Copyright: ZDF / Georges Pauly
Copyright: ZDF / Georges Pauly

Deutschstunde

Nach dem gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz

Mit Siegfried Lenz' Roman "Deutschstunde" (1968) verfilmte Regisseur Christian Schwochow einen der großen Welterfolge der deutschen Nachkriegsliteratur für das Kino. Es geht um Repression und die Zerstörung menschlicher Beziehungen in einem autoritären System. Zugleich hat der Stoff überzeitliche Qualität: Zwei Freunde werden erbitterte Feinde, und zwischen ihnen steht ein elfjähriger Junge, der von beiden geliebt werden will. Ulrich Noethen spielt den Polizisten Jepsen, Tobias Moretti den Maler Nansen und Levi Eisenblätter den jungen Siggi.

  • ZDF, Montag, 11. Oktober 2021, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Ab Montag, 10. Oktober 2021, 10.00 Uhr, bis 18. Oktober 2021 (Stand:31.8.21)

Texte

Stab, Besetzung, Inhalt

ZDF: Montag, 11. Oktober 2021, 20.15 Uhr
ZDFmediathek: ab Montag, 4. Oktober 2021, 20.15 Uhr
Deutschstunde
Nach dem gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz

Drehbuch_____Heide Schwochow
Regie_____Christian Schwochow
Kamera_____Frank Lamm
Szenenbild_____Tim Pannen
Kostüm_____Frauke Firl
Schnitt_____Jens Klüber
Musik_____Lorenz Dangel
Produzenten_____Jutta Lieck-Klenke, Dr. Dietrich Kluge, Ulf Israel
Förderer_____Film- und Medienstiftung NRW, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, der FFA, dem DFFF und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM)
Redaktion_____Daniel Blum
Sendelänge_____circa 116 Minuten

Die Rollen und ihre Darsteller
Jens Ole Jepsen_____Ulrich Noethen
Max Ludwig Nansen_____Tobias Moretti
Siggi Jepsen (Kind)_____Levi Eisenblätter
Ditte Nansen_____Johanna Wokalek
Gudrun Jepsen_____Sonja Richter
Hilke Jepsen_____Maria Dragus
Siggi Jepsen (Jugendlicher)_____Tom Gronau
Klaas Jepsen_____Louis Hofmann

Eine Produktion der Network Movie Film- und Fernsehproduktion, Jutta Lieck-Klenke und Senator Film Produktion in Koproduktion mit dem ZDF im Verleih von Wild Bunch Germany

Inhalt
Deutschland, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Siggi Jepsen, ein junger Mann, muss in einer Strafanstalt einen Aufsatz zum Thema "Die Freuden der Pflicht" schreiben. Er findet keinen Anfang, das Blatt bleibt leer. Als er die Aufgabe am nächsten Tag nachholen muss, diesmal zur Strafe in einer Zelle, schreibt er wie besessen seine Erinnerungen auf. Erinnerungen an seinen Vater Jens Ole Jepsen, der als Polizist zu den Autoritäten in einem kleinen norddeutschen Dorf zählte und den Pflichten seines Amtes rückhaltlos ergeben war. Während des Zweiten Weltkriegs muss er seinem Jugendfreund, dem expressionistischen Künstler Max Ludwig Nansen, ein Malverbot überbringen, das die Nationalsozialisten gegen ihn verhängt haben. Er überwacht es penibel, und Siggi, elf Jahre alt, soll ihm helfen. Doch Nansen widersetzt sich – und baut ebenfalls auf die Hilfe von Siggi, der für ihn wie ein Sohn ist. Der Konflikt zwischen den beiden Männern spitzt sich immer weiter zu – und Siggi steht zwischen ihnen. Anpassung oder Widerstand? Diese Frage wird für Siggi entscheidend.

Interview mit Regisseur Christian Schwochow

Was hat Sie an dem Roman "Deutschstunde" fasziniert?

