Copyright: ZDF / Alexander Fischerkoesen
Copyright: ZDF / Alexander Fischerkoesen

Nicht tot zu kriegen

Thriller / Der Fernsehfilm der Woche

Simone Mankus (Iris Berben) ist eine reife Film-Diva mit bewegter Vergangenheit. Als ein Stalker ihr bedrohlich nahe kommt, engagiert sie einen wortkargen Ex-Polizisten (Murathan Muslu) als Bodyguard.

Der Film zum 70ten Geburtstag von Iris Berben ist eine Hommage an sie und an das schillernde München der 60er- und 70er-Jahre. Regie führte Nina Grosse, die auch, angeregt durch Franz Doblers Kriminalroman "Ein Schlag ins Gesicht", das Drehbuch schrieb.

  • ZDF, Montag, 10. August 2020, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Ab Montag, 3. August 2020, 10.00 Uhr

    Texte

    Iris Berben wird 70!
    Von Frank Zervos, Hauptredaktionsleiter Fernsehfilm/Serie I

    Iris Berben wird 70! Die erste Reaktion: Das kann doch gar nicht wahr sein! Die zweite Reaktion: Das ZDF sollte ihr unbedingt, aber auch angemessen gratulieren! Aber was heißt angemessen? Natürlich mit einem tollen Film, mit einer wahnsinnigen Rolle, einer Rolle, wie sie sie noch nie gespielt hat. Aber was kann das sein, bei einer Schauspielerin wie ihr, mit der Vita, diesem unglaublich breit gefächerten Rollenprofil. Hat sie nicht schon alles, aber wirklich auch alles gespielt? Von saukomisch bis albern, von herzzerreißend bis erschütternd, dramatisch sowieso und cool erst recht.

    Und wie sehr hat sie das Programm des ZDF geprägt! Nicht nur durch ihre legendäre und prägende Rosa Roth (1994 - 2013). Da war und ist noch so vieles mehr, gerade zuletzt die fünfteilige Serie "Die Protokollantin" (2018), die überaus erfolgreichen Mehrteiler "Der Wagner Clan" (2014), "Krupp – Eine deutsche Familie" (2009) und "Die Patriarchin" (2005) oder ihre vielfältige und wunderbare Zusammenarbeit mit Matti Geschonneck in "Das Zeugenhaus" (2014), "Liebesjahre" (2011) oder "Duell in der Nacht" (2008).

    Und noch ein kleiner Ausblick: In diesem Herbst kommt ein weiterer besonderer und wichtiger Film mit Iris Berben ins ZDF: "Das Unwort". Eine zeitgenössische Drama-Komödie über den wieder aufflammenden Antisemitismus.

    Wir gratulieren von Herzen und voller Respekt und Dankbarkeit für all ihr Schaffen und Wirken.

    Eine freche Hommage
    Von Caroline von Senden, Redaktionsleiterin Fernsehspiel I

    Als Nina Grosse, die Iris Berben seit der "Protokollantin" sehr gut kennt, mit der wunderbar verrückten Geschichte einer herrlich neurotischen alternden Diva, die schon bessere Zeiten gesehen hat, zu uns kam, dachten wir: das passt. Die Geschichte um Simone Mankus, die spät in ihrem ehemals erfolgreichen Leben noch mal Spannung, Erotik und ein Comeback erlebt, schafft es tatsächlich, Iris Berben noch einmal neue Facetten ihres Könnens abzuverlangen. Entstanden ist ein lustvolles Spiel mit den Parallelen zwischen der Schauspielerin Iris Berben und der Figur Simone Mankus.

    "Nicht tot zu kriegen" ist also ein großer Spaß, eine freche Hommage und dabei eben nur ein scheinbarer Blick durchs Schlüsselloch. Zugleich ist dieser keinem Genre so recht zuzuordnende Film eine melancholische Auseinandersetzung mit dem Älterwerden. Wie Iris Berben und Murathan Muslu in diesen wehmütigen Momenten genau den richtigen Ton treffen zwischen Ironie, Sehnsucht und Wärme, das ist herrlich anzusehen und immer wieder überraschend. Und: Singen kann sie auch noch! Tatsächlich zeigt Iris Berben, ohne falschen Anspruch, mit zarter Zurückhaltung und doch kraftvoll, dass sie auch als Sängerin eine gute Figur macht!

    Dank also an Ideengeberin, Autorin und Regisseurin Nina Grosse für die Entdeckung dieser Romanvorlage! Und an Iris Berben, die einmal mehr ohne Scheu, völlig angstfrei Grenzen überschreitet und die wunderbarsten Momente schafft!

    Wir freuen uns über diesen eigenwilligen und wunderbaren Geburtstags-Film!

    Verbeugung vor einer großen Schauspielerin
    Von Produzent Jan Ehlert

    Iris Berben feiert 2020 ihren 70. Geburtstag. Die letzten 20 Jahre davon hatte ich die große Ehre, bei MOOVIE mit ihr zusammenarbeiten zu dürfen. Unsere Zusammenarbeit umfasst mehr als die Hälfte der "Rosa Roth"-Reihe, die Mehrteiler "Afrika, mon Amour", "Krupp – Eine deutsche Familie" und "Der Wagner-Clan", Literaturverfilmungen wie "Wer liebt, hat recht", "Silberhochzeit", "Das Zeugenhaus" und die Mini-Serie "Die Protokollantin" – ebenfalls geschrieben und inszeniert von Nina Grosse – die 2018 beim Serienfestival Canneseries Premiere feierte.

    "Nicht tot zu kriegen" knüpft an diese erfolgreiche Konstellation an und ist die zweite Zusammenarbeit von Nina Grosse und Iris Berben. Herausgekommen ist ein besonderer Film, ein Resümee und zugleich eine Verbeugung vor einer großen Schauspielerin und ihrem Werk. Er lässt in Ausschnitten aus früheren Filmen von Iris Berben 50 Jahre deutsche Film- und Fernsehgeschichte aufleben und setzt sie in Bezug zum Heute – in dem Iris Berben immer noch ein Star ist. Jahrzehnte eines Lebens im Zentrum medialer Aufmerksamkeit – was heißt das eigentlich? Auch darum geht es in "Nicht tot zu kriegen". Es ist ein Film über das Älterwerden.

