Ein Reihenhaus steht selten allein

Komödie

Sie sprießen mittlerweile wie Pilze aus dem Boden. Für junge Familien und solche, die es werden wollen, ermöglichen moderne Reihenhaussiedlungen am Stadtrand den Traum des Eigenheims – mit all ihren Vor- und Nachteilen. Welche das sind, findet Familie Börner in der ZDF-Komödie "Ein Reihenhaus steht selten allein" heraus.

  • ZDF, Donnerstag, 29. Mai 2014, 20.15 Uhr

Texte

Angestrebte Individualität - Vorwort der Redakteurinnen Caroline von Senden und Esther Hechenberger

"Wohnst Du noch oder lebst Du schon?"  – Dieser bekannte Werbeslogan eines schwedischen Möbelgiganten kann auch für die neue ZDF-Komödie "Ein Reihenhaus steht selten allein" gelten.  Spätestens mit zwei Kindern stellt sich für die meisten Familien in urbanen Regionen die Frage des Wohnens nochmal neu. Diejenigen, die es sich ansatzweise leisten können, fragen sich:  Soll man ein bisschen raus aus der Stadt? Statt auf dem Balkon im eigenen Garten grillen, auch wenn dieser nur sehr, sehr schmal ist…? Mit Kita und Schule für die Kinder um die Ecke? Trotzdem noch in Reichweite von allem, was die Großstadt bietet? Aber möchte man wirklich die Ehestreitigkeiten der Nachbarn hautnah mitbekommen? Möchte man wochenlang mit ihnen über den angrenzenden Carport diskutieren? Lohnt es sich, sich dafür zu verschulden?

Die moderne Reihenhaussiedlung boomt wie nie zuvor. In einem Ballungsgebiet wie Frankfurt am Main zum Beispiel sind ca. 20 neue solcher Anlagen zu finden. Dort springt dann auch die Filmfamilie Börner ins kalte Wasser des Umzugs nach "Grünfeld". Stephan Luca und Ulrike C. Tscharre als Ehepaar  und ihre Kinder ringen mit der neuen Wohnform und dann auch mit sich, denn schließlich kennt Jan Börner (Stephan Luca) die neue Nachbarin (Felicitas Woll) schon von früher.

Drehbuchautor David Ungureit und Regisseur Titus Selge loten das Thema charmant und komisch in all seinen Für- und Wider-Aspekten  und Verwicklungen vor Ort aus.

Ist die angestrebte Individualität in den eigenen vier Wänden nur eine vermeintliche in dieser Siedlung? Eigentlich sollte im neuen Haus (quadratisch, praktisch, gut) für alle Familienmitglieder der Alltag leichter werden… Wie komisch und schwierig das zwischen so vielen Menschen, die genau dasselbe Ziel  – oder dann doch ein ganz anderes (Räucherfisch) verfolgen, sein kann, zeigt dieser Stoff ganz aus dem wahren Leben. Gute Unterhaltung.

Caroline von Senden und Esther Hechenberger
HR Fernsehfilm/ Serie I – Fernsehspiel I

Stab, Besetzung, Inhalt

Stab

 

BuchDavid Ungureit
Regie Titus Selge
Kamera Robert Berghoff
Szenenbild Manfred Döring
Schnitt Knut Hake
Kostüm Lucas Dehler
Produktionsleitung Axel Unbescheid
Herstellungsleitung Katrin Haase
Produktion U5 Filmproduktion GmbH
Produzenten Norbert Walter, Karl-Eberhard Schäfer
Redaktion Caroline von Senden, Esther Hechenberger
Länge ca. 90 Min.

 

Besetzung

 

Jan Börner Stephan Luca
Anne Börner Ulrike C. Tscharre
Maren Köhler Felicitas Woll
Werner Matzerath Felix Vörtler
Kerstin Matzerath Susanne Böwe
Herr Basad Adnan Maral
Frau Basad Sandra Baumeister
Karsten Ludwig Sascha Nathan
Heike Ludwig Floriane Daniel
und viele andere

 

Inhalt

 

Wirklich glücklich ist Jan Börner (Stephan Luca) nicht, mit seiner Familie in die moderne Reihenhaussiedlung vor den Toren Frankfurts zu ziehen. Aber die Vernunft siegt und seiner Frau Anne (Ulrike C. Tscharre) zuliebe, nimmt der Graphiker den Umzugsstress auf sich und die zwei Kinder gleich mit. Zudem denkt Jan, in dieser Idylle mehr Ruhe zum Arbeiten zu haben.

