"Hidden Lake". Glacier National Park, Montana. Copyright: ZDF/Till Lehmann
"Hidden Lake". Glacier National Park, Montana. Copyright: ZDF/Till Lehmann

Im Zauber der Wildnis

Die Krone Nordamerikas: Der Waterton-Glacier Friedenspark

Der Waterton-Glacier Friedenspark ist eine einzigartige Naturregion. Große Teile des fast 5000 Quadratkilometer umfassenden Schutzgebietes sind unberührt von menschlichen Eingriffen. Der Park, seit 1932 ein Zusammenschluss des kanadischen Waterton Lakes National Park und des US-amerikanischen Glacier National Park, ist der erste "Friedenspark" der Welt.

  • ZDF, Dienstag, 20. Dezember 2016, 22.10 Uhr

    Texte

    Die Zukunft der Natur

    Von ZDF-Redakteurin Dr. Susanne Becker

    Dass wir im Anthropozän leben, dem erdgeschichtlichen Zeitalter des Menschen, erzählen uns die Wissenschaftler immer dann, wenn sie besonders warnen wollen. In diesem Winter macht der "Living Planet Report 2016" des World Wildlife Fonds und weiterer Naturschutzorganisationen von sich reden mit einer drastischen Erkenntnis: Eine Welt ist nicht genug, um den Bedarf der Menschen an Nahrung, Wasser und Ressourcen zu decken. Wenn wir so weiter leben, wären 2030 zwei Planeten wie die Erde dafür nötig.

    Bleibt da überhaupt Platz für Nationalparks?

    Ausgerechnet in diesem Jahr war das "Zauber der Wildnis"-Team in einem Park unterwegs, in dem eine ähnliche Frage alle Kräfte vereint: Im Waterton-Glacier Friedenspark in den Rocky Mountains auf der Grenze zwischen Montana und Alberta soll ein gewaltiges Stück Land hinzukommen und geschützt werden. Jedenfalls wenn es nach den engagierten Rangern und Naturschützern geht, die diesen einzigartigen Park gestalten. Ihre Vision heißt "Nature needs half" – lasst uns der Wildnis mindestens die Hälfte der Erde zurückgeben und die Balance, die Natur und Menschen zum Leben und Überleben brauchen, wird zurückkehren.

    Welche Rolle spielen die Nationalparks im 21. Jahrhundert, das fragt die Doku-Reihe in ganz unterschiedlichen Parks, vom legendären Yellowstone bis zum unbekannten Vatnajökull, vom populären Banff bis zum einsamen Kluane oder Denali. Die Idee des "Rewilding", die sich auch in den dicht besiedelten Industrielandschaften Europas durchsetzt, wurde unter anderem in diesen und anderen Nationalparks erprobt. Im schönen Waterton-Glacier Friedenspark beherrscht sehnsüchtige Spannung die aktuellen Versuche, die Natur in den Zustand vor den europäischen Einflüssen 1492 zurück zu versetzen und zum Beispiel Bisons wieder anzusiedeln. Und die Überzeugung, dass unsere Highways und Schienenstränge nicht den Wanderungen der Karibus und anderer Wildtiere nach Norden den Weg abschneiden dürfen, treibt diejenigen an, die den Park nach Nordwesten hin deutlich erweitern wollen. Das wäre auch ein Schritt in Richtung der Verpflichtung, bis 2020 mindestens 17 Prozent der eigenen Landfläche unter Schutz gestellt zu haben, die Kanada und weitere Staaten nach der Internationalen Biodiversitätskonvention einhalten müssten.

