Liebe trotz allem / Hafen der Hoffnung

Dokus zu 50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen

Am 12. Mai 1965 nahmen Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen auf – nur 20 Jahre nach dem Holocaust war das für Israel kein einfacher Schritt. Nun jährt sich der Neuanfang im Verhältnis beider Länder zum 50. Mal. Das ZDF berichtet in seinen aktuellen Nachrichten- und Magazinsendungen über das Jubiläum. Zudem schildert die "auslandsjournal"-Dokumentation "Liebe trotz allem" deutsch-israelische Beziehungsgeschichten über drei Generationen. Und ZDFinfo blickt zurück in die Geschichte, als Haifa zum "Hafen der Hoffnung" für die europäischen und vor allem für die deutschen Juden wurde. 

  • ZDF, Sonntag, 10. Mai 2015, 0.15 Uhr
  • ZDF info, Dienstag, 12. Mai 2015, 18.00 Uhr / 18.45 Uhr

    Texte

    "Einzigartige Geschichten aus einem der politisch brisantesten Gebiete der Welt"
    Statement von "auslandsjournal"-Moderatorin Antje Pieper

    Das "auslandsjournal" berichtet kontinuierlich aus Israel. Dies nicht nur, weil das Land zu den politisch brisantesten Gebieten der Welt gehört, sondern auch, weil es dort über die Nachrichten-Berichterstattung hinaus einzigartige Themen gibt – Geschichten von Menschen, die dort auf engem Raum unter besonderen und völlig unterschiedlichen Bedingungen leben. Kürzlich haben wir beispielsweise über die Straßenbahn zwischen Ost- und West-Jerusalem berichtet, die auf knapp 14 Kilometern Strecke ganz entgegengesetzte Welten verbindet. Ebenso über Hanfplantagen in der Wüste oder über junge orthodoxe Juden, die dem strengen und archaischen Leben ihrer Eltern entkommen wollen und in speziellen Kursen lernen müssen, in der normalen modernen Welt zurechtzukommen.

    Anlässlich des 50. Jahrestages der deutsch-israelischen Beziehungen zeigt das ZDF am Sonntag, 10. Mai 2015, in der Reihe "auslandsjournal – die doku" den Film "Liebe trotz allem" über drei deutsch-israelische Paare, deren Leben diese 50 Jahre deutsch-israelische Geschichte auf einer persönlichen Ebene spiegeln.

    auslandsjournal – die doku: Liebe trotz allem – Deutsch-israelische Beziehungsgeschichten

    Sendetermin im ZDF: Sonntag, 10. Mai 2015, 0.15 Uhr
    Sendetermin in ZDFinfo: Dienstag, 12. Mai 2015, 18.00 Uhr

    Film von Nicola Albrecht und Alon Caspi

    50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen sind auch 50 Jahre Liebesbeziehungen zwischen Deutschen und Israelis. Was zieht Deutsche und Israelis zueinander hin? Spielt der Täter-Opfer-Komplex dabei noch eine Rolle? Oder zählt die Geschichte gar nicht mehr? Drei Generationen, drei gemischte Paare, dreimal spezielle Herausforderungen für die Beziehungen.

    Ruth und Abraham leben in Tel Aviv. Ruth hieß eigentlich einmal Renate – bis sie zum Judentum konvertierte und in Israel ihre Heimat gefunden hat. Sie übersetzt die großen israelischen Schriftsteller für deutsche Verlage und genießt es, wenn ihr Mann Abraham ihr am Nachmittag deutsche Literatur vorliest. Ruth und Abraham sind die Brückenbauer, die Pioniere. Als sie ein Paar wurden, war das noch alles andere als selbstverständlich.

    Nirit und Andreas leben in Berlin. Nirit führt israelische Touristen durch die Stadt und Andreas hat eine kleine Weinbar. Sie sind glücklich, doch die Geschichte holt sie immer wieder ein. Andreas ist schockiert, als er erfährt, dass sein Vater in der SA war. Nirit ist auch hierbei sein Halt. Sie fängt ihn auf, wenn es emotional eng wird.

