Ein großer Aufbruch

Der Fernsehfilm der Woche

Als Holm seine Töchter und seine Freunde zu einem Essen einlädt, ahnt nie­mand, dass dies ein Abschied für immer werden soll. Holm ist schwer erkrankt ist und möchte seinem Leben schon bald ein Ende setzen. An diesem Abend wird abgerechnet: alte Wunden brechen auf und lange gehütete Geheimnisse kommen ans Tageslicht. Matti Geschonneck inszenierte den Ensem­blefilm mit Matthias Habich, Ina Weisse, Katharina Lorenz, Matthias Brandt, Edgar Selge, Ulrike Kriener und Hannelore Elsner nach dem Drehbuch von Magnus Vattrodt.

  • ZDF, Montag, 16. November 2015, 20.15 Uhr

Texte

Schauspielerfilm par excellence

Matti Geschonneck ist, das darf man sagen, ein Meister seines Faches und in den unterschiedlichsten Genres zu Hause. "Ein großer Aufbruch" heißt sein neuer Fernsehfilm, bei dem der Aus­spruch "Never change a winning team" mehr denn je zutrifft. Denn erneut haben sich Regisseur Matti Geschonneck und Drehbuch­autor Magnus Vattrodt zusammengetan, um sich nach "Das Zeugenhaus" eines Projektes anzunehmen, in dem es um ein ernstes Thema geht: um das Abschied nehmen und das Sterben. Doch wer ein reines Drama erwartet, wird überrascht sein. In sei­nem eindrucksvollen Ensemblestück vereint Geschonneck sieben hochkarätige Schauspieler vor der Kamera, die den Zuschauer auf eine ganz besondere Reise mitnehmen.

Matthias Habich ist Holm. Unheilbar krank, möchte er seinem Le­ben ein selbstbestimmtes Ende setzen und Sterbehilfe in An­spruch nehmen. In seinem Haus am Chiemsee will er seine Fami­lie und Freunde um sich versammeln und sich von ihnen verab­schieden. Doch die Wunschvorstellung eines letzten harmoni­schen Beisammenseins im Kreise seiner Liebsten wird sich für Holm nicht erfüllen. Unvermeidbar kommt es zum Eklat, als sich der Gastgeber mit unausgesprochenen Wahrheiten, harten Vor­würfen und lange Verdrängtem konfrontiert sieht.

Eingeladen hat Holm die engsten und wichtigsten Menschen in seinem Leben: Marie ist die älteste Tochter. Ina Weisse spielt die kluge, selbstbewusste Karrierefrau, die sich und ihren Mitmen­schen überaus kritisch gegenüber steht. Dass sie unter einem Vorwand zu dem Treffen gelockt wurde, ist nur ein Grund dafür, nichts als nur Verachtung für ihren Vater zu empfinden. Mit ihrer scheinbaren Emotionslosigkeit ist Marie das genaue Gegenteil ihrer jüngeren Schwester Charlotte. Katharina Lorenz verkörpert eine herzliche Optimistin, deren Lebensfreude und Unbeküm­mertheit nach der bestürzenden Nachricht über den bevorstehen­den Verlust schwindet. Zwei langjährige Freunde des Sterbewilli­gen sind Katharina und Adrian. Grandios geben Ulrike Kriener und Edgar Selge ein ungleiches Paar, dessen Ehe mehr denn je auf dem Prüfstand steht, als alte Geheimnisse gelüftet werden. Hannelore Elsner begeistert als Ella, die Ex-Frau von Holm. Mit ihrer Familie verbindet sie eine selbstverschuldete tragische Ver­gangenheit. Allein durch ihr plötzliches Auftauchen sorgt sie für zusätzlichen familiären Zündstoff, und insbesondere von einem der Anwesenden wird ihr nichts als blanker Hass entgegenge­bracht. Die Riege der herausragenden Schauspieler wird kom­plettiert von Matthias Brandt als Heiko. Als Außenstehender gerät er unverhofft in das explosive Spannungsfeld gegenseitiger An­schuldigen und Feindseligkeiten - und wird diese durch seine iro­nischen Kommentare befeuern.