    Vielleicht bieten Nationalparks die seltene Möglichkeit, etwas von dem zu spüren, was der amerikanische Vordenker und Wanderer Henry David Thoreau den Wäldern Neuenglands zuschrieb: "Das Wilde garantiert die Erhaltung der Welt". Thoreau zog Mitte des 19. Jahrhunderts an den Walden Pond, während weit im Westen im selben Spirit die Nationalpark-Idee keimte. Für ihn bedingt Wildheit das Gute und die Freiheit – und das Staunen, das uns "wie ein Lichtstrahl im Nebel" neu sehen lässt, was wir zwischen Himmel und Erde niemals erahnten. Für die modernen Wanderer im Waterton-Glacier Friedenspark bietet die Wildnis Lösungen für unseren Planeten im Zeitalter des Menschen. Sie stehen auf 2000 m Höhe über einer Landschaft, die spektakulärer nicht sein könnte, die aber auch verlockende Ressourcen birgt. Wie gerne würden sie ihr Ziel besiegeln, diese Wildnis zu schützen! Was werden sie erreichen?

    Sendedatum, Stab, Inhalt

    Dienstag, 20. Dezember 2016, 22.10 Uhr

    Im Zauber der Wildnis

    Die Krone Nordamerikas: Der Waterton-Glacier Friedenspark

    Dokumentation

    Stab

    Buch und Regie: Till Lehmann
    Kamera : Jasper Engel und Christoph Lerch
    Ton: Enzio von Eisenhart-Rothe
    Schnitt: Berndt Burkhardt
    Grafik: Holger Hauff
    Redaktionelle Mitarbeit: Olga Sharow und Petra Staab
    Produktion: Oliver Richardt (USA)
    Produktionsleitung SpiegelTV: Holger Kreit
    Produzent Spiegel TV: Robert Wortmann
    Produktionsleitung ZDF: Christian Stachel
    Redaktion: Dr. Susanne Becker
    Länge: ca. 43'30

    Inhalt

    An der Grenze zwischen den USA und Kanada vereint ein großes Projekt ganz unterschiedliche Akteure: Sie wollen einen Nationalpark vergrößern, um ihn zu retten. Der Waterton Glacier National Park ist eine einzigartige Naturregion. Große Teile des fast 5000 Quadratkilometer umfassenden Schutzgebietes sind unberührt von menschlichen Eingriffen.

    Seit 1492, das als Referenzpunkt für europäische Einflüsse in Amerika gilt, ist hier fast keine Tier- oder Pflanzenart ausgestorben. Das gesamte Areal ist so artenreich wie kaum eine andere Wildnis auf der Erde: Insgesamt leben hier über 70 Säugetier- und rund 250 Vogelarten; nachgewiesen sind fast 1200 Pflanzenarten. Die Dokumentation über die Zukunft der Nationalparks führt hinein in diese einzigartige Welt und begleitet eine Expedition in das Gebiet, in dem noch nie zuvor ein Kamerateam filmen durfte.

    Der Park, seit 1932 ein Zusammenschluss des kanadischen Waterton Lakes National Park und des US-amerikanischen Glacier Friedenspark, ist der erste "Friedenspark" der Welt. Doch die Einzigartigkeit des grenzübergreifenden Ökosystems ist in Gefahr. Im Nordwesten ragt ein großer Keil ungeschütztes Gebiet mitten hinein in den Park. Einer der wichtigsten kanadischen Highways führt durch die Region, es wird massiv Holz eingeschlagen und es darf gejagt werden. Die Jäger-Lobby ist mächtig. Der wichtigste Wildtier-Korridor Nordamerikas ist hier brutal zerschnitten. Der Nationalpark könnte ohne die Verbindung zu nördlicheren Schutzgebieten wie dem Banff National Park zu einer Insel werden das langsame Aussterben und das Ende einer der bedeutendsten Naturräume des Planeten wäre damit vorprogrammiert.

    Aktivisten, Wissenschaftler und Naturliebhaber haben dieser Bedrohung den Kampf angesagt. Für sie gibt es nur eine Lösung: Der Park muss vergrößert werden. Die Dokumentation begleitet die Enthusiasten durch ein wichtiges Jahr: Geologe Richard Hauer macht sich Sorgen um den Flathead River, die Lebensader des National Parks. Die Kiesbett-Flussauen des sich wild schlängelnden Flusses bieten Raum für die größte Artenvielfalt der gesamten Region. Doch das Quell- und Einzugsgebiet des Flusses liegt außerhalb des Parks, im bisher ungeschützten Bereich. Mit seinem Observationsflugzeug ist Richard Hauer drohenden Gefahren permanent auf der Spur.