    Rilli und Benedikt wohnen noch gar nicht zusammen, Hals über Kopf haben sie sich ineinander verliebt – zwischen Berlin und Tel Aviv. Die Musik verbindet sie. Rilli singt und Benedikt spielt Geige. Sie sind mutig und unbeschwert, heiraten nach einem Jahr Beziehung und – weil das zwischen Deutschen und Israelis so seine bürokratischen und religiösen Tücken hat – gleich drei Mal: in Prag, Berlin und Tel Aviv. Der falsche Rabbi muss es am Ende richten – kein Problem, denn es ist eine echte Herzensangelegenheit.

    Alle Paare erzählen, was sie zusammengebracht hat, welche Schwierigkeiten oder Vorteile ihnen diese Mischung bringt. Ihre Geschichten stehen für 50 Jahre spannende Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, zwischen Deutschen und Israelis.

    Und schließlich sind es auch in der Politik Menschen – oft Paare –, die Israel und Deutschland einander näher gebracht haben. David Ben Gurion und Konrad Adenauer legten den Grundstein für das, was Kanzlerin Angela Merkel zur Staatsräson erklärt hat: untrennbare Bande zwischen Israel und Deutschland. Ein Streifzug durch das Archiv erlaubt den Blick auf die historischen Highlights.

    "Wir spiegeln die deutsch-israelischen Beziehungen über Liebesgeschichten"
    Interview mit ZDF-Israel-Korrespondentin Nicola Albrecht 

    Wie schwierig war die Suche nach deutsch-israelischen Paaren aus drei Generationen, die mit ihrer Beziehungsgeschichte auch den Wandel über fünf Jahrzehnte erzählen?

    In der älteren Generation war es natürlich schwieriger, Protagonisten zu finden, als in der jüngeren Generation. Ruth und Abraham, die wir in unserer Dokumentation vorstellen, haben sich in den 60er Jahren in Deutschland kennengelernt und leben heute gemeinsam in Tel Aviv. Die Beziehung entwickelte sich auch daraus, dass Ruth sich sehr für Israel und die Wiedergutmachung engagierte. In der mittleren Generation, deren Angehörige die Nazi-Zeit höchstens noch im Kleinkindalter miterlebt haben, war die Suche schon deutlich einfacher: Unser Paar Nirit und Andreas lebt heute gemeinsam in Berlin und setzt sich intensiv mit der NS-Verstrickung des Vaters und Schwiegervaters auseinander. Mit Blick auf die jüngere Generation gibt es keine Schwierigkeiten mehr, Protagonisten zu finden: In Tel Aviv lerne ich immer wieder Deutsche kennen, die der Liebe wegen nach Israel gekommen sind. Und auch nach Berlin ziehen immer mehr Israelis nicht allein aufgrund der wachsenden Attraktivität dieser Stadt – oft lebt dort auch der Liebespartner.

    Was war die Ausgangsüberlegung, die deutsch-israelischen Beziehungen über private Beziehungen zu erzählen? Soll die neue Lässigkeit in der Beziehung beider Länder daran deutlich werden?

    Die Idee hatte Alon Caspi, der als Israeli selbst mit einer Deutschen verheiratet ist und schon seit vielen Jahren im ZDF-Studio in Tel Aviv arbeitet. Die 50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen über Liebesgeschichten zu spiegeln und die historischen Ereignisse darin einzubetten, entspricht durchaus der erreichten Normalität in den Beziehungen zwischen beiden Ländern, in denen die NS-Geschichte nicht mehr ständig die entscheidende Rolle spielt. Paare der ersten Generation mussten zunächst Brücken bauen, um den ganz großen Widerstand zu überwinden, in der zweiten Generation war dann die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Holocaust das große Thema, verbunden mit dem Kampf um die eigene Identität. Paare aus der jungen Generation, die sich jetzt verlieben oder heiraten, fragen dagegen: Warum habt ihr Bedenken? Wir wissen, was in der Geschichte passiert ist und möchten auch nicht den Holocaust-Gedenktag abschaffen – aber unser Leben ist heute ein anderes.

