Copyright: ZDF / Raimonds Birkenfelds
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Terra X: Ein Tag in ...

Neue dreiteilige Reihe

In der neuen dreiteiligen Reihe "Ein Tag in ..." erzählt "Terra X" aus dem Alltag einer Kölner Hebamme im Jahr 1629, eines Pariser Perückenmachers im Jahr 1775 und eines Berliner Polizisten im Jahr 1926.

  • ZDF, Ab 24. Februar 2019, sonntags, 19.30 Uhr
  • ZDF Mediathek, Die Dokumentationen sind ab Samstag, 23. Februar 2019, 19.30 Uhr, in der ZDFmediathek abrufbar.
  • ARTE, Ab Samstag, 23. Februar 2019, 20.15 Uhr

Texte

Die Sendetermine und -titel

Sonntag, 24. Februar 2019, 19.30 Uhr
Terra X: Ein Tag in Köln 1629

Sonntag, 3. März 2019, 19.30 Uhr
Terra X: Ein Tag in Paris 1775

Sonntag, 10. März 2019, 19.30 Uhr
Terra X: Ein Tag in Berlin 1926

Folge 1: Terra X: Ein Tag in Köln 1629

Sonntag, 24. Februar 2019, 19.30 Uhr

Folge 1: Terra X: Ein Tag in Köln 1629

Stab

Buch Jochen Ruderer, Jens Afflerbach
SzenenregieSigrun Laste
DokuregieArne Peisker
RegieassistenzKrustaps Krūmiņš
Kamera Jürgen Rehberg, Arsenij Gusev
Kamera-AssistenzHannes Hirsch, Dominik Böhm
Sounddesign & TonmischungHelen Neikes
SchnittFranziska Menz, Ronald Rist
CGIFritz Göran Vöpel, Martin Wolkinger, Stefan Matlik
Szenenbild Algirdas Garbaciauskas
KostümeLiga Krasone
Maske Dzintra Bijubena
Sprecher Thomas Balou Martin
Wissenschaftliche BeratungDr. Max Plassmann
MitarbeitRagna Wolf, Frauke Gimbel
Produktionskoordinator Daviel Alonso Garcia, Lita Bernarde
Produktionsleitung Mirko Mikelskis, Tomas Makaras
Serviceproduktion LettlandFilm Studio Devini
Herstellungsleitung Jens Freels
Produktionsleitung ZDF Cora Szielasko-Schulz, Freda Wiethoff
Produzent Jens Afflerbach
Produktion STORY HOUSE Productions GmbH, gefördert durch
Stadtverwaltung Riga und National Film Center of Latvia
Archive Stadtarchiv Überlingen, Universität Göttingen, Universalmuseum Joanneum Graz, Getty Images
RedaktionClaudia Moroni (ZDF), Peter Allenbacher (ZDF/ARTE)
Längeca. 43 Minuten

Mit Julia Thurnau als Anna Stein

Inhalt

Der Alltag der Hebamme Anna Stein steckt voller Herausforderungen. Wie es ihr in Köln im Jahr 1629 ergangen ist, erzählt die erste Folge des neuen "Terra X"-Dreiteilers "Ein Tag in …".

"Ein Tag in Köln 1629" führt in die damals freie Reichsstadt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in der die Hebamme Anna Stein arbeitet. Für ihre Patientinnen ist sie 24 Stunden am Tag im Einsatz. Der Film dokumentiert ihr Leben, das sie zwischen Glaube, Aberglaube und Wissenschaft führt.

1629 ist das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ein Flickenteppich aus über 300 Territorien. Der Dreißigjährige Krieg verwandelt es in ein Schlachtfeld. Weite Landstriche werden verwüstet und entvölkert. Köln ist für alle Kriegsparteien ein wichtiger Handelspartner und bleibt deshalb von direkten Kampfhandlungen verschont. Dennoch schlägt der Krieg auch in Köln tiefe Wunden. Mangelernährung und Krankheiten sind an der Tagesordnung und treiben die Kindersterblichkeit in die Höhe. Die Hebammen, die sich um das Wohl von Müttern und Kindern kümmern, sind rund um die Uhr im Einsatz. Schon am Morgen ist Anna mit Problemen, die für die Zeit typisch sind, konfrontiert. Als Witwe lebt sie im Haushalt ihres Bruders. Die Verhältnisse sind beengt, und die Grippe ihrer Schwägerin kann zur damaligen Zeit den schnellen Tod bedeuten. Doch als Hebamme hat Anna ein beachtliches Wissen über Heilkräuter, und ihre Mixturen stehen in ihrer Wirksamkeit modernen Präparaten in nichts nach. Auch in der Chirurgie kennt sich Anna aus. Bei einer schwierigen Geburt führt sie sogar selbstständig kleinere Eingriffe durch. Die Wundärzte verstehen noch zu wenig von der weiblichen Anatomie und schrecken zudem davor zurück, eine gebärende Frau am Unterleib zu berühren.

