Projekt Hühnerhof

Zweiteilige Erlebnisdokumentation mit Dirk Steffens

Täglich neue Schlagzeilen über Hühnerleid, Biolügen und das Fleisch auf unseren Tellern: Dirk Steffens, Tierfilmer und Wissenschaftsjournalist, will sich ein eigenes Bild machen und wagt ein mutiges Experiment: Er mästet im Selbstversuch Hähnchen. Dirk Steffens, selbst auf dem Land mit Tieren aufgewachsen, will erleben, wie ein Öko-Bauer heute arbeitet, was konventionelle Mastbedingungen sind und wie Hühner bei uns in Deutschland leben. Und er geht eine leidenschaftliche Kampagne an: Er will Verbraucher dazu bewegen, weniger, aber gutes Fleisch zu essen; Hühner, die ein tiergerechtes Leben hatten.

  • ZDF, Dienstag, 30. September und 7. Oktober 2014, jeweils 20.15 Uhr

    Texte

    Das "Projekt Hühnerhof": Ein Selbstversuch mit Ausstrahlung

    Wir erleben es nicht oft, dass ein bekannter Fernsehmoderator in eine ihm völlig fremde Welt zieht, um dort zu leben und zu arbeiten, ohne zu wissen, wie es für ihn ausgehen mag, und die Kamera beziehungsweise die Zuschauer sind immer dabei. Aber eines Tages kam Dirk Steffens mit der Idee zu uns, selbst als Öko-Bauer auf Zeit zu arbeiten. Jenseits der Schlagzeilen wollte er herausfinden, wie es Hühnern in Deutschland wirklich ergeht.

    Ich kenne Dirk Steffens als neugierigen Forscher, hellwachen Journalisten und leidenschaftlichen Tierliebhaber. Ganz der Richtige für solch ein Projekt: einmal Küken aufziehen und lernen, wie sie tatsächlich nach besten Ökomethoden gemästet werden. Einmal erleben, was Tag für Tag unser Fleisch teurer oder eben verstörend billig macht. Einmal nah dran sein, wenn unsere Hühnerzüchter und –mäster daran arbeiten, den Hunger der Deutschen auf ihr Lieblingsfleisch zu stillen.

    Das Thema kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem Forscher in aller Welt analysieren, wie wir Menschen essen. Derzeit und in naher Zukunft, denn bis zum Jahr 2050 werden zu den jetzt gut sieben Milliarden Menschen noch zwei Milliarden mehr auf der Erde sein. Der globale Appetit auf Huhn wächst und wächst, und entsprechend wächst auch die Hühnerproduktion noch schneller als die von Rindern und Schweinen. Und in Deutschland isst jeder von uns im Leben gut 900 Hühner - mal abgesehen davon, dass wir hierzulande fast nur noch Hühnerbrust konsumieren. Wo kommen diese Hühner her, wie haben sie gelebt? Was landet da wirklich auf unseren Tellern? Diese Fragen haben das "Projekt Hühnerhof" angestoßen.

    Dirk Steffens ist mit einem Team der Hamburger Produktionsfirma Doclights nach Niedersachsen gezogen, in das Bundesland, aus dem er kommt, und das heute die Hochburg der Hühnerproduktion in Deutschland ist. Was er auf "seinem" Hof auf dem Gelände eines erfahrenen Öko-Bauern erlebt hat, zeigen wir auf dem Doku-Primetime-Platz am Dienstagabend. "ZDFzeit" bietet den Zuschauern immer wieder verbrauchernahe Themen, die uns alle angehen, diesmal ist es sogar ein Thema zum Mitmachen. Denn Dirk Steffens ruft dazu auf, dass wir unsere Verantwortung und vor allem unsere Macht als Verbraucher erkennen und einsetzen. Schon einmal haben die Konsumenten durch ihre Verweigerung von Käfigeiern das Leben der Legehennen in der EU nachhaltig verbessert. Wenn wir Billighühner vermeiden, wird es auch weniger von dem geben, was Tierhaltungsexperte Dr. Lars Schrader für wenig verhaltensgerecht bewertet. "Projekt Hühnerhof" regt uns alle dazu an, weniger und dafür besseres Fleisch zu essen. Wenn das gelingt, könnte Dirk Steffens Selbstversuch große Wirkung zeigen. Das würden wir ihm, den Hühnern und letztlich uns allen wünschen.

