Copyright: ZDF/Stefan Erhard
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Ku'damm 56

Dreiteilige Familiengeschichte

Die Berliner Tanzschule "Galant" am Kurfürstendamm im Jahr 1956: Hier prallen Welten aufeinander, hier wird der Kampf zwischen Prüderie und Emanzipation ausgetragen. Tanzschulbesitzerin Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) verlangt, dass ihre drei Töchter nach den Werten der konservativ geprägten Gesellschaft leben. Helga (Maria Ehrich) und Eva (Emilia Schüle) scheinen diesem Wunsch zu folgen, nur Monika (Sonja Gerhardt), die mittlere Tochter, sträubt sich gegen den vorgezeichneten Weg – und entdeckt den Rock 'n' Roll.

Trailer unten: Rock 'n' Roll-Training Sonja Gerhardt und Trystan Pütter

  • ZDF, Sonntag, 20., Montag 21. und Mittwoch 23. März, jeweils 20.15 Uhr
  • ZDF neo, Samstag, 9. April, 20.15 Uhr, alle 3 Folgen

    Texte

    In die Freiheit tanzen
    Von Heike Hempel und Bastian Wagner (HR Fernsehfilm/Serie II)

    Der Berliner Ku'damm im Jahr 1956: In der Tanzschule Galant manifestieren sich die strikten Konventionen, starren Haltungen und klar definierten Rollenbilder der damaligen Zeit. Dort wird nicht nur Standardtanz gelehrt, sondern es gibt Benimmkurse, in denen der Umgang miteinander durch strikte Etikette definiert wird. Die Geschlechterrollen von Männern und Frauen werden so lange eingeübt, bis sie ganz "natürlich" erscheinen, bei all ihren selbstzerstörerischen Wirkungen, die man beflissentlich unter den Teppich kehrt. Doch es gibt auch eine andere Seite, in der Begriffe wie Sinnlichkeit und sexuelle Selbstbestimmung eine Rolle spielen. In "Ku'damm 56" war es uns ein Anliegen, einen frischen Blick in diese Welt zu werfen, den überraschenden Zwischentönen nachzuspüren und Perspektiven zu entdecken, die bisher verborgen waren.

    Unsere Geschichte wird aus einer subjektiven Perspektive entfaltet: Wir sind mittendrin. Wir folgen der Geschichte von Monika Schöllack, einer unsicheren jungen Frau, die der Hauswirtschaftsschule verwiesen wird und in den Haushalt ihrer Familie am Ku'damm Nr. 56 zurückkehrt. In der Tanzschule der Mutter kämpft sie darum, wieder auf die Füße zu kommen, während die Mutter damit beschäftigt ist, gute Partien für ihre Töchter zu finden und sie vorteilhaft zu verheiraten. Damit setzen wir unser dezidiert öffentlich-rechtliches Projekt fort, deutsche Geschichte in anspruchsvoller Fernsehunterhaltung fassbar zu machen. Wir erzählen Geschichte als Familiengeschichte, als "Geschichte von unten", als Erlebnis von Menschen. Diese Perspektive bereichert den öffentlichen Diskurs auf eine Weise, die nur das Erzählfernsehen bieten kann: greifbar, emotional, sauber recherchiert. Mit Fokus auf das zwischenmenschliche Abenteuer. Wie fühlt es sich an, erwachsen zu werden, sich selbst zu suchen, sich zu entfalten in einer so starren Zeit? Was heißt es, sich zu verlieben, wenn der Körper keine Gefühle zeigen darf? Wie können Männer und Frauen sich begegnen, wenn ihnen doch stets eingeredet wird, dass sie so völlig verschieden sind? Woher kamen schließlich die Befreiung, der Aufbruch und die neue Ehrlichkeit, die sich auf vielfältige Weise Bahn brachen in Popkultur, im Rock 'n' Roll, Emanzipationsbewegung und den 68ern?

    Unser Projekt, Geschichten starker Frauenfiguren zu erzählen, setzen wir hier fort – mit gleich vier weiblichen Hauptfiguren! Aber auch die Männerfiguren werden ernst genommen als Opfer eines Systems, das sie in unmenschliche Rollen zwingt. Es geht um einen ehrlichen, ungeschönten Blick – eine Geschichte darüber, dass Heilung nur möglich ist, wenn wir ehrlich genug auf unsere Situation schauen.

    Diese Geschichte wird von Annette Hess, zweifellos einer der besten Drehbuchautorinnen unserer Zeit, in ihrer unverwechselbaren Handschrift erzählt. Ihre Figuren sprühen vor Leben, ihre Dialoge schaffen jene beiläufige Eleganz, die ganz leicht wirkt, dabei aber hoch präzise und ausbalanciert ist. Zudem gelingt es ihr immer wieder, den Härten der Zeit humorvolle Momente entgegenzustellen. Die erfahrenen und profilierten Produzenten hinter dem Film sind Nico Hofmann und Benjamin Benedict von der UFA Fiction. Gemeinsam mit Ihnen hat das ZDF bereits eine Reihe von präzise recherchierten und packend erzählten zeitgeschichtlichen Stoffen wie "Unsere Mütter, unsere Väter" oder "Dresden" realisiert. Die Inszenierung von Regisseur Sven Bohse ist nah an den Figuren und stets intensiv durch die Kombination von klaren Bildern und treibendem Rhythmus. Ein großartiges Schauspielerensemble gibt der wendungsreichen Geschichte ein Gesicht und wir sind stolz, einen Cast präsentieren zu können, der etablierte Größen der deutschen Schauspielkunst wie Claudia Michelsen, Uwe Ochsenknecht und Heino Ferch mit den kommenden Stars der Szene Sonja Gerhardt, Maria Ehrich und Emilia Schüle kombiniert.

    Wir hoffen, mit "Ku'damm 56" einem breiten Publikum einen Wendepunkt deutscher Geschichte, der im fiktionalen Fernsehen bislang vernachlässigt wurde, zu zeigen und wünschen dabei gute Unterhaltung.

    Eine Zeit der Gegensätze
    Statement der Produzenten Benjamin Benedict und Nico Hofmann (UFA Fiction)

    Die 50er Jahre in Deutschland sind eine faszinierende und bisher im deutschen Fernsehen allzu wenig erzählte Zeit. Die Spuren und Narben des Zweiten Weltkrieges waren noch überall zu spüren und zu sehen. Gleichzeitig lockte das Wirtschaftswunder mit nie dagewesenen Neuerungen und Verheißungen.

    Eine Zeit der Gegensätze, die größer kaum sein könnten: Verdrängung trifft auf Rebellion, Rückzug auf Fortschritt, Prüderie auf Freizügigkeit, West auf Ost. Eine Zeit der Übergänge, der Veränderung, des Wandels. Eine Zeit, der Ende und Anfang gleichermaßen innewohnen und die damit eine unglaubliche spannende Grundlage für eine filmische Auseinandersetzung ist. Und eine Zeit, die sehr fern zu sein scheint und doch weit in die Gegenwart hinein wirkt, die präsent ist bei jenen Menschen, die in den 50ern Kindheit und Jugend erlebt haben.

    "Ku'damm 56" spielt nicht zufällig dort, wo all die erwähnten Widersprüche wie an keinem anderen Ort aufeinanderprallen: Mitten in Berlin, der geteilten und traumatisierten Stadt. Und "Ku'damm 56" erzählt ebenso wenig zufällig vor allem von drei jungen Frauen und ihrer Mutter. Noch viel mehr als die Männer leiden sie unter der Bigotterie dieser Jahre, in denen ihnen ein selbstbestimmtes Leben in vielen Bereichen noch verwehrt bleibt. Doch sie beginnen, aufzubegehren, kämpfen für ihre Unabhängigkeit und einen neuen Umgang mit ihrer eigenen Sexualität und legen damit den Grundstein für die Selbstfindung und Emanzipation einer ganzen Generation von Frauen. Der Rock 'n' Roll wirkt dabei wie ein Katalysator, durch den die Sehnsüchte und Gefühle der Heldin Monika endlich den langersehnten Ausdruck finden, und macht den Dreiteiler nebenbei auch zu einer absolut sehens- und hörenswerten Reise in die Musik- und Modegeschichte.

    Nicht zuletzt spiegeln die Biographien der Hauptfiguren, wunderbar dargestellt von Sonja Gerhardt, Emilia Schüle und Maria Ehrich sowie Claudia Michelsen als ihre Mutter in vielerlei Hinsicht das Leben unserer eigenen Mütter wider. Auch deshalb ist die Idee der Ausnahme-Drehbuchautorin Annette Hess bei uns – gemeinsam in der erprobten, langjährigen Partnerschaft mit Heike Hempel und dem ZDF – sofort auf Begeisterung gestoßen. Dies hat "Ku'damm 56" gleichzeitig zu einem sehr persönlichen Projekt gemacht, aus dem nun dank der treffenden und sensiblen Regie von Sven Bohse ein Dreiteiler geworden ist, der uns ganz besonders am Herzen liegt.

    Stab

    Ku'damm 56
    Dreiteilige Familiengeschichte

    Sonntag, 20. März 2016, 20.15 Uhr
    Montag, 21. März 2016, 20.15 Uhr
    Mittwoch, 23. März 2016, 20.15 Uhr

    Drehzeit                             Mitte Juli – Oktober 2015
    Drehorte                            Berlin und Umgebung

    Buch                                  Annette Hess
    Regie                                 Sven Bohse
    Kamera                             Michael Schreitel
    Casting                              Nina Haun
    Musik                                 Maurus Ronner
    Schnitt                               Ronny Mattas
    Szenenbild                         Lars Lange
    Kostüm                              Maria Schicker
    Produktionsleitung             Ilja Leptihn
    Produzenten                      Nico Hofmann, Benjamin Benedict
    Producer                            Marc Lepetit
    Produktion                         UFA FICTION
    Weltvertrieb                       ZDF Enterprises
    Redaktion                          Bastian Wagner, Anna Boßlet, Heike Hempel
                                               HR Fernsehfilm/Serie II
    Länge                                3 x 90 Min.
    Eine Produktion der UFA FICTION im Auftrag von ZDF/ZDF Enterprises

    Die Rollen und ihre Darsteller

    Monika Schöllack               Sonja Gerhardt
    Caterina Schöllack             Claudia Michelsen
    Helga Schöllack/               
    verheiratete von Boost       Maria Ehrich
    Eva Schöllack                    Emilia Schüle
    Prof. Dr. Jürgen
    Fassbender                        Heino Ferch
    Fritz Assmann                    Uwe Ochsenknecht
    Joachim Frank                   Sabin Tambrea
    Freddy Donath                   Trystan Pütter
    Wolfgang von Boost           August Wittgenstein
    Rudi Hauer                         Steve Windolf
    Sonja Lundi                        Katharina Schüttler
    Christa Hauer                     Anne Werner
    Otto Franck                        Markus Boysen
    Gerd Schöllack                   Robert Schupp
    Frau von Boost                   Emanuela von Frankenberg
    und andere