    Nina Grosses geniale Adaption der literarischen Vorlage von Franz Dobler stellt die gealterte Schauspielerin Simone Mankus in den Mittelpunkt der Geschichte und erzählt von ihrer Beziehung zum Erfolg, zu ihren Männern und zu ihren Fans. Natürlich ist das eine vollkommen fiktionale Figur, aber wie Iris Berben ist auch die Filmfigur ein Kind der späten 60er und 70er, eine Ikone ihrer Zeit. Doch das Unterhaltungsgeschäft ist kurzlebig und bisweilen brutal. Über die Jahre hat Simone Mankus den Anschluss verloren und kämpft nun darum, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zurückzugewinnen.

    Auch wenn sich unsere Sehgewohnheiten in den letzten Jahren verändert haben – ungebrochen versammeln sich täglich Millionen Menschen in Deutschland vor ihren Fernsehern. Das Programm verbindet. Die Stars, die für uns vor Kameras oder auf Bühnen stehen, und ihre Zuschauer sind emotional tief verbunden, gehen gemeinsam durch die Zeit. Wir schauen zu: dem Aufstieg, manchmal dem Fall, wir leben, lieben, leiden und hassen mit, wir identifizieren uns. "Nicht tot zu kriegen" handelt davon, wie diese Beziehung von Bewunderung und Verehrung, aber auch von Hass geprägt sein kann. Die Aufmerksamkeit einer Mediengesellschaft hat große Vorzüge – aber sie hat auch Schattenseiten. Der Film zeichnet das Bild einer schillernden Persönlichkeit und geht ganz bewusst damit um, dass es Gemeinsamkeiten der Filmfigur mit der realen Person Iris Berben gibt, ohne diese Grenze jemals ganz durchlässig werden zu lassen.

    Ein besonderes Glück ist die Besetzung des Films. Neben Gastauftritten von Jacques Breuer und der österreichischen Gesangslegende Marianne Mendt, übernimmt der herausragende österreichische Schauspieler Murathan Muslu die männliche Hauptrolle an der Seite von Iris Berben. Mit Spannung und jener feinen Ironie, die Nina Grosses Filme auszeichnen, erzählt "Nicht tot zu kriegen" von der Begegnung der Filmdiva Mankus mit dem suspendierten Polizisten Robert Fallner (Muslu) und den Gespenstern ihrer Vergangenheit.

    Der Film erzählt vom Scheitern und Wiederaufstehen. Vom Dasein, vom Weitermachen, von Vergänglichkeit und Unsterblichkeit. Er ist eine Liebeserklärung an eine der bekanntesten, großartigsten deutschsprachigen Schauspielerinnen sowie an alle Diven dieser Welt und an den deutschen Film gleichermaßen.

    Stab und Besetzung

    ZDF: Montag, 10. August 2020, 20.15 Uhr
    ZDFmediathek: Montag, 3. August 2020, ab 10.00 Uhr
    Nicht tot zu kriegen
    Thriller / Der Fernsehfilm der Woche

    Drehbuch / Regie_____Nina Grosse nach dem Roman "Ein Schlag ins Gesicht" von Franz Dobler
    Kamera_____Alexander Fischerkoesen
    Schnitt_____Tobias Haas, Melanie Schütze
    Musik                                 Stefan Will, Peter Hinderthür

    Ausstattung_____Maximilian Lange
    Kostümbild_____Petra Kray
    Maskenbild_____Tanja Drewitz, Britta Balcke
    Ton_____Rainer Plabst, Christian Hegner
    Produktionsleitung_____Janett Didik
    Herstellungsleitung_____Lutz Weidlich
    Produktion_____Moovie GmbH in Koproduktion mit dem ORF
    Produzent_____Jan Ehlert
    Executive Producer_____Oliver Berben
    Redaktion_____Caroline von Senden, Laura Mae Cuntze
    Länge_____90 Minuten

    Die Rollen und ihre Darsteller
    Simone Mankus_____Iris Berben
    Robert Fallner_____Murathan Muslu
    Jonas Mankus_____Barnaby Metschurat
    Natascha Gobulew_____Katharina Nesytowa
    Nico_____Helgi Schmid
    Hans Fallner_____Johannes Zeiler
    Jaqueline Hosnicz_____Julischka Eichel
    Jimmy Lanz_____Philipp Hochmair
    Hausmeister_____Andreas Leupold
    Marouf_____Mohamed Issa
    Andreya_____Andreya Casablanca
    Laura_____Laura Lee
    Papi_____Robert Joseph Bartl
    Emmi Maurer_____Marianne Mendt
    Herr Licht_____Rainer Reiners
    Reporterin_____Katty Salié
    und viele andere

    als Gast_____Jacques Breuer

    Inhalt

    Simone Mankus (Iris Berben) ist eine Frau in den besten Jahren, die in ihrem Leben nur wenig ausgelassen hat. Die ehemalige Showbiz-Diva ist ein Kind der späten 60er und 70er Jahre, ausgestattet mit Humor, einer sinnlichen Lebenslust, aber auch der Wehmut einer ganzen Generation, die schon wildere Zeiten erlebt hat. Ausgerechnet jetzt, wo sie ihr großes Comeback plant, wird sie von einem hartnäckigen Stalker bedroht.

    Simone engagiert eine Sicherheitsfirma. Ihren persönlichen Schutz übernimmt der wortkarge Ex-Polizist Robert Fallner (Murathan Muslu). Vor einem Jahr hat der ehemalige Kriminalhauptkommissar während eines Einsatzes den 18-jährigen Dealer Marouf (Mohamed Issa) erschossen. Seitdem bricht sein Leben auseinander, beruflich wie privat. Nach seiner Suspendierung nimmt Fallner das Angebot seines Bruders, Hans Fallner (Johannes Zeiler), an und arbeitet nun als Personenschützer in dessen Security-Firma. Sein erster Fall: den Stalker von Simone Mankus dingfest zu machen.

    Auch wenn Fallner diesen Fall im Grunde albern findet und seine Freundin, die Polizistin Jaqueline (Julischka Eichel), ihm genau das vorwirft, muss er sich mit dem Leben von Frau Mankus auseinandersetzen. Er vermutet in Simones Vergangenheit einen Hinweis auf die Identität des Stalkers, doch die zeigt sich wenig kooperativ. Die Schauspielerin ist launisch, trinkt und kann sich an wenig in ihrem Leben erinnern, vor allem nicht an ihre unzähligen Männer, die aber alle der gesuchte Stalker sein könnten.

