Kein Entkommen

Der Fernsehfilm der Woche

Anna (Anja Kling) wird abends in der Nähe ihres Hauses überfallen. Die brutale Gewalt dreier Jugendlicher kostet Anna fast das Leben. Ihre ohnehin labile Verfassung wird weiter geschwächt, als die Strafe für den jüngsten Täter Marco in Annas Augen viel zu milde ausfällt. Obwohl Anna dem Überfall keinen Raum in ihrem Leben geben möchte, steht ihr Familienleben fortan unter großer Spannung. Anna ist stärker traumatisiert als sie zugeben kann. Als sie hinter dem Rücken ihres Mannes (Benno Fürmann) nach Beweisen gegen den jungen Täter sucht, löst sie eine fatale Kette von Ereignissen aus, die schließlich dramatische Folgen für ihre Familie haben.

  • ZDF, Montag, 24. März 2014, 20.15 Uhr

Texte

Das Trauma eines Opfers - Vorwort von Esther Hechenberger

Eine Frau, Mutter von zwei Kindern, wird abends in der Nähe ihres Hauses überfallen. Die drei Täter sind Jugendliche und erbeuten 25 Euro. Völlig unerklärlich ist ihre rohe Gewalt. Das Opfer, die Frau, entgeht dem Tod nur knapp und liegt mehrere Wochen im Krankenhaus.
Fälle wie dieser erscheinen immer wieder in der Zeitung und beschäftigen in den letzten Jahren die öffentliche Debatte. Denn gerade das äußerst brutale Agieren der Täter und ihr oft minderjähriges Alter scheinen kaum fassbar. Noch unverständlicher wird es, wenn es sich um die sogenannten Intensivtäter handelt, die wiederholt straffällig werden. Wie konnte es soweit kommen?
Neben der absoluten Gewalt sind diese Fälle auch durch die willkürliche Wahl des Opfers gekennzeichnet. "Kein Entkommen" erzählt, wie die Protagonistin Anna (Anja Kling) zu Beginn an einen klaren Schuldspruch der Täter glaubt, und wie ihr Rechtsverständnis ins Wanken gerät, als der Jüngste von ihnen aufgrund des Jugendstrafrechts "nur" zu Sozialstunden verurteilt wird.
Eindrücklich, ohne Pathos, schildert Regisseur Andreas Senn, der das Projekt von Anfang mitentwickelte,  Annas zerbrechenden Alltag nach dem Gewaltakt. Anja Kling überzeugt in der Rolle der zuvor lebenslustigen Frau und Mutter, die nicht zugeben möchte, ja nicht zugeben kann, wie stark sie die Todesangst traumatisiert hat.
Der Film taucht ein in das Drama dieser Frau, dieses Opfers, das hadert. Anna hadert gerade eben mit diesem unfassbaren Zufall, das Ziel der Angreifer gewesen zu sein. Ihr Selbstverständnis zerbricht, als sie realisiert, dass sie sich von einem Jungen terrorisiert fühlt, der ihr Sohn sein könnte. Ihr Trauma negierend, gefangen in ihren Ängsten, beginnt sie, irrational zu handeln und selbst Tabus zu brechen, um an ihr Ziel zu gelangen.
Benno Fürmann, als Annas Ehemann Micha, bringt dem Publikum die Verzweiflung, die Hilflosigkeit und die Wut eines Partners nahe, der ahnt, dass seine Frau in eine Parallelwelt abzurutschen droht – und der auch ahnt, dass sie sich in professionelle Hände begeben muss, um mit dem Erlebten leben zu können. Die Familie driftet so weit auseinander, dass Sohn Jan schließlich die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen lässt. Aber eine Tat bleibt eine Tat, und seine Rachemotive würden im folgenden Prozess unter Umständen als Mordversuch gewertet.
 
