Copyright ZDF / Frederic Batier
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Mutter kündigt

Entschlossen blickt Carla auf die drei Stapel, die sie für jedes ihrer Kinder vorbereitet hat: 250 000 Euro und ein Vertrag, der nichts Geringeres aussagt, als dass sie ihnen kündigt. Mutterliebe als Selbstverständlichkeit; geben, weil Mütter das immer tun – Carla will das nicht mehr. Sie hat alle drei nach Potsdam zitiert, um ihnen ihr Erbe auszuzahlen und die Beziehung zu beenden.Die Reaktionen sind höchst unterschiedlich, aber Carla bleibt bei Ihrem Vorsatz.

  • ZDF, Donnerstag, 22. Juli 2021, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Donnerstag, 15. Juli 2021

Texte

Stab

Buch: Freya Stewart, Gabriela Sperl, Ferdinand Arthuber
Regie: Rainer Kaufman
Schnitt: Mona Bräuer
Kamera: Ahmed El Nagar
Kostüme: Lucie Bates
Musik: Martina Eisenreich
Szenenbild: Dominik Kremerskothen
Ton: Christian Wegner
Produktion: Gabriela Sperl für W&B Television,
Qurin Berg und Max Wiedemann
Ausführende Produzentin: Miriam Klein
Redaktion: Beate Bramstedt

Besetzung

Carla Michelsen - Maren Kroymann
Doro Michelsen - Jördis Triebel
Rita Michelsen - Ulrike C. Tscharre
Phillipp Michelsen - Stefan Konarske
Josephine "Joe" Michelsen - Lena Urzendowsky
Dr. Rudi Lutz - Rainer Bock
Hanna Schulz - Britta Hammelstein
Sandra - Lucie Heinze

und als Gast:

Paul - Ulrich Tukur

Inhalt

Entschlossen blickt Carla auf die drei Stapel, die sie für jedes ihrer Kinder vorbereitet hat: 250.000 Euro und ein Vertrag, der nichts Geringeres aussagt, als dass sie ihnen kündigt. Carla kündigt als Mutter allen dreien! Mutterliebe als Selbstverständlichkeit; geben, weil Mütter das immer tun – Carla will das nicht mehr. Sie hat alle drei nach Potsdam zitiert, um ihnen ihr Erbe auszuzahlen und die Beziehung zu beenden. Nesthäkchen Phillipp, Banker, Anfang 30, verdaut den Schock am schnellsten. Er braucht dringend Geld, da er sich heftig verspekuliert hat und wegen seiner hohen Schulden stark unter Druck steht. Seine große Schwester Rita braucht ein kleines Weilchen, aber auch sie akzeptiert diesen harten Schnitt. Als Einzige ohne künstlerische Talente hat sie zwar eine BWL-Karriere gemacht, aber fühlt sich von ihren Eltern dafür nie wert geschätzt oder anerkannt. Die Einzige, die sich vehement gegen diese Kündigung zur Wehr setzt, ist Doro, die mittlere der drei Geschwister, die eine Yoga-Schule betreibt. Sie braucht eine Familienstruktur, die sie selbst deutlich haptischer und taktiler lebt als ihre eher preußisch erzogene Mutter Carla. Und genau das ist es wiederum, was Doros 19-jährige Tochter Joe nervt. Sie verabscheut das Öko-Leben, das Doro mit ihrer Frau Hanna führt. Während die drei Geschwister es im Elternhaus nicht aushalten und lieber im Hotel übernachten, bleibt Joe bei ihrer Oma. Die beiden mögen sich! Als Joe ihr gesteht, schwanger zu sein, rät Carla der Enkelin schnörkellos zur Abtreibung. Joe ist entsetzt. In einer Kurzschluss-Handlung stiehlt sie das immer noch bereit liegende Erbe in der Halle und rast mit Doros Wagen davon. Dummerweise hat sich darin Hanna zum Schlafen niedergelegt, sodass diese unfreiwillig zur Beifahrerin wird. Joe hat leider keinen Führerschein. Bei hoher Geschwindigkeit kann Joe den Camper nicht mehr halten und kommt von der Straße ab. Der Unfall geht glimpflich aus und hat eine fast heilende Wirkung auf die Familie. Alle kommen zu sich und räumen auf. Eine ungewöhnliche Harmonie macht sich breit. Ob Carla nun ihre Kündigung zurücknimmt?