Ich habe das Buch vor etwa zehn Jahren gelesen und empfand es als stark, als eines der ungewöhnlichsten Bücher über den Zweiten Weltkrieg. Man hat ja das Gefühl, darüber schon alles gesehen zu haben, und man denkt, das ganze Elend wurde schon filmisch aufgearbeitet. Aber Lenz erzählt in "Deutschstunde" eine Geschichte über den Zweiten Weltkrieg, ohne ihn in den üblichen Bildern zu beschreiben. Was wir gemeinhin mit dem Zweiten Weltkrieg assoziieren – Hakenkreuzfahnen, Marschierende, die Leichenberge von Auschwitz –, schildert Lenz in Metaphern, er schafft ganz eigene Bilder und Assoziationen – und deshalb hat es mich ganz anders ergriffen. Er schafft in "Deutschstunde" eine modellhafte Situation zwischen zwei Männern und einem Kind, die auf eindringliche Weise beschreibt, wie das Gift des Faschismus und der Ausgrenzung wie eine immer schlimmer werdende Krankheit um sich greift und Menschen und Beziehungen zerstört.

Ist der Stoff insofern heute wieder besonders aktuell?

Unsere Gesellschaft hat schon fast akzeptiert, dass es wieder Diskriminierung und rassistische Ideen gibt. Antisemitismus, Ausgrenzung und Abgrenzung gewinnen eine gewisse Salonfähigkeit, auch in der deutschen Gesellschaft nehmen antidemokratisches Denken und Fühlen zu. Ohne dramatisieren zu wollen: Ich sehe heute Parallelen zur Weimarer Republik. Und ich habe das Gefühl, dass diese Geschichte eine aufklärerische Funktion haben kann.

Der Roman ist sehr umfangreich. Wie schwierig war es, daraus einen Film zu machen?

Die Kunst ist es, den Roman in seinem Kern ernst zu nehmen, auch das Spezielle in seiner Bildhaftigkeit zu bewahren und den Film dennoch zu einer eigenen Geschichte zu machen. Wir haben versucht, aus Siggi eine modernere Figur zu machen, jemanden, der schwer verletzt ist durch den Krieg. Und man muss natürlich immer entscheiden, wo man verdichten kann.

Im Film wird die Geschichte noch exemplarischer und überzeitlicher angelegt als im Roman.

Die modellhafte Situation ist auch bei Lenz bewusst nicht naturalistisch. "Deutschstunde" wird so zu einer universellen Parabel, die uns nicht in der Sicherheit wiegt, eine abgeschlossene Geschichte zu verfolgen. Im Drehbuch haben wir versucht, das Exemplarische noch zu verstärken, um diese Geschichte in die Gegenwart zu holen.

Ein wichtiger Aspekt des Romans ist die Kontinuität von der NS- in die Nachkriegszeit: Siggi ist auch nach dem Krieg in autoritären Strukturen gefangen.

Das ist ein wichtiges Thema der Geschichte: wie bestimmte Verhältnisse weiterbestehen, wie manche Menschen zwar die Uniform und das Parteibuch wechseln, sich aber letztlich ähnlich verhalten wie zuvor. Auch nach dem Krieg gab es Hörigkeitsdenken gegenüber Autoritäten. Manche Menschen funktionieren nur, wenn ihnen Dinge von oben vorgegeben werden. Siggi droht daran zu zerbrechen.

Inwiefern haben Sie Lenz’ Metaphorik aufgegriffen?

Wir sehen viele Bilder des Romans auch im Film – zum Beispiel die Möwen. Aber ich habe es als meine Aufgabe empfunden, auch eigene Bilder zu finden, die die Lenz’sche Erzählwelt bereichern. Es gibt neue Metaphern wie die Tierkadaver und -knochen, die Assoziationen von Vernichtung wecken. Andere Bilder sollen eher assoziative Räume öffnen, ohne dass man sie eindeutig übersetzen könnte. Man sollte sie auch gar nicht erläutern, sonst würde man die Assoziationsräume kleiner machen, als sie gedacht sind.

