Hitlers offensiv judenfeindliche Politik wurde von Millionen Deutschen unterstützt. Foto: ZDF/Tobias Lenz
Hitlers offensiv judenfeindliche Politik wurde von Millionen Deutschen unterstützt. Foto: ZDF/Tobias Lenz

Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund

Zehnteilige Doku-Reihe

Mit der zehnteiligen Doku-Reihe "Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund" setzt ZDFinfo einen filmischen Akzent gegen das Vergessen. Das Projekt erzählt aus internationaler Perspektive vom Aufstieg und Untergang des Nationalsozialismus und untersucht die Ursachen für den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch, der aus einer krisenhaften Demokratie in den Krieg und zum Völkermord führte. Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Am Samstag, 8. Mai 2021, 76 Jahre nach diesem "Tag der Befreiung", ist die zehnteilige Reihe erstmals in ZDFinfo zu sehen.

  • ZDF info, Samstag, 8. Mai 2021, 18.45 bis 2.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Ab Freitag, 30. April 2021, 5.00 Uhr

    Texte

    Sendetermine und Stab

    Samstag, 8. Mai 2021, 18.45 bis 2.15 Uhr, ZDFinfo
    Ab Freitag, 30. April 2021, 5.00 Uhr, zehn Jahre lang in der ZDFmediathek

    Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund

    18.45 Uhr: Saat der Gewalt 1918 – 1922
    19.30 Uhr: Täuschung 1923 – 1928
    20.15 Uhr: Demokratie ohne Demokraten 1929 – 1933
    21.00 Uhr: Rassisten an der Macht 1933 – 1934
    21.45 Uhr: Jeder kann es sehen 1935 – 1938
    22.30 Uhr: Flächenbrand 1936 – 1940
    23.15 Uhr: Tor zur Hölle 1941 – 1942
    24.00 Uhr: Völkermord 1942 – 1944
    00:45 Uhr: Untergang 1943 – 1945
    01.30 Uhr: Verantwortung 1945 – 1948

     

    Autoren der Filme

    Dominic Egizzi (Saat der Gewalt 1918 / Täuschung)
    Gabriele Rose (Demokratie ohne Demokraten / Rassisten an der Macht)
    Egmont R. Koch (Jeder kann es sehen / Flächenbrand)
    Martin Davidson (Tor zur Hölle / Völkermord)
    Dagmar Gallenmüller / Karl Alexander Weck (Untergang / Verantwortung)

     

    Produktion: ECO Media
    Redaktion: Annette Harlfinger, Christian Deick
    Länge 10 x ca. 44 Minuten 

    Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund

    Mit der zehnteiligen Doku-Reihe "Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund" setzt ZDFinfo einen filmischen Akzent gegen das Vergessen. Das Projekt erzählt aus internationaler Perspektive vom Aufstieg und Untergang des Nationalsozialismus und untersucht die Ursachen für den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch, der aus einer krisenhaften Demokratie in den Krieg und zum Völkermord führte.

    Seltene, zum Teil neu entdeckte Film- und Fotoaufnahmen sowie 40 hochkarätige Experten wie Richard J. Evans, Mary Fulbrook, Peter Longerich, Moshe Zimmermann, Alexandra Richie und Götz Aly, ermöglichen einen umfassenden Blick auf die Geschichte zwischen 1918 und 1948.

    Auf der Grundlage neuester Forschungsergebnisse steht neben den Motiven der Täter auch die Verantwortung eines erheblichen Teils der damaligen deutschen Bevölkerung im Fokus der Reihe. Was hat den Aufstieg der Nazis begünstigt, was den Weg zum Völkermord an den Juden ermöglicht?

    "Ein Beitrag gegen das Vergessen"
    Vorwort von Redakteurin Annette Harlfinger

    Mehrere Umfragen aus den vergangenen Jahren zeigen, dass das Wissen um Holocaust und Nationalsozialismus schwindet. Zugleich feiern rechtspopulistische Bewegungen und Parteien weltweit Erfolge. Besteht die Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt?

    Die zehnteiligen Reihe "Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund" erzählt von Aufstieg und Untergang des Nationalsozialismus, einfach und verständlich. Das gemeinsam mit ZDF-Enterprises realisierte Projekt ist ganz bewusst nicht auf die Jahre 1933 bis 1945 beschränkt, sondern setzt schon 1918 an, um zu analysieren, wie eine Demokratie durch Lüge und Hass von innen zerstört werden kann. Und sie bleibt nicht beim Kriegsende stehen, sondern erzählt weiter von den menschlichen Tragödien auf der Flucht und in den befreiten KZ im ersten Jahr nach der Kapitulation.

