Copyright: ZDF /Conny Klein
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Honecker und der Pastor

Januar 1990: Nachdem sie entmachtet worden sind und die Mauer gefallen ist, sind Erich und Margot Honecker Edgar Selge, Barbara Schnitzler) praktisch obdachlos, denn die Regierungssiedlung in Wandlitz wurde aufgelöst. Die Modrow-Regierung bietet dem ehemaligen Diktatorenpaar keinen Schutz. Einzig beim evangelischen Pastor Uwe Holmer (Hans-Uwe Bauer) und seiner Familie (Sigrid Holmer: Steffi Kühnert) , die, wie viele andere, unter dem DDR-Regime gelitten haben, finden die Honeckers Zuflucht. 

  • ZDF, Montag, 21. März 2022, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab 14. März 2022 für ein Jahr
  • ARTE, Freitag, 18. März 2022, 20.15 Uhr

Texte

Stab:

Buch: Fred Breinersdorfer
Regie: Jan Josef Liefers
Produktionsleitung: Marcus Boehnke
Herstellungsleitung: Jonathan Diehn
Schnitt: Richard Krause
Musik: Conrad Oleak
Kamera: Ralf Noack
Produktion: Radio Doria Film, Jan Josef Liefers
Producerin: Wiebke Fromholz
Redaktion: Frank Zervos, Daniel Blum (ZDF), Olaf Grunert (ARTE) 

Besetzung:

Erich Honecker – Edgar Selge
Margot Honecker – Barbara Schnitzler
Uwe Holmer - Hans-Uwe Bauer
Sigrid Holmer – Steffi Kühnert
Kornelius Holmer – Ilja Bultmann
Traugott Holmer – Luca Gugolz
Sonja Yanez – Pauline Knof
Roberto Yanez – Levi Eisenblätter
Herr Schimke – Axel Prahl
Reporter Kessler – Oscar Ortega Sánchez
Pressefotograf Scheuert – Stephan Grossmann
Verkäufer – Kurt Krömer
Verkäuferin – Anna Loos
und andere 

Inhalt 

Januar 1990: Nachdem sie entmachtet worden sind und die Mauer gefallen ist, sind Erich und Margot Honecker praktisch obdachlos, denn die Regierungssiedlung in Wandlitz wurde aufgelöst. Die Modrow-Regierung bietet dem ehemaligen Diktatorenpaar keinen Schutz. Einzig beim evangelischen Pastor Uwe Holmer und seiner Familie, die, wie viele andere, unter dem DDR-Regime gelitten haben, finden die Honeckers Zuflucht. Vor dem Pfarrhaus kommt es zu heftigen Demonstrationen, so dass Pastor Holmer und seine Frau sich persönlich den gewaltbereiten Demonstranten in den Weg stellen müssen. Der halbherzige Versuch der Regierung Modrow, das Ehepaar Honecker im März 1990 in einem staatlichen Ferienheim in Lindow unterzubringen, scheitert an massiven politischen Protesten und tätlichen Angriffen auf die Wagenkolonne.
Wieder nehmen die Holmers das Ehepaar auf. Insgesamt zehn Wochen leben die überzeugten Sozialisten und die tiefgläubigen Christen im Pfarrhaus unter einem Dach. 