    Neben Simones Sohn Jonas (Barnaby Metschurat), der gleichzeitig ihr Agent ist und dem sie nie erzählt hat, wer sein Vater ist, gehört auch Jimmy (Philipp Hochmair), Simones letzter, sehr viel jüngerer und gewalttätiger Liebhaber zu den Verdächtigen. Und dann gibt es natürlich noch all die Fans und enttäuschten Liebhaber, an die sich Simone trotz Fallners hartnäckigen Nachfragen partout nicht erinnern kann oder will. So sehr Fallner sich an der schillernden Diva die Zähne ausbeißt, so ganz kann auch er sich Simones Charme nicht entziehen.

    Fallner versucht, dem Stalker eine Falle zu stellen. Doch der Plan geht schief und der Stalker entkommt. Sowohl Jonas als auch Fallners Bruder machen ihm schwere Vorhaltungen. Die meisten Vorwürfe macht sich Fallner allerdings selbst. Taugt er noch etwas? Hat ihn der Todesschuss auf Marouf mehr mitgenommen, als er zugeben will? Während Simones bevorstehendes Konzert immer näher rückt, wird auch die Bedrohung durch den Stalker immer akuter. Doch Simone weigert sich, ihren Auftritt abzusagen. Und so müssen die Diva und ihr Bodyguard wohl oder übel einen Weg finden, sich gegenseitig zu vertrauen. Zwei, die nicht tot zu kriegen sind…

    "Das ist der Hammer!"
    Statement von Romanautor Franz Dobler

    Als mir Nina Grosse erzählte, dass Iris Berben diese Schauspielerin unbedingt spielen möchte, die seit den 70er Jahren eine schillernde Karriere hingelegt hat, dachte ich: Das ist der Hammer! Denn Frau Berben ist die Idealbesetzung, und sie kommt ja sogar namentlich in meinem Roman "Ein Schlag ins Gesicht" vor. Außerdem ist Iris Berben für mich nicht nur die Queen des deutschen Films, sondern mit ihrem politischen Engagement gegen Antisemitismus auch eine der wichtigsten Persönlichkeiten, die wir haben.

    Zur Entstehungsgeschichte des Films
    Statement von Nina Grosse, Regisseurin und Drehbuchautorin

    Die Entstehungsgeschichte von "Nicht tot zu kriegen" hat mit einer langen Freundschaft und einer glücklichen Fügung zu tun. Franz Dobler und ich kennen und schätzen uns seit unseren Studententagen. Ich hatte ihn viele Jahre nicht mehr gesehen, bis mich seine Frau Lemmy zu einem Symposion in Augsburg einlud. Wir haben viel geredet und viel getrunken, und zum Abschied schenkte er mir seinen Roman "Ein Schlag ins Gesicht". Verkatert im Zug von München nach Berlin hab ich das Buch in einem Rutsch gelesen und wusste sofort, dass das ein Film werden könnte. Oliver Berben suchte einen Stoff zu Iris Berbens’ 70stem Geburtstag und die Frau, um die es in "Ein Schlag ins Gesicht" geht, ist zwar ein ehemaliger Pornostar, aber so viele Details, Anekdoten und Stimmungen passten so wunderbar zu Iris, dass die Dinge zwangsläufig ihren Lauf nehmen mussten. Aus dem Pornostar wurde die alternde Schauspielerin Simone Mankus, die von einem unbekannten Stalker bedroht wird und sich die Hilfe eines Security Mannes (Murathan Muslu) holt. Ich hatte die Idee, dass man die Wohnung dieses Stalkers zeigen könnte, in der man nur die Silhouette eines Mannes erkennt, dafür aber immer ein Fernseher läuft, mit Filmen der Schauspielerin Simone Mankus, alias Iris Berben. Fiktion und Realität begannen zu verschmelzen: Simone Mankus hat einen unehelichen Sohn, von dem niemand weiß, wer der Vater ist, ihre glorreichen Jahre verbrachte sie im München der 70er Jahre, wir sehen sie in Filmen wie "Supergirl" (Rudolf Thome), "Frau Rettich, die Czerni und ich" (Markus Imboden), "Brandstifter" (Klaus Lemke), "Duell in der Nacht" (Matti Geschonnek) oder "Stehaufmädchen" (Willy Bogner). Die Filmausschnitte sollten sowohl etwas vom Werdegang der Mankus/Berben erzählen, als auch in die Filmhandlung passen – eine amüsante Puzzlearbeit, bei der ich nahezu alle Filme von Iris gesehen habe! Auch ich habe die 70er Jahre in München verbracht und wollte neben Iris Berben auch der Stadt und dem damaligen Lebensgefühl eine Hommage erweisen. Immer wieder weht diese Zeit durch den Film, in der Musik, im Kostüm, in der Ausstattung. Die jungen Musikerinnen Andreya Casablanca und Laura Lee von der Band Gurr haben das ganz wunderbar in den eigens für Iris Berben komponierten Liedern umgesetzt. Denn, ja, singen kann die Berben auch noch! Jetzt galt es den Mann zu finden, der Simone Mankus als wesentlich jüngerer Security Mann Robert Fallner durch ihr Abenteuer begleitet. Ein Ex-Polizist, der einen jungen Drogendealer in Notwehr erschossen hat und seitdem traumatisiert ist. Ein wortkarger Bulle, der zunächst so gar nichts mit der glamourösen Welt der Simone Mankus anzufangen weiß und doch nach und nach dem Charme der Schauspielerin erliegt. Als ich nach langem Suchen Murathan Muslu für die Rolle gecastet habe, war die Geschichte auf eine wunderbare Weise rund und total stimmig. Muslu ist das, was man einen Kerl nennt. Viril, attraktiv, schweigsam. Dahinter verbirgt sich aber eine große Sensibilität, etwas Scheues, ein Geheimnis, das ihn zu einem ganz besonderen Schauspieler macht. Iris und er haben zusammen getanzt, anders kann ich das wunderbare Zusammenspiel von Murathan Muslu und Iris Berben nicht beschreiben. Alle haben bei diesem Film getanzt, die wundervolle Crew, der wunderbare Cast.