    Neben persönlichen Schicksalen, die die Zeit für die Zuschauerinnen und Zuschauer emotional fassbar machen, heben die einzelnen Dokus auch immer wieder den Blick und schauen in das europäische Ausland und in die USA. Wie tickte die Welt damals, wo gab es ebenfalls nationalistische und faschistische Bewegungen und warum ging Deutschland seinen katastrophalen Sonderweg? Einen Weg, der in den Zweiten Weltkrieg führte – und ins größte Verbrechen an der Menschheit, den Holocaust. Nicht im Verborgenen, sondern für alle sichtbar.

    Auf Grundlage neuester internationaler Forschungsergebnisse und mit vielen bislang nicht gezeigten Filmaufnahmen erklärt die Reihe "Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund", wie es zur dunkelsten Stunde der Menschheit kommen konnte. Eine Warnung der Geschichte. Ein Beitrag gegen das Vergessen.

    Neben der Ausstrahlung im linearen TV ist die Reihe in der ZDFmediathek abrufbar und damit eine weitere Ergänzung des Angebots im ZDF für den Remote-Unterricht in Corona-Zeiten.

    Redakteurin Annette Harlfinger
    Teamleiterin Geschichte/Wissen, ZDFinfo

    "Geschichte kann uns eine Warnung sein"
    Interview mit Produzent Thomas Schuhbauer, Geschäftsführer von ECO Media

    Aktuell wird vielfach über die Gefährdung der Demokratie und über das Nachlassen der politischen Bindekräfte diskutiert – nicht zuletzt auch infolge des Überhandnehmens von Fake News in den Sozialen Medien. Inwiefern kann so eine umfassende Doku-Reihe dazu beitragen, erneut in Erinnerung zu rufen, was die deutsche Geschichte zu Demokratiegefährdung, zu Rassismus und Entrechtung bereits für Erkenntnisse bietet?

    Zwei Tendenzen sollten uns beunruhigen: Laut einer ZDF-Umfrage würden 28 Prozent der Deutschen gerne einen Schlussstrich unter die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit ziehen. Gleichzeitig erleben wir in der jetzigen Krise einen gefährlichen Vertrauensverlust in demokratische Institutionen. Die Reihe zeigt: Es hätte viele Möglichkeiten gegeben, den deutschen Weg in den Abgrund zu verhindern. Doch die damalige Demokratie hatte zu wenige Abwehrkräfte, und das gefährliche Potenzial populistischer Bewegungen in den 1920er Jahren wurde unterschätzt. Der Holocaust begann mit kleinen Schritten, die ihr Echo in den Ressentiments vieler Deutschen fanden. Wir wissen, dass Antisemitismus, Rassismus und Eugenik – all diese "Lehren" von der Minderwertigkeit bestimmter Menschen – damals auch in anderen Ländern stark verbreitet waren. Unser Ziel war es daher, schonungslos zu analysieren, warum ausgerechnet in Deutschland dieses Menschheitsverbrechen, der Holocaust, erdacht und ausgeführt werden konnte.

    Was waren die größten Herausforderungen, um dieses Doku-Projekt zu realisieren, das über mehr als sieben Stunden von den Anfängen 1918 den Weg in den deutschen Abgrund an beleuchtet, dabei aber nicht 1945 endet, sondern auch die Nachkriegsjahre bis 1948 miteinbezieht?

    Die Forschung zu diesem Gebiet füllt ganze Bibliotheken. Gerade in den vergangenen Jahren sind viele neue Quellen erschlossen und neue Fragen gestellt worden. Hier auf dem neuesten Stand zu sein und von der Vogelperspektive immer wieder einzutauchen in Lebensgeschichten und entscheidende Ereignisse, ist einerseits herausfordernd, andererseits eine unglaubliche Chance, eine Gesamtschau zu schaffen, die den Weg in den Abgrund aus einer Vielzahl von Perspektiven erzählt – Anhänger und Gegner des NS, internationale Beobachter, jüdische und nicht-jüdische Deutsche, Opfer und Täter. Wir waren uns deshalb einig, auf Zeitzeugen zu verzichten und stattdessen Originaldokumente der Zeit – Tagebücher, Briefe, Fotos, Filme – zum Sprechen zu bringen, um den Geist der Zeit einzufangen. Und wir wollen erzählen, welche Konsequenzen die Welt aus dem Desaster zog. Denn als der Krieg aus war und Hitler tot, war mit ihm der Antisemitismus nicht gestorben, was sich leider in jüngster Zeit auch in Deutschland immer wieder zeigt.