"Kreatives Pingpong"
Beate Bramstedt, Redakteurin

An Dingen zu rütteln, die als unumstößlich gelten, ist interessant, spannend - und es macht Spaß. Es gibt Mütter, die mit dem Muttersein nicht klarkommen. Aber kaum eine traut sich, das offen zuzugeben oder gar Konsequenzen daraus zu ziehen. Der Film spielt mit diesem Thema. Es geht um die späte Befreiung einer Mutter aus Zwängen, die aus der Konvention des typischen Mutterbildes entstehen. Konventionen, die von den Kindern blind über- und angenommen werden und die von den Müttern genauso automatisch und blind offeriert werden. Und so prägen sie sich gegenseitig, die Kinder und ihre Eltern. Obwohl sie weite Strecken des Lebens miteinander verbringen, nehmen sie sich dabei gegenseitig oft nicht mehr wirklich wahr, weil jede/r in ihrem/seinem Tunnel steckt. Das kann traurig und tragisch sein – oder absurd und komisch. Wir hatten bei der Drehbucharbeit Spaß daran, letztere Variante auszumalen und mit unseren Figuren die Untiefen ihrer Familie zu erkunden. Es treten kleine Schummeleien zutage, Fassaden bröckeln, Geheimnisse werden gelüftet, Ängste kommen ans Licht und werden zerstreut. Im kreativen Pingpong hat unser Cast unter der kundigen Regie von Rainer Kaufmann die Geschichte nochmal durchgerüttelt und zu einem Film zusammengesetzt, der einlädt, zu lachen, zu weinen und vielleicht am Ende auch ein wenig zu grübeln.

Produktionsnotiz von Gabriela Sperl, Produzentin

Mutter kündigt? Wie? Eine Mutter darf nicht kündigen. Und weil eine gute Mutter ihre Kinder liebt, würde sie auch nie auf die Idee kommen. Und schon gar nicht mit fast siebzig. So argumentiert die jüngste Tochter Doro (Jördis Triebel) ihrer Mutter Carla (Maren Kroymann) gegenüber, worauf diese trocken antwortet: „Ich liebe euch, aber ich mag euch nicht.“
Damit nimmt das Familiendrama der Michelsens seinen Anfang. Und es wird bitter, es wird böse, es wird laut, es wird absurd, traurig und zugleich auch, wie in unserem Fall, komisch. Die Norm wird gebrochen, und welche ist nicht eine der unverrückbarsten? Die der Mutter. Wenn eine Familie, ein Leben gelingen soll, dann geht es immer zunächst mal um die Rolle der Mutter. Wenn sie uns richtig liebt, uns sieht, uns fördert, behütet und beschützt, verzichtet, zurücksteht, sich opfert, dann kann das Leben der Kinder gelingen. Denn sie webt den Teppich unserer Familienleben. Und wehe, sie versaut es, hat zu viel Angst oder will selber für sich zu viel. Dann fahren Familien gegen die Wand. Weil kein Stein mehr auf dem anderen bleibt.
Das passiert in unserer Familiengeschichte. Und alles nur, weil eine Mutter keine Lust mehr hat zu funktionieren. Weil sie ihr bisheriges Leben nicht mehr so will. Das fand ich spannend zu erzählen, weil es eine Geschichte ist, die jeder von uns kennt, in der jeder sich ein Stück weit wiederfindet.
Auf diesen unverrückbaren Annahmen, was eine gute Mutter ist, bauen nicht nur die christlich abendländischen, sondern fast alle Kulturen auf. Mütter sind naturgegeben das Rückgrat vom sozialen Nukleus, der Familie. Aber sie sind, wenn sie sich nur unterordnen, eben auch die DNA paternalistischer Systeme.
Mit großer Freude haben wir, die Autor*innen, damit gespielt. Mit Regie und den wunderbaren Schauspieler*innen unsere Figuren dekonstruiert, aufeinander losgejagt. Damit sie ihren eigenen Bildern und festgefügten Selbstbildern entsteigen und neu loslaufen. In Zeiten, wo Angst und der Wunsch nach Eindeutigkeit immer unnachgiebiger andere Lebensentwürfe und Gedanken zu vertreiben scheinen, hat uns beflügelt zu erzählen, dass es sich lohnt, die vermeintlich sichere Höhle zu verlassen und nach dem zu suchen, was unsere Leben so einzigartig reich macht. Mut, Abenteuer, Neugier und ein immer neuer Blick.

Fragen an ... Rainer Kaufmann, Regisseur

"Mutter kündigt" behandelt ein außergewöhnliches Thema. Was hat Sie daran gereizt und wie sind Sie an die Umsetzung herangegangen?