"Auf zum letzten Gefecht"
von Regisseur Jan Josef Liefers

Die Geschichte von den Honeckers und den Holmers verfolgt mich, seit ich das erste Mal von ihr hörte. Das ehemalige Staatsoberhaupt und seine Frau, die einstige Volksbildungsministerin, werden nach ihrem tiefen Fall zu obdachlosen Bittstellern, die keiner will. Sämtlicher Privilegien wie auch des Personenschutzes beraubt, stehen sie quasi auf der Straße. Nur zwei eilig gepackte Koffer sind vom alten Leben geblieben. In der ausweglosen Situation ist es ausgerechnet ein Pastor, der sein Haus für das Diktatorenpärchen öffnet, und so ziehen Erich und Margot in die Kinderzimmer des Pfarrhauses. Kirche und Staat – die Enden der Parabel kreuzen sich. Das Undenkbare passiert.
Es klingt wie ein Märchen. Und wie im Märchen hielt sich in der DDR die Vorstellung, die da oben müssten nur einmal die Wahrheit über das marode Land erfahren, dann würde alles besser. In der Tat sind Oberhäupter diktatorischer Systeme oft schlecht informiert, weil der Untergebene dem Vorgesetzten keine unerwünschten Nachrichten überbringen möchte, die ihm selbst als Versagen ausgelegt werden könnten. So setzt sich die Beschönigung fort, je weiter sie in der Nomenklatura aufsteigen, bis schließlich ganz oben alles nur noch großartig ist. Meine Mutter hatte den immer wiederkehrenden Traum, dass sie Honecker zufällig in einem Restaurant begegnet, ohne seine Entourage, und ihm die ganze Wahrheit über das Leben in der DDR sagt. Dieser Traum wird wahr, unser Film erzählt davon.
Was wie ein Kammerspiel aussieht, ist in Wahrheit ein Thriller. Eingebunkert und in nahezu völliger Isolation von den Dingen des Lebens wird die Außenwelt von den Honeckers nur durch den Blick in den Fernseher oder durch die Gardinen an den Fenstern ihrer Zimmer wahrgenommen. In ihren Köpfen aber tobt ein Krieg, da geht es auf zum letzten Gefecht. Auch diese imaginären Bilder werden hie und da Gestalt annehmen und für den Zuschauer sichtbar.
Die Studiodreharbeiten geben uns viele Möglichkeiten, die Innenwelten der Figuren, ihren Kampf um Reue und Vergebung, um Rechtfertigung ihres Handelns und Standhaftigkeit bis hin zur Halsstarrigkeit, auch bildhaft zu erzählen. Mit Ralf Noack steht ein Mann hinter der Kamera, mit dem ich schon mehrfach sehr gut zusammengearbeitet habe. Er hat ein erstklassiges Verständnis für die Geschichte, die Figuren sowie meine Vorstellungen vom Film. 

"Zum Schluss den Bruderkuss"
Interview mit Jan Josef Liefers

Hier finden Sie das Audio-Interview

Herr Liefers, wann und wie haben Sie von dieser unglaublichen Geschichte erfahren?

Ich habe in der Zeitung davon gelesen, nebenbei, zufällig. Und mein erster Gedanke war: Das kann nur eine Satire sein! Dann habe ich ein bisschen recherchiert und bin darauf gekommen: Nein, das hat es wirklich gegeben. Das hat mich von diesem ersten Moment an nicht mehr losgelassen. Also, ein Diktator, dazu seine Frau, die Volksbildungsministerin Margot Honecker, die meine ganze Schulzeit und Jugend über allem schwebte – die wohnen plötzlich in einem Kinderzimmer eines Pfarrhauses. Also, ich habe so etwas noch nie gehört. Ich glaube nicht, dass es so etwas außer in Märchen bei König Drosselbart jemals gegeben hat, dass der Oberste ganz am anderen Ende der Nahrungskette landet: beim Pastor. (0:40)


Edgar Selge spielt den ehemaligen DDR-Staatschef brillant. Wie schnell war Ihnen klar, dass er die Idealbesetzung für Honecker ist?

Martin Brambach hat mal Honecker gespielt, dann gab es einen Film mit Jörg Schüttauf. Ich kenne beide Filme und beide sind super gelungen, aber nicht das, was ich wollte. Ich fand die Geschichte schon etwas tiefergehender. Ich brauchte einen Schauspieler, der das kann, aber auch ein Komödiant, ein Spieler ist. Jemand, der auch in einer ernsten Szene den feinen Humor findet. Und da kam ich ziemlich schnell auf Edgar. (0:27)

Erstaunlich ist vor allem die Optik: Selge sieht Honecker verblüffend ähnlich.

