Copyright: ZDF / Hannes Hubach
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Der Gutachter - Ein Mord zu viel

Der Fernsehfilm der Woche

Der forensische Psychiater Dr. Robert Siedler (Benjamin Sadler) ist als Gerichtsgutachter ein gefragter Mann. Doch dann irrt er sich möglicherweise bei der Beurteilung eines psychisch angeschlagenen Ex-Alkoholikers. Das hat fatale Konsequenzen...

  • ZDF, Montag, 8. Mai 2017, 20.15 Uhr

Texte

Ein Gerichtsgutachter und zwei Fälle
Von den ZDF-Redakteurinnen Caroline von Senden und Alexandra Staib

Wie geht unsere Gesellschaft mit Straftätern um? Sollten sie nach Absitzen der Strafe resozialisiert werden und die Chance auf ein normales Leben erhalten oder doch besser für immer weggesperrt bleiben?

Mit dieser hochaktuellen und sehr komplexen Fragestellung beschäftigt sich der Film, "Der Gutachter – Ein Mord zu viel". Dr. Robert Siedler (Benjamin Sadler) hat es mit zwei Fällen zu tun, in denen er als Gutachter vor Gericht über das Schicksal von zwei Straftätern entscheidet. In einem Fall kann er mit Hilfe seines Könnens ein junges Mädchen – überzeugend gespielt von Newcomerin Johanna Polley – vor Schlimmeren bewahren. Im Fall  des gewalttätigen Ex-Alkoholikers – sehr berührend dargestellt von Michal A. Grimm – könnte er sich jedoch schwer getäuscht haben und somit verantwortlich am Tod einer Kellnerin sein. Zusammen mit dem Gutachter blicken wir in menschliche Abgründe und erleben die Herausforderungen der Forensik.
Das lang recherchierte Drehbuch stammt von Autor Jochen Bitzer. Unter der Regie von Christiane Balthasar ist ein komplexer, hochwertiger und relevanter Film entstanden, der die Zuschauer mit der omnipräsenten Frage konfrontiert: In welcher Gesellschaft wollen wir leben – sicher oder frei? Und wie halten wir Freiheit aus, wenn sie an ihre Grenzen kommt?

Caroline von Senden, Alexandra Staib
Hauptredaktion Fernsehfilm / Serie I – Redaktion Fernsehspiel I

Stab und Besetzung

Montag, 8. Mai 2017, 20.15 Uhr
Der Gutachter – Ein Mord zu viel
Der Fernsehfilm der Woche

Buch___Jochen Bitzer
Regie___Christiane Balthasar
Kamera___Hannes Hubach
Schnitt___Andreas Althoff
Musik___Johannes Kobilke
Szenenbild___Björn Nowak
Kostümbild___Dorothée Kriener
Maskenbild___Adella Selzer, Stephanie Adam
Ton___Michael Junge, Tobias Kropp
Produktionsleitung___Rolf Klaußner
Herstellungsleitung___Holger Krenz
Producerin___Alena Jelinek
Produzent___Benjamin Benedict
Produktion___UFA Fiction
Redaktion___Caroline von Senden, Alexandra Staib
Länge___ca. 90 Min.

Die Rollen und ihre Darsteller
Robert Siedler___Benjamin Sadler
Kathrin Siedler___Jasmin Gerat
Rebekka Lorenz___Johanna Polley
Friedhelm Knecht___Michael A. Grimm
Ayla Cordes___Sesede Terziyan
Heinrich Moldenhauer___Hanns Zischler
Andi Lorenz___David Schütter
Paul Dressler___Martin Baden
u.a.

Inhalt

Forensische Psychiater entscheiden über das Schicksal von Straftätern, aber auch über die Sicherheit ihrer Mitbürger. Sie tragen viel Verantwortung und fürchten vor allem eines: den Irrtum.
Dr. Robert Siedler macht einen guten Job. Er ist einfühlsam und distanziert zugleich, hat viel Erfahrung und beweist Rückgrat. Vor Tätern, Opfern, Kollegen und Vorgesetzten knickt er nicht einfach ein, er verteidigt eigene Überzeugungen gegen alle Widerstände.

