Der große Teich: Ozean der Isolation

Eine Reportage von Wolfgang Herles

Vom Leben auf abgelegenen Inseln im Atlantik handelt die Reportage: von der Last und vom Glück der Isolation. Wolfgang Herles und das ZDF-Team besuchen St. Helena, Ascension Island am Äquator, Dominica in der Karibik und die Färöer im Nordatlantik. Dabei entdecken sie Isolation immer auch als Experiment für die Biosphäre und die Gesellschaft.

W. Herles mit Kameramann Thomas Rebhoz am Kap der Guten Hoffnung

  • ZDF, Freitag, 5. September 2014, 23.45 Uhr

Texte

Sendetermin und Stab

ZDF Freitag, 5. September 2014, 23.45 Uhr
Der Große Teich: Ozean der Isolation
Eine transatlantische Reportage von Wolfgang Herles

 

Autor                       Wolfgang Herles
Drehorte St. Helena, Ascension Island am Äquator, Dominica in der Karibik, Färöer im Nordatlantik
Redaktion  Matthias Hügle, Anna Ernst
Red. MitarbeitDorothea Schütt
Kamera   Thomas Rebholz
Ton Jens Krähnke
Schnitt     Miklos Palos
Produktion Alfred Schrandt
SprecherKarla Schlender, Charles Rettinghaus
Länge 60 Min.

Inhalt

Vom Leben auf abgelegenen Inseln im Atlantik handelt die Reportage von Wolfgang Herles, von der Last und vom Glück der Isolation. – Damit ist der Film das Gegenstück seines Zweiteilers "Der Große Teich", der im Sommer 2013 im ZDF ausgestrahlt wurde. Er zeigte den Atlantischen Ozean als Brücke der Kulturen, als Binnenmeer der westlichen Zivilisation. Sklavenhändler, Kolonisatoren, Auswanderer kreuzten seine Fluten.

In "Der Große Teich: Ozean der Isolation" zeigt Wolfgang Herles nun die endlosen Weiten dieses Ozeans als Medium der Abschottung. Deshalb gilt sein Interesse vier sehr isolierten Inseln, vom Südatlantik bis zum Nordmeer. Der Film beschreibt das Glück der "Splendid Isolation" (wörtlich: "wunderbare Isolation") ebenso wie deren Kehrseite, die Verlorenheit. Und dabei zeigt sich Isolation immer auch als Experiment, für die Biosphäre ebenso wie für die Gesellschaft.

St. Helena gilt als Inbegriff von Abgeschlossenheit, seit Napoleon Bonaparte, der geschlagene Beherrscher Europas, auf dem englischen Felsen in der Verbannung lebte. Der Aufenthalt auf der Insel verklärt ihn am Ende seines Lebens zum romantischen Helden, und umgekehrt verlieh Napoleon der Insel ihren Mythos. Just zum 200. Jahrestag seiner Ankunft wird St. Helena die Magie der Isolation verlieren – ein Flughafen wird eröffnet. Aber noch erlebt Wolfgang Herles die winzige britische Kronkolonie und ihre Bewohner als so glückliche wie träge Gemeinschaft, gefangen zwischen Zukunftsangst und bangem Aufbruch.

Ascension Island am Äquator besitzt gar keine Gesellschaft, dient den Briten und Amerikanern als Horchposten ins All, auf der niemand dauerhaft Wohnrecht besitzt, als steinerne Fregatte, als notwendiger Zwischenstopp auf dem Weg zu den Falklands. Militärs, Techniker und Umweltschützer sind dort anzutreffen. Und es sind die Folgen eines erstaunlichen Experiments zu beobachten. Auf Anregung von Charles Darwin wurde der kahle Gipfel der Vulkaninsel mit Pflanzen aus aller Welt begrünt, um Regen zu machen. Das gelang – freilich auf Kosten der heimischen Fauna und Flora, die vom Aussterben bedroht sind.

Eine besondere Schatzinsel der Natur ist Dominica in der Karibik. Weil zu steil für Plantagenwirtschaft und fast vollständig bedeckt von dichtem Dschungel, scheiterten die europäischen Kolonialmächte. Und weil es auch keine weißen Sandstrände gibt, bleiben der kleinen Inselrepublik die Folgen des Massentourismus erspart. Die letzten karibischen Indianer überlebten dort, die Regenwälder bieten eine einmalige, gesunde Umwelt, nirgendwo ist der Anteil der über Hundertjährigen größer.

