Der Fernsehfilm der Woche: Der Verlust

Nach Motiven des gleichnamigen Romans von Siegfried Lenz

Zur Erinnerung an den großen deutschen Schriftsteller Siegfried Lenz, der  am 7. Oktober 2014 starb, zeigt das ZDF als Erstausstrahlung den Fernsehfilm "Der Verlust" nach Motiven seines gleichnamigen Romans.

Uli (Heino Ferch) und Nora (Ina Weisse) verbindet eine späte Liebe. Doch Uli geht der Entscheidung, zu der gemeinsamen Beziehung zu stehen, immer wieder aus dem Weg. Eines Morgens lähmt ihn ein Hirnschlag, von einer Sekunde auf die andere kann er sich nicht mehr mitteilen. Dann stellt sich heraus: Er hat ein Doppelleben geführt.

  • ZDF, Montag, 5. Oktober 2015, 20.15 Uhr

Texte

Auszüge aus einem Interview mit Siegfried Lenz

Siegfried Lenz über sein Verhältnis zu Verfilmungen seiner Werke:
"Die Menschen, die meine Stoffe immer wieder auf die Leinwand oder ins Fernsehen bringen, haben meine Hochachtung und meine Bewunderung. Ich arbeite ja gemeinhin für Leser, ich erfinde meine Geschichten, damit sie in je unterschiedlicher Weise verstanden und interpretiert werden können. Meine Texte sind Angebote an die Leser. Ich kann mich nur wiederholen: Wenn so viele wichtige Regisseure und hervorragende Schauspieler sich mit meinen Büchern beschäftigen, dann verdient das Respekt und auch Dankbarkeit."

Siegfried Lenz über die Kernbotschaft seines Romans
"Der Verlust" – der Dreh für den gleichnamigen ZDF-Film war zur Zeit des Interviews gerade beendet:

"Ich möchte dem Leser oder gar Ihren Zuschauern natürlich nicht vorgreifen oder sie gar bevormunden. Es geht darum, das Verlorene noch einmal in der Erinnerung zu beleben, um die Gegenwart, oder sagen wir: die Wehrlosigkeit in der Gegenwart erträglich zu machen. Es geht darum, etwas vor dem Vergessenwerden zu bewahren, einen Verlust – im Roman den Sprach- und Identitätsverlust der Hauptfigur – aufzuhalten. "

Das Interview führte Dagmar Landgrebe Anfang 2014.

Stab und Besetzung 

Montag, 5. Oktober 2015, 20.15 Uhr
Der Fernsehfilm der Woche
Der Verlust
Nach Motiven des gleichnamigen Romans von Siegfried Lenz

Buch                                  Thomas Berger nach dem gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz
Regie                                 Thomas Berger
Kamera                              Wedigo von Schultzendorff
Szenenbild                         Thorsten Lau
Kostüm                               Natascha Curtius-Noss
Musik                                   Florian Tessloff
Casting                               Rebecca Gerling
Film Editor                          Jan Henrik Pusch
Produktionsleitung              Frank B. Bosselmann
Herstellungsleitung             Roger Daute
Produzenten                       Jutta Lieck-Klenke, Dietrich Kluge
Produktion                           Network Movie, Jutta Lieck-Klenke
Redaktion                            Daniel Blum

Die Rollen und ihre Darsteller

Nora Fechner                     Ina Weisse
Uli Martens                         Heino Ferch
Karin Petersen                   Fritzi Haberlandt
Eva Grant                           Margarita Broich
Frank Martens                    Hans-Jochen Wagner
Hilde Martens                      Meret Becker
Hendrik Hansen                  Peter Jordan
Kamal                                 Tedros Teclebrhan
Dr. Nicolai                            Peter Kremer
Walter                                  Peter Franke
Krankenschwester              Ingrit Dohse
Notarzt                                 Oliver Warsitz
Krankenschwester              Stephanie Müller-Hagen
Stationsschwester               Maria M. Wardzinska
u.a.