Die Nachbarn begrüßen die Börners enthusiastisch, natürlich weiß man schon über den ganzen Lebenslauf der Neulinge Bescheid. Schließlich gehört das Tuscheln und Ausbreiten jeglicher Informationen zum guten Ton. Was im Vorgarten geschieht, ist Teil des öffentlichen Lebens, ob es nun das Jogging-Outfit von Anne ist oder Tochter Lisa (Michelle Barthel) beim Kiffen erwischt wird. Privatsphäre scheint in Grünfeld ein Fremdwort. Während Anne wenigstens noch wegen ihrer Arbeit in einer Anwaltskanzlei tagsüber aus der Siedlung entfliehen kann, ist der selbstständige Jan hier "Freiwild" und totunglücklich über den Umzug.

War Grünfeld für Anne und Jan wirklich der richtige Schritt? Statt weniger scheinen sie mehr Probleme als vor dem Umzug zu haben. Da zieht zufällig Maren (Felicitas Woll), Jans ehemalige Flamme, ins Nachbarhaus. Die beiden verstehen sich nach wie vor sehr gut und Maren hat wie Jan viel Zeit in Grünfeld. Es dauert nicht lange, da haben die Nachbarn wieder etwas zu tuscheln...

Kein Buch für eine Schenkelklopfkomödie - Ein Gespräch mit dem Autor David Ungureit

Herr Ungureit, leben Sie in einer Reihenhaussiedlung und haben Sie Ihre persönlichen Erfahrungen in Ihre Geschichte einfließen lassen?

Nein, ich würde nicht in eine solche Siedlung ziehen. Diese Art zu wohnen entspricht mir überhaupt nicht, ich bin ein überzeugter Mietling, der seine Freiheit braucht und liebt. Als mich die Redaktion fragte, ob ich eine Komödie über das Leben in einer Reihenhaussiedlung im so genannten Grüngürtel schreiben wolle, fand ich diese Idee sehr reizvoll. Als Vorlage diente mir die im Nordwesten von Frankfurt am Main entstandene neue Siedlung ‚Riedberg‘. Sie ist inzwischen zu einer kleinen Stadt herangewachsen mit Schulen, Kindergärten, Geschäften, Kultureinrichtungen und eben allem, was man für den alltäglichen Bedarf so braucht. Dort leben überwiegend Familien, wie man es in unserem Film sieht, denn dieser wurde dann auch tatsächlich dort gedreht. Viele genießen diese Art zu leben, sonst wären sie nicht dahin gezogen und hätten sich nicht den Traum von einem Eigenheim erfüllt. Aber man lebt dort halt eng aufeinander, kann wenige Geheimnisse voreinander verbergen, die soziale Kontrolle ist groß. Es gibt schöne Geschichten und auch böse …

Wie sind Sie denn vorgegangen – haben Sie eine Zeit lang in dieser Siedlung verbracht, um sich für Ihre Geschichte inspirieren zu lassen?

Ja, ich habe mich tatsächlich ein paar Wochen dort herumgetrieben, habe Fotos gemacht, die Atmosphäre geschnuppert, habe das Leben, den Alltag der Menschen beobachtet. Von einigen erntete ich neugierige Blicke, andere erzählten mir mit Augenzwinkern, dass ihnen schon klar sei, dass es gewisse Vorurteile gegenüber den Bewohnern solcher Reihenhaussiedlungen am Stadtrand gäbe. Unser Film mag in manchen Szenen überzeichnend wirken, vieles aber ist gar nicht so weit entfernt von der Realität. Und da gibt es schon skurrile Geschichten um Haustiere, leicht bekleidete Damen. Wenn abends um Punkt 8 Uhr alle Rasensprenger angehen oder morgens die Kinder zur Schule und die Eltern zur Arbeit fahren, hat das schon etwas von einer Choreografie. In meine Geschichte flossen aber auch einige amüsante Erlebnisse von Freunden und Bekannten ein, die in solche Siedlungen gezogen sind.

Der Fokus Ihrer Geschichte liegt jedoch auf der Familie Börner.