Welche Rolle spielt die Landschaft im Film?

Eine große. Wir erzählen von einer Welt ganz am Rande von Deutschland, wo der Krieg nicht so sichtbare Spuren hinterlassen hat. Diese Welt hat etwas Apokalyptisches. Wir schildern sie als ein Labyrinth aus Dünen, Watt, Meer, Äckern. Das ist eine Welt mit unheimlich viel Luft und Freiheit – und gleichzeitig für Siggi ein Ort, dem er nicht entkommen kann.

Inwiefern haben Sie sich bei der Motivsuche am Roman orientiert?

Wir hatten den Roman immer dabei und fragten, welche Bilder er uns bietet. Das war bei der Arbeit am Drehbuch der Fall und bei der Vorbereitung der Motive und Szenen ebenfalls. Wir haben immer gefragt: Was sind die Bilder von Lenz? Natürlich mussten wir auch schauen, welche Drehorte wir überhaupt finden können. Die deutsche Nordseeküste eignet sich nur bedingt für den Dreh eines historischen Films. Auch deshalb haben wir in Dänemark gedreht, dort haben wir einige Landschaften gefunden, die weniger verbaut sind. Sie haben eine poetische Schroffheit, außerdem ist dort weniger Tourismus. Wir haben im Mai gedreht, wenn an der deutschen Nordseeküste schon Hochsaison ist und man aufpassen musste, dass nicht ständig Leute mit rotgrauen Anoraks durchs Bild laufen.

Sie haben früh entschieden, dass bei Max Nansen nichts an Emil Nolde erinnern soll. Wieso stand das für Sie von vornherein fest?
Schon vor der großen öffentlichen Diskussion konnte man Texte von Nolde lesen – das haben wir getan. Es ist schon lange bekannt, dass er Antisemit und Nationalsozialist war, dass er stark gegen andere Künstler seiner Zeit vorgegangen ist und sie diskriminiert hat, dass er der Führung des Nationalsozialismus nahestand. Natürlich hat sich Lenz sehr von der realen Figur Emil Nolde inspirieren lassen, aber es ist keine Eins-zu-eins-Übersetzung. Es geht für mich in der "Deutschstunde" nicht um Nolde. Mich hat die universelle Geschichte interessiert und der große archaische Konflikt zwischen diesen beiden Freunden und dem Jungen in der Mitte. Selbst wenn Nolde kein Faschist, Antisemit, Nationalsozialist gewesen wäre, hätte mich das für diese Geschichte gar nicht interessiert. Das hätte die Geschichte viel kleiner gemacht.

Sie haben für den Film neue Bilder anfertigen lassen. Wie schwierig war das?

Wir haben für Max Nansen einen ganz eigenen Stil entwickelt, zeigen Gemälde aus verschiedenen Phasen seines Schaffens sowie einen Übergang vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit. Wir haben das mit unserer Chefmalerin Gabriele Winzen lange entwickelt. Es ist schwer, wenn man von einem sehr erfolgreichen Maler erzählt und dessen Bilder erfindet: Sie müssen eine eigene Stilistik haben – und etwas Meisterhaftes. Außerdem muss es glaubwürdig sein, dass der von Tobias Moretti gespielte Maler diese Formen und diese Farben verwendet. Deshalb entstanden die Bilder in einem monatelangen, schwierigen Prozess, die Maler mussten immer wieder etwas verändern.

Sie arbeiten bei dem Film zum fünften Mal mit ihrer Mutter Heide Schwochow zusammen. Wie hat sich diese ungewöhnliche Zusammenarbeit ergeben?