Matti Geschonneck inszeniert diesen großartigen Schauspieler­film als intensives Kammerspiel, das seine Wirkung nicht verfehlt. Temporeich werden die präzisen und nahen Bilder (Kamera: Martin Langer) in hoher Schnittfrequenz montiert (Cutterin: Eva Schnare).

Der geschickt verdichtete Film entzieht sich einer festen Genre­zuordnung. "Ein großer Aufbruch" ist in erster Linie ein Familien­film, in dem sich starke emotionale Szenen finden, die zutiefst betroffen machen. Das Drama wird jedoch fortwährend von komi­schen Momenten durchbrochen, in denen Ironie und Zynismus ineinander übergehen, wenn zum Beispiel beim gemeinsamen Essen bitterböse Blicke und Worte schonungslos um den Tisch fliegen. Emotionale Hochspannung, packende Dramatik und beste Fernsehunterhaltung sind dabei garantiert!

Stefanie von Heydwolff
HR Fernsehfilm/ Serie I

Ein großer Aufbruch – Stab, Besetzung, Inhalt

Regie           Matti Geschonneck
Buch  Magnus Vattrodt
Kamera       Martin Langer
Ton       Uwe Schiefer
Szenenbild         Thomas Freudenthal
Kostüm          Natascha Curtius-Noss
Schnitt        Eva Schnare
Musik      Marco Meister, Robert Meister
Produktionsleitung     Barbara Josek
Produzenten            Wolfgang Cimera, Silke Schulze-Erdel
Produktion        Network Movie, Köln
Redaktion      Reinhold Elschot, Stefanie von Heydwolff

Länge

ca. 89 Min.

 

Die Rollen und ihre Darsteller

Holm        Matthias Habich
Ella           Hannelore Elsner
Marie     Ina Weisse
Charlotte        Katharina Lorenz
Katharina     Ulrike Kriener
Adrian     Edgar Selge
Heiko    Matthias Brandt

Inhalt

"Ein großer Aufbruch" erzählt die Geschichte einer Familie, aus der sich Holm mit einem letzten großen Auftritt verabschieden möchte.

Man könnte denken, Holm habe ein langes, erfülltes Leben hinter sich. Als er seine Töchter und seine Freunde zu einem Essen in sein Haus am Chiemsee einlädt, ahnt niemand, dass dies ein Abschied werden soll: Holm sagt ihnen, dass er schwer erkrankt ist und seinem Leben schon bald ein Ende setzen möchte. Mit großer Geste möchte er noch einmal durch seine Vergangenheit reisen und sein erfolgreiches Leben Revue passieren lassen.

Doch das Treffen verläuft ganz anders als geplant. An diesem Tag wird abgerechnet: alte Wunden brechen auf, lange gehütete Geheimnisse kommen ans Tageslicht, die unterschiedliche Sicht der Menschen auf sich, die anderen und das Leben führt zu har­tem Streit und zu so mancher Überraschung.

Humor und das Sterben – passt das zusammen?

Statement von Produzent Wolfgang Cimera

Der Tod lehrt uns, welche Beziehungen am Ende von Bedeutung sind. Es wird klar, wer wichtig ist. Dieser Frage hat sich unser Protagonist Holm (Matthias Habich) gestellt und die wichtigsten Menschen in seinem Leben um sich versammelt, um ihnen mit­zuteilen, dass er sich entschieden hat, sein Leben so selbstbe­stimmt zu beenden, wie er es geführt hat. Was als Feier zum Ab­schied des Lebens geplant war, entgleitet mehr und mehr und wird zu einer großen Abrechnung mit den angehäuften Lebenslü­gen.

Wer nun ein ausschließlich ernstes Drama zum Thema Sterben und Tod erwartet, wird vielleicht überrascht sein, dass in der neu­esten Regiearbeit von Matti Geschonneck neben sehr nachdenk­lichen Momenten auch der Humor nicht zu kurz kommt.

