Copyright: ZDF / Stanislav Honzik
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Kaiserspiel – Bismarcks Reichsgründung in Versailles

Dokudrama

 

Vor 150 Jahren wurden die Deutschen zum ersten Mal in einem Nationalstaat geeint. Die Reichsgründung 1871 im Spiegelsaal von Schloss Versailles markiert eine entscheidende Zäsur in der deutschen Geschichte.
Der Film erzählt die Reichsgründung als Polit-Drama vor dem Hintergrund des deutsch-französischen Krieges. Die Schlüsselfigur Otto von Bismarck wird dabei von Thomas Thieme verkörpert.

  • ZDF, Dienstag, 14. Dezember 2021, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Ab Montag, 13. Dezember 2021, 20.15 Uhr für fünf Jahre
  • ARTE, Samstag, 27. November 2021, 20.15 Uhr (Kaiserspiel in Versailles)

Texte

Streit ums Reich
Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

Vor 150 Jahren entstand zwar ein geeinter Nationalstaat, aber in Folge eines erbitterten Krieges und weitgehend als Obrigkeitsveranstaltung. Dennoch wurde er von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung begrüßt, auch bejubelt. Der Versuch, die beiden Ziele "Einheit und Freiheit" in einem Anlauf zu erreichen, also Vereinigung und Demokratisierung zugleich, "von unten", war während der Revolution von 1848/49 gescheitert. Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck verfolgte zwei Jahrzehnte später eine andere Option - mit allen Mitteln: die Nationalstaatsgründung "von oben". Aber war es nur das?

Zwar ging die Staatsgewalt nach der Gründung 1871 nicht vom Volke aus wie in England oder Frankreich. Der Souverän des geeinten Reiches war ein "ewiger Bund" von Fürstenstaaten, Monarchien und drei freien Hansestädten – mit einem deutschen Kaiser an der Spitze, der zugleich König von Preußen war. Doch gab es im national gestimmten Bürgertum offenbar so viel Dankbarkeit für die ersehnte Einheit, dass es dafür den Verzicht auf mehr politische Mitbestimmung in Kauf nahm und den neuen Staat stützte, sich mit ihm identifizierte. Zumal er auch vielfältige wirtschaftliche Perspektiven bot.

Bismarck machte auch Konzessionen: Das gesamtdeutsche Parlament wurde nach dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht gewählt – für die damalige Zeit ein großer Fortschritt. Frauen blieben allerdings auch in Deutschland noch davon ausgenommen. Zwar waren die Befugnisse des Reichstages stark eingeschränkt, doch gegensätzliche Parteien fanden ein Forum, konnten Einfluss gewinnen. Was den Reichsgründer Bismarck freilich nicht davon abhielt, Opposition, wie die "Sozialisten", per Gesetz zu unterdrücken und das Parlament lieber zu beherrschen als es herrschen zu lassen. "Von oben" wurde die Regierung eingesetzt, nicht durch ein Votum des Reichstags.

Und was bedeutete die Reichs-Einigung nach außen? Die Mitte Europas wurde wieder mächtig. Die Proklamation des deutschen Kaisers in Versailles und die Annexion Elsass-Lothringens demütigten den Nachbarn und trieben einen tiefen Keil zwischen Deutschland und Frankreich. An diesem Konflikt konnte auch die Politik der Balance, die Bismarck künftig anstrebte, nichts ändern.

Um die verschiedenen Ebenen zu erfassen, haben wir zwei sehr unterschiedliche Filmbeiträge zum 150. Jahrestag der Reichsgründung konzipiert, die einander ergänzen sollen. Im 90-minütigen "Kaiserspiel" geht es darum, eine anschauliche Vorstellung davon zu vermitteln, wie die erste Einigung Deutschlands unter der Regie Otto von Bismarcks historisch konkret vonstattenging. Die ZDF-History Dokumentation "Streit ums Reich – Der Sattler gegen den Kaiser" hingegen spiegelt die weitere Geschichte des 1871 gegründeten Staates, richtet dabei den Fokus auf sehr gegensätzliche Lebensläufe, die Biografien des sozialdemokratischen Parteiführers Friedrich Ebert und Kaiser Wilhelms II. – sie stehen gleichsam stellvertretend für bipolare Entwicklungen im Kaiserreich. Die Dokumentation führt am Ende zu einem dramatischen Finale. Es ist der Moment, in dem Friedrich Ebert dem Kaiser als Staatsoberhaupt an der Spitze des Deutschen Reiches nachfolgt. Eine Wendung, die zuvor kaum denkbar erschien und die Frage aufwirft, wie es dazu kommen konnte, dass ein Sattler – so der ursprüngliche Beruf Eberts – den Kaiser an der Staatsspitze ablöst.