    Prof. Peter Arens
    Leiter der Hauptredaktion Kultur, Geschichte und Wissenschaft

    Stab, Inhalt

    Buch: Caroline Pellmann, Katarina Schickling
    Regie: Caroline Pellmann
    Kamera: Oliver Kratz
    Ton: Dirk Ferber, Tom Schünemann
    Schnitt: Rainer Ahlschwedt
    Grafik: Eike Wichmann
    Produktion ZDF: Cora Szielasko, Anna Kunkel
    Produktion Doclights: Andreas Vennewald
    Produzentin Doclights: Michaela Hummel
    Redaktion: Dr. Susanne Becker
    Leitung der Sendung: Natalie Müller-Elmau
    Länge: jeweils ca. 43‘

    Dirk Steffens, ZDF-Wissenschaftsmoderator und Tierschützer, nimmt sich ein Lieblingsprodukt auf dem Speiseplan der Deutschen vor: Hühnerfleisch. Jeder von uns isst etwa 11,7 Kilo im Jahr. Das entspricht etwa acht Masthühnern und ist fast zehn Mal so viel wie vor 60 Jahren, als die Deutschen noch den Sonntagsbraten pflegten. Die Geflügelindustrie liefert nicht nur immer mehr, sondern auch immer billigeres Hühnerfleisch. Häufig kostet Tierfutter, das aus Hühnchen hergestellt wird, mehr als Hühnerfleisch für Menschen. Im Supermarkt kostet ein Kilo Huhn weniger als ein Kilo Katzenfutter. Warum ist das so? Dirk Steffens geht den Dumpingpreisen auf den Grund. Wie läuft die Geflügelfleischproduktion in deutschen Ställen? Was kostet industrielle Turbomast und warum ist Freilandhaltung etwa vier bis fünf Mal so teuer? Und: Was bedeutet das alles für das Leben der Tiere?

    Auf der Suche nach Antworten fährt Dirk Steffens nach Niedersachsen, der Gegend mit der größten Hühnerproduktion in Deutschland. Hier ist er selbst aufgewachsen, mit frei herumlaufenden Hühnern – und hier wagt er jetzt ein einzigartiges Experiment: Er wird selbst zum Hühnermäster. 2500 Hühnchen will er eigenhändig nach besten Öko-Methoden aufziehen. Gleichzeitig gelingt es ihm, in einem konventionellen Betrieb nahe Hannover ein Praktikum zu machen. Dabei erlebt er Tag für Tag, wie unterschiedlich die Haltungsbedingungen für die Tiere sind. Und bald fragt er sich: Haben wir als Verbraucher nicht die Macht, eindeutig zu zeigen, welches Fleisch wir essen wollen? Es geht um die Kaufentscheidung zwischen Öko- und Industrie-Hühnchen. Er beginnt eine leidenschaftliche Kampagne …

    Teil 1: Projekt Hühnerhof - 2500 Küken für Dirk Steffens

    ZDFzeit

    Dienstag, 30. September 2014, 20.15 Uhr

    Auf einem Öko-Hof im Landkreis Uelzen richtet Dirk Steffens einen mobilen Hühnerhof ein. Öko-Bauer Carsten Bauck und sein Team stehen ihm zur Seite: Denn bald kommen "seine" 2500 Küken. Auch im konventionellen Betrieb bereitet man sich auf die neuen Bewohner vor, allerdings werden es dort 82 000 Küken sein. Dirk Steffens erlebt, wie Hühner in Deutschland leben. Welche Art der Mast wird den Tieren gerecht? Dirk Steffens will es genau wissen und fragt nach beim Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierhaltung am Friedrich-Loeffler-Institut, Dr. Lars Schrader: Ist die gesetzliche zugelassene Art der Massentierhaltung überhaupt tiergerecht?