Eine Jede/ein Jeder hofft, dass es Sie/ihn selbst nicht trifft. Und auch wenn es passiert, versuchen viele Betroffene oft, schnell damit abzuschließen.
Man kann nur mutmaßen, dass Scham und Schuldkomplexe sowie Unwissenheit die meisten Opfer davon abhalten, den durch das Opferentschädigungsgesetz (OEG) möglichen Antrag auf Entschädigung zu stellen. Sicher empfinden viele wie die Filmfigur Anna schon das Erscheinen vor Gericht, allein, im Angesicht der Täter und deren zahlreichen Begleitern, als erneute Demütigung.
"Kein Entkommen" erzählt damit auch, wieviel Nachsicht sich eine liberale Gesellschaft gegenüber den oft minderjährigen Mehrfachtätern erlauben möchte. Womit soll und kann sie sich abfinden? Waltet hier tatsächlich falsche Milde (Giovanni di Lorenzo - Jugendstrafrecht: Falsche Milde. Die Zeit 05/2011)? Wo sind die Grenzen zu ziehen zwischen harten Verurteilungen und der Berücksichtigung der individuellen Täterbiografien? Wo gilt Opfer- vor Täterschutz? Welche Erfolge zeigt das Neuköllner Modell der verstorbenen Berliner Jugendstrafrichterin Kirsten Heisig, das einen zeitlich rascheren Prozess nach der Tat praktiziert, in der Praxis?
Selbstverständlich kann ein Fernsehfilm diese Fragen nur anreißen und nicht abschließend beantworten. Er zeigt aber, dass ein Blick auf dieses Thema die Gesellschaft, das heißt uns alle, weiter beschäftigen wird und beschäftigen muss.
Esther Hechenberger
Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie I - Fernsehspiel I

Stab, Besetzung

Fernsehfilm der Woche

Kein Entkommen

Montag, 24. März 2014, 10.15 Uhr

Buch: Stefanie Veith und Matthias Tuchmann
nach einer Idee von Katrin Milhahn und Antonia Rothe-Liermann
Regie: Andreas Senn
Kamera: Sonja Rom
Schnit: Uta Schmidt
Szenenbild: Anke Osterloh    
Kostüme: Majie Pötschke
Musik: Fabian Römer
Produktion: H & V Entertainment GmbH
Produzentin: Rima Schmidt
Redaktion: Esther Hechenberger
Die Rollen und ihre Darsteller:
Anna Lehmann-Bartels -  Anja Kling
Micha Bartels- Benno Fürmann
Jan Bartels - Matti Schmidt-Schaller
Lina Bartels - Anna Leena Duch
Chrissi - Ruby O. Fee
Marco Fallner - Julius Nitschkoff
Maike - Stefanie Stappenbeck
Polizist Gamser - Dirk Borchardt
Thomas -Maximilian Grill
und andere

Inhalt

Anna wird abends in der Nähe ihres Hauses überfallen. Drei Jugendliche erbeuten ihre Handtasche mit wenig Geld. Ihre brutale Gewalt kostet Anna fast das Leben. Die Täter werden durch einen Zufall schnell gefasst. Nach Wochen im Krankenhaus kehrt Anna zu ihrem Mann Micha und den Kindern Jan und Lina nach Hause zurück. Die Gerichtsverhandlung übersteht Anna im festen Glauben an eine klare Verurteilung der drei Angeklagten. Ihre ohnehin labile Verfassung wird weiter geschwächt, als die Strafe für den jüngsten Täter Marco in Annas Augen viel zu milde ausfällt.
Obwohl Anna dem Überfall keinen Raum in ihrem Leben geben möchte, steht ihr Familienleben fortan unter großer Spannung. Anna ist stärker traumatisiert als sie zugeben kann. Es fällt ihr schwer, Michas Hilfe anzunehmen, und ihr dreizehnjähriger Sohn glaubt den Eltern schon längst nicht mehr die Unfalllüge. Hinter dem Rücken ihres Mannes versucht Anna eigenmächtig über Marcos Freundin Chrissi, Beweise zu finden, die Marco zu Fall bringen sollen. Dabei löst sie eine fatale Kette von Ereignissen aus, die schließlich dramatische Folgen für ihre Familie haben.

Empathie ist der Schlüssel - Dr. Hans-Ullrich Krause, Leiter des Verbundes von Kinder- und Jugendeinrichtungen "Kinderhaus, Berlin - Mark Brandenburg e.V."