Mich interessierte, was es mit einer Familie macht, die sich entschlossen hat, in eine solche Siedlung zu ziehen. Wird das Paar erwachsen oder spießig oder gar beides? Wie geht Jan damit um, dass er nur dorthin zieht, weil die Vernunft es ihm sagt, sein Herz aber dagegen ist? Und wie geht diese Familie mit der Herausforderung um, dass im Nachbarhaus ausgerechnet die Jugendliebe des Ehemanns/Vaters einzieht und ihn mit all den Träumen konfrontiert, die er mal hatte?

War es eine Herausforderung, die Balance zwischen Komik und Ernsthaftigkeit zu finden?

Das ist es immer, denn ich wollte kein Buch für eine Schenkelklopfkomödie schreiben. Mich interessiert immer das Nebeneinander von Drama und Komik, und das Thema Familie ist dafür ein idealer Nährboden. Jan, die Hauptfigur, wird in eine Umgebung verpflanzt, in die er nicht will, die ihm fremd ist und feindlich erscheint. Klar, es ist vernünftig, in die Siedlung zu ziehen – Anne, seine Frau will wieder mehr arbeiten, man hat alles vor der Haustür, die beiden Kinder sind hier gut versorgt. Aber Jan gerät durch dieses Umfeld in eine Midlife-Krise, fühlt sich plötzlich ausgenutzt und von Spießern umzingelt und weit weg von allem, was er mal im Leben wollte. Dadurch wird die Ehe der Börners auf eine harte Probe gestellt – verschärft durch die ständige Versuchung der ehemaligen Jugendliebe im Nachbarhaus. Das nehme ich ernst, auch wenn sich daraus natürlich jede Menge Komik ergibt. Ich habe auch versucht, die Bedürfnisse und Motive der Menschen ernst zu nehmen, die in so eine Siedlung ziehen. Es sollte kein Siedlungs-Bashing werden – und am Ende wird ja selbst Jan ein wenig mit seinem neuen Umfeld versöhnt, wogegen seine Ehekrise mit einer bösen Überraschung endet.

Ich mag Filme, die sich etwas trauen – Ein Gespräch mit Stephan Luca

Herr Luca, was hat Ihnen an der Geschichte gefallen?

Das Drehbuch hat mich von Anfang an inspiriert und fasziniert. Mir gefällt der Blickwinkel des Autors auf Paare um die 40 mit Kindern, wie sie mit Vernunft an die große Veränderung herangehen, für die Kinder in eine Reihenhaussiedlung zu ziehen. Ich finde es eine zukunftsweisende Entscheidung junger Familien, aus der coolen Stadtwohnung raus zu ziehen, damit die Kinder im Grünen aufwachsen können. An dieser Geschichte mochte ich besonders die Skurrilität und die Art des Humors, bei dem alles auf die Spitze getrieben wurde. Meiner Meinung nach gehört viel Mut dazu, diese schräge Welt der Reihenhaussiedlung zu malen, ohne dabei plakativ zu sein. Schon beim Lesen des Buches musste ich bei vielen Szenen lachen. Die Nachbarn von Jan sind ja nicht böse oder schlecht, sondern in ihren Eigenarten wieder besonders menschlich. Ich freue mich riesig über das Ergebnis dieses Ensemble Films – ich mag Filme, die sich etwas trauen.

Könnten Sie sich vorstellen, in einer solchen Reihenhaussiedlung zu wohnen?

Dazu gibt es für mich eine Antwort vor und nach dem Dreh: Vorher hätte ich gesagt: Niemals. Nach dem Dreh lautet die Antwort: NIEMALS! Es ist wahrscheinlich eine reine Geschmacksfrage, aber mir ist so eine Vorstadt-Reihenhaussiedlung zu vernünftig, zu glatt und zu neu. Ich brauche mehr Patina, mehr Geschichte und Individualität, auch wenn eine Neubausiedlung vermeintliche Individualität suggeriert. Ich mag eine schon "gelebte" Wohneinheit, egal, ob das die Straße ist, das Haus, eine Altbauwohnung oder ein altes Fabrikgebäude. Rausziehen hätte für mich nur dann Sinn, wenn es richtig auf dem Land wäre, in einem Landhaus mit einem Acker um die Ecke. Da sind sich meine Filmfigur und ich uns einig. Jan missfällt es von Anfang an, nicht wirklich ins Grüne zu ziehen, sondern nur in den Grüngürtel, wie man so schön sagt.