    Schon nach wenigen Tagen als Hühnermäster fällt dem Wissenschaftsjournalisten auf: "Seine" Öko-Küken sind viel agiler im Vergleich zu den konventionellen. Das liegt an der schnell wachsenden Zuchtlinie, die in der Industriemast eingesetzt wird. Die Tiere haben eine genetische Veranlagung zu rasantem Brust- und Schenkelwachstum. Was bedeutet das für ihre Gesundheit? Dr. Christiane Keppler, Biologin an der Uni Kassel, zeigt Dirk Steffens, wie er das herausfinden kann. Auch dem vielkritisierten Antibiotika-Einsatz geht er nach – mit überraschenden Antworten.

    Teil 2: Projekt Hühnerhof - Dirk Steffens und die Macht der Verbraucher

    ZDFzeit

    Dienstag, 7. Oktober 2014, 20.15 Uhr

    In Folge 2 wird eine Frage immer wichtiger: Liegt es nicht in der Macht der Verbraucher, zu beeinflussen, wie Tiere in Deutschland leben? Ja, wie das Beispiel der Käfigeier zeigt, die aus den Supermärkten verschwunden sind. Wären wir bereit, für artgerecht gemästete Hühner mehr Geld auszugeben? Dirk Steffens will die Probe aufs Exempel machen. Schafft er es, die Einwohner der niedersächsischen Kleinstadt Uelzen zu überzeugen, weniger Hühnchenfleisch zu essen und artgerecht gehaltenen teureren Hühnern den Vorzug vor konventionellen Billighühnchen zu geben?

    Ein enormes Projekt hat sich der Moderator da vorgenommen. Die folgenden zehn Wochen werden ihm Respekt einflößen, denn mit Füttern und Wiegen ist es in "seinem" Stall im Uelzener Ortsteil Klein-Süstedt nicht getan. Über dem Freiland kreist der Habicht, die kleinen Hühner sind ihm ausgeliefert. Währenddessen leben im konventionellen Stall zeitweise bis zu 26 Tiere pro Quadratmeter. Nach nur 33 Tagen muss ein Drittel schon geschlachtet werden, damit die gesetzlich vorgeschriebene Kilobegrenzung nicht überschritten wird. Aber auch seine artgerecht gehaltenen Hühner müssen irgendwann zur Schlachtbank. Wie wird der Öko-Bauer auf Zeit mit diesem Tag fertig?   

    Neben der Arbeit in den Mastbetrieben gewinnt Dirk Steffens eine fünfköpfige Familie für einen Selbstversuch: Mit Hilfe eines erfahrenen Hühnerhalters mästet sie Hühner im eigenen Garten. Am Ende wird die Familie die Tiere schlachten und essen. Was verändert sich, wenn man Fleisch, das man sonst abgepackt im Supermarkt kauft, als Nutztier im Alltag erlebt? Wird die Familie ihren Fleischkonsum überdenken? Wird sie bereit sein, für tiergerechte Haltung mehr Geld auszugeben? Bei der Zubereitung ihrer Gartenhühner bekommen die privaten Hühnerhalter prominente Unterstützung. Starkoch Christian Rach liefert Tipps, wie sich der höhere Preis am Ende relativiert, wenn wir wieder ein ganzes Huhn kochen, und nicht, wie in Deutschland üblich, nur Hühnerbrust kaufen.

    Dirk Steffens gelangt in dieser für ihn sehr außergewöhnlichen, harten und spannenden Zeit zur Überzeugung, dass wir dringend damit anfangen müssen, anders zu essen. Wird seine Kampagne gelingen?

    "Es sah so aus, als wollte es seinem Schicksal entkommen"

    Warum das "Projekt Hühnerhof" auch ein persönliche Anliegen von Moderator Dirk Steffens ist

    Seit über zwanzig Jahren reise ich um die Welt und drehe Wissenschafts- und Naturdokumentationen. Fast jeder Naturfilmer, den ich kenne, ist durch diesen Job auch zum Naturschützer geworden. Nun ist es eine Sache, irgendwo am anderen Ende der Welt neben Elefant, Tiger oder Gorilla für den Artenschutz zu werben. Aber eine ganz andere ist es, sich im eigenen Land für Tiere einzusetzen, die wir aus Kochrezepten kennen und nicht aus Tierfilmen. Ich bin in einem winzigen Bauerndorf in Niedersachen aufgewachsen. Umgeben von Nutztieren. Auch sie verdienen Aufmerksamkeit, Respekt und Schutz. Mit dem "Projekt Hühnerhof" möchte unser ZDF-Team einen Beitrag zur notwendigen Diskussion über Massentierhaltung leisten.

