Terra X: Der Dreißigjährige Krieg

Zweiteilige Dokumentation

Der Dreißigjährige Krieg ist als Urkatastrophe der deutschen Geschichte bezeichnet worden – nicht zuletzt wegen seiner Brutalität und seiner Dauer. Vierhundert Jahre nach dem Ausbruch des Krieges findet der neue "Terra X"-Zweiteiler über sogenannte Ego-Dokumente – Selbstzeugnisse, in denen Menschen ihre persönlichen Wahrnehmungen niedergeschrieben haben wie Tagebücher und Briefe zum Beispiel – einen neuen Zugang zu den verheerenden Ereignissen und berichtet so aus der Sicht der einfachen Menschen.

  • ZDF, Sonntag, 9. und 16. September 2018, jeweils 19.30 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Samstag, 8. September 2018, 19.30 Uhr

Texte

Stab, Inhalt

Sonntag, 9. und 16. September 2018, jeweils 19.30 Uhr

Terra X: Der Dreißigjährige Krieg

Zweiteilige Dokumentation

Buch: Ingo Helm
Regie:
Volker Schmidt-Sondermann
Kamera:
Ralf Gemmecke
Ton:
Nicolai Herrmann, Malte Sänger
Oktokopteraufnahmen:
Fluglinse
Animationen:
Kawom!
Musik:
Mathias Rehfeldt
Schnitt:
Jörg Becker, Igor Marinuk
Line Producer Rumänien:
Martin Papirowski
Producerin:
Melanie Weiß
Produzentin: Andrea Haas-Blenske
Fachberatung:
Prof. Franz Brendle
Redaktion:
Georg Graffe, Claudia Moroni
Leitung der Sendung:
Friederike Haedecke
Länge
: 43'30

Was 1618 mit dem Prager Fenstersturz als lokaler Konflikt in Böhmen begann, entwickelte sich zu einem Krieg von bis dahin unbekannter Dimension. Alle wichtigen Mächte Europas waren an ihm beteiligt. Schlachten, Misshandlungen der Zivilbevölkerung, dazu vom Krieg ausgelöste Hungersnöte und Seuchen entvölkerten weite Teile Deutschlands. Erst 1648 wurde der Krieg durch den Westfälischen Frieden beendet.

Auf der einen Seite standen der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, einige Reichsfürsten und das verbündete Spanien. Auf der anderen Seite standen deutsche Landesfürsten, die Niederlande, sowie zeitweise Frankreich, Dänemark und Schweden: eine europäische Allianz, die der drohenden Übermacht des Kaisers die Stirn bot.

Der Dreißigjährige Krieg war kein reiner Religionskrieg – es ging um die Macht in Europa. Ausgetragen wurde er auf deutschem Boden, auf Kosten der Zivilbevölkerung, und so hieß es: "der Krieg ernährt den Krieg". Riesige Söldnerheere zogen marodierend durch Deutschland. Und erst als das Land völlig ausgeblutet war, fand die Vernichtung ein Ende.

In den letzten Jahren wurden immer mehr "Ego-Dokumente" entdeckt. Einfache Menschen berichten darin von ihrem Leben im Krieg: ein Bauer, ein Schuster, ein Kind, ein Söldner, eine Müllerin, ein Jesuitenpater, eine Soldatenfrau. Der neu produzierte "Terra X"-Zweiteiler schafft über diese Ego-Dokumente einen neuen Zugang zum Dreißigjährigen Krieg und gibt den einfachen Menschen ein Gesicht und eine Stimme. Die Berichte werfen immer wieder existenzielle Fragen auf. Wie können Menschen so viel Schreckliches aushalten? Sind sie durch den Krieg völlig verroht? Wo bleibt das Mitgefühl, die Empathie? Gibt es Solidarität mit Flüchtlingen? Auch über Wallenstein und Gustav Adolf, Kaiser Ferdinand II. und Kardinal Richelieu berichtet "Terra X". Im Mittelpunkt aber stehen die Erlebnisse der Bevölkerung. Die eindrucksvollen Quellen sprechen von Überlebensstrategien, listigen Rettungen, von Selbst- und Nachbarschaftshilfe. Mit ihnen ist es möglich, ein authentisches Bild dieser dreißig Jahre zu zeichnen. Durch aufwendige Spielszenen und Animationen wird die Wirklichkeit dieser Zeit verständlich gemacht und zum Leben erweckt.