Schließlich die Färöer im Nordatlantik, das unbekannteste Land Skandinaviens. Die Isolation bewahrte die Kultur der Schafsinseln. Auf den Färöer-Inseln erhielt sich eine eigene Identität auf der Basis mittelalterlichen Brauchtums.

Aus den Reisenotizen von Wolfgang Herles

I.
Wir verlassen Kapstadt. An Backbord gleitet Robben Island vorbei, auch dies eine Insel, die ihre Berühmtheit einem einzigen Gefangenen verdankt, Nelson Mandela. Sechs Tage und fünf Nächte auf diesem Schiff, das halb mit Containern bepackt ist, zur anderen Hälfte mit Saints, wie sich die Bewohner St. Helenas nennen. Das Schiff – das Royal Mail Ship „St. Helena“ – ist die Nabelschnur zur Welt für das Eiland. Einmal im Monat nur unternimmt es die Reise mit allem, was auf der Insel benötigt wird. Und wer krank wird, muss auch aufs Schiff, wenn er noch solange warten kann, und ins Krankenhaus nach Südafrika. St. Helena hat keinen Flughafen und das Schiff kein Satellitenfernsehen. Die Vorrunde der Weltmeisterschaft entgeht uns. Kein Problem: sportlicher Höhepunkt  ist das Kegelturnier auf dem Sonnendeck. Das ZDF-Team gewinnt es, im Halbfinale gegen Ingenieure des Flughafens, im Finale gegen die Offiziere der „St. Helena“. Siegprämie ist mehr Bier, als wir trinken können.

II.
Die Morgendämmerung modelliert St. Helena aus dem Dunst des Horizonts. Beim Näherkommen sehen wir nichts als Fels. Keine einzige Bucht, kein Hafen. Nur an einer Stelle ein gewaltiger Spalt im Fels. In ihm liegt Jamestown, das Hauptstädtchen, vor dem wir ankern. Aber im Zentrum ist die Insel grün wie Schottland. Dort oben flattert eine französische Fahne, über französischem Territorium. Longwood House: der idyllische Ort, an dem Napoleon starb. Der hätte dort glücklich werden können, wenn er es zugelassen hätte. Doch er ließ sich als Kaiser titulieren, trug Uniform, umgeben von einem bizarren Hofstaat und beschwerte sich ohne Ende über seine Behandlung. Feuchtigkeit, Ratten. Sein Machtwahn war noch nicht verglüht. Und im Wahn waren auch seine Gegner. Englands Steuerzahler  finanzierten den absurden Aufenthalt, sie stationierten  zweieinhalbtausend Soldaten auf dem Inselchen, das von Natur ein Hochsicherheitsgefängnis ist und nicht noch eigens bewacht werden müsste.

III.
Damals ankerten vor St. Helena bis zu tausend Segelschiffe im Jahr, auf der Route ums Kap der Guten Hoffnung.  St. Helena lieferte Proviant. Nach der Eröffnung des Suezkanals ging es ökonomisch bergab. Das tropische Eiland ist nicht einmal in der Lage, sich selbst zu ernähren, sondern ganz und gar abhängig von Subventionen aus London. Produziert wird nichts, abgesehen von Arbeitskräften, die dann auf anderen Inseln arbeiten und Geld nach Hause überweisen. Jobs bietet nur die Regierung. Also zum Beispiel Zöllner und Grenzbeamte, die nur einmal im Monat etwas zu tun heben, wenn die RMS „St. Helena“ ankert.

IV.
Am Flughafen entzünden sich Hoffnungen, aber auch Befürchtungen. Er wird pünktlich fertig sein und im Kostenrahmen bleiben, obwohl dies keine brandenburgische Wiese ist, sondern ein Lavagebirge, das an einer Stelle abgetragen und an anderer Stelle aufgeschichtet werden muss. Was sollen Touristen auf dieser Insel? Es gibt nur wenige, winzige Hotels und kaum ein Restaurant. Zum Baden taugt sie auch nicht. Aber die Insel ist voller Magie. Die Landschaften atemberaubend, auf engstem Raum, höchst kontrastreich. Die Schläfrigkeit und Freundlichkeit der Saints sind ein Genuss. Die Kehrseite der Isolation: Antriebslosigkeit. St. Helena wirkt wie ein halbes Jahrhundert zurück. Kein Bankautomat, keine Kreditkarten, keine Hast.
V.
Am Hafen haben sich einige hundert Saints versammelt, um Abschied zu nehmen. Nicht für ein paar Tage, sondern oft Monate oder Jahre. Umarmungen, auch Tränen, aber man ist das Abschiednehmen gewohnt, es gehört zur Insel wie der Passat, aber die Szenen sind berührend. Wird man sich je wiedersehen? Ein Regenbogen spannt sich vom Kliff hinab ins Meer. Heimweh nach St. Helena, schon jetzt.

