Schwarzes Meer und Weiße Nächte

Macht und Menschen in Osteuropa

Wie erscheinen Macht und Menschen in Osteuropa über ein Jahr nach der russischen Annexion der Krim? Matthias Fornoff und sein Team haben sich auf Reportagereise begeben und erkunden von Varna am Schwarzen Meer bis nach St. Petersburg die Stimmungen und Entwicklungen in den verschiedenen Ländern. Der erste Teil der politischen Reise führt durch die Ukraine, Rumänien und Moldawien, im zweiten Teil rücken vor allem Polen, Litauen und Russland in den Blick.

  • ZDF, Dienstag, 28. Juli 2015, 21.00 Uhr
  • ZDF info, Mittwoch, 29. Juli 2015, 8. 30 Uhr / Freitag, 31. Juli 2015, 18.00 Uhr

Texte

Schwarzes Meer und Weiße Nächte: Macht und Menschen in Osteuropa

ZDF
Dienstag, 21. Juli 2015, 21.00 Uhr, Teil 1
Dienstag, 28. Juli 2015, 21.00 Uhr, Teil 2

ZDFinfo
Mittwoch, 29. Juli 2015, 8.30 Uhr, Teil 1
Mittwoch, 29. Juli 2015, 9.15 Uhr, Teil 2
Freitag, 31. Juli 2015, 18.00 Uhr, Teil 1
Freitag, 31. Juli 2015, 18.45 Uhr, Teil 2 

Von Matthias Fornoff
und den Korrespondenten Armin Coerper, Katrin Eigendorf, Stephan Merseburger, Eva Schiller, Winand Wernicke

Buch und Regie: Silke Gondolf und Stephan Kühnrich

Redaktion: Paul Amberg, Claudia Ruete

Osteuropa: Das ist die Faszination des Unfertigen. Wunderschöne Landschaften, Menschen zwischen Aufbruch, Mut und Verunsicherung. Vom Schwarzen Meer bis in die Weißen Nächte erleben Matthias Fornoff und sein Team den Mythos Osteuropa. Fremd und nah, beunruhigend und anziehend zugleich. Länder, zerrissen zwischen West und Ost, über Jahrhunderte Spielbälle der Weltmächte.

Die Ukraine ist seit dem vergangenen Frühjahr zum Brennpunkt geworden. Ein heißer Krieg in Europa – das schien vorher undenkbar. Was macht das mit den Menschen in der Ukraine? Wie gehen die Nachbarstaaten mit ihren Befürchtungen um?

Wenn wir von Osteuropa sprechen, dann meinen wir die Länder "dazwischen". Sie gehörten zum alten Machtbereich der Sowjetunion. Es sind die Länder des ehemaligen Ostblocks. Mittlerweile sind viele der EU und NATO beigetreten, andere suchen ihren Weg noch, hin- und hergerissen zwischen den Blöcken, von denen wir nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges dachten, sie existierten nicht mehr. 

Matthias Fornoff trifft Bauern und Ingenieure, Schüler und Lehrer, Touristen, Blogger, Putin-Fans und Russland-Gegner. Er lässt sich ein auf das, was er vor Ort erlebt. Auf die Menschen, ihre Hoffnungen, Sorgen und Wünsche. Osteuropa erleben, das ist eine Zeitreise, aber auch eine Reise in die Instabilität.

Valeria aus Odessa zum Beispiel ist erst 25. Sie lässt sich nicht beeinflussen von alten Denkmustern. Für sie gibt es nur wahr oder unwahr. Unabhängig von Ost oder West, von russisch oder ukrainisch. Aber wer Brücken bauen will in der Ukraine, wird schnell zur Hassfigur für beide Seiten. Momentaufnahmen aus Odessa. Die junge Generation der Osteuropäer denkt nicht in alten Blöcken. Pjotr, ein Bauer aus der Nähe von Lviv zum Beispiel. Ihm ist es egal, ob seine Stadt Lviv (ukrainisch), Lvov (russisch) oder Lemberg (deutsch) genannt wird, ihm kommt es vielmehr darauf an, dass man nicht auf die alten Ost-West-Klischees hereinfällt.