Folge 1: Tagebücher des Überlebens

Sonntag, 9. September 2018, 19.30 Uhr

Terra X: Der Dreißigjährige Krieg

Zweiteilige Dokumentation

1. Tagebücher des Überlebens

Der Schuster Hans Heberle sah bei Ulm einen Kometen – ein Vorzeichen schrecklichen Unheils. Etwa zur gleichen Zeit im Jahr 1618 gab der Prager Fenstersturz den Zündfunken zum großen Krieg. Wenig später erlebte Heberle die wohl erste galoppierende Inflation der mittel­europäischen Geschichte, die "Kipper- und Wipperzeit". Und er erlebte, wie überall Söldner angeworben wurden. Unter ihnen war auch Peter Hagendorf, der genauso wie Heberle Tagebuch führte. Ihre Erlebnisse werden in beiden Teilen der Dokumentation erzählt. Hagendorf verbrachte in Stade schier endlose Zeiten mit Warten im Lager und musste zeitweise hungern.

Mit dem Eingreifen des schwedischen Königs Gustav II. Adolf trat der Krieg in eine neue Phase ein. In Magdeburg erlebte der zwölfjährige Daniel Friese 1631 die Einnahme der Stadt durch die Kaiserlichen – ein erster, trauriger Höhepunkt der Kriegsgräuel. "Magdeburgisieren" war noch bis ins vergangene Jahrhundert ein geläufiger Ausdruck für Plündern, Brandschatzen und Morden ohne Gnade.

Ein weiterer Zeitzeuge, Pater Caspar Wiltheim, war bemüht, die entfesselte Gewalt der Söldner in Magdeburg zu bremsen. Einer Frau, die bei ihm Schutz vor Vergewaltigung suchte, half er aber erst, nachdem sie sich mit einem "Ave Maria" zum katholischen Glauben bekannte. Der Söldner Peter Hagendorf wurde beim Kampf um Magdeburg verwundet. Ein Feldscher entfernte die Kugel aus der Wunde, Hagendorf überlebte – Anlass, um in der Dokumentation den Möglichkeiten der Chirurgie im 17. Jahrhundert nachzugehen.

In Schwabach bei Nürnberg erlebte die 30-jährige Müllerin Anna Wolf den Angriff der kaiserlichen Streitmacht. Aus Angst vor Vergewaltigung versteckte sie sich auf dem Dachboden ihrer Mühle. Von dort aus beobachtete sie das Wüten der Soldaten bei der Einnahme der Stadt. Und sie rettete den Bürgermeister vor der Todesdrohung der Kaiser­lichen. Deren Befehlshaber war der berühmt-berüchtigte Wallenstein, ein zeitweise äußerst erfolgreicher Kriegsunternehmer, gewissermaßen der Urvater aller Warlords.

Doch Wallenstein wird Opfer einer Verschwörung. 1634 ermordete ihn einer seiner Offiziere. Und der schwäbische Schuster Hans Heberle musste mit seiner Familie immer wieder vor der plündernden und mordenden Soldateska fliehen.

Folge 2: Verwüstung und Versöhnung

Sonntag, 16. September 2018, 19.30 Uhr

Terra X: Der Dreißigjährige Krieg

Zweiteilige Dokumentation

2. Verwüstung und Versöhnung

Mit Hans Heberle, dem schwäbischen Schuster, und seiner Familie beginnt der zweite Teil. Heberle muss mehrfach fliehen, zunächst in den Wald. Ein Experiment im Film zeigt, ob und wie man im Wald überleben kann. Später suchte die Familie Schutz hinter den vermeintlich sicheren Mauern der Stadt Ulm, wo sie jedoch die schrecklichen Auswirkungen der Pest aus nächster Nähe erlebten. Die damaligen "Schutzmaßnahmen" gegen die Seuche reichten von Quarantäne bis zu Hexenverbrennungen.