Die beiden sehen sich gar nicht wirklich so ähnlich. Aber durch die Brille, durch die Haare und auch weil Honecker gerade krebserkrankt war und frischoperiert aus dem Krankenhaus kam – diese Magerheit –, das passte eigentlich sehr gut. Und als er dann zum ersten Mal diese komplette Maske hatte, dachte ich: Ja, das geht! Ich habe auch mit Edgar über diese Figur gesprochen. Edgar sagte, er sei nicht sehr gut im Imitieren von Leuten. Also, diesen Honecker-Singsang jetzt nachzumachen, sodass jeder denkt: Ach, ja, genau so hat der geredet! Dann habe ich gesagt, dass ich das gar nicht will, so eine Persiflage oder so. Sondern: Mach du den Honecker, den du kannst. (0:36)4. Auch die Darstellung von Margot
Honecker ist beeindruckend. Wie haben Sie reagiert, als Sie Barbara Schnitzler zum ersten Mal so gesehen haben?

Ich weiß gar nicht, wie viele Leute heute noch ein Bild von Margot Honecker im Kopf haben, aber als die aus der Maske kam, dachte ich: Was?! Was ist das denn? (lacht) Oh Gott, sie ist wieder da! Schnell weg! (0:11)

Die Rolle des Pastors hat Hans Uwe Bauer übernommen. Mit Edgar Selge und ihm war das ja ein Aufeinandertreffen von zwei echten Schauspiel-Schwergewichten – wie war die Zusammenarbeit mit den beiden?

Edgar und ich, wir kannten uns gar nicht so gut. Hans Uwe Bauer kenne ich sehr, sehr viel länger. In meinem ersten großen Kinofilm 1988 haben wir schon zusammengespielt. Und alle haben – als wäre es die größte Selbstverständlichkeit – gesagt: Jan, wir vertrauen dir, wir machen das. Du bist der Regisseur. Und gerade Hans hat sich sehr vertrauensvoll in meine Hände gegeben. Und Edgar, das war eigentlich wie das Messer durch Butter. Ich habe ihn sehr gut verstanden mit dem, was er so gespielt und angeboten hat. Und er mich auch. (0:32)

Ihr „Tatort“-Kumpel Axel Prahl hat als geistig zurückgebliebener Herr Schimke eine kleine, aber feine Nebenrolle. Wie war denn der Rollenwechsel vom Schauspielkollegen zum Chef am Set?

Wenn du als Schauspielkollege plötzlich die Seiten wechselst, dann geht das nicht, wenn es da Vorbehalte oder irgendwelche Zweifel an dieser Konstellation gibt. Und das war kein Problem! Wir kennen uns inzwischen so lange. Und weil Axel eben weit mehr auf Tasche hat als den Frank Thiel im Münster-Tatort, lag das für mich nahe. Ich habe diesen Schimke in so einem Doku-Film gesehen, diese Originalfigur, und das erste war: Axel, Axeeel (lacht)! Und dann habe ich ihn gefragt und der Axel hat sich das alles dann angeschaut und gesagt, dass er das sehr gerne macht. Dann haben wir einfach Szene für Szene miteinander so gearbeitet, wie man das als Regisseur und Schauspieler macht. Und das ist nicht selbstverständlich, hätte auch anders laufen können. (0:45)

„Honecker und der Pastor“ ist bis ins letzte Detail aufwändig ausgestattet. Wie schwierig war es denn, die DDR im Jahr 1990 vom Lebensmitteladen bis hin zu den Kleidern und Fahrzeugen nachzubilden?

