Copyright: ZDF / Gordon Muehle
Copyright: ZDF / Gordon Muehle

Der Mordanschlag

Zweiteiliger Politthriller

Beginn der 90er Jahre: Sandra Wellmann (Petra Schmidt-Schaller), mit heimlicher Nähe zur RAF, gelingt es, Assistentin des gefährdeten Chefs der Treuhandanstalt Hans-Georg Dahlmann (Ulrich Tukur) zu werden. Sie soll den Terroristen Bettina Pohlheim (Jenny Schily) und Klaus Gelfert (Christoph Bach) Informationen liefern. Als ein tödlicher Anschlag auf den Vorsitzenden der deutschen Vereinsbank ausgeübt wird, findet der leitende BKA-Ermittler Andreas Kawert (Maximilian Brückner) heraus, dass Dahlmann das nächste Opfer sein soll.

  • ZDF, Montag, 5. November und Mittwoch, 7. November 2018, jeweils 20.15 Uhr

Texte

Vorspann

"Dieser Film orientiert sich an historischen Ereignissen, die Handlung ist fiktiv.
Die handelnden Personen sowie ihre beruflichen und privaten Konflikte sind frei erfunden."

Alles hat seine Zeit
von ZDF-Redakteur Wolfgang Feindt

Im Zentrum des Zweiteilers "Der Mordanschlag" steht die Auseinandersetzung mit dem Attentat auf Rohwedder, das am 1. April 1991 geschah – ein bis heute unaufgeklärter Mord.

Unzählige Bemühungen juristischer, detektivischer, wissenschaftlicher Art, die Tat aufzuklären, führten im Lauf der Zeit zur Verdichtung der zentralen Fragestellungen: Wer steckte wirklich hinter dem Attentat? Welche Rolle spielten Mitglieder der ehemaligen Stasi und welche westliche Interessenvertreter mit ihrer Verbindung zur Treuhand? Oder sind die eigentlichen  Drahtzieher des Verbrechens doch in den Kreisen der RAF-Terroristen, den Gefolgsleuten der dritten Generation, zu suchen?

Es brauchte einen gewissen zeitlichen Abstand, bis sich die Möglichkeit eröffnete, sich dieser für die ehemalige Bundesrepublik geschichtlich so bedeutenden Phase fiktional annähern zu können. Und Glück gehörte auch dazu, das darin bestand, dass wir auf den Autor André Georgi gestoßen sind, der schon seit Jahren über die dritte Generation der RAF forscht und jetzt im August  einen Roman zu diesem Themenkomplex veröffentlicht hat.

Genaue Recherche wurde zum Fundament der Arbeit – begleitet von den starken Produzenten von Network Movie (Jutta Lieck, Dietrich Kluge) und Senator Film (Ulf Israel) – die Regisseur Miguel Alexandre die Freiheit gab, sich auf Basis der realen Ereignisse fiktional bewegen zu können. Miguel Alexandre hat diese Freiheit genutzt und einen sehr poetischen Film geschaffen, der in dialektischer Weise neue Perspektiven auf das politische Geschehen öffnet.

HR Fernsehfilm/Serie I / Redaktion Reihen und Serien II

Stab und Besetzung

Montag, 5. November 2018, 20.15 Uhr
Mittwoch, 7. November 2018, 20.15 Uhr

Der Mordanschlag
Zweiteiliger Politthriller

Buch_____André Georgi
Regie und Kamera_____Miguel Alexandre
Ton_____Jörg Krieger
Szenenbild_____Benedikt Herforth
Editor_____Marcel Peragine
Kostüm_____Petra Neumeister
Musik_____Wolfram de Marco
Casting_____Rebecca Gerling
Produktionsleitung_____Mona Lessnick
Produktion_____Network Movie Film- und Fernsehproduktion, Hamburg
Produzenten_____Jutta Lieck-Klenke, Dietrich Kluge, Ulf Israel
Redaktion_____Wolfgang Feindt
Länge_____2x90 Minuten

Die Rollen und ihre Darsteller
Sandra Wellmann_____Petra Schmidt-Schaller
Bettina Pohlheim_____Jenny Schily
Hans-Georg Dahlmann_____Ulrich Tukur
Andreas Kawert_____Maximilian Brückner
Sandras Mutter_____Suzanne von Borsody
Miriam Wellmann_____Franziska Hartmann
Marion Burckhardt_____Stefanie Stappenbeck
Klaus Gelfert_____Christoph Bach
Iris Kawert_____Bernadette Heerwagen
Thomas Rautenbach_____Alexander Held
Frau Dahlmann_____Franziska Walser
Julia Dahlmann_____Natalia Rudziewicz
Andreas Niedeck_____Peter Benedict
Jacobi_____Jörg Pose
Stentner_____Antonio Wannek
Minister Fahrenberg_____Hansjürgen Hürrig
Harald Damisch_____Thomas Lawinky
Albert Wegner_____Richard Sammel
und andere

Inhalt

Teil 1

Berlin zu Beginn der 90er Jahre. Hans-Georg Dahlmann ist als Chef der Treuhandanstalt einer der meistgefährdeten Männer des wiedervereinigten Deutschlands: Zielscheibe der RAF, verhasst bei Teilen der Bevölkerung der ehemaligen DDR und im Konflikt mit westdeutschen und internationalen Unternehmen, die alles dafür tun, dass ihnen aus dem Osten Deutschlands keine Konkurrenz erwächst. An seiner Seite: seine junge Assistentin Sandra Wellmann, die er im Vorstellungsgespräch kennenlernt und einstellt.

