Copyright: Ullsteinbild / Rietht
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Der Mordanschlag - Die Dokumentation

Der Anschlag auf Detlev Karsten Rohwedder am Ostermontag 1991 erschütterte das erst seit kurzem vereinte Deutschland. Offenbar wurde der Treuhandchef zum bislang letzten Opfer der Roten Armee Fraktion (RAF). Doch wer in dieser Nacht tatsächlich die tödlichen Schüsse abgab, ist bis heute ungeklärt.

Begleitend zum zweiteiligen Fernsehfilm "Der Mordanschlag" schildert die Dokumentation den zeithistorischen Hintergrund und stellt sich den noch offenen Fragen und Spekulationen.

  • ZDF, Mittwoch, 7. November 2018, 21.45 Uhr

Texte

Stab, Besetzung, Inhalt

Mittwoch, 7. November 2018, 21.45 Uhr
Der Mordanschlag – Die Dokumentation

Buch und Regie_____Florian Hartung
Producer_____Stephen Maier
Kamera_____Michael Khano
Schnitt______Martin Reimers
Produktion_____Sascha Lienert (Februar Film), Frauke Wolf (ZDF)
Redaktion_____Carl-Ludwig Paeschke
Leitung_____Stefan Brauburger
Sendelänge_____45 Minuten

Der Anschlag auf Detlev Karsten Rohwedder am Ostermontag 1991 erschütterte das erst seit kurzem vereinte Deutschland. Offenbar wurde der Treuhandchef zum bislang letzten Opfer der Roten Armee Fraktion (RAF). Doch wer in dieser Nacht tatsächlich die tödlichen Schüsse abgab, ist bis heute ungeklärt.

Begleitend zum zweiteiligen Fernsehfilm "Der Mordanschlag" schildert die Dokumentation den zeithistorischen Hintergrund und stellt sich den noch offenen Fragen und Spekulationen:
Wurde die RAF womöglich durch den Staatssicherheitsdienst der DDR unterstützt? Gab es Verbindungen zwischen RAF und Stasi über den Untergang der DDR hinaus? Warum waren in der Todesnacht keine Personenschützer im Haus der Rohwedders anwesend? Und wer konnte vom Tod des Treuhand-Chefs profitieren?

Die Dokumentation berichtet über Indizien und Spuren von damals, stellt sie kritisch auf den Prüfstand. Zahlreiche Weggefährten und Zeitzeugen aus dem Leben Detlev Karsten Rohwedders konnte der Autor für ein Interview gewinnen: Angehörige, Politiker, Fahnder und Staatsanwälte. Beratend stand der Journalist Michael Jürgs zur Seite, einer der profiliertesten Kenner der Falles Rohwedder und der Geschichte der Treuhand.

Rohwedder
von Michael Jürgs, Journalist und Kenner des Falles Rohwedder

Den Personenschützern, die ihm zur Seite gestellt wurden, nachdem die Demonstrationen gegen die Treuhandanstalt immer bedrohlicher geworden waren, hatte Detlev Rohwedder an Ostern 1991 frei gegeben. Die Mauer um sein Haus in Oberkassel, die Videoüberwachung, schienen ihm Schutz genug, zudem waren die Fenster im Erdgeschoss mit schusssicherem Glas ausgerüstet. Die im ersten Stock allerdings nicht.

Als Rohwedder dort in seinem Zimmer das Licht anmacht, drückt der Schütze, der seit Einbruch der Dunkelheit gegenüber in einem Schrebergarten auf der Lauer liegt, ab. Schon der erste Schuss, der Rohwedders Wirbelsäule durchtrennt, ist tödlich. Am Ostermontag 1991, dreißig Minuten vor Mitternacht, stirbt der Präsident der Treuhandanstalt. Der zweite Schuss, der abgefeuert wird, trifft seine Frau Hergard, die in das Zimmer stürzt, aus dem sie splitterndes Glas und einen dumpfen Fall hört und zerschmettert Knochen, Nerven und Gelenk in ihrem linken Arm. Die dritte Kugel durchschlägt den Band mit Alexis de Toquevilles "Erinnerungen" im Bücherregal. Hergard Rohwedder kann schwer verletzt noch die Polizei alarmieren, aber die Ringfahndung kommt zu spät.