Stab, Besetzung und Inhalt

ZDF: Dienstag, 14. Dezember 2021, 20.15 Uhr
ZDFmediathek: Montag, 13. Dezember 2021, 20.15 Uhr für fünf Jahre
arte: Samstag, 27. November 2021, 20.15 Uhr (Kaiserspiel in Versailles)
Kaiserspiel – Bismarcks Reichsgründung in Versailles
Dokudrama 

Buch_____Dirk Kämper, Lothar Machtan
Regie_____Christian Twente
Fachberatung_____Lothar Machtan
Kamera_____Martin Christ, Fabian Spuck
Sprecher_____Gregor Höppner
Schnitt_____   Josef van Ooyen
Musik_____Rudi Moser
Szenenbild_____Irena Hradecká
Kostümbild_____Renata Janoušková
Maskenbild_____Ivo Strangmüller
Casting_____Marc Schötteldreier, Mirka Hyžíková
Produktion Gruppe 5_____Silke Breidenbach
Produktion ZDF_____Carola Ulrich, Phillip Müller
Produzent Gruppe 5_____Stefan Schneider
Producer_____Daniel Sich
 Redaktion_____Annette von der Heyde
Leitung_____Stefan Brauburger
Sendelänge_____90 Minuten

Die Rollen und ihre Darsteller*innen
Otto von Bismarck_____Thomas Thieme
Wilhelm I._____Peter Meinhardt
Napoleon III._____Hubertus Hartmann
Eugénie de Montijo, die Jüngere_____Anna Tenta
Eugénie de Montijo, die Ältere_____Marie Anne Fliegel
Luise von Baden_____Petra Kelling
Kronprinz Friedrich Wilhelm_____Holger Daemgen
Louise Michel_____Oona von Maydell
Marie Ferré_____Leonie Gareis
Theophile Ferré_____Sascha Göpel
Lothar Bucher_____Alexander Hauff
General Moltke_____Ulrich Gebauer
Ludwig II._____Matthias Eberle
Max von Holnstein_____Markus Brandl
Hofrat Schneider_____Armin Dillenberger

Inhalt
Das Dokudrama "Kaiserspiel" rekonstruiert die dramatischen Wochen von September 1870 (Schlacht von Sedan) bis zum 18. Januar 1871, als der preußische König Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde. Der 90-minütige Film erzählt, wie zielstrebig Otto von Bismarck die Zustimmung der deutschen Fürsten zur Einigung Deutschlands erwirkte und führt vor Augen, wie das französische Kaiserreich unter Napoleon III. zusammenbrach. Während Napoleon als Gefangener in Kassel weilte, fand Bismarck in der französischen Anarchistin Louise Michel eine todesmutige Gegenspielerin im belagerten Paris. Der Zuschauer wird Zeuge eines dramatischen Ringens um Macht, Einheit und Freiheit; erlebt wie große politische Entscheidungen ihren Lauf nahmen.

Den Erzählrahmen bildet ein szenischer Dialog: Auf Schloss Arenenberg in der Schweiz treffen sich Eugénie, die Witwe Kaiser Napoleons III., und Luise von Baden, Tochter von Kaiser Wilhelm I. Vor dem Hintergrund der Verhandlungen zum Versailler Vertrag, der Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg besiegelt, blicken die beiden hochbetagten Damen zurück auf die Zeit der Reichsgründung, ziehen ihre persönliche Bilanz zum Verhältnis der Deutschen und Franzosen, das im Spiegelsaal von Schloss Versailles 1871 und 1919 mit schweren Hypotheken belastet wurde.

Fragen an die Drehbuchautoren Lothar Machtan und Dirk Kämper 

Die Gründung des Kaiserreichs 1871 ist wegen des 150. Jahrestages ein Thema dieses Jahres. Sie erzählen ein Stück deutsche Geschichte für ein breites Publikum. Was war Ihre Motivation für das Drehbuch?

Dirk Kämper: Nach dem "Kaisersturz", unserer ersten gemeinsamen Arbeit, war schnell die Idee da, die Zeit davor zu erzählen. Wir sind vom Ende des Kaiserreichs an den Anfang gesprungen und fanden, dass es lohnt, den Beginn des deutschen Nationalstaats und den Weg dorthin zu erzählen.