    Wie relevant ist das Thema Religion in diesen deutsch-israelischen Beziehungsgeschichten oder kommen diese sowieso vor allem in säkularen Verhältnissen zustande?

    Solche multikulturellen Beziehungen entwickeln sich seltener im religiösen Umfeld und stärker im säkularen Milieu, etwa von Tel Aviv. Bei unseren Protagonisten Ruth und Abraham sind beispielsweise die Eltern nicht zur Hochzeitsfeier gekommen, weil Ruth nur zum Judentum konvertiert ist, aber nicht aus einer ursprünglichen jüdischen Familie stammt. Heute nimmt man das nicht mehr so ernst. Zwar gilt in Israel weiterhin, dass Juden und Nicht-Juden nicht heiraten können, weil eine Ehe nur ein Rabbiner schließen darf, aber viele haben da längst ihre Auswege gefunden: Zum Beispiel in Zypern heiraten und die Zeremonie dennoch in Israel mit einem extra engagierten falschen Rabbi erleben – quasi wie in einem Theaterstück. Da geht es um die Tradition, die man bewahren möchte, auch wenn das durch religiöse Vorschriften verhindert zu werden droht.

    Zählt somit für alle deutsch-israelischen Paare gleichermaßen: "Liebe trotz allem"?

    Die Quintessenz lautet über die Generationen hinweg: Die Liebe hat sich durchgesetzt. Aber es gibt unterschiedliche Hinwendungsformen zur anderen Kultur: Ruth hat sich aus dem Gedanken der Wiedergutmachung mit Israel beschäftigt, sich für den jungen Staat engagiert, für die Kibbuz-Bewegung interessiert, den Kontakt zur jüdischen Studentengemeinde gesucht: Sie wollte nach Israel. Für Nirit aus der mittleren Generation ist allein die Liebe entscheidend und es ist deshalb reiner Zufall, dass Andreas aus Deutschland und nicht aus einem anderen Land kommt. Benedikt aus der jungen Generation meint wiederum, ihm gehe das ganze Gerede, wo jemand herkomme, schon auf die Nerven. Junge Israelis berichteten dagegen durchaus immer noch, dass es für die Oma schwer war zu erfahren, dass die Enkelin einen deutschen Freund hat. Zugleich berichten sie, dass es für sie nicht schwieriger als für jeden anderen Ausländer sei, in Deutschland Fuß zu fassen.

    Neben den privaten bauen Sie auch ausgewählte politische Beziehungsgeschichten in Ihre Dokumentation ein. Welche sind das?

    Die politischen Beziehungen stellen wir anhand von denen dar, die Israel und Deutschland näher brachten: David Ben Gurion und Konrad Adenauer legten den Grundstein für die gemeinsamen Beziehungen, Menachem Begin und Helmut Schmidt hätten sie dagegen fast wieder ruiniert. Wie heute das Verhältnis von Angela Merkel und Benjamin Netanjahu zu bewerten ist, bleibt zu beobachten. Allerdings zählt Merkels Aussage in der Knesset, wonach Israels Sicherheit zur deutschen Staatsräson gehöre. In den politischen Passagen der Doku wird aber auch der jüngste Gaza-Krieg aus dem vergangenen Sommer und die daraus resultierenden Demos und Gegendemos in Deutschland aufgegriffen.

    Und was unterscheidet die 30-minütige Dokumentation im ZDF von der 45-minütigen Langfassung in ZDFinfo?