Wie kommt es, dass drei junge Menschen derart rabiat und herzlos agieren, wie sie das im Film "Kein Entkommen" tun? Ein Phänomen, das gerade in den letzten Jahren immer wieder aufgetreten ist.
Ich sehe hierfür drei grundsätzliche Ursprünge, die unterschiedlich schwerwiegend bei dem einzelnen Jugendlichen die Gewaltausbrüche verursachen. Einmal halte ich es für unwahrscheinlich, dass hochaggressive Konsolenspiele, die routiniertes Töten "üben", keine Wirkung auf junge Menschen haben. Dann beobachte ich verstärkt die Philosophie bei Jugendlichen, dass sie davon ausgehen, alles könne wieder repariert werden – das bezieht sich auch auf sie selbst. Dann sind die Zusammenhänge im Sozialen ganz wichtig, die Ignoranz und der Hass anderen gegenüber, die fehlende Empathie. Wir haben den Begriff der "emotionalen Intelligenz" dafür geprägt. Kinder, die in der frühen Kindheit stark vernachlässigt werden – das kommt quer durch alle Gesellschaftsschichten vor - entwickeln wichtige soziale Eigenschaften nicht oder nur unzureichend. Sie können sich nicht in andere und deren Gefühle hineinversetzen. Fehlende Zuwendung im frühen Kindesalter, auch Misshandlungen und zureichende Versorgung usw. hinterlassen sogar hirnorganische Spuren. Das zieht Defizite im Bereich der Motorik, aber eben auch der emotionalen Intelligenz nach sich. Es macht den Anschein, als habe der Junge in diesem Film diese Defizite. Er fühlt sich ganz alleine, ihm ist alles egal. Er kann sich in die Lage seines Opfers nicht hineinversetzen. In der Jugendhilfe geht man davon aus, dass man diese Defizite gut ausgleichen kann. Die Kinder müssen sichere Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen. Das kann die Familie sein – oder im übertragenen Sinn "ein ganzes Dorf", eine andere tragfähige Gemeinschaft. Das nennen wir dann "Nachnähren", das Gefühl im Kind zu verankern ich gehöre wohin, ich bin nicht alleine. Manchmal ist es aber auch zu spät und die Kinder sind in der Jugendhilfe nicht mehr richtig aufgehoben. Jugendhilfe bedeutet Freiwilligkeit, gemeinsam ein möglichst schönes Leben gestalten. Manchmal, in Fällen schwerster Gewaltausübung wie in diesem Fall, ist aber der Weg in die Haft unvermeidbar, bestenfalls gepaart mit einer sozialpädagogischen Maßnahme.
Wenn man das Phänomen als Ganzes und auf den Film "Kein Entkommen" bezogen sieht, wäre ein Teil des Opferschutzes die frühzeitige Investition in die Jugendhilfe.