Bei Lützen trafen die Schweden und die Kaiserlichen zu einer großen Schlacht aufeinander. Gustav II. Adolf, der schwedische König, wurde dort tödlich getroffen. Anhand eines Massengrabes, das von Archäologen geborgen wurde, wird die Kriegswirklichkeit im Film lebendig. Wissenschaftler können aus den Funden sogar einzelne Lebensläufe rekonstruieren.

In der Schlacht bei Nördlingen wurden die Schweden vernichtend geschlagen. Doch durch das Eingreifen Frankreichs sollte der Krieg noch verheerende vierzehn Jahre lang weitergehen.

Das Beispiel der Elisabeth Gemmeroth, verheiratete Gneupel, zeigt, was es für eine Soldatenfrau bedeutete, ihren Mann im Tross des Heeres jahrelang zu begleiten. Mit ihm, einem sächsischen Rittmeister, bildete sie eine zeittypische Überlebensgemeinschaft. Bis sie 1636 während der Schlacht von Wittstock an der Dosse auf der Flucht von einer Kugel getroffen wurde. Nur ihr jüngster Sohn blieb am Leben.

Der Söldner Peter Hagendorf entwickelte eine einfache, aber wirkungsvolle Überlebenstechnik: Er hielt sich immer möglichst nah bei seinen Vorgesetzten auf. Auch er hatte im Tross seine Frau bei sich. Als sie krank wurde, kümmerte sich der raue Söldner und Haudegen rührend um sie und opferte für ihre Versorgung sogar sein Pferd. Seine endlosen Märsche führten ihn auch nach Amöneburg bei Marburg. Dort lebte der Bauer Caspar Preis, der wie Millionen seiner Zeitgenossen von Plünderungen schwer gebeutelt war. Als ihm sein letztes Pferd im Stall geraubt wurde, musste er sich mit seinem Sohn und seinem Knecht selbst vor die Egge spannen, um sein Feld bestellen zu können.

Am Ende des zweiten Teils stehen die Friedensverhandlungen von Münster und Osnabrück. Daniel Friese, der als Kind die Einnahme von Magdeburg miterleben musste, war als Mitglied einer kleinen Delegation dabei. 1648 waren die jahrelangen Verhandlungen endlich erfolgreich und Frieden wurde geschlossen. Aber dem Söldner Peter Hagendorf war nicht zum Feiern zumute, zu viel Schreckliches hatte er erlebt. In dem verwüsteten Land konnte er froh sein, mit dem Leben davongekommen zu sein.

"Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entflechtung von Religion und Politik"
Interview mit Historikerin Prof. Barbara Stollberg-Rilinger

Frau Prof. Barbara Stollberg-Rilinger ist eine vielfach ausgezeichnete Historikerin an der Universität von Münster. Zu ihren Forschungsgebieten gehören unter anderem Politik und Religion im 17. Jahrhundert. Prof. Barbara Stollberg-Rilinger ist Expertin in der zweiteiligen "Terra X"-Dokumentation.

Muss man sich heute überhaupt noch mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigen, er ist doch so weit weg?

Ich denke, es ist grundsätzlich gut, wenn man solche historischen Phänomene kennt, weil das eine gewisse Distanz zu dem schafft, was gegenwärtig passiert. Man hält die Gegenwart dann nicht mehr für selbstverständlich. Die Kenntnis der Geschichte eröffnet Vergleichsmöglichkeiten. In diesem Sinne kann man aus Geschichte immer lernen. Und auch wenn man daraus keine unmittelbaren Handlungsanweisungen ableiten kann, so schärft es doch die Urteilskraft. Heute erleben wir ja wieder hochkomplexe Konflikte, etwa im Nahen Osten, wo ebenfalls unzählige Mächte miteinander verknäuelt sind. Der Westfälische Frieden zeigt, dass es selbst in scheinbar hoffnungslos verfahrenen Situationen trotzdem gelingen kann, zu einer friedlichen Lösung zu kommen.