Jan gilt als Exot in diesem Umfeld, schließlich arbeitet er als einziger Mann zu Hause, was vor allem den Nachbarinnen gefällt   …

Jan ist ein gemütlicher Geselle, der am liebsten ohne Veränderungen leben möchte. Hätte ich drei Wochen länger Zeit zur Vorbereitung für die Rolle gehabt, hätte ich den Bauchansatz von Jan gern verstärkt, um seine ruhige Lebenshaltung noch stärker zum Ausdruck zu bringen. Jan steht für einen Typ Mann, bei dem die Familie im Fokus steht. Deshalb arbeitet er als Grafikdesigner von zu Hause aus, um sich mittags um die beiden Kinder kümmern zu können – er macht den Haushalt und kocht, während seine Frau zum Arbeiten in ihr schickes Büro in die Stadt fährt. Doch aufgrund der schrägen und nervenden Nachbarn findet Jan keine Ruhe zum Arbeiten und seine Umgebung empfindet er auch nicht gerade als sehr inspirierend. Vor allem diejenigen, die glauben, mit ihm Mitleid haben zu müssen, da sie den Unterschied zwischen Home-Office und Arbeitslosigkeit nicht verstehen, gehen ihm gehörig auf die Nerven.

Und dann stagniert auch noch Jans Karriere. Im Gegensatz zu der seiner Frau Anne, die erfolgreich als Scheidungsanwältin arbeitet. Midlife-Crisis?

Im Sinne der tragischen Komödie passt es, dass Jans Karriere stagniert. Ja, ihm stellt sich plötzlich die Sinnfrage. Er fühlt sich nicht mehr gesehen und richtig wahrgenommen und verliert selbst den Blick und den Draht zu seinen Kindern. Alles um ihn herum scheint triste und fad zu werden. Da taucht plötzlich seine Ex-Geliebte Maren auf, die direkt ins Nachbarhaus zieht. Jan klammert sich an sie wie an einen Strohhalm. Auch Maren ist unzufrieden mit ihrem Leben und ihrem Ehemann und gesteht Jan, dass sie sich immer einen Künstler an ihrer Seite gewünscht hat. Das ist wie Balsam für Jans geschundene Seele. Er ist zwar verheiratet, doch erliegt er fast der Versuchung, durch Marens Verführung wieder mehr Selbstachtung zu erlangen. Dieses kleine Geheimnis in der neugierigen Nachbarschaft macht für Jan die Erotik aus. Das ist allzu menschlich und gerade das Normale daran macht das Ganze so skurril.

Was hat Maren, was Anne nicht hat?

Maren verkörpert das Gegenmodell zu Jans eigener Welt: Sie ist eine freie und hübsche Frau ohne Kinder, die die halbe Welt schon gesehen hat, spricht viele Sprachen und ist ständig auf Reisen, wovon ihre große Fotowand zeugt. Für Jan bedeutet das frei nach dem Motto: Was ich nicht habe, hätte ich gern – und umgekehrt.

Was halten Sie persönlich von dem Modell eines veränderten Rollenverständnisses? 

Ich finde das völlig legitim. Nur stellt sich für mich diese Frage nicht wirklich, da ich als Schauspieler entweder komplett zu Hause bin oder eben dann eine Weile weg. In der drehfreien Zeit bringe ich meine Tochter auch mit zum Kindergarten und stelle fest, dass ich dort nicht mehr der einzige Mann bin – Gott sei Dank.

Nach welchen Gesichtspunkten entscheiden Sie sich für einen Film?

Mein größtes Kriterium ist die Abwechslung, das ist für mich am reizvollsten. Nach einer Komödie spiele ich gern in einem Drama mit und nach einem Kinoblockbuster kommt der Wunsch nach einer Arthouse-Geschichte. Und bei allem stehen am Anfang ein gutes Drehbuch und eine neue und interessante Figur.

Die Nachbarn sind das Herz des Films – Ein Gespräch mit Ulrike C. Tscharre

Frau Tscharre, Sie verkörpern Anne Börner, die sich mit Familie den Traum vom Eigenheim erfüllt hat – allerdings in einer Reihenhaussiedlung. Können Sie sich eine solche Lebensform vorstellen?

Ich könnte mir schwer vorstellen, in so einer Reihenhaussiedlung Tür an Tür zum Nachbarn zu wohnen. Ich lebe lieber anonym und individuell. Ich denke jedoch, dass es für viele, gerade junge Familien, die einzige Möglichkeit darstellt, gut leben zu können – die Kita in der Nähe, der Garten vor der Tür, alles ist schnell und einfach zu erreichen. Das ist mitten in der Stadt viel schwieriger.