    Und jetzt, da ich den Film im Lockdown fertig stelle, kommt er mir vor, wie ein wehmütiger Gruß aus einer vergangenen Zeit. Und damit schließt sich ein Kreis. "Nicht tot zu kriegen" ist ja auch ein Film über das Alter und das ewige Abschiednehmen, das damit einhergeht. Auch wir verabschieden uns gerade von einer Zeit, die so nicht wiederkehren wird. 

    Interview mit Iris Berben

    In "Nicht tot zu kriegen" spielen Sie Simone Mankus, eine Filmdiva, die auf über 40 Jahre Berufsleben und einige Skandale zurückblickt. Frau Berben, Sie haben vor zwei Jahren ihr 50-jähriges Film- und TV-Jubiläum gefeiert. Wie viel Iris Berben steckt in Simone Mankus? Und wie haben Sie die 60er und 70er Jahre persönlich erlebt?

    Simone Mankus und ich sind uns in mancher Hinsicht tatsächlich ähnlich. Statt der 40 Jahre Berufserfahrung sind es bei mir über 50, doch sind wir beide in einem Alter, in dem man ein Resümee zieht. Rückblickend gab es bei mir auch hin und wieder kleine Skandale – zumindest waren sie es für die anderen – und auch ich bin wie Simone eine "Rampensau" im besten Sinne. Der Unterschied zwischen ihr und mir ist allerdings, dass sie in ihrer Zeit, den 60er und 70er Jahren, steckengeblieben ist. Nach wie vor glaubt sie, dass der große Auftritt der Pelzmantel ist und das perfekt geschminkte Gesicht, die große Geste. Da steckt von mir gar nichts drin. Die Welt verändert sich und wir uns mit ihr. Du musst dich beruflich immer wieder neu behaupten, dich auf unbekanntes Terrain begeben. Simone will da weitermachen, wo sie sich auskennt. Zwar werde ich auch ein wenig wehmütig, wenn ich mich als junge Frau in den alten Filmen sehe, doch aus der Erfahrung weiß ich, dass kein Stillstand gut tut. In den damaligen Jahren hatte man mehr Freiraum, sich auszuprobieren und zu entwickeln. Wir hatten eine große Spielwiese, um kreativ zu sein, ohne den Druck des Scheiterns zu verspüren. Heutzutage ist man vor allem durch die sozialen Medien einem ständigen Beobachten ausgesetzt. Es heißt ja oft, man solle sich treu bleiben. Das ist ein schöner Satz, aber man muss die Fähigkeit der Korrektur und der Weiterentwicklung zulassen.

    In "Nicht tot zu kriegen" werden Ausschnitte aus alten Filmen und Fotos aus Ihrem Leben verwendet. Waren Sie an der Auswahl beteiligt? Welche Gefühle und Erinnerungen hat das in Ihnen geweckt?

    Die Filmsequenzen, die Nina Grosse in "Nicht tot zu kriegen" verwendet hat, stammen aus meiner Sammlung. Insofern war ich indirekt an der Auswahl beteiligt und auch einverstanden – dieser Abriss ist ein Teil meiner filmischen Biografie. Die Schwierigkeit für Nina lag darin, dass sie wegen des Umfangs nur wenige kurze Szenen verwenden konnte. Das ist schade. Ich erinnere mich noch gut an "Supergirl" zum Beispiel, der Ende der Sechziger Jahre gedreht wurde. Heute würde man sagen, es war ein Roadmovie, allerdings ohne die Finanzen im Blick zu haben: Es ging von Starnberg nach München, über Madrid nach Paris immer mit wenig Equipment und einer kleinen Gruppe von Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Wir hatten trotz Drehbuch, so viele Möglichkeiten zu improvisieren, zu reagieren. Großartig! Ich kann mich an eine Szene erinnern, die in Spanien gedreht wurde. Mein Fuß war gebrochen und ich musste mit einem Schuh spielen, der vier Nummern größer war. Und ja, selbstverständlich kommt auch Wehmut hoch, wenn man sich als junge Frau, als junges Mädchen sieht, so entwaffnend und selbstverständlich.

    Sie haben bereits mit Regisseurin Nina Grosse die von Kritikern und Publikum gefeierte Miniserie "Die Protokollantin" gedreht. Wie war die erneute Zusammenarbeit? Was schätzen Sie an Nina Grosse als Drehbuchautorin und Regisseurin? Hatten Sie Einfluss auf Drehbuch und Regie? Falls ja, an welchen Stellen?

    Einfluss auf Drehbuch und Regie hatte ich nicht – das würde Nina nur bedingt zulassen. Da wir aber schon für "Die Protokollantin" zusammengearbeitet haben, wussten wir, wie die andere jeweils tickt. Sie ist resolut, manchmal maßlos, zwischendurch auch laut. Wir sind beide ungeduldig, werfen Dinge manchmal über den Haufen und machen alles neu. Ich finde, die Arbeit mit ihr war wirklich aufregend und anregend. Sie hat für "Nicht tot zu kriegen" ein fantastisches Drehbuch geschrieben und uns und dem Film mit ihrer präsenten Art dahin gebracht, wo wir hinwollten. Sie hat ja auch eigentlich ein Experiment gewagt: einen Film kreiert, für den ich sozusagen einen Teil meines Lebens filmisch zur Verfügung gestellt habe. Es war dünnes Eis, aber ich vertraue Nina sehr. Ich schätze auch ihre Mühe und Sorgfalt bei der Auswahl des Casts: Murathan Muslu und Barnaby Metschurat – eine hervorragende Wahl!

    Murathan Muslu spielt Ihren Bodyguard und Barnaby Metschurat Ihren Sohn. Wie war die Zusammenarbeit? Und gab es diesen einen besonderen Moment mit den beiden am Set?