    Ein typisch niedersächsisches Hühnerleben beginnt hinter meterhohen Sicherheitszäunen und Überwachungskameras, in einem blitzsauberen Industriekomplex, dem man von außen nicht ansieht, was drinnen gemacht wird. Die ersten Minuten im Leben eines Masthühnchens verlaufen ungefähr so: Die Küken schlüpfen in abgedunkelten Brutmaschinen, fallen auf Förderbänder und durchlaufen die Selektion. Dort werden Kranke und Tiere mit Abweichungen "gemerzt" – der normierte Produktionsprozess verlangt gesunde, einheitliche Tierkörper. Dicht gedrängt rasen die Frischgeschlüpften auf Fließbändern durch die Halle, stürzen durch eine Sortieranlage in Kisten, durchlaufen eine Sprühimpfung und landen schließlich im Dämmerlicht der Abfertigungshalle. Dunkelheit macht Hühner träge. Lkw fahren vor. Abfahrt zu den Mastanlagen.

    Wo jede Woche zwei Millionen Küken "produziert" werden, spielt das einzelne Tier keine Rolle. Dennoch ist mir eines in Erinnerung geblieben: Am Ende eines Durchlaufes, als der Strom der Jungtiere aus den Inkubatoren plötzlich versiegt, als die Hände der Selektierer zur Ruhe kommen und unter gelben Daunen schwarze Kunststoffförderbänder sichtbar werden, ist da plötzlich dieses Küken. Es ist gelb, rund und federleicht, genau wie alle anderen. Doch jetzt ist es allein in der riesigen Halle, piept erbärmlich und rennt gegen das Transportband an. Weg von der Abfertigungshalle, wo die Lkw warten. Vielleicht eine Minute lang läuft es sein aussichtsloses Rennen, dann ist es erschöpft; das Küken fällt über die Endrolle in den Verteiler, ein Metallrohr spuckt es zu den anderen in die grüne Transportkiste. Ich blicke ihm lange nach.

    Ein seltsamer Moment. Natürlich rannte das Küken nicht um sein Leben, es weiß ja noch nicht mal, dass es eines hat. Es rannte nur so. Zufällig. Aber es sah so aus, als wollte es seinem Schicksal entkommen. Und das war herzerweichend, dieses Bild werde ich nicht vergessen. Es ist zu meinem ganz persönlichen Symbol für die Industrialisierung der Landwirtschaft geworden, in der Tiere nur Produkte sind. Preiswert und genormt. Das hat auch Vorteile. Das kann man auch gut finden. Aber schön ist es nicht. Bilder wie das vom einsamen Küken in der riesigen Maschinenhalle sind den Konzernen unangenehm. So etwas soll die Öffentlichkeit nicht sehen.

    Transparenz und Offenheit sind schwer zu erlernen. Viele Jahre lang haben die großen Geflügelkonzerne gemauert, sie wehrten sich gegen Kritik. wahlweise mit Schweigen, Anwälten oder Sicherheitsdiensten. Geholfen hat es nichts. Skandale erschüttern mit trauriger Regelmäßigkeit eine Branche, die pro Jahr circa 630 Millionen Masthühner schlachtet. Exzessiver Einsatz von Antibiotika, qualvolle Enge, unethische Haltungsmethoden – die Vorwürfe der Tierschützer sind bekannt und haben Wirkung gezeigt: Die Politik ist sensibel für das Thema geworden, die gesetzlichen Rahmenbedingungen wurden langsam strenger, der Handel fürchtet um sein Geschäft, die Mäster haben ein mieses Image. Also heuern Geflügelkonzerne auch PR-Agenturen an und üben sich in Offenheit. Wir durften nicht nur in der Brüterei eines der Branchenriesen filmen, sondern auch im Maststall und in der Schlachterei. Transport, Tierarzt, Fütterung. Alles. Die wichtigsten Tage im kurzen Leben eines Masthähnchens konnten wir dokumentieren. Dafür gebührt dem Unternehmen Dank. Und echten Respekt schulde ich dem sympathischen Landwirt, der seinen Stall für uns geöffnet hat. Er stellt sich vor unsere Kamera, vertritt seinen Standpunkt und macht sich so zum Gesicht einer Branche, die in Verruf geraten ist. Das ist mutig. Er wirkt ehrlich. Er hat ein großes Glasfenster in die Stallwand gesetzt, damit Besuchergruppen sich mit eigenen Augen ein Bild von der Massentierhaltung machen können.