Doch Sandra verfolgt heimlich einen ganz anderen Plan: Als Mitglied der RAF in der dritten Generation wurde sie bei Dahlmann als Informantin eingeschleust, um den Terroristen Bettina Polheim und Klaus Gelfert Informationen zu den Aufenthaltsorten und Sicherheitsbestimmungen von Dahlmann zu liefern. Bald aber gerät Sandras Weltbild ins Wanken: Als sie gemeinsam mit Dahlmann einen Skandal um die geplante Privatisierung eines ehemals staatlichen Chemiewerks in Gehrsberg aufklärt, lernt sie Dahlmanns idealistische Beweggründe, seine Integrität und große Geschicklichkeit kennen und schätzen.

Während Sandra sich einarbeitet und Vertrauen zu Dahlmann aufbaut, wird ein Anschlag auf den Vorsitzenden der deutschen Vereinsbank ausgeübt, der dabei ums Leben kommt. Der leitende BKA-Ermittler Andreas Kawert übernimmt die Ermittlung. Als er den Attentätern näherkommt, findet er heraus, dass sie Dahlmann als nächstes potenzielles Opfer im Visier haben. Unter Kawerts Ermittlungsdruck muss die RAF ihren Plan ändern: Sandra soll das Attentat nun selbst verüben. Und die Chancen für ein erfolgreiches Attentat stehen gut, denn Dahlmann vertraut Sandra inzwischen so sehr, dass er sie sogar zu sich nach Hause einlädt, um sie seiner Familie vorzustellen. Wie wird Sandra sich entscheiden?

Teil 2

Plötzlich fallen Schüsse: Dahlmann stirbt und seine Frau wird schwer verletzt. Mit Bettina Polheims Hilfe gelingt Sandra eine halsbrecherische Flucht vor dem BKA, das sie für die Attentäterin hält. Sandra wird zur meistgesuchten Terroristin Deutschlands. Die beiden wollen in den Libanon fliehen und suchen Hilfe bei der ehemaligen Stasi, die der RAF vor der Wende Versteck und Ausbildung geboten hatte. Jetzt aber, kurz nach der Wende, sind die Stasi-Leute selbst untergetaucht und setzen alles daran, nicht enttarnt zu werden.

Bettinas ehemaliger Stasi-Ausbilder Damisch, den Bettina Polheim und Sandra aufgespürt haben, wird erschossen, bevor er ihnen helfen kann. Aber die beiden erfahren noch, von wem der Mordauftrag an Dahlmann gekommen sein könnte: Dr. Andreas Niedeck, ein Wirtschaftsanwalt, hatte im Auftrag eines Firmenkonsortiums versucht, mit Hilfe von Scheinfirmen das Gehrsberger Chemiewerk zu kaufen. Dahlmann hatte versucht, den Kauf mit allen Mitteln zu verhindern. Er wollte vermeiden, dass die Gehrsberger Chemieindustrie, statt erneut aufgebaut zu werden, ausgeschlachtet und verramscht werden würde. Hat Niedeck das Attentat auf Dahlmann befohlen, weil Dahlmann Wirtschaftsinteressen im Weg stand oder haben ehemalige Stasimitarbeiter es ausgeführt und der RAF in die Schuhe geschoben?

Und es gibt noch einen weiteren Verdächtigen im Hintergrund: Lars Oehmke, ein angeblich im Libanon verstorbener RAF-Terrorist, lebt und ist ohne Wissen von Bettina und Sandra nach Deutschland zurückgekehrt. Verfolgt er einen eigenen Mordplan? Steckt doch die RAF hinter dem Mord an Dahlmann?
Auch das BKA schwankt zwischen den verschiedenen Theorien zur Tat. Kawert, der leitende Ermittler, hält Sandra und Bettina Polheim im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten für unschuldig. Da bekommt das BKA den Hinweis, dass Sandra und Bettina auf einem Provinzbahnhof in Norddeutschland auftauchen werden, um Pässe und Geld entgegen zu nehmen. Für Sandra und Bettina ist das die letzte Chance zur Flucht. Und für das BKA die letzte Chance, das Attentat auf Dahlmann aufzuklären.

Realität und Fiktion
von Roman- und Drehbuchautor André Georgi

Das Attentat der RAF auf den Treuhandvorsitzenden Detlev Karsten Rohwedder in den frühen 90er Jahren ist einer der großen Stoffe der Bundesrepublik Deutschland. Die Geschichte der RAF, die Geschichte der Wiedervereinigung und die Frage nach der Bewertung der Treuhandanstalt, die binnen kürzester Zeit das Vermögen eines ganzen, soeben zerfallenen Staates privatisieren musste – all das ist der komplizierte historische Hintergrund einer Zeit, die heute irgendwie noch präsent, irgendwie aber auch schon verblasst ist.

Der mit Abstand schwierigste Punkt der Stoffentwicklung im Roman und dem darauf basierenden Drehbuch war die Frage, wie ich mit einem zeithistorischen Stoff umzugehen hätte. Das Attentat auf Rohwedder war in dieser Hinsicht eine besonders schwierige Vorlage, denn immer schon umrankten eine Menge Gerüchte, alternative Tathypothesen, Verdächtigungen und Unstimmigkeiten die Aufklärung dieses Verbrechens: War die RAF wirklich der Täter? Steckte die Stasi hinter dem Mord? Oder doch Wirtschaftsinteressen? Oder eine Melange aus alldem? Wurde der mutmaßliche Täter – wenn er es denn war – von der GSG 9 hingerichtet oder beging er Selbstmord?