Inhalt

Uli und Nora verbindet eine innige, späte Liebe. Doch Uli geht der Entscheidung, zu der gemeinsamen Beziehung zu stehen, immer wieder aus dem Weg.
Als Fremdenführer zeigt Uli täglich Dutzenden von Menschen seine geliebte Stadt Hamburg. Doch eines Morgens lähmt ihn während einer Hafenrundfahrt auf der Elbe ein Hirnschlag, so dass er sich von einer Sekunde auf die andere nicht mehr mitteilen kann. Er kämpft sich durch die Stadt bis zu Nora, die als Bibliothekarin arbeitet, in den Lesesaal vor und bricht zusammen. In letzter Minute bringt ein Notarztwagen Uli ins Krankenhaus.

Nora ist überfordert in dieser Situation. Als sie schließlich auf Initiative ihrer Freundin und Kollegin Eva ein paar Sachen für Uli aus seiner Wohnung holt, klingelt plötzlich ein Handy. Am anderen Ende meldet sich eine unbekannte Frauenstimme, die merkwürdig vertraut klingt. So vertraut, dass Nora ein Geheimnis in Ulis Leben vermutet. Sie sucht Rat bei ihrer Freundin Eva, und sie bittet um Hilfe bei Ulis älterem Bruder, dem Restaurator Frank und dessen Frau Hilde. Sie erfährt, dass das Verhältnis zwischen den Brüdern seit Jahren zerrüttet ist.

Nora zögert nach wie vor, Uli selbst im Krankenhaus zu besuchen. Sie kann und will ihn nicht mit ihrem Verdacht konfrontieren. Stattdessen fährt sie an die Küste, in Ulis Heimatstadt, und begegnet dort Karin, jener anderen Frau, die mit Uli seit Jahren liiert ist. Währenddessen ahnt Uli, dass seine Lebenslüge zerbricht. Ihn hält es nicht mehr im Krankenhaus. Er mobilisiert all seine Kräfte, tritt trotz seines kritischen Zustandes auf eigene Faust eine gefährliche Reise an und fährt an die Küste, um sich den beiden Frauen zu offenbaren.

"Auch im Schweigen existiert die Lüge"
Interview mit Autor und Regisseur Thomas Berger

Sie sind nicht nur der Regisseur von "Der Verlust", sondern haben auch das Drehbuch nach dem gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz geschrieben. Was hat Sie an dem Stoff gereizt?
In erster Linie, dass es ein Roman von Siegfried Lenz ist. Mit dem ZDF und der Network Movie habe ich schon die Kurzgeschichte "Die Flut ist pünktlich" verfilmt. Beide Geschichten haben, trotz unterschiedlicher Handlung, ein gemeinsames Thema: Die Sprachlosigkeit, das "Nicht-miteinander-reden-Können."
In dem Roman "Der Verlust" hat Siegfried Lenz diesem Thema ein Gesicht gegeben, es zum Gegenstand der Handlung gemacht: Ein Mann verliert seine größte Gabe – seine Sprache, ist zur Sprachlosigkeit verdammt. Dieser Verlust ist gleichzeitig Ulis größte Chance. Denn jetzt müssen die Menschen um ihn herum miteinander reden, und finden heraus, wer Uli wirklich ist.

Warum wurde die Figur der Karin Petersen in das Drehbuch aufgenommen? Eine mutige Entscheidung, da diese Figur im Roman nicht existiert.
Reden. Verschweigen. Lügen. Nicht sprechen und trotzdem nicht die Wahrheit sagen. Auch im Schweigen existiert die Lüge. Karin Petersen ist das Abbild des Geheimnisses, das zwischen den Hauptfiguren Uli und Nora existiert. Das Bild der Lüge, der sich beide Figuren stellen müssen, um zu entscheiden, ob sie überhaupt noch ein gemeinsames Leben haben wollen. Und ob Nora und Uli bisher überhaupt ein gemeinsames Leben hatten? – Damit hat Siegfried Lenz ein bis heute gültiges Thema zwischen Menschen angesprochen: Könnte ich Dich noch lieben, wenn ich wirklich wüsste, wer Du bist?

Wie viel Freiraum und Geheimnis darf es Ihrer Meinung nach in einer Beziehung geben?
Jeden Freiraum und jedes Geheimnis! Die Frage ist doch, ob man eine Beziehung führt, damit es einem selbst gut geht und man selbst glücklich ist. Oder ist man bereit, den Partner glücklich zu machen, statt ihn für das eigene Glück verantwortlich zu machen. "Ich bin für Dich da!" – "Ich möchte, dass Du glücklich bist!", ist eine bessere Basis für eine Beziehung, statt vom Partner zu fordern: "Du bist für mein Glück verantwortlich!" – Das ist der Unterschied zwischen Geben und Nehmen. Wenn beide Partner bereit sind zu geben, werden beide Glück empfinden. Schon allein aus dem Gefühl des Gebens. Hinter dieser Entscheidung, sein Leben, seine Beziehungen und seine Liebe aus der Geste des Gebens zu gestalten, verblassen die meisten Probleme.