    Inhalt

    Kurzinhalt
    Hauptschauplatz ist die Berliner Tanzschule "Galant" am Kurfürstendamm im Jahr 1956. Hier prallen Welten aufeinander, hier wird der Kampf zwischen Prüderie und Emanzipation ausgetragen.
    Das Programm der Tanzschule von Caterina Schöllack spiegelt die verkrampfte konservative Einstellung der Besitzerin wider: Nur Standardtänze werden angeboten! Von ihren drei Töchtern Monika, Eva und Helga verlangt sie, dass sie sich durch vorteilhafte Heirat bestmöglich in die konservativ geprägte Gesellschaft einfügen. Aber dann entdeckt Monika den Rock 'n' Roll, Helga stellt fest, dass ihr Ehemann eigentlich auf Männer steht und Eva verliebt sich in einen verheirateten Mann – obwohl sie in ihrem Chef Prof. Dr. Fassbender bereits eine gute Partie gefunden hatte.
    Monikas Geschichte und die ihrer beiden Schwestern stehen dabei exemplarisch für zahlreiche Biografien einer Zeit, in der das Leben und der Wert einer Frau über den Platz an der Seite ihres Ehemannes bestimmt wurden. Doch gleichzeitig bewegten die Suche nach einer neuen weiblichen Identität und der aufkommende Wunsch nach Gleichberechtigung die Frauen dieser Generation.

    Inhalt erste Folge
    1956: Die junge Monika Schöllack wird wegen ungebührlichen Benehmens der Hauswirtschaftsschule verwiesen. Beschämt kommt sie zurück nach Berlin zu ihrer Mutter Caterina und ihren Schwestern Helga und Eva. Monikas Rauswurf ist für Caterina ein weiterer Beleg für das Versagen ihrer Tochter und sie befürchtet, niemals einen Mann zu finden, der Monika heiratet. Dabei ist es Caterinas großes Ziel, ihre Töchter durch vorteilhafte Heirat bestmöglich in der Gesellschaft zu etablieren. Der Ruf der Familie steht dabei für Caterina über allem. Sie ist sehr konservativ und entsprechend ist auch das Programm der Tanzschule "Galant", die Caterina alleine leitet. Ihr Mann und Vater der Töchter, Gerd Schöllack, wird seit 1944 vermisst. Lediglich Fritz Assmann, ein Freund der Familie, unterstützt sie in der Tanzschule und steht ihr auch sonst zur Seite.
    Hoffnungsvoll sieht Caterina der Verheiratung ihrer beiden anderen Töchter, Helga und Eva entgegen. Helgas Hochzeit mit dem angehenden Staatsanwalt Wolfgang von Boost steht unmittelbar bevor. Die forsche Eva macht dem deutlich älteren Professor Fassbender schöne Augen, in dessen Nervenklinik sie als Schwester arbeitet. Als Hochzeitsbegleitung für Monika hat Caterina den Fabrikantensohn Joachim Franck auserkoren. Zunächst ist Monika fasziniert von seiner speziellen Art. Doch als sie allein sind, eskaliert die Situation, und es kommt zu einem traumatisierenden Vorfall für Monika. Hilfe erhält sie von Fritz Assmann, der sich bei Caterina dafür einsetzt, dass Monika als Tanzlehrerin bei "Galant" arbeiten kann. In der Tanzschule trifft Monika auf Freddy, der dort mit seiner Band für die musikalische Begleitung sorgt. Er weckt ihr Interesse für die neue Musik aus den USA, den
    Rock 'n' Roll und öffnet ihr dadurch eine neue Welt. Doch auch Joachim Franck erscheint wieder auf der Bildfläche.

    Inhalt zweite Folge
    Joachim Franck wirbt weiter um Monika. Und auch Mutter Caterina möchte ihre Tochter weiterhin mit Joachim verheiraten, weshalb sie eine Verabredung für sie zusagt. Monika entdeckt dabei zwar auch eine andere Seite an Joachim, macht ihm aber dennoch deutlich, dass sie ihn nicht mehr sehen möchte. Stattdessen beschäftigt sie ein Aufeinandertreffen vor der Tanzschule mit einem derangiert aussehenden Herrn. Dieser stellt sich als Simon Crohn vor und behauptet, seiner Familie hätte bis 1936 die Tanzschule "Galant" gehört. Monikas Neugier ist geweckt. Ist die Tanzschule etwa nicht seit Generationen im Besitz der Familie Schöllack? In Caterinas Schlafzimmer stößt sie auf  ein Foto, das ihre Vermutung bestätigt. In Monika wächst der Widerstand gegen die Mutter, zumal diese offensichtlich nicht so "sauber" ist, wie sie immer tut. Außerdem findet  Monika immer mehr Geschmack an den Klängen des Rock 'n' Rolls. Freddy nimmt sie mit in den Tanzclub "Mutter Brause", wo sich ihr eine völlig neue Welt mit Haartollen, Lederjacken, Petticoats und amerikanischem Rock 'n' Roll eröffnet. Lauter junge Menschen, die wild auf der Tanzfläche herumwirbeln. Monika lässt sich mitreißen und fühlt sich endlich frei. Als sie erfährt, dass Joachim bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt wurde, besucht sie ihn zwar im Krankenhaus, aber genießt trotzdem ihr neues, heimliches Leben weiter. Überraschenderweise kommt aber ihre Schwester Eva ins Wanken. Bis vor kurzem sah sie sich schon als Frau Professor Fassbender. Doch die Begegnung mit Rudi Hauer, dem Mann einer Patientin und vielversprechendem Fußballer aus dem Ostteil der Stadt, lassen sie zweifeln. Helga erkennt ihren Mann Wolfgang derweil nicht wieder. Er verlässt spät abends die Wohnung, lässt sich gehen und zeigt ihr gegenüber keine Nähe. Als sie ihn mit der Situation konfrontiert, wird er handgreiflich.

    Inhalt dritte Folge
    Ihr neues Selbstbewusstsein steht Monika gut. Sie hat sogar den Mut, gegen den Willen ihrer Mutter einen Rock 'n' Roll-Kurs in der Tanzschule durchzusetzen. Der Kurs wird ein voller Erfolg und führt zu zahlreichen neuen Anmeldungen – denn "Galant" ist nun die einzige Berliner Schule, die Rock 'n' Roll-Kurse anbietet. Da wird Monika schwanger. Caterina schlägt ihr einen Ausweg vor, bei dem Joachim Franck eine Rolle spielen soll. Doch Monika zögert, obwohl sie spürt, dass Joachim sich verändert hat. Joachim versucht derweil, sein altes Leben hinter sich zu lassen und zieht aus dem Haus seines Vaters aus. Unterschlupf findet er bei Sonja Lundi, die ihn ermutigt, um Monika zu kämpfen. Doch auch Freddy ist bereit, sein Leben für Monika zu ändern. Helga muss sich in der Zwischenzeit mit der Homosexualität ihres Ehemanns Wolfgang auseinandersetzen. Und Rudi Hauer kämpft weiter um Eva, obwohl Caterina auf dem Abschlussball der Tanzschule die Verlobung von Eva und Prof. Fassbender verkünden möchte. Gleichzeitig stellt Fritz Assmann Caterina ein Ultimatum: Entweder sie bekennt sich öffentlich zu ihm oder er wird die Tanzschule Galant und Caterina verlassen. Der Abend des Tanzschulballs wird auch für Monika ein Abend der Wahrheit, denn nachdem Freddy und Monika die gediegene Veranstaltung mit einer wilden Rock 'n' Roll-Einlage unterbrechen, geraten Joachim und Freddy aneinander und es kommt zu einer wilden Schlägerei auf der Tanzfläche. Jetzt liegt alles an Monika.

    Die Rollenprofile

    Caterina Schöllack (Claudia Michelsen)
    Caterina Schöllack ist Mutter von drei Töchtern und von Beruf Tanz- und Benimmlehrerin. Ihr Ehemann ist nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, daher leitet sie die Tanzschule "Galant" am Kurfürstendamm allein. Sie war Profitänzerin und unterrichtet in der Tanzschule nur konventionelle Gesellschaftstänze. Auch in der Erziehung ihrer Töchter ist sie konservativ eingestellt. Der gute Ruf der Familie steht über allem und sie verfolgt mit großem Ehrgeiz das Ziel, ihre Töchter durch vorteilhafte Heirat bestmöglich in der Gesellschaft zu etablieren. Allerdings gestaltet sich die Suche nach geeigneten Ehemännern schwierig und gerade bei Monika fürchtet sie, keine passende Partie zu finden.

    Monika Schöllack (Sonja Gerhardt)
    Monika Schöllack ist Caterinas mittlere Tochter. Sie hat die Hauswirtschaftsschule besucht, wurde jedoch wegen "unzüchtigen Verhaltens" der Schule verwiesen, was Caterina in ihrer schlechten Meinung über Monika bestätigt. Doch Monika hat das Tanztalent Caterinas geerbt und darf daher nach ihrer Rückkehr in der Tanzschule unterrichten. Dabei ist sie stets der Willkür ihrer Mutter ausgeliefert, deren Vorstellungen sie nicht gerecht werden kann. Doch als sie Musiker Freddy und den Rock 'n' Roll kennenlernt, entdeckt Monika eine Welt, in der sie sich gesehen und aufgehoben fühlt. Ihr Verhältnis zu Joachim ist ambivalent. Was mit einem schlimmen Vorfall beginnt, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einer Nähe zwischen zwei Rebellen.

    Helga Schöllack (Maria Ehrich)
    Helga Schöllack, die älteste der drei Schwestern, sieht ihrer Mutter Caterina sehr ähnlich und ist bislang die einzige der drei Töchter, deren Heirat feststeht. In der Tanzschule hilft sie als Sekretärin aus. Sie ist attraktiv, gut erzogen und verfolgt tapfer das Ziel, die perfekte Frau für ihren Ehemann zu sein. Auch als sich die junge Ehe nicht als das erweist, was sich Helga unter einer Ehe vorgestellt hat, setzt sie dennoch alles daran, die Fassade aufrecht zu halten. Auf ihre Schwestern wirkt sie oft wie das Ebenbild ihrer Mutter, doch manchmal schaffen sie es, Helga zum Lachen zu bringen und bekommen sie dazu, aus sich herauszugehen.