    Jeder Moment mit den beiden war eigentlich besonders. Mit Barnaby hatte ich schon gedreht und kannte ihn vom ZDF-Dreiteiler "Krupp – Eine deutsche Familie". Murathan hingegen kannte ich nicht und habe mir vorab Arbeiten von ihm angesehen. Ein großartiger Schauspieler. Nina hatte mir sehr enthusiastisch von ihm erzählt. Mir hat auch gefallen, dass man hier nicht über einen Schauspieler in meinem Alter nachgedacht hat, nur die Figur musste stimmig sein. Sie hat uns mit Murathan einen großen Dienst erwiesen: manchmal wortkarg, manchmal mürrisch und immer auf dem Punkt mit solch einem Charme, der wickelt wirklich jeden um den Finger. Auch Barnaby Metschurat schätze ich sehr, weil er eine große Bandbreite im Spiel hat, ein Vollblutschauspieler. Es ist sehr inspirierend, mit ihm zu arbeiten. Er musste aber auch bei den Dreharbeiten von "Nicht tot zu kriegen" einiges aushalten: Ich erinnere mich an eine Szene, in der ich ihn körperlich angreifen musste. Nina war mit diesen Einstellungen extrem lange nicht zufrieden. Da hat er viel einstecken müssen. Das wird uns beiden, wann immer wir uns begegnen, in Erinnerung bleiben.

    Simone Mankus wird von einem Stalker verfolgt, weil sie in seinen Augen den Glanz der Jugend verloren hat. Was machen für Sie Schönheit und Attraktivität aus?

    Das ist ein altes, großes und fast philosophisches Thema. Schönheit bedeutet mir zum Beispiel, ein voll gelebtes Leben in den Augen eines Menschen zu sehen. Damit meine ich Neugierde, Wissen, Wärme und Souveränität, aber auch Schwäche. Wie jemand sich bewegt. Und Humor darf natürlich auch nicht fehlen. Das ist es, was attraktiv und sexy macht. Das Äußere kann aufmerksam machen, aber dann muss man liefern. Simone Mankus Stalker reduziert sie ausschließlich auf ihr Aussehen. Er sieht nur, wie schön sie damals war. Für ihn ist eine Frau, wenn sie altert, nicht mehr begehrenswert.

    "Nicht tot zu kriegen" wird anlässlich Ihres 70. Geburtstags im ZDF ausgestrahlt. Am Ende des Films bekommt Simone Mankus in einer Talkshow folgende Fragen gestellt: "Was bedeutet Ihnen der Erfolg? Können Sie sich vorstellen mal etwas anderes zu machen?" Wie lautet Ihre Antwort als Iris Berben darauf?

    Die Antworten im Film sind sozusagen von mir, auch wenn Simone Mankus spricht. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes in meinem Leben zu machen. Mein Erfolg ist dabei die Summe aus vielen Jahren meiner Arbeit als Schauspielerin. Und wenn man dann erfolgreich ist, ist das wie eine Währung. Man kann sie einsetzen, um Türen zu öffnen, Menschen zu treffen – auch unabhängig von der Schauspielerei.

    Das Interview führte Maria Bader-Krätschmer

    Fragen an Murathan Muslu und Barnaby Metschurat

    Was verbinden Sie – unabhängig vom aktuellen Film – mit Iris Berben?

    Barnaby Metschurat: Schönheit, Stil, Erfahrung, Solidarität, Intelligenz, Glamour, Unabhängigkeit und Wärme. Und klug ist sie auch noch.

    Murathan Muslu: Die magische Anziehungskraft des Filmemachens. Es war großartig, Iris bei diesem Projekt etwas näher kennen zu lernen. Dabei ist mir aufgefallen, wie sehr sie die Arbeit schätzt und liebt. Das ist bei mir nicht anders, und ich hoffe, diese Begeisterung zum Film erlischt niemals.

    Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit ihr beschreiben? Iris Berben kommt ja aus einer anderen Schauspielergeneration – was konnten Sie voneinander lernen?

    Barnaby Metschurat: Wir sind beide neugierige Schauspieler. Wenn wir proben, spielen, reden, dann beobachten wir den anderen genau und lernen daraus für die Szenen und für die Rolle, die wir gerade verkörpern. Das ist ein ständiges Geben und Nehmen und macht großen Spaß.

    Murathan Muslu: Iris ist einfach eine Klasse für sich. Ich bin echt happy, mit ihr gemeinsam vor der Kamera zu stehen. Sie ist einfach die Ruhe in Person, und gleichzeitig ist da eine kraftvolle Aura, die sie umgibt. Vor der Kamera spürt man ihre ganze Power. Eine großartige Schauspielerin.

    Gab es für Sie einen persönlichen Schlüsselmoment mit Iris Berben?

    Barnaby Metschurat: Iris hat meine Mutter in Carlo Rolas Dreiteiler "Krupp – Eine deutsche Familie" gespielt. Ihre Ausstrahlung, ihre Leidenschaft und Professionalität hat mich damals schon sehr beeindruckt.

    Wie würden Sie das Verhältnis Ihrer Figur zu Simone Mankus in "Nicht tot zu kriegen" beschreiben?

    Barnaby Metschurat: Das Verhältnis der beiden ist geprägt von ihrer gemeinsamen Geschichte. Die Liebe zwischen den beiden musste nie mit Geschwistern oder Partnern geteilt werden. Die besonderen Verhältnisse eines Schauspielerinnenlebens trugen dazu bei, dass ihre Beziehung noch symbiotischer wurde. Die Suche nach Erfolg, Selbstverwirklichung und Anerkennung nahm dadurch einen ungesunden Lauf. Vor allem bei ihm.

    Murathan Muslu: Stille Wasser sind tief. Nach einiger Zeit tauen auch stille Menschen auf und öffnen sich mehr für ihr Gegenüber. Daher kommen oft Dinge ans Tageslicht, die andere aufgrund des ersten Eindrucks so gar nicht erwartet hätten. Und das verbindet.

    Die Fragen stellte Maria Bader-Krätschmer

    Filmausschnitte in der Reihenfolge des Vorkommens

    Supergirl – Das Mädchen von den Sternen, Regie: Rudolf Thome, 1971

    Eine geheimnisvolle Außerirdische (Iris Berben) verdreht nach ihrer Landung auf der Erde den Männern, nicht nur durch ihre überirdische Schönheit, ordentlich den Kopf. 2013 wurde die Komödie mit Unterstützung der FFA und alleskino digital restauriert.

    Frau Rettich, die Czerni und ich, Regie: Markus Imboden, 1998

    Die Spanienreise von Frau Rettich (Iris Berben), ihrer Angestellten Sophie (Jeanette Hain) und der Gewerkschafterin Czerni (Martina Gedeck) wird zum turbulenten Abenteuer – eine geplatzte Hochzeit, jede Menge heikle Verstrickungen und romantische Irrungen inklusive. Die Filmkomödie basiert auf einem Roman von Simone Borowiak und wurde für den deutschen Filmpreis nominiert.