Wieviel Humor aber verträgt das Sterben? "Die Menschen haben gegen die Widrigkeiten des Lebens drei Dinge zum Schutz – das Hoffen, das Schlafen und das Lachen" (Kant). Auch wenn einem das Lachen manches Mal im Halse stecken bleibt, begegnet der Autor Magnus Vattrodt der Angst vor der Widrigkeit Tod mit fei­nem und unterschwelligem Dialogwitz. Denn Lachen ist auch eine Form, mit Angst umzugehen. Aber guter Humor ist eben auch Wahrheit, ist kondensierte Lebenswirklichkeit. In diesem Sinne nähert sich "Ein großer Aufbruch" der Entschlüsselung der kom­plexen Beziehungen unserer Charaktere von mehreren Seiten. Unsere Hauptfigur Holm neigt dazu, sich sein Sterben schön zu reden und sich selbst zu betrügen. Aber warum auch nicht? Ge­hört nicht auch das zum Selbstbestimmten eines Freitods? Frei­lich funktioniert das nur, wenn einen die geliebten Menschen da­mit durchkommen lassen. Und dies scheint der größte Irrtum von Holm zu sein – denn sie lassen ihn nicht damit durchkommen. Die letzte Gelegenheit, das Bild seines Lebens zu formen und in der Erinnerung der anderen zu balsamieren, wird ihm verweigert.

Holm muss erfahren, dass nur diejenigen Kontrolle über die Le­genden ihres Lebens behalten, die auch ihr Sterben restlos kon­trollieren. Aber dies gelingt nur, wenn man diesem Sterben auch angstfrei begegnet. Und wer könnte es Holm verdenken, dass er trotz aller vorgetragener Gelassenheit riesigen Schiss vor dem Sterben hat. Denn zwischen Idee und Tat liegt der Weg, und der ist schwieriger als gedacht.

Gegen Ende erscheint es, dass Holm es gegen die Angst dann doch am ehesten mit einem Humoristen hält: "Ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert" (Woody Allen).

"Besonders dieser Film war ein wunderbares Er­lebnis, wobei die Betonung auf Wunder liegt."

Interview mit Regisseur Matti Geschonneck

Wann haben Sie sich für dieses Ensemble entschieden?

Am Anfang steht das Buch – ein gutes Buch – von Magnus Vattrodt. Für mich war klar, dass Matthias Habich Holm spielen muss, mit ihm habe ich vor Jahren "Silberhochzeit" gedreht. Mit Hannelore Elsner hingegen wollte ich schon seit Jahren zusam­men arbeiten. Über die Besetzung von Ina Weisse und Katharina Lorenz als ungleiche Schwestern musste ich auch nicht lange nachdenken, ebenfalls Edgar Selge und Ulrike Kriener, die besten Freunde, sollten es einfach sein. Fehlte nur noch Matthias Brandt ... Dieses wunderbare Ensemble zusammenzustellen, fiel mir nicht schwer, und umso erfreulicher war es, dass alle zugesagt haben. Für mich, als Regisseur, ein wirkliches Geschenk!

Wie schwer ist es, so einen Film zu inszenieren?

Ein Kammerspiel. Beinahe alles spielt in einem Raum, an einem Tisch. In der uns zur Verfügung stehenden, knappen Zeit einen angemessenen Rhythmus von Anfang an festzulegen, ein ent­sprechendes Tempo durchzuhalten, einen atmosphärischen Grundton, die richtige Tonalität zu finden, welche dem Stoff und damit der speziellen Problematik gerecht wird, das war für mich eine außergewöhnliche, auch physische Herausforderung. Die Stellproben am Morgen sind das Wichtigste, dann wird gedreht, am Ende des Tages muss die Szene oder die Szenen funktionie­ren, manchmal acht Seiten lang, aber eben mit hervorragenden Schauspielern, die absolut gut vorbereitet, diszipliniert und mit großer Spiellaune motiviert sind, die in einer meist nonverbalen Kommunikation inszeniert sein wollen.