    In der Langfassung ist jeweils eine Paarung mehr enthalten. Mit Blick auf die politische Sphäre sind dort Yitzhak Rabin und Helmut Kohl zu erleben, die den Grundstein für das enge Militärbündnis gelegt haben. Zudem lernen die Zuschauer da noch ein viertes, ganz junges Liebespaar kennen, das wir in Haifa getroffen haben und bei dem die Protagonistin, Enkelin von Holocaust-Überlebenden, gerade Hals über Kopf nach Berlin gezogen ist.

    Seit fünf Monaten leiten Sie nun das ZDF-Studio in Tel Aviv. Sind die Beiträge zu 50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen im Reigen der bisherigen Berichterstattungsaufgaben eine weitere Gelegenheit, Israel noch besser kennenzulernen?

    Die vergangenen Monate waren sehr arbeitsintensiv, mein Wechsel nach Tel Aviv erfolgte in einer ereignisreichen Phase:  Ob es – neben dem immer aktuellen israelisch-palästinensischen Konflikt – das Gedenken an den 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz oder die Wahl in Israel war – es gab viel zu tun und zugleich galt es die Vorbereitungen auf das Jubiläum der deutsch-israelischen Beziehungen voranzutreiben. Sowohl die Dokumentation über die deutsch-israelischen Beziehungsgeschichten also auch zum Beispiel unsere Drehs für das "nano Spezial" auf 3sat über den Wissenschaftsstandort Israel gaben mir Gelegenheit, viele weitere Facetten des Landes kennenzulernen, die in der aktualitätsgetriebenen Krisen- und Konfliktberichterstattung oft zu kurz kommen.

    Mit Nicola Albrecht sprach Thomas Hagedorn.

    Biografische Angaben zu Nicola Albrecht und Alon Caspi

    Nicola Albrecht, Jahrgang 1975, leitet seit Dezember 2014 das ZDF-Studio in Tel Aviv. Zuvor war die promovierte Komparatistin drei Jahre lang als Korrespondentin im ZDF-Studio in Peking tätig. Die gebürtige Rheinländerin arbeitet seit 2001 für das ZDF, zunächst in der Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft, ab 2005 als freie Autorin im ZDF-Landesstudio in Düsseldorf und von 2009 bis 2011 als Reporterin im "ZDF-Reporter-Pool" mit Berichten und Live-Schalten aus Kriegs- und Krisengebieten. In diesem Zeitraum absolvierte sie zudem Studiovertretungen in Washington, Istanbul, Paris, Moskau, Singapur, Tel Aviv und Johannesburg.

    Alon Caspi, Jahrgang 1968, arbeitet seit 2004 im ZDF-Studio in Tel Aviv. Zusammen mit Christian Sievers realisierte er unter anderem den Film "1000 Kilometer Zaun – Einmal rund um Israel".  Neben seiner täglichen Arbeit als Producer im ZDF-Studio Tel Aviv initiierte und realisierte er bereits mehrere Filme und Beiträge für verschiedene Programme im ZDF. Der gebürtige Israeli ist mit einer deutschen Frau verheiratet und kam so auf die Idee, die 50 Jahre deutsch-israelischen Beziehungen durch die Augen von mehreren deutsch-israelischen Liebespaaren zu erzählen. 

    Hafen der Hoffnung: Haifa - das Tor Israels

    Sendetermine in ZDFinfo: Mittwoch 6. Mai 2015, 11.15 Uhr / Dienstag, 12. Mai 2015, 18.45 Uhr

    Sie flüchteten übers Meer. Mehr als 60 000 deutsche Juden verließen nach 1933 ihre Heimat. Der Hafen von Haifa wurde das Tor zu ihrer fremden neuen Heimat. Etliche entkamen in letzter Minute der Verfolgung und der Deportation in die Todeslager. Zeitzeugen berichten über ihre dramatische Flucht und die schwierigen Anfangsjahre im jungen Staat Israel.

    Haifa spielt für die Entwicklung Israels eine herausragende Rolle. Mehr als eine halbe Million Juden aus aller Welt sind bis zur Staatsgründung 1948 über den Hafen Haifa ins Heilige Land eingewandert. Unter ihnen waren 60.000 deutsche Juden. Viele von ihnen sind in letzter Minute dem Nazi-Terror entkommen.