Irgendwann wurde mir klar, dass all diese Mutmaßungen zum Hintergrund des Attentats Teil der Erzählung sein müssten. Ein nicht völlig aufgeklärtes Verbrechen hinterlässt Lücken, die nur fiktional gefüllt werden können. Und so bewegen sich Roman und Drehbuch im schwierigen Grenzbereich zwischen dem Tatsächlichen und dem Fiktionalen – einem Gebiet, in dem es nicht nur "wahr" oder "falsch" gibt, sondern in dem das Mögliche herrscht und seine eigene Wahrheit beansprucht: Alles ist wahr – ich muss es wissen, denn ich habe alles selbst erfunden.

In der Konsequenz dieses Ansatzes habe ich sowohl die Opfer-, als auch die Täter- und Ermittlerseite durchgängig fiktionalisiert. Das zeithistorische Vorbild bleibt erkennbar, geht aber in der Erzählung nicht auf. Hans-Georg Dahlmann ist Detlev Karsten Rohwedder, und er ist es zugleich nicht. Und auch die Figuren der Terroristinnen stehen auf dem realen Untergrund des Attentats auf Rohwedder. Insofern sie im Roman und im Drehbuch aber aus verschiedenen realen Vorbildern komponiert wurden, erzählen sie von etwas, das weit über das tatsächliche Attentat hinaus reicht: vom "Mythos RAF" (Wolfgang Kraushaar).

Suche nach der poetischen Wahrheit
von Regisseur und Kameramann Miguel Alexandre

Ich fühle immer das besondere Gewicht der Verantwortung, wenn der Stoff auf realen Ereignissen und realen Personen basiert. Diese Erfahrung habe ich bereits mit einigen historischen Mehrteilern gemacht, die ich in der Vergangenheit umsetzen durfte, wie zum Beispiel "Schicksalsjahre", "Die Frau vom Checkpoint Charlie" oder "Der Mann mit dem Fagott". Doch keiner dieser Filme hatte die Besonderheit von "Der Mordanschlag", nämlich ein Verbrechen zu behandeln, das bis heute nicht aufgeklärt ist.

Entscheidend war es, eine Balance zwischen Realität und Fiktion zu finden auf der Suche nach der poetischen, nicht nach der dokumentarischen Wahrheit. Umso wichtiger war es hierfür, ein Tableau zu schaffen, das sich real anfühlt. Es war mir sehr wichtig, die Würde jeder einzelnen Figur zu achten, auch derjenigen, die Verbrechen begehen. Denn es ging mir bei der Inszenierung immer darum, die Figuren nicht zu bewerten, um dem Kern des hervorragenden Drehbuchs von André Georgi gerecht zu werden: Wir stellen Weltbilder gegeneinander, um den Zuschauern die Möglichkeit zu bieten, ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Die Geschichte macht emotional nachvollziehbar, was mit einem Menschen passiert, der sich dem Terrorismus hingibt. Wir erleben, wie man durch diese Radikalisierung als Mensch von innen ausgehöhlt wird und im Prinzip die Verbindung zu seinen eigenen menschlichen Emotionen und seiner Empathie verliert. Das gelingt aber nur, indem wir zum Beispiel die Hauptfigur "Sandra" mit Sympathie und Wärme betrachten. Erst dadurch kann das Dilemma, in das sie gerät, in den Zuschauern emotional etwas auslösen.

In Bezug auf die im Film agierenden Terroristen haben wir aus realen Personen der Zeitgeschichte neue fiktive Figuren erschaffen, um so mit künstlerischen Mitteln dem Kern der RAF nahe zu kommen. Die Figur "Sandra" ist letztlich eine Mischung aus Susanne Albrecht und Ulrike Meinhof. Bei der Figur "Bettina" haben wir uns von Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams inspirieren lassen. Dennoch machen wir immer kenntlich, dass es sich um eine Fiktion handelt, da wir sowohl sämtliche Namen der handelnden Figuren als auch die Namen der Handlungsorte fiktionalisiert haben.

Wenn es uns gelingt, eine jüngere Generation, die diese Ereignisse nicht erlebt hat, durch einen hoffentlich emotional packenden und spannenden Film dafür zu interessieren, wäre schon viel erreicht. Denn dann lernt sie etwas über die historische DNA ihres Landes, das weiter damit zu kämpfen hat, die ehemalige Teilung zu überwinden. "Der Mordanschlag" stellt zudem eine zeitlose und universelle Parabel dar, die leider allzu aktuell ist, da wir täglich erleben müssen, wie Ideologien Menschen radikalisieren und in den Terrorismus treiben. Diese aktuelle Relevanz war für mich der wichtigste Grund diesen Film zu machen.

Über Hoffnungen und den Look des Films
von den Produzenten Jutta Lieck-Klenke, Dietrich Kluge und Ulf Israel

Der Mord an Detlev Karsten Rohwedder ist bis heute nicht aufgeklärt, doch sein Tod nützte ganz unterschiedlichen Interessengruppen. So hoffen wir, dass der Film sowohl eine erneute Diskussion darüber auslöst, was tatsächlich passiert ist, als auch eine Diskussion darüber, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen.

Mit unserem Film bauen wir zwar auf historischen Begebenheiten auf, bewegen uns innerhalb einer historischen Realität, vollziehen jedoch eine Fiktionalisierung, sowohl der Ereignisse, der Handlungsorte als auch der Personen. Beim Look und der Wahl der Motive sind wir deshalb dem Prinzip gefolgt, dass wir keinen historisierenden Film schaffen wollen, der sich bis ins kleinste realistische Detail an die damaligen Verhältnisse anpasst oder an Originalschauplätzen spielt. Und doch ging es darum, ein stimmiges Bild der frühen 1990er Jahre entstehen zu lassen.