Wie kommt es zum Dreißigjährigen Krieg?

Der Dreißigjährige Krieg war eigentlich nicht ein einziger Krieg, sondern bestand aus einem ganzen Bündel von unterschiedlichen Konflikten. Als er ausbrach, war er zunächst einmal ein lokaler Konflikt zwischen den böhmischen Ständen und den Habsburgern. Dass daraus ein Dreißigjähriger Krieg entstehen würde, wusste niemand. Ich würde sagen, dass drei gravierende Konflikte den Dreißigjährigen Krieg genährt haben. Da ist einmal der konfessionelle Konflikt – vor allem zwischen dem katholischen Kaiserhaus in Wien und den protestantischen Mächten in Europa. Der zweite ist, damit eng verbunden, ein Verfassungskonflikt. Das heißt: Wie weit reicht die Macht des Kaisers? Wie weit reicht die Freiheit der einzelnen Fürsten im Römisch-Deutschen Reich? Die dritte Ebene, die das Ganze fatalerweise dann zu einem europäischen Konflikt gemacht hat, ist die machtpolitische Ebene – vor allem zwischen dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und Spanien einerseits und den Königen von Frankreich und Schweden andererseits.

Was bedeutete der Krieg für die deutsche Bevölkerung?

Der Krieg war nicht für alle Regionen Deutschlands gleichermaßen zerstörerisch. Es gab durchaus auch Gegenden, die relativ verschont geblieben sind. Aber insgesamt kann man doch sagen, dass er eine im wahren Wortsinn verheerende Wirkung hatte. Die Heere haben sich durch das Land gewälzt und dabei alles vernichtet und aufgezehrt. Das ist, glaube ich, ein Kernelement dieses Krieges. Es ging gar nicht so sehr um Schlachten, die geschlagen wurden. Die waren eigentlich die Ausnahme. Das Verheerende – gerade für die deutsche Bevölkerung – war, dass die Heere die Lebensgrundlagen der Menschen zerstörten. Das bedeutete eben eine unglaubliche Unsicherheit auf allen Gebieten des Alltagslebens. Die überwältigende Mehrheit der Menschen wusste überhaupt nicht, was da genau vor sich ging. Man suchte stattdessen einen religiösen Sinn in dem Ganzen: Gott straft die sündigen Menschen.

Kann man beim Dreißigjährigen Krieg von einer deutschen Urkatastrophe sprechen, die heute noch spürbar ist?

Man spricht in der Tat gern von der deutschen Urkatastrophe. Die Frage ist, was das eigentlich genau bedeutet. Sicher war das ein Krieg, der zum ersten Mal wirklich einen Großteil der deutschen Bevölkerung irgendwie betroffen hat und in erster Linie auf deutschem Boden ausgetragen wurde; insofern "deutsche" Urkatastrophe. Schon die Zeitgenossen haben den Dreißigjährigen Krieg als "Teutschen Krieg" bezeichnet. Als Urkatastrophe wird er gesehen, weil die Zersplitterung des Reiches dadurch zementiert worden sei. So hat das zumindest die Nationalgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert gesehen. Zugleich ist vor allem im 19. Jahrhundert die Erinnerung an den Schwedenkönig Gustav Adolf sehr gepflegt worden. Er war der Held des Protestantismus. Und auch die Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts war noch sehr lange von dem Gegensatz "katholisch versus protestantisch" geprägt. Die alten Fronten sind gewissermaßen in der Geschichtsschreibung fortgesetzt worden. Heute sehen die Historiker das alles etwas anders. Die Frage ist aber auch, wie lebendig dieser Krieg in der kollektiven Erinnerung tatsächlich noch ist. Und das ist nicht so leicht zu beantworten. Man könnte allerdings darauf verweisen, dass der Krieg als Stoff in vielen literarischen Werken verarbeitet worden ist, sogar bis in die jüngste Zeit zum Beispiel in Daniel Kehlmanns Buch "Tyll", aber auch in den Werken von Grimmelshausen, Günter Grass und vielen anderen.