    Naturschutz-Aktivist Harvey Locke ist die treibende Kraft bei der Vergrößerung des Parks. Um die politischen Entscheider von der Notwendigkeit der Erweiterung zu überzeugen, unternimmt er Expeditionen mitten hinein in die Wildnis des "fehlenden Tortenstückes", in ein Gebiet, in dem noch nie ein Kamerateam war. Biologin Mirjam Barrueto aus der Schweiz steckt ihre ganze Forschungskraft in das Projekt. Mit einer innovativen Datensammlung wollen sie und ihr Team feststellen, ob und wie viele der Maderart Vielfraße in dem ungeschützten Gebiet leben. Der Nachweis der scheuen Tiere wäre ein weiteres Argument für die Vergrößerung des Parks.

    "Krone des Kontinents" wird die Region genannt die schneebedeckten Gipfel des Waterton-Glacier Friedenspark ragen wie Zacken einer Krone spektakulär empor. Eine Region, die Sehnsüchte weckt - auch für Deutsche. Oliver Meister kam vor 25 Jahren während einer Wanderung zufällig in dieses Gebiet und konnte sich nicht mehr losreißen. Er wurde Ranger im Park und betreibt ein uriges Hostel mitten in der Wildnis. Kim Pearson, die Wildtierbiologin des kanadischen Park-Teils, hat schon in vielen Naturschutzgebieten gearbeitet aber so vielseitig und anspruchsvoll wie hier war es noch nirgendwo. Kim ist verantwortlich für eine kleine Herde Bisons, die im Park lebt. Sie und ihr Team haben eine mutige Vision: Irgendwann sollen die Tiere wieder wild und grenzenlos in den Ebenen entlang der Rocky Mountains und im Nationalpark zwischen den USA und Kanada umherstreifen.

    Die Blackfeet-Indianer, deren Siedlungsgebiet im Osten des Nationalparks liegt, haben aus diesem Grund sogar eine stammesübergreifende Büffel-Initiative gegründet. Sie versuchen, ihre eigene Herde Jahr für Jahr zu vergrößern. Mit Erfolg: Derzeit haben sie 600 Tiere. Wenn die Größe auf einige Tausend angewachsen ist, dann wollen sie den Versuch wagen, die Bisons auszuwildern dann wäre das Ökosystem rund um den Waterton-Glacier Friedenspark wieder so intakt wie vor 1492.

    Ein spannendes Jahr hinter den Kulissen eines spektakulären Nationalparks ein Jahr im Zauber der Wildnis.

    Der erste "Friedenspark" der Welt
    Informationen über das erste grenzübrgreifende Naturschutzgebiet

    Der Waterton Lakes National Park wurde 1895 als vierter Nationalpark Kanadas im Südwesten des Bundesstaates Alberta gegründet. Seine atemberaubende Seenlandschaft, die extrem vielfältige Landschaft und der enorme Artenreichtum machten diese Region schon am Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Sehnsuchtsort.

    1910 wurde der Glacier National Park in Montana, USA, eröffnet – auch auf Druck des kalifornischen Umweltaktivisten und "Vater der amerikanischen Nationalparks" John Muir. Der Park wurde benannt nach den Gletschern, die ihn formen. Die letzte Eiszeit vor rund 10 000 Jahren hat die Landschaft maßgeblich geprägt. Riesige Flussbetten, von schmelzenden Eismassen zurückgelassenes Felsmaterial, steile Hänge und wilde Wasserläufe machen dieses Gebiet zu einer der spektakulärsten Szenerien der Erde.

    Fast zeitgleich mit den Parkgründungen wurde die Region an das Eisenbahnnetz angeschlossen und somit leichter zugänglicher. Das "Crown of the Continent Ecosystem", das Großökosystems in den nördlichen Rocky Mountains, lockte bald immer mehr Abenteurer und Neugierige an.