Das Motiv des Bundeskriminalamts, in dessen Großraumbüro ein wesentlicher Teil der Ermittlungsarbeit zusammenläuft und welches das aufwändigste Szenenbild war, fanden wir architektonisch in einer Seitenhalle des Henry-Ford-Baus der FU Berlin wieder, der wie das BKA in Wiesbaden auch Anfang der 1950er Jahre gebaut wurde.

Die Schlüsselszene des SEK-Zugriffs auf die beiden flüchtigen Terroristinnen haben wir an einem polnischen Bahnhof bei Breslau gedreht, wo wir eine an Bad Kleinen angelehnte Situation vorfanden, und den wir den 90er Jahren entsprechend patinieren konnten. Die deutschen Bahnhöfe der heutigen Zeit geben diese Möglichkeit durch ihren fortgeschrittenen Umbau überhaupt nicht mehr her. Obwohl die Dreharbeiten im laufenden Betrieb stattfanden, wurde uns dort sogar ermöglicht, Gleise punktuell für den Dreh stillzulegen.

Besonders wichtig war uns die Authentizität des Hauses Dahlmann. In Berlin fanden wir ein Backsteinhaus, das hinsichtlich Größe und Baustil sehr nah am Originalhaus der Familie Rohwedder ist – bis hin zur großen Fensterscheibe im ersten Stock des Hauses, die ja eine wichtige Rolle im vorliegenden Fall spielt.

Ein entscheidender Schlüssel in der Erzählung dieser Geschichte stellt die Figur des Treuhandchefs dar, gespielt von Ulrich Tukur, denn er entpuppt sich als das Gegenteil dessen, was man erwartet: Dieser Mann ist nicht der rücksichtslose Kapitalist, für den man ihn zunächst halten könnte. Hinter seiner harten Aufgabe steckt letztlich ein Humanist, der dafür kämpft, das Richtige zu tun. Doch wir erleben seine Ambivalenz: Er will das Gute und schafft das Böse.

Drehbuch und Film entstanden unter der Begleitung von Fachberatern. Auch hat die Familie von Detlev Karsten Rohwedder am gesamten Entwicklungsprozess des Stoffes Anteil genommen. Wir waren uns immer bewusst, dass "Der Mordanschlag" nicht nur von einem Teil deutscher Geschichte erzählt, sondern im Fall Rohwedders auch von einem deutschen Manager, Politiker, Ehemann, einem Vater und Großvater.

Wir, die Produzenten – Jutta Lieck-Klenke, Dietrich Kluge und Ulf Israel – hoffen, wir sind dem gerecht geworden.

Fragen an die Hauptdarstellerinnen Petra Schmidt-Schaller und Jenny Schily

Jenny Schily, Sie spielen die fiktive RAF-Terroristin Bettina Pohlheim und Sie, Petra Schmidt-Schaller, die Figur Sandra Wellmann, RAF-Terroristin und Assistentin von Pohlmann. Was hat Sie inhaltlich an dem Film interessiert?

Jenny Schily: Mich hat die Besonderheit und das Ambivalente dieser Umbruchszeit der sogenannten 'Wende' interessiert. Ein System bricht zusammen – darin liegt immer die Chance auf etwas Neues, vielleicht Besseres. Gleichzeitig entsteht Orientierungslosigkeit. Es gibt Profiteure und im wahrsten Sinne Verunsicherte, zu denen man auch die versprengten RAF-Mitglieder dieser Zeit zählen könnte. Ihr Wunsch nach radikalen, 'einfachen' Lösungen kann man als eine Reaktion auf die komplexer und diffuser gewordene Realität verstehen. Auch die Wirtschaft 'radikalisiert' sich – es ist der Anfang vom Ende der Sozialdemokratie. Und die Stasi hat ein großes Interesse am Destabilisieren des Aufbruchs und bringt mit allen Mitteln ihre Schäfchen ins Trockene.

Wie würden Sie ihre Figuren und deren Konflikte beschreiben?

Petra Schmidt-Schaller: An Sandra Wellmann hat mich besonders die Zerrissenheit der Figur und ihr einer Ideologie folgender Weg interessiert. Für mich ist sie zwischen drei Dingen hin- und hergerissen: ihrem Kind, der Liebe zum Vater ihres Sohnes und den für sie existentiellen Werten und Ansichten. Sie steht unter Druck, und entscheidet sich für etwas, das sich am Ende als fatal herausstellt.

Jenny Schily: Das Spannende an der Figur Bettina Pohlheim war für mich die Mischung aus radikalisierter Verblendung, eiskalter Gewalttätigkeit und ihrer ebenso spürbaren Verloren- und Getriebenheit. Irgendwie wirkt sie auch hilflos: Wenn sie argumentiert, drischt sie eigentlich nur noch Phrasen, es gibt keine echte Vision mehr. Sie versucht zwar, sich die Nöte und Interessen der vor dem Aus stehenden ostdeutschen Arbeiter auf die Fahnen zu schreiben, aber das gelingt nicht und eigentlich interessiert sich auch politisch niemand mehr für die RAF.

Frau Schmidt-Schaller, Sandra Wellmann scheint eigentlich einfühlsam zu sein, entscheidet sich aber dazu, immer wieder gegen ihre eigenen Gefühle und Moralvorstellungen zu handeln. Warum ist das so und wie schafft sie das?