Die Kriminaltechniker von Staatsschutz und BKA finden in der Schrebergartenkolonie später einen umgestürzten Gartenstuhl und ein Handtuch, in das offensichtlich das Gewehr eingewickelt war. Und auf dem Handtuch ein paar Haare. Eines davon lässt sie zehn Jahre danach, dank fortgeschrittener DNA-Analyse, einen der Täter identifizieren: Wolfgang Grams, gesuchtes Mitglied der Roten Armee Fraktion. Vorbereitung und Ausführung des Mordes entsprechen zudem den bisherigen Taten der RAF. Passend auch das Bekennerschreiben im Namen des Kommandos "Ulrich Wessel".
Wolfgang Grams kann nicht mehr befragt werden. Nachdem er und seine Begleiterin 1993 bei einem Einsatz von GSG 9 und BKA auf dem Bahnhof von Bad Kleinen gestellt worden waren und Grams einen jungen BKA-Beamten tödlich verletzt hatte, erschoss er sich selbst auf dem Gleis vor Bahnsteig 4. Seine Begleiterin, Brigitte Hogefeld, wurde unverletzt festgenommen. Nachbarn der Rohwedders hatten nach dem Attentat den BKA-Beamten von einem jungen Paar berichtet, dass ihnen vor Ostern auf der Straße aufgefallen war. Dass Hogefeld die Frau war, steht für die Ermittler fest. Aber beweisen können sie nichts. Hogefeld schweigt. 1993 wurde sie wegen anderer Verbrechen zu einer lebenslangen Strafe verurteilt, 2011 aber vorzeitig entlassen.

Den Verdacht jedoch, dass Rohwedder in Wirklichkeit durch jemand aus dem untergegangenen System der DDR ermordet wurde, haben viele, die den Mordanschlag untersuchten. Für ein so perfekt geplantes Verbrechen brauchte es Profis, lautet ihre Begründung, die Profis der Stasi. Möglicherweise in einem mörderischen Joint Venture mit der RAF, deren führende Köpfe jahrelang unter Decknamen geschützt in der DDR gelebt hatten, was den Bekennerbrief erklären würde.

Drohungen nimmt Rohwedder nicht ernst. Der Mord hat bereits Monate vor seinem Tod stattgefunden. Mit Rufmord. Zunächst in den Zeitungen und bei Protesten – "Knochenhand des Sensenmannes" oder "Schlachthaus" oder "Jobkiller" heißt es da über die Treuhand – brennende Puppen werden getragen, die Rohwedder darstellen sollen. Angeführt ausgerechnet von den Einheitssozialisten, die vierzig Jahre lang die Krankheit verursacht haben, die jetzt so schwer zu kurieren ist.
Die wahren Schuldigen besaßen alle das Parteibuch der SED, sie hatten die DDR zugrunde regiert. Deren willige Vollstrecker, Büttel des einst mächtigen, jetzt aufgelösten Ministeriums für Staatssicherheit, waren bestens ausgebildet im Gebrauch von Waffen. Sie wussten, wie man einen "Klassenfeind" erledigt.

Der Sozialdemokrat Rohwedder, dem Bundeskanzler Kohl die Aufgabe anvertraute, sein Versprechen von den "blühenden Landschaften" zu erfüllen, hatte auch mit den in die neuen Bundesländer eingefallenen Raubrittern schon in seiner kurzen Amtszeit üble Erfahrungen gemacht: "Hier wird mit härtesten Bandagen gefochten. Hier wird, was die Treuhandanstalt und die Verwirklichung kommerzieller Interessen angeht, nun aber auch wirklich jede Scham bei Seite gelegt. Manche Leute nehmen sich gegenüber der Treuhandanstalt Unverschämtheiten heraus, die in Westdeutschland schlechthin unmöglich wären. Das geht bis in die höchsten Etagen der deutschen Wirtschaft."