Das war ein erheblicher Aufwand, übrigens auch finanziell! Die Sachen findet man nicht an jeder Ecke. Wir hatten zum Beispiel diese Volvo-Limousinen, die sind eben wirklich aus dem Fuhrpark der ehemaligen DDR-Regierung. Die Leute, die die besitzen, kennen die ganze Vorgeschichte minutiös und sagen dann: Hier, guck mal! Weißt du noch, der Kurt Hager? Der hatte doch ein Holzbein, der saß nie auf der Seite, der musste immer hier einsteigen, weil er sonst sein blödes Holzbein nicht ins Auto gekriegt hätte. Und mit all diesen Ausstattungsdetails, diesen authentischen, kommt eben auch dieser Mief mit rein. Wenn der Edgar Selge sich da reinsetzen musste, dachte der natürlich auch: Oh mein Gott, das Zentralkomitee, das Politbüro (lacht). Woaaahh! (0:36)

Sie haben den echten Pastor Uwe Holmer für Ihre Recherche persönlich kennengelernt und der Familie auch Teile des Films gezeigt. Wie kam Ihre Umsetzung an?

Ja, das war natürlich ein aufregender Punkt für mich. Bei Erich und Margot wäre es mir jetzt ehrlich gesagt Wurst, wie die den Film finden, aber die Familie hat sich mir sehr geöffnet. Das war ja auch ein großes Vertrauen, zu sagen: Das wird er schon gut machen. Ich bin dann zu ihnen hingefahren, habe es ihnen gezeigt und… es ist halt ein Film. Mit Zuspitzungen, mit Verkürzungen. Natürlich haben die vieles anders in Erinnerung – übrigens auch untereinander. Und diesen Spagat macht nicht jeder ganz so leicht. Aber was mir viel wichtiger ist als das ist, dass wir von allen den Segen bekommen haben. Alle finden am Ende das Anliegen, die Geschichte und das, was der Film erzählen und transportieren will, wichtiger, als ob sie jetzt nun bei jeder einzelnen Sekunde sagen: Jawoll, genau so war es. Darüber bin ich sehr froh. Hätte ja auch sein können, dass die sagen: Was ist denn das für ein Scheiß, den du da gedreht hast? Das stimmt hinten und vorne nicht. (0:49)

Uwe Holmer wurde 1990 heftig angefeindet, bekam sogar vier Bombendrohungen. Hat er es eigentlich jemals bereut, Erich und Margot Honecker aufgenommen zu haben?

Nein, ich glaube nicht, dass er das bereut hat! Man muss noch sagen: Die Auslegung oder das Verständnis von christlicher Nächstenliebe, von Barmherzigkeit, die Uwe Holmer damals mit seiner Familie an den Tag gelegt hat, kam auch in den eigenen Reihen nicht gut an. Das kommt ja noch verschärfend hinzu. Wahrscheinlich hätte Familie Holmer diese Anfrage mit ‚Nein‘ beantworten können und es hätte ihm niemand übelgenommen. Es wäre in Ordnung gewesen, wenn er einfach sagt: Tut mir leid, das ist mir einfach eine Nummer zu groß. (0:28)

Ihr Film zeigt beispielsweise, wie Holmer und seine Familie vom Mob bedroht wurde. Trotzdem blieb der Pastor standhaft. Wie groß ist Ihr Respekt für diese Zivilcourage?

Ich habe größten, größten Respekt davor, wann immer sich Menschen einer Überzeugung verpflichtet fühlen und es dann auch leben, obwohl es ihr Leben unbequemer macht und erschwert. Ich bin kein Christ, bin weder getauft noch Mitglied der Kirche, aber solche Überzeugungen zu haben und zu glauben, dass Nächstenliebe und Vergebung etwas sind, das für unser aller Leben wichtig ist – auch wenn du kein Christ bist – das, muss ich sagen, würde ich hochhalten. Ich bin dem sehr nahe gerückt durch den Film. Näher als ich vorher war. (0:30)

Am Schluss des Films gibt Erich Honecker seinem Gastgeber zum Abschied den berühmt-berüchtigten Bruderkuss. War das auch in der Realität so?