    Brandstifter, Regie: Klaus Lemke, 1969

    Eine junge Studentin (Iris Berben) sorgt mit ihren Weltanschauungen in einer Kölner WG für Zwietracht. Die Milieustudie, für die Iris Berben unter anderen neben Margarethe von Trotta, Veith von Fürstenberg und Marquard Bohm vor der Kamera stand, beleuchtet die politische Studentenszene in den späten 60er und frühen 70er Jahren.

    Duell in der Nacht, Regie: Matti Geschonneck, 2007

    In dem ZDF-Thriller verkörpert Iris Berben die abgeklärte Ehefrau eines ebenso mächtigen wie skrupellosen Immobilienhändlers. Als sie in den Fokus der Ermittlungen in einem Polizistenmord rückt, führt sie den jungen Kommissar (Jürgen Vogel) in einem wendungsreichen Verhör-Duell an der Nase herum – bis sie selbst in Gefahr gerät.

    Stehaufmädchen – Liebe in der Apo-Zeit, Regie: Willy Bogner, 1970

    Zwei Männer, eine Frau, ein geklauter Geldkoffer – in einer ihrer ersten Filmrollen geht es für die damals 18-jährige Iris Berben in abgedrehten Verfolgungsjagden durch München. Die provokante Komödie zeigt Iris Berben als Personifikation des Zeitgeists und der Schwabinger Szene.

    Radio: Interview-O-Töne von Iris Berben

    Das Radiointerview mit Iris Berben finden Sie <<HIER>>.

    Anmoderation:
    Iris Berben ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen und gilt seit Jahrzehnten als eine der schönsten Frauen in der TV-Landschaft. Seit ihrem Schauspieldebüt vor über 50 Jahren hat sie in unzähligen Kino- und Fernsehfilmen gespielt. Unvergesslich Iris Berben in "Rosa Roth" oder in Filmen wie "Zwei himmlische Töchter", "Afrika, mon amour", "Krupp – Eine deutsche Familie, "Traumfrauen" oder "Eddie the Eagle". Ihre außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen haben ihr unter anderem den Adolf-Grimme-Preis, die Rose d’Or, die Goldene Kamera und den Bambi gebracht. Am 12. August feiert Iris Berben ihren 70. Geburtstag. Und das ZDF ehrt sie mit dem Film "Nicht tot zu kriegen". Darin spielt sie eine reife Film-Diva mit bewegter Vergangenheit. Als ein Stalker ihr bedrohlich nahekommt, engagiert sie einen wortkargen Ex-Polizisten als Bodyguard. Der Film ist eine Hommage an Iris Berben und das schillernde München der 60er- und 70er-Jahre. all4radio hat sie getroffen und sich mit ihr über ihr Leben und den Film unterhalten:

    Frau Berben, Sie feiern in wenigen Tagen Ihren 70. Geburtstag. Was bedeutet Ihnen die Zahl 70?

    Die Zahl 70 ist ja schon stark besetzt, finde ich. Man hat Bilder im Kopf. 70 Jahre, das ist ein gelebtes Leben. Und ich denke immer: Ich bin doch noch mitten drin und so fühle ich mich natürlich auch. Es ist eine Zahl, die etwas markiert – einen biologischen Gang markiert. Es ist aber auch eine Zahl, die einen darüber nachdenken lässt, wieviel Leben man schon gelebt hat, und das schiebe ich auch wirklich gerne weg. Und ich glaube, solange man gesund ist, kann man das auch. (0’37)

    Macht Ihnen diese Zahl gar nichts aus?

    Doch, sie macht mich auch etwas melancholisch. Es ist wie mit allem. Du hast gewisse Zeiten, da bist du so souverän, gehst souverän mit Deiner Zahl um. Was bedeutet eine Zahl? Und dann gibt es Momente, wo man denkt: Meine Güte! Das bedeutet ja auch, man nähert sich einfach einem Endpunkt. Ich glaube, dass das ganz natürlich ist und ich lasse es auch zu. Da sind Momente, wo ich denke, das macht mir gar nichts, dann sind es die Momente, wo ich denke, ach, schade eigentlich. (0’32)

    Sie sind eine vielbeschäftigte Schauspielerin. Wie feiern Sie zwischen all den Dreharbeiten Ihren 70.?

    Alles, was ich mir vorgenommen habe ist über Bord geworfen, weil es nicht geht. Insofern: Ich werde drehen. Und ich habe mir diesen Tag erbeten freizuhalten, ich habe nichts geplant. Ich darf den Drehort Köln nicht verlassen, ich werde also dort sein. Ich weiß auch nicht, wer von meiner Familie oder Freunden kommen kann. Ich habe tatsächlich alles über Bord geworfen, wie man das in dieser Zeit auch machen sollte und warte, was auf mich zukommen wird. (0’31)

    Zu Ihrem runden Geburtstag widmet Ihnen das ZDF den Film "Nicht tot zu kriegen" – eine Hommage an Sie und die 60er- und 70er-Jahre in München. Sie spielen eine Frau in den besten Jahren, die in ihrem Leben in den 60er-Jahren nur wenig ausgelassen hat. Wieviel von Ihnen steckt in dieser Simone Mankus, die Sie spielen?

    Das ist natürlich dieses Spiel zwischen eigenem Leben, eigenem gelebtem Leben und Fiktion. Parallelen einer Figur, die im Alter ist wie ich es bin. Der Beruf, den wir beide ausüben, der unterschiedliche Umgang mit diesem Beruf, der uns dann wieder trennt. Aber eben auch das Spiel: Wo trifft die Realität in diesem Stück auf mein eigenes Leben und wo nicht? Das lassen wir selbstverständlich auch offen. Und ich würde mich freuen, wenn das auch der Zugang für den Zuschauer ist: zu wissen, was ist denn jetzt wirklich eine Figur und was ist das Privatleben von ihr. Ich fand das eine bemerkenswert schöne, kluge Spielerei. (0’53)

    Im ZDF-Film werden Fotos und Filmausschnitte aus Ihrer langen Karriere verwendet. Sie haben das Material selbst herausgesucht. Wie war das?