    Welche seltenen, zum Teil neu entdeckten Film- und Fotoaufnahmen bietet die Doku-Reihe denn? Und wie sind Ihre Autorinnen und Autoren fündig geworden?

    Es waren Tipps von Sammlern und Experten, die zum Fund etwa eines Amateurfilms führten, den niederländische Juden in Amsterdam während der deutschen Besatzung in ihrem Versteck gedreht haben. Es waren aber auch monatelange Recherchen in mehr als einhundert Archiven weltweit. Wir konnten vor kurzem entdeckte Fotos aus dem KZ Sobibor und Privatfilme eines Kleinunternehmers aus Bremen nutzen, der aus einer jüdischen Familie stammte. Wir bekamen Zugriff auf seltene Glasnegative aus Hitlers Zeit in München in den 1920er Jahren und frühen 1930er Jahren. Wir haben die Fragebögen neu ausgewertet, die das Frankfurter Institut für Sozialforschung Anfang der 30er Jahre unter hunderten von Arbeitern und Angestellten verteilen ließ. Und wir sind auf die unglaubliche Geschichte des Journalisten Leo Lania gestoßen, der sich 1923 unter falschen Namen in der Redaktion der NS-Zeitung "Völkischer Beobachter" einschleuste und aus erster Hand vom geplanten Hitlerputsch erfuhr.  

    40 hochkarätige Experten wie Richard J. Evans, Mary Fulbrook, Peter Longerich, Moshe Zimmermann, Alexandra Richie und Götz Aly kommen in der Doku zu Wort. Zeigt sich daran die internationale Ausrichtung der Produktion oder ist dies vor allem dem inhaltlichen Ansatz geschuldet, einen umfassenden Blick auf die Geschichte zwischen 1918 und 1948 zu ermöglichen?

    Von Beginn an wollten wir international erzählen – sowohl mit Expertinnen und Experten, die die ganze Bandbreite der Forschung abdecken, als auch mit Autorinnen und Autoren wie Martin Davidson, einem ehemaligen BBC-Redakteur, der zwei der Filme verantwortet. Denn der internationale Blick hilft, Deutschlands Entwicklung mit der anderer Länder zu vergleichen und sie einzubetten in demokratiefeindliche und rassistische Tendenzen, die damals in vielen Ländern zu beobachten waren. Dafür stehen gerade die beteiligten Historikerinnen und Historiker.

    Was mich persönlich bewegt ist, dass mein Doktorvater, der Faschismusforscher Wolfgang Wippermann, die Reihe nicht mehr sehen kann. Leider ist er im Januar dieses Jahres gestorben.

    Wenn Sie es auf einen Satz bringen müssten, was diese zehnteilige Doku für einen Info-Mehrwert bietet, was würden Sie sagen?

    Geschichte kann uns eine Warnung sein.

    Interview: Thomas Hagedorn

    Saat der Gewalt 1918 – 1922

    Am Anfang steht die Verheißung von alter Größe und neuer Ordnung, am Ende millionenfacher Mord. Was dazwischen liegt, ist eine Warnung der Geschichte.

    Der verlorene Erste Weltkrieg – die Gebietsverluste und Entschädigungen an die Sieger – enttäuschten und verbitterten viele Deutsche. Diese Stimmung machten sich radikale Hetzer zunutze.

    Die Macher des Versailler Vertrages belasteten die junge deutsche Demokratie mit einer schweren Hypothek, wie der US-Jurist und Autor James Whitman feststellte: "Sie haben ein Umfeld geschaffen, das den Aufstieg von Kreaturen wie Hitler ermöglicht hat."

    Hass und Rachegelüste schwelten in den Köpfen vieler Deutscher. Das Aufeinanderprallen rechter und linker politischer Überzeugungen machte die Weimarer Republik zum Pulverfass. In den Juden, die nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachten, meinten viele Deutsche die Ursache aller Übel auszumachen: Sittenverfall, Kommunismus, wirtschaftliche Not.

    Der Spielfilm "Stadt ohne Juden" von 1922 – erst vor Kurzem wiederentdeckt – erscheint wie ein Menetekel: Er schildert lange vor Hitlers Aufstieg, wie ein rechter Populist eine Stadt dazu aufhetzt, ihre jüdische Bevölkerung zu vertreiben. Eine Schreckensvision, die dem Verfasser der Romanvorlage das Leben kostete: Er wurde von einem NSDAP-Anhänger erschossen.