    Mit der Ankunft in Haifa haben sie ein neues Leben ohne Diskriminierung und ohne Verfolgung beginnen können. Ohne diese Einwanderung wäre es den bereits in Palästina ansässigen Juden nicht möglich gewesen, sich gegen die arabische Bevölkerung zu behaupten und einen eigenen Staat zu gründen.

    "Der Hafen der Hoffnung wurde auch zum Hafen der Tränen"
    Interview mit ZDF-Filmemacher Dietmar Schulz 

    Von welchen Häfen erfolgte die Seeflucht deutscher und europäischer Juden Richtung Haifa nach 1933 und wie viele Schiffe machten sich auf die Reise?

    Die Flucht erfolgte über italienische Häfen, vornehmlich über Genua oder Triest nach Haifa. 120 Schiffe wurden damals in den Jahren 1933 bis 1948 eingesetzt, gechartert von der jüdischen Untergrundorganisation Hagana. Diese hatte sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Juden nach Palästina zu bringen, das damals britisches Mandatsgebiet war. Die Londoner Regierung ließ in jener Zeit nur eine begrenzte Anzahl von Juden in Palästina einreisen. Sie fürchteten, dass es sonst Aufstände der arabischen Bevölkerung gegen die jüdische Einwanderung geben könnte und die Araber den Ölhahn zudrehen würden.

    In welcher Form regelten die Briten die Zuwanderung? Ließ diese sich überhaupt steuern angesichts der offensichtlichen Fluchtgründe infolge der Nazi-Herrschaft und der Juden-Verfolgung?

    Die Briten hatten Quoten für die Einwanderung festgelegt. Als nach der Reichskristallnacht 1938 die Zahl der Flüchtlinge stieg, versuchten die Briten die Einwanderung zu drosseln und in Teilen sogar zu verhindern. Flüchtlinge, die kein Zertifikat von den Briten erhalten hatten, wurden bei ihrer Ankunft in Haifa gleich in ein Internierungslager auf Zypern und in eines auf der Tropeninsel Mauritius deportiert. Allerdings gab es dann auch etliche illegale Flüchtlingsschiffe, die die Küste nördlich und südlich von Haifa ansteuerten. Dort setzten sie ihre Passagiere aus, die sich dann durchs Wasser zum Strand durchschlagen mussten, wo bereits in Palästina lebende Juden mit falschen Papieren auf sie warteten.

    Ist also der "Hafen der Hoffnung", wie Haifa in Ihrer Dokumentation genannt wird, vielfach zum Ort der Abschiebung und des Konflikts geworden?

    Der Hafen der Hoffnung wurde auch zum Hafen der Tränen. Wir schildern in der Dokumentation das Schicksal der 4500 Holocaust-Überlebenden, die 1947 auf dem Schiff Exodus von Südfrankreich nach Palästina kamen und von den Briten daran gehindert wurden einzureisen. Die Briten luden sie auf drei Marineschiffe um und brachten die Juden, die gerade der Verfolgung entkommen waren, zurück nach Hamburg und in plombierten Zügen in ein Lager bei Lübeck. Dort mussten sie ausharren, bis die Gründung des Staates Israels vollzogen war.

    Wie viele Juden konnten denn insgesamt zwischen 1933 und 1948 aus Nazi-Deutschland nach Palästina flüchten?

    Das gelang rund 60.000 deutschen Juden. Viele wurden von den Briten in ein Lager südlich von Haifa gebracht. Von dort konnten sie dann in einen Kibbuz ziehen oder mussten warten, bis sich eine Unterkunft fand. Mit Ende des britischen Mandats öffnete Großbritannien dann auch die Lager auf Zypern und Mauritius.

    Wie schwierig war die Suche nach noch lebenden Zeitzeugen?