Anna vertraut aber nicht allein auf ihr Können, sondern setzt ebenso auf magische Praktiken. Der Aberglaube ist in der Bevölkerung tief verankert und bietet den Nährboden für den Glauben an Hexen und Dämonen. Beim Marktbesuch mit ihrer Lehrmagd Katarina wird schnell deutlich, welche Themen die Menschen umtreiben. Die dort ausgehängten Flugblätter – Vorläufer der modernen Zeitung – setzen vor allem auf Schrecken und Sensationen. Das sorgt auch schon in der frühen Neuzeit für Auflage, und die Schreiber überbieten sich mit kruden Geschichten über Wunderwesen und Hexen als Hilfstruppen des Teufels. Fake News, politische Propaganda und Meinungsmache sind keine Erfindungen der Moderne. Speziell die Berichte über Hexen sorgen für gute Verkaufszahlen und verhelfen dem Thema zur medialen Dauerpräsenz. Die Folgen werden Anna prompt vor Augen geführt, denn eine ihrer Kolleginnen soll noch am selben Tag auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Der Hexenwahn, dem in der Frühen Neuzeit etwa 25.000 Menschen in Deutschland zum Opfer fallen, hat auch das bis dahin ruhige Köln erreicht. Und gerade Hebammen stehen unter dem Verdacht, mit dem Teufel im Bunde zu stehen.

Anna und ihre Lehrmagd haben keine Zeit, sich Gedanken zu machen. Ein Notfall führt sie in das Haus eines Webers. Die Hebamme muss ihr gesamtes Können und viel Geschick aufbieten, um das Leben von Mutter und Kind zu retten. Sie ist sich bewusst, dass der kleinste Fehler zu einer Anklage gegen sie führen kann. Obwohl ihr die Geburt gelingt, gerät Anna in den Strudel des Hexenwahns. Die Frau, die das Leben der Schwächsten retten soll, muss plötzlich um ihr eigenes kämpfen.

Eine Hebamme namens Anna Stein hat es nie gegeben, aber ihre Geschichte ist dennoch wahr – recherchiert und verdichtet aus historisch verbrieften Biografien und neuen Erkenntnissen der Forschung.

 

Experten-Interview mit Prof. Dr. Robert Jütte zu "Ein Tag in Köln 1629"

Der Historiker Prof. Dr. Robert Jütte ist Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart. Sein Spezialgebiet ist der medizinische Alltag in der Frühen Neuzeit.

Wie muss man sich den Alltag 1629 in Köln vorstellen? Was waren die Sorgen und Nöte, die den Alltag bestimmten?

Der Dreißigjährige Krieg drohte, auch das neutrale Köln, das bis dahin von Kampfhandlungen weitgehend verschont war, zu vereinnahmen, und so war die Stadt eine Art Pulverfass. Man schloss sich nach außen ab, hoffte, dass der Feind nicht durch die Mauern kam, gleichzeitig aber stieg innen die Spannung. Und damit nahmen dann auch die innergesellschaftlichen Probleme zu. Die Angst vor grassierenden Krankheiten und Seuchen, wie zum Beispiel der Pest, wuchs stetig in der Bevölkerung. Im Falle einer drohenden Belagerung der Stadt hatte man die Befürchtung, dass die Nahrungsmittel knapp würden. Aus diesem Grund wurde die Verteidigung der Stadtmauer ausgebaut, und man schottete sich immer mehr gegenüber Fremden und Hilfesuchenden ab. Gleichzeitig bildete die frühe Neuzeit auch die Hochphase des religiösen Eifers. Der fanatische Glaube bot ausreichend Nährboden für die Hexenverfolgung, die in einer Zeit höchster militärischer Bedrohung auch Köln erreichte. Die Toleranz, für die Köln auch heute noch bekannt ist, wurde in jenen Kriegsjahren abgelegt.

Wie gut war die medizinische Versorgung zu dieser Zeit im Vergleich zu heute?

Wir machen uns meistens ein völlig falsches, nämlich negatives Bild von der medizinischen Versorgung im frühneuzeitlichen Köln. Wir haben dort damals bereits ein relativ entwickeltes Gesundheitssystem mit ungefähr zwölf Ärzten auf 10.000 Einwohner. Insbesondere was die Hebammen anbetrifft, war die Versorgungssituation besser als heute. Damals kamen in Köln sechs Hebammen auf 10.000 Einwohner. Heute ist es eine einzige Hebamme.