Aktuell beschäftigt ihn der Fall Friedhelm Knecht, ein psychisch angeschlagener Ex-Alkoholiker, der lange Zeit in Verwahrung genommen wurde. Roberts Gutachten führt zur Freilassung. Doch kurz darauf geschieht ein Mord, der auf Knecht deutet. Der Verdächtige ist flüchtig, der Fall geht durch die Presse. Der Ehemann der Toten sieht rot. Plötzlich ist Robert der Sündenbock, wird für den Mord verantwortlich gemacht. Eine Hetzkampagne beginnt. Mit waghalsigen Alleingängen versucht er, den vermeintlichen Täter zu entlasten.

Hat sich Robert tatsächlich zum ersten Mal geirrt? Im tiefsten Inneren hat er diesen Moment gefürchtet. Hielt er sich für unfehlbar? Oder ist Knecht doch unschuldig und Roberts Diagnose gerechtfertigt?

Kurzes Statement von Regisseurin Christiane Balthasar

Der Film dreht sich um einen Berufszweig, der sehr viel Verantwortung zu tragen hat. Ein Gutachter muss durch mitunter diffuse Eindrücke in der Lage sein, Entscheidungen von enormer Tragweite zu fällen. Und er muss damit leben, unter Umständen nie ein Richtig oder Falsch seiner Entscheidungen zu erfahren – sofern es das überhaupt gibt. Eine sehr interessante Ausgangssituation für einen Film. 

"Absolute Sicherheit gibt es nie"
Fragen an Benjamin Sadler, der den forensischen Gutachter Robert Siedler spielt.

Ihre Figur, Dr. Robert Siedler, ist ein gefragter Gutachter, der Souveränität und Sicherheit ausstrahlt. Was hat Sie gereizt, diese Rolle zu spielen?

Siedler erlebt zum ersten Mal, dass trotz intensiver Vorbereitung und Erfahrung seine Arbeit fatal scheitern kann. Dieser Bruch in seiner "Weltordnung" ist als Konflikt ein großer spielerischer Reiz.

Was halten Sie von Robert Siedlers Charakter?

Ich mag ihn. Er ist sich zu dem Zeitpunkt, in dem wir ihn kennenlernen, seiner Sache vielleicht etwas zu sicher, aber er wird sich seiner Angst, seinen Zweifeln und deren Ursachen stellen. Wie diese "Reise" verlaufen wird, ist die Frage.

Psychologische Gutachten entscheiden über Schicksale. Gutachter sind Menschen und können, so geschult sie sein mögen, irren. Was macht in Ihren Augen einen guten Sachverständigen aus?

Siedler ist ein guter Gutachter. Er ist gut geschult, erfahren, gewissenhaft und hat Empathie. Die Verantwortung, die er trägt, ist ihm bewusst, aber trotzdem können Fehler passieren und die haben in seinem Fall weitreichende Konsequenzen. Absolute Sicherheit gibt es nie, die menschliche Psyche ist so komplex, dass es passieren kann, dass die Ausnahme die Regel bestätigt. Das kann furchtbare Konsequenzen haben.

Siedlers Frau, gespielt von Jasmin Gerat, wird aufgrund einer vermeintlichen Fehlentscheidung Siedlers, körperlich angegriffen. Denken Sie, dass der Beruf des psychatrischen Gerichtsgutachters ein erhöhtes Berufsrisiko mit sich bringt?

Das hat er sicherlich, da solch ein Gutachter manchmal mit Menschen zu tun hat, die nur bedingt zu kontrollieren sind. Trotzdem zeigt die Statistik, wie effektiv und schützend die Arbeit der Gutachter ist, da im Verhältnis zu der Anzahl von Fällen relativ wenig tragisch falsch läuft, auch wenn immer Dinge verbessert werden können.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet, haben Sie im Vorfeld mit Spezialisten/Gutachtern gesprochen?