Moldawien

West oder Ost? In der Republik Moldau, auch Moldawien genannt, stehen russische Soldaten und Panzer – an einer Grenze, die es eigentlich gar nicht gibt. Das Land liegt zwischen Rumänien und der Ukraine, ungefähr so groß wie NRW. Moldawien lebt, begünstigt vom milden Klima der Schwarzmeerregion, vor allem von seiner Landwirtschaft. Hauptsächlich von Wein- und Obstanbau. Die Bauern Moldawiens sind oft Selbstversorger, abends verkaufen sie vor ihren Häusern die überschüssigen Erträge ihrer Hausäcker. Vor der Unabhängigkeit, Anfang der 90er Jahre, war Moldawien eine der wohlhabendsten Sowjetrepubliken – doch der bisher ungelöste Transnistrien-Konflikt und das wiederholte Embargo Russlands machen Moldawien zu einem der ärmsten Staaten Europas. Transnistrien, eine offiziell "nicht existierende Republik", die sich im Zuge des Verfalls der Sowjetunion vom Rest Moldawiens abgespalten hat, wird von keinem Staat der UN anerkannt, verfügt aber über eine Grenze, die den prorussischen Teil von dem eher Europa zugewandtem Moldawien trennt. Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung in der Ukraine rückt diese ungeklärte völkerrechtliche Lage wieder ins Gesichtsfeld der Weltöffentlichkeit. Moldawien versucht, das Beste aus seiner Lage zu machen. Und in all dem politischen Chaos gibt es eine Schule, in der Kinder aus beiden Teilen des Landes lernen. Lehrer, die sich aus der Politik raushalten, starke Persönlichkeiten formen wollen und von einer besseren Zukunft träumen: von Freiheit.

Rumänien

Diese Freiheit wird im Nachbarland Rumänien längst gelebt. Zumindest in der Hauptstadt Bukarest. Diese ist rechnerisch mit knapp zwei Millionen Einwohnern die sechstgrößte Stadt der Europäischen Union und hat sich gemausert zur Metropole, zum "Berlin des Ostens". Es gibt eine pulsierende Kunstszene, eine hippe Kneipenlandschaft und viele junge Leute, die sich selbst verwirklichen. Und die vor allem mit Unbehagen auf die Ostukraine schauen.

Polen

Polen ist das Musterkind des Aufschwungs in der EU. Die Wirtschaft wächst. Das Selbstbewusstsein auch. Wenn da nur nicht diese Angst wäre, erneut Opfer zu werden im Ränkespiel der Großen. Es bilden sich Bürgerwehren. Eher symbolisch soll Verteidigungsbereitschaft demonstriert werden. Die Nervosität ist spürbar.

Ukraine

In den Karpaten im Süd-Westen der Ukraine lebt seit K.u.K.-Zeiten eine ungarische Minderheit. Diese hat jetzt Angst, zum Dienst an der Front in der Ostukraine eingezogen zu werden. Das Filmteam trifft einen von ihnen, seinen Namen will er nicht nennen und sein Gesicht nicht zeigen, der Ort soll auch nicht verraten werden. Es ist ein Dorf an der ungarisch-ukrainischen Grenze.

Der junge Mann und Vater zweier Kinder, im Film wird er Lajos Papp genannt, ist zurück von der Front, er war in der Nähe von Donezk. Lajos Papp will seine Identität nicht preisgeben, weil er Angst vor radikalen ukrainischen Nationalisten hat. Wenn die Armee ihn wieder einziehen will, "dann mache ich es wie die anderen und haue ab. Leider bleibt dann nur die Möglichkeit wegzulaufen. Es ist nicht mein Krieg". Viele junge Ungarn fliehen aus der Ukraine, sie wollen nicht an die Front.

Wie alle Ungarn in der Ukraine besitzt Lajos einen ungarischen Pass. Zeigen aber möchte er diesen begehrten Ausweis nicht, denn in der Ukraine ist es gesetzlich verboten, eine zweite Staatsbürgerschaft anzunehmen. Das aber hat den umstrittenen ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orban nicht davon abgehalten, Pässe auszuteilen. Orban sieht sich verpflichtet, auch für die Ungarn, die jenseits der Staatsgrenzen leben, zu sorgen.