    In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts strebten vor allem die Mitglieder des Rotary Club Montana einen Zusammenschluss des Glacier National Park mit dem kanadischen Waterton Lakes National Park an, um Freundschaft und Frieden zwischen beiden Ländern zu symbolisieren. Auch als Signal an Europa, wo Militarismus und Nationalismus zu dieser Zeit immer bedrohlichere Ausmaße annahmen. 1932 entschieden die Regierungen in Washington D.C. und Ottawa, den "Waterton-Glacier International Peace Park" zu gründen, den weltweit ersten Friedenspark – ein Naturschutzgebiet, das ein strahlendes Beispiel wurde für viele andere Projekte auf der ganzen Welt. Mittlerweile sind 170 grenzübergreifende Schutzgebiete und Nationalparks hinzugekommen.

    Das "fehlende Tortenstück"

    Ein Blick auf die Karte macht klar: Diesem Nationalpark fehlt ein Stück Land. Im Nordwesten, auf der kanadischen Seite in British Columbia, klafft eine große Lücke. Ein breiter Keil ungeschütztes Gelände, fast 45 000 Hektar, ragt tief in den Park hinein – das "fehlende Tortenstück".

    Grund für die skurrile Situation ist die historisch gewachsene Grenzziehung zwischen den USA und den kanadischen Bundesstaaten Alberta und British Columbia. Während Alberta (Kanada) und Montana (USA) schon vor der Friedensparkgründung eng miteinander zusammengearbeitet haben, war man in British Columbia – wo das fehlende Stück größtenteils liegt – von Anfang an kein Freund der Nationalparkidee. Zu verlockend waren die Bodenschätze in diesem Gebiet.  Noch 1993 war diese Wildnis von der Regierung British Columbias als vorrangiges Kohle-Tagebau-Areal ausgewiesen.

    Harvey Locke, der international renommierte Naturschutzaktivist, versucht seit Jahren, dieses "Tortenstück" dem Nationalpark anzugliedern. Einen ersten großen Erfolg konnten er und sein Team schon verzeichnen: Mit Hilfe von Petitionen und Publikationen wurde die UNESCO auf das Gebiet aufmerksam und hat eine Untersuchung zur Bedeutung des Areals veranlasst. Mit Erfolg. Bei der Eröffnungspressekonferenz für die Olympischen Winterspiele in Vancouver wurde am 12. Februar 2010 die Verbannung von Öl-, Gas- und Kohleindustrie aus diesem Gebiet verkündet. Doch Probleme bereiten nach wie vor die Abbaurechte, die British Columbia vor der Entscheidung vergeben hat. Viele Rechteinhaber haben ihre Genehmigungen freiwillig zurückgegeben – aber nicht alle.

    Der Status ist auch aus anderen Gründen immer noch ungeklärt und bedrohlich: Die Lobby der Jäger ist groß. In BC gibt es viele Menschen, die das Gebiet wegen seines Artenreichtums schätzen – um zu jagen. Außerdem wird jede Menge Holz geschlagen und einer der wichtigsten kanadischen Highways führt durch das Gebiet – eine ökonomische Lebensader des Landes. Wenn das Gebiet Nationalpark-Status bekäme, müsste die Regierung ein extrem aufwändiges Untertunnelungs- bzw. Überführungssystem installieren. Über hunderte von Kilometern hinweg.

    Für den Waterton-Glacier Friedenspark steht viel auf dem Spiel. Das große, ungeschützte Areal im Nordwesten, in dem gejagt und Holz geschlagen wird und dazu der vierspurige Highway – all das sorgt dafür, dass der gesamte Nationalpark regelrecht abgeschnitten wird von den Schutzgebieten im Norden, wie dem Banff National Park. Die Gefahr: Der Waterton Glacier NP könnte zu einer Insel werden. Ohne den intakten Wildtierkorridor von Süd nach Nord würden viele Spezies nicht mehr lange überleben.