    Als in Italien die Faschisten 1922 mit Brutalität und Intrige die Macht eroberten, nahm sich ein bis dahin kaum bekannter Agitator namens Adolf Hitler – eine verkrachte und gescheiterte Existenz – den faschistischen Anführer Benito Mussolini zum Vorbild. Hitlers Ziel: die Macht in Deutschland zu erringen. 

    Täuschung 1923 – 1928

    1923 war die NSDAP auf 55 000 Mitglieder angewachsen, ihr Parteivorsitzender Adolf Hitler inszenierte sich als starker Mann der rechtsextremen Szene. 

    Der Journalist Leo Lania wagte Unglaubliches: Er gab sich als Parteigänger des italienischen Faschistenführers Mussolini aus und ging 1923 für mehrere Tage bei den Nazis ein und aus. Seine Recherchen enthüllten die Vorbereitungen für einen bewaffneten Putschversuch.

    Doch Lanias Erkenntnisse fanden wenig Beachtung. Am 9. November 1923 scheiterte schließlich Hitlers Putschversuch, die Bewegung wurde verboten, und der selbst ernannte Führer musste ins Gefängnis. Dort verfasste er seine Programmschrift "Mein Kampf", in der er seine hasserfüllte Gedankenwelt ausbreitete.

    Die Dokumentation erzählt, wie der braunen Bewegung der Wiederaufstieg während einer Zeit gelang, in der sich die Weimarer Republik scheinbar konsolidierte. Auf Jahre der Krise folgten die "Goldenen Zwanziger" – Kunst, Kultur und Wirtschaft blühten auf. Doch die Weimarer Republik ließ ihren Feinden viel Raum. Hitlers Parteifreund Julius Streicher durfte in der Zeitschrift "Der Stürmer" gegen Juden hetzen. Immer mehr Deutsche kauften das Propagandablatt.

    Bei der Reichstagswahl von 1928 fuhren Hitler und seine NSDAP ein miserables Ergebnis ein. Noch deutete nichts darauf hin, dass die Nazis nur fünf Jahre später die Macht in Deutschland übernehmen würden. Der Film zeigt, wie die Bewegung die Toleranz der Demokratie in Deutschland ausnutzte und sich mit Hetze und Gewalt auf die politische Bühne zurückkämpfte.

    Demokratie ohne Demokraten 1929 – 1933

    Die "Landvolkbewegung" protestierte Ende der 1920er-Jahre gegen den sozialen Abstieg. Aus dem Protest wurde eine radikale Bewegung, deren Wut Hitler und die NSDAP für sich nutzten.

    Hitlers Partei begann, gezielt Redner zu schulen, sie wurde präsenter für die Wähler. Sogar Arbeiter, die eigentlich linken Parteien nahestanden, waren für ihre Parolen empfänglich. Das Ergebnis: 1932 wurde die NSDAP stärkste Partei im Reichstag.

    Die Dokumentation zeigt, wie die Folgen der Weltwirtschaftskrise, die in den USA begann und auch in Deutschland zu Armut und Arbeitslosigkeit führte, verheerende Auswirkungen auf die Weimarer Republik hatten. Die Historikerin Mary Fulbrook beschreibt es so: "Jeder dritte Haushalt litt unter Arbeitslosigkeit. Und das führte zu einem Gefühl der Verzweiflung, zu zunehmender Kriminalität – und der Suche nach einem Retter."

    Konnte eine Partei wie die NSDAP, die die Demokratie offen bekämpfte, deshalb solchen Zulauf erhalten? Die wiederentdeckten Fragebögen von mehr als 500 Arbeitern und Angestellten aus der Zeit zwischen 1929 und 1932 geben Hinweise. Das Material enthüllt, dass auch Arbeiter, die linken Parteien nahestanden, für nationalistische Parolen empfänglich waren. Dazu kommt: Um Menschen an sich zu binden, setzte die NSDAP gezielt auf Emotionen. Dabei hob sich die Hitler-Partei von den demokratischen Parteien ab.

    Als die Wirtschaftskrise 1932 einen Höhepunkt erreichte und sechs Millionen Deutsche Arbeit suchten, war die Saat bereits im Boden. Die NSDAP wurde stärkste Partei im Reichstag. Mithilfe konservativer Kreise hebelte Reichspräsident Hindenburg die Reste der Demokratie aus. 