Der Film behandelt ein ernstes Thema. Denken Sie während der Arbeit daran, wie der Film möglicherweise auf den Zu­schauer wirken wird?

Ich kann nur hoffen, dass der Film, der sich auch eines eigenwil­ligen Humors bedient, dieser doch existentiellen Thematik gerecht wird. Der Verantwortung demgegenüber bin ich mir bewusst, wäh­rend des Drehs verdränge ich das allerdings. Da helfen mir handwerkliche Erfahrung aus früheren Arbeiten, Konzentration auf den Moment, auf die jeweilige Situation, und Instinkt. Die Wir­kung der Geschichte auf den Zuschauer ist nicht kalkulierbar, darauf kann ich nicht spekulieren. Ich kann mich da auf nichts verlassen. Es bleibt die Unsicherheit, das Risiko.

Was sind die wichtigen Faktoren für Ihre Arbeit?

Jeder Film baut auf den vorangegangenen auf. Der Autor schafft die Partitur, an der ich mich festhalte, sie zur Seite lege, um schließlich wieder zu ihr zurückzufinden. In engem Zusammen­wirken mit meinen Produzenten Silke Schulze-Erdel und Wolfgang Cimera und meiner Redaktion, Stefanie von Heydwolff und Reinhold Elschot, stelle ich mir das Ensemble zusammen. Das in jahrelanger Zusammenarbeit entstandene Vertrauen er­leichtert, Entscheidungen schnell zu treffen. Die Besetzung ist neben dem Buch das A und O jeder Produktion. Es ist keine Ko­ketterie, dass ich jedes Mal erstaunt bin, wie der Film sein Ende findet, auf das ich als Regisseur hingedacht habe. Hervorragende Mitarbeiter, wie der Kameramann Martin Langer, der Szenenbild­ner Thomas Freudenthal, die Kostümbildnerin Natascha Curtius-Noss an meiner Seite geben mir eine Sicherheit. Wir verstehen uns beinahe wortlos. Das ist kostbar. Jeder Film ist besonders. Besonders dieser Film war – im wahrsten Sinne des Wortes – ein wunderbares Erlebnis, wobei die Betonung auf Wunder liegt. Keine Zauberei, sondern harte Arbeit mit – besonders – guten Leuten.

Das Interview führte Ellen Wirth

Selbstbilder, Lügen, Halbwahrheiten und Täuschungsmanöver

Statement von Autor Magnus Vattrodt

"Ein großer Aufbruch" (der mit einer Stoff-Idee des geschätzten Kollegen Daniel Nocke begann) ist in meinen Augen kein klassi­scher "Film über Sterbehilfe", der ein vermeintliches Aufreger-Thema dramatisch auswalzt. Vielmehr war der Grundgedanke, einen gleichermaßen heiteren wie bösen Film über ein als schwer empfundenes Thema zu machen – nämlich die Konfrontation mit dem eigenen Sterben, die Aufarbeitung einer Familiengeschichte und die Bewertung des eigenen Lebens angesichts des Todes. Holms Wunsch, sein Leben per Sterbehilfe zu beenden, bildet den Ausgangspunkt einer Abrechnung – mit der eigenen Ge­schichte, den gelebten Beziehungen, den gemachten Fehlern. Mich hat dabei vor allem Holms Charakter, sein Blick auf die Welt und sich selbst und seine Lieben interessiert sowie die Chemie seiner Familie und Freunde, die Verfehlungen und gegenseitigen Verletzungen. Hierbei hat Holm die fast kindliche Hoffnung, unge­schoren davonzukommen, den eigenen Abgründen nicht begegnen zu müssen – eine Hoffnung, die sich angesichts seiner Töchter und Freunde dann zusehends erledigt. Mehr als um Sterbehilfe geht es am Ende also um Selbstbilder und die Lügen und Halbwahrheiten und Täu­schungsmanöver, in denen wir unsere Leben einrichten.