Warum waren gerade Hebammen so wichtig in diesem System?

Wir können uns das nicht mehr vorstellen, weil die meisten von uns im Krankenhaus geboren wurden. Hausgeburten sind mittlerweile eine absolute Seltenheit. Damals waren sie die Regel, also 100 Prozent – heute ist es ein Prozent. Deshalb war die Hebamme natürlich besonders wichtig für die Geburt eines Kindes. Sie ist diejenige, die die Frau während der Schwangerschaft und nach der Geburt versorgt und die Geburt durchführt. Hebamme war damals ein multifunktionaler Beruf der Gesundheitsfürsorge, er umfasste auch religiöse und sogar polizeiliche Aufgaben. Deshalb brauchten die Hebammen damals nicht nur gute medizinische, pharmazeutische und anatomische Kenntnisse, sondern auch einen einwandfreien Leumund, also aus der heutigen Sicht ein polizeiliches Führungszeugnis, und einen starken katholischen Glauben. Wenn ein Kind bei der Geburt zu sterben drohte, nahmen die Hebammen nämlich die Nottaufe vor. Außerdem waren sie es, die im Falle einer unehelichen Schwangerschaft den Kindsvater ermitteln mussten, um ihn dann bei der kirchlichen Obrigkeit zu melden. Bei Verdacht auf Kindsmord waren die Berichte der Hebammen wichtige Indizien dafür, ob die Mutter eine heimliche Kindstötung vorgenommen hatte.

Das klingt ganz so, als ob die Hebamme auch eine wichtige soziale Stellung in der damaligen Gesellschaft innehatte?

Nein. Leider hatten die Hebammen in mancher Beziehung damals sehr ähnliche Probleme wie heute. Der soziale Status der Hebamme ist ja noch heute relativ gering, gerade was das Einkommen angeht, und das war in der Frühen Neuzeit nicht anders. Die Hebammen haben sich meistens aus den ärmeren bürgerlichen Schichten rekrutiert, soweit wir das wissen. Sie wurden schlecht bezahlt, auch dort, wo es eine Hebammenordnung mit Gebührenordnungen gab. Die Erlöse aus der Geburtshilfe waren relativ bescheiden. Zudem lebten die Hebammen in der Frühen Neuzeit in stetiger Gefahr, belangt zu werden oder im Extremfall sogar Opfer der Hexenverfolgung zu werden, falls bei einer Geburt etwas schiefging oder sie des Schadenzaubers verdächtig wurden. All das führte dazu, dass der Beruf der Hebamme in der Vormoderne kein besonders angesehener Beruf war.

Folge 2: Terra X: Ein Tag in Paris 1775

Sonntag, 3. März 2019, 19.30 Uhr

Folge 2: Terra X: Ein Tag in Paris 1775

Stab

BuchJochen Ruderer, Sigrun Laste
SzenenregieSigrun Laste
DokuregieArne Peisker
RegieassistenzKatrīna Tomašicka
KameraJürgen Rehberg, Arsenij Gusev
Kamera-AssistenzHannes Hirsch, Dominik Böhm
Sounddesign & TonmischungHelen Neikes
SchnittStefan Leuschel
CGI Fritz Göran Vöpel, Martin Wolkinger, Jörg Barton, Roger Grein
SzenenbildAlgirdas Garbaciauskas
KostümeLiga Krasone
MaskeDzintra Bijubena
SprecherThomas Balou Martin
Wissenschaftliche BeratungProf. Natacha Coquery, Prof. Dr. Alexandra Karentzos
MitarbeitRaphael Wüstner, Frauke Gimbel
ProduktionskoordinatorDaviel Alonso Garcia
ProduktionsleitungMirko Mikelskis, Tomas Makaras
Serviceproduktion LettlandFilm Studio Devini
Herstellungsleitung Jens Freels
Produktionsleitung ZDFCora Szielasko-Schulz, Freda Wiethoff
Produzent Jens Afflerbach
ProduktionSTORY HOUSE Productions GmbH, gefördert durch die Stadtverwaltung Riga und das National Film Center of Latvia
Archive Château de Versailles, Getty Images, Bibliothèque de l'Arsenal
RedaktionClaudia Moroni (ZDF), Peter Allenbacher (ZDF/ARTE)
Längeca. 43 Minuten

Mit Max Hegewald als Léonard Minet

Inhalt

Der "Terra X"-Film "Ein Tag in Paris 1775" schildert den Alltag des jungen Perückenmachers Léonard Minet, der gegen das starre Klassendenken rebelliert und heimlich Damenfrisuren kreiert.

