Terra X: Artensterben – die Fakten

Dokumentation präsentiert von Dirk Steffens

Die Weltgemeinschaft hat ihre selbst gesteckten Ziele zur Erhaltung der biologischen Vielfalt 2020 weitgehend verfehlt, das zeigt der neueste UN-Bericht. Eine Million aller Arten auf der Erde sind vom Aussterben bedroht. Das beeinflusst das gesamte Ökosystem und die Entwicklung des Klimas. Die Krise der Biodiversität hat auch für die Menschheit dramatische Konsequenzen: Nicht nur die Versorgung mit Wasser und Nahrung wird langfristig nicht mehr überall sicherzustellen sein, auch die Möglichkeiten, sich gegen Pandemien zur Wehr zu setzen, verringern sich deutlich. Darum geht es in dem Film, in dem Dirk Steffens über das Artensterben spricht.

  • ZDF, Sonntag, 4. Juli 2021, 19.30 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Samstag, 3. Juli 2021, 10.00 Uhr

    Texte

    Inhalt

    In der Gegenwart sterben hundert Mal mehr Arten aus als bei einer natürlichen, evolutionsbedingten Rate zu erwarten wäre. Seitdem Menschen auf der Erde existieren, befand sich die Natur noch nie in einem derart schlechten Zustand wie heute.

    "Wir erleben gerade das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier", erläutert Dirk Steffens. Der "Terra X"-Moderator war UN-Dekade Botschafter "Biologische Vielfalt" und gilt als engagierter Experte zum Thema Artenschutz. "Man muss sich das Leben auf der Erde wie ein Netz vorstellen, das uns alle trägt. Jede Art hat eine Funktion, so wie ein einzelner Faden. Wenn zu viele Fäden reißen, bricht alles zusammen. Die Menschheit ist gerade dabei, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten."

    Der Verlust der Insekten stellt beispielsweise die Bestäubung unserer Nutzpflanzen infrage. Gleichzeitig sorgt das Schwinden der Biodiversität im Erdreich für schlechteres Pflanzenwachstum. Menschen sind in vielfältiger Weise auf Pflanzen angewiesen, trotzdem lassen wir zu, dass heute eine von vier Arten vom Aussterben bedroht ist.

    Der UN-Report legt nicht nur die verheerenden Zahlen vor, sondern konstatiert auch in aller Deutlichkeit die Hauptgründe für das Artensterben: Lebensraumverlust, Massentierhaltung, Überfischung, Klimawandel und Verschmutzung durch Plastik und Pestizide wirken zusammen und richten viel Schaden an. Fünfundsiebzig Prozent der Landfläche, die nicht von einem polaren Eisschild bedeckt sind, wurden bereits vom Menschen in Siedlungsraum oder Anbaufläche umgewandelt. Die Konsumenten bestimmen durch die Waren, die sie im Supermarkt kaufen, mit, welche Arten verloren gehen.

    Das zerstörerische Verhältnis des Menschen zur Natur bringt jedoch nicht nur andere Arten und ganze Ökosysteme in Gefahr, sondern auch den Menschen selbst. Der Handel mit Wildtieren und die Vernichtung von Lebensräumen hat das Auftauchen von bislang unbekannten Krankheiten möglich gemacht.

    "Die aktuelle Pandemie ist nicht die letzte, mit der wir es in Zukunft zu tun bekommen werden", vermutet Dr. Fabian Leendertz, Epidemiologe am Robert Koch Institut und 2020 ausgezeichnet als "UN Champion of the Earth". "Gerade im tropischen Afrika gibt es eine große Nachfrage nach dem sogenannten Bush Meat, also Wildtierfleisch. Wenn die großen Tiere, die viel Fleisch liefern, dann weg sind, fangen die Jäger an, auch kleinere Tiere zu jagen: Nagetiere, Fledermäuse und Flughunde stehen zum Beispiel viel häufiger auf dem Speiseplan als früher. Und das sind Tiere mit einem großen Erregerspektrum".

    Alle Wissenschaftler in der "Terra X"-Dokumentation lassen nur eine Erkenntnis zu: Wir sind an einem Kipp-Punkt. Noch ist die Lage nicht aussichtslos. Die Liste der Gründe, jetzt zu handeln, erscheint allerdings lang.