    Das war nicht einfach, schließlich sind die meisten von ihnen hochbetagt und leben heute meist in Altenheimen. Aber ich fand in Haifa und Umgebung dann doch einige deutsche Einwanderer, die noch in sehr gutem Deutsch über ihre Ankunft in Haifa vor 70 oder mehr Jahren berichten konnten, aber auch über die schwierigen Anfangsjahre des Staates Israel. Meine älteste Gesprächspartnerin war übrigens 102 Jahre alt. Einige der Zeitzeugen konnten auch noch vor der Kamera berichten, wie es ihnen unter schwierigsten Umständen gelang, auf ein Schiff nach Haifa zu kommen. Diese hochbetagten, aber noch bemerkenswert fitten Gesprächspartner werden in Israel oft „Jeckes“ genannt. Wie es zu diesem Spitznamen gekommen ist, weiß niemand so genau. Vielleicht, weil die deutschen Einwanderer trotz der Sommerhitze stets Jacken trugen.

    Haben Sie auch einordnende Statements von Historikern in Ihre Dokumentation eingebaut?

    Es kommen vor allem Zeitzeugen zu Wort und nur eine Historikerin: Fania Oz-Salzberger, Tochter des Schriftstellers Amos Oz. Sie lehrt heute als Professorin für Geschichte an der Universität in Haifa und weiß sehr detailliert Bescheid über das Geschehen in den 1930er und 1940er Jahren.

    Verbinden Sie mit Ihrer Dokumentation die Hoffnung, dass die vermehrten Kenntnisse über die Anfänge des israelischen Staates auch die Positionen im israelisch-palästinensischen Dauerkonflikt nachvollziehbarer machen?

    Historische Dokumentationen können den Weg der Aufklärung befruchten. Durch die Schilderung der Flüchtlingsschicksale kann das Verständnis für die Position Israels wachsen, die eigenen Bürger unbedingt vor Verfolgung zu schützen und die Sicherheit des Staates zu stärken. Aber das soll nicht dazu beitragen, dass man von einer kritischen Bewertung der aktuellen israelischen Politik absieht. Aufgrund der aktuellen politischen Konstellation schätze ich die Chancen für eine Fortsetzung des Friedensprozesses und der Zusammenarbeit mit den Palästinensern als nicht sehr groß ein.

    Und wie bewerten Sie zum 50-jährigen Jubiläum den aktuellen Stand der deutsch-israelischen Beziehungen?

    In den vergangenen 50 Jahren sind die Beziehungen zwischen beiden Ländern auf vielen Gebieten gewachsen – im Jugendaustausch, in der Wissenschaft, in gemeinsamen Forschungsprojekten, in den Partnerschaften der Universitäten und der Städte. Und sie sind heute so stabil und vielfältig wie es sich seinerzeit David Ben Gurion und Konrad Adenauer nicht erträumen konnten, als sie die ersten Verbindungen knüpften. Die Beziehungen sind so eng wie mit keinem anderen Land, Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ja entsprechend bei ihrer Rede in der Knesset Israels Sicherheit zur deutschen Staatsräson erklärt.

    Wie intensiv hat Sie das Thema Israel nach Ihrer Zeit als ZDF-Korrespondent weiter beschäftigt?

    Ich hatte das Vergnügen, nach Beginn meines Ruhestandes für "ZDF-History" noch einige Dokumentationen machen zu können. Und bereits während meiner Zeit als ZDF-Korrespondent in Israel habe ich Beiträge zur Geschichte Haifas realisiert, so dass es für mich nun eine neuerliche Herausforderung war, für ZDFinfo die Einwanderung von europäischen und vor allem deutschen Juden nach Palästina im Detail zu erzählen. Nach meiner aktiven Korrespondentenzeit sind meine persönlichen Beziehungen nach Israel erhalten geblieben. Zudem bin ich in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Mainz tätig. Aber auch zu dem anderen Land, in dem ich zuvor lange Jahre als Korrespondent tätig  war, zu China, erhalte und pflege ich bis heute meine Kontakte.