Lothar Machtan: Diese Geburt des deutschen Nationalstaats ist bis heute ein Jahrhundertereignis. In unserer Erinnerungskultur hat es seinen Stellenwert aber an andere Geschehnisse abgetreten. Wir wollten zeigen, dass es sich trotzdem lohnt, einen frischen Blick auf diese Staatsgründung aus dem vorletzten Jahrhundert zu tun. Vor allem auf die Geburtshelfer – denn es war ja eine Reichsgründung von oben unter preußischer Führung. Und eine Kriegsgeburt. Aber wir wollten auch Preußens "Erzfeind", die Franzosen, in unsere Geschichte miteinbeziehen; insbesondere die Pariser. Denn für die war 1871 "l’année terrible", wie Victor Hugo das nennt – ein Jahr mit traumatischen Erfahrungen: schmähliche Kriegsniederlage, Belagerung mit Bombardierung, Hunger und Tod sowie blutigem Bürgerkrieg.  

Wie waren Ihre dramaturgischen Überlegungen beim Schreiben?

Dirk Kämper: Wir erzählen die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln, das macht es so interessant. Die französische und die deutsche Perspektive, die in sich schon viel Unterschiedliches bieten, dazu der Blickwinkel der nationalistischen Bewegung und der des Widerstandes. Nicht zu vergessen der Blick aus dem Jahr 1919 auf die Ereignisse von 1871 durch die beiden Damen, Eugénie de Montijo und Luise von Baden, einer ehemaligen Kaiserin und einer Kaisertochter.

Lothar Machtan: Auch dramaturgisch gilt hier: Politik ist Kampf um Macht. Deshalb war unser Blick vor allem auf die stärksten Konfliktfelder in dem damaligen Ringen gerichtet. Das Interdynastische etwa. Also wie Bismarck den deutschen Fürsten, und nicht zuletzt seinem eigenen König die Proklamation eines deutschen Kaiserreichs erfindungsreich abgerungen hat. Welche diplomatischen Mittel dabei zum Einsatz kamen. Aber auch die Spannungen zwischen militärischer und politischer Führung kommen zur Sprache. Schließlich die Aktivitäten der Franzosen, die sich den preußisch-deutschen Besatzern mit patriotischer Leidenschaft entgegenstellten. Das alles hat sich in jeweils ganz unterschiedlichen Welten abgespielt, die wir in ihren Besonderheiten ebenfalls einfangen wollten. 

Die Perspektive der Damen, Eugénie de Montijo und Luise von Baden, und ihr Blick auf die Wirrungen des Jahres 1871 ist besonders. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Lothar Machtan: Wir wollten das "zweite Versailles" von 1919 einbeziehen. Also das Friedensdiktat der Siegermächte im Ersten Weltkrieg – Frankreichs Rache für die deutsche Hybris nicht allein von 1914, sondern vielleicht mehr noch für die Demütigung von 1871. Deshalb suchten wir nach Zeitgenossen, die 1871 und 1919 hautnah erlebt haben.
So sind wir auf die beiden prominenten alten Damen gekommen, die mit ihren beiden Schlössern am Bodensee auch noch Nachbarinnen waren. Daraus haben wir eine informative Rahmenhandlung gemacht.

Dirk Kämper: Die Damen ersetzen uns letztendlich das, was sonst in Dokumentationen durch Aussagen von Historikern und Zeitzeugen hinzugefügt wird. Sie kommentieren das Geschehen aus der Rückschau. Es gibt, das machte die Sache für uns als Autoren so spannend, auch ein Interview mit Eugénie de Montijo. Das Gespräch fand zwischen 1901 und 1919 statt und durfte erst nach ihrem Tod veröffentlicht werden. Ein berühmter Diplomat und Historiker namens Maurice Paléologue hat die vertraulichen Gespräche mit der Kaiserin Eugénie dokumentiert. Für uns natürlich ein wunderbarer Fundus für unser Drehbuch.

Bismarck war Deutschlands erster Reichskanzler. Zweifellos eine große politische Persönlichkeit. Welche seiner Verdienste sind historisch aus Ihrer Sicht die wesentlichen?