    Eva Schöllack (Emilia Schüle)
    Eva Schöllack ist die jüngste der drei Schwestern. Sie ist sehr attraktiv und arbeitet als Pflegerin in einer Nervenheilanstalt in Berlin-Dahlem. Zu ihren Schwestern hat sie eine enge und herzliche Beziehung. Eva hat, wie ihre Mutter, immer die Zukunft im Blick. Nur selten lässt sie sich von ihren Gefühlen leiten – bis sie die Liebe zu einem Ost-Berliner Fußballspieler stärker trifft, als sie es sich je erträumt hätte. Ihr ursprüngliches  Ziel, ihren Chef Professor Fassbender von einer Heirat zu überzeugen, gerät dadurch in den Hintergrund.

    Freddy Donath (Trystan Pütter)
    Alfred Donath, genannt Freddy, ist von Beruf Kontrabassist und spielt im "Luna Trio" in der Tanzschule von Caterina Schöllack. Er ist ein leidenschaftlicher und guter Tänzer und verkehrt mitunter in sogenannten "fragwürdigen Kreisen". In der Tanzschule begegnet er Monika, seinem "Monekind", die er in seine Welt des Rock 'n' Roll mitnimmt. Über das Schicksal seiner Familie spricht er nur ungern.

    Joachim Franck (Sabin Tambrea)
    Joachim Franck, Ingenieur und Sohn eines bekannten Unternehmers, ist nicht zum Chef geboren. Er möchte schreiben, seinen Gedanken Worte verleihen und bricht deshalb mit seinem Vater. Er ist unsicher, hilflos und wütend auf alles und jeden. Seine wahren Gefühle verbirgt er hinter einem arroganten Auftreten. Bisweilen hat er sich nicht unter Kontrolle – was zu einem dramatischen Vorfall führt. Caterina Schöllack ist dennoch davon überzeugt, dass Joachim eine gute Partie für ihre Tochter Monika sei. Und Joachim spürt, dass Monika etwas Besonderes ist und bereut seine Tat.

    Wolfgang von Boost (August Wittgenstein)
    Wolfgang von Boost ist angehender Staatsanwalt. Seine Familie hat ihr gesamtes Vermögen verloren, hat ihren Lebensstandard deswegen aber nicht geändert. Er steht unter Beobachtung seiner strengen Mutter und legt selbst großen Wert auf Ordnung und Pünktlichkeit seiner Ehefrau Helga. Sie scheinen füreinander geschaffen zu sein und sich wirklich zu mögen, doch Wolfgang   beschäftigt ein Geheimnis: Er ist homosexuell.

    Fritz Assmann (Uwe Ochsenknecht)
    Fritz Assmann ist Tanzlehrer in Caterinas Schule und schon lange Hausfreund der Schöllacks. Ihn und Caterina Schöllack verbindet eine zwiespältige Beziehung, trotzdem kann sie sich in der Not auf ihn verlassen. Er scheint eine besondere intuitive Verbindung zu Monika zu haben und ist auch derjenige, der Caterina ein ums andere Mal wegen ihres strengen Umgangs mit Monika zurechtweist.

    Professor Dr. Jürgen Fassbender (Heino Ferch)
    Dr. Jürgen Fassbender ist Psychiater und Oberarzt in der Nervenklinik in Berlin-Dahlem. Seine Frau verließ ihn nach dem Krieg. Er interessiert sich für den medizinischen Fortschritt und ist sehr gebildet. Dennoch praktiziert er, aus heutiger Sicht gesehen, mit sehr fragwürdigen Methoden. Eva Schöllack ist Pflegerin in seiner Klinik und macht ihm Avancen. Noch zögert er jedoch mit seiner Entscheidung.

    Vergangenheit erzählen – Gegenwart reflektieren
    Statement von Autorin Annette Hess

    Die 50er Jahre haben mich schon immer fasziniert. Einmal ist es die Zeit, in der meine Eltern jung waren. Zum Zweiten sind diese Jahre geprägt von einer ungeheuren Gegensätzlichkeit. Der gewaltige Aufbruch kämpft mit einer ebenso gewaltigen Geschichte. Die Verdrängung, das zwanghafte Heraufbeschwören einer heilen Welt, zelebriert in den Filmen, Schlagern und der Mode dieser Zeit, stehen in krassem Widerspruch zu der so nahen, verheerenden Vergangenheit. Und aus Widersprüchen entstehen Konflikte – und Geschichten.

    Meine Inspiration für "Ku'damm 56", für die Figuren, waren die Erzählungen meiner Eltern über diese Zeit. Immer wieder tauchte der Name einer unmöglichen Monika auf. Sie war nicht anständig, poussierte mit Jungs, trug Petticoats und las Romane! Eine Helga gab es auch, eine Freundin meiner Mutter, gutmütig, anständig, bemüht, allen Erwartungen gerecht zu werden. Auch Vorbilder für die berechnende Eva, die 'auf dem Standesamt promovieren' will – wie das damals hieß – kamen in vielen Erzählungen vor. Aber am meisten interessierte mich diese Monika, denn der Umgang mit ihr war verboten. Sie war also gefährlich.

    In Filmen wie "Die Halbstarken" (1956) oder Nicholas Rays "...denn sie wissen nicht, was sie tun" (1955) sind es die jungen Männer, die gegen die überholten Moral- und Wertvorstellungen der Elterngeneration rebellieren. In "Ku'damm 56" wollte ich von den jungen Frauen erzählen, von denen, die es doppelt schwer hatten, ein eigenständiges Leben zu leben. Denn die Frauen der 50er Jahre kämpften nicht nur mit der bigotten Moral jener Zeit, sondern darüber hinaus mit einem biederen, festsitzenden und fatalen Rollenverständnis: "Kinder werden Leute, Mädchen werden Bräute." Die Frau hatte sich dem Mann unterzuordnen. Sie konnte keinen Mietvertrag abschließen, und sie durfte nur mit Erlaubnis ihres Mannes arbeiten. Zudem waren die allermeisten Frauen sexuell ahnungslos und entsprechend gehemmt. 'Leichte Mädchen' wurden als böses Beispiel für sittliche Verrohung aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Geschiedene Frauen mit unehelichen Kindern waren Geächtete.

    Aus der Vergangenheit erzählen heißt für mich, über die Gegenwart reflektieren. Gesellschaftliche Fortschritte werden einem bewusst. Aber auch die Einschränkungen unserer Zeit werden in der Spiegelung mit der Historie offenbar. Was in den 50er Jahren als anständig galt, hat heute keine Bedeutung mehr. Was damals verboten war, löst heute Befremden aus. Beim Schreiben musste ich oft lachen, denn die damalige Prüderie, die verkorkste Körperlichkeit, sind aus heutiger Sicht wunderbar komisch. Doch andererseits wächst heutzutage eine neue Sehnsucht nach Sitte und Anstand. Benimmschulen erfahren regen Zulauf. Trotz Gender-Diskussion ist das Bedürfnis nach klaren Geschlechterrollen nicht totzukriegen. In zahlreichen YouTube-Clips – als Spiegel jugendlicher Sehnsucht – herrschen die Männer und die Frauen unterwerfen sich als Objekte. Sind wir wirklich schon so viel emanzipierter als in den 50er Jahren?

    Und noch eine Frage hat mich beim Schreiben immer wieder beschäftigt: Was ist Freiheit? Gibt es überhaupt eine individuelle Freiheit? Sind wir nicht alle in unserer Zeit gefangen, von den Umständen und gesellschaftlichen Erwartungen gelenkt, Produkte unserer Umwelt – selbst in der Rebellion, denn diese wird auch nur von einem historischen Status quo ausgelöst. Wo liegen die Grenzen der Selbstbestimmung? Kann man frei sein, ohne schuldig zu werden? Freiheit und Gleichheit sind eine Utopie. Aber es lohnt sich zu jeder Zeit, wie Monika dafür zu kämpfen.

    "Mit Tanz und Musik lässt sich vieles ohne Worte ausdrücken"
    Ein Interview mit Regisseur Sven Bohse

    Der Dreiteiler "Ku’damm 56" vereint viele verschiedene Aspekte der 50er Jahre in Deutschland. Was hat Sie daran gereizt, bei diesem historischen Stoff Regie zu führen?

    Die Geschichte spielt zu der Zeit, in der meine Eltern aufgewachsen sind. Mich damit auseinanderzusetzen, wie die Welt ihrer Jugend war, hat mich interessiert. Die Art des Umgangs, die Sprache, die Sichtweisen – Vieles kam mir im Buch bekannt vor, auch von Familienfesten bei meinen Großeltern. Außerdem ist dieses Kapitel deutscher Geschichte, bei dem weder Nazis noch die Stasi im Mittelpunkt stehen, noch nicht so auserzählt. Ich fand es schon beim Lesen unglaublich spannend, wogegen junge Menschen, vor allem Frauen, damals ankämpfen mussten, welchen Erwartungen sie ausgesetzt waren. Mein Bild der 50er setzte sich hauptsächlich aus Heinz-Erhard Filmen, Schlagermusik und dem Wirtschaftswunder zusammen, die heile Welt, in die viele damals geflüchtet sind.

    Und wann hat sich dieses Bild gewandelt?

    Beim Lesen der Bücher ist mir klar geworden, wie sehr es unter dieser schönen Fassade gebrodelt hat. Man wollte nach vorne blicken, war aber in vielen Belangen noch unglaublich rückständig. Der aufkeimende Kampf der jungen Generation gegen die verkrustete Mentalität der Älteren ist für mich – gerade heute – ein Sinnbild für die Notwendigkeit, immer zu hinterfragen, ob wir als Generation auf dem richtigen Weg sind, ob wir aus der Vergangenheit lernen und mutig genug sind, neue Wege einzuschlagen und etwas zu verändern. Dieser Bezug zum Jetzt interessiert mich. Wenn ich an Geschichten herangehe, suche ich eigentlich immer einen Bezug zu mir selbst – was kann ich über die Themen erzählen, was gehen sie mich an und wie ist meine Haltung dazu?

    Was mögen Sie an genau dieser Geschichte?

