Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Foto: ZDF/Sean Gallup
Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Foto: ZDF/Sean Gallup

Mensch Schröder!

Eine deutsche Karriere

Dritter Anlauf nach Schröder: Martin Schulz wurde gerade als Kanzlerkandidat der SPD für die kommende Bundestagswahl benannt. Welches Vermächtnis die Kanzlerschaft von Gerhard Schröder in den Jahren 1998 bis 2005 für die SPD und dieses Land hinterlässt – dieser Frage geht die neue "ZDFzeit"-Doku "Mensch Schröder – Eine deutsche Karriere" nach. Aber sie fragt auch: Wer ist dieser Mensch, der auch im Wahljahr 2017 noch polarisiert – als Putin-Freund ebenso wie als Vater der Agenda 2010.

  • ZDF, Dienstag, 7. März 2017, 20.15 Uhr

Texte

Sendetermin und Stab

Dienstag, 7. März 2017, 20.15 Uhr, ZDF

ZDFzeit
Mensch Schröder!
Eine deutsche Karriere

Film von Florian Huber

Kamera: Oliver Gurr, Ralf Heinze, Björn Lindenblatt, Jürgen Staiger
Produktion: Spiegel TV
Redaktion: Susanne Gelhard
Redaktionsleitung: Ursula Schmidt
Länge: ca. 45 Minuten

Mensch Schröder! – Eine deutsche Karriere

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder polarisiert auch im Wahljahr 2017: als Putin-Freund, als Kanzler der Bosse im Maßanzug, als Vater der Agenda 2010. Wer ist dieser Mensch? Was bewegt ihn?

In der "ZDFzeit"-Doku spricht der Altkanzler offen über Siege und Niederlagen: die verlorene Wahl 2005, sein schwieriges Verhältnis zur SPD, seine umstrittene Freundschaft mit dem russischen Präsidenten Putin und seine schmerzhafte Trennung von Ehefrau Doris.

Dazu äußern sich Mitstreiter wie Otto Schily, politische Gegner wie Wolfgang Schäuble und seine Noch-Ehefrau Doris Schröder-Köpf. "Er war immer ein starker und unangenehmer Gegner", sagt Finanzminister Wolfgang Schäuble im Gespräch mit Autor Florian Huber über seinen politischen Widersacher.

Schröders unbedingter Machtwille war schon bekannt, bevor er laut einer Anekdote als SPD-Nachwuchspolitiker eines Nachts am Zaun des Bundeskanzleramts rüttelte. Auch die DDR-Führung erkannte früh Schröders Potenzial: Bereits Ende der 70er Jahre hatte die Stasi auf den künftigen "Führungstyp" zwei Agenten angesetzt. Vor unserer Kamera liest Gerhard Schröder zum ersten Mal seine Stasi-Akte, die von seinen Trinkgewohnheiten und seinem Liebesleben bis zu seiner Herkunft alles ausleuchten sollte.

In der Tat ist Schröders ärmliche Kindheit ohne Vater irgendwo in Ostwestfalen der Kern einer Aufsteiger-Story, die in Deutschland nahezu einmalig ist. Dabei strickte er selbst mit strategischem Gespür an dieser Heldenlegende vom einfachen Jungen im Kanzleramt mit. In Wahlkämpfen, Parteiveranstaltungen und Talkshows suchte Gerhard Schröder stets die Gelegenheit, sich als einer von ganz unten zu inszenieren. Fußball und Flaschenbier – noch heute läuft Gerhard Schröder an keinem Ball vorbei, ohne einmal dagegenzutreten. Die Medien haben ihn für seine Auftritte mit Frauen, Hunden und Currywurst zunächst hofiert, wie sie ihn später als "Spaßkanzler" im Brioni-Anzug gnadenlos kritisiert haben. Diese Verletzungen scheinen noch heute auf, wenn Schröders charmanter Ton im Interview unvermittelt schroff und abweisend wird.