    Die Ökonomin Prof. Maja Göpel, die als "Scientists for Future"-Repräsentantin und Spiegel Bestseller-Autorin Bekanntheit erlangte, ist sich sicher: "Wir leben in einer Scheinrealität, in der wir so tun, als könnten wir mit endlosen Ressourcen wirtschaften und als hätte unsere Lebensweise keine weiteren Folgen. Aber wir können auf diesem Planeten zusammenleben, ohne seine ökologischen Grenzen zu sprengen. Und dafür müssen wir nicht einmal an Lebensqualität einbüßen. So sollten wir alte Ideen, die sich als falsch erwiesen haben, endlich über Bord werfen, etwa unser auf ewiges Wachstum ausgerichtetes Wirtschaftssystem. Stattdessen brauchen wir eine neue Lebensweise, die mit der Realität endlicher Ressourcen vereinbar ist."

    "Die Zusammenhänge müssen uns gerade in einer Zeit der Pandemie klar werden und zum Handeln anregen"
    Interview mit Dr. Fabian Leendertz, Epidemiologe am Robert Koch Institut

    Woher kommen die Pandemien der Gegenwart?

    Wir haben ja eine ganze Menge pandemische Begleiter unter uns, und diese Erreger begleiten uns teilweise schon sehr lange. Prominentes Beispiel sind die Masernviren, die ursprünglich von Rindern stammen – das ist allerdings schon 2500 Jahre her, seit diese Viren den Sprung zum Menschen geschafft haben. Ein anderes bekanntes Beispiel ist HIV, das beim Menschen Aids hervorruft und das ursprünglich vom Schimpansen stammt.

    Und jetzt ist, ganz aktuell, auch das SARS-CoV-2-Virus zu nennen, das auch aus dem Tierreich stammt. Woher genau wissen wir allerdings nicht.

    Wenn die Viren schon immer existierten, wieso kam es nicht schon viel früher zu Pandemien?

    Es gab immer schon sowohl lokal begrenzte Epidemien, wie zum Beispiel Ebola in Westafrika, als auch weltweite Pandemien. Sie sind eigentlich nichts Neues, wenn wir zum Beispiel an die Influenza denken. Auch HIV ist eine Pandemie, also überall in der Welt zu finden.

    Für das Entstehen von neuen Pandemien sind heute verschiedene Faktoren wichtig: Auf der einen Seite dringen wir Menschen immer weiter in die entlegensten Gegenden der Welt ein und kommen dort in Kontakt mit Arten, mit denen wir früher keinen Kontakt hatten. Der zweite wichtige Faktor ist, dass man es heutzutage weltweit mit einer großen menschlichen Bevölkerung zu tun hat, die in engem Kontakt miteinander steht, Stichwort Globalisierung.

    Außerdem hat die Mobilität zugenommen. Wir wissen alle, wie leicht so ein Erreger von einem Kontinent zum nächsten reisen kann – vor allem im Vergleich zu früher, wo so etwas eben wesentlich länger gedauert hat. Für das SARS-CoV-2-Virus war die Menschheit einfach ein riesiges Büffet, an dem es sich bedienen konnte.

    Was muss denn passieren, damit ein Erreger überhaupt vom Tier auf den Menschen wechselt?

    Zunächst einmal muss man aufpassen, dass man nicht die Menschen vor Ort in den Risikogebieten für die Pandemien verantwortlich macht. Es gibt natürlich besondere Berufsgruppen, die in engen Kontakt zu Wildtieren treten – sowohl mit lebendigen Tieren, als auch mit frischgetöteten. Das sind zum Beispiel Bushmeat-Jäger, also Jäger, die tief in die Wälder eindringen, um alle Arten von Wildtieren zu erlegen. Das tun sie teilweise für den eigenen Bedarf, aber auch für den Handel in die großen Städte hinein oder sogar weltweit. Dann gibt es Berufsgruppen wie Holzfäller und Bauern, die ebenfalls in die Wälder vordringen und in einem betroffenen Habitat mit dem Erreger direkt in Kontakt kommen können – und auch Menschen, die in Wildtierfarmen arbeiten.

    Das Problem ist aber sowohl lokal als auch global zu sehen. Global wird immer mehr Material benötigt: Holz zum Beispiel, oder auch Tierfleisch. Lokal wird Lebensraum gebraucht, müssen Agrarflächen geschaffen werden. Es gibt leider viele Gründe, warum Menschen in Wälder vordringen und Lebensräume zerstören.

