie und Produktion in Deutschland und dem neu aufgestellten internationalen Team aus japanischen, deutschen und britischen Kollegen war für alle Beteiligten Neuland. Aber vor allem waren die Arbeitsbedingungen vor Ort von Beginn an schwierig wie nie, und sie wurden im Laufe der Wochen eigentlich immer noch komplizierter.

    Die Regierung verhängte über den Großraum Tokio den Ausnahmezustand. Zwar konnte das Team prinzipiell noch reisen und auch in den Städten und Dörfern vor Ort noch eine Unterkunft finden, aber viele Drehgenehmigungen und Interviewzusagen wurden verweigert oder zurückgenommen. Vor allem offizielle Stellen in Städten im Umkreis des Kernkraftwerks wie Fukushima City, Futaba, Iwaki oder Namie nahmen mit Verweis auf die Bestimmungen des Ausnahmezustandes die vorher gegebenen Zusagen zurück. Mancherorts weigerten sich Gesprächspartner, Menschen aus dem "Hotspot" Tokio überhaupt noch zu empfangen. Und auch in der Hauptstadt selbst waren viele persönliche Treffen jenseits von Videokonferenzen schwierig oder gar unmöglich.

    Dass die Dokumentation in Deutschland und Japan trotzdem realisiert und fertig gestellt werden konnte – und das auch unter persönlicher Mitwirkung vieler hochrangiger Gesprächspartner aus Politik und Wissenschaft bis hin zum ehemaligen japanischen Ministerpräsidenten Naoto Kan – war ein großer Kraftakt aller Beteiligten. Mit einem Ergebnis, das die Mitwirkenden stolz macht und aufatmen lässt.

    Zitate aus der Dokumentation

    Masashi Goto, Kernkraftwerkingenieur und Experte für die Konstruktion von Reaktorsicherheitsbehältern zu den Fehlern beim Bau des Atomkraftwerkes:
    "Grundsätzlich ist beim Bau eines Atomkraftwerks wichtig, für wie starke Erdbeben man es konzipiert. Dasselbe gilt für Tsunamis, für welche Wellenhöhe man das Atomkraftwerk plant. Es gibt solche Richtlinien. Aber die Angaben waren hier viel zu niedrig."

    Naoto Kan, damals Premierminister und Physiker zur Verantwortung der Betreiberfirma Tepco:
    "Ich denke nicht, dass die Lage unterschätzt wurde. Die Verantwortlichen vor Ort erfassten die Lage schlichtweg nicht. Bevor man eine Lage einschätzen kann, muss man begreifen, was vor Ort geschieht. Die Verantwortlichen verstanden die Situation aber nicht."  

    Heinz Smital, Kernphysiker Greenpeace Deutschland über die Tragweite desGeschehens in Fukushima:
     "Es war ganz knapp, dass der Großraum Tokio hätte evakuiert werden müssen. Das wäre der Fall Japans gewesen. Japan würde heute nicht mehr so existieren, wenn dieses Brennelemente-Lagerbecken tatsächlich Feuer gefangen hätte."

    Bundeskanzlerin Angela Merkel im März 2011 zum Geschehen in Fukushima und den Konsequenzen:
     "Wenn schon in einem Land wie Japan mit sehr hohen Sicherheitsanforderungen und sehr hohen Sicherheitsstandards nukleare Folgen eines Erdbebens und einer Flutwelle augenscheinlich nicht verhindert werden können, dann kann die ganze Welt, dann kann auch Europa, dann kann auch ein Land wie Deutschland mit ebenfalls hohen Sicherheitsanforderungen und Sicherheitsstandards nicht einfach zur Tagesordnung übergehen." (...)
    "Was wir brauchen, ist ein Ausstieg mit Augenmaß."

    Sylvia Kotting-Uhl, MdB, Bündnis 90/Die Grünen, heute Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit über die Politik von Angela Merkel: "Ich hatte schon den Eindruck, dass das sehr schnell kam. Also es war ja Frau Merkel, die das betrieben hat. Und ich habe ihr damals, muss ich gestehen, unterstellt, dass sie es rein taktisch macht, weil sie die Wahl in Baden-Württemberg nicht verlieren wollte. (...)
    Jetzt, im Lauf der Jahre, als ich sie auch in anderen Themenfeldern etwas besser kennengelernt habe,  habe ich dann doch die Überzeugung gewonnen, dass sie das ernst gemeint hat. (...) Und sie hat die starke emotionale Berührtheit in der deutschen Gesellschaft gespürt (...), dass sie so sehr schnell und auch sehr rigoros entschieden hat. Wir steigen aus."

    Kaori Suzuki, Mitbegründerin der Initiative "Labor der guten Mütter" über Kinder heute in Fukushima:
    "In den letzten drei Jahren haben die Strände wieder geöffnet, und es gibt dort auch wieder spielende Kinder. Da man die Radioaktivität aber weder sehen, riechen noch fühlen kann, ist es sehr schwer, immer vorsichtig zu sein. (…) Kinder, die heute geboren werden, sind in vier Jahrzehnten 40. Sie können nichts dafür, aber sie müssen mit den Lasten weiter leben. Sie dieser Strahlung auszusetzen, ist etwas Schreckliches, vor dem sich kein Erwachsener in ganz Japan verstecken kann."

    Unterschiedliche Meinungen über den zukünftigen Umgang mit radioaktivem Kühlwasser:

    Burkhard Heuel-Fabianek, Leiter der Abteilung Sicherheit und Strahlenschutz beim Forschungszentrum Jülich :
    "Das ist erstmal eine große Menge Wasser. Es geht um ungefähr 1,2 Millionen Kubikmeter Wasser. Die kann man sich kaum vorstellen, außer man sieht die Tanks. Oder stellt sich so eine kleine Talsperre vor, wie hier im Sauerland oder in der Eifel. (…) "Wenn man die jetzt ablässt ins Meer, dann hat man immer Verdünnungsprozesse, man muss auch sehen, dass das Tritium selbst keine allzu hohe Radiotoxizität hat (…).
    Wir haben Tritium-Einleitungen von kerntechnischen Anlagen überall auf der Welt und die sind zum Teil höher als das, was in Japan insgesamt in den Tanks lagert."

    Heinz Smital, Kernphysiker, Greenpeace Deutschland:
    "Verdünnung ist im Prinzip im Strahlenschutz verpönt. Es ist sozusagen keine Option, Grenzwerte nur dadurch zu erreichen, indem man die Stoffe so weit verdünnt, um unter die Grenzwerte zu kommen. (...) Wenn es nicht bestimmte Limits unterschreitet, darf so ein Wasser nicht in den Pazifik geleitet werden." 

    Weitere Informationen

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