Baltische Staaten

Und die baltischen Staaten beeilen sich, unabhängig von den Energielieferungen aus Russland zu werden. Ein Umlade-Terminal für Flüssiggas ist im litauischen Klaipeda entstanden. An der riesigen Anlage können Schiffe aus aller Welt anlegen. Aus Norwegen, aber auch aus Katar und Algerien. Auch Estland und Lettland sollen an diese Gasleitung angeschlossen werden.

Verstehen, was die Osteuropäer bewegt

Wer wirklich verstehen will, was die Osteuropäer bewegt, der muss hinfahren und mit ihnen ins Gespräch kommen. Matthias Fornoff, sein Team und ZDF-Korrespondenten haben Bulgarien, Rumänien, Moldawien, die Ukraine, Polen, Estland, Litauen und Russland bereist und so manche überraschende Einsicht mitgebracht.

Erster Teil

Der erste Teil der politischen Reise führt vom bulgarischen Varna am Schwarzen Meer über die ukrainische Hafenstadt Odessa, in der russische und ukrainische Kultur und Interessen aufeinandertreffen, über den Süd-Westen der Ukraine, Rumänien und Moldawien bis an die ukrainisch-polnische Grenze.

Zweiter Teil

Der zweite Teil der Reise-Reportage beginnt in der Westukraine, in Lwiw, dem früheren Lemberg, und führt zunächst in die Karpaten-Ukraine. Im Westen des Landes hat die nicht erst seit K.u.K.-Zeiten dort lebende ungarische Minderheit Angst, zum Dienst an der Front in der Ostukraine eingezogen zu werden. Von dort geht es nach Süd-Polen ins sogenannte Aviation Valley. Rund um die Stadt Rzeszow hat sich eine Flugzeugindustrie angesiedelt. Dort wird deutlich, wie Polen die Mitgliedschaft in der EU zu wirtschaftlichem Aufschwung nutzt. An der Grenze zu Kaliningrad, der russischen Enklave zwischen Polen und Litauen, spielen sich interessante Szenen im kleinen Grenzverkehr ab. Die Sonderwirtschaftszone Russlands ist abhängig von den Fördermitteln Russlands und dem Schmuggel von Waren hin und her. Die Reise endet in den Weißen Nächten von St. Petersburg mit Einblicken in die russische Seele und einer Beschreibung der Stimmung im Sommer 2015. Was wissen die Russen vom kriegerischen Konflikt in der Ukraine und was halten sie in Putins Heimatstadt vom Handeln ihres Präsidenten?

"Wir schauen intensiv in die Länder Osteuropas"
Interview mit "Schwarzes Meer und Weiße Nächte"-Reporter Matthias Fornoff

Ihre Reise führt Sie von Varna am Schwarzen Meer bis nach St. Petersburg. Wohin steuert Osteuropa gut 15 Monate nach der Krim-Annexion?

In Ländern wie Moldawien, Ukraine, Polen und Litauen wird deutlich, wie sehr sich diese Länder weiterentwickelt haben – auch Richtung Westeuropa. Zugleich ist der Einfluss Russlands aber ebenfalls deutlich bemerkbar – an der Architektur, an der Kleidung, an den Menschen. Mit Blick auf die Krim-Annexion ist der Konflikt natürlich zunächst in der unmittelbar betroffenen Ukraine am augenfälligsten. In Moldawien, dem einzigen Land auf der Welt, in dem es mehr Rebstöcke als Menschen gibt, wirkt sich eher die EU-Annäherung dieses kleinen Staates wirtschaftlich aus und ist zum Beispiel am Weinbau erkennbar: Da brach Russland zuletzt als Exportland weg, entsprechend müssen sich die Moldawier neu orientieren. Aber genau das zeigen wir in den zwei Dokumentationen auf: wie sich die Politik, die Russland betreibt, auf das Leben der Menschen in den osteuropäischen Ländern auswirkt …

Blicken Sie dabei ausschließlich in die Gegenwart oder wird zum Beispiel auch die Geschichte des seit über 20 Jahren "eingefrorenen“"Transnistrien-Konflikts erzählt?