Lothar Machtan: In unserem Film geht es nicht um eine historisch-kritische Gesamtwürdigung dieses in der Tat Ausnahmepolitikers. Es ging uns darum zu zeigen, wie er die damals sehr populäre Idee des Nationalstaates politisch instrumentalisiert; wie er die Reichsgründung im Stile klassischer Kabinettspolitik forciert und mit Finessen zum Erfolg geführt hat. Er konnte das, weil er ein Virtuose von Machtpolitik und ein Meister der Menschenbehandlung war. Am Ende hat er für die preußische Monarchie aus der damaligen Konstellation das Optimale herausgeholt. Aber dieser Erfolg war nicht vorprogrammiert, sondern blieb bis zum Schluss offen. Deshalb erzählen wir das auch ergebnisoffen.

Was macht Bismarck aus Ihrer Sicht heute zuweilen umstritten?

Dirk Kämper: Ich finde das schwierig. Wir kennen die Geschichte jetzt, aber Bismarck kannte sie natürlich nicht. Allerdings, er war kein Demokrat und es ist im negativen Sinne ‚bemerkenswert‘, wie sehr er militärische Konflikte anstrebte. Aus heutiger Sicht kann man die Härte und Brutalität seiner Vorgehensweise kritisch sehen.  Beachtlich ist in jedem Fall sein Werdegang: Bismarck gehörte nicht zu der Elite, die Macht bekam, seine Herkunft sprach dagegen. Aber aus seinem Talent und dem enormen politischen Instinkt gelang es ihm zu politisieren, Dinge zu schieben, Pläne auf Jahrzehnte zu betreiben und diese zu realisieren.

Lothar Machtan: Man darf Bismarcks Reichsgründung nicht das Unheil aufhalsen, das Deutschland im 20. Jahrhundert auf die Welt gebracht hat. Dennoch sollten wir natürlich nicht die Augen verschließen vor den enormen Defiziten, die dieser Staatsgründung von Anfang an innewohnten: dem Mangel an Demokratie, der Ausgrenzung sogenannten Reichsfeinde, der Ausnahmestellung des Militärs etc. Insofern kann auch der Reichsgründer keine positive Identifikationsfigur für unsere parlamentarische Demokratie sein. Doch er bleibt einer der bedeutendsten Protagonisten des 19. Jahrhunderts.

Sie haben das Drehbuch gemeinsam geschrieben. Wie war die Aufteilung Ihrer Zusammenarbeit?

Dirk Kämper: Durch die digitalen Techniken ist die gemeinsame Arbeit heute relativ simpel. Man kann an gemeinsamen Dokumenten arbeiten.
Ich sitze an der belgischen Grenze und Lothar Machtan in Bremen. Man erarbeitet gemeinsam, diskutiert und trifft sich ab und zu, wechselt sich ab, baut Diskussionspunkte ab. Ein Kompromiss ist beim Film aus unserer Sicht schlecht. Man muss diskutieren, damit es nicht unentschieden wird. Das ist der Vorteil einer Koautorenschaft.

Interview: Barbara Gauer

Statement von Regisseur Christian Twente

Es war höchst amüsant Thomas Thieme dabei zuzusehen, wie ihn als Bismarck zunehmend Wut und Verzweiflung darüber packt, weil sein König Wilhelm von Preußen (Peter Meinhardt) ganz und gar kein Kaiser werden will. "Da kann man ja glatt zum Republikaner werden", tobt Bismarck im stillen Kämmerlein. Bismarcks Lebenswerk steht auf dem Spiel – und obwohl Royalist durch und durch sollen darüber dann doch nicht die Fürsten bestimmen. Die Identifikation des Darstellers mit der Hauptfigur war an keiner anderen Stelle so stark.

Spitz kommentiert wird das Spiel hinter den Kulissen von zwei alten Damen 50 Jahre später: Luise von Baden, Tochter des späteren Kaisers Wilhelm I. und Eugénie, Witwe Napoleons III. In ihrer Darstellung wechseln Petra Kelling (Luise) und Marie-Anne Fliegel (Eugénie) vom Ausdruck royaler Gelassenheit spielend ins kokett-bürgerliche und tragen damit nicht nur zur Einordnung der Historie, sondern auch zur Unterhaltung bei.