Beschwerlicher Weg - Interview mit Anja Kling

Anna ist eine sehr starke Frau, die in ihren Grundfesten erschüttert wird. Wie haben Sie sich auf die Rolle der Anna vorbereitet? Vor welche besondere Herausforderung hat Sie die Rolle gestellt?
Egal wie stark eine Person auch ist, geschieht ihr, was Anna geschehen ist. Sie ist meistens zutiefst traumatisiert und muss das Leben völlig neu ordnen. Mir persönlich ist Derartiges zum Glück noch nie passiert, deshalb habe ich mich zum Thema "Trauma" so gut es ging belesen und viel mit dem Regisseur Andreas Senn gesprochen und diskutiert. Die Anna zu spielen war tatsächlich eine große Herausforderung für mich, weil sie Dinge tut, die mir fremd und unverständlich sind, Dinge, die ich nicht begreife als Anja Kling. Aber Anna verhält sich eben so. Es ist ihre Art, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. In so einer Situation gibt es wohl kein Richtig oder Falsch.
Haben Sie die Dreharbeiten für das Thema sensibilisiert? Sind Sie aufmerksamer in der Begegnung mit Jugendgruppen geworden?
Schon vor den Dreharbeiten hat mich das Thema Jugendgewalt beschäftigt. Ich habe Tina K., die Schwester des getöteten Jonny K., kennengelernt und an einer von ihr ins Leben gerufenen Internetaktion gegen Jugendgewalt teilgenommen. "I am Jonny" hat meinen Blick wachsamer gemacht, Betroffenheit ausgelöst, aber auch ermutigt, aufzustehen und kraftvollen Wiederstand zu leisten.
Finden Sie es richtig, wie Anna sich verhält?
Zweifelsohne macht Anna Fehler. Dass sie nicht spricht, sich nicht öffnet, nicht mal ihrem Mann gegenüber; dass sie Hilfe von außen nicht annehmen kann, verursacht eine tiefe Verunsicherung in ihrer Familie. Gerade der pubertierende Sohn kann mit dieser "Lüge" schwer umgehen.
Annas Sohn Jan verübt am Ende des Films selbst eine Gewalttat. Trägt Anna Mitschuld an Jans Entwicklung?
Ja, ich denke, Anna trägt eine Mitschuld, die ihr am Ende sehr schmerzlich bewusst wird. Sie wird begreifen müssen, dass sie einen neuen Weg beschreiten muss, um sich und ihre Familie zu retten. Und wahrscheinlich wird es ein beschwerlicher Weg sein und ihre Schritte dementsprechend klein.

Weitermachen, aber wie?  - Interview mit Benno Fürmann

Was hat Sie am Thema des Films gereizt?

Gewalt ist ein Thema, seit es Menschen gibt. Die Frage nach Umgang mit Gewalt stellt Gesellschaften immer wieder vor riesen Herausforderungen, und Meinungen über den Umgang und die Ahndung von Gewalt gehen diametral auseinander. Wie kann es sein, dass Menschen mit äußerster Brutalität bei nichtigsten Anlässen aufeinander losgehen, was ist der Nährboden für diese Gewalt - hat das Elternhaus versagt? Wir als Gesellschaft? Sind Menschen von sich aus gewalttätig, ist Gewalt fest in uns verankert?
Darüber hinaus kommt die Opferseite oft zu kurz, Gewalt hinterlässt immer Narben, physisch und psychisch. Gewaltakte erschüttern immer unser Urvertrauen- wie findet man zurück ins Leben, wie öffnet man sich wieder der Welt, die gerade noch auf einen losgegangen ist?
Der Angriff auf Anna bedroht plötzlich ihre ganze Familie - wie handelt Micha in dieser schwierigen Situation?
Micha versucht seiner Frau den Rücken frei zu halten, sie zu stützen, für sie da zu sein. Im Verlauf ihres Heilungsprozesses, beziehungsweise dem Ausbleiben desselben, empfindet Micha aber mehr und mehr, dass sie ihm entgleitet, er sie nicht mehr versteht. Im Lauf der Zeit ist er dann irritiert und auch genervt von ihrem Umgang mit sich, der Familie und der ganzen Situation. Er ist einfühlsam, aber auch "preußisch".
Können Sie sich vorstellen in seiner Situation ähnlich gehandelt zu haben?
Ich bin nicht Micha. Aber im Drehbuch und im Film macht mich das Nicht-Benennen-des-Problems, das Drum-herum-reden verrückt. Mir fehlt das ganz konkrete gemeinsame Nachdenken über Lösungsansätze. Aber das zeigt halt der Film: die Sprachlosigkeit, das Weitermachen wollen, aber nicht wissen wie.
Ein ebenso überraschender wie schockierender Überfall, wie er im Film geschieht, ist tatsächlich immer wieder Realität - haben Sie sich mit diesen Fällen beschäftigt?
Ich verfolge natürlich, was bei uns so passiert und bin oft wütend und traurig. Unbeteiligte Menschen kompensieren die Defizite im Leben anderer, kriegen aufs Maul, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Und ich bin immer wieder fassungslos über das in-Kauf-nehmen von schlimmsten Verletzungen, bleibenden Schäden.
Der Film zeigt, wie unterschiedlich Kinder in ein und derselben Stadt aufwachsen und durch ihr Umfeld geprägt werden. Wie nehmen sie die Unterschiede in ihrer eigenen Heimatstadt Berlin wahr?
Die Unterschiede nehme ich sehr stark wahr. Emotionalen Raum zur Verfügung stellen zu können, die eigenen Kinder zu spüren, Liebe zu geben hat auch etwas mit ökonomischen Rahmenbedingungen zu tun. Liebe ist bestimmt fast immer da. Sie kann aber auch überlagert sein vom täglichen Existenzkampf. Es ist ein Unterschied, ob deine Eltern sich für dich Zeit nehmen oder du dir selber überlassen wirst. Das war schon in meiner Grundschule ganz klar spürbar - mit der Chancengleichheit ist es in der Praxis nicht weit her.