Seit ich ein Teenager war, hatten meine Mutter und ich einen tollen Austausch über Kunst, Literatur, Theater und Film. Sie war immer der beste Spiegel für Texte, die ich geschrieben habe oder für Fotos, die ich gemacht habe. Ich habe im Studium gemerkt, dass ich gern mit jemandem zusammen schreiben würde und in unseren Gesprächen haben wir gemerkt: Eigentlich könnten wir das doch mal zusammen versuchen. Und so haben wir das Drehbuchschreiben miteinander gelernt. Das hat bei den ersten beiden Filmen unheimlich gut funktioniert, und dann wurde daraus eine richtige Arbeitsbeziehung.

Wieso können Sie so gut miteinander arbeiten?

Wir haben einen ähnlichen Blick auf Menschen und Figuren. Man muss ja bei jedem neuen Autor herausfinden, ob das passt. Wir haben festgestellt, dass wir in vielen Dingen ganz ähnlich ticken. Außerdem haben wir einen sehr offenen Umgang miteinander, eine gute Streitkultur. Wenn wir uneins sind, wissen wir, dass wir das Problem lösen müssen, dann tragen wir den Konflikt aus und schieben ihn nicht vor uns her. Ich glaube, beim Film scheitern viele Arbeitsbeziehungen an Eitelkeiten und diese gibt es zwischen meiner Mutter und mir nicht.

Das Interview wurde zum Kinostart 2019 geführt

Interview mit Drehbuchautorin Heide Schwochow

Was hat Sie daran gereizt, das Drehbuch zu "Deutschstunde" zu schreiben?

Ich hatte "Heimatmuseum" und andere Bücher von Siegfried Lenz gelesen, aber "Deutschstunde" kannte ich nicht. Im Westen haben es fast alle in der Schule gelesen, aber in der DDR ist das Buch an vielen Menschen vorbeigegangen. Christian sagte mir, lies es mal. Ich fand die Grundkonstellation zwischen diesen zwei Männern und dem Kind toll. Das Besondere daran ist, dass die einzelnen Figuren in solche Extremsituationen geraten, in denen es schier unmöglich ist, das Richtige zu tun. Das ist bei einem Film die Höhe der Kunst. Und zwischen zwei Männern steht ein Kind, das von beiden geliebt werden will. Das ist eine Konstellation, die Stoff für einen großen Kinofilm bietet: mit großen Konflikten, großer Verzweiflung.

Inwiefern ist der Maler Max Nansen in einer Situation, in der er nicht richtig handeln kann?

Er muss malen, das ist seine Berufung: Aber er bringt dadurch sich und seine Familie in Gefahr. Das ist eine existenzielle Situation auf Leben und Tod, alles hat eine unheimliche Fallhöhe. Der Maler ist auf seine Art genauso obsessiv wie der Polizist. Das ist unheimlich stark: Beide können nicht anders. 

Wie haben Sie Lenz’ Zugang zum Dritten Reich empfunden?

"Deutschstunde" unterscheidet sich von vielen Geschichten über den Zweiten Weltkrieg. Ich finde toll, dass Lenz Gefahren über die Natur erzählt. Angriffe sind hier Angriffe von Möwen. Diese ganz eigene Metaphorik und Poesie haben mir gefallen. Und das ist sehr filmisch. "Deutschstunde" ist auch nicht so streng historisch, sondern erzählt von Menschen in existenziellen Situationen. 

Sie haben die Geschichte noch exemplarischer angelegt als im Roman.

Ja, ich habe kein Hitlerbild an die Wand geschrieben, es gibt kaum Nazis, die ihre Gesinnung zur Schau tragen. Es gibt Raum für Assoziationen, und dafür hat Lenz die Inspiration geliefert. Da gibt es etwa den Graben, in dem Siggi verfolgt wird, da hat man die Assoziation eines Schützengrabens im Kopf. Ich habe da immer an einen jungen Menschen gedacht, der viel zu jung ist, um im Krieg sein zu müssen. Dieses Symbolhafte hat mich sofort interessiert. Ich dachte mir: Daraus kann man einen inhaltlich tiefen, aber auch visuellen Film machen.