Das Thema, dass eine Mutter den Kanal voll hat von ihrem Muttersein, von ihren Aufgaben und ihren Pflichten, dass sie aus der Rolle aussteigen möchte, aber nicht kann, ist an sich nicht außergewöhnlich. Es aber wirklich zu tun, gelingt den wenigsten Müttern. Ihre Liebe, ihre Verantwortung und ihr Gefühl der Einzigartigkeit für die Kinder hält sie davon ab. Die Mutter in unserem Film schafft es. Sie entledigt sich ihrer Kinder. Obwohl diese erwachsen sind und schon lange auf eigenen Beinen stehen sollten.Hilft es ihr tatsächlich, die Fesseln der Familie abzustreifen und endlich sie selbst zu sein? Die eigene Familie sucht man sich nicht aus. Kann man sie wirklich verlassen? All diese Gedanken und Gedankenspiele haben mich gereizt, eine familiäre Beziehungskomödie zu machen.

Sie mussten diesen Film im letzten Jahr pandemiebedingt unter sehr schwierigen Bedingungen realisieren. Welche Auswirkungen hatte das auf Ihre Arbeit?

Wir haben schon bei der Weiterentwicklung des Drehbuchs darauf geachtet, dass der Film wenige Drehorte und so gut wie keine Komparsen hat, um dadurch ein klares Hygienekonzept verwirklichen zu können. Es war zeitweise nicht klar, ob wir den Film überhaupt drehen können. Nach der ersten Corona Welle hatten wir alle noch nicht das medizinische Wissen, das wir mittlerweile haben. Vieles war Vermutung. Und so sollte der Film so überschaubar wie möglich produziert werden.Anfangs wollten wir noch eine opulente Szene im Theater machen, daraus sind eine Reihe von Traumsequenzen geworden. Die Wahl des Hauptmotivs fiel auf ein großes, gut belüftetes Haus. Aus einer Disco wurde ein Strand im Morgengrauen. Aus einem Auftritt in einem Varieté wurde eine Probe im Varieté. Einige diese Änderungen waren auf den ersten Blick enttäuschend, führten dann aber zu einer Konzentration der jeweiligen Situation. Die Geschichte ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben einer fünf- bis achtköpfigen Familie. Es war also klar, dass wir einen Ensemble-Film machen. Einen Film mit einer überschaubaren Anzahl von Schauspielern.

Fragen an ... Maren Kroymann (Carla Michelsen)

Der Film beschäftigt sich mit einem Tabu-Thema: Eine Mutter kündigt ihren Kindern. Können Sie uns Ihre Figur, Carla, etwas näherbringen? Was ist der Auslöser für ihren Entschluss?

Carla hat drei Kinder großgezogen. Sie ist eine Künstlerin, hat als Kostümbildnerin oft die Stücke ihres Mannes, eines berühmten Regisseurs, ausgestattet. Nach seinem Tod macht sie sich klar, dass sie ihre inzwischen erwachsenen Kinder nicht besonders sympathisch findet. Alle drei leben auf ihre jeweils eigene Art relativ ungehemmt ihre Probleme und Neurosen aus, irgendwo zwischen Fremdbestimmtheit, Unselbstständigkeit und radikaler Selbstbezogenheit. Ihre Mutter nehmen sie mit allem, was sie für sie tut, ebenso selbstverständlich, wie sie sie als eigenständige Person missachten. Carla wird von ihren Kindern buchstäblich nicht gesehen. Sie entschließt sich zu einem radikalen Schritt: Sie zahlt ihnen ihr Erbe aus und kündigt ihnen als Mutter.

Das Thema des Films wird sicher einigen Müttern aus der Seele sprechen, doch von einem ernsthaften öffentlichen Diskurs kann bisher nicht die Rede sein. Denken Sie, dass der Film etwas bewegen kann?