    Aber erzählt werden muss auch, was im Film nicht zu sehen sein wird: Kein Drehtag ohne Begleitung durch einen Vertreter des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). Ob einzelne Förderbandstufen der Kükensortieranlage oder das Innere des Betäubungstunnels in der Schlachterei: Wo die aufmerksamen Begleiter vom ZDG Bilder fürchten, die schlecht für das Image sind, wurden Grenzen gesetzt. Den Maststall hat der ZDG ausgesucht und sich zusichern lassen, dass wir keine unautorisierten Bilder von Dritten zeigen werden. Also keine Aufnahmen, die ohne Genehmigung in weniger schönen Ställen entstanden sind. Natürlich kann ich verstehen, dass ein Unternehmen sich möglichst positiv präsentieren möchte. Wer zeigt schon gerne seine Fehler und Schwächen? Aber zurück bleibt das Gefühl, dass die Agrar-Manager es noch immer nicht wirklich ernst meinen mit der Transparenz, sondern nur so viel gewähren, wie sie für nützlich halten. Dennoch ist es unserem Kamerateam gelungen, den gesamten Verarbeitungsprozess erstmals wirklich umfassend zu filmen.

    In Klein Süstedt bei Uelzen in Niedersachsen werden auch Hühner gemästet. Aber es gibt keine Überwachungskameras, keine Sicherheitszäune, keine ZDG-Pressebetreuer. Niemanden, der uns sagt, was wir filmen dürfen und was nicht. Sogar die "Kadavertonne", in der verendete Hühner gesammelt werden, steht ohne Schloss für jeden sichtbar an der Einfahrt – ein Albtraum für jeden PR-Berater. Oder eben auch nicht. Denn so viel Offenheit schafft Vertrauen. Pro Stall werden hier nur 2.500 Küken gehalten. Sie leben etwa doppelt so lange, gehören zu einer langsamer wachsenden Rasse, haben geräumige Ställe und grüne Wiesen, auf denen gescharrt, gepickt und geflattert wird. Das Futter ist frei von genveränderten Substanzen und die Bäuerin kümmert sich auch um kleine oder schwache Tiere. Sie hat in einer Ecke des Stalls eine Krankenstation eingerichtet. Sie spricht viel mit den Hühnern und bedankt sich vor der Schlachtung bei ihnen. Wirklich: Sie steht mitten im Stall, dreht sich um die eigene Achse und ruft dem Geflügel zu: "Danke, liebe Hühner." Das kann man seltsam finden. Oder angemessen. Auf jeden Fall ist diese Produktionsweise teuer: Das Fleisch kostet vier bis fünf Mal mehr als konventionell hergestelltes. Und genau darum geht es bei der Tiermast. Ums Geld. Und um nichts anderes.