    Rassisten an der Macht 1933 – 1934

    Kaum im Amt, ließ Reichskanzler Adolf Hitler seine Maske fallen und erstickte jede Opposition im Keim. In weniger als zwei Jahren machte er aus Deutschland eine Diktatur.

    Auffallend ist dabei: Hitler ging scheinbar legal vor, schaffte für seine Maßnahmen Verordnungen und Gesetze. In scheinbar freien Wahlen und Volksabstimmungen sicherte er sich Rückhalt, um zu signalisieren, dass die Deutschen hinter ihm stünden.

    Nach dem Reichstagsbrand 1933 unterschrieb Reichspräsident Hindenburg eine Verordnung, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit außer Kraft setzte. Die braunen Machthaber achteten stets darauf, dass sie nur auf angebliche Bedrohungen der Gesellschaft reagieren würden, wie etwa bei der brutalen Unterdrückung der Kommunisten.

    Der Historiker Moshe Zimmermann ordnet ein: "Man muss betonen, dass die Nazipropaganda aufgrund der damaligen Mentalität Erfolg hatte. Sie beschwor eine ernsthafte Bedrohung durch den Kommunismus herauf, was auf breite Zustimmung in der Gesellschaft stieß." Die Machtübernahme wäre jedoch nicht möglich gewesen ohne Terror.

    Die ersten Konzentrationslager für politische Gegner wurden eingerichtet – nicht etwa heimlich, sondern flankiert von großen Berichten in Zeitungen und Zeitschriften. Die Deutschen wussten davon. Da es zunächst nur die politischen Gegner und Minderheiten betraf, stimmten die meisten schweigend zu. Doch wer, wie der jüdische Anwalt Ludwig Marum, in die Fänge der Nazis gelangte, bezahlte dies oft mit seinem Leben. Der Sozialdemokrat wurde 1934 im KZ Kislau erdrosselt. Seine Familie floh ins Ausland.

    Jeder kann es sehen 1935 – 1938

    Hitlers offensiv judenfeindliche Politik wurde von Millionen Deutschen unterstützt. Vor aller Augen und unverhohlen wurden Juden diskriminiert, entrechtet und verfolgt.

    Der zunehmende Rassismus und Antisemitismus in Deutschland führte zu Protesten im Ausland. Doch die Regierungen taten sich schwer damit, Maßnahmen gegen Hitlers Reich zu beschließen. In den Pogromen vom 9. November 1938 eskalierte die Gewalt gegen Juden in Deutschland.

    Im Oktober 1934 saß Hitlers Regime fest im Sattel – zum Entsetzen ausländischer Beobachter. Der amerikanische Soziologe Theodore Abel wollte herausfinden, was die Anhänger der NSDAP motiviert hatte, und sammelte 700 Biografien von Parteimitgliedern. Sie enthüllten: Viele ließen tief sitzenden Judenhass erkennen.

    In den Rassengesetzen der USA sahen die Nazis einen willkommenen Vorwand für ihre eigenen "Nürnberger Gesetze". Mit Ausgrenzung, Entrechtung und Gewalt begann schon in den 1930er-Jahren das, was heute als größtes Verbrechen der Menschheitsgeschichte gilt.

    Seltene Farb- und Schwarz-Weiß-Filme erzählen die tragische Geschichte des Bremer Schildermachers Walter Hachenburg, Sohn eines Juden, der sich ganz als deutscher Patriot begriff. Während er der Illusion nachhing, von Hitlers Judenhass nicht betroffen zu sein, wurde in Breslau der jüdische Lehrer Willy Cohn aus dem Staatsdienst entlassen. Wie viele deutsche Juden zu der Zeit, überlegte auch Cohn, auszuwandern. Doch auch im Ausland, selbst in Amerika, waren Juden und Jüdinnen nicht willkommen. Cohn und ein Teil seiner Familie wurden schließlich deportiert und ermordet, Hachenburg überlebte das KZ als gebrochener Mann.

    Flächenbrand 1936 – 1940

    Am 1. September 1939 überfielen deutsche Truppen Polen. In ihrem Rücken folgten SS-Männer mit dem Auftrag, die polnische Intelligenz zu ermorden. Tausende fielen ihnen zum Opfer.

    Hitler setzte seine Kriegspläne ungehindert durch. "Es wäre richtig gewesen, in Deutschland einzumarschieren, gegen Deutschland Krieg zu führen", meint der Historiker Götz Aly. Doch Frankreich, Großbritannien und die USA zögerten.