Wie kommt es 1641 zu ernsthaften Friedensbemühungen?

Es hat schon vorher immer mal wieder Friedensbemühungen gegeben – der Lösung am nächsten war sicher der sogenannte Prager Frieden im Jahr 1635. Zu den Friedensbemühungen 1641 kam es, weil gegen Ende des Krieges für alle Seiten immer klarer wurde, dass dieser Krieg nicht wirklich zu gewinnen war. Für niemanden. Und dass man irgendwie aus dieser verfahrenen Situation herauskommen musste. Deshalb gab es dann zunehmend Bestrebungen, einen allgemeinen Friedenskongress zustande zu bringen. Gemeinhin ist es so, dass man dazu zunächst einmal einen Waffenstillstand vereinbart und dann auf dieser Grundlage versucht, zu verhandeln. Damals war es so, dass während der ganzen Friedensverhandlungen, die sich über Jahre hinzogen, nie ein Waffenstillstand geschlossen wurde. Das heißt, während in Osnabrück und Münster verhandelt wurde, wurde gleichzeitig der Krieg fortgesetzt. Die einzelnen Parteien haben bis zuletzt versucht, Vorteile zu erkämpfen, die sie dann in den Verhandlungen in eine überlegene Situation bringen sollten. Das war natürlich fatal.

Welche Bedeutung hat der Westfälische Frieden von 1648 für die heutige Zeit?

Wenn ich sagen soll, was der Westfälische Frieden für mich bedeutet, dann, dass er ein großer Schritt auf dem Weg zur Entflechtung von Religion und Politik war. Er bedeutete noch keine vollständige Trennung, wie wir sie im modernen Verfassungsstaat haben, aber er war doch ein wichtiger Schritt in diese Richtung, in die Richtung religiöser Toleranz – Toleranz in dem Sinne, dass die politische Obrigkeit nicht über das Gewissen ihrer Untertanen zu herrschen hat. Da ist der Westfälische Frieden ein Meilenstein. Er hat zu etwas geführt, was ich für eine große Errungenschaft moderner Staatlichkeit halte: dass Staaten wahrheitsneutral sind und sich nicht in die Religion der Bevölkerung einmischen, sondern vielmehr dafür sorgen, dass jeder seinen Glauben privat leben kann.

Die Fragen stellte Claudia Moroni.

"Den Krieg erstmals aus Sicht der einfachen Leute zeigen"
Interview mit Dr. Christian Pantle

Dr. Christian Pantle ist Chefredakteur des Monatsmagazins G/Geschichte und Autor des Spiegel-Bestsellers "Der Dreißigjährige Krieg – Als Deutschland in Flammen stand". In seinem Buch beschreibt er anhand sogenannter Ego-Dokumente den Krieg aus der Perspektive der einfachen Soldaten und Zivilisten. Dr. Christian Prantle ist Experte in der zweiteiligen "Terra X"-Dokumentation.

Was ist ein Ego-Dokument, und was ist das Besondere daran?