Siegfried Lenz verortet seinen Roman "Der Verlust" nur in Hamburg. Warum vereint die Verfilmung ihre Figuren an der Küste?
Beide Welten, Hamburg und die Küste, sind die Welten von Siegfried Lenz. Wir haben beide für die Verfilmung genutzt, seine Figuren auf die Reise geschickt. In der Stille der Meditation begegnen Menschen sich selbst. In dieser Stille gibt es nichts mehr, was sie von dem eigenen "Ich" ablenkt. Nora, Karin und Uli begegnen sich außerhalb der lärmenden Großstadt Hamburg in der Stille der Küstenlandschaft, in der sie sich den eigenen Problemen und Lebenslügen stellen müssen. Hier begegnen sie sich noch einmal neu und müssen sich für oder gegen den anderen entscheiden.

Die Fragen stellte Claudia Maxelon

Fragen an Schauspieler Heino Ferch

Hatten Sie Bedenken eine Figur zu spielen, die den Großteil des Films nicht spricht?
Gerade das fand ich besonders reizvoll an dieser Rolle. Da gab es kein Zögern, ganz im Gegenteil: Ich hatte große Lust, so etwas zu machen, da ich sonst Rollen spiele, die unheimlich viel Text haben. Der Mann ist der extremen Situation ausgesetzt, seine Sprache zu verlieren. Es gibt für ihn innerhalb von Minuten nicht mehr die Möglichkeit, sich verständlich machen zu können. Es bricht plötzlich über ihn herein, und für die Struktur in seinem Leben bedeutet das: Er hat von jetzt auf gleich auch nicht mehr die Möglichkeit, etwas "weg zu quatschen".

Ihre Figur Uli Martens hat einen Schlaganfall. Was bedeutet das für ihn?
Uli Martens hat bisher zwei Leben parallel gelebt, ist jemand, der sich nicht binden kann und will. Der Verlust der Sprache – mir kommt es fast vor wie ein Geschenk: Er kann sich auf eine Insel zurückziehen, ihm ist keine Stellungnahme mehr möglich und so wird er zum Beobachter seines eigenen Schicksals. Es scheint so, als würde durch den "Zufall", einen Schlaganfall zu bekommen, ein bewusster Vorgang in Gang gebracht. Ausgerechnet in dem Moment, wo die zwei Frauen nach Jahren voneinander erfahren und alles auffliegt, hat er gar keine andere Möglichkeit, als alles laufen zu lassen. Das Trio, das sie sind, wird zur Konfrontation gezwungen. Da er nur sehr bedingt eingreifen kann, muss er sich genau überlegen, was er als nächstes tut.
Man denkt ja manchmal, dass das Schicksal einen Sinn hat. Bei dieser Geschichte könnte man sich deshalb fragen, ob Uli das alles nicht auch ganz gelegen kommt: Sein Gebilde, das Doppelleben mit zwei Frauen, fällt über ihm zusammen und wer weiß schon, ob solche Zuspitzungen dann Zufall sind oder nicht.

Wie interpretieren Sie den Filmtitel "Der Verlust"?
Ve
rlust wird auf vielen verschiedenen Ebenen des Films gezeigt: Verlust der Sprache, Verlust des Eingreifen-Könnens, Verlust der Beziehungen, Verlust des Bruders, also der Familie, Verlust einer früheren Liebe, also der Frau, die Meret Becker spielt. Der Verlust der Stimme ist im Film nur ein Vehikel. Es geht um den Verlust der Verantwortung für sein eigenes Handeln, den Verlust von Souveränität und um den Verlust dieses alten Lebens im Arrangement.