    Die Deutschen standen mehrheitlich hinter Hitlers Diktatur, berauschten sich an Erfolgen, wie der Besetzung des Rheinlandes oder dem Anschluss Österreichs. Währenddessen standen die ehemaligen Siegermächte des Ersten Weltkrieges vor einem Dilemma: Einerseits wollten sie den Versailler Vertrag nicht mehr durchsetzen, ihre Zugeständnisse sollten den deutschen Diktator aber auch nicht zusätzlich legitimieren. Währenddessen log, täuschte und erpresste Adolf Hitler, um seine Forderungen durchzusetzen. Hätte man Hitler stoppen können?

    Der spanische Bürgerkrieg zeigte auf drastische Weise, wie brutal der moderne Krieg mit seinen Bombenangriffen geworden war. Davor schreckten die Großmächte zurück. Für Hitler dagegen war er die Generalprobe, ein Testlauf für deutsche Kampfflieger, die später im Blitzkrieg gegen Polen eine wichtige Rolle spielen würden.

    Die Opfer dieser Politik sind die Demokratien Europas – die wenigen, die nach den Revolutionen 1918/19 übrig geblieben sind. Erst die Tschechoslowakei, dann Polen und Frankreich, das in einem weiteren "Blitzkrieg" binnen weniger Wochen besiegt wurde. 

    Tor zur Hölle 1941 – 1942

    Am 22. Juni 1941 griff Hitlers Armee die Sowjetunion an. Im Schatten des Krieges begingen Deutsche Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung.

    In den Konzentrationslagern begannen grausame Experimente, um das Töten noch effektiver zu machen. Hitlers Drohung wurde Realität: "Wer mit Gift kämpft, wird mit Giftgas bekämpft!"

    Mit dem Stocken der Offensive in Russland, dem Überfall von Pearl Harbour und dem darauffolgenden Eintritt der USA in den Krieg war die Aussicht auf einen schnellen Sieg Deutschlands vorbei.

    Der Beschluss, die deutschen Jüdinnen und Juden zu deportieren, löste eine Kettenreaktion aus, die den Völkermord beschleunigte. Berichte von Massenerschießungen an der Front kamen mit den Soldaten in die Heimat. Das Wissen, was im Osten passierte, war verbreiteter, als es nach dem Krieg zugegeben wurde. "Davon haben wir nichts gewusst" – ein Selbstbetrug. "Soldaten machten Fotos oder schrieben nach Hause: Das habe ich heute gesehen, aber keine Sorge mein Schatz, es ist notwendig", berichtet die Historikerin Alexandra Richie.

    Der Augenarzt Helmut Machemer meldete sich freiwillig zur Wehrmacht und nahm am Feldzug gegen die Sowjetunion teil. Sein Motiv: Er wollte durch Tapferkeit ein Eisernes Kreuz verdienen, denn damit, so hoffte er, könnte er seine nach den Rassengesetzen der Nazis halbjüdische Frau Erna und ihre Kinder vor Verfolgung schützen. Machemers Plan ging auf, doch er überlebte den Krieg nicht. Sein Vermächtnis waren einzigartige Film- und Fotoaufnahmen von der Front.

    Völkermord 1942 – 1944

    Im besetzten Polen begann 1942 die "Aktion Reinhardt". Die Deutschen ermordeten innerhalb weniger Monate mehr als zwei Millionen Juden in Lagern, die nur einem Zweck dienten: Massenmord.

    Historikerin Alexandra Richie: "Das ist die große Frage im Zweiten Weltkrieg: Wie kann eine so hoch entwickelte Gesellschaft sich so verändern, dass sie menschliches Leid völlig ignoriert?"

    Der Holocaust wurde grausame Wirklichkeit. Gleichzeitig geriet Hitlers Reich immer mehr in Rückstand zur industriellen Macht seiner Gegner. Mit der Furcht vor der deutschen Niederlage wuchs auch das Wissen um die Verbrechen, die von Deutschen begangen werden.

    Millionen Deutsche profitierten vom Völkermord an den Juden und wurden so zu Komplizen des Regimes, wie der Historiker Götz Aly feststellt: "Wenn sie in die Wohnung eines Juden gezogen sind oder nur ein Klavier oder auch Hausratsgegenstände von ihm gekauft haben, dann fürchten sie, dass einer von denen zurückkommen wird, sie zur Rede stellt."