    Es ist ganz merkwürdig. Dadurch, dass ich mich weigere, schon seit vielen langen Jahren – ich schreibe keine Biographie und ich hoffe, auch niemand anderer tut es –, ist das natürlich ein ganz anderer Weg: eben doch Teile herauszuholen. Vor allem Dinge eines Berufslebens mit allem, was dazugehört, nämlich dem Kontext der Zeit, in der das war, Entscheidungen, die man da getroffen hat, welche Filme man macht, warum man sie macht, was das bedeutet, was das mit dem eigenen Leben zu tun hat… Das war für mich schon auch ein Reiz: Was gebe ich preis, was gebe ich nicht preis oder was kann sich jeder hineininterpretieren oder nicht. (0’36)

    Hat Ihnen das Sichten alter Filme und Fotos Spaß gemacht?

    Es ist eine grandiose Situation. Beim Sichten dieser Fotos und beim Sichten der Filme vor allen Dingen auch. Ich bin wirklich niemand, der sich seine Filme zuhause anschaut. Ich schau mir die Filme an, die ich gemacht habe, natürlich, die will ich sehen. Aber dass ich sage, jetzt hol ich mal so einen 20, 30 Jahre alten Film wieder raus, ist mir noch nie passiert. Und plötzlich musste ich mich auf eine berufliche Weise damit beschäftigen. Natürlich setzt das Erinnerungen in Gang, man kann über manches lachen. Aber was ich nicht getan habe ist, dass ich gedacht habe: Hätte ich bloß nicht. Das ist eigentlich nicht passiert. (0’33)

    Simone Mankus wird von einem Stalker bedroht. Haben Sie Stalking auch schon erlebt?

    Da muss man auch ein bisschen unterscheiden. Es gibt die Menschen, die wirklich fast kriminell sind, wenn sie stalken. Und es gibt dann auch – ich nenn das immer psychologische Stalker –, die etwas in dich hineininterpretieren und überall auftauchen, wo du bist und bei jeder Premiere, bei jeder Lesung zufällig auch da sind. Bei manchen ist es wirklich eine fast liebenswürdige Verehrung, bei manchen muss man schon aufpassen, man darf das nicht füttern, auf keinen Fall. Denn es gibt auch Menschen, die sich etwas davon versprechen. Das passiert sicher vielen von uns, die in der Öffentlichkeit sind, und man muss damit umgehen und man muss es auch lernen, damit umzugehen. (0’41)

    Um sich vor dem Stalker zu schützen, engagiert Simone Mankus einen Bodyguard. Der wird von Murathan Muslu gespielt, ein österreichischer Schauspieler und Rapper. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

    Schauen Sie ihn sich an. Er hat so einen Charme und so eine Präsenz. Ich kannte ihn ja auch nur durch Filme, die ich gesehen hatte mit ihm. Und diese erste Begegnung war schon so faszinierend: Er hat etwas Entwaffnendes, und er hat auch ein Geheimnis, finde ich. Murathan ist ein wunderbarer Schauspieler, aber er ist eben auch gleichzeitig ein wunderbarer Mensch, das muss man wirklich sagen. Der hat einen so tollen Humor, ist ein großer Melancholiker, denke ich manchmal, und dann denkt man: Aber er ist doch Rapper, passt das? Ja, natürlich, wie alle Widersprüche in uns passt es da auch. (0‘42)

    Die ZDF-Zuschauer werden Sie im Film auch als Sängerin erleben. Wie war das?

    Das war sehr schön. Es war nicht das erste Mal. Ich hab schon bei Miss Sixty den Abspann gesungen, "C’est si bon", zusammen mit Axel Hacke von den Einstürzenden Neubauten, was wirklich toll war. Und ich musste auch schon mal eine sehr drittklassige Bardame spielen vor vielen langen Jahren, die singen musste. Aber es war jetzt etwas anderes, nämlich mit einer performenden Gruppe, einer wirklich tollen Truppe. Diese Mädchen sind so gut, so stark und die haben auch so was Eigenes. Da war der Respekt schon extrem groß, mich da behaupten zu können. Nun haben die mir, finde ich, zwei wunderbare Songs geschrieben. Das war eine schöne Arbeit. Man selber kann das ja nicht wirklich beurteilen, ist man der Arbeit gerecht geworden oder nicht. Aber die Mädels haben bis zum Schluss eisern mit mir gespielt, geprobt, gelacht. Ich denke mal, da war kein Fremdschämen. (056)

    Sie haben in den letzten Wochen sehr viel gedreht. Wie hat Corona Ihre Arbeit verändert? 

    Ja, ich habe in Schweden gedreht mit Ruben Östlund, mit diesem wunderbaren Regisseur, der in Cannes gewonnen hat, für "The Square" die Goldene Palme vor zwei Jahren. Wir haben in Schweden gedreht zu einer Zeit, als hier der Lockdown schon war. Schweden verhält sich anders. Wir haben Schweden beendet, wir haben aber noch zwei Monate vor uns in Griechenland und da gibt es eigentlich wöchentlich neue Informationen, die ich bekomme. Aber ich werde jetzt auch einen neuen Vierteiler in Köln anfangen. Wir alle gehen vorher in Quarantäne. Wir werden alle zwei Tage getestet. Ich bin sehr, sehr gespannt. Wir möchten arbeiten und trotzdem weiß ich nicht, gibt es uns die künstlerische Freiheit, so agieren zu können, wie es für die Figuren wichtig ist. Ich weiß nicht, ob ich mich lösen dann kann von diesen Auflagen, die da sind. Oder auch von Menschen, die uns eigentlich ständig kontrollieren. Wir lassen es auf uns zukommen. Und mich beeindruckt am meisten und verunsichert auch am meisten, dass es weltweit ist. Wir alle müssen uns da momentan mit etwas auseinandersetzen, was für alle neu ist. Und da suchen wir nach Wegen und Möglichkeiten. Und da sollten wir hoffen, dass viele Menschen Geduld haben und das mit uns suchen und nicht glauben, alles schon wieder besser zu wissen. (01’28)

    Sie haben mal gesagt, "Die Filmkultur eines jeden Landes gehört unterstützt und geschützt". Muss Schauspielerinnen und Schauspielern in Zeiten der COVID-19-Pandemie geholfen werden?