Aus der Opferperspektive - Interview mit Andreas Senn

"Kein Entkommen" ist ein spannender Thriller und erzählt gleichzeitig die ergreifende Geschichte um eine Frau, die zum tragischen Opfer wurde. Wie haben Sie die Inszenierung aufgebaut?

Ausgangspunkt ist eine sympathische, letztlich gut funktionierende Familie. Durch den Gewaltakt des Überfalls und des daraus resultierenden Traumas wird sie einer großen Belastung ausgesetzt und droht zu zerbrechen. Der drohenden Zerstörung dieser Familie, sowohl durch die lauernde Gefahr durch den Täter als auch durch das irrationale Verhalten der traumatisierten Mutter schauen wir spannungsgeladen zu. Wir identifizieren uns mit der Familie und wissen, dass dieses Schicksal auch uns treffen kann. Am Ende deutet sich Hoffnung an, indem sich das Opfer seines Traumas bewusst wird.

Der Film leistet einen besonderen Beitrag zur öffentlichen Debatte, in dem er die Geschichte des Opfers in den Mittelpunkt rückt. Wie wichtig war Ihnen dieser Aspekt bei der Umsetzung des Projekts und welche Wirkung erhoffen Sie sich beim Zuschauer?

Die Perspektive des Opfers stand von Anfang an im Mittelpunkt dieses Films. Was passiert mit jemandem, der absolut grundlos fast zu Tode geprügelt wird? Welche psychischen Verletzungen bleiben, wenn die äußeren Wunden verheilt sind? Und welche Auswirkungen haben die psychischen Verletzungen auf das Leben des Opfers und auf seine Familie? Diese Fragen sind spannend und treten in unserer Wahrnehmung oft in den Hintergrund, auch weil sich die Justiz und die Medien natürlich viel mehr mit den Tätern beschäftigen. Vielleicht schärft unser Film das Bewusstsein, dass hinter jeder Tat nicht nur ein Täter, sondern auch viele Opfer stehen.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den beiden Hauptdarstellern Anja Kling und Benno Fürmann?

Anja Kling wirft sich rückhaltlos in emotionale Abgründe, Benno Fürmann ist ein sehr offener und gradliniger Schauspieler. Und er stand Anja immer zur Seite. Beide sind absolute Vollprofis - für mich war die Zusammenarbeit großartig!
Wie wichtig war Ihnen der letzte Akt, in dem Sohn Jan selbst zum Täter wird? Diese tragische Verstrickung der Figuren, die auch die Familie des Opfers nicht "unbescholten" zurücklässt?
Gewalt generiert nicht nur Opfer, sondern auch Täter. In unserer Geschichte überträgt sich das Trauma des Opfers auf den Sohn, die ganze Familie wird hineingezogen. Am Ende muss die traumatisierte Mutter erleben, wie ihr Sohn auch eine Straftat begeht. Er wird sich genauso vor Gericht verantworten müssen wie der Junge, der sie überfallen und fast umgebracht hat. Das ist hart und tragisch, leitet in unserer Geschichte aber auch auf schmerzhafte Weise eine Wendung ein. Die Mutter öffnet sich, beginnt zu sprechen. Ein erster Schritt auf dem Weg, sich ihrer psychischen Wunden anzunehmen. Aber es ist eben auch ein neuer Täter entstanden. Und neue Opfer. Nichts bleibt ohne Konsequenzen. Soviel Realismus und Lebensnähe ist für einen Film über dieses Thema absolut notwendig.