Wie unterscheiden sich Buch und Film? Hat die Geschichte an Brisanz gewonnen?
Ja, das finde ich schon. Gerade meine Figur erzählt sich ja über Bilder. Das Medium Film ist wie geschaffen für diese Figur. Alle anderen könnten auch in einem Hörbuch zu Worte kommen. Doch diese Figur nicht, das wäre sonst sehr schweigsam und eintönig. Das bewegte Bild ist neben dem Roman das Einzige, was möglich ist.

Eine seiner beiden Frauen sagt: "Er ist gekommen, wann er wollte und hat mir sehr deutlich gemacht, dass er niemanden braucht." Das ist doch eine ganz schön verkorkste Beziehung, oder wie sehen Sie das?
Weiß nicht, wir nennen das verkorkst, weil wir immer von diesem romantischen Idealbild der Zweierbeziehung ausgehen. Aber warum soll es nicht jemand geben, der zwei Menschen liebt und das auch leben kann? Das ist ja durchaus möglich, auch wenn es außerhalb der gängigen Norm ist. Es gibt sicher auch Menschen, die sagen, sie brauchen niemanden und möchten diese Ausschließlichkeit nicht, aber warum wird das negativ bewertet und gilt als unnormal? Was ist schon normal, fragt man sich. Alle wollen tolle Beziehungen und die ideale Monogamie, das hundertprozentige Vertrauen zu einer Person, die immer alles kann, alles aushält und alles leisten muss. Klar wollen wir das alle, aber es ist auch ein unheimlicher Druck, der dann darauf lastet. Und es gibt sicher Menschen, die diesen Anspruch weder an sich noch andere haben.

Man kann also zwei Partner lieben und dennoch authentisch leben?
Ja, ich glaube, dass die Gefühle authentisch sein können. Die Frage, wie sich das leben lässt und ob man damit glücklich werden kann, ist eine ganz andere. Aber dass ein Partner einem etwas gibt, das der andere vielleicht gar nicht leisten kann, ist doch vorstellbar.

30% Singlehaushalte in Großstädten heute. Ist der Film, der vor allem Sprachlosigkeit zeigt, auch ein Bildnis dieser "Unbehaustheit" in der Vereinzelung des Menschen heute?
Ich sehe den Film nicht als Soziogramm unserer heutigen Gesellschaft. Die Vereinzelung hat meiner Meinung nach viel mehr damit zu tun, dass es sich immer mehr Menschen leisten können, allein zu leben. Rein wirtschaftlich gibt es heute dafür bessere Möglichkeiten, aber das Bedürfnis gab es sicher schon in früheren Zeiten. Außerdem gibt es heute ganz andere Möglichkeiten, Sehnsucht nach Beziehung zu leben – durch Datings Apps und so weiter. Das ufert aus, aber ob es die Vereinzelung vorantreibt, weiß ich nicht. Der Film ist aber nicht als Statement zu dieser Thematik zu sehen.

Wie viel Freiraum und Geheimnis muss es Ihrer Meinung nach in einer Beziehung geben?
Der Anker für Freiraum und Geheimnis ist immer Vertrauen und Liebe. Ich glaube auch, dass jede große Liebe erstickt, wenn es nicht einen individuellen Freiraum in der Beziehung gibt.

Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseur Thomas Berger?
Ich wollte schon lange mit ihm arbeiten. Dieser Dreh war Auftakt einer engen Freundschaft und Zusammenarbeit. Das nächste Projekt war der erfolgreiche Zweiteiler "Das tote Mädchen", auch für das ZDF. Es ist eine ganz tolle, vertrauensvolle Zusammenarbeit und wir lassen nichts unversucht, weitere Projekte zusammen zu verwirklichen. Einfach schön!

Uli, Ihre Figur, ist ursprünglich Fremdenführer. Haben Sie schon einmal in Hamburg eine Hafentour mit der Barkasse gemacht?
Das Meer spielt eine große Rolle in meinem Leben. Mein Vater war Kapitän und ist 45 Jahre zur See gefahren. Ich war deshalb sehr viel auf dem Wasser unterwegs: Vom Containerschiff bis zum Segelboot war alles dabei. Es war ein Ritual, zu meinem Vater zu fliegen und ihn auf Teilen seiner Routen zu begleiten.

Fleisch- oder Fischesser?
Sehr gern beides: gutes Fleisch und guten Fisch, als Kind an der Nordsee frische Krabben. In meiner Kindheit gab es auch noch Schildkrötensuppe oder auch Haifischflosse. Das waren damals in den sechziger und siebziger Jahren, als Lenz seinen Roman schrieb, gängige Vorspeisen bei Feierlichkeiten.