    Mit Dietmar Schulz sprach Thomas Hagedorn.

    Biografische Angaben zu Dietmar Schulz

    Dietmar Schulz, 1943 in Breslau geboren, begann seine 24 aktiven ZDF-Jahre 1984 als Korrespondent im damals neu eingerichteten Studio in Peking. China hatte er ab 1979 bereits fünf Jahre lang als Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur kennengelernt. Für das ZDF blieb Schulz vier Jahre in China. Danach war er Redakteur im "heute-journal", berichtete aus dem Golfkrieg und aus den Kriegsgebieten im ehemaligen Jugoslawien. Von Juli 1994 bis April 2001 leitete Dietmar Schulz das Israel-Studio des ZDF in Tel Aviv. Er berichtete über den Krisenherd Nahost und vor allem über den immer wieder stockenden Friedensprozess zwischen Israel und Palästina. Im Mai 2001 kehrte Schulz als Redakteur in die Hauptredaktion Außenpolitik des ZDF nach Mainz zurück, behielt dort aber die Themen China und Israel weiter im Blick. In mehrteiligen Dokumentationen wie "Chinas Ströme – Chinas Zukunft" öffnete er den Zuschauern Fenster zu den landschaftlichen Schönheiten des Riesenreichs, aber auch zu den Auswirkungen politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen. In Filmen wie "Tsingtau" oder "Flucht nach Shanghai" setzte er sich mit der deutsch-chinesischen Geschichte oder der Flucht jüdischer Familien ins chinesische Exil auseinander. Dokumentationen wie "Zurück in die Hölle, "Schiff der Verdammten" und viele andere rückten die dunkelsten Kapitel der deutsch-jüdischen Geschichte in den Fokus und sind Zeichen gegen das Vergessen.

    Infos zum "auslandsjournal"

    Das "auslandsjournal" berichtet seit bald 42 Jahren einmal wöchentlich im ZDF über Ereignisse außerhalb Deutschlands. Das Korrespondenten-Magazin liefert nicht nur Hintergrundinformationen zu aktuellen Ereignissen, sondern berichtet in spannenden Reportagen über Länder, Menschen, Abenteuer. Die pointierte Analyse, die persönliche Erzählweise, die stilistisch anspruchsvollen Geschichten und die Vielfalt an unterschiedlichen Beitragsformen von der Reportage bis zum investigativen Stück prägen das "auslandsjournal". Mit dem "außendienst" hat das "auslandsjournal" seit Mai 2011 eine feste wöchentliche Rubrik, in der sich die Reporter auf "Abenteuer" in verschiedenen Ländern einlassen.

    Korrespondentenbeiträge zu wichtigen außenpolitischen Themen, die im "auslandsjournal" in einer Länge von rund sechs Minuten laufen, werden seit 2013 anlassbezogen ergänzt durch "auslandsjournal – die doku", die am späten Abend das Thema in 30 oder 45 Minuten aufbereitet. "Liebe trotz allem – Deutsch-israelische Beziehungsgeschichten" gehört in diese Reihe.

    Zu besonderen Anlässen sendet das "auslandsjournal" zudem viermal im Jahr ein "auslandsjournal spezial", das sich in einer erweiterten Länge von 45 Minuten monothematisch einem Land widmet. Im vergangenen Jahr gab es zum Beispiel ein "auslandsjournal spezial" zu Russland in Zeiten des Ukraine-Konflikts, zu den USA vor den Zwischenwahlen und der Türkei vor den Präsidentschaftswahlen.

    Seit Juli 2014 moderiert Antje Pieper das "auslandsjournal", ihr Vorgänger Theo Koll präsentierte die Sendung von 2009 bis 2014. Erster Moderator des "auslandsjournal" war Rudolf Radke, ihm folgten später unter anderen Ulrich Kienzle, Peter Frey und Dietmar Ossenberg.

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