Traumatisches Erlebnis mit Folgen - Roland Weber, Opferbeauftragter des Landes Berlin

Von jeher nutzen Filmemacher das Stilmittel der Übertreibung zur Verdeutlichung diverser Problemlagen. Umso erfreulicher, wenn ein Film den Zuschauer ohne dieses Mittel zu fesseln vermag. Beeindruckend wird es aber dann, wenn ein Fernsehstück ohne Authentizitätsverlust sogar hinter der Realität zurückbleiben kann. Das ist vorliegend gelungen. Worum geht es? Der Film nimmt sich einer Problematik an, die viele nicht kennen. Es geht um die Frage, wie ein Opfer die Folgen einer Straftat psychisch verarbeitet. Ein Thema, das viele betrifft und im Alltag doch in keiner Weise präsent ist. So wurden allein in Berlin im Jahr 2012 über 13.000 Opfer von gefährlicher oder schwerer Körperverletzung registriert. Kein Arzt oder Traumatherapeut kann im Einzelfall vorhersagen, wie sich die Verletzungen auf die Psyche des Opfers auswirken. Das traumatische Erlebnis muss nämlich keineswegs zu erheblichen psychischen Folgen führen. Das tückische ist zudem, dass ebenfalls nicht vorhersehbar ist, wie sich die Auswirkungen zeigen und wie sie sich weiterentwickeln. Typische Anzeichen sind Rückzugstendenzen, Konzentrationsprobleme, Phantomschmerzen, Angstzustände und andere psychosomatische Beschwerden. Ärzte sprechen ab einem gewissen Punkt von einer „Posttraumatischen Belastungsstörung“ (PTBS). All diese Erscheinungen treffen die Hauptfigur Frau Lehmann, die wie jedes Opfer nur in ihr altes Leben zurück will. Dieser Wunsch führt dann zu einem (unbewussten) Verdrängungsprozess, wodurch die Opfer irrational handeln und beispielsweise als Zeugen vor Gericht angeben, dass es ihnen gut geht. Ganz typisch auch die Reaktionen des Umfeldes. Anfänglich wird dem Opfer Verständnis entgegengebracht, es soll sich schonen, nicht arbeiten, nicht zum Sport gehen. Nach einer gewissen Zeit, meist dann, wenn die Folgen äußerlich nicht mehr sichtbar sind, soll aber bitte der Alltag zurückkehren. Allein, er tut es nicht. So wie die Familie Frau Lehmann nicht mehr versteht, wenn sie mit dem Fön im Badezimmer sitzt, versteht sie umgekehrt ihr Leben und zunehmend ihr Umfeld nicht mehr. Nicht einmal die langjährigen Selbstverständlichkeiten wie ein leichtes Hockeytraining funktionieren noch. Und gerade hier hält sich der Film sogar zurück. Das ist gut so, denn der Zuschauer hat schon so seine Schwierigkeiten, Frau Lehmann zu verstehen. In der bitteren Realität hingegen wirkt sich das Krankheitsbild mitunter so drastisch aus, dass die Opfer manchmal überhaupt nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag zu bewältigen. Dies wird im Film an der Stelle deutlich gezeigt, als sie es nicht mehr schafft, ihre Tochter über eine stark befahrene Straße in den Kindergarten zu bringen. Genau wie Frau Lehmann suchen die Opfer zudem häufig die Schuld bei sich und entschuldigen sich für das Geschehene. Der Film ist ein wichtiger Beitrag, da er das weitgehend unbekannte Krankheitsbild einer PTBS aufzeigt. Betroffenen und deren Angehörigen ist zu raten, die ersten Anzeichen der Erkrankung ernst zu nehmen und sich fachkundiger Hilfe von Traumatherapeuten zu bedienen, um dauerhafte schwere Gesundheitsschäden zu verhindern. Infolge der Ernsthaftigkeit dieser Krankheit hat Berlin vor wenigen Jahren eine Traumaambulanz eingerichtet.

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