Meistens haben wir es ja mit Kindern zu tun, die ihre Eltern ablehnen, denen ihre Eltern peinlich sind, die wünschten, ihre Eltern wären anders. In der Pubertät ist das ja auch ziemlich normal. Warum kann es nicht auch andersherum sein? Zumal, wenn die Kinder erwachsen sind.
Natürlich ist es oft andersrum, es wird nur nie ausgesprochen. Lebenslange Mutterliebe ist eine der unausgesprochenen Grundvoraussetzungen für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Öffentlich zu sagen, dass man sie nicht spürt, ist ein riesiger Tabubruch. Wie gesagt: Es geht hier nicht um die Verweigerung von Mutterliebe, es geht um ihre Beendigung, wenn die Kinder groß sind.
Unser Film zeigt die enorme Dynamik, die durch diesen unerhörten Vorgang ausgelöst wird. Der radikale Schritt löst Krisen aus, die angesichts der familiären Zerrüttungslage zunächst katastrophale Auswirkungen zu haben scheinen. Zunächst.
Und ja, ich denke, dass dieser Film bei den Zuschauer*innen etwas auslösen kann. Der Effekt: Ach, da sind welche, bei denen ist es auch so, könnte zumindest die Sprachlosigkeit, die bei diesem Thema herrscht, ins Bröckeln bringen.

Was macht diesen Film für Sie zu einem Besonderen, wie haben Sie die Arbeit daran erlebt?

Ein Film über eine Familienkrise ist natürlich ein Ensemble-Film. Wir kannten uns vorher nicht. Es war zu Anfang nicht klar, wo das hinlaufen würde mit unserer Gruppendynamik. So extreme Figuren, so verschiedene Schauspieler-Persönlichkeiten. Dazu die Dreh-Bedingungen der Corona-Anfangszeit: Tests, Abstand, diese komischen Masken, alles ungewohnt. Sicher haben diese zu Anfang durchaus holprigen Bedingungen dazu beigetragen, dass wir schnell eine Art solidarischer Nähe zueinander entwickelt haben. Und natürlich die unauffällig integrierende Art unseres wunderbaren Regisseurs Rainer Kaufmann. Ich mag ja das Wort „Spielleiter“ für diesen Beruf. Das ist Rainer. Er leitet an, schafft Räume für das Spiel, das wir dann gestalten. Ich hatte bei dieser Rolle, die im Drehbuch ja als Mutterschafts-Ablehnerin startet, tatsächlich sehr deutlich das Gefühl: Ich habe jetzt eine Spiel-Familie. Ulrike C. Tscharre, Jördis Triebel mit Britta Hammelstein als Ehefrau und Stefan Konarske sind meine großartig chaotischen, zarten, labilen und dann doch überraschend wetterfesten Kinder. Nicht zu vergessen Rainer Bock in seiner diskreten, etwas rätselhaften Funktion und die tolle Enkelin, gespielt von Lena Urzendowsky. Beim Drehen gab es für das Familien-Prinzip also ein Happy End – im Film. Tja, sehen Sie selbst!

Fragen an ... Ulrike C. Tscharre, Britta Hammelstein, Stefan Konarske und Lena Urzendowsky

Können Sie Ihre Figur und Ihre Rolle im Familiengefüge kurz beschreiben?

Ulrike C. Tscharre: Rita ist die Vernünftige der drei Kinder. Ihre verletzliche Seite verbirgt sie unter einem Mantel der Perfektion. Sie braucht Struktur und Ordnung um sich herum. Auch, um sich der zunehmenden Unordnung in ihrem Leben nicht zuwenden zu müssen.

Lena Urzendowsky: Ich spiele Joe, die Enkelin von Carla und die Tochter von Doro. Ihr wird zwar quasi nur indirekt gekündigt, dennoch werfen auch für Joe Carlas Beweggründe viele Fragen auf. Joe ist zwar gut aufgestellt mit einem Abschluss, einem offenen Elternhaus und einem gesunden Selbstbewusstsein, aber sie ist noch sehr auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt.
Wie sagte Rainer Kaufmann hat immer so schön: "Sie ist etwas wohlstandsverwahrlost." Hat alle Möglichkeiten und trotzdem, oder gerade deswegen, sehr verloren.

Stefan Konarske: Phillip ist der einzige Sohn. Er hat zwei Schwestern. Er arbeitet als erfolgreicher Banker, der aber andauernd pleite zu sein scheint. Ist in letzter Zeit etwas in Schieflage geraten, Drogen, mehrere Frauen, beziehungsunfähig.

Britta Hammelstein: Meine Figur Hanna ist eine eigenwillige, zugegebenermaßen etwas selbstzentrierte Frau. Sie führt seit Jahren eine Beziehung mit Doro und hat deren Tochter Joe aufwachsen sehen. Sie fühlt sich schon immer unter Wert in dieser Familie. Doro, mittlerweile ihre Ehefrau, steht nicht zu ihr, vor allem im Angesicht ihrer Familie. Das kränkt sie sehr. 