    Hinein ins Unbekannte
    Das Kamerateam auf Wildnis-Trip

    Drehbericht von Till Lehmann

    "Noch nie war ein TV-Kamerateam in dieser Region" – so lockte uns Harvey Locke, der kanadische Wildlife Aktivist, zu einer abenteuerlichen Wander- und Klettertour in die schönste Wildnis Nordamerikas. "Denkt an warme Sachen, gute Schuhe und Bären-Abwehr-Spray", gab er uns noch mit auf den Weg. Das Zielgebiet liegt in den Ausläufern der nördlichen Rocky Mountains in British Columbia, Kanada. Im Süden, jenseits der Grenze zur USA, liegt der Glacier National Park, im Osten des Gebiets, im kanadischen Alberta, befindet sich der Waterton Lakes National Park – die beiden Schutzgebiete, die seit 1932 den ersten international Peace-Park formen, den ersten grenzübergreifenden Nationalpark der Welt.

    Wegen politischer Grenzziehungen, starker Lobbyisten aus Kohle und Holzindustrie und einer großen Jägerinteressengruppe blockiert die Regierung von BC bis heute den Anschluss dieses Gebiets an den Peace Park. Harvey Locke hat sich als Lebensaufgabe gestellt, dieses "missing piece" dem National Park zuzuführen. Eine seiner Strategien: Beim Kampf um die Parkerweiterung will er so viele Menschen wie möglich mit dieser Wildnis begeistern. Sein Motto: "Seeing is believing is understanding!" Und wir wollten mit!

    Schon die Planung der Drehwanderung wurde zu einer Herausforderung. Was nehmen wir mit? Wie viel Equipment? Wie viel privates Gepäck? Wie laden wir unsere Akkus in der Wildnis? Brauchen wir eine Ersatzkamera? Lebensmittel? Wasser? Am Ende hatte jeder von uns circa 20 Kilogramm auf dem Rücken. Fühlte sich schwer aber machbar an. Da wussten wir aber noch nicht, wie viele Höhenmeter Harvey mit uns überwinden will.

    Zusammen mit sieben weiteren Biologen, Fotografen und Mitstreitern begann die Tour an einem sonnigen Augusttag mitten im Waterton Friedenspark. Ein alter gelber Schulbus, der als "Hiker Shuttle" umfunktioniert wurde, brachte uns an den Rand des Parks. Von dort aus sollte uns ein „normaler“ Wanderweg zu unserem Basecamp in die Einsamkeit führen. "Bequeme drei Kilometer", motivierte uns Harvey Locke. Doch was dann kam fühlte sich an wie das Dreifache – und bequem schon gar nicht. Was wir Flachländer (Hamburger und Rostocker) unterschätzt hatten, war die Höhe. Gewohnt waren wir null Meter über dem Meeresspiegel. Der Bus brachte uns aber schon auf stattliche 1700 Meter, der Weg führte uns noch einmal 100 Meter höher. Die Luft wurde sehr schnell sehr knapp.

    Das Camp lag mitten im Wald in hügeligem Berggelände. Hier und da waren Wurzeln und Gestrüpp beseitigt, um Zelte aufzustellen zu können. Hundert Meter unterhalb der Schlafnischen lagen die Feuerstelle, ein kleiner Bach und die "bear-proof-lockers" – bärensichere Stahlschränke. Spätestens hier wurde uns allen klar, dass wir in diesem Gebiet nicht am Ende der Nahrungskette stehen. Gegenseitig wurden die wichtigsten Verhaltensregeln abgefragt: immer Bärenspray bei sich haben, möglichst laut sprechen und Krach machen, um die Bären nicht zu erschrecken. Auf keinen Fall Lebensmittel oder stark riechende Substanzen wie Zahnpasta mit ins Zelt nehmen. Falls der Bär kommt, nicht weglaufen sondern in Embryostellung verharren. Beim Einsatz des Abwehrsprays auf Windrichtung achten. Niemals Essbares an der Feuerstelle liegen lassen – alles muss in die Stahlschränke mit Spezialverschluss. Und dann hieß es "Gute Nacht" – die keiner von uns hatte. Auch wegen der Temperatur. Hier oben, auf fast 2000 Meter, fällt das Thermometer auch im August manchmal auf null Grad. Unsere Sommerschlafsäcke waren nicht die allerbeste Entscheidung.