    Ich mag an der Geschichte, dass sie den State of Mind dieser Zeit so facettenreich anhand fiktiver Schicksale aufschlüsselt und dafür kein historisches Ereignis oder reale Personen braucht. Auch das Setting einer Familienkonstellation hat mich gereizt. Die Abgründe und Zwänge der Figuren sind innerhalb einer Familie deutlicher als beispielsweise in Freundschaften, eben weil man sich nicht so ohne weiteres distanzieren kann. Entweder man arrangiert sich und leidet, oder man sucht die Konfrontation.
    Aus den Lebens- und Liebesgeschichten der Mutter und ihrer Töchter entwickelt sich ein präzises Gesellschaftsporträt mit unglaublich vielen Erzählebenen und starken, ambivalenten Figuren. Es geht um Sexualität, Emanzipation, Geschlechterrollen, Familie, Individualität, Schuld, Liebe – um existentielle Gefühle und darum, wie der Rock 'n' Roll einer jungen Generation eine Identität gegeben hat. Die Geschichten haben eine große emotionale Kraft und Annette Hess hat starke Bilder gefunden, diese zu erzählen. Vor allem mit Tanz und Musik lässt sich vieles ohne Worte ausdrücken, das gefällt mir. Ich hatte sofort ein Gefühl für die Atmosphäre und den Ton, den dieser Film haben muss. Das ist für mich immer ein guter Wegweiser für die weitere Umsetzung.

    Wie haben Sie sich auf dieses Projekt vorbereitet?

    Ich habe vor allem viel über den Figuren und Szenen gebrütet, um in den Kopf zu kriegen, was ich erzählen will und wie. Dann habe ich alles an Bildbänden, Dokumentationen, Musik, Büchern und Artikeln konsumiert, was mir in die Finger kam. Natürlich habe ich mich auch intensiv mit der Autorin, den Schauspielern und Zeitzeugen ausgetauscht. Neben der inhaltlichen Recherche ging es mir vor allem darum, ein Gefühl für die Atmosphäre und die Ästhetik dieser Zeit zu bekommen. Ich habe versucht, das Lebensgefühl der Menschen damals zu verstehen, um es richtig wiedergeben zu können.
    Mit dem Kameramann Michael Schreitel habe ich früh begonnen, eine visuelle Sprache für die Umsetzung der Geschichte zu entwickeln. Besonders beeinflusst haben uns dabei die Malerei von Edward Hopper und die Fotografien von Gregory Crewdson. Beide stellen die Einsamkeit des Individuums in einer morbiden, urbanen Bürgerlichkeit dar – Menschen, die von etwas träumen, aber unfähig sind, zu handeln. Das war für mich ein Sinnbild für das Dilemma einiger Figuren in "Ku'damm 56".
    Ich habe irgendwann festgestellt, dass sich starke Brüche, sei es in Biografien, persönlichen Träumen, dem Stadtbild, der Kultur, den Familienschicksalen, als roter Faden durch diese Zeit ziehen.
    Auch im Drehbuch prallen immer wieder krasse Gegensätze aufeinander. Daraus habe ich meine Agenda für die visuelle, musikalische und inhaltliche Gestaltung entwickelt.

    Was war Ihnen bei der Umsetzung besonders wichtig?

    Eine glaubhafte, dichte und konsistente Welt zu kreieren war mir ein großes Anliegen. Und Mut. Mut zu großen Emotionen und großen Bildern. Ich wollte der Arbeit mit den Schauspielern genügend Raum geben, gleichzeitig aber auch in der Gestaltung keine Kompromisse machen. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Kino und Fernsehen – jede Geschichte hat unterschiedliche Anforderungen, aber sie muss "amtlich" erzählt werden, damit der Film einen reinzieht.
    Die Hauptmotive haben wir im Studio gebaut. Das hat uns viel kreative Freiheit gelassen. Die Motivsuche, vor allem nach einem geeigneten "Ku'damm", hat uns viel Zeit gekostet. Der Film soll Mut zur Größe in der Darstellung beweisen, gleichzeitig aber auch etwas Unmittelbares, Authentisches und Schmutziges behalten.

    Was waren für Sie die größten Herausforderungen?

    Immer dann, wenn es um's Eingemachte bei den Charakteren ging. Logistik bei aufwändigen Szenen kann man planen und die Szenen diszipliniert wegrocken, vor allem, wenn man so ein großartiges Team hinter sich hat, wie das bei mir der Fall war. Die große Herausforderung ist es, etwas entstehen zu lassen, was nicht komplett planbar ist. Jederzeit den Überblick zu behalten, wo man sich gerade in der Geschichte befindet, war bei diesem Projekt auch nicht ohne.

    Wie haben Sie das Team drei Monate bei Laune gehalten?

    Ich halte es im Umgang mit dem Team ähnlich wie mit den Schauspielern. Beiden will ich einen ungezwungenen und lustvollen Boden für ihre Arbeit bereiten. Vielleicht, weil ich selber am besten kreativ sein kann, wenn ich mich wohl fühle.
    Außerdem hatte ich das Glück, mit Menschen zu arbeiten, die einfach Spaß an ihrer Arbeit hatten. Durch die großartige Arbeit aller Gewerke und vor allem der Schauspieler hat jeder im Team gespürt: Das kann was werden. Das ist die beste Motivation.

    Welche Anekdoten zu den Dreharbeiten sind Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

    Während eines Nachtdrehs gab es keine Möglichkeit, einen "Wet-Down" zu machen (Anmerk.: den Asphalt zu bewässern, damit die Lichter reflektieren), weil es keinen Wasseranschluss gab. Schließlich haben wir mit einer "Eimer-Kette" zur nahe gelegenen Spree die hundert Meter Straße doch noch nass bekommen.
    Unsere Studiobauten waren teilweise so riesig, dass wir dreimal so viel Licht zum Ausleuchten gebraucht haben, wie ursprünglich geplant. Da es gerade Hochsommer war, hatten wir deshalb an manchen Tagen trotz Klimaanlage über 35 Grad im Studio. Aber natürlich gab es von der Produktion eine Eisklappe.

    Das Interview führten Henriette Pulpitz und Maike Magdanz

    Eingetaucht in die 50er Jahre
    Interview mit den Hauptdarstellerinnen Claudia Michelsen, Sonja Gerhardt, Maria Ehrich und Emilia Schüle

    Sie verkörpern in "Ku'damm 56" vier sehr unterschiedliche Frauen, die sich in einer Zeit der konservativen Etikette und einer gleichzeitig aufkommenden, nie gekannten Freiheit und Modernität zurecht finden müssen. Was hat Sie gereizt, bei diesem Dreiteiler mitzuspielen? Worin liegt Ihre Leidenschaft für dieses Projekt?

    Claudia Michelsen: Die Zeitreise, die wir machen durften, war für mich ein Geschenk. Aber natürlich auch die großartigen Bücher von Annette Hess. Hinzu kam die Konstellation von Besetzung, Team und Produktion. Viele Faktoren spielen eine Rolle. Und es gibt sehr wenige verfilmte Geschichten aus dieser Zeit. Für mich war vor allem interessant, die Rollen der Frau von damals und heute zu begreifen. Welche Auswirkungen haben die Erlebnisse unserer Eltern bis hinein in unsere Generation und sogar in die Generation unserer Kinder?

    Sonja Gerhardt: Als ich die Bücher das erste Mal gelesen habe, wollte ich unbedingt Monika Schöllack spielen. Mich haben vor allem die Entwicklung der Figur, wie auch das Rock 'n' Roll-Tan-zen und die geschichtlichen Hintergründe der 50er Jahre gereizt.

    Maria Ehrich: Anfangs war es einfach nur die Freude darüber, mich mit den 50er Jahren auseinandersetzen zu können. Dann habe ich mich immer mehr vom inneren Konflikt meiner Figur begeistern lassen. Die Tatsache, dass es solche Fälle wirklich gab, dass homosexuelle Männer eine Frau heirateten, um ihren gesellschaftlichen Stand zu wahren und diese Frauen ihr persönliches Glück aufgaben, um als ”ordentlich” zu gelten – unvorstellbar für mich. Ich fand es sehr spannend, mich in eine Person hineinzuversetzen, die sich komplett über ihren Ehemann definiert.

    Emilia Schüle: Das ging mir ähnlich. Die Stellung der Frau und die Erwartungen dieser Frauen-Generation waren schockierend für mich. Meine erste Assoziation mit 1956 war das deutsche Wirtschaftswunder und dass der Film knallig und bunt wird. Doch im Gegenteil: Er beleuchtet, was hinter der Fassade stattfand. Ich empfand es als extrem reizvoll, jemanden darzustellen, dessen "absurde” Grundvorstellungen vom Leben und der Liebe so komplett anders waren als meine. Sich dieses Weltbildes anzunehmen, empfand ich als große, spannende Herausforderung. Außerdem sind Sonja, Maria und ich gut miteinander befreundet. Deswegen war es uns allen ein Fest, Schwestern zu verkörpern.

    Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten vorbereitet? Was waren die Besonderheiten, auf die Sie als Frau der 50er Jahre achten mussten?

    Claudia Michelsen: Es gibt sehr gutes dokumentarisches Material. Fotobände sind sowieso meine ständigen Begleiter. Benimmregeln mussten aufgefrischt werden, natürlich hatten wir alle auch Tanzunterricht. Das Bild nach außen hatte eine enorme Bedeutung. Was stelle ich dar, was gestehe ich mir zu? Eine großartige Idee von Anette Hess, die Geschichte eines Mädchens zu erzählen, welches sich aus den Zwängen mit Rock 'n' Roll in die Freiheit tanzt.

    Maria Ehrich: Natürlich habe ich auch extrem viele Bücher und alte Zeitschriften wie beispielsweise die "Constanze" gewälzt, um mich erst einmal überhaupt in der Zeit zurechtzufinden. Wie war man damals als junges Mädchen, was war schick, was modern, wofür hat man sich begeistert? Während dieser Lektüren musste ich aber auch herausfinden, wie vielen Zwängen eine Frau in den 50er Jahren unterlag. Das war gleichzeitig spannend und erschreckend. Ich musste gewisse alltägliche Worte wie "okay" aus meinem Sprachgebrauch streichen, weil man sie damals einfach noch nicht benutzt hat. Und auch meine Haltung musste ich optimieren – die habe ich mit Büchern auf dem Kopf trainiert.

    Emilia Schüle: Ja, das war sehr spaßig, das haben wir gemeinsam geübt! Um mir ein genaues Bild der Zeit zu machen, habe ich auch einige Lebensberichte gelesen und Bücher verschlungen. In der Nachkriegszeit des Männermangels und Frauenüberschusses befanden sich Frauen konstant auf der Jagd nach einer "guten Partie". Die Zukunft abzusichern bedeutete, möglichst früh einen Ehemann zu finden. Den zu haben bedeutete, sich völlig unterzuordnen und ihn glücklich zu machen. Eine Frau zu sein war also ein Leben in absoluter Abhängigkeit vom Mann.
    Als Töchter einer Tanzschullehrerin und der guten Etikette, die jede ordentliche Frau an den Tag zu legen hatte, haben wir vor den Dreharbeiten einen klassischen Tanzkurs absolviert. Das half, sich die damals "züchtige" und stocksteife Körperhaltung anzueignen.