VI.
Weitere zwei Tage und Nächte an Bord – und dann endlich Ascension Island. Wieder die peinlich genaue Einreiseprozedur. Die Bürokraten bemächtigen sich des entferntesten Eilands. Und wir kommen pünktlich zum gesellschaftlichen Höhepunkt des Jahres, dem Äquatorial Ball im Offizierskasino der Royal Air Force. Smoking, Gala-Uniformen, schottische Röcke, hochtoupierte Damen. Wie hält man es auf so einem Eiland ein paar Jahre aus? Vor allem die Frauen, die nichts zu tun haben? Militärs, Schildkrötenforscher, Kommunikationstechniker. Das ist die seltsame Gemeinschaft derer, die auf Ascension Island miteinander auskommen müssen. Für einfachere Tätigkeiten sind Arbeitskräfte aus St. Helena da.

VII.
Die Turtles haben es hier am besten, weil sie außer von Vögeln, Krebsen und Fischen nicht auch noch von Menschen bedroht werden wie anderswo. Splendid Isolation! Die Militärs hoffen auf Belohnung durch Beförderung und sind froh, dass sie am Äquator stationiert sind und nicht auf den fernen Falklands, wo es doppelt so langweilig ist und dazu kalt. Die Nachrichtentechniker betreiben unzählige Antennenanlagen und horchen in den Weltraum für Nachrichtendienste, für Weltraumorganisationen. Reverend Donald Wittich, 80 Jahre alt, ist der Pfarrer der kleinen anglikanischen Gemeinde auf Ascension Island.
Es gibt hier kein gemeinsames Interesse, und das ist das Problem. Der Geistliche war zuvor drei Jahre auf Tristan da Cunha, einem noch trostloserem Eiland weit im Süden, bewohnt von zweihundertneunzig Mitgliedern weniger Familien, ein oder zweimal im Jahr kommt ein Schiff. Hier gibt es wenigstens die Airforce.

VIII.
Das Jungle Bay Resort auf Dominica: Hütten im steil zu den Klippen abfallenden Urwald. Keine Klimaanlage, offene Fenster, aber nicht eine Mücke. Es gibt ein totsicheres Mittel: Bay Leave Oil, Lorbeeröl. Sein angenehmer Geruch vertreibt alle Moskitos. Der nächtliche Chor der Grillen und Kröten geht pünktlich zum Sonnenaufgang über ins Gezeter der Vögel. Unterlegt ist das Konzert vom immer gleichen Generalbass der Brandung.

IX.
Alfreda Georges sitzt im rosa Kleid auf einem Stuhl, Goldschmuck an den Ohren. Sie zeigt lächelnd Zähne – ihre zweiten. In wenigen Tagen wird sie ihren einhunderteinten Geburtstag feiern. Die Ursachen sind keine Überraschung: gesunde Ernährung aus Wäldern und Ozean, Bewegung im ständigen Bergauf und Bergab des steilen Vulkangebirges, ein einfaches Leben ohne viel Stress. Alfreda Georges lebt über ihrem Laden für religiöse Schriften in der kleinen Hauptstadt Roseau.

X.
Ein Jazzfestival an  einem rauschenden Gebirgsfluss. Michele Henderson singt, eine kleine agile Schönheit. Sie singt nicht nur hier, sondern ist auf der ganzen Welt unterwegs. Also kann sie vergleichen. Dominica sei das bestgehütete Geheimnis der Welt, sagt sie, das mache den Unterschied, deshalb behielten die Leute auch ihr starkes Gefühl für Gemeinschaft.
Ein Beispiel dafür ist Sam Raphael. Als Kind musste er mit seiner Familie auswandern, wie so viele, mangels Arbeitsplätzen. Als gemachter Geschäftsmann kam er aus den USA zurück und investierte in sein Jungle Bay Resort, erbaut auf ,,Wasteland", vermeintlich nutzlosem Land. Nachhaltiger Ökotourismus, aber viel mehr als das. Sam bildete Handwerker aus, die mauerten und zimmerten. Die Hotelangestellten kommen aus der unmittelbaren Umgebung, und auch die Lieferanten sind von hier. Kleinbauern und Kleinunternehmer, die Schokolade produzieren oder Salatsauce.

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