    Absolut, absolut! Und das ist so wichtig, dass das unterstützt wird. Denen ging es schon auch – sagen wir mal – nicht besonders gut vor Corona-Zeiten. Wir haben extrem viele Schauspieler, die sich über ein Jahr hinweghangeln, die häufig sogar noch einen Zweitjob irgendwo haben. Wir müssen selbstverständlich auf die Hilfe der Politik hoffen und sie versuchen einzufordern. Wir brauchen neue Ideen, neue Möglichkeiten. Ich fand das ziemlich spannend, was an kulturellen Möglichkeiten in diesem Lockdown geboten wurde, ob das Home-Konzerte waren, Lesungen oder Tanztheater. Das sind gute Möglichkeiten, aber selbstverständlich ist das alles nur sehr kurz und sehr klein und wir müssen Wege finden. (0’51)

    Sie haben nicht nur als Schauspielerin von sich reden gemacht. Ihnen war auch immer wichtig, politisches Engagement zu zeigen und für Toleranz, Mitmenschlichkeit und Antisemitismus einzutreten. Was hat den Ausschlag dazu gegeben?

    Ich glaube, das hat einfach mit meiner Generation zu tun. Das hat mit meiner Zeit zu tun, in der ich politisiert und sozialisiert wurde. Ich bin ein Kind der 60er-, 68er-Jahre. Wir sollten nicht vergessen, wie die entstanden sind: die Nachkriegssituation, dieses Sich-Einrichten-Wollen schon wieder, die alte Zeit haben wir hinter uns gelassen, jetzt geht es weiter. Es wurde nicht aufgearbeitet, es wurde nicht hinterfragt. Ich bin so groß geworden und das hat mich geprägt in meinem Leben. Und dass ich sehr früh gemerkt habe, es ist ein Teil eines jeden einzelnen Menschen, auch eine Demokratie mit Leben zu füllen und mit Inhalten zu füllen: dass diese Demokratie nicht einfach da ist, dass um die immer wieder gekämpft werden muss. Und später habe ich das dann pragmatisch gesehen, dass man, wenn man eine öffentliche Person ist, natürlich auch noch mal andere Möglichkeiten hat. Und insofern ist das immer ein Teil gewesen, der nicht die Schauspielerin ist, sondern der mich als Teil dieser Gesellschaft ausmacht. (0’58)

    Ihr erster Film dauerte gerademal zweieinhalb Minuten, damals waren Sie 15. Wenn Sie jetzt nach 55 Jahren eine Bilanz Ihrer grandiosen Schauspieler-Karriere ziehen, wie fällt die aus?

    Mein Fazit ist sicherlich, dass ich die richtige Wahl getroffen habe, oder dass die Wahl mich gefunden hat. Das weiß man ja alles immer gar nicht. Weil es hätte ja auch ein ganz anderer Weg sein können. Ich habe die Ausbildung ja nie gemacht und es war damals eigentlich ein großes Spiel. Und aus dem Spiel wurde dann Ernst, aber ohne die Freude und ohne das Spielerische dabei zu verlieren. Und einen Beruf zu haben, den man selber liebt, in dem man sich wohlfühlt, war das Schönste und Beste, was mir passieren konnte. Ich habe so viel fürs Leben gelernt durch Filme. (0’32)

    Gibt es irgendetwas, was Sie heute anders machen würden?

    Nee! Aus den jeweiligen Umständen, Situationen, der Fähigkeit, nachzudenken – oder vielleicht nicht nachzudenken – habe ich immer das gemacht, von dem ich dachte, das ist richtig! Und heute macht mich das aus, dass man weiß, dass der Weg nicht der schnurgerade ist, sondern da sind vermeintliche Abkürzungen, die man denkt nehmen zu können. Oder man stolpert wieder und man bricht sich die Haxen und geht doch wieder ein paar Wochen zurück. Und es ist doch gut so. Nee, gar nix bedauere ich! (0‘36)

    Abmoderation:
    Iris Berben im Exklusivinterview. Die große Schauspielerin feiert am 12. August ihren 70. Geburtstag. Das ZDF ehrt Iris Berben am Montag, 10. August um 20 Uhr 15 mit einem außergewöhnlichen Film: "Nicht tot zu kriegen" ist eine Hommage an Iris Berben und an die 60er- und 70er-Jahre.

    Das Interview führte Hermann Orgeldinger

    Video: Interview-O-Töne von Iris Berben und Murathan Muslu

    Die Video-O-Töne von Iris Berben und Murathan Muslu stehen zum Abruf zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich bei Interesse an zentraleaufgaben@zdf.de.

     

    In einem Clip (7.00 Min.) antwortet Iris Berben auf folgende Fragen:

    1. Worum geht es in "Nicht tot zu kriegen"?

    2. Ironie ist ein sehr wichtiges Element, mit dem Sie im Film arbeiten…

    3. Wieviel Iris Berben steckt in Simone Mankus?

    4. "Nicht tot zu kriegen" arbeitet mit Ausschnitten aus Ihren bisherigen – teils ganz frühen – Filmen. Wie war es für Sie, sich mit diesen Filmen zu beschäftigen?

    5. "Nicht tot zu kriegen" ist eine Hommage an Sie und Ihr Filmschaffen. Was bedeutet Ihnen das?

    6. Wie blicken Sie auf Ihren runden Geburtstag, den Sie dieses Jahr feiern? Wie fühlen Sie sich mit der Zahl 70?

     

    In einem Clip (1.47 Min.) antwortet Murathan Muslu auf folgende Fragen:

    1. Wen spielen Sie in "Nicht tot zu kriegen" und worum geht es in dem Film?

    2. Wie ist die Zusammenarbeit mit Iris Berben für Sie?

    3. Iris Berben spielt die Filmdiva Simone Mankus, Sie den Ex-Polizisten Robert Fallner. Wie würden Sie das Verhältnis der beiden Figuren beschreiben?

    4. Was wünschen Sie Iris Berben zu ihrem 70. Geburtstag?

     

    Im Pressevorführraum können akkreditierte Journalisten die Clips vorab sichten.

    Weitere Informationen

     

    Fotos über (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/nichttotzukriegen

    In der ZDFmediathek wird es rund um den Geburtstag von Iris Berben eine Themenseite geben, die weitere Filme mit ihr bündelt.

    3sat zeigt zum 70. Geburtstag von Iris Berben vier Filme und die Krimiserie "Die Protokollantin": https://pressetreff.3sat.de/programm/dossier/mappe/zeige/Special/filmreihe-mit-schauspielerin-iris-berben-zum-70-geburtstag/

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