    Sonja Gerhardt: Und ich hatte zudem auch noch fast einen Monat lang täglich Rock 'n' Roll-Tanztraining. Auf die Rolle habe ich mich zusammen mit einem Schauspielcoach intensiv vorbereitet. In den 50er Jahren kümmerten sich die Frauen primär um den Haushalt und die Kinder –  in einer Werbung der 50er Jahre heißt es: "Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Und: Was soll ich kochen?" (lacht). Der Mann war das Oberhaupt der Familie und für die Finanzen zuständig. Diese traditionelle und für heutige Verhältnisse eher veraltete Rollenverteilung musste ich mir während der Dreharbeiten ständig ins Gedächtnis rufen.
    Unabhängig davon gefällt mir die Mode der 50er Jahre mit ihren femininen Schnitten. In den Kostümen habe ich mich wohl gefühlt und der Petticoat ist für die schnellen Rhythmen und Tanzfiguren des Rock 'n' Rolls perfekt geeignet.

    Der "Familienzusammenhalt" prägt Caterina und ihre Töchter. Wie empfanden Sie die Art und Weise, wie ihre Figur mit den jeweiligen Situationen umgegangen ist?

    Maria Ehrich: Manchmal war ich wütend auf Helga, auf ihre Unterwürfigkeit. Aber meistens hatte ich Mitleid, weil eben diese Unterwürfigkeit ganz bestimmte Gründe hatte. Am Ende jedoch hätte ich ihr am liebsten ein "High-Five" gegeben, denn Helgas Stärke und Weiterentwicklung in Richtung Emanzipation ist so selbstlos, erwachsen, reif und mutig – wirklich herzzerreißend schön.

    Claudia Michelsen: Für mich gab es immer zwei Caterinas: Die Mutter, die ihre Kinder alleine durch den Krieg bringen musste und die nur das eine Ziel hat, ihre Töchter sicher und versorgt zu wissen, koste es was es wolle. Und die zerbrechliche Caterina,  eine einsame Frau, deren Bedürfnisse und Sehnsüchte keinen Raum haben dürfen. Frauen haben sich vieles versagt, unterdrückt. Es war eine Männerwelt und Sexualität war ein Tabuthema. Sie wurden auf Funktionen reduziert.

    Emilia Schüle: Was mir direkt beim Lesen klar wurde ist, dass "Familienzusammenhalt" in der Familie Schöllack nur Fassade ist. Familiäre Liebe ist an Bedingungen geknüpft: Heiratest du, bist du eine gute Tochter. Ehrliche Gespräche über Gefühle, Ängste, Wünsche sind nicht möglich. Caterina übt mit ihren strengen Regeln und hohen Erwartungen an ihre Töchter enormen psychischen Druck aus. So darf das Thema "Vater", der seit dem Krieg als vermisst gilt, nicht im Ansatz angesprochen werden. Eva teilt die konservativen Ansichten ihrer Mutter und akzeptiert ihre Rolle als Frau in dieser Gesellschaft. Doch sicherlich spielt auch ein gewisser familiärer Druck mit, wenn Eva beginnt, ihr Umfeld berechnend zu manipulieren, um ihrem größten Ziel, einer Ehe mit dem sehr viel älteren Professor Fassbender, näher zu kommen.

    Sonja Gerhardt: Monika Schöllack macht innerhalb der Geschichte eine enorme Entwicklung durch. Zu Beginn ist sie in den gesellschaftlichen Zwängen gefangen, doch im Laufe der Zeit findet sie durch den Rock 'n' Roll zu sich selbst und zu ihrer Weiblichkeit, die ihr so lange verwehrt blieb. Ich finde es bewundernswert, wie Monika mit all den schwierigen Situationen und Herausforderungen umgegangen ist. Für mich war ihr Handeln zu jeder Zeit absolut nachvollziehbar. Ich habe Monika gelebt.

    Jede der Frauen durchlebt im Film eine Veränderung. Inwiefern hat sich ihre persönliche Einstellung zu ihrer Figur sowie zu der damaligen Zeit während der Dreharbeiten verändert?

    Sonja Gerhardt: Die Einstellung zu meiner Figur hat sich im Laufe der Dreharbeiten nicht verändert, denn Monika war für mich von Anfang an eine tolle und bemerkenswerte Persönlichkeit. Allerdings wurde mir erst durch die Vorbereitung auf die Dreharbeiten so richtig bewusst, wie sehr die Frauen in vielen Bereichen mit der Unterdrückung zu kämpfen hatten.

    Maria Ehrich: Zu Beginn verband ich mit den 50ern tatsächlich nur Kaugummi kauende junge Menschen in weiten Röcken und Lederjacken. Ist wahrscheinlich zu vielen amerikanischen Filmen geschuldet. Die Nachkriegszeit in Deutschland und das, was man alles aufzuarbeiten hatte, war mir zwar nicht fremd, aber man legt ja doch den Fokus automatisch auf die schönen Dinge im Leben.
    Mittlerweile schäme ich mich fast etwas für diese romantisierende Vorstellung, denn es war natürlich nicht nur das. Eine Gesellschaft im Wandel, viel komplizierter und komplexer, voll von Zwängen und Fassaden. Alles musste man sich erkämpfen. Es war schön, eine Frau darzustellen, die sich auf dem Weg befindet sich zu emanzipieren. Aber ich habe das Gefühl, sehr oft war es damals noch ein Kampf gegen Windmühlen. Und ich bin froh, in einer Gesellschaft aufgewachsen zu sein, in der ich nicht nur glücklich sein darf, wenn ich einen Ehemann habe, der sich um mich kümmert.

    Emilia Schüle: Beim ersten Lesen habe ich Eva als intrigante, berechnende Figur gesehen. Als eine Frau, die genau weiß, was sie will und auf dem Weg dahin keine Zeit für Mitgefühl hat. Je mehr ich mich jedoch mit ihr im Laufe der Drehzeit beschäftige, desto mehr sah ich Eva als tragisches Opfer dieser Zeit. Sich damals der der Frau zugeschriebenen Rolle anzunehmen bedeutete, auch den Zugang zu seinen emotionalen Bedürfnissen zumindest "im Zaum zu halten" oder vollends zu unterdrücken. Wie konnte es sein, dass es gesellschaftlich nicht in Frage gestellt wurde, wenn eine 19-jährige Jungfrau und ein 55-jähriger Mann anbändeln und sogar heiraten? Waren Frauen mit diesen "damals sinnvollen" Entscheidungen und Ehen glücklich? Oder wünschte sich eigentlich jede Frau auszubrechen, genau wie Monika und sich zu befreien? Eva will Sicherheit und hat zu viel Angst, um sich zu ihrer wahren Liebe zu bekennen. Es ist aus heutiger Sicht natürlich traurig, wenn jemand Sicherheit über Liebe stellt. Allerdings lebte Eva nicht in einer Zeit der Kranken- und Rentenversicherung, sondern im Zustand kurz nach dem Krieg, in der Sicherheit alles bedeutete. All diese Fragen und Themen flossen ein in meine Darstellung der Eva.

    Die Frauenrolle im Deutschland der 50er Jahre ist ein bisher wenig fiktionalisiertes Kapitel der Geschichte. Warum ist es wichtig, dieser Epoche mehr Aufmerksamkeit zu schenken?

    Claudia Michelsen: Weil Geschichte Allgemeinbildung ist. Denken Sie daran, was sich alleine in den letzten 50 Jahren für Frauen verändert hat. Der Ausbruch der Generation unserer Eltern, sexuelle Befreiung, das hat natürlich wiederum Auswirkungen bis in unsere Generation.

    Sonja Gerhardt: Diese Epoche ist die Zeit, in der die Frauen begonnen haben, sich zu emanzipieren und für ihre Rechte in einer von Männern beherrschten Gesellschaft zu kämpfen. Dieser wichtige Schritt in Richtung Gleichberechtigung sollte nicht in Vergessenheit geraten.

    Maria Ehrich: Unsere offene und tolerante Gesellschaft kommt ja nicht von irgendwoher. Die Frauen in Deutschland haben ihre Zukunft aktiv mitgestaltet und uns ermöglicht, Beziehungen auf Augenhöhe führen zu können. Für dieses Vermächtnis bin ich ihnen sehr dankbar und bin überzeugt davon, dass wir alle genau Bescheid wissen sollten, was zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung führte.

    Emilia Schüle: Bisher stand in Geschichten der 50er Jahre der wirtschaftliche Aufschwung oder der Wiederaufbau des Landes im Vordergrund. "Ku'damm 56" wiederum gewährt Einblick in die absurden Idealvorstellungen, nach und mit denen Frauen in den 50er Jahren zu leben und zu kämpfen hatten. Ich persönlich hatte mich bisher noch nie so intensiv mit diesem Thema befasst und finde es grausam, wie das gesamte Leben einer Frau in den Händen des Mannes lag.  Es ist für mich nun absolut einleuchtend, wieso die sexuelle Revolution der 60er Jahre nach Jahrzehnten der Unterdrückung zustande kam. "Ku'damm 56" behandelt den Beginn der Emanzipation der Frau und ist deshalb von besonderer Wichtigkeit.

    Was war für Sie die größte Herausforderung während der Dreharbeiten?

    Sonja Gerhardt: Für mich war die größte Herausforderung, dass ich neben den anspruchsvollen Szenen am Set zusätzlich auch noch regelmäßig Rock 'n' Roll Tanztraining hatte. Das zeitlich alles unter einen Hut zu bekommen, war teilweise sehr ambitioniert. Aber an diesen Herausforderungen bin ich gewachsen und die Dreharbeiten haben unglaublich viel Spaß gemacht.

    Claudia Michelsen: Die Haltung der Frauen in der Zeit war eine andere. Nennen wir es Etikette: Es gehörte sich, immer die perfekte Frau und Hausfrau zu sein und unangreifbar, unfehlbar zu sein. Gerade Caterina ist eine Frau, die ständig die Kontrolle behalten möchte und auch musste. Das Spannende waren für mich natürlich die Momente, in denen wir hinter die Fassade dieser Frau schauen durften.