Was halten Sie generell von direkter Nachbarschaft?

Ich selbst bin genau so groß geworden und aufgewachsen, Anfang der 70er Jahre in einer neu gebauten, kleinen Reihenhaussiedlung in einem Eckhaus. Allerdings nicht am Stadtrand, sondern in einem kleinen Dorf. Das war für meine Eltern damals eine bezahlbare Möglichkeit, den Traum vom eigenen Haus verwirklichen zu können. Und obwohl ich lieber so wohne, dass mir der Nachbar nicht beim Kaffeetrinken zuschaut, muss ich sagen, dass es auch Vorteile hat: Wenn einem die Milch ausgeht oder es eine Notsituation gibt, kann man sich auf die Hilfe seiner Nachbarn verlassen, da sie Teil der eigenen unmittelbaren Umgebung sind. So auch in diesem Film: Diesen Zusammenhalt am Ende der Geschichte fand ich einen schönen Moment, der zeigt, dass der Mensch eben nicht dazu gemacht ist, allein zu sein.

Was gefiel Ihnen an der Geschichte?

Der Film handelt vom unsanften Aufwachen in der Realität – "Willkommen im Leben" könnte man dazu auch sagen. Das hat mir gut gefallen und ebenso das Skurrile an der ganzen Geschichte und an ihrer Inszenierung. Die eigentliche Hauptrolle spielen ja die Nachbarn, sie sind das Herz des Films. Für die Darsteller der Nachbarn, ein Spitzencast, wie ich finde, war es eine Einladung, sich komödiantisch richtig auszutoben. Und ich mochte, dass der Film so lebensnah ist. Denn für viele junge Familien ist die Entscheidung wichtig, raus zu ziehen, damit die Kinder die Möglichkeit bekommen, freier und sozialer aufzuwachsen.

Und was mochten Sie an Ihrer Figur?

Anne ist eher der ruhigere Pol in der Familie. Mich hat vor allem der Konflikt gereizt, in dem sie steckt, wieder Anknüpfungspunkte an in ihr früheres Berufsleben zu finden. Denn Anne ist zwar sehr familienbewusst, legt aber dennoch großen Wert auf ihre Unabhängigkeit – eine selbstbewusste und zielstrebige Frau, die gleichzeitig versucht, ihren Kindern eine gute Mutter zu sein.

Kennen auch Sie den Spagat zwischen Familie und Beruf aus ihrem persönlichen Umfeld?

Da erlebe ich es so, dass es doch noch meistens die Frauen sind, die zu Hause bleiben, selbst dann, wenn sie gleichwertige Berufe haben, da die finanziellen Einbußen bei der Frau oft nicht so hoch sind. Und bei Frauen auf dem Land ist erst gar nicht daran zu denken, dass sie problemlos wieder in den Beruf zurück können, da es die Öffnungszeiten der Kindergärten und die dörfliche Infrastruktur nicht zulassen.

Anne Börner arbeitet sehr erfolgreich als Scheidungsanwältin im Gegensatz zu ihrem Mann Jan, bei dem die Karriere etwas stagniert. Ist dieses Ungleichgewicht der beiden Ehepartner aus ihrer Sicht der Auslöser für die sich anbahnende Ehekrise?

Man liest immer wieder, dass es heutzutage vermehrt die Frauen sind, die Geld verdienen. Die Rollenverhältnisse verschieben sich völlig. Wenn ein Mann nicht so erfolgreich ist, fühlt er sich eher verunsichert und sucht neue Wege der Selbstbestätigung. Er sieht sich schlicht gezwungen, sein Standing auf andere Weise unter Beweis zu stellen. In diesem Fall „stürzt“ sich Jan auf seine Ex-Geliebte Maren, die ins Nachbarhaus zieht.

Was hat denn Maren, was Anne nicht hat?

Maren hat die Wildheit und das Unkonventionelle, was auch Anne früher hatte, als die Kinder noch nicht da waren. Maren ist ungebunden, reist viel herum und kann spontan über ihr Leben entscheiden. Anne hingegen war gezwungen, sich niederzulassen. Deshalb schaut sie mit einem etwas sehnsuchtsvollen Blick auf Marens unabhängigen Lebensstil.