    Im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 hatte die Forschung fast von Beginn an die Fledermaus als möglichen Überträger im Blick. Was spricht für diesen Verdacht?

    Fledermäuse und Fledertiere sind eine sehr artenreiche Gruppe und jede Art hat ein bestimmtes Spektrum an Viren und Erregern, die sie mit sich herumträgt. Bei so vielen Arten ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch ein relevanter pathogener – also krank machender – Erreger dabei ist, natürlich sehr hoch. In Bezug auf die Coronaviren ist außerdem bekannt, dass einige Fledermausarten ein Reservoir für diese spezielle Virengruppe sind.

    Das ist für SARS-1 zum Beispiel sehr gut belegt. Die nächsten Verwandten des aktuellen SARS-CoV-2-Virus sind übrigens in ostasiatischen Hufeisennasenfledermäusen gefunden worden, was also auch räumlich gut passt. Die exakte Spezies wurde aber nicht gefunden. Das führt dazu, dass die Fledermaus zwar immer noch die Topverdächtige Nummer eins auf der Liste ist, aber der endgültige Beweis fehlt.

    Und selbst wenn wir belegen könnten, dass eine bestimmte Fledermausart am Anfang der Pandemie steht, ist natürlich nicht die Fledermaus an der Pandemie schuld. Es sind wir Menschen, die sich den Fledermäusen nähern, indem wir sie jagen oder denselben Lebensraum nutzen.

    Außerdem ist der Benefit, den wir von den Fledermäusen haben, ja viel größer als das Ansteckungsrisiko mit einzelnen Krankheiten. Denn sie verzehren Insekten, die uns wiederum andere Krankheiten bringen könnten. Die Fruchtfresser unter ihnen verbreiten Samen und sind für die Wälder von enormer Wichtigkeit. Hier sollten wir die Schuld nicht bei den Tieren suchen, sondern überlegen, wie wir mit ihnen in Einklang leben könnten.

    Wie häufig könnten uns in Zukunft weitere Pandemien treffen und wie können wir uns davor schützen?

    Ich bin kein Prophet, aber es ist natürlich extrem wahrscheinlich, dass wir auch in Zukunft noch Pandemien erleben werden. Es wäre ein Wunder, wenn Viren plötzlich aufhören würden, sich zu verbreiten. Wir haben schon zig Pandemien erlebt und das wird weitergehen. Die Gefahr ist natürlich dadurch gestiegen, dass die Bevölkerungsdichte weltweit so hoch ist und wir so viele Kontakte zueinander haben.

    Wichtig ist deshalb vor allem, dass wir uns besser auf kommende Pandemien vorbereiten. Wir müssen verstehen: Wo sind die Gefahrenpunkte? Wie kann man gegensteuern und das Risiko minimieren? Und da gibt es verschiedene Ansätze – sowohl vor Ort, in den Hochrisikogebieten, als auch in der Forschung in den Industrieländern, wo zum Beispiel darüber nachgedacht wird, Impfstoff auf Halde zu produzieren, so dass man einfach schneller reagieren kann. Oder auch Medikamente zu erarbeiten, die breit gegen mögliche pandemische Erreger – eben auch Viren – wirken.

    Es kann natürlich auch jeder einzelne etwas dafür tun, dass Menschen nicht so viel Lebensraum mit Wildtieren teilen müssen. Die Fragen lauten: Was esse ich? Muss ich so viel Fleisch essen? Wieviel muss ich reisen? Welches Holz nutze ich für meine Gartenmöbel? Die Liste ist lang und hinreichend bekannt. Aber die Zusammenhänge müssen uns, vielleicht gerade in einer Zeit der Pandemie, noch klarer werden und zum Handeln anregen.

    Das Interview führte Ruth Omphalius.

    "Artenschutz und Schutz der Lebensräume bedeuten auch Sicherung unserer Existenz"
    Interview mit Prof. Maja Göpel, "Scientist for Future"-Repräsentantin und Spiegel Bestseller-Autorin

    Welche Rolle spielt die Globalisierung bei der Zerstörung der Lebensräume?