Stand von Anfang an fest, dass die Geschichte abstrakter, überzeitlicher angelegt wird?

Das mussten wir gar nicht besprechen, das wussten wir beide. Wir haben später darüber gesprochen, aber beim Lesen der Geschichte hatten wir von Anfang an das gleiche Gespür.

Was waren die größten Herausforderungen beim Schreiben?

Drehbuchentwicklung ist auch Trauerarbeit. Man will den Reichtum des Romans erhalten, aber man kann ein Buch nicht eins zu eins in ein anderes Medium übersetzen. In einem Drehbuch muss man den Stoff verdichten, man muss einen Kern finden. Mir wurde schnell klar, dass wir die Geschichte konsequent aus der Perspektive dieses Jungen erzählen müssen, der von allen Erwachsenen missbraucht wird: indem er funktionieren soll, beobachten soll, dem Bruder heimlich etwas zu essen bringen soll. Dadurch wurde es nicht leicht, aber leichter: Ich wusste, welche Stränge ich weglassen kann.

Sie haben einige Hauptcharaktere verändert. Wieso?

Lenz war sehr milde, mit dem Maler zum Beispiel. Er ist im Roman ein durchweg guter Mensch, ich dachte, im Film muss er Abgründe haben, wie der Polizist auch – keine einfachen Gegensätze von Gut und Böse. Und wir wussten sehr früh, dass wir keine historische Figur wie Emil Nolde erzählen wollten. Es war uns ja bekannt, dass er ein glühender Hitlerverehrer und auch ein Antisemit war. Aber auch die anderen Figuren sollten Widersprüche und Ambivalenzen haben. Gudrun zum Beispiel ist im Roman eine abartig böse Figur – ich kann keine Frauenfigur schreiben, die so holzschnittartig böse ist. 

War ihnen das von Anfang an klar oder hatten Sie ursprünglich mehr Werktreue beabsichtigt?

Mit Werktreue hätte man diesen Film nicht machen können. Aber ich denke, dass der Geist des Buches erhalten geblieben ist, das ist das A und O. Verändern muss man immer. Das ist der vierte Roman, den ich adaptiere. Man kann ein Buch nicht eins zu eins in ein anderes Medium übersetzen. Film ist ein Genre, das eine andere Form von Dramatik braucht. Außerdem lesen sich Dialoge in einem Roman oft gut, aber wenn man sie in ein Drehbuch übernimmt, funktioniert es in der Regel nicht. Einige habe ich übernehmen können, aber das war eher die Ausnahme. 

Sie arbeiten mit ihrem Sohn. Wie ist das für Sie?

Ich bin ein Glückskind in der Branche. Ich bin im Vorstand der Filmakademie und organisiere Veranstaltungen der Sektion Drehbuch. Mir ist schnell aufgefallen, dass Autoren und Autorinnen oft das Gefühl haben, mit viel zu wenig Respekt behandelt zu werden. Ich bin insofern ein Glückskind, weil ich sehr ernst genommen werde mit dem, was ich sage und schreibe. Ich kann mit Christian über vieles sprechen, auch über Besetzung, ich komme ja von der Regie. Wir haben manchmal zu dritt an dem Drehbuch gearbeitet, zusammen mit dem Kameramann Frank Lamm. Es ist schön, wenn man gemeinsam eine Vision entwickeln kann. In der Regel werden Autoren auch gar nicht mehr gefragt, wenn das Buch geschrieben ist. Das ist mit Christian anders, wir sind im ständigen Austausch. Ich habe auch die Muster und Schnittfassungen gesehen. Ich kann so dankbar sein, dass Christian eine solche Souveränität hat und die Autoren grundsätzlich immer am ganzen Prozess beteiligt. Ich fühle mich dem Film zugehörig und würde ihn auch als meinen ansehen. 

Wie haben Sie die Dreharbeiten wahrgenommen?