Petra Schmidt-Schaller: Das Leben, das sie führt, ist für sie ein vorübergehender Zustand. Sie will eigentlich anders leben: Zusammen mit ihrer großen Liebe, dem Vater ihres Sohnes, der im Ausland im Untergrund agiert. So wird sie in die Machenschaften der RAF gelockt, weil sie glaubt, nur so an ihr Ziel zu kommen.

Ist für Sie Sandra Wellmann eher Opfer oder Täterin? 

Petra Schmidt-Schaller: Weder noch. Sie ist für mich ein Mensch, der einerseits Entscheidungen getroffen hat und andererseits blind durch die fatale Abhängigkeit vom Vater ihres Sohnes geworden ist. Es gibt Momente, bei denen ich sagen könnte, jetzt ist sie Täterin, und es gibt Momente, an denen sie zum Opfer wird.

Frau Schily, Bettina Pohlheim scheint Empathie nicht zu kennen und wirkt in der Verfolgung ihrer Ziele kalt und abgebrüht. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sie so ist? Wie sie so werden konnte?

Jenny Schily: Im Film wird erwähnt, dass sie Soziologie studiert hat und früh ihre Eltern verlor. Ich stelle mir vor, dass Bettina Pohlheim ursprünglich aus einem gutbürgerlichen Zusammenhang stammt. Später hat sie dann vielleicht in der Hamburger Hausbesetzer-Szene eine neue 'Familie' gefunden und sich dort durch Leute wie der Figur Lars immer weiter radikalisiert. Aber vor allem prägen sie die Jahre im Untergrund. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, wie aus der Zeit gefallen, von der Stasi korrumpiert, bieder, eintönig, einsam und desillusioniert vor sich hin. Und wenn der entscheidende Moment gekommen ist, hat sie nichts mehr zu verlieren.

Haben Sie sich auf Ihre Rollen besonders vorbereitet?

Jenny Schily: Ich habe mich Bettina Pohlheim eigentlich wie jeder Rolle genähert. Es geht immer darum – jedenfalls für mich – die Figur, die man spielt, zu verstehen und auch lieben zu können.

Petra Schmidt-Schaller: Die Zeit der dritten Generation der RAF war mir nicht wirklich vertraut, so habe ich viel recherchiert und nach Geschichten gesucht, die mich mehr in die Zeit versetzen.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen während der Dreharbeiten?

Jenny Schily: Immer wieder zu versuchen, den Klischees zu entrinnen, die manchmal – nicht nur für mich – das Naheliegendste zu sein schienen.

Wie haben Sie persönlich die Geschehnisse rund um die RAF Anfang der 90er Jahre wahrgenommen?

Petra Schmidt-Schaller: Ich war neun, als die Mauer fiel. Für mich brach ein Leben weg, Menschen, Werte, sogar Orte, und sie wurden durch neue ersetzt. Abgesehen von ein paar Plakaten, die für die Befreiung eines RAF-Mitglieds warben, habe ich nichts mitbekommen. Ich war damit beschäftigt, mich in einem neuen System zurechtzufinden.

Jenny Schily: Ich war in dieser Zeit mehr mit meiner eigenen Orientierung beschäftigt – beeinflusst haben mich vor allem die Punk-, Öko- und Friedensbewegungen. Und nach dem Mauerfall fand ich es aufregend, dieses 'neue' fremde Land zu entdecken. Die RAF spielte für mich, bis auf die spätere Beschäftigung mit der ersten Generation, eigentlich keine Rolle. Im Zuge der Arbeit am Film habe ich mich dann intensiver mit der sogenannten dritten Generation beschäftigt. Allerdings findet sich vergleichsweise wenig über diese Leute– was mir aber auch Freiraum für die fiktive Rolle Bettina Pohlheim ließ.

Ist "Der Mordanschlag" für Sie nur fiktive Erinnerung an die RAF Anfang der 90er Jahre oder gibt es Aspekte des Films, die heute noch aktuell sind?

Petra Schmidt-Schaller: Vielleicht nicht im Hinblick auf die RAF, aber auf die Sprache des Terrors: Wie soll man mit jemanden sprechen, der Waffen in der Hand hat und Druck macht? Aktueller geht es kaum.

Jenny Schily: Ein aktuelles, ich glaube sogar zeitloses Thema scheint mir die Radikalisierung von Menschen zu sein, die sich vermeintlich für die Abgehängten der Gesellschaft einsetzen, deren 'radikale' politische Positionen aber nur in Form undifferenzierter, schablonenhafter Verallgemeinerung möglich sind. Dazu gehört zwingend auch ein Feindbild oder eine Bedrohung, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Heute kommt eine solche Radikalisierung eher aus dem rechten Spektrum. Natürlich ist auch die Macht und weitgehende Autonomie des Kapitalismus nach wie vor vorhanden und hat sich mit der Globalisierung immer weiter ausgebreitet, enthemmt und unanständig. 

Zwei Fragen an Hauptdarsteller Ulrich Tukur

Was hat Sie inhaltlich an ihrer Rolle des Hans-Georg Dahlmann interessiert?

Ein Mann mit Persönlichkeit und großem Verantwortungsgefühl versucht zu retten, was zu retten ist, in einer unerhörten Situation, die alle überfordert: Ein ganzer Staat wird abgewickelt. Dahlmann, der dem Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder nachempfunden ist, wird wie dieser zu einer tragischen Figur. Egal, was er tut, es wird ihm den Hass der einen oder der anderen Seite eintragen. Und doch muss diese Arbeit getan werden. Das sind Charaktere mit einer großen Fallhöhe und darum gut zu spielen,

Wie haben Sie Anfang der 90er Jahre die dritte Generation der RAF wahrgenommen?