Was macht Lenz für Sie auch heute noch so besonders?
Er bietet eine Menge Möglichkeiten, mit seinen Stoffen umzugehen. Gleichzeitig könnte man seine Romane und Novellen nicht eins zu eins umsetzen – das würde überhaupt nicht funktionieren. Es spricht für Lenz, wie entspannt und überaus souverän er mit der Adaption seiner Stoffe umging. Er wusste, dass sich die Fantasie eines Lesers nicht mit der eines Zuschauers deckt, sondern dass beide nach anderen Gesetzen funktionieren.

Das Interview führte Claudia Maxelon

Fragen an Schauspielerin Ina Weisse

Was kannten Sie von Siegfried Lenz, bevor Sie sich auf den Film "Der Verlust" vorbereitet haben?
Neben der "Deutschstunde" und "Es waren Habichte in der Luft" mochte ich seine Novellen sehr. Eine der für mich schönsten Kurzgeschichten von ihm ist "Der Verzicht." Es geht um die Abhängigkeit von Opfer und Täter. Lenz erzählt das sehr nachvollziehbar. Er lässt immer etwas offen, weil er sich nicht über die Figuren stellt, sie nicht bewertet, sondern sie mit großer Zuneigung versucht, verständlich zu machen.

Sie haben den verstorbenen Siegfried Lenz noch persönlich kennen gelernt. Wie war das?
Es fand während des Hamburger Filmfestes 2013 bei einem gemeinsamen Abendessen statt. Siegfried Lenz saß am Ende eines langen Tisches und rauchte seine Pfeife. Auch seine Frau war dabei. Beide waren sehr zugewandt und warm. Was mir auffiel, war seine sehr ruhige, genaue Art zu sprechen. Wir redeten über den Film "Die Flut ist pünktlich." (ZDF, 2014). Er verstand ihn als eine mögliche Interpretation seiner Geschichte. Er konnte akzeptieren, dass seine gleichnamige Novelle das Material für eine freie Adaption liefert. Diese Großzügigkeit fand ich erstaunlich.

Wie interpretieren Sie den Buch- und Filmtitel "Der Verlust"?
Mit der Sprachlosigkeit, die Heino Ferchs Figur Uli durch den Schlaganfall erleidet, geht auch seine Welt um ihn herum verloren. Die beiden Frauen in seinem Leben verlieren den Glauben an ihn.

Die Filmfigur Nora Fechner, die Sie spielen, sagt über Uli: "Er ist gekommen, wann er wollte, und hat mir sehr deutlich gemacht, dass er niemanden braucht." In welchem Konflikt steckt ihre Figur nach seinem Schlaganfall?
Nora hat einen doppelten Konflikt. Sie erfährt, dass ihr Freund Uli, der wegen eines Schlaganfalls im Krankenhaus liegt und sie braucht, schon lange mit einer anderen Frau ein Verhältnis hat. Und sie wird von ihrem Trauma eingeholt: Sie war vorher mit einem Mann verheiratet, den sie bis zu seinem Tod gepflegt hat.
Die Frage ist, was die Figur über sich selbst denkt. Kann sie es vor sich selbst rechtfertigen, ihn nicht zu besuchen, sondern die andere Frau zu verfolgen. Vielleicht kennt sie die Macht ihres Gewissens noch nicht. Es bleibt der Kampf mit ihrem Gewissen.

Die Fragen stellte Claudia Maxelon

Fragen an Schauspielerin Fritzi Haberlandt

Was haben Sie von Lenz gelesen, bevor Sie sich auf diesen Film vorbereitet haben?
Da meine Figur im Roman nicht vorkommt, habe ich das Buch nicht zur Vorbereitung gelesen. Das Drehbuch war so stark, dass ich das nicht als nötig empfand. Sein Werk ist mir aber vertraut, ich habe über all die Jahre immer mal wieder etwas von ihm gelesen – zuletzt "Die Schweigeminute". Das mochte ich sehr.

Wie interpretieren Sie den Buch- und Filmtitel "Der Verlust"?
Jede Figur in diesem Film erlebt einen großen Verlust. Der Mann verliert die Sprache, die Frauen haben ihre Lebensgefährten oder ihr Kind verloren. Der Film zeigt, was das mit den Menschen macht, wie es ihr Leben verändert. Der Titel für das Buch und auch für den Film liegt auf der Hand.