    Emilia Schüle: Eine große Herausforderung während der Dreharbeiten war für mich der zweimonatige Studiodreh. Ich bin es nicht gewohnt, so einen großen Teil eines Drehs in geschlossenen, dunklen Räumen zu verbringen. Ich fühle mich dann schnell eingesperrt – obwohl das in diesem Fall sogar hilfreich für das Spielen der Rolle war. Außerdem war es ein sehr langes Projekt. Insgesamt fünf Monate Casting, Kostüm-, Masken- und Leseproben sowie die Dreharbeiten. Ich hatte fast 40 Drehtage und über 60 Szenen. Über so einen langen Zeitraum nie einmal "durchzuhängen" war eine weitere enorme Herausforderung.

    Maria Ehrich: Für meine Rolle gab es wahnsinnig viele emotionale Herausforderungen und innere Konflikte. Aber als am Anstrengendsten habe ich wirklich die ständige Hitze im Studio in Erinnerung. Wir haben mitten im brütend heißen Berliner Hochsommer gedreht, die Temperaturen in den Räumlichkeiten waren teilweise zermürbend. Und dazu kam dann noch eine Szene, bei der ich am Herd stehen und Wäsche kochen musste.

    Welche Erlebnisse während der Dreharbeiten sind Ihnen in besonderer Erinnerung gebliebe

    Claudia Michelsen: Oh, da gibt es natürlich viele. Aber wir hatten zum Beispiel eine sehr besondere Zeit in der Maske. Es findet ja wirklich, also gerade bei mir, eine große Verwandlung statt, und dadurch verbringt man dementsprechend viel Zeit an diesem Ort. Ein großartiges Team hatten wir bei dieser Produktion in allen Gewerken.

    Maria Ehrich: Für mich war es wunderschön, mit meinen beiden guten Freundinnen Sonja und Emilia  zusammen arbeiten zu können. Wir hatten unglaublich viel Spaß und sind durch alle Hochs und Tiefs gemeinsam gegangen. Allgemein muss ich sagen, ich habe mich selten so wunderbar mit einem kompletten Ensemble und Team verstanden. Wir hatten wirklich eine tolle Zeit!

    Sonja Gerhardt: Ich fand es wahnsinnig spannend, wie detailgetreu die Szenenbildner die tollen Kulissen der 50er Jahre nachgestellt haben. Besonders fasziniert hat mich der Dreh in der Richard-Wagner-Straße, die original zum Ku'damm umgebaut wurde. Wie viel Arbeit dahinter steckt, kann man sich gar nicht vorstellen. Außerdem waren die Tanzszenen jedes Mal ein ganz besonderes Erlebnis für mich. Schon bei der ersten Tanzszene ist der Zauber sofort auf alle am Set übergesprungen.

    Emilia Schüle: Einer der schönsten Momente der Dreharbeiten war die Entdeckung des Songs "Die Farbe der Liebe" von Paul Kuhn. Ich hatte irgendwann eine Spotify-Liste mit 50er Jahre Schlager Songs entdeckt, und dieses herrliche Lied lief dank Uwe Ochsenknecht plötzlich in Dauerschleife im Maskenraum. Das Lied beschreibt recht primitiv, welche Farbe das Kleid einer Frau hat, je nachdem, was für einen Mann sie sucht. Im Maskenraum befanden sich außer einigen Schauspielern auch viele Komparsen jeden Alters und so sangen plötzlich drei Generationen miteinander von der Farbe der Liebe. Die Ältesten aus ihrer Erinnerung, andere kannten das Lied von ihren Müttern, und wir Jüngeren von Spotify. Das Lied wurde der Song des Drehs.

    Das Interview führten Henriette Pulpitz und Maike Magdanz

    Weitere Schauspieler-Statements von Uwe Ochsenknecht, Sabin Tambrea, Trystan Pütter, August Wittgenstein

    Uwe Ochsenknecht:
    Es ist für einen Schauspieler immer interessant, in historische Zeiten einzutauchen und in Kostüme zu schlüpfen. Da 1956 mein Geburtsjahr ist, umso mehr. Die Tanzszenen waren die größte Herausforderung. Fünf Wochen Proben und vier verschiedene Tanzstile waren nur mit der tollen und bezaubernden Lehrerin Angelika Honig möglich. Danke nochmal. Zudem haben die Ausstatter, Requisiteure, Maskenbildner und Kostümbildner eine tolle Arbeit abgeliefert. Ich war total in die Fifties gebeamt. Und hatte volles Haar – ein Traum!

    Sabin Tambrea:
    Die Bücher von Annette Hess haben mich sofort überzeugt. Mit einem behutsamen Auge für den historischen Kontext werden die Figuren pointiert und scharf beobachtet in ihr soziales Geflecht eingebettet und erlauben einen wertungsfreien, menschlichen Blick auf deren Abgründe. Ich war sehr glücklich über die große Herausforderung, Joachim Franck zu spielen. Diese Figur hat eine enorme Spannweite in ihrer Zeichnung. Die größte Aufgabe war sicherlich die Entwicklung zwischen Joachim Franck und Monika Schöllack. Dies in Zusammenhang mit den anderen komplexen Strängen der Geschichte, mit Regie, Kamera, allen Abteilungen und wunderbaren Kollegen, bescherte mir eine wertvolle Erinnerung an eine außergewöhnliche Arbeit. Ich bin sehr glücklich, Teil davon gewesen zu sein.

    Trystan Pütter:
    Es ging mir selten so, dass mich ein Buch so schnell überzeugt hat, wie es hier der Fall war. Die Rolle Freddy Donath war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick für mich und eine sehr interessante Herausforderung. Abgesehen von der Figuren-Entwicklung waren vor allem die Fähigkeiten, die Annette Hess ihrem Freddy gegeben hat, eine große Aufgabe für mich. Freddy spielt wie ein Wilder den Kontrabass und tanzt Rock 'n' Roll wie kein Zweiter. Abgesehen von ein paar mickrigen Klavierstunden, vor denen ich mich als 12-jähriger meist gedrückt habe, habe ich nie ein Notenblatt berührt. Und so musste ich, mit viel Hilfe, Schweiß und Wutausbrüchen, für unseren Film neun Musikstücke auf dem Kontrabass lernen – und ich kann es kaum glauben, aber es hat geklappt!
    Ich liebe Musik, genau wie Freddy, ich weiß, wie befreiend sie sein kann, und hier konnte ich ihn sofort begreifen. So habe ich mich vier Monate lang voll der Freude in mein fast tägliches Training gestürzt, um Freddy zum besten Tänzer der Berliner Clubs werden zu lassen. Ich wurde stark unterstützt von unserem Coachingteam und ich durfte die heutige Berliner Swingszene kennen lernen, die mir mit Rat und Tat, Schritt und Wurf geholfen haben. Ein lustiger, bunter, talentierter Kreis von Leuten, der sich in ausgewählten Clubs der Hauptstadt tummelt. Ich habe großen Respekt vor diesen Tänzern, die die Swinging Fifties und Sixties auch heute leben lassen. Freddy Donath ist zu meinem Begleiter geworden und ich denke gern an meine Zeit mit ihm und Monika und dem ganzen "Ku'damm 56"-Team zurück.

    August Wittgenstein:
    Annette Hess hat drei sehr starke Bücher geschrieben, bei denen vor allem die Beziehungen zwischen den Figuren feingliedrig skizziert sind. Als Schauspieler kribbelt es da schon beim Lesen in den Fingern und man will einfach mitmachen. Speziell mit der Figur Wolfgang von Boost habe ich beim Drehbuchlesen sofort mitgefiebert – umso schöner war es, dass ich gerade für diese Rolle vorsprechen durfte!
    Das größte "Problem" bei den Dreharbeiten war dann, dass wir so viele lustige Menschen am Set hatten. Sven Bohse, Sabin Tambrea, Uwe Ochsenknecht, Heino Ferch – die haben alle sehr viel Humor. Da war es in dramatischen Szenen teilweise sehr schwierig, nicht vor Lachen loszubrüllen. Aber in solchen Situationen denke ich einfach an das "verlorene Finale dahoam 2012" (Anmerk: das verlorene Champions League Finale des FC Bayern 2012).
    Und vielleicht klingt es jetzt etwas nach Klischee, aber als ich das erste Mal in die Wohnung Schöllack kam, die Szenebildner Lars Lange und sein Team aufgebaut hatten, da hatte ich tatsächlich das Gefühl, in eine andere Zeit gekommen zu sein. Aber dann klingelte, glaube ich, Svens Handy. Verdammte digitale Welt!

    Stimmen aus dem Produktionsstab
    Cast, Szene, Kostüm, Maske, Tanzchoreographie Casterin

    Nina Haun:
    Bei "Ku'damm 56" gab es neben anderen zwei wichtige Elemente zu beachten: die historische Verortung in den 1950er Jahren und bei den Rollen 'Monika' und 'Freddy' zudem auch das Tanzen, den Rock 'n' Roll! Beides haben wir bei den Studiocastings ganz konkret ausprobiert, indem wir alle Schauspielerinnen in Maske und Kostüm gesteckt und die Musik aufgedreht haben! So hatten wir nicht nur sehr viel Spaß, sondern einen lebhaften Eindruck davon, wie die unterschiedlichsten Schauspieler die Rollen verkörpern würden. Am Längsten haben wir nach der Rolle 'Freddy' gesucht und waren am Ende wahnsinnig glücklich, mit Trystan Pütter eine charismatische und authentische Besetzung gefunden zu haben.

    Szenenbildner Lars Lange:
    Besonders spannend fand ich die Möglichkeit, bei meiner Arbeit für "Ku'damm 56" das Gesellschaftsbild im Berlin der 50er Jahre zu entdecken. Und einen Einblick in das private Leben der Menschen zu bekommen, die zehn Jahre nach dem Krieg und nach traumatischen Erlebnissen auf der Suche nach Orientierung in einer im Aufbau befindlichen Stadt leben.
    Das Highlight in dieser Produktion waren für mich die Studiobauten Wohnung Schöllack, Tanzschule und Wohnung Boost. Und die große Herausforderung in meiner Arbeit, die richtige Balance zwischen unserer hergestellten Realität im Berlin der 50er Jahre, der Dramaturgie der Geschichte und den notwendigen Überhöhungen für eine zeitgemäße Umsetzung des Stoffes zu finden.