Die Zusammenarbeit zwischen Matti und mir hat dabei die Form einer losen Folge von ziemlich ungeordneten Gesprächen. Diese Gespräche drehen sich anfangs gar nicht so sehr um den ge­nauen Inhalt eines geplanten Films, umkreisen aber doch das Thema, vielleicht eine Stimmung, eine Farbe, eine Tonart. Wir versuchen, ein gemeinsames Gefühl für etwas zu entwickeln, was es noch gar nicht gibt. Viele dieser Gespräche fallen sehr persön­lich aus, haben mit den eigenen Familien und Erlebnissen und Haltungen zu tun, die das Thema des Films oder einzelne Figuren darin berühren. Teile dieser Gespräche fließen dann in meine Ar­beit am Schreibtisch ein, wenn ich mit Figurenkonstellationen spiele, die Menschen im Film näher kennenlerne und die Ge­schichte in ihrer konkreten Form entwickle. Wenn dann erste Skizzen vorliegen, werden die Gespräche natürlich zusehends zielgerichteter. Meist geht es dabei um offene Fragen zu Figuren – und am Ende immer um den Versuch, alles Überflüssige aufzu­spüren – und wegzulassen.

"Ich habe keine Ahnung, wie ich mit dem Alter umgehen werde"

Interview mit Matthias Habich

Herr Habich, ist Ihnen Ihre Figur Holm sympathisch?

Um eine Figur zu spielen, ist es Voraussetzung, dass sie dem Schauspieler im Sinne des Wortes "sympathisch" ist. Ob Engel oder Teufel. Ich versuche, den Kern der Figur zu finden, ohne über sie zu urteilen und im schlimmsten Fall sie gar zu denunzie­ren.

Im Film entwickelt sich die Zusammenkunft von Familie und Freunden zu einer großen Abrechnung. So entwickeln sich Familienfeste auch oft in der Realität. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Zum Teil liegt es daran, dass jedes Familienmitglied einen ganz persönlichen Blick auf die familiäre Vergangenheit hat. Haben sich die Kinder von der Familie emanzipiert und sind selbststän­dig geworden, dann wecken Familienfeste Erinnerungen an alte Abhängigkeiten. Dann wird so ein Fest oft zu einem explodieren­den Druckkessel.

Im Gegensatz zu allen anderen der Runde bezeichnet Holm sein Leben als "gelungen". Liegt es in der Natur des Men­schen, dass man die Dinge im Rückblick tendenziell beschö­nigt oder verklärt?

Ich glaube, in der "Natur des Menschen" liegt auch das Gegenteil.

Als Holm die Diagnose "unheilbar krank" bekommt, lässt er sich ausgerechnet von seiner Ex-Frau beraten. Warum?

Weil er sie für eine kompetente Ärztin hält und Vertrauen zu ihr hat.

Sein bester Freund ist Adrian. Was zeichnet diese Freund­schaft aus?

Ich möchte nicht über die Beziehungen zwischen den Figuren theoretisieren und sie offenlegen. Ich will dem Zuschauer nicht das Mitdenken und Mitfühlen abnehmen.

Worauf legen Sie in einer Freundschaft wert? Was ist für Sie das Wichtigste?

Verlässlichkeit, gegenseitiges Vertrauen, gleiche Wellenlänge und gleicher Humor. Spaß aneinander und gegenseitiges Interesse.

Wie ist Ihre Haltung zum Thema "Selbstbestimmtes Sterben"?

Ich halte es für selbstverständlich und tröstlich, dass wir über die Entscheidungsfreiheit verfügen, diesen Schritt zu tun oder nicht.

Es gibt den Spruch: "Altwerden ist nichts für Feiglinge". Wie erleben Sie das? Wie geht unsere Gesellschaft damit um?