Ego-Dokumente sind Selbstzeugnisse, in denen Menschen ihre persönlichen Wahrnehmungen niedergeschrieben haben. Tagebücher und Briefe zum Beispiel, aber auch Strafprozessakten oder Chroniken. Das Besondere an den Ego-Dokumenten aus dem Dreißigjährigen Krieg ist, dass sie erstmals den Krieg "von unten" zeigen. Frühere Konflikte oder Ereignisse kennt man fast nur von oben: anhand der Berichte von Gelehrten, Feldherrn, Adeligen oder Königen. Die Sicht der einfachen Menschen, der wahren Leidtragenden oder Täter vor Ort, blieb uns bis dahin weitgehend versperrt. Die Selbstzeugnisse aus dem Volk, die es gerade aus dem Dreißigjährigen Krieg in einer Dichte wie nie zuvor gibt, eröffnen völlig neue Einblicke: Wie war es, im Krieg zu sein, wie hat man da gelebt, was haben die Menschen gefühlt, wovor hatten sie Angst? Ich bin mir sicher, wenn es aus der Antike Ego-Dokumente wie aus dem Dreißigjährigen Krieg gäbe, dann hätten wir ein ganz anderes Bild von den damals Handelnden wie Hannibal, Julius Cäsar oder Kaiser Augustus.

Ein Ego-Dokument, das dem Film zugrunde liegt, hat Hans Heberle verfasst. Wie hat er den Krieg erlebt?

Von Hans Heberle wissen wir, dass er Schuhmacher in einem kleinen Ort in der Nähe von Ulm war. Wir wissen auch, dass er ein überzeugter Protestant war. Persönlich erlebte er das Grauen des Krieges erst ab 1634, als nach der Schlacht von Nördlingen die siegreiche katholische Armee das Land überrollte. Damals musste er zum ersten Mal fliehen. Er beschreibt eindrücklich, wie er rechtzeitig gewarnt wurde und mit Frau und Kindern mehrmals in Ulm Zuflucht fand. Von ihm erfahren wir, dass die Stadt völlig überfüllt war, Seuchen grassierten, und dass es kaum etwas zu essen gab. Binnen eines Jahres starben vier seiner damals fünf Kinder, fünf seiner Geschwister, sein Vater und seine Schwiegermutter. Bis zum Ende des Krieges 1648 floh Hans Heberle mit seiner Familie insgesamt 30 Mal. Er selbst überlebte den Krieg und starb erst 1677 im Alter von fast 80 Jahren.

Gibt es in Heberles Aufzeichnungen noch andere wichtige Erkenntnisse zum Dreißigjährigen Krieg?

Auffällig sind Heberles Reaktionen, als der Krieg zu Ende ging. Sie zeigen, dass die einfachen Menschen damals den Krieg ganz anders erlebt haben als die Könige und Feldherrn. Man kann den überwältigenden Wunsch nach Frieden spüren. Für Heberle war der Frieden das absolut Gute und der Krieg das absolut Böse. Ohne Wenn und Aber. Es gab für ihn kein Konzept von einem gerechten Krieg mit ehrenhaftem Kampf, von dem man so oft in höheren Kreisen liest. 1649, nach Friedensschluss, hat sich laut Heberle "alles zu freuen und den Frieden zu genießen" – Reich und Arm, Jung und Alt, Frau und Mann, sogar das "liebe Vieh". Da zeigt sich ein pazifistisches Denken, das noch heute in unserem Kulturgut tief verankert ist, trotz aller Rückschläge, die es immer wieder gab. Dass Krieg unbedingt vermieden werden muss, diese Überzeugung wurzelt meiner Meinung nach auch in den Erfahrungen aus dem Dreißigjährigen Krieg.

Das bekannteste Ego-Dokument stammt aus der Feder von Peter Hagendorf. Wer war er?