Welche Art Beziehung hat Ihre Figur zu Carla?

Britta Hammelstein: Irgendwie kann Hanna Carla gut verstehen. Sie mag sie. Vor allem in dem Schritt, den sie tut. Dieser unvorhergesehene Schritt, ihre Kinder zu verlassen, als Akt der Befreiung und Identitätssuche. Diese Entscheidung entgegen aller scheinbar normativen, weiblich konnotierten Erwartungen.

Stefan Konarske: Phillip liebt seine Mutter, kann aber die Entscheidung, das Haus zu verkaufen, nicht nachvollziehen und ist gegen die Entscheidung, das "Mutter sein" zu kündigen!

Ulrike C. Tscharre: Als älteste Tochter steht Rita zu ihrer Mutter Carla im Spannungsfeld von Konkurrenz und dem Wunsch nach Liebe und Anerkennung.

Lena Urzendowsky: Joe hat eigentlich ein sehr gutes Verhältnis zu ihrer Großmutter.
Sie sucht ihre Nähe, denn Joe ist selbst schwanger, auch wenn das erst mal noch keiner außer ihr weiß. Der Vater ist ein Mann, mit dem sie, bis auf ein bisschen Spaß, nicht vorhatte, ihr Leben zu verbringen. Themen wie Verantwortung und Mutter sein beschäftigen sie daher sehr. Zumal sie selbst aus ähnlichen Verhältnissen stammt und ohne Vater großgeworden ist.

Können Sie sich vorstellen, dass der Film eine Debatte anstößt oder sein Inhalt eher ein Tabu-Thema bleibt?

Lena Urzendowsky: Rollenbilder und Verantwortungszuschreibungen sitzen leider sehr tief in unseren Köpfen und sind auch strukturell nach wie vor in unserer Gesellschaft stark vertreten. Frauen sind heutzutage einem doppelten Druck ausgeliefert. Sie müssen verantwortungsvolle, hingebungsvolle Mütter sein und gleichzeitig erfolgreich und in ihrer Erwerbstätigkeit unabhängig. Das ist gewissermaßen einfach eine Verlagerung des Problems auf die Frau. Anstatt die Balance zwischen Familien- und Arbeitszeit hauptsächlich auf Mütter abzuwälzen, müsste Kinderbetreuung besser in den Berufsalltag integrierbar sein. Das muss auf politischer Ebene durch mehr Wertschätzung von sozialer Arbeit geschehen, aber auch gesellschaftlich, indem Rollenbilder aufgebrochen werden.
Karriere sollte nicht von ständiger zeitlicher Verfügbarkeit abhängen und familiäre Verantwortung sollte kein Ausschlusskriterium für beruflichen Erfolg oder die individuelle Entwicklung sein.
Wenn man als Frau nicht mit all den Ansprüchen überlastet wird, dann hat man auch nicht das Bedürfnis, seinen Kindern zu kündigen.

Ulrike C. Tscharre: Ich würde mir sehr wünschen, dass der Film, bei all seinen lustigen Momenten, eine Debatte anstößt. Das Thema Kinder und Familie ist auch heute noch ein überwiegend weibliches Thema. Auf der einen Seite wird es Frauen aktuell immer schwerer gemacht, über ihren Körper, konkret über Schwangerschaft oder nicht, frei selbst zu entscheiden. Auf der anderen Seite werden Frauen mit dem Thema Kinder, wenn sie dann da sind, alleine gelassen. Es wird erwartet, dass eine Frau ihr Frausein komplett dem Muttersein unterordnet, sobald sie Mama wird. Und mit diesem Thema spielt der Film. Bei all den wichtigen Errungenschaften der Emanzipation darf auch heute noch eine Sache nicht angetastet werden: Die in Fürsorge sich selbst aufgebende Mutter. Das wichtigste menschliche Organ für den Fortbestand der Menschheit ist die Gebärmutter. Ohne sie gibt es keine Möglichkeit, ein Kind auf die Welt zu bringen. Dieser Macht sollten sich Frauen bewusst sein und sich gleichzeitig davon befreien, darauf reduziert zu werden.

Britta Hammelstein: Ich fände es ebenfalls wünschenswert, wenn ein Nachdenken über weibliche Zuschreibungen, wie die Erwartungen an Mütter, passiert. Der gesellschaftliche Druck ist nicht zu unterschätzen. Die Verabschiedung von binären Rollenbildern sollte viel mehr Raum in der Debatte einnehmen.

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