    Das Problematische ist, dass wir einen Zugriff auf viele Territorien dieses Globus ermöglicht haben, um Lebensstile in einer Ressourcenintensität zu ermöglichen, die im eigenen Land ja gar nicht möglich gewesen wären. Wir produzieren alles an allen Orten dieser Welt und schippern es überall durch die Gegend. Extensiv genutzt werden die Ressourcen letztlich in den reichen Epizentren.

    Bei der Frage, wie die Globalisierung sich auf die Natur auswirkt, darf man also nie vergessen, wo im Endeffekt die Ressource konsumiert wird. Auf Bolsonaro zu zeigen und zu sagen, der fackelt den Amazonas ab, aber das hat nichts mit unserer Rinderproduktion und dem Soja, das wir dafür brauchen, zu tun, das ist nicht ehrlich.

    Welche Anreize könnte man schaffen, um z.B. Bolsonaro von der Abholzung des Regenwaldes abzuhalten?

    Es gibt einerseits Möglichkeiten, unsere direkten Handelsabkommen mit Nachhaltigkeitskriterien auszustatten, andererseits könnte ganz grundsätzlich der Wert des Naturgutes in allen Handelsverträgen der Europäischen Union verankert werden – mit Brasilien beispielsweise.

    Wie könnten wir denn einen Weg aus der Krise finden, der uns ökologisch und ökonomisch weiterbringt? Haben Sie konkrete Lösungsansätze dazu?

    Gerade jetzt in der Coronakrise entwickelt sich eine Rückbesinnung auf das Biologische, auf das Natürliche, aus dem ganzen klaren Empfinden unserer Vulnerabilität heraus.

    Eine regenerative Wirtschaftsagenda muss sich jetzt bemühen, die lebendigen Systeme auf diesem Globus zu stärken. Wir wollen einen Wiederaufbau. Die UN-Dekade der Restauration und Regeneration der Ökosysteme, hat Anfang 2020 begonnen und wäre in mehrfacher Hinsicht zukunftsweisend. Sie würde unsere Resilienz steigern, die natürliche Wertschöpfung und eine Versorgungssicherheit für die Menschen in der Zukunft.

    Artenschutz und Schutz der Lebensräume bedeuten auch Sicherung unserer Existenz. Wieso sind so viele Personen Risikopatienten bei uns? Was hat das mit unserer Ernährung zu tun? Wie können wir uns artgerechter halten, damit unsere eigenen Körper wieder gesünder und lebendiger werden? Warum gehen wir so einem komischen „Bequemlichkeits-Narrativ“ auf den Leim genauso wie einer "Pillepallisierung" der menschlichen Potenziale durch digitale Endgeräte? Was sollte eigentlich wachsen, damit die Lebendigkeit wieder ins Zentrum von wirtschaftlicher Entwicklung kommt?

    Sind Artenschutz und Klimaschutz überhaupt bezahlbar?

    Die Frage, ob Pflanzenschutz und Klimaschutz bezahlbar ist, bedeutet ja gar nicht zu sehen, was in der Natur ohne unser Zutun eigentlich an Wertschöpfung stattfindet. Alleine die Bestäubung von Blüten und die damit entstehenden Nahrungsmittel sind mit 150 Milliarden Euro im Jahr zu veranschlagen. Das ist mehr als die Gewinne von den vier großen Digitalkonzernen im gleichen Jahr. Das heißt, wieso kann man sich das Eine leisten und das Andere dafür aber zerstören?

    Global betrachtet sind es 125 bis 145 Billionen pro Jahr, die dieser Bioreaktor für uns an Ökosystemdienstleistungen bereitstellt. Und was machen wir? Wir steigern das Bruttoinlandsprodukt und senken damit all die Potenziale. Wir bauen ganz viele ökologische, natürliche Systeme um, damit sie in unsere Wertschöpfungslogik hereinpassen. Das heißt, wir müssen die Oberfläche des Planeten einmal ganz umdrehen, damit Wachstum hinten herauspoltert. Und dann nennen wir dann ein erfolgreiches Entwicklungsmodell.

    Das Interview führte Uta von Borries.

    Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information Telefon: 06131 – 70-16100, und unter https://presseportal.zdf.de/presse/terrax

    Weitere Informationen

    "Terra X plus Schule" in der ZDFmediathek: Schule.zdf.de

    "Terra X plus" bei YouTube: kurz.zdf.de/A26/

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    "Terra X" in der ZDFmediathek: terra-x.zdf.de

    "Terra X" bei YouTube: youtube.com/c/terra-x

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