    Vernichtung und Ausbeutung gingen Hand in Hand. Während die Menschen in der "Aktion Reinhardt" sofort ermordet wurden, profitierten Industrie und SS in Auschwitz-Monowitz von KZ-Häftlingen, die unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten.

    Von der Heimatfront über die Gettos im besetzten Polen und in den besetzten Gebieten Westeuropas bis zum Vatikan und dem Weißen Haus in Washington wuchs das Wissen um den Völkermord an der jüdischen Bevölkerung. Im kleinen Kreis brüstete sich SS-Chef Heinrich Himmler sogar damit. Das Ziel: die Deutschen in eine Verbrechensgemeinschaft zu zwingen, um sie bis zum bitteren Ende weiterkämpfen zu lassen.

    "Die schweren Verbrechen, die wir begangen haben, lassen uns keinen Weg zurück", so beschreibt Holocaust-Experte Moshe Zimmermann das Kalkül der Nazis. Die Mitwisserschaft um den Holocaust führte so bei vielen zur Bereitschaft, für Hitlers Regime bis zum eigenen Untergang zu kämpfen. 

    Untergang 1943 – 1945

    Die Niederlage von Stalingrad 1943 war die Wende im Krieg. Während die Gestapo jeden Widerstand im Keim erstickte, begannen 1944 die Todesmärsche zurück ins Reich.

    Stalingrad war das Signal für die NS-Führung, Terror und Propaganda zu intensivieren. "Am Endsieg zweifeln ist Verrat", so schrieb eine Lehrerin an ihren Verlobten an der Front. Die letzten Monate des Krieges wurden für die Deutschen die verlustreichsten.

    1943 war die Lage für Hitlers Deutschland zunehmend aussichtslos. Ohne Zwangsarbeiter wäre die Rüstungsindustrie am Ende gewesen – Millionen schufteten unter teils grausamen Bedingungen in deutschen Fabriken. Die verbündeten Staaten Rumänien, Ungarn, Italien und Finnland verließen nach und nach den Pakt mit den Deutschen und zwangen die Wehrmacht dazu, ihre Kräfte zu überdehnen.

    Währenddessen erschien das Regime im Inneren nach wie vor stabil. Die Dokumentation deckt auf, welche wichtige Rolle Denunziationen aus der Bevölkerung dabei spielten, dass der relativ kleine Überwachungsapparat der Gestapo fast jeden Widerstand effektiv unterdrücken konnte.

    Nach dem Scheitern des "Stauffenberg-Attentats" am 20. Juli 1944 wurden in der Wehrmacht so viele vermeintliche "Verräter" liquidiert, dass es niemanden mehr gab, "der willens gewesen wäre, diesen Wahnsinn zu beenden", so der Militärhistoriker Sönke Neitzel. 

    Verantwortung 1945 – 1948

    1945 endete der Zweite Weltkrieg, doch die Gewalt ging weiter. Überlebende und Sieger wollten die Deutschen zur Verantwortung ziehen. Doch wer trug die Schuld?

    Wie geht man mit einem Volk um, das Krieg und Völkermord bis zuletzt unterstützt oder zumindest gebilligt hat? Und wie könnte ein Neuanfang aussehen? Die Siegermächte wollten die Deutschen juristisch zur Verantwortung ziehen.

    Einer der vielen emotionalen Höhepunkte der Nürnberger Prozesse: Der Jurist Hersch Lauterpacht, der maßgeblich an der Formulierung des Anklagepunkts "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" beteiligt war, erfuhr im Gerichtssaal vom Schicksal seiner Familie, die bei einem der zahlreichen Pogrome ums Leben kam.

    Die Abrechnung mit dem Nationalsozialismus fiel zwiespältig aus. Einerseits gelang der politische Neuanfang, und der größte Teil der Nazi-Elite wurde ausgeschaltet. Andererseits hatte das Ansehen der Sieger nicht nur durch Stalins Verbrechen und die Vertreibungen gelitten. Und niemand wusste, ob die Deutschen wirklich mit dem Nationalsozialismus gebrochen hatten. Historikerin Mary Fulbrook kritisiert die deutsche Aufarbeitung: "Die Entnazifizierung war vor allem eine große Vertuschungsaktion auf Seiten der Deutschen." Viele Täter strickten sich Legenden oder nutzten kirchliche Hilfe bei der Flucht.