Die "ZDFzeit"-Dokumentation "Mensch Schröder!" versucht auch das Geheimnis zu lüften, was hinter den verschlossenen Türen seiner legendären Skatrunde geschieht. Im Kreis seiner alten Männerfreunde, auf ihren Gebieten nicht weniger mächtig als er selbst, zeigt sich der Mensch Gerhard Schröder unverstellt. Treu und unbeirrt hält er auch zu seinem umstrittensten Freund, dem russischen Autokraten Wladimir Putin, was selbst alte Weggefährten wie Renate Schmidt irritiert. Fragen oder gar Kritik dazu wehrte Schröder bisher kategorisch als Privatsache ab. Seine Aktivitäten nach der Kanzlerschaft und die Abschottung von der Öffentlichkeit schaden Gerhard Schröders Reputation als Altkanzler mehr als das bei jedem seiner Vorgänger der Fall war.

So geht die "ZDFzeit"-Dokumentation auch Fragen von Kritikern nach: Darf Gerhard Schröder das Amt des Altkanzlers einfach so "privatisieren"? Und welches Vermächtnis hinterlässt Gerhard Schröder seiner Partei, der SPD, und seinem Land?

Zitate aus der Doku "Mensch Schröder"

Nikolaus Brender

"Ich ging auf ihn zu, wollte ihm die Hand geben. Er streckte mir die Hand entgegen und zog sie dann wieder zurück. Und ich dachte: Naja, gut."

"Man merkte, dass er sich mit seiner Rolle als Gesprächsteilnehmer nicht abgeben wollte, sondern, dass er versuchte, wirklich brachial seinen Zustand zu verteidigen und auch die Runde im Grunde aufzumischen."

 

 

Kai Diekmann:

"Da war jemand, der mit den Medien umgehen konnte. Da war jemand, der sich inszenieren konnte. Da war jemand, der formulieren konnte, besonders für den Boulevard formulieren konnte. Der war kantig. Der war nicht fünfmal durch die chemische Reining gegangen. Der hatte eine spannende Biografie. Und das war natürlich jemand für den wir uns aus der Perspektive von Bild auch interessiert haben."

"Eigentlich passen Gerhard Schröder und 'Bild' ganz gut zusammen und 'Bild' hat ihn ja auch über Jahre entsprechend mit Personal versorgt. Er hat sich seine langjährige Ehefrau Doris von der Bildzeitung geholt. Er hat sich seinen Sprecher Bela Anda später von der Bildzeitung geholt. Und er ist angetreten mit dem berühmten Satz: 'Zum Regieren brauche ich Bild, Bams und Glotze.'"

 

 

Thomas Gottschalk:

"Da kam ein entspannter Geselle, der sich hingesetzt hat: Oh, was machen wir jetzt? Das fand ich immer gut an ihm."

"Der Bundeskanzler war damals populär. Schröder war ein Mensch, den die Leute zur Kenntnis genommen haben. Der hat geredet wie die Leute. Die Leute haben gestritten, ob vor oder nachher die Haare gefärbt sind oder nicht. Haben sie bei mir auch. Und dann kam er. Hat nichts Falsches gesagt, wie ich mich erinnere. Er hat gesagt: Was soll ich denn machen, wenn ich meine Wette verliere? Und diese Idee, dass er eine Frau aus dem Publikum in seinem Dienstwagen nach Hause fährt, fand ich prima."

 

 

Oskar Lafontaine:

"Meine Hoffnung war, dass, wenn Schröder auch durch meine Zuarbeit und Unterstützung Kanzler wird, dass dann eben eine Basis erreicht ist, eine einigermaßen tragfähige Zusammenarbeit zu finden."

 

 

Albrecht von  Lucke:

"Das scheint mir das Bemerkenswerte zu sein, dass sich ein Bogen spannt von dem Willen, aus den kleinen Verhältnissen herauszukommen, bis ins Kanzleramt, 'Ich will da rein', wir kennen alle den großen Slogan, und den er letztlich auch im Abgang mit der Hymne 'I did it my way' zum Ausdruck brachte. Eigentlich gab es nur ein Programm und das lautete: Gerhard Schröder."