Eine besondere Herausforderung dieser Produktion lag in der Anpassung der zahlreichen Haarteile an die Gesichter der Darsteller, die Bartmode der Zeit ist bekanntermaßen speziell. Aufgrund der Corona Restriktionen konnte sie diesmal nur direkt vor Drehbeginn erfolgen. Thomas Thieme aber wollte vorsorgen: Er ließ sich einen stattlichen Bismarck-Schnauzbart stehen. Wegen der dreimaligen Verschiebung der Dreharbeiten musste sich seine private Umgebung aber an diesen dauerhaft gewöhnen. "Christian, wie lange muss ich noch so herumlaufen", war meist die erste Frage bei unseren Telefonaten. Ich konnte es ihm nicht sagen. Nach der letzten Klappe am 27.8.21 kam endlich die Erlösung und der Bismarck-Schnauzer ab.

Fragen an Bismarck-Darsteller Thomas Thieme

Was war Ihr erster Gedanke, als Ihnen die Rolle des Otto von Bismarck angeboten wurde?

Ich war sofort ziemlich sicher, dass ich das machen würde, wenn die Umstände stimmen. Ich habe keine Berührungsängste vor derlei Figuren. Eher bin ich immer wieder erstaunt, dass mir diese Rollen angeboten werden. Als Ossi waren die Angebote Kohl und Hoeneß, also gestandene Wessis zu spielen schon überraschend. Und jetzt Bismarck, ein Preuße – kein Thüringer…

Was reizte Sie an der Figur?

Bismarck – das ist ein Angebot, das bekommt man als Schauspieler nur einmal im Leben. Mein Traum war lange, Churchill zu spielen – bis ich Gary Oldman in der Rolle gesehen habe. Besser geht’s nicht. Aber Bismarck und Churchill sind, wie ich jetzt weiß, quasi "Brüder im Geiste". Männer von Format mit Kraft und Raffinesse.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Meine Aufgabe als Schauspieler war, Bismarck zu erkennen. Das gelingt, durch die intensive Beschäftigung mit einer Figur. Dabei gehe ich weit zurück in die Kindheit und Jugend und betrachte die Figur aus der Position des Jungen, der er einmal war. Bismarck war als Kind eher faul, kein guter Schüler, eher Durchschnitt. Er wollte Junker werden, hatte vom Vater Ländereien übernommen. Diese Jungen-Figur behalte ich immer im Kopf, auch wenn ich ihn als Politiker spiele, der enorm wirkungsvoll agiert.

Das Dokudrama ist nicht ihr erster Film dieses Genres. Haben Sie ein Faible für zeitgeschichtliche Figuren und die Beschäftigung mit Geschichte?

Mich interessiert Geschichte. Ein Schauspieler muss sich in meinen Augen für Geschichte und Politik von gestern interessieren. Aber, ich gebe zu, Bismarck beziehungsweise die Zeit zwischen 1848 und 1914/18, hatte ich bisher ausgeblendet. Bis zum Drehbuch und der Beschäftigung mit der Zeit wusste ich davon nicht sehr viel. In der Schule in der DDR haben wir damals nur erfahren, dass er die Arbeiterbewegung im Keime erstickt hat.

Wie war Ihr Bild von Bismarck bevor Sie die Rolle übernahmen und wie hat sich dieses nach dem "Kaiserspiel" verändert?

Ich kannte Bismarck nur als beleibte staatstragende Figur. Ein Politiker des 19. Jahrhunderts in Uniform. Inzwischen habe ich zum ersten Mal ein richtiges Bild von Bismarck. Er war alles und noch mehr. Ein schräger Vogel, Säufer, Liebhaber, Genießer, sicher zuweilen privat sehr gern gemütlich, aber auch brutal und vor allem schlau. Und er hat Zeit seines Lebens gekämpft. Durch die Umstände wurde er in die härtesten Auseinandersetzungen hineingezogen und hatte dann oft die besten Ideen. Seine Kraft und Raffinesse auszustrahlen ist mir hoffentlich in der Rolle gelungen.

Interview: Barbara Gauer

Chronik zur Reichsgründung 1871

19. Juli 1870
Frankreich erklärt Preußen den Krieg

2. September 1870
Schlacht von Sedan: Kaiser Napoleon III. geht in deutsche Gefangenschaft

4. September 1870
Ausrufung der Französischen Republik in Paris

19. September 1870 bis 28. Januar 1871
Deutsche Belagerung von Paris

1. Januar 1871
Gründung des Deutschen Kaiserreichs

18. Januar 1871
Ausrufung König Wilhelms I. zum deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Schloss Versailles   10. Mai 1871 Deutsch-französischer Friedensschluss in Frankfurt am Main. Frankreich verzichtet auf Elsass-Lothringen und zahlt Reparationen an Deutschland.