Ja, den gab es wirklich. Er hat wirklich den Pastor geküsst und der hat sich auch nicht gewehrt. Er war so überrumpelt. (0:07)

"Ein Blick von außen"
von Autor Fred Breinersdorfer

Als Jan Josef Liefers mich fragte, ob ich mich für sein Honecker-Projekt interessiere, hatte ich zwei Fragen. Die erste: Warum suchst du ausgerechnet einen westdeutschen Autoren? Jan sagte: "Ich brauche einen Blick von außen“, seine Sicht des Projekts als Produzent und Regisseur komme aus der DDR-Perspektive.
Und die zweite Frage war: Was wissen wir mehr, als dass zwei alte Männer gemeinsam in der Dämmerung um ein Pfarrhaus gehen, zwei Protagonisten, die unüberbrückbare gegensätzliche Meinungen und Biografien haben. Über was sprechen sie, was denken sie? Was geschieht, wenn sie mit ihren Familien auf engem Raum zusammenleben? Wir waren uns sehr schnell einig, wir mussten mehr wissen, als über die Zeit Honeckers im Haus des Pfarrers Holmer zu lesen war, damit wir unseren Film auf der Basis sorgfältig recherchierter Fakten erzählen können. Denn eines war klar, wir wollten uns, so weit wie möglich, an die historischen Tatsachen halten. Wir ahnten, dass wir tiefer bohren müssten, nur dann würden Buch und Film nicht an der Oberfläche bleiben. Und oft ist die Realität spannender als die Fiktion.
Recherchen zu historischen Filmthemen, von Sophie Scholl bis Anne Frank, von Georg Elser bis – nun, Erich Honecker und sein Asyl bei Pfarrer Holmer interessieren mich brennend. Und wenn man als Autor und Regisseur, wie in unserem Fall, die einmalige Chance hat, nach mehr als 30 Jahren sogar noch damals handelnde Personen persönlich kennenzulernen und sie intensiv zu befragen, ist das von unschätzbarem Wert. In den Anmerkungen der Produktion für unseren Film ist schon die Liste unserer Gesprächspartner verzeichnet. Man sieht, viel Arbeit und viele spannende Erkenntnisse lagen vor uns. Eine ungeheure Bereicherung unseres Filmprojekts.
Aber wie immer wächst die Fülle der Informationen im Laufe einer so breit angelegten Recherche. Meine Aufgabe als Autor besteht in diesen Fällen darin, und das ist der dramaturgisch wichtige Vorgang, das Material zu sortieren, alle Details zu bewerten, einen roten Faden für die Filmerzählung zu spannen und das Beste zu einem dichten, emotionalen und schlüssigen Drehbuch zu komponieren. Die bittere Konsequenz ist, dass manche Geschichten, die einem besonders ans Herz gewachsen sind, es schließlich nicht in den Film schaffen, ganz einfach, weil der Platz dafür fehlt. Eine davon, die ich besonders liebe, ist die Episode mit der wertvollen Kamera:
Kornelius, der jüngste Sohn des Ehepaars Holmer, wurde vor dem Tor von BILD-Reportern abgefangen. Sie boten ihm eine nagelneue, sündteure japanische Kamera als Geschenk, wenn er damit Fotos von den Honeckers machen und sie ihnen geben würde. Der Junge zögerte, die Verlockung war zu groß. Er nahm die Kamera mit, noch ohne zu fotografieren. Seine Mutter stellte ihn zur Rede. Sie verbot ihm nicht, die Kamera zu benutzen. Aber ihre Bedingung war, er müsse mit seinem Gewissen abmachen, ob er die beiden heimlich fotografieren wolle und sich dafür käuflich mache, denn die Honeckers hatten gebeten, unter keinen Umständen im Pfarrhaus fotografiert zu werden. Kornelius überlegte und gab die Kamera unbenutzt schweren Herzens zurück.
Es ist mir wichtig, Jan Josef für seine freundschaftliche, engagierte und hochprofessionelle Begleitung meiner Arbeit und eine herausragende Regie zu danken, ebenso Wiebke Fromholz für die unermüdliche Unterstützung unseres Projekts und den Redaktionen von ZDF und ARTE, dass sie diesen besonderen Film mit großem Engagement möglich gemacht haben.