Die bizarre Situation, dass russische Panzer an einer Grenze stehen, die es eigentlich gar nicht gibt, zeigen wir natürlich. Denn Moldawien ist ein unabhängiger Staat und Transnistrien gehört völkerrechtlich dazu, ist aber de facto russisch kontrolliert. Wir haben ein sehr charakteristisches Beispiel gefunden, mit dem wir die oftmals absurde Wirklichkeit darstellen: Russischsprachige Familien aus Transnistrien schicken ihre Kinder an eine Schule in Moldawien, weil sie die von Russland eingeführten nationalistischen Lehrpläne nicht mehr zeitgemäß finden. Die Schule unterrichtet im Zweischichtbetrieb morgens die Kinder aus den umliegenden moldawischen Dörfern und nachmittags die Schüler aus Transnistrien

Wird denn in Moldawien, das im Norden, Osten und Süden fast vollständig von der Ukraine umschlossen wird, der ukrainisch-russische Konflikt mit großer Sorge wahrgenommen?

Die Moldawier wirken sehr entspannt, vielleicht weil sie es aus der Geschichte gewohnt sind, Spielball der Weltmächte zu sein: Osmanisches Reich, Russisches Zarenreich, Rumänien, Sowjetunion. In der Region, die früher Bessarabien hieß, hat man über die Jahrhunderte gelernt, mit Unsicherheiten im politischen Machtgefüge zu leben. Diese Gelassenheit findet sich in Polen und im Baltikum so nicht. Unser Korrespondent Armin Coerper dreht für die Dokumentation einen Beitrag über Bürgerwehren, die in Polen vermehrt entstehen – ein Zeichen dafür, dass man Russland als Bedrohung empfindet. Litauen geht entschlossen den Weg Richtung Energieunabhängigkeit. Über Flüssiggasumwandlung und neue Pipelines wollen sie sich von der russischen Gazprom unabhängig machen.

Wie haben Sie die Stimmung in Odessa erlebt, der ukrainischen Hafenstadt am Schwarzen Meer, die in früheren Zeiten für die kulturelle Vielfalt in der Region stand?

Die Stimmung dort habe ich als sehr angespannt erlebt. Die Katastrophe vom 2. Mai 2014, als im Gewerkschaftshaus in Odessa 42 prorussische Maidan-Kritiker verbrannten, wirkt immer noch nach. Verwandte und Freunde der Opfer sind fest davon überzeugt, dass ukrainische "Faschisten" für die Tat verantwortlich sind, doch dafür gibt es keinen Beleg. Wir haben eine Bloggerin getroffen, die mit anderen zusammen eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls eingeleitet hat. Nun wird sie von pro-ukrainischer und pro-russischer Seite gleichermaßen angefeindet. Daran sieht man, wie der Konflikt die Seelen zerfrisst und Freundschaften zerstört.

Und was bekommen die Zuschauer in dem zweiteiligen Film in welcher Form zu sehen?

Die Filme sind im Reportage-Stil gedreht und ich treffe die Menschen vor Ort: den Winzer in Moldawien, die Bloggerin und den Milchbauern in der Ukraine, den Energiemanager in Litauen. In viele dieser osteuropäischen Länder schauen wir in der Nachrichten- und Magazinberichterstattung selten so intensiv wie das jetzt möglich ist. Und dabei sind auch herrliche Bilder entstanden – mit Sonnenaufgängen am Schwarzen Meer und dem unvergleichlichen Licht in den weißen Nächten von Sankt Petersburg. Wir haben auch wunderschöne Landschaftsaufnahmen in Moldawien machen können, das Teil des Schwarzerde-Gebietes und entsprechend fruchtbar ist. So ist eine Reportage entstanden, in der es um die Menschen in Osteuropa und um die Folgewirkungen der Politik geht, die Russland ebenso wie die Europäische Union betreibt.

Mit Matthias Fornoff sprach Thomas Hagedorn.

Biografische Angaben zu Matthias Fornoff

Matthias Fornoff, Jahrgang 1963, leitet seit Juli 2014 die ZDF-Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen und moderiert das "Politbarometer" und die "ZDF spezial"-Sendungen. Von 2010 bis 2014 moderierte er die "heute"-Sendung um 19.00 Uhr und war in den Jahren davor als ZDF-Studioleiter in Washington, Chef vom Dienst in der Chefredaktion und Landesstudioleiter in Brandenburg aktiv. Der gebürtige Mainzer arbeitet seit 1992 für das ZDF, anfangs als Korrespondent im Landesstudio Berlin.

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