22. bis 28. Mai 1871
Der Aufstand der französischen Kommunarden wird von französischen Regierungstruppen niedergeschlagen. Über 20.000 Franzosen sterben. 

28. Juni 1919
Der Friedensvertrag von Versailles verpflichtet nach dem Ersten Weltkrieg Deutschland zu Gebietsabtretungen und Reparationen an die Siegermächte. Dem Deutschen Reich wird die alleinige Kriegsschuld zugeschrieben.

22. Januar 1963
Unterzeichnung des Elysée-Vertrags über eine deutsch-französische Zusammenarbeit durch Konrad Adenauer und Charles de Gaulle

Zusammengestellt von Annette von der Heyde

Die Handelnden auf deutscher und französischer Seite 

Otto von Bismarck – Kanzler des Norddeutschen Bundes
Wilhelm I. – König von Preußen und designierter deutscher Kaiser
Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen – Sohn von Wilhelm I.
Großherzogin Luise von Baden – Tochter von Wilhelm I.
Ludwig II. – König von Bayern 

Eugénie de Montijo – Kaiserin der Franzosen
Napoleon III. – Kaiser der Franzosen
Louise Michel – französische Lehrerin und Sozialistin
Theophile Ferré – französischer Sozialist
Marie Ferré – Freundin Louises und Schwester von Theophile Ferré 

ZDF-History: Streit ums Reich. Der Sattler gegen den Kaiser (12.12.21)

Sonntag, 12. Dezember 2021, 23.45 Uhr
ZDF-History: Streit ums Reich. Der Sattler gegen den Kaiser
Ein Film von Annette von der Heyde und Stefan Brauburger

Zwei Männer, wie sie gegensätzlicher kaum sein konnten: Kaiser Wilhelm II. und der Sattler Friedrich Ebert. In ihren Biografien spiegeln sich die Konflikte des Kaiserreichs. Am Ende beerbte der eine den anderen. Als Kaiser regierte Wilhelm II. das Deutsche Reich 30 Jahre lang und führte es in den Ersten Weltkrieg. Nach seiner Abdankung übernahm Friedrich Ebert die Macht und wurde erstes demokratisches Staatsoberhaupt der Deutschen.

Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles das deutsche Kaiserreich proklamiert. Der Hohenzoller Wilhelm II. war damals 12 Jahre alt. Zwei Wochen nach dem Gründungstag wurde in Heidelberg der Schneidersohn Friedrich Ebert geboren. Beide Männer sollten das Kaiserreich auf sehr verschiedene Weise prägen, der eine als Monarch, der andere als ein Mann aus dem Volke und führender Kopf der Sozialdemokraten. Wilhelm II. wuchs im Selbstverständnis königlichen Gottesgnadentums auf, verstand so auch seine Rolle, als er 1888 Deutscher Kaiser wurde. Er wollte möglichst uneingeschränkt über die Geschicke des Reiches bestimmen. Friedrich Ebert, hineingeboren ins Milieu der Handwerker, Arbeiter und Tagelöhner, absolvierte eine Sattlerlehre, schloss sich der Gewerkschaft an und baute die Sozialdemokratie mit auf. 1912 zog er als Abgeordneter in den Reichstag. Als die Revolution von 1918/19 im Angesicht der Kriegsniederlage den Untergang des kaiserlichen Obrigkeitsstaates besiegelte, entstand eine Konstellation, die zuvor kaum denkbar erschien. Der ehemalige Sattlergeselle Ebert übernahm als führender Sozialdemokrat die Regierungsgeschäfte und gestaltete den Übergang von der Revolution in die Republik. Als erstes demokratisches Staatsoberhaupt in Deutschland galt sein ganzer Einsatz dem Schutz des jungen Staates, bis zu seinem frühen Tod 1925. Der letzte deutsche Kaiser betrat nach seiner Flucht in die Niederlande nie mehr deutschen Boden. Bis zum Lebensende 1941 überwand Wilhelm II. den Verlust der Krone nicht – wie auch die Tatsache, dass ausgerechnet ein Sattler ihn als Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches abgelöst hatte. Der Film zeigt anhand der Hauptakteure die grundlegenden Gegensätze, die das Kaiserreich ausmachten – zwischen Tradition und Aufbruch, Frieden und Krieg. 

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