    Die  Tour begann beim ersten Sonnenlicht des nächsten Tages. Schritt für Schritt ging es höher und hinein in die Wildnis. Mit unserem Equipment auf dem Rücken versuchten wir mit Harvey Locke und den anderen mitzuhalten. Die Anstrengung  wurden mit jedem Höhenmeter jedoch leichter zu ertragen, denn was sich in diesen Bergen nach und nach an Ausblicken, Stimmungen und Landschaften offenbarte, war spektakulär: azurblaue Bergseen, schneebedeckte Gipfel, knallbunte alpine Wildblumenwiesen, gigantische Täler. In den Pausen wurden wir umringt von frechen Murmeltieren, die dreist unsere Jacken entführen wollten.

    Tagesziel war ein Bergkamm in 2100 Meter Höhe, den wir nach fünf Stunden Wandern erreichten. Nicht nur uns, sondern der ganzen Gruppe verschlug es die Sprache. Die Skurrilität des so genannten "fehlenden Tortenstücks" wurde hier oben deutlich. Im Rücken die Gipfel und Täler des Waterton-Glacier Friedenspark – und vor uns 45 000 Hektar ungeschützte Wildnis. Dabei zeigte der Blick von oben sehr klar, dass es sich um das gleiche Ökosystem, die gleichen Berge, die gleichen Täler handelt. Nicht zu verstehen, warum das "missing piece" nicht schon längst zum großen Park gehört.

    Der Abstieg war um einiges schneller, leichter und regelrecht euphorisierend. Allerdings drängte Harvey Locke zur Eile, denn eine Gewitterfront näherte sich mit hoher Geschwindigkeit. Regenschauer trieben uns zurück ins Camp. Kurzerhand montierten wir alle zusammen eine Regenschutzplane über dem Feuerplatz und machten Feuer. Und dann gab es ein wirklich würdiges Dinner für diesen Tag. Die Spezialität der Abenteurer: Zuvor gekochtes Essen wird dehydriert, verliert an Gewicht und Volumen, kann leicht mit in die Berge genommen werden. Vor dem Zubereiten: Einweichen mit Wasser, dann aufkochen. Zur Feier des Tages gab es: Spaghetti Bolognese, Blueberry Crumble und duftenden Kaffee. Und alle drückten die Daumen, dass die Bären den Geruch nicht in die Nase bekamen …

    Interview mit Dan Raffla
    Biologe und Bisonexperte im Waterton Lakes National Park

    Wie wichtig ist es für den Waterton Lakes National Park, die gesamte Bandbreite aller ursprünglichen Pflanzen und Tiere vorweisen zu können?

    Es ist absolut wesentlich für unseren Nationalpark, eine komplette Liste aller Spezies zu haben, die hier ursprünglich heimisch sind. Wir setzen alles daran, diese Populationen zu erhalten und zu schützen. Wir bewegen uns in eine Zukunft, in der diese Art von Schutzzonen immer wichtiger und wertvoller werden. Und wenn wir es nicht schaffen, bestimmte Arten innerhalb von Nationalparkgrenzen zu schützen, dann wird es außerhalb eine noch viel größere Herausforderung. Unser täglicher Einsatz gilt der enormen Artenvielfalt dieses Parks, den Tieren und den Pflanzen – und der gesunden, intakten Beziehung aller Spezies untereinander.

    Was macht die Bisons so einzigartig und wichtig?

    Man muss sich nur mal vorstellen, dass die Bisons vor nicht allzu langer Zeit millionenfach diese Landschaft besiedelten. Zahlenmäßig waren sie die am meist verbreitetsten Säugetiere in Nordamerika – das ist nicht mal 150 Jahre her. Zeitgeschichtlich gesehen nur ein Wimpernschlag, wenn man bedenkt, dass sie seit 10 000 Jahren hier gelebt haben. Die ganze Landschaft wurde von den Bisons geformt – und von den Tieren, die den Büffeln folgten. Die Bisons stehen ikonographisch für  Nordamerika und ihre nahezu komplette Ausrottung hatte dramatische Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem dieser Region.

    Wie wichtig ist die Vision, Bisons auszuwildern und in großen Herden wieder entlang des Nationalparks umherstreifen zu sehen?