Ich war einige Tage beim Drehen dabei und habe es sehr genossen. Ich mochte die intensive Atmosphäre am Set und konnte einen Eindruck davon bekommen, wie sich unsere Handschriften vereinen. Ich konnte, ehrlich gesagt, auch loslassen und einfach nur zuschauen, wie ein ganzes Team interpretiert, was vorher im Schreibstübchen entstanden ist. Ich habe dabei auch gemerkt, dass es gut ist, ein Drehbuch im permanenten Austausch mit Christian und auch mit Frank zu entwickeln, und beim Schreiben immer schon über Machbarkeit nachzudenken hat viel gebracht. 

Und wie nehmen Sie den fertigen Film wahr?

Ich mag den Film. Ich mag die Bildkraft. Und finde gut, dass im Schnitt nochmal stark verdichtet wurde. Das ist ja manchmal für Autoren schwierig, weil man denkt, das ist ja alles so wichtig. Aber es ist dramaturgisch besser geworden. Was ich auch interessant finde: Siggi ist im Film ein Junge, der am Anfang gar nicht so leicht zu fassen ist. Er ist nicht klein und niedlich, so hätte Christian ihn ja besetzen können, so hatte ich ihn eigentlich auch eher gesehen. Aber dieser Siggi entzieht sich einer klaren Zuordnung. Er zeigt erst mal wenig Emotion, um sich selbst zu schützen. Wenn er sie dann zeigt, dann geht es umso mehr unter die Haut. Ich finde, der Film hat eine große Wucht.

Das Interview wurde zum Kinostart 2019 geführt

Fragen an Ulrich Noethen (Jens Ole Jepsen)

Wie haben Sie den Roman "Deutschstunde" empfunden?

Das ist ein starkes Stück Literatur mit starken Ideen. Die Geschichte ist beeindruckend, es gibt so viele Facetten, so viele Zwischentöne. Es ist nicht einfach, ein Urteil zu fällen – das gefällt mir. 

Sie spielen den Polizisten Jens Ole Jepsen. Wie steht dieser zu seinem Sohn Siggi?

Er hat eine schlichte Auffassung von Erziehung: Der Mensch muss etwas Brauchbares werden. Da fragt man natürlich: brauchbar für wen, für welchen Zweck? Ich würde Jens Ole Jepsen nicht unterstellen, dass er seinen Sohn nicht liebt, aber er ist voller Erwartungen. Erschütternd ist, dass er versucht, seinen Sohn zu instrumentalisieren und zugleich hofft, ihn dadurch auf den richtigen Weg zu bringen. Und dramatisch ist, dass der Sohn seinen Vater liebt und deshalb zwischen den unterschiedlichen Interessen zerrieben und völlig aus der Bahn geworfen wird. Das ist eine starke Idee von Lenz. 

Wie war es, in der weiten Landschaft an der Nordsee zu drehen?

Diese Landschaft bietet sich ja geradezu an, um Kinobilder zu produzieren. Sie hat Kraft und eine bestimmte Stimmung. Die Weite, das Meer, das flache Land, die Marsch: Das hat etwas Archaisches. 

Gab es Überlegungen, im norddeutschen Dialekt zu drehen?

Von Lenz war es so gedacht, dass es nicht nur hier oben spielt, sondern die Leute auch entsprechend reden. Aber die Gefahr ist, dass es zu einem Heimatstück wird. Dialekt kann ja etwas Niedliches haben. Um den Parabelcharakter zu betonen, haben wir uns für Hochdeutsch entschieden – mit kleinen Ausreißern. 

Wie war die Atmosphäre an Christian Schwochows Set?

Schon bei unserer gemeinsamen Arbeit an "Die Unsichtbare" war ich überrascht, mit welcher Leichtigkeit und Freundlichkeit diese Dreharbeiten ablaufen können, selbst wenn es ans Eingemachte geht. Es zeichnet einen Regisseur aus, wenn er in Situationen, in denen andere nervös werden, die Ruhe bewahrt und immer noch in der Lage ist, auf die Leute zuzugehen und einzugehen, freundlich und zugewandt zu bleiben. Das ist eine große Qualität.