Ich hatte in Reinhard Hauffs Film "Stammheim" in gewisser Weise mit der ersten Generation zu tun. Ich selbst wurde 1977 in Hamburg mit meiner damaligen Freundin nachts auf der Reeperbahn verhaftet, weil man uns für das Terroristenpärchen Christian Klar und Adelheid Schulz hielt, die der sogenannten zweiten Generation angehörten. Die Beamten, die uns angriffen, waren sehr nervös und die Situation spitzte sich so zu, dass sie leicht hätte kippen können. Ich erinnere diese Zeit als eine hysterisch überhitzte, schrecklich blöde Zeit, in der man nicht miteinander sprach oder stritt, sondern im Vollgefühl moralischer Überlegenheit die jeweils andere Seite zu vernichten suchte. Mit der dritten Generation hatte ich schon gar nichts mehr am Hut.

Statements der Schauspieler Maximilian Brückner, Suzanne von Borsody, Stefanie Stappenbeck, Christoph Bach, Bernadette Heerwagen und Alexander Held

Über persönliche Erinnerungen an die Zeit Anfang der 90er Jahre

Alexander Held (Dr. Rautenbach, Treuhandangestellter, der Geschäfte hinter Dahlmanns Rücken macht):
Die 90er Jahre – viel Licht, viel Schatten, Zeit im Wandel. Auch die RAF war im Umbruch. Mordete aber bis zu ihrer Auflösung 1998 unaufhaltsam weiter. Die Treuhand sollte für "blühende Landschaften" sorgen. Aber das war, trotz aller Bemühungen, schon im Ansatz aussichtslos. Viele Betriebe waren völlig marode und hatten keine Überlebenschance. Andere wurden von zum Teil skrupellosen Investoren aufgekauft und tausenden von Arbeitnehmern blieb nur der Gang zum Arbeitsamt.
In Berlin waren die Zeichen der Veränderung wohl am deutlichsten Tag für Tag aufs Neue zu erkennen. Von dort aus verfolgte ich damals das Geschehen und war, bis zu ihrer Schließung 1993, an der Freien Volksbühne engagiert. Daraufhin wechselte ich vor die Kamera.

Über das inhaltliche Interesse an Film und Rolle

Stefanie Stappenbeck (Assistentin des leitenden BKA-Ermittlers Kawert):
Als mich Jutta Lieck, die Produzentin von Network Movie, anrief und von ihrem Projekt "Der Mordanschlag" erzählte, war ich sofort Feuer und Flamme. Das Thema und die These, die dieser Film erzählt, haben mich extrem interessiert. Bei einem solchen Projekt dabei zu sein, ist mir dann fast wichtiger als die Art der Rolle.
Wir wissen einiges über die Treuhand und wieviel Schindluder dort in den 90er Jahren getrieben wurde, aber eine Geschichte wie "Der Mordanschlag" wurde uns noch nie so erzählt. Ich finde sie absolut schlüssig, überzeugend und mitteilenswert! Denn wie hieß einer der Schlüsselsätze aus der Watergate-Affäre? "Follow the money." Alles andere ist meistens nur Vertuschung.

Maximilian Brückner (Andreas Kawert, leitender BKA-Ermittler):
Ich fand die private Seite des Ermittlers interessant. Das Problem, jeden Tag zur Arbeit gehen zu müssen und seine Ex-Frau samt neuem Freund am Arbeitsplatz anzutreffen.

Suzanne von Borsody (Sandra Wellmanns Mutter):
Was mich immer interessiert: Die Entwicklung eines Menschen. Die Mutter, die in ihrer fast anthropologischen Sanftheit versucht, ihre beiden Töchter zu guten, aufrechten, liebevollen Menschen zu erziehen und gegen Ende feststellen muss, dass sie eine Mörderin großgezogen hat. Die Szene, in der ich als Mutter die Witwe Dahlmann und ihre Tochter besuche, war das, was meine Rolle ausmacht und der Beweggrund, warum ich sehr gerne zugesagt habe.

Bernadette Heerwagen (Iris Kawert, Leiterin der Spurensicherung und Noch-Ehefrau des leitenden Ermittlers):
Zunächst einmal habe ich mich sehr gefreut, wieder einmal mit Miguel Alexandre arbeiten zu können. Sein Filmdebut war auch mein Filmdebut: "Nana" (1995). Wir haben danach noch ein paarmal miteinander gedreht, aber der jüngste Film war dann doch schon ein paar Jahre her.
Historische Stoffe interessieren mich grundsätzlich, lebendiger Geschichtsunterricht sozusagen, nur eben nicht so trocken, man ist mittendrin im Geschehen. Iris Kawert, meine Figur in diesem Film, hat mich sofort angesprochen. Sie beleuchtet auch den persönlich, privaten Hintergrund des Kommissars Kawert, den Maximilian Brückner spielt.