    Es ist ein wunderbares und ehrgeiziges Konzept, die Tiere wieder wild in dieser Landschaft haben zu wollen. Aber Nordamerika ist nicht mehr das gleiche wie vor 150 Jahren. Man darf die Veränderungen der Region nicht außer Acht lassen. Wenn solche großen Tiere wieder wild und frei umherstreifen, wo sie wollen, dann kann das auch Probleme verursachen. Die Landschaft wäre heute nicht mehr in der Lage, diese gigantischen Bison-Herden auszuhalten. Aber wir denken natürlich darüber nach, Bisons wieder auszuwildern – nur nicht in den Größenordnungen wie vor 150 Jahren.

    Die Fragen stellte Till Lehmann

    Interview mit Ifan Thomas
    Superintendant des Waterton Lakes National Park

    Was macht diesen Nationalpark so einzigartig?

    Im Waterton Lakes National Park gibt es eine außergewöhnliche Artenvielfalt. Wir haben fast 160 extrem seltene Pflanzenarten, 60 große Säugetierspezies, dazu 200 Vogelarten und ein Dutzend Reptilien. Es gibt alle großen Raubtierarten bei uns: Grizzlybären, Schwarzbären, Wölfe, Vielfraße, Füchse, Pumas, Luchse. Dieser Ort ist nicht nur ein "normaler" Nationalpark – er ist  UNESCO Welt-Erbe. Außerdem bildet der Park zusammen mit dem Glacier National Park auf der US-amerikansichen Seite den ersten Friedenspark der Welt. Dieses Ökosystem hat internationale Relevanz und es ist Vorreiter einer Bewegung, die um die ganze Welt ging. Der grenzübergreifende Schutz von Naturräumen hat hier seinen Anfang genommen. 

    Welche Rolle spielt der Park im großen Wildniskorridor zwischen den USA und Kanada?

    Der Waterton Glacier National Park ist das Herzstück des Wildlife-Korridors, der sich vom Yellowstone Nationalpark in den USA bis zum Yukon in Kanada erstreckt. Dieses Gebiet gilt als das größte, nahezu intakte Ökosystem Nordamerikas. Unser Park liegt genau in der Mitte des bedeutenden Korridors – er ist sozusagen dessen wichtigste Verkehrskreuzung.

    Warum brauchen wir im 21. Jahrhundert Nationalparks?

    Nationalparks bereichern unser Leben. Und für die meisten Menschen wäre es ein enormer Verlust, wenn sie solche Orte nicht erleben dürften. Selbst für jene, die es nicht schaffen, diese Parks zu besuchen, reicht es oft zu wissen, das es sie überhaupt gibt. Und Parks wie der Waterton Lakes National Park zeigen, dass es ein Nebeneinander geben kann zwischen Naturschutzgebieten und ökonomisch genutztem Land. Heutzutage müssen wir diese unterschiedlichen Interessen unter einen Hut bekommen.

    Brauchen wir mehr Nationalparks?

    Ich hätte nichts gegen noch mehr Parks. Es sind wunderbare Orte. Und die Menschen zeigen uns, dass es mehr und mehr Bedarf gibt. In beiden Teilen des Waterton-Glacier Friedensparks, in den USA und in Kanada, steigen die Besucherzahlen kontinuierlich. Die Leute suchen diese Wildniserfahrungen, sie wollen diese Nationalparks erleben, diese einzigartien Plätze in der Natur.

    Wäre eine Parkerweiterung der richtige Schritt in die Zukunft?

    Es hätte eine außerordentlich große Bedeutung für den Waterton Lakes Natiomal Park, wenn es gelingt, das Gebiet um das "fehlende Tortenstück" zu erweitern. Es gibt auch schon positive Signale von der kanadischen Regierung – nur die Verhandlungen mit den lokalen Behörden stehen derzeit auf der Stelle.

    Die Fragen stellte Till Lehmann

    Weitere Informationen

    Impressum

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    oder unter https://presseportal.zdf.de/presse/zauberderwildnis     

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