Ich habe keine Ahnung, wie ich mit dem Alter umgehen werde. Noch bin ich ja jung. Das Älterwerden kenne ich ja schon seit ich auf der Welt bin und fand es schon immer schön.

Sie sind einer der beliebtesten Schauspieler und bestens be­schäftigt. Wonach wählen Sie Ihre Rollen aus?

Wenn ein Drehbuch und eine Rolle gut sind, stürze ich mich drauf, wie ein Hund auf einen Knochen.

Was zeichnet die Zusammenarbeit mit Matti Geschonneck für Sie aus?

Er ist halt ein Meister seines Faches.

Das Interview führte Ellen Wirth

Über Notgemeinschaften, Heuristik und Sterbehilfe

Statements von Hannelore Elsner, Ina Weisse, Katharina Lorenz, Ulrike Kriener, Edgar Selge und Matthias Brandt

Hannelore Elsner über ihre Figur Ella:

Nach ihrem doch sehr dramatischen Leben ist Ella eine in sich ruhende Frau geworden. Sie ist die einzige in der Runde, die zu sich gekommen ist. All ihr Leid und ihren Schmerz, das ganze Drama ihres Lebens hat sie aufgearbeitet. Das hat sie zu einer großen Weisheit gebracht. Das Tragische ist, Ella und Holm wä­ren das ideale Paar gewesen, wenn nicht bei Ella die Krankheit der Drogensucht dazugekommen wäre. Das war quasi ein Unfall und hat beide Leben erst einmal zerstört. Dadurch hat sie alles verloren, ihre Kinder und ihren Mann, das war nicht leicht, und doch hat sie allen – auch sich selbst – vergeben. Darum geht es im Leben: um Vergebung. Und für mich das Wichtigste: Ella ist eine Liebende. Das sieht man auf den ersten Blick nicht, man denkt, sie ist eine Abtrünnige, sie hat ihre Kinder im Stich gelas­sen. Aber sie hat nie aufgehört zu lieben. Während die anderen sich gegenseitig Vorwürfe machen, sich anklagen und in ihren Illusionen gefangen sind, hat Ella diese unglaubliche Klarheit, diese Ruhe und trotzdem auch diese Leidenschaft. Das hat sie sich alles bewahrt. Und deshalb kann sie auch über sich hinaus­gehen und Holm sagen: Ich helfe Dir, in Würde zu sterben. Ich bin übrigens auch absolut dafür, dass man das machen kann und darf. Es sollte jedem möglich sein, sein Leben in Würde und selbstbestimmt zu beenden.

Ina Weisse über ihre Figur Marie:

Marie vermeidet nach Möglichkeit den Kontakt mit ihrer Familie. Das gelingt ihr nicht. In ihrem Ringen um Distanz kämpft sie mit ihrem Vater. Sie fühlt sich von ihm um ihre Kindheit betrogen, sie fühlt sich durch ihn verraten. Ihre kleine Schwester Charlotte be­schützt sie, auch heute noch. Marie hasst Abhängigkeit. Sie liebt ihren Freund Heiko mehr, als sie sich eingesteht.

Die Dreharbeiten waren spannend und sehr konzentriert. Die Szenen spielten sich einige Wochen lang an einem langen Tisch in einem großen Raum ab. Ich habe mich jeden Tag gefreut, mit diesen großartigen Schauspielern zusammenzuarbeiten.

Katharina Lorenz über ihre Figur Charlotte:

Die größte Herausforderung war es, eine Familie zu werden. Charlottes Erinnerungen an ihre Kindheit sind im Gegensatz zu deren Schwester unbefangen, voller Abenteuer und großer Liebe zu ihrem Vater. Ihre Mutter Ella ist ihr bis heute ein Rätsel. Charlotte fühlt sich oft haltlos in der Welt, aber sie ist durch eine Portion Naivität vielleicht weniger gefährdet als andere Familien­mitglieder.