"Er trat im Kanzleramt auf mit Cohiba im Mund und im Brioni-Anzug. Mit dem großen Satz, der eigentlich der programmatische auch seiner vermeintlichen Kanzlerschaft sein sollte: Regieren macht Spaß! Dem war der Satz vorausgegangen: Ich will da rein. Das sollte Spaß machen, wir als 68er sind jetzt aufgerufen, dieses Land zu verändern."

 

 

Wolfgang Schäuble:

"Er hat natürlich einen starken Geltungs- und Durchsetzungswillen."

"Er ist für mich heute nicht mehr politischer Gegner, deswegen gehe ich höflich mit ihm um."

 

 

Otto Schily:

"Er hat immer gesagt: In der Partei ist es wie in einem Schafstall: Es riecht manchmal ein bisschen, aber es ist schön warm."

 

 

Renate Schmidt:

"Sowohl Freimuth Duve als auch ich waren dabei, als er, wobei er das mehrfach gemacht hat, an den Stäben gerüttelt hat. Freimuth und ich haben  gesagt, Gerhard bitte, bitte, was machen wir denn, wenn jetzt die Polizei kommt? Aber er hat das nicht nur bei uns gemacht, es gibt andere Augenzeugen, also scheint er es wohl mehrfach gemacht zu haben."

"Er hat Gegenwind provoziert und er hat Gegenwind auch genossen, aber durch den Gegenwind kommt man manchmal auch ganz gut rauf."

 

 

Doris Schröder-Köpf:

"Er war ja weiterhin sehr viel unterwegs. Er hat wahnsinnig viele Auslandsreisen gemacht und war also nicht viel mehr präsent als vorher. Das muss man so sagen. Also er hat ab und zu mal die Kinder irgendwo hingebracht, aber viel mehr kann man da auch dann nicht verlangen. Das ist eben nicht so der Bereich, in dem er so erfahren und geübt ist."

 

 

Jürgen Trittin:

"Wir Grünen hatten zeitweilig den Eindruck, wir koalieren mit zwei verschiedenen Parteien – mit der Lafontaine-SPD und mit der Schröder-SPD. Und das war eine Sicht, die haben Joschka und ich haargenau so gesehen. Und irgendwann musste dann dieser Machtkampf entschieden werden."

"Wenn ein Wahlkampf als aussichtslos galt, war Schröder immer am stärksten"
Interview mit Filmautor Florian Huber 

Nach Ihren Recherchen zu Schröders Lebensweg: Was könnte Martin Schulz vom Altkanzler lernen in der Frage, wie man ins Kanzleramt kommt?

Von Schröder kann Schulz in seiner jetziger Lage vor allem das eine lernen: wie man einen „uphill battle“, einen schweren Kampf, führt. Wenn ein Wahlkampf als aussichtslos galt, war Schröder immer am stärksten. Wie kein anderer konnte er das Wahlvolk, die Partei und sich selbst mitreißen. Dazu hat er uns übrigens ein überraschendes Detail verraten: In Wahlkampfzeiten nie einen Tropfen Alkohol!

Was haben Sie bei den Dreharbeiten Neues vom Menschen Schröder erfahren können, das Ihnen vorher so nicht bekannt war?

Zum einen habe ich festgestellt, wie gut Gerhard Schröder jedem zuhört. Entsprechend fokussiert sind seine Antworten. Aber das war wohl immer Teil seines Naturells. Neben dem aufmerksamen Zuhörer gibt es aber auch den unbeherrschten Schröder, der heftig und grob werden kenn. Auch das ist kein neuer Zug, aber eigentlich könnte er doch heute mehr Gelassenheit zeigen.

Vor Ihrer Kamera liest Schröder zum ersten Mal seine Stasi-Akte: Wie war seine Reaktion?

Die Stasi-Akte hat ihn ungeheuer amüsiert. Er hat sich kaputt gelacht darüber, wie die DDR-Agenten sein Auftreten, seinen Kleidungsstil und sogar seinen Bierkonsum durchleuchtet haben. Schade fand er übrigens, dass die Beobachtungen unter dem Stichwort „Sexuelle Besonderheiten“ gelöscht sind. Sein Fazit am Ende: „Der Staat konnte doch nur kaputt gehen.“

Gewährte Ihnen Gerhard Schröder auch Einblicke in sein Privatleben nach Bundeskanzleramt und Trennung von Doris Schröder-Köpf?