    Dennoch: Die rechtliche Aufarbeitung der Verbrechen im Nationalsozialismus führte zu Regeln, die die Menschheit zukünftig schützen sollten. Der Kampf gegen die Barbarei des Nationalsozialismus hatte vor allem die Demokratien stark gemacht. 

    "Nur zwölf Jahre": Social-Media-Projekt von ZDFinfo zu "Krieg und Holocaust"

    Die zehnteilige ZDFinfo-Reihe "Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund" wird in den Social-Media-Kanälen von ZDFinfo intensiv begleitet – unter anderem durch das Instagram-Projekt "Nur zwölf Jahre?" Vom 7. bis 9. Mai 2021 macht das Projekt deutlich, warum die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gerade auch heute erneut wichtig für die Gesellschaft ist.

    Es wird dort Antworten auf folgende Frage geben: Was hat der Holocaust noch mit mir zu tun? Warum muss jede Generation die Zeit zwischen 1933 und 1945 neu begreifen? Was gibt es heute für Freiheiten, die es früher nicht gab? Und wieso sind Nazi-Demos heute nicht verboten, wenn die Bundesrepublik einen Gegenentwurf zum Nationalsozialismus darstellt?

    Außerdem blickt ZDFinfo in Instagram-Stories und über Interviews mit heutigen Influencerinnen und Influencern zurück auf die Verbrechen der Nazis.

    ZDFinfo spricht zudem mit Vertreterinnen und Vertretern von Randgruppen, die zur damaligen Zeit dem NS-Terror zum Opfer gefallen wären – wie Menschen mit Behinderung, Homosexuellen oder Sinti und Sintizze sowie Roma und Romnja.

    Gesprächsgast in den Social-Media-Kanälen von ZDFinfo ist unter anderem Gianni Jovanovic, der sich als Aktivist für die Rechte von Roma und Sinti engagiert. Mit der Verfassungsgeschichte der Neuzeit beschäftigt sich Alexander Thiele von der Uni Göttingen, der Hinweise zu den Grundrechten heute und der Situation der Entrechtungen damals gibt.

    Infos zu ZDFinfo

    Die Wissensvermittlung bleibt der Markenkern von ZDFinfo – mit langen Dokumentationsstrecken aus den Bereichen Zeitgeschichte, Gesellschaft, Politik und Wissenschaft. Wissens-Dokus im "Fernsehen zum Mitreden" sind gefragt: ZDFinfo bleibt auch 2020 der meistgesehene deutsche Dokumentations- und Informationssender mit einem Marktanteil von 1,5 Prozent beim Gesamtpublikum und 1,7 Prozent Marktanteil bei den Jüngeren. In der ZDFmediathek erzielten die Abrufvideos von ZDFinfo rund 47 Millionen Sichtungen und steigern sich gegenüber dem Vorjahr um 57 Prozent.

    Im Monat März 2021 hatte ZDFinfo einen Marktanteil von 1,6 Prozent beim Gesamtpublikum und 1,8 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen.

    Im gesamten Jahr 2020 erreichte ZDFinfo einen Marktanteil von 1,5 Prozent bei den Zuschauern gesamt und 1,7 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen. In der ZDFmediathek erzielten die Abrufvideos von ZDFinfo rund 47 Millionen Sichtungen und steigern sich gegenüber dem Vorjahr um 57 Prozent.

    Im gesamten Jahr 2019 erreichte ZDFinfo einen Marktanteil von 1,4 Prozent bei Zuschauer gesamt und in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen.

    Zur Entwicklung der Marktanteile:

    ZDFinfo erreichte 2017 bei den Zuschauern gesamt einen Marktanteil von 1,2 Prozent – und steigerte seinen Marktanteil in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen auf 1,3 Prozent. 2016 hatte der Digitalsender gegenüber 2015 um 0,2 Prozent zugelegt. Der Sender erreichte sowohl bei den Zuschauern gesamt als auch in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen einen Marktanteil von 1,2 Prozent. Im Jahr 2015 erreichte ZDFinfo 1,1 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen und 1,0 Prozent bei den Zuschauern gesamt. 2014 lag der Marktanteil beim Gesamtpublikum und in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen bei 0,9 Prozent. Beim Start 2011 hatte ZDFinfo lediglich 0,1 Prozent Marktanteil und ist seitdem kontinuierlich gewachsen.

    Fotohinweis

    Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und über https://presseportal.zdf.de/presse/kriegundholocaust

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    ZDF Hauptabteilung Kommunikation
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    © 2021 ZDF

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    E-Mail: hagedorn.t@zdf.de
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