Ich wollte unvoreingenommen auf diese Familie schauen. Genau wie es auch Charlotte tut. Mit diesem Blick allen anderen Figuren und ihren Geschichten auf engstem Raum zu begegnen, war die aufregendste Aufgabe.

Ulrike Kriener über ihre Figur Katharina:

Die schlichte Beschreibung "eine sympathische Frau" greift bei Katharina sicher nicht. Bei meinem ersten Treffen mit Matti Geschonneck gab er mir für die Katharina einen interessanten Begriff mit auf den Weg: Heuristik. Der Begriff benennt, sehr knapp gesagt, die Kunst, mit begrenztem Wissen und in kurzer Zeit zu bestmöglichen Ergebnissen zu kommen. Ich konnte mit diesem Schlüssel etwas anfangen. Katharina ist für mich eine "Macherin", anpassungswillig, klug und schnell. Keine selbstre­flektierende Frau. Ich glaube, man kann ihr die verschiedensten Aufgaben zuweisen, sie in die unterschiedlichsten Lebenssituati­onen stellen, sie wird sich immer irgendwie zurechtfinden. Die Kehrseite ist: Ich glaube, sie hat kein tiefes Selbstvertrauen. Dass sie keine Kinder hat und auch keinen Beruf, den sie liebt, sehe ich für sie als Mangel. Das hätte ihr sicher geholfen, mehr Halt in ihrem Leben zu finden.

Dass sie während des Abends ständig freche und zickige Kom­mentare abschießt, war mir anfangs fremd. Aber irgendwann habe ich auch den Spaß und die Lust an ihren ständigen Provo­kationen entdeckt. Ich mag an Katharina, dass sie nicht zimper­lich ist, sie hält etwas aus. Auch in Beziehungen und im Streit. Sie "zieht vom Leder". Ja, sie ist giftig und betrügt ihren Mann. Und trotzdem ist sie ihm treu und zuverlässig. Katharina ist im besten Sinne schillernd.

Edgar Selge über seine Figur Adrian:

Der Film ist in dieser Hinsicht sehr viel realistischer, als jedes Statement über Freundschaft sein kann. Er zeigt "Notgemein­schaften", familiäre und freundschaftliche. Die Figur Adrian, die ich spiele, gebraucht für "Freundschaft" das Bild vom Wirt und Parasit. Wobei Adrian die Rolle des Parasiten zufällt. Man lebt "voneinander", aber man sagt, man lebe "füreinander", weil sich das besser anhört. In der speziellen Notgemeinschaft von Holm und Adrian, die man auch eine gnadenlose Abhängigkeit nennen kann, ist jeder mal das Opfer des anderen. Das wechselt. Ich habe kein Problem damit, ein solches Verhältnis auch Freund­schaft zu nennen. Die Ausweglosigkeit solcher Abhängigkeitsver­hältnisse ist  das spannende und attraktive Thema dieser Ge­schichte. Das betrifft auch Adrians Verhältnis zu seiner Frau

Matthias Brandt über seine Figur Heiko:

Ich fand die Perspektive desjenigen, der in diese Familienkons­tellation gerät und sie gewissermaßen von außen betrachtet, inte­ressant. Die übrigen Figuren sind ja auf komplizierteste Art mitei­nander verstrickt, wie sich im Verlauf der Geschichte immer mehr herausstellt. Dass das auch recht absurde Züge hat, ist für den, der nicht involviert ist, leichter zu sehen. Ich glaube, jeder von uns kennt das.

Matti Geschonneck ist in der Arbeit sehr genau, phantasievoll, geschmackssicher, humorvoll und so streng, wie man sein muss, damit einem dieser Schauspielerhaufen nicht auf der Nase her­umtanzt. Er schafft es, dass ein Ensemble, bei aller Verschieden­heit der Charaktere, einen gemeinsamen Ton findet. Ich vertraue ihm als Schauspieler in jedem Moment. Wir haben schon einige gemeinsame Arbeiten hinter uns und ich hoffe, dass ihm bald wieder etwas für mich einfällt.

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