Ich habe sehr viel gutes Material von unserem Autor Jochen Bitzer bekommen. Vor allem die Texte von dem forensischen Psychater Prof. Kröber waren nicht nur sehr spannend, sondern auch äußerst hilfreich in der Vorbereitung. Ich habe mich auch länger mit einer Gutachterin getroffen, die mir nicht nur fachliche, sondern auch private Einblicke in ihre Arbeit erlaubt hat, für die ich sehr dankbar bin.

Wäre für Sie persönlich der Beruf des Gutachters vorstellbar?

Ja, vorstellbar auf jeden Fall, weil der Beruf des psychiatrischen Forensikers und Gutachters so komplex und herausfordernd ist. Aber das gilt auch für den Beruf, den ich ausüben darf.

Die Fragen stellte Christiane Beeck

Statement von Michael A. Grimm,
der den gewalttätigen Ex-Alkoholiker Friedhelm Knecht spielt.

Friedhelm Knecht ist ein Charakter, der im Film nur wenig redet und handelt. Dann aber entscheidend. Das heißt, viel von dem, was ihn gestaltet, befindet sich nicht an der sichtbaren Oberfläche: Seine ganze Lebensgeschichte, seine Taten, seine Räusche, seine Haft, sein langer Weg der Therapie und Resozialisierung. Man sollte nur das Ergebnis all dessen sehen. Viele entscheidende Punkte in seinem Leben werden nicht, oder nur am Rande, erzählt. Das hat mein Interesse für diese Figur geweckt.

Bei vielen Rollen ist dieser unsichtbare Anteil erheblich kleiner und weniger entscheidend, insofern hat diese Rolle mehr Hintergrundarbeit erfordert: Erforschung der Täterprofile und Biografien, der juristischen Belange, der Therapie- und Haftbedingungen, die in einem solchen Fall maßgeblich sind. Das wirklich gut recherchierte Drehbuch und die klaren und trotzdem flexiblen Ansagen der Regisseurin haben mir diese Arbeit aber leicht gemacht.

Ich hoffe, das Ergebnis kann sich sehen lassen und wird gerne gesehen; mich jedenfalls hat die nicht ganz konventionelle Erzählweise und Dramaturgie eher gereizt und zum Denken angeregt. Rechtsstaat, Gerechtigkeit, Ethik, Angst und Vorurteile sind die großen Themen, gleichzeitig wird aber alltägliche Nähe durch die authentischen, nachvollziehbar erzählten Figuren geschaffen.

Eine besondere Herausforderung stellte für mich bei dieser Arbeit die letzte Szene – das Geständnis – dar. Es war nämlich die erste, die wir gedreht haben. Ich hoffte aber, wir könnten die Figur vorher anlegen, bevor der letzte Umschwung erzählt würde. Da das aber logistisch nicht zu machen war, konnte ich vorher also wenig ausprobieren, mich nicht herantasten, sondern musste mir, genauso wie die Regie übrigens, schon sehr klar über die Dramaturgie und den Charakter sein.

Drei Fragen an Dr. med. Tobias Bottländer,
Fachberater des Films "Der Gutachter"

Sie haben während der Dreharbeiten zu dem ZDF-Film  "Der Gutachter" als Fachberater zur Verfügung gestanden. Was genau war Ihre Aufgabe?