Die Meldung von ihrer Scheidung platzte ja mitten in unsere Dreharbeiten. Obwohl er mit seinem Privatleben viel zurückhaltender umgeht als früher, hat er uns gestanden, wie schmerzhaft für ihn diese Trennung ist. Und wie sehr er an seinen Kindern hängt. Ich glaube, dass ihn das alles mehr mitnimmt, als er nach außen zeigt.

Über welchen Zeitraum und bei welchen Gelegenheiten konnten Sie ihn mit der Kamera begleiten?

Das ging über mehrere Monate. Neben zwei großen Interviews waren wir mit ihm auf einer Kunstvernissage, einer Buchvorstellung, im Zugabteil nach Berlin oder einfach beim Spazierengehen in Hannover. Recht besonders war der Abend mit seiner legendären Skatrunde, die noch keiner filmen durfte. Da sitzen fünf Ex-Größen wie Gerhard Schröder oder Otto Schily beinander und klopfen lautstark Karten. Jeder hält sich für den besten.

Und was war Ihr persönlicher Eindruck vom Altbundeskanzler: Ist er tatsächlich gerade in der Phase, in der sein Wort in der politischen Szene wieder gehört wird und er wieder gefragt ist?

Stimmt, Gerhard Schröder ist präsenter denn je in den vergangenen Jahren. In der SPD ist er wohl „resozialisiert“, wie er selbst sagt. Auf der Straße sprechen ihn die Menschen an, dass er doch noch mal ran solle. Er selber will aber weder laufend weise Ratschläge austeilen noch ein Comeback vorbereiten. Daran tut er vielleicht auch gut, denn vielen Leuten ist er besonders wegen seines Russland-Engagements unverändert suspekt.

Interview: Thomas Hagedorn

Biografische Angaben zum Filmautoren Florian Huber

Dr. Florian Huber ist Historiker und Filmemacher. Seine Promotion schrieb er über die Besatzungspolitik der Briten in Deutschland. Als Filmautor hat Florian Huber bereits preisgekrönte Dokumentarfilme zu zeitgeschichtlichen Stoffen produziert, darunter zum Mauerfall, zum mysteriösen Ende des Dichters Antoine de Saint-Exupéry sowie zu den Olympischen Spiele von 1936. Florian Huber ist zudem Verfasser von historischen Büchern wie „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt – Der Untergang der kleinen Leute 1945“ sowie, soeben erschienen, "Hinter den Türen warten die Gespenster – Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit".

Fünf Jahre "ZDFzeit"

Auf dem Sendeplatz "ZDFzeit" sind am Dienstag um 20.15 Uhr große Primetime-Dokumentationen zu sehen. Neben investigativen, politischen und historischen Filmen werden dort auch verbrauchernahe Themen präsentiert. Ebenso Psychogramme und biografische Porträts von Spitzenpolitikern wie zuletzt am 13. Dezember 2016 in der Dokumentation "Mensch Erdogan! – Die Geheimnisse des türkischen Präsidenten" oder am Dienstag, 31. Januar 2017, 20.15 Uhr in der Dokumentation "Mensch Gauck! – Pastor, Präsident, Freiheitssucher".

ZDFzeit" bietet seit Januar 2012 jährlich rund 35 Produktionen auf dem Sendeplatz am Dienstagabend. Mit der "ZDFzeit"-Sendung "Die Tricks der Lebensmittelindustrie" am Dienstag, 17. Januar 2017, hatte das Doku-Format sein fünfjähriges Bestehen gefeiert: Am Dienstag, 17. Januar 2012, 20.15 Uhr startete die damals neue Doku-Reihe mit dem Film "Auf der Jagd nach verlorenen Schätzen". 

Die "ZDFzeit"-Redaktion leitet seit dem 1. Oktober 2015 Ursula Schmidt. 

Fotohinweis

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