Über die Annäherung an die Rolle als RAF-Terrorist:

Christoph Bach (Klaus Gelfert, Bomben und Waffenexperte der RAF):
Klaus Gelfert, den ich spiele, ist eine fiktive Figur, die zur dritten Generation der RAF gehört. Über die dritte Generation ist wenig bekannt. Um mich der Figur anzunähern, habe ich mir Fragen gestellt, zum Beispiel: Wie ist das, wenn einer sich in einem dauernden Kriegszustand befindet, und was macht er am Abend nach einem erfolgreichen Attentat? Wie rechtfertigt er die Anwendung von Gewalt in seinem politischen Kampf? Bewegt sich da manchmal ein Pendel zwischen Reue und voller Überzeugung? Wie geht derjenige mit Zweifeln und Gefühlen der Sinnlosigkeit um, wenn gleichzeitig jede Umkehr ins "normale Leben" unmöglich geworden ist? Und schließlich: Spielen diese Fragen für denjenigen überhaupt eine Rolle?

Radio-O-Töne von Petra Schmidt-Schaller und Maximilian Brückner

Hier finden Sie die >Radio-O-Töne von Petra Schmidt-Schaller:

1. Frau Schmidt-Schaller, was hat Sie inhaltlich an "Der Mordanschlag" interessiert?

Mich hat vordergründig meine Figur interessiert, und als ich die erste Buchfassung gelesen hab, habe ich direkt danach mit dem Regisseur, dem Miguel Alexandre telefoniert und ihm ganz kurz erklärt, woran ich interessiert wäre und was ich noch nicht im Buch sehe. Diese drei Pole, zwischen denen die Figur hin- und hergerissen ist – und zwar ihrem Kind, der Liebe zu ihrem Mann und der Ideologie –, das hat er, finde ich, sehr gut umgesetzt, weil ich am Anfang gesagt habe: Ich glaube, ich kann das nicht spielen, wenn ich nicht im Ansatz verstehe, warum sie ihr Kind aufs Spiel setzt. (0:37)

2. Ihre spannende Figur ist das Eine, was hat Sie darüber hinaus an der historischen Komponente des Films fasziniert?

Mich hat zuerst die Figur interessiert, aber dann kam natürlich die ganze Geschichte, die ich gar nicht bewusst erlebt habe. Weil bei mir war vielleicht noch ein bisschen von der Treuhand durch die symbolische eine D-Mark in Erinnerung, das habe ich auch viel gehört damals nach der Wende. Aber was uns dann eher beschäftigt hatte war der Golfkrieg und nicht die RAF, das war dann schon eher durch. Aber dieses Attentat hatte ich dann auf dem Schirm, weil ich mich danach sehr intensiv mit der Wendezeit beschäftigt hatte, das blieb mir in Erinnerung. Und diese Brutalität, das hat mich schockiert. Und dieser gesamte politische Unterbau dieser Geschichte ließ mich dann zusagen und mich mit der Recherche beginnen. (0:50)

3. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie beim Lesen des Drehbuchs von der möglichen Verwicklung der Stasi in den Fall Rohwedder erfahren haben?

Das war, glaube ich, auch eine meiner ersten Fragen an den Miguel: Entschuldige, aber das mit der Stasi, wo ist denn das hergezogen? Und er sagte: Nein, wirklich! Und dann bin ich in die Recherche eingestiegen und dachte: Wow. Und das macht es natürlich sehr spannend und lässt auch viele Fragen offen. Es gibt immer noch Treffen alter Stasiagenten und -mitarbeiter. Klar, das ist ja auch ein Leben für die. 91 war immer noch eine sehr diffuse und schlitternde Zeit. (0:35)

 4. Wie haben Sie persönlich die Geschehnisse Anfang der 90er Jahre wahrgenommen?

Ich war neun, als die Mauer fiel, 1991 war ich elf – für mich war das ein einziger Umbruch. Um es jetzt vereinfacht zu sagen: Die ganzen 91er waren so, dass ich gelernt habe, "ich" zu sagen, wo ich vorher gelernt habe, "wir" zu sagen. Es war schon so, dass vorher ein großes Denken im Miteinanderleben geherrscht hat und danach war die Ansage: Wie geht es denn dir? Und noch weiter gesehen, in meinen Zwanzigern, wurde mir bewusst: Krass, ich lebe jetzt in einem Land und einer Kultur, wo es ok ist und sogar gewollt und gewünscht, seine Meinung zu sagen und sich zu erkennen zu geben. Und früher war das einfach auch gefährlich. Also dieses große Gut, was wir haben, die Presse- und Meinungsfreiheit, sollten wir nicht so einfach aufgeben, das kann ich aus so einer kleinen neunjährigen Erfahrung sagen. Und auch sonst war es nach der Wende ein ganz großer Umbruch, weil viele Ehen auseinander gegangen sind, viele haben ihre Jobs verloren, viele mussten sich neu orientieren. Also das war ein großes Tohuwabohu. Und ehrlich: Ich will nicht mehr in die Neunziger zurück. (1:08)

5. Der Film spielt im Jahr 1991. Warum ist er aus ihrer Sicht auch heute, 27 Jahre danach, noch so aktuell und relevant?

Zu sehen, wie weit einen eine Ideologie oder ein Glaube bringen kann. Und zu sehen, dass es einen sogar so weit bringen kann, über Leichen zu gehen beziehungsweise es reicht ja schon, dass es einen blind werden lässt, ich denke das ist etwas, was man in diesem Film sehen kann. Zu sagen: Sobald ich spüre, dass ich möglicherweise blind gehandelt habe, lass mich doch nochmal aufhorchen. Und blind handeln heißt ja meistens, man hat nicht mitmenschlich gehandelt. (0:26)

6. Warum ist es aus Ihrer Sicht auch für die heutige Generation so wichtig, sich mit der Wendezeit Anfang der 1990er Jahre zu beschäftigen?