Ich hatte seit 2013 mehrfach Kontakte persönlich, telefonisch oder per Mail mit Drehbuchautor Jochen Bitzer. Nach seinen Vorgaben betrieben wir eine gemeinsame Sammlung wissenschaftlicher und journalistischer Literatur zum Thema "forensische Psychiatrie, gesetzliche Hintergründe mit Aktualisierungen im Strafrecht/Sicherungsverwahrung, Statistiken, Einzelfälle". So konnten wir über mehrere Drehbuchfassungen hinweg mit meiner fachlichen Beratung spezielle Dialoge und Abläufe im Drehbuch präzisieren.
Ich beriet Herrn Bitzer dabei, typische Situationen in Gefängnis, Klinik, bzgl. Drogen- und Alkoholeffekten und Therapien, familiären Konfliktsituationen bei psychiatrischen Patienten und Patientinnen zu entwerfen und mit den entsprechenden Fachbegriffen und Szenarien auszustatten.
Ich bin seit 30 Jahren ärztlich tätig, dabei viele Jahre als Oberarzt der Psychiatrie der Universität Ulm, dort im Bereich der forensischen Psychiatrie (Maßregelvollzug nach §§ 63 u. 64 StGB), seit 2003 in eigener Praxis, überwiegend als nervenärztlicher Gutachter.

Was sind die größten Herausforderungen, mit denen man als "Gutachter" konfrontiert wird?

Die besondere Herausforderung stellen "Fälle" mit einer vielschichtigen Vorgeschichte und noch unklaren Prognosen dar. Hier ist die Hauptaufgabe die breite Information über frühere Lebenssituationen und deren Bewältigung, aber auch Berücksichtigung von Traumata teils in jungen Jahren und deren Auswirkung im Erwachsenen-Leben. Dabei ist ein empathisches Vorgehen essentiell, um dem Gegenüber (Patient oder Klient) Offenheit und eigene Einsicht zu ermöglichen, da nach Gerichtsurteil anschließend in forensischen Kliniken hochprofessionelle Arbeit erfolgt und erfolgen muss.
Im Film wurde dies vom Gutachter vielfach durch gute Vor-Information, Netzwerkarbeit, klare Äußerungen gegenüber seinen Klienten, zeitnahes Arbeiten u.a. vorbildlich bewiesen, gleichzeitig wurde deutlich, wie zentral bedeutsam sein Gutachten war – auch dies ist eine Herausforderung für den Gutachter. Es stellt auch eine persönliche Belastung dar, da diverse Verläufe prognostisch ungünstig, wie auch im Film gezeigt, sind und jeder Arzt stets Heilung oder deutliche Besserung anstrebt oder erhofft.

Wie nah kommt der Film der Realität?

Der Film zeigt aus meiner Sicht exemplarisch zwei typische psychiatrisch relevante Verläufe, die häufig in Strafrecht oder forensischer Klinik auftauchen: Auf der einen Seite die indirekten massiven Auswirkungen einer "Co-Abhängigkeit" der jungen Frau gegenüber ihrem labilen Bruder; dort die klassische "Karriere" eines alkoholabhängigen mittelalten Mannes, der primärpersönlich eine verminderte Frustrationstoleranz aufweist und mit archaischen Mustern agiert.
Die Schauspieler überzeugen gerade in den kleinen stillen Momenten der Selbstreflexion und Expressivität. Es ist eine Stärke des Films, dass er zeigt, was sich hinter Statistikzahlen verbirgt: Schwierige intrapsychische Konflikte und Entwicklungen, Stärken und Schwächen einzelner Menschen und die Problematik eines weiteren "begutachtenden" Menschen, hieraus belastbare prognostische Stellungnahmen zu formulieren.

Wichtig ist die Darstellung eines wichtigen und nicht allgemein bekannten Prinzips: "Der Gutachter formuliert, das Gericht macht das Urteil", weil hier ein wesentliches Element des Rechtsstaates gut herausgearbeitet wird. Zu forensischen Fällen gibt es viele pauschale Meinungen, die in dem Film kritisch eingearbeitet sind und emotional stark gezeigt werden; m.E. beschäftigen "forensische Fälle" viele Menschen direkt oder indirekt. Der Film gibt Ansätze für eine genauere Beschäftigung mit dem Thema. Insofern zeigt der Film einen zwar kleinen, aber doch klassischen Ausschnitt der Psychiatrie und kann pars pro toto für diverse Situationen hergenommen werden.

Weitere Informationen

Fotos über: Telefon: (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/gutachter

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