Nach der Ermordung seines obersten "Treuhändlers" hat Kohl dessen Witwe nicht vergessen und sich um sie gekümmert. Am Todestag Rohwedders vergaß er nie einen Kranz an seinem Grab niederlegen zu lassen. Er wusste, was er dem Patrioten Rohwedder, dem einzigen, der durch die Einheit sein Leben verloren hatte, schuldig war.

Zitate aus Interviews mit Weggefährten und Zeitgenossen

Theo Waigel, CSU, damals Finanzminister im vereinten Deutschland:
Über die Position des Präsidenten der Treuhandanstalt Anfang der 90er-Jahre
Nicht das Parteibuch spielte bei der Besetzung dieser Position eine Rolle, viel wichtiger war: hat jemand den Mut, in dieses Abenteuer hinein zu gehen, sich da zu bewähren, sich dafür ganz zu opfern – das war das Entscheidende.

Über Detlev Rohwedder
Er ist ja wirklich ein Märtyrer der Deutschen Einheit. Er hat sein Leben gegeben für Deutschland, für eine Aufgabe Deutschlands in einer ganz entscheidenden Zeit: die Wiedervereinigung nicht nur rechtlich, sondern auch ökonomisch und sozial zu bewältigen.

Über die Ermordung Detlev Rohwedders
Es ist etwas, was mich bis an mein Lebensende bewegen wird. (…) hätte er damals den Schritt getan und hätte aufgehört, dann wäre der furchtbare Mord an ihm möglicherweise nicht passiert. Ich habe das auch mit seiner Familie besprochen, die mir gesagt hat: Machen sie sich keine Gedanken, machen sie sich keine Vorwürfe. Sie tragen da keine Verantwortung.
Trotzdem, es bewegt einen, zumal ja auch die RAF in einem Kassiber hat verlautbaren lassen: Weil wir an Waigel nicht herangekommen sind, haben wir uns an Rohwedder gehalten. Und das bewegt einen dann innerlich so stark.

 

Christa Luft, damals SED-PDS, bis März 1990 Finanzministerin der DDR im Kabinett Modrow:
Über Rohwedders Amtsführung
Die Arbeit der Treuhand unter Detlev Rohwedder würde bei einer Analyse x-fach besser wegkommen als das, was dann unter seiner Nachfolgerin Frau Breuel geschehen ist – mit Zustimmung der Bundesregierung: dieses Tempo machen, nicht mehr links und rechts gucken, sondern durch.

Über Arbeitsplätze in den neuen Ländern
Vier Millionen Arbeitsplätze hatten wir zum Ende der DDR. Davon sind über drei Millionen in kurzer Frist kaputt gemacht worden, also weggefallen. Da hingen ganze Familien dran und wenn die Frau in einem Betrieb war, der abgewickelt wurde und der Mann, na dann Amen! Und das haben viele bis heute nicht vergessen.

Über Geschäftspartner der Treuhand
Ich sah auf den Gängen junge Leute sitzen, mit dicken schwarzen Koffern, mit Goldketten, dunkle Anzüge. Die hatten in der Regel noch keine unternehmerische Erfahrung, aber kriegten die Objekte. Es ist wirklich ein Skandal!

 

Hero Brahms, Industriemanager, Vertrauter von Detlev Rohwedder:
Erinnerungen an Detlev Rohwedder
Er war auch ein Volkstribun, also es hat ihm Spaß gemacht mit den Arbeitern zu diskutieren, auf die Straße zu gehen und sich den Fragen zu stellen, den Anwürfen. Das hat er also wirklich meisterlich verstanden.

Er ist sogar so weit gegangen, dass er gesagt hat, es kann sein, dass ich geopfert werde. Also Opfer im Sinne von Absetzung aus der Treuhandanstalt. Das war ihm durchaus bewusst und das war im März 1991.

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