Das Interview wurde zum Kinostart 2019 geführt 

Fragen an Tobias Moretti (Max Ludwig Nansen )

Was ist für Sie der Kern der Geschichte?

"Deutschstunde" ist eine dramatische Essenz über den Irrsinn von Opportunismus und den Irrsinn, wie schnell wir konform werden. Der Film ist wie ein Gemälde: Er stellt ein paar Figuren mitten in die erniedrigendste Situation unserer Geschichte, und man schaut wie durch eine Lupe auf dieses Tableau von Getriebenen, Verfolgern und Verfolgten. Man ist berührt und entsetzt zugleich, so dass einem der Atem stockt. Die historische Katastrophe wird sichtbar und auch fühlbar in der Zerrüttung und dem Zugrunderichten alles Menschlichen.

Sie haben mit Christian Schwochow bereits bei "Bad Banks" zusammengearbeitet. Wie nehmen Sie seine Herangehensweise an "Deutschstunde" wahr?

Christian Schwochow hat gemeint, dass er eine ganz eigene Ästhetik verwenden möchte, eine Ästhetik, die sich ganz dieser Geschichte anheimgibt. Und es ist ihm gelungen. Hier ist alles überhöht, auch durch diese abstrakt expressive Landschaft, in der das Auge alle Linien verliert. Ich habe lange nicht mehr erlebt, dass man sich einer solchen bildlichen Sprache, einer solchen Dramatik bedient, wie Schwochow und Frank Lamm sie gebaut haben. Dadurch wurden Szenen, wie zum Beispiel der "Leichenschmaus", ein stiller Schrei der Szenerie, wie ein Čechov oder ein van Gogh, da war man als Schauspieler sofort am Nerv dieser Abgründe. Der Film entfaltet eine Atemlosigkeit, eine dramatische Wucht.

Wie war die gemeinsame Arbeit mit dem Drehbuch?

Wir hatten vor den Dreharbeiten ein, zwei Proben, in denen wir noch etwas modifiziert haben, wenn wir den Eindruck hatten, dass hier und da zu viel oder zu wenig gesagt wird. Aber das Drehbuch war schon so dicht und so auf den Punkt, dass es eine seltene Freude war. Und die Besetzung ist großartig: Sonja Richter ist als Gudrun eine Wucht in ihrer sprachlosen Anarchie. Johanna Wokalek, ohnehin eine der vielschichtigsten Schauspielerinnen, ist als Ditte von solch verlorener, kranker, zarter und jenseitiger Poesie, in der alle Flammen noch einmal aufflackern, obwohl sie schon verloschen sind. Und die Figur von Ulrich Noethen, diesen Jens, möchte man in seiner Erbärmlichkeit fast umarmen. Auch alle anderen Figuren, Siggi, Hilke, Klaas – in ihrem stummen Überlebenstrieb, sind sie wie ein Generalangriff gegen das Hilflose. Ich war ganz einfach fasziniert von allen Kollegen. Wenn man als Darsteller ein Instrumentarium für einen Regisseur wie Christian Schwochow ist, dazu mit einem solchen Drehbuch, ist das ein Berufsglück seltener Art. Überhaupt, dieser ganze Film ist eine unerwartete Liebeserklärung an Deutschland, in seiner ganzen zerrissenen Geschichte und Kultur.

Das Interview wurde zum Kinostart 2019 geführt 

Weitere Informationen

Fotos: Telefon: (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/deutschstunde

Impressum

ZDF Hauptabteilung Kommunikation
Presse und Information
Verantwortlich: Alexander Stock
E-Mail: pressedesk@zdf.de
© 2021 ZDF 

Kontakt

Name: Dr. Birgit-Nicole Krebs
E-Mail: presse.berlin@zdf.de
Telefon: (030) 2099 1096