    Kostümbildnerin Maria Schicker:
    Unser Film spielt in einer Zeit des Umbruchs, nach dem Krieg gab es einen gewaltigen Rückschritt ins Konservative. Die Frauen spielten eine demütige und strenge Rolle in der Familie, es gab keine Freiräume und "Charakter" war unerwünscht. Das spiegelt sich wider in der engen und strengen Kleidung.Es ist eine spannende Herausforderung, mit historischem Kostüm glaubwürdig einen Charakter entstehen zu lassen. Originalkostüme sind besonders im Detail wunderschön. Aber die Kleidung war ja damals nicht alt, so wie wir sie heute kennen, die Stoffe nicht verwaschen und weich, sondern oft leuchtender und fester. Das richtige Maß zu finden und unserer heutigen Sehgewohnheit anzupassen, ist eine interessante Sache. Ich versuche, leicht zu modifizieren, ohne den Look der Zeit in Frage zu stellen. Wir erleben die Rolle in einem kleinen Zeitfenster und in enger Zusammenarbeit mit den Schauspielern entsteht ein "Kleiderschrank", gefüllt mit Vorgeschichten und kleinen Geheimnissen.

    Ich habe den jungen Schauspielerinnen zum Beispiel die Unterwäsche der Zeit gegeben – da ist kein Stretch, kein Komfort, es ist Baumwolle und Gummi und es ist beengend – und genau das ist das richtige Gefühl. Die Enge zu spüren unter den schönen Kleidern. Und die Explosion nannte sich dann Rock 'n' Roll – Sexy, frech, laut und coole Halbstarke: Die Petticoats farbig, flache Turnschuhe und Söckchen und wer keine Strümpfe hatte, nahm den Augenbrauenstift, um eine "Naht" aufzumalen. Beim Dreh um fünf Uhr morgens auf dem Savignyplatz haben wir dann vor laufender Heizung beim Umziehen der Rock 'n' Roll-Tänzer geholfen. Gegen sechs Uhr war schon der Recorder an, die ersten wippten mit den "Wingtip Shoes" – und um 6.10Uhr wurde dann getanzt! Genau das kraftvolle Explodieren passierte, eine wunderbare Stimmung! Und interessanterweise ganz anders bei den Standardtänzern: Sie lagen elegant gelangweilt im Kostüm in Warteposition – Kaffee nippend, Zeitung lesend, ruhig und darauf achtend, dass das Kleid nicht knüllt. Da hatten wir zwei unterschiedliche Welten kreiert. Und wenn auch ich nicht mehr den Schauspieler im Set sehe, sondern selbst in die Geschichte hineingezogen werde, dann ist das ein magischer Moment.

    Maskenbildner Jeanette Latzelsberger & Gregor Eckstein:
    Unser Anspruch ist immer, dass die Optik, die im Film gezeigt wird, am Ende stimmig ist. Wir arbeiten nach Originalbildvorlagen, wenn historische Personen darzustellen sind und orientieren uns an den jeweiligen gesellschaftlichen Schichten der Personen, deren Maskendesign wir konzipieren. Ideal ist es unserer Meinung nach, die Figuren mit den Augen der jeweiligen Zeitepoche, aber mit dem modernen Denken von heute, anzusehen. Unser Bemühen ist es, eine Maske für und auch mit den Darstellern herzustellen, die ihnen hilft, sich in die Zeit bzw. Rolle hineinzuversetzen. Bei Monika sehen wir am Anfang ein Mädchen, deren Erscheinungsbild sich am Look der 40er Jahre orientiert. Erst als sie beginnt zu tanzen, entwickelt sich auch ihr Erscheinungsbild. Der Zopf ist dann praktisch, die Haare stören nicht beim Tanzen und je selbstbestimmter sie sich bewegt, umso mehr kann man das auch im Make-Up und bei den Haaren erkennen.
    Insgesamt sind die 50er Jahre eine enorm spannende Zeit, die Frauen haben sich in anderen Konventionen bewegt, trotzdem kannten sie Wege, ihre Ziele zu erreichen. Sie waren die Frauen, die das Land mit aufgebaut haben, und sicherlich waren sie nicht nur demütig. Vielleicht haben wir es sogar ein bisschen verlernt, mit Charme und Geschick ans Ziel zu kommen.

    Tanzchoreographin Angelika Honig:
    Ich habe schon oft Tanzchoreographien für Filme gemacht, unter anderem für "Das Adlon " und für "Berlin 36". Aus meiner Sicht als Tanzchoreographin war das Besondere an der Arbeit an diesem Tanzfilm, dass er kein Musical ist, sondern den Tanz eher wie eine Dokumentation aussehen lässt. Es scheint, als würde man mittendrin stehen und sich wundern, dass man selbst nicht mittanzt. Herausfordernd war es dabei, den Schauspielern die Körpersprache eines Tänzers zu vermitteln, ohne künstlich zu wirken. Und dann ist es schön zu sehen, wie aus einem Schauspieler, der nie in seinem Leben getanzt hat, ein glaubwürdiger Tänzer wird, weil er es will. Inspiriert haben mich bei der Arbeit auch all die wunderbaren Tänzer, mit denen wir zusammen gearbeitet haben.

    Historischer Rückblick in die 50er Jahre (Auszug)

    Gleichberechtigungsgesetz:
    Es trat am 1. Juli 1958 in Kraft und verbesserte die rechtliche Lage der Frauen. Aber die traditionelle Rollenverteilung war damit noch nicht abgeschafft.

    Führerschein für Frauen:
    Bis zur Einführung des Gleichberechtigungsgesetzes war es Frauen nicht gestattet, ohne die Erlaubnis ihres Mannes den Führerschein zu machen. Erst dann durften sie wählen, ob sie Beifahrerin oder Fahrerin sein wollten.

    Geldangelegenheiten:
    Mit Einführung des Gleichberechtigungsgesetzes konnten Frauen ihr Vermögen in der Ehe selbst verwalten und es stand ihnen die Hälfte des in der Ehe erwirtschafteten Gewinns zu.

    Arbeitserlaubnis für Frauen:
    In den 50er Jahren konnten verheiratete Frauen lediglich mit der Erlaubnis ihres Mannes berufstätig sein. Bis zum 1. Juli 1958 konnte der Mann ohne die Zustimmung seiner Ehefrau ihr Arbeitsverhältnis kündigen. Danach durfte die Frau arbeiten – aber nur, wenn Mann und Kinder nicht darunter leiden.

    § 175:
    Im Jahr 1959 erreichten die Festnahmen von homosexuellen Männern ihren Höhepunkt. Um die 3.800 Männer wurden nach dem §175 wegen ihrer sexuellen Orientierung verurteilt. Erst im Jahr 1994 wurde der Artikel aus dem Gesetzbuch gestrichen.

    Kuppelparagraph § 180:
    Laut dem Kuppelparagraph § 180 im StGB konnten Vermieter angeklagt werden, wenn sie unverheirateten Paaren eine Wohnung vermieteten. Sie wurden der Kuppelei bezichtigt, da sie den Ehelosen somit ermöglichten, Geschlechtsverkehr zu haben. Erst im Jahr 1969 wurde dieses Gesetz aufgehoben.

    Elvis Presley in Deutschland:
    1958 diente Elvis Presley als Soldat in Deutschland. Der "King" des Rock’n’Roll kam am 1.10.1958 als Soldat nach Deutschland und leistete seinen Wehrdienst im hessischen Friedberg ab.

    Zusammengestellt von Özge Cevik, Redaktion Zeitgeschichte

    Wir Nachkriegskinder
    Zweiteilige historische Dokumentation

    Dienstag, 15. und 22. März 2016, jeweils 20.15 Uhr
    ZDF-Eigenproduktion

    Buch und Regie                Peter Adler, Peter Hartl, Jobst Knigge, Annette Köhler
    Kamera                             Christian Baumann, Thomas Gutberlet, Anthony R. Miller, Jan Prillwitz,
                                              Ralph Zeilinger
    Schnitt                               Nanni Leitner, Christoph Schuhmacher
    Produktion                         Carola Ulrich
    Redaktion                          Stefan Mausbach, Stefan Brauburger (Leitung)
                                              Zeitgeschichte           
    Länge                                2 x ca. 44 Min.                  

    Es ist die Generation, die unser Land bis heute prägt. Als Kinder haben sie den Krieg überstanden, an der Seite ihrer Mütter Bombennächte, Flucht und Vertreibung, die Befreiung der NS-Lager erlebt. Sie fanden sich 1945 wieder in einem Trümmerland, das den Anschein erweckte, als würde es noch Jahrzehnte in vieler Hinsicht am Boden zerstört bleiben.
    Im Jahrzehnt darauf erfuhr Westdeutschland eine unerwartet rasche Blüte, im Osten des "Eisernen Vorhangs" entwickelte sich die DDR zu einem sozialistischen Musterstaat. Hüben wie drüben richteten die Menschen den Blick nach vorn, selten zurück. Es galt, sich neu einzurichten – und die Schatten der Vergangenheit dabei allzu oft auszublenden. Viele Kinder der Zeitenwende hatten Traumatisches erlebt, über das sie lange nicht sprechen durften oder konnten.
    Welchen Preis zahlten sie für den raschen Weg in einen bescheidenen Wohlstand oder eine angeblich klassenlose Gesellschaft? Viele wuchsen vaterlos auf, von klein auf mussten sie lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und sich oft selbst um ihr Überleben zu kümmern. Andere fühlten sich als Flüchtlingskinder fremd in ihrer neuen Heimat. Und doch war es für die meisten auch eine schöne Zeit, geprägt von Zuversicht, Improvisationsgeist und der Überwindung überkommener Moralvorstellungen.

    Die zweiteilige Dokumentation, die den Programmschwerpunkt zur Nachkriegszeit umrahmt, zeichnet die bewegten und aufregenden Jahre des Aufbruchs am Beispiel prominenter Erfahrungsberichte nach, die einen verblüffenden Einblick in die kaum bekannten Kindheitsgeschichten bekannter Persönlichkeiten eröffnen: So mussten die Schauspieler Peter Sodann, Winfried Glatzeder, Fritz und Elmar Wepper ohne ihre im Krieg vermissten Väter heranwachsen, die späteren Filmstars Ingrid van Bergen und Eva-Maria Hagen einen Teil ihrer Kindheit in Flüchtlingsquartieren verbringen. Marie-Luise Marjan, die "Mutter Beimer" der "Lindenstraße", erfuhr erst mit 16, wer ihre leiblichen Eltern waren. Auch Michael Degen wuchs ohne Vater auf, der dem Massenmord an den Juden zum Opfer fiel. Deutschlands erstes Top-Model Vera von Lehndorff, Künstlername "Veruschka", und auch die erste Moderatorin der heute-Sendung, Wibke Bruhns, wurden in den 50er Jahren als "Verräterkinder" gebrandmarkt, weil ihre Väter nach dem Attentat auf Hitler hingerichtet worden waren. Uwe Seeler und Helmut Markwort betrachten die fünfziger Jahre aus der Warte des Spitzensportlers und des Journalisten.
    Ihre frühen Jahre waren oft mühsam und entbehrungsreich; dennoch oder gerade deshalb bahnten sie sich erfolgreich ihren Weg – ebenso wie das Nachkriegsland, in das sie hineinwuchsen.
    Illustriert werden diese Lebensberichte von außergewöhnlichen Filmbildern aus jenen Jahren und animierten Zeichnungen im Stil der Graphic Novel.