    Im Supermarkt habe ich erstaunt festgestellt, dass in Deutschland fast nichts so billig ist wie ein Hähnchen. In einem zufällig ausgewählten Markt in Hamburg kostet ein komplettes tiefgefrorenes Tier pro 100 Gramm 24 Cent. Pommes, saure Gurken, Brokkoli oder Mais – alles teurer. Katzenfutter aus Hähnchenbrust ist sogar gut vier Mal teurer als ein TK-Hühnchen für den menschlichen Verzehr. Wir leben in einem Land, das stolz auf seine Qualitätsprodukte ist. Für hochwertige Autos, Flachbildfernseher oder Urlaubsreisen geben wir gerne Geld aus. Ausgerechnet beim Essen aber sind wir Deutschen extrem geizig und kaufen meistens das billigste Produkt. Ich finde das seltsam. Aber die Hähnchenmäster sagen mir, sie müssten so billig produzieren, weil der Handel sie unter Druck setzt. Und die Händler sagen mir, sie müssten so billig anbieten, weil die Kunden sonst nicht kaufen. Und die Kunden sagen mir, sie hätten die Nase voll von den Skandalen bei der Hähnchenmast. Ein Teufelskreis. Deshalb habe ich beschlossen, nach Niedersachsen zu fahren, wo über die Hälfte dieses Billigfleisches herkommt. In einen Landkreis, in dem viele der genormten Ställe mit den typischen Kraftfuttersilos und den Abluftrohren stehen. Nach Uelzen. Um ausgerechnet dort die Verbraucher davon zu überzeugen, mehr Geld für ihr Essen auszugeben, denn wenn es dort klappt, dann ist es überall möglich. Dafür muss ich Supermärkte, Kantinen, Fleischereien und Restaurants überzeugen, anderes, teureres Fleisch anzubieten. Ich muss Werbung machen, Klinken putzen und auf der Straße Leute ansprechen. Ich mache so etwas überhaupt nicht gerne. Es fällt mir schwer. Aber es ist ein Versuch: Sind die Verbraucher bereit, ihre Macht für das Wohl der Tiere einzusetzen? Können die Bürger von Uelzen dem ganzen Land zeigen, wie man etwas verändern kann?

    Das "Projekt Hühnerhof" ist ein echtes Experiment. Bis zum letzten Tag wissen wir nicht, wie es ausgehen wird. Alles ist offen und jeder Drehtag verläuft anders, als wir ihn uns vorgestellt haben. Wie werde ich mich machen als Hühnermäster? Was dürfen wir in Deutschlands größter Schlachterei drehen? Werde ich das teure Biofleisch auf dem Wochenmarkt und im Supermarkt los? Und interessieren sich die Bürger im Landkreis Uelzen überhaupt für unser Experiment? "Projekt Hühnerhof" ist eine wirkliche Erlebnisdoku - kein Buch und ein Drehplan, der immer wieder vom echten Leben überholt wird. Das ist aufregend. Kein Alltagsfernsehen. 

    Ein typisch niedersächsisches Hühnerleben endet hinter meterhohen Sicherheitszäunen und Überwachungskameras, in einem blitzsauberen Industriekomplex, dem man von außen nicht ansieht, was drinnen gemacht wird. In Deutschlands größter Schlachtanlage werden pro Tag 400.000 Hühner geschlachtet. Die Container mit den noch lebenden Vögeln werden in eine mit blauem Licht spärlich illuminierte Halle gefahren – Dunkelheit macht Hühner träge. Vollautomatisiert fährt der Transportbehälter auf eine Kippanlage. Die Tiere rutschen über einen Metallschacht auf ein Förderband und in den Gasschacht. Von Kohlendioxid betäubt erreichen sie das Rondell, wo Männer mit starken Armen sie im Rhythmus der Maschine kopfüber in die Transportanlage hängen. Der Schneideautomat durchtrennt die Kehlen, Fehlschnitte werden von einem Mitarbeiter mit dem Messer nachbearbeitet. Dann durchläuft das Band die Stationen des Verarbeitungsprozesses: Brühen, Rupfen, Ausnehmen, Zerlegen, Weiterverarbeiten, Verpacken. Am Ende der Produktionsstraße warten Lkw. Sie werden beladen und machen sich auf den Weg zu den Supermärkten. Zu uns.