"Eine besondere Reise"
von Producerin Wiebke Fromholz

Als die Mauer fiel, war ich gerade acht Jahre alt und lebte mit meiner Familie auf Usedom, also in der DDR. Genau genommen bin ich damit Zeitzeugin, wenn auch mit recht kindlichen Erinnerungen. Als mir Jan Josef Liefers davon erzählte, wie Erich und Margot Honecker nach dem Mauerfall praktisch obdachlos waren und von einem evangelischen Pastor in sein Pfarrhaus aufgenommen wurden, war mir diese Zwischenstation der Honeckers gänzlich neu, mein Interesse jedoch sofort geweckt. Dass ein gefallenes Diktatorenehepaar ausgerechnet bei einer Pastorenfamilie Asyl erfährt – wäre es nicht eine wahre Geschichte, man würde sie als zu konstruiert abstempeln.
Und natürlich musste daraus ein Spielfilm entstehen. Schnell war klar: Vor uns liegt eine besondere Recherchereise. Wir mussten nicht lange überlegen, welcher Drehbuchautor uns auf diesem Weg begleiten sollte. Fred Breinersdorfer hat mit seinem Schaffen in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, wie wunderbar sensibel und präzise er historische Stoffe erzählen kann. Die Hoffnungstaler Stiftung Lobetal ermöglichte es uns, einen ganzen Tag mit ehemaligen Mitarbeitern der Einrichtung zu sprechen, die 1990 ganz unterschiedliche Begegnungen mit den Honeckers hatten. Ein Highlight unserer Reisen war zweifellos der Besuch bei Kornelius Holmer, dem jüngsten Sohn von Uwe Holmer, der inzwischen selbst Pfarrer ist und mit seiner Familie bei Bamberg lebt. Und Kornelius ermöglichte es uns dann auch, wenige Wochen später seinen Vater, der eigentlich schon vor Jahren beschlossen hatte, keine Interviews mehr zu geben, in Mecklenburg-Vorpommern, wo er inzwischen mit seiner zweiten Ehefrau lebt, zu besuchen. Mit ihm, unserem einzigen noch lebenden Hauptprotagonisten, konnten wir dann das wohl wichtigste und emotionalste Gespräch unserer Recherche führen.
All das verarbeitete Fred Breinersdorfer zu einem authentischen und spannenden Drehbuch. Dass Jan Josef Liefers die Regie selbst übernehmen würde, ergab sich während der Arbeit am Projekt wie von selbst. Irgendwann war ihm und uns einfach klar, dass er die Geschichte, die er nun schon viele Jahre im Kopf hatte und die so konkret Gestalt angenommen hatte, auch selbst inszenieren muss.
Man muss die Wende nicht miterlebt haben, um zu begreifen, welche Bedeutung dieses zehnwöchige Miteinander für die Beteiligten hatte. Fast jeder kennt das Davor und das Danach. Jetzt bringen wir das bedeutungsvolle Dazwischen ins Gedächtnis der Zuschauer. 

Zeittafel

Erich Honecker wird am 3. Mai 1971 als Nachfolger Walter Ulbrichts Erster Sekretär (ab 1976 Generalsekretär) des Zentralkomitees der SED – und damit zum mächtigsten Mann der DDR.

Seine Frau Margot Honecker ist seit 1963 Ministerin für Volksbildung in der DDR.

1989 finden in den Städten der DDR wiederholt Demonstrationen für Reise- und Meinungsfreiheit und das Ende der SED-Herrschaft statt. Die Zahl der DDR-Flüchtlinge über die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Budapest und über die Grenzen der sozialistischen Bruderstaaten nimmt stetig zu.

Am 7. Oktober 1989 finden die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR statt. Erich und Margot Honecker feiern mit Michail Gorbatschow, das Volk jubelt ihnen vermeintlich begeistert zu. Doch gleichzeitig werden die Demonstrationen immer größer.

Am 17. Oktober 1989 wird Honecker von seinen eigenen Genossen zum Rücktritt gezwungen. Öffentlich heißt es am nächsten Tag, Erich Honecker tritt auf eigenen Wunsch aus gesundheitlichen Gründen aus allen Ämtern zurück.