Können Sie nachvollziehen, wie ihre Figur agiert?
Ja, das kann ich nachvollziehen. Das ist meistens so, wenn man sich als Schauspielerin mit seiner Figur beschäftigt. Für das Spiel ist es in dem Moment wichtig, eins zu werden mit der Figur. Natürlich mit dem Wissen, dass man selbst ganz anders ist und auch ganz anders handeln würde. Gerade wenn man grenzwertige Figuren spielt, die schlimme Dinge tun, muss man es irgendwie dennoch nachvollziehen können. Das ist jetzt bei dieser Figur nicht der Fall, sondern Karin hat ein Kind verloren, die vorherige Beziehung ist in der Folge in die Brüche gegangen. Sie hat aus dieser Erfahrung eine Art Gelassenheit entwickelt: So schlimm wie dieser Schmerz damals war, kann es – egal was passiert – eigentlich nicht noch einmal werden. Man weiß zwar nie, was noch kommt, aber diese Frau hat schon mal die Grenze dessen erlebt, was für sie überhaupt aushaltbar ist. Vermutlich hat jeder Mensch eine Art "Schmerzpaket" aus seiner Vergangenheit, mit dem er umzugehen lernt.

Der Film zeigt ein verkorkstes Beziehungsgeflecht, oder wie sehen Sie das?
Ja, und der Film erzählt, dass das so natürlich nicht auf Dauer gehen kann. Beide Frauen sind aber auch selbst sehr vorsichtig geworden. Beide haben Angst, sich noch einmal zu binden. Sie wollen verhindern, dass es noch einmal so wehtun könnte. Deshalb lassen sie sich vielleicht überhaupt auf diese Form der Beziehung ein. Ihr ganzes Glück noch einmal an einen Menschen zu hängen, davor schrecken beide zurück. Beide haben Sehnsucht nach großen, tiefen Gefühlen, aber der Schutz war ihnen erst einmal wichtiger. Meine Figur Karin hat sich vermeintlich am besten eingerichtet in diesem Leben.

30% Singlehaushalte in Großstädten heute: Ist der Film, der vor allem Sprachlosigkeit zeigt, auch ein Bildnis dieser "Unbehaustheit" in der Vereinzelung des Menschen heute?
Nein, das finde ich nicht. Die drei haben jeder für sich eine sehr spezielle Geschichte. Sie sind ja nicht allein, weil sie Single sein möchten oder zu faul wären und den leichtesten Weg suchen würden. Die Vereinzelung heute kommt woanders her: zu schnell unzufrieden sein. Mit seinen tausend Geräten kann man ja heute Beziehungen auch ganz anders führen…

Befindet sich der Protagonist in einer jahrelang währenden Lebenslüge oder kann man zwei Partner lieben und dennoch authentisch leben?
Meine Privatmeinung: Ich glaube nicht, dass das gehen kann und der Film zeigt das ja auch. Es ist doch schon schwer zu zweit, oder? (lacht) Ich denke, es ist eher eine Art Flucht.

Wie viel Freiraum und Geheimnis muss es Ihrer Meinung nach in einer Beziehung geben?
Mir persönlich liegt viel am Teilen, aber Beziehungen sind so unterschiedlich. Es gibt welche um mich herum, die ich nicht verstehe, aber es ist ja schön zu sehen, wie unterschiedlich das gelebt werden kann.

Es heißt, Lenz verkünde keine Wahrheiten, seine Menschen irrten, und er nutze das Prinzip des Zweifels; in diesem Buch ja im Besonderen das Prinzip der Verzweiflung. Sehen Sie das auch so?
Ja, er erklärt die Charaktere nicht bis ins Letzte. Es gibt für ihn nicht richtig oder falsch und er urteilt nicht in seinen Beschreibungen. Das war auch beim Drehbuch der Fall: Beim Lesen wusste man nie, was kommt.