    Interview mit den Brüdern Fritz und Elmar Wepper

    Fritz Wepper, Sie sind 1941 geboren, ein Kind des Krieges somit. Welches Ereignis aus Ihrer frühesten Kindheit ist Ihnen besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben?

    Fritz Wepper: Ich kann mich da an einiges erinnern, besonders zum Ende des Krieges. Einmal sind wir mit dem Zug gefahren, der von den Amerikanern beschossen wurde. Sie hatten festgestellt, dass nicht nur Reisende, sondern auch  Soldaten in diesen Personenzügen befördert wurden. Meine Mutter ist sofort heraus und hat unter dem Bahndamm in einem Durchgang mit mir Schutz gesucht. Wir hatten ein Riesenglück, denn, wie ich später recherchiert habe, gab es bei dem Angriff über hundert Tote – eine Katastrophe! Aber aufgrund der Geistesgegenwart meiner Mutter haben wir es überlebt.

    Welche Erfahrungen verbinden Sie mit dem Ende des Krieges?

    Elmar Wepper: Bei uns in der Nähe gab es ein Hotel, in dem Amerikaner einquartiert waren. Als Kinder haben wir dort immer herumgelungert, sind herumgeschlichen und haben gehofft, dass wir ein Chewinggum, eine Hershey-Schokolade, einen Butterfinger oder sonst irgendetwas abkriegen. Das ist manchmal passiert, und das schmeckte so gut wie nichts auf der Welt. Die Amis, die GI’s, das waren schon unsere „Heroes“ irgendwie.

    Warf der Zweite Weltkrieg auch Schatten auf Ihr Dasein damals?

    Elmar Wepper: Wir haben darunter gelitten, dass mein Vater im Krieg vermisst war. Und wir haben es natürlich auch unmittelbar mitbekommen, wie schwer meine Mutter das zu verarbeiten hatte. Sie hat in uns beide sehr viel Liebe investiert – aber der Vati war halt nicht da, und er hat uns gefehlt. Meinem Bruder, dem Fritz, vielleicht noch mehr, weil er ihn noch gekannt hatte.

    Waren Sie, als Ihr Vater dann nicht mehr zurückkam, gewissermaßen an seiner Stelle der Herr im Haus? Also eine Art "Vaterersatz", auch für Ihren jüngeren Bruder Elmar?

    Fritz Wepper: Nein, ich habe meinen Bruder nicht dominiert, sondern ich war halt der ältere Bruder und der weiß eben manches schon besser…

    Elmar Wepper: Naja, der Fritz, sagen wir mal, wenn`s irgendwie anstand oder wenn er Lust und Laune hatte, hat schon versucht, mich irgendwie zu erziehen. Ein bisschen stimmt es schon: Der Fritz hat schon immer ein Auge auf mich gehabt, muss ich sagen. Als jüngerer Bruder ist man eben immer der jüngere Bruder, das lässt sich nie ändern!

    Bekamen Sie nach dem Krieg noch seine Folgen zu spüren?

    Fritz Wepper: In unser Haus, indem wir in München gewohnt haben, war eine Bombe reingefallen und hatte das ganze Treppenhaus zerstört, auch die Zentralheizung. In unserem Kinderzimmer war richtig ein Loch in der Wand, durch das wir ins Stiegenhaus rausschauen konnten. Aber wir sind natürlich aus Respekt, dass man herunterfallen könnte, nicht allzu nah dort hingegangen.

    Elmar Wepper: Im Flur und auf der Toilette hatten wir kein Licht. Da hatte ich immer wahnsinnig Angst als Kind, wenn es dunkel wurde, über den Flur auf die Toilette zu gehen. Der Höhepunkt der Angst aber war, in den Keller zu gehen, um zwei Ecken durch so einen Gang, wo nur eine Funzel hing, und die Kohlen heraufzutragen: Das waren für mich ganz schlimme Nachkriegserlebnisse.

    Herr Wepper, ihr früher Durchbruch als Darsteller gelang Ihnen in Bernhard Wickis Antikriegsfilm "Die Brücke". Haben Sie da einen Bezug zu eigenen Kriegserfahrungen hergestellt?

    Fritz Wepper: Da sind schon verschiedene Emotionen hochgekommen, die bewusst oder unbewusst schon in meiner Kindheit implantiert waren. Als wir die sogenannte "Nullkopie" für die Synchronisation gesehen haben, da haben wir alle geheult wie die Schlosshunde. Also da mischt sich Gesehenes mit Erlebtem, und das war schon sehr bewegend. Wir haben in dem Film eine Zeit nachempfunden, die ja wirklich passiert ist.

    War das eine vorwiegend schwere, düstere Lebensphase für Sie damals?

    Fritz Wepper: Nein, in meiner Erinnerung ist das eine Zeit, die ja im Aufbruch war, nicht so sehr von Tränen bestimmt, sondern von dem Willen, alles wieder neu aufzubauen, was da zerstört ist, auch menschlich. Es war eine positive Zeit.  Mein Bruder und ich haben immer gespielt, vor der Schule, nach der Schule, in der Schule, auf dem Schulweg.  Auch die erste Wies’n nach dem Krieg, das war ein tolles Erlebnis! Wir waren im Flohzirkus, haben gesehen wie die kleinen Flöhe so kleine Kutschen gezogen haben. Oder der Elektro-John, der Augenbrauen hatte wie später unser Finanzminister Weigel. Er steckte sich eine Glühbirne in den Mund , und die brannte – oh Wunder! Später, mit zehn, war ich total verliebt in eine Liliputanerin, auf Augenhöhe sozusagen.

    Was waren für Sie die Highlights Ihrer frühen Jahre?

    Elmar Wepper: Ich habe, vielleicht mit fünfzehn, an den Kammerspielen eine kleine Rolle gespielt. Und mit der Gage habe ich dann meine Mutter zum Urlaub nach Riggione an die Adria eingeladen. Diese erste Italienreise werde ich nie vergessen, als ich das erste Mal das Meer gesehen habe. Da ist schon eine Sehnsucht in Erfüllung gegangen.

    Das Interview führte Peter Hartl

    Ku'damm 56 – Die Dokumentation

    Sonntag, 20. März 2016, im Anschluss an Folge 1, 21.45 Uhr
    Ein Film von Heike Nelsen-Minkenberg

    Kamera                             Benedict Sicheneder
    Schnitt                               Robert Handrick
    Produktion                         Februar Film
    Redaktion                          Carl-Ludwig Paeschke
                                              Zeitgeschichte
    Länge:                               ca. 44 Min.

    Berlin Mitte der 50er Jahre. Erst zehn Jahre sind vergangen seit dem Krieg, den NS-Verbrechen, der braunen Diktatur. Und doch ist die Welt inzwischen eine völlig andere, eine neu geordnete, geteilte. Der Riss geht mitten durch Europa. In Berlin ist die Spaltung besonders spürbar.

    Der dreiteilige Fernsehfilm "Ku'damm 56" fängt die Atmosphäre jener Jahre ein, lässt den Zuschauer mit dem Schicksal einer Familie in die Jahre der Gegensätze und des neuen Aufbruchs eintauchen. Dass die Lebensgefühle, Zerwürfnisse, aber auch Hoffnungen der Film-Familie Schöllack keineswegs nur der Fantasie der Autoren entsprungen sind, zeigt Heike Nelsen-Minkenberg in ihrer begleitenden Dokumentation.
    Sie erzählt die Lebensgeschichte von Menschen, deren Werdegang eng mit diesen Jahren verknüpft ist. Wie Rolf Eden, Playboy und Party-Legende des alten West-Berlin. Als Kind mit seinen Eltern vor der Judenverfolgung nach Palästina geflohen, kehrt er 1956 nach Berlin zurück. Ku'damm, Ecke Nestor-Straße – dort eröffnet er seinen ersten Club, den bald legendären "Eden Saloon". Es ist eine Zeit mit einem neuen Klang, die Vertonung einer neuen Jugendkultur – des Rock 'n' Roll. Im Berliner Tanzlokal "Badewanne" wird er Abend für Abend live gespielt und gelebt. Nach den Hits von Elvis Presley und Bill Haley rocken die sogenannten "Halbstarken" auf der Tanzfläche. Stammgast war damals Roswitha Todt, die in der Dokumentation von ihren "wilden" Jahren berichtet.

    In Westberlin galten die gleichen Gesetze und Moralvorstellungen wie in der alten Bundesrepublik. Nach deren Gesetzen war gelebte Homosexualität weiterhin strafbar, galt als Krankheit, wenngleich mit den "richtigen" Mitteln heilbar. Wie der angehende Staatsanwalt Wolfgang von Boost im Fernsehspiel, musste auch Manfred Bruns seine Homosexualität verleugnen. Im Interview erinnert sich der mittlerweile pensionierte Bundesanwalt, wie er über Jahrzehnte seine sexuelle Orientierung konsequent geheim hielt, um seine Karriere nicht zu gefährden. In "Ku'damm 56" arbeitet Eva Schöllack als Krankenschwester in einer Privatklinik. Immer wieder werden dort psychisch Kranke mit "Elektroschocks" behandelt. Der Berliner Psychiater Professor Hanfried Helmchen verbindet noch heute sehr beklemmende Erinnerungen mit jener Zeit, zu der die "Elektrokrampftherapie" als eine Art Allheilmittel gegen angebliche und tatsächliche psychische Erkrankungen galt. Unzählige Patienten wurden so gequält, bis die ersten wirklich wirksamen Medikamente ihren Weg auch nach Europa fanden.

    Mit weiteren Beispielen analog zum Film hält die Dokumentation der Gesellschaft der 50er Jahre den Spiegel vor, als der schöne Schein der Aufbaujahre vielerorts manch finstere Schatten der Vergangenheit überstrahlte.

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    Die DVD zu "Ku'damm 56" erscheint bei Universum Film.

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    Clips zu "Ku'damm 56":

    "50er...das war komplett anders"mit Emilia Schüle, Sonja Gerhardt und Maria Ehrich

    "Eine nahe, ferne Zeit"

    "Zwei Tänzer mit Haltung" Spaziergang mit Uwe Ochsenknecht und Trystan Pütter im Gespräch

    "Als eine Generation das Tanzen lernte" Rock 'n' Roll-Training mit Sonja Gerhardt und Trystan Pütter

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