Margot Honecker muss am 20. Oktober 1989 alle Ämter abgeben.

Am 9. November 1989 fällt die Mauer.

Am 19. Januar 1990 wird Erich Honecker nach einer Nieren-OP aus der Charité entlassen und direkt verhaftet.

Am 20. Januar 1990 wird er wegen Haftunfähigkeit aus Rummelburg entlassen. Die Regierungssiedlung in Wandlitz ist geschlossen. Die Honeckers sind obdachlos.

Vom 30. Januar 1990 bis 3. April 1990 leben sie bei Pastor Uwe Holmer und seiner Familie in Lobetal.

Im Anschluss werden sie im sowjetischen Militärhospital bei Beelitz untergebracht. Von dort werden die Honeckers am 13. März 1991 durch den sowjetischen Staatspräsidenten Gorbatschow nach Moskau ausgeflogen.

Um einer Abschiebung in die Bundesrepublik zu entgehen, flüchten die Honeckers am 11. Dezember 1991 in die chilenische Botschaft in Moskau. Am 29. Juli 1992 wird Erich Honecker nach Deutschland ausgeflogen und kommt in Berlin-Moabit in Untersuchungshaft. Seine Frau Margot fliegt von Moskau direkt nach Chile zu Tochter Sonja. Erich Honecker muss sich unter anderem wegen des Schießbefehls an der Mauer verantworten.

Im Januar 1993 werden die Anklage und der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben. Honeckers Krebserkrankung ist zu diesem Zeitpunkt bereits so weit fortgeschritten, dass er eine Urteilsverkündung nicht mehr erleben würde.

Erich Honecker fliegt nach Chile zu seiner Familie, wo er die letzten Monate seines Lebens verbringt und am 29. Mai 1994 stirbt.

Margot Honecker lebt bis zu ihrem Tod am 6. Mai 2016 in Santiago de Chile. 

Honecker und der Pastor – Die Dokumentation
Film von Fred Breinersdorfer

Redaktion: Carl-Ludwig Paeschke
Länge: 45 Min.

Sendetermin: Sonntag, 20. März 2022, 23.45 Uhr
In der ZDFmediathek voraussichtlich ab Sonntag, 13. März 2022

Erich Honecker, einst mächtigster Mann der DDR, ist obdachlos und findet Zuflucht ausgerechnet in einem Pfarrhaus. Jan Josef Liefers geht der Geschichte auf den Grund. Das Fernsehspiel, das aus diesen Recherchen entstand, zeigt das ZDF am Montag, 21. März 2022, um 20.15 Uhr. Die Dokumentation dazu begleitet den bekannten Regisseur und Schauspieler bei seinen Nachforschungen. So besucht Liefers Pastor Uwe Holmer und seine Familie, die Erich und Margot Honecker im Januar 1990 aufnahmen. Aber auch Bürgerinnen und Bürger von Lobetal kommen zu Wort. Der kleine Ort bei Berlin war in DDR-Zeiten bekannt für seine Einrichtungen für geistig und körperlich Behinderte. Eine kirchliche Heimat für Menschen, für die es im öffentlichen Erscheinungsbild der sozialistischen DDR keinen Platz gab. Und ausgerechnet hier finden der einst mächtigste Mann des SED-Regimes und seine Frau in den Umbrüchen der "Wendezeit" für mehrere Wochen Asyl. Für Pfarrer Uwe Holmer eine Gewissensentscheidung, eine Frage der Glaubwürdigkeit als Christ. Mittlerweile 93 Jahre alt, steht er – mit seinem Sohn und anderen damals am Geschehen Beteiligten – dem Regisseur und Schauspieler Liefers Rede und Antwort. Daraus entstand ein sehr persönlicher Film, der auch über Liefers Erfahrungen zu DDR-Zeiten einiges aussagt.  

Weitere Informationen

Fotos: (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/honeckerundderpastor 

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