Dass der Mauerfall sich im nächsten Jahr zum 30. Mal jährt, ist etwas sehr Erfrischendes. Und ich glaube, dass dadurch so viele Stoffe im Fernsehen laufen werden, die diese Zeit aufarbeiten oder beleuchten – etwas Besseres kann uns, ehrlich gesagt, nicht passieren. Weil es so ein großer Umbruch war und wir erleben auch gerade einen  großen Umbruch. Ich glaube, die Aufarbeitung von 1989 lässt uns nochmal bewusster die Gegenwart erleben. (0:30)

 

Hier finden Sie >Radio-O-Töne von Maximilian Brückner:

1. Herr Brückner, die Umstände zum Mord an Detlev Karsten Rohwedder sind nach wie vor ungeklärt. Sowohl die RAF als auch alte DDR-Seilschaften kommen für den Anschlag auf den Treuhand-Chef in Frage. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Drehbuch gelesen haben?

Es war völlig verblüffend. Ich hatte so ein Halbwissen oder ein Viertelwissen von der Schule, wenn da überhaupt noch Zeit ist für diesen Teil der neueren deutschen Geschichte. Und als ich das Buch gelesen habe, hat mich das umgehauen. Dass man sein Kind stehen lässt für eine politische Überzeugung, das ist schon der Hammer, das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Deswegen fand ich das so interessant. Und was ich an meiner Figur so interessant fand: Bei dem passiert ja eigentlich gar nichts. Das fand ich irgendwie schon wieder gut und dachte, das ist ja auch eine Herausforderung. Denn der rennt ja jedes Mal gegen die Wand. Und das muss man ja auch spielen können, ohne dass die Leute sagen: Jetzt wird es mir zu fad. Das empfand ich als Herausforderung. (0:43)

 2. Im Anschluss an den zweiten Teil von „Der Mordanschlag“ zeigt das ZDF zudem noch eine Dokumentation, die den wahren Umständen des Attentats auf den Grund zu gehen versucht. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Aufarbeitung des Falles fast drei Jahrzehnte später?

Ich finde das ganz wichtig. Um einfach noch mal einen Überblick zu bekommen und dann noch in Zusammenhang mit der Dokumentation, die ja im Anschluss kommt, um das Ganze noch mal in Wissen und Nicht-Wissen und Fakten und Nicht-Fakten einzuordnen, das finde ich toll. Denn mir war das alles nicht bewusst. Das ist ja so ein bisschen Verschwörungstheoriemäßig. Ich bin eigentlich ein sehr rationaler Mensch und ich will an so etwas eigentlich gar nicht glauben. Aber manchmal sind verschiedene Fakten einfach so absurd, dass man sagen muss: Das kann jetzt nicht reiner Zufall gewesen sein. Keine Ahnung, was da los war. Aber das macht es ja gerade spannend, dass es keine klare Antwort darauf gibt. (0:36)

3. Der Film spielt im Jahr 1991. Warum ist er aus Ihrer Sicht auch heute noch so aktuell und relevant?

Ich glaube, das Problem, dass sich die Leute radikalisieren, geht nie weg. Ich finde es ja wahnsinnig toll, wenn man für eine Idee auf die Straße geht und dafür kämpft. Aber es gibt auch eine Gratwanderung und irgendwann überschreitet man eine Linie. Und die überschreiten die halt maßlos. (0:16)

4. Die von Petra Schmidt-Schaller gespielte Sandra Wellmann geht ja sogar soweit, ihr Kind sitzen zu lassen, um ihrer Ideologie zu folgen. Für Sie nachvollziehbar?

Sein Kind für eine politische Überzeugung hinten stehen zu lassen, beziehungsweise seine Kinder wie die Ulrike Meinhof – also ich kann mir das nicht vorstellen. Denn das einzige, was aus meinem Gefühl Sinn macht, sind Kinder. Das ist ja die Zukunft. Wenn nicht die etwas verändern können, wer dann? (0:18)

5. Ulrich Tukur spielt den Treuhand-Chef, der im ZDF-Film Hans-Georg Dahlmann heißt. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihm erlebt?

Ich habe ja meine ersten Filme mit ihm gedreht und das war ja auch ein Grund, warum ich sofort zugesagt habe. Nein, er hat einfach einen Charme und schafft es, dieses Historische einzubauen und hat einfach so eine Leichtigkeit dabei, das hat nie so etwas von: Mir geht es so schlecht und ich leide. Das kann er einfach, er ist ein Gesamtkunstwerk. (0:23)

6. Wie war es denn für Sie, in die Zeit, Anfang der 1990er Jahre einzutauchen, speziell was die Kostüme betrifft?

Das war grauenhaft, die wurden ja damals völlig verarscht, was die Klamotten betrifft (lacht). Alles zu groß und in diesen grau-in-grau-Tönen, also ich finde es grauenhaft. Ich weiß, das kommt jetzt wieder, aber ich bin schon mehr ein Freund von kräftigen Farben. Aber irgendwie war es auch wieder cool, denn es ist ja ein historischer Film und es macht schon Spaß, historisch zu drehen. (0:21)

 

Die Interviews führte Hannes Brühl

Weitere Informationen

Fotos über: Telefon: (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/mordanschlag

Impressum

ZDF Hauptabteilung Kommunikation
Presse und Information
Verantwortlich: Alexander Stock
E-Mail: pressedesk@zdf.de
© 2018 ZDF

Ansprechpartner

Name: Dr. Birgit-Nicole Krebs
E-Mail: presse.berlin@zdf.de
Telefon: (030) 2099 1096