Die Leichtigkeit fehlt vielen im Alltag  – Ein Gespräch mit Felicitas Woll

Frau Woll, waren Sie vor den Dreharbeiten schon einmal in einer solchen, neuen Reihenhaussiedlung im Grüngürtel?

Nein, diese Art von Siedlungen war mir nicht bekannt. Ich lebe zwar auch im Grünen, unweit von Kassel, aber ganz anders. Diese moderne Reihenhaussiedlung am Stadtrand war zunächst befremdlich für mich. Alles war dort so gleich, für meinen Geschmack zu gleich. Ich liebe es eher individualistisch, mag es, wenn man die Möglichkeit hat, sich auch mal abzugrenzen. Aber ich kann durchaus nachvollziehen, wenn Menschen in Siedlungen an den Stadtrand ziehen, gerade für Familien hat dies sicher viele Vorteile. Wenn man jedes Mal von den Nachbarn fröhlich begrüßt wird, ist das ja auch nett, aber was macht man,  wenn es Differenzen gibt oder man seine Ruhe genießen möchte, und das allein?! Man muss sicher ganz viele Kompromisse eingehen und Grenzen akzeptieren, wenn man sich auf eine solche Art zu wohnen einlässt. Für unsere Geschichte war diese Art von Reihenhaussiedlung absolut stimmig – mit all ihren Klischees und Überzeichnungen.

War es das Nicht-Angepasste, das Ihnen an Ihrer Figur Maren gefiel?

Ja, ich mochte sie sehr. Maren war eigentlich von Anfang an klar, dass sie in dieses spießige, "normale" Umfeld so gar nicht hineinpasst. Da sie aber nicht weiß, wo sie hin will, und sich nach einer gewissen Sicherheit und einer heilen Welt sehnt, wollte sie es einfach mal ausprobieren. Und irgendetwas mag sie ja auch an ihrem zukünftigen Mann. Mir gefiel die Leichtigkeit, mit der Maren durch das Leben und ihren Alltag geht. Sie hat sich etwas Unbeschwertes, Fröhliches bewahrt. Solchen Menschen begegnet man nicht häufig. Über den täglichen Stress und die viele Arbeit vergessen wir meistens uns selbst, können kaum noch genießen. Wer kann es sich leisten, sich spontan ein paar Stunden oder sogar einen Tag eine Auszeit zu nehmen? Dank meines Berufes kann ich mir, wenn ich nicht drehe, meinen Tag gestalten, wie ich ihn mir vorstelle. Das empfinde ich als ein Geschenk.

Die vermeintliche Idylle in der Reihenhaussiedlung hält Maren letztlich dann aber doch nicht aus. Wurde ihr alles zu eng?

Sicher, aber es hängt auch mit ihrem Nachbarn Jan zusammen. Bei beiden spürt man, dass sie in der Vergangenheit eine sehr schöne, tolle Zeit miteinander hatten. Man wird im Verlauf der Geschichte nicht den Eindruck los, dass sie am liebsten zusammen aus diesem Käfig ausbrechen wollen. Jan ist es dann, der die Notbremse zieht, Maren wäre sicher gemeinsam mit ihm weggegangen.

Ist das Singen für Sie ein Ausgleich zu Ihrem Beruf?

Auf jeden Fall. Singen ist für mich sehr wichtig. Musik ist für mich wie Medizin und ich wünschte mir, mehr Zeit dafür zu haben. Wenn man früher nach Hause kam, legte man eine Platte auf und hörte Musik. Und was macht man heute? Man checkt zuerst seine Mails.

Man sieht Sie in dramatischen und heiteren Filmen. Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus?

Die Entscheidung, welche Rolle ich wähle, fällt mir mal sehr leicht und wird mir innerhalb kurzer Zeit klar, oder aber sehr schwer. Dann kann ich die Figur nicht gleich finden, fühlen und habe ihre Stimme nicht im Ohr. In solchen Fällen berate ich mich mit meiner Agentin und wir finden gemeinsam einen Weg – oder aber es kommt vor, dass mich die Figur letztendlich nicht erreicht. Es ist eine große Bauchentscheidung. Aber auch spannend, eine Rolle anzunehmen, die einem komplett fremd ist. Sich für oder gegen eine Rolle zu entscheiden, ist immer wieder eine tolle Herausforderung.

Die Interviews führten Gitta Deutz und Christiana Nitsche

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