    Dirk Steffens, ZDF-Moderator

    Kurzbiografie Dirk Steffens

    Der Journalist und Tierfilmer Dirk Steffens ist seit 2008 für das ZDF tätig. Zunächst moderierte er die Zoo-Dokusoap "Tierisch Kölsch", des Reisemagazins "Reiselust" und 2009 die zehnteilige. Dokumentationsreihe "Steffens entdeckt". Bereits seit November 2008 ist er regelmäßig für die "Terra X"-Reihe "Faszination Erde" unterwegs und erkundet entlegene Winkel des Globus. 2010 erhielt er mit der ersten Staffel des "Terra X"-Zweiteilers "Supertiere" die Goldene Kamera. Seit Juni 2011 moderiert er das wöchentliche Wissenserlebnis-Magazin "Terra Xpress". Nach verschiedenen Beiträgen für Printmedien sind im Rowohlt-Sachbuchverlag seine Bücher "Tierisch! Expeditionen an den Rand der Schöpfung" (2007), "Das tierische Kuriositätenkabinett" (2009) und "Faszination Erde: Von den Riffen der Südsee zu den Vulkanen Sibiriens" (2010) erschienen. Für seine Mitarbeit an internationalen Umweltprojekten wurde Dirk Steffens 2013 vom Bundesministerium für Entwicklungshilfe mit dem Walter-Scheel-Preis ausgezeichnet.

    "Es fiel schwer, sie nach zehn Wochen dem Schlachter zu überlassen"

    Das Doclights-Team über sein einmaliges Erlebnis mit dem "Projekt Hühnerhof"

    Als wir das Projekt Anfang des Jahres begannen, konnten wir nicht voraussehen, wohin es uns treiben und wie es ausgehen würde. Wir haben einen Ball ins Rollen gebracht und waren überrascht, wie schnell die Geschichte ihre eigene Dynamik entwickelte. Mit offenem Ausgang, was es ganz besonders spannend machte. Auch hatten wir keine Idee, wie wir in unserer Teststadt ankommen würden. Würden uns die Uelzener "vom Hof jagen", wenn wir ihnen erzählen, was sie essen sollen? Und würden sie bei 35 Grad und herrlichem Sonnenschein der Einladung zu Dirk Steffens Infoveranstaltung in einen nicht klimatisierten Saal überhaupt folgen? Wir zweifelten.

    Zu unserer großen Erleichterung lief alles ganz anders. Schon während der ersten Drehtage wurden wir immer wieder angesprochen. Es entstanden emotionale Diskussionen auf der Straße, auch wenn die Kamera nicht lief. Bald war es, als gehörten wir dazu: "Ah, die vom ZDF mit den Hühnern." Wir schienen einen Nerv getroffen zu haben.

    Unser Team verbrachte unendlich viele Stunden in Hühnerställen. Dass im ökologischen Landbau langsam wachsende Hühnerrassen verwendet werden, wussten wir. Dass diese Tiere auch deutlich neugieriger waren als im konventionellen Stall, haben wir erst am Set gelernt. Je öfter wir im Stall arbeiteten, desto mehr gewöhnten sich die Tiere an uns. Bald war kein Reißverschluss, kein Spiralkabel, kein Stecker, kein Armband mehr vor ihnen sicher. Stativ und Dolly wurden liebend gern zum Aufbaumen genutzt. Auch Kameramann Oliver Kratz war ein beliebter Sitzplatz, wenn er sich in die Vogelperspektive begab. Zwei, drei Hühner nutzten sofort die Gelegenheit und versuchten, die Buchstaben von seinem T-Shirt zu picken oder fielen auf seinem Rücken in den Mittagsschlaf.

    Sie nach zehn Wochen dem Schlachter zu überlassen, macht sehr deutlich, was Fleischkonsum bedeutet. In welchem Übermaß, wie günstig und wo wir Fleisch kaufen – diese Entscheidung treffen wir jeden einzelnen Tag.

    Wir haben eine Vorliebe für ungewöhnliche und gesellschaftsrelevante Themen. "Auf der Flucht – das Experiment" und "Der Rassist in uns", die Doclights für ZDFneo realisierte, sorgten bereits für mediales Aufsehen und zahlreiche Diskussionen. Und genau darauf kommt es uns an: Wir möchten etwas bewegen. Mit diesem Zweiteiler über Hühnermast wollen wir wieder etwas bewegen. In den Herzen und auf den Tellern. Wir hoffen, dass wir mit diesem aufwändigen Experiment zum Nachdenken anregen und die Welt zumindest ein bisschen verändern werden.

    Produzentin, Michaela Hummel, Doclights
    Autorin Caro Pellmann, Doclights

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