Peter Hagendorf war ein Söldner, der auf beiden Seiten gekämpft hat, sowohl für die kaiserlich-katholische als auch für die protestantisch-schwedische Armee. Er heuerte 1625 erstmals beim Heer an und marschierte dann 23 Jahre lang bis Kriegsende von einem Schlachtfeld zum nächsten. In seinem Tagebuch offenbart er nur selten Gefühle – selbst beim Tod von acht seiner zehn Kinder. Die Kämpfe beschreibt er oft beschönigend. Wenn zum Beispiel mit schweren Geschützen geschossen wurde, heißt das bei ihm: "Sie haben mit Kanonen gespielt". Und als er und seine Kameraden eine Festung überfallen sollten und die Attacke scheiterte, schreibt er: "Sie haben uns mit Kanonen den Weg gewiesen, und wir haben wieder fortgemusst". Er zeigt also eine recht distanziert-ironische Haltung, und er sah den Krieg offensichtlich ganz pragmatisch als Job, als Beruf. Das Plündern, Töten und Getötetwerden war dabei einfach Teil der Jobbeschreibung. Hass auf den Gegner lässt er nicht erkennen.

Hagendorf war beim Sturm auf Magdeburg dabei. Was hat er erlebt?

Der Sturm auf Magdeburg nimmt in seinem Tagebuch einen auffallend großen Raum ein. Er beschreibt, wie er stürmend heil in die Stadt hineinkam, dann aber von zwei Kugel getroffen wurde. Eine ging von vorne durch den Bauch, die andere durch beide Achseln. Er wurde dann herausgebracht, vom Feldchirurgen brachial operiert und rang mit dem Tod. In dieser verzweifelten Situation fasste seine Frau Anna Stadlerin einen bemerkenswerten Entschluss: Sie ging in die brennende Stadt, um anstelle ihres Mannes zu plündern. Für Söldner war es überlebenswichtig, Beute zu machen. Sold wurde nur unregelmäßig gezahlt, die Verpflegung war zum Teil erbärmlich schlecht, einfach wegen der miesen Logistik in der damaligen Zeit. Hagendorf schildert dann stolz, dass seine Frau Anna eineinhalb Stunden später wiederkam und Bettzeug, Kleider, Wein und zwei silberne Gürtel erbeutet hat.

Hagendorf hat den Krieg überlebt. Wie hoch war die Sterblichkeitsrate unter Soldaten?

Es gibt eine schwedische Statistik, nach der im Dreißigjährigen Krieg ein Soldat im Schnitt drei Jahre und vier Monate überlebt hat. Also ist jedes Jahr etwa ein Drittel der Soldaten gestorben. Dass Hagendorf 23 Kriegsjahre überstanden hat, ist erstaunlich und mit Sicherheit die Ausnahme. In der Zeit ist er kreuz und quer durch Mitteleuropa gezogen, von Norditalien bis an die Ostseeküste, vom heutigen Polen bis kurz vor Paris. Er hat dabei mindestens 22.400 Kilometer zurückgelegt, ist gleichsam einmal um die halbe Welt marschiert. Er war immer auf Achse, immer unterwegs – bis zum Kriegsende. 

Was wurde aus Hagendorf nach Ende des Krieges?

Hagendorf äußert über den Frieden weder Freude noch Trauer. Er nahm ihn hin wie alles andere – wie die Todesfälle, die Schlachten. Der Friede war dann einfach da. Er wusste, er muss sich jetzt einen neuen Job suchen. Sein Tagebuch endet damit, dass er 1649 aus Memmingen herauszieht, mit seiner Frau, seinen beiden überlebenden Kindern und einem Esel. Dann bricht das Tagebuch ab. Die letzten drei Blätter sind verloren. Lange Zeit wusste man nicht, was aus Hagendorf und seiner Familie geworden ist. Erst seit diesem Sommer kennen wir Kirchenbucheinträge in Görzke im heutigen Brandenburg, nach denen Hagendorf und seine Familie 1649 dort hingezogen sind. Hagendorf wurde Richter und Bürgermeister des Ortes und starb wohl hoch angesehen 1679 im Alter von 77 Jahren.

Die Fragen stellte Claudia Moroni.

Fotos

Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und über https://presseportal.zdf.de/presse/terrax

Weitere Informationen

Die beiden Folgen sind vorab ab Samstag, 8. September 2018, 19.30 Uhr, unter terra-x.zdf.de in der ZDFmediathek abrufbar.

terra-x.zdf.de

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