Wie war die Arbeit mit Ina Weisse, Heino Ferch und Thomas Berger?
Heino Ferch und Thomas Berger kannte ich beide nicht vor Dreh, es ist unsere erste Zusammenarbeit gewesen. Ina und ich sind seit Jahren befreundet. Sie ist ja auch Regisseurin und ich war vor langer Zeit bei einem ihrer Kurzfilme dabei, seitdem wollten wir mal wieder etwas zusammen machen. Mit diesem Film hat es nun endlich geklappt.

Jetzt noch etwas ganz anderes: Haben Sie schon einmal in Hamburg eine Hafentour mit der Barkasse gemacht? 
Als ich neu war in der Stadt und gerade am Thalia Theater angefangen hatte, landeten wir nachts einmal mit ein paar Leuten im Silbersack auf der Reeperbahn. Dort unterhielt ich mich lang mit einem echten Hamburger Original und es stellte sich heraus, dass der Mann Barkassenkapitän war. Wir haben lang mit ihm gesessen und Brüderschaft getrunken. Ehrensache, dass wir eine Tour verabredeten. Am nächsten Morgen rief er schon laut von weitem: "Moin, moin Fritzi" über die Landungsbrücke. Ich war erst drei Tage in Hamburg und die anderen amüsierten sich. Dass die Hamburger erstmal auftauen müssen und anfangs recht reserviert sind, kann ich also nicht bestätigen.

Sind Sie Fleisch- oder Fischesser?
Fischesser

"Siegfried Lenz hätte diese Verfilmung seines Romans gewiss gelten lassen"
von Günter Berg, Vorsitzender des Vorstands der Siegfried Lenz Stiftung

In seiner zentralen Thematik ist "Der Verlust" ein ganz typischer Roman von Siegfried Lenz: ein Mensch gerät ohne eigenes Verschulden und scheinbar wie aus heiterem Himmel in eine außergewöhnliche Situation; ein Mann erleidet eine existenzielle Krise, weil ihm die Fähigkeit, sich zu verständigen, abhanden gekommen ist. Und im gleichen Augenblick entgleitet ihm sein gesamtes bisheriges Leben. Ihn selbst zwingt die Krankheit in die Knie, seine Mitmenschen in die Lage, sich zu bekennen für oder gegen den Geliebten, den Bruder, den Freund und sich damit Klarheit zu verschaffen über ihre eigenen Gefühle. Die Krise des Protagonisten wird zum reinigenden Prozess für alle.

Siegfried Lenz hatte das Drehbuch zu diesem Filmprojekt noch lesen können, bevor er im Oktober 2014 starb. Und wie zuvor bereits in vielen Fällen respektierte er auch hier die Veränderungen, die Betonungen und auch Ergänzungen, die die Verfilmung dieses Romans 35 Jahre nach seinem Erscheinen notwendig erscheinen ließen. Es hatte großen Respekt vor dieser Visualisierung seiner persönlichen Blicke auf die Welt. Während der eigenen Arbeit an neuen Texten war ihm die Deutlichkeit der Charaktere, fast könnte man sagen: die "Sichtbarkeit" der Konflikte und Beziehungen sehr wichtig. Anders als im Film aber schuf er in jedem seiner Romane und Erzählungen eine für zahllose Leserinnen und Leser in je eigener Weise mögliche Sehweise: "Ich möchte dem Leser (oder gar den Zuschauern!) natürlich nicht vorgreifen oder sie gar bevormunden. Es geht darum, das Verlorene noch einmal in der Erinnerung zu beleben, um die Gegenwart, oder sagen wir: die Wehrlosigkeit in der Gegenwart erträglich zu machen. Es geht darum, etwas vor dem Vergessenwerden zu bewahren, einen Verlust – im Roman den Sprach- und Identitätsverlust der Hauptfigur - aufzuhalten."

Siegfried Lenz hätte diese Verfilmung seines Romans gewiss gelten lassen; so, wie er bereits die Adaption seiner frühen Erzählung "Die Flut ist pünktlich" schätzte. Nachdem er diese eindrucksvolle Verfilmung sehen konnte, bekannte er, dass ihn "das Engagement und die persönliche Hinwendung aller Beteiligten, von den Schauspielern bis zu den Programmverantwortlichen des ZDF, berührt hat. Ich war nicht sicher, ob man in diesen Zeiten im Fernsehen solch ernsthafte Beschäftigung mit Büchern überhaupt erwarten darf; hier habe ich sie gespürt."
Ein größeres Kompliment kann man sich wohl kaum wünschen.

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