Zur Zeit des Ancien Régime gilt es selbst in der Modestadt Paris für einen Friseur als unschicklich, einer Frau die Haare zu machen. Den talentierten Léonard Minet kümmert das nicht. Der Film erzählt, wie es ihm gelingt, Hoffriseur von Versailles zu werden.

"Ein Tag in Paris 1775" entführt die Zuschauer in die Zeit von Ludwig XVI., dem letzten Vertreter der französischen Sonnenkönige. Vierzehn Jahre vor der Revolution steckt Frankreich finanziell und politisch in der Krise. Während ein Großteil der Bevölkerung arm ist und unter der Willkür des Herrschers ebenso leidet wie unter seiner Verschwendungssucht, wird das Bürgertum von Paris zur treibenden Wirtschaftskraft. Die Seine-Metropole entwickelt sich wie keine zweite Stadt in Europa zum Mode-Hotspot. Nicht nur der Adel gibt sich der Prunksucht hin, sondern auch immer mehr Bürger eifern mit Modeschmuck und Secondhandkleidung ihren modischen Vorbildern am Versailler Hof nach. Tragen einer Perücke ist das modische i-Tüpfelchen des gepflegten Kleidungsstils, aber vor allem das Erkennungszeichen für den sozialen Status eines Franzosen. Jeder Stand entwickelt seine eigene Form. 1775 aber ändert sich die Modewelt. Das Zur-Schau-Tragen des eigenen Haars wird zum Symbol der Aufklärung. Verfechter wie Diderot, Montesquieu und Rousseau zeigen öffentlich ihr eigenes Haar als Zeichen für ihr unabhängiges Denken.

Auch Léonard schwört auf den neuen Zeitgeist. Wie die meisten Pariser sehnt er sich nach individueller Freiheit und will den starren Strukturen der Ständegesellschaft entfliehen. Eigentlich soll er das Geschäft seiner Familie übernehmen, die seit Generationen dem Perückenmacher-Handwerk nachgeht. Doch die Geschäfte gehen immer schlechter, und Léonard träumt vom Beruf des Damenfriseurs. Ein Beruf, der gerade erst entsteht und noch nicht durch strenge Vorgaben einer Zunft reguliert ist. Um seine extravaganten Kreationen auszuprobieren, trifft er sich mit der jungen Schauspielerin Lucille, dem aufsteigenden Stern an der Comédie Française. Mit Lucille als Model hofft Léonard, die Aufmerksamkeit der Reichen und Schönen auf sich und seine Frisur-Ideen zu lenken. Als Léonard in die väterliche Werkstatt zurückkehrt, sieht er, wie sein Vater verhaftet wird. Eine unachtsame Bemerkung über den König wurde ihm zum Verhängnis. Ein ausgeklügeltes Spitzelsystem, das an moderne Überwachungsstaaten erinnert, soll jede Kritik am König im Keim ersticken. Damit gerät nicht nur das Leben seines Vaters, sondern auch seine eigene Zukunft in Gefahr. Doch der Zufall will es, dass Léonard am Hof von Versailles seine Künste beweisen darf.

Aus der Perspektive der fiktiven Figur Léonard Minet wird ein Tag im Leben eines jungen Perückenmachers erzählt, der in schwierigen Zeiten sein Schicksal in die Hand nimmt und alles daran setzt, um seinen Traum wahr zu machen. Seine Biografie, die anhand von zeitgenössischen Quellen rekonstruiert wurde, basiert auf realer Alltagsgeschichte.

 

Experten-Interview mit Prof. Dr. Alexandra Karentzos zu "Ein Tag in Paris 1775"

Die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Alexandra Karentzos ist Inhaberin der bundesweit einzigen Professur der Wella-Stiftung für Mode und Ästhetik an der TU Darmstadt.

Welche Rolle spielte die Mode im Paris des 18. Jahrhunderts?

Paris wird in dieser Zeit, was es heute ist: die europäische Modemetropole. Mode war in der französischen Adelsgesellschaft sehr wichtig: Kleider machten Leute. Man grenzte sich durch teure und aufwendige Kleidung und Perücken gegenüber dem Rest der Gesellschaft ab. Mit weiß geschminkten Gesichtern, Korsetts und weiten, breiten Reifröcken. Sie passten durch normale Türen nicht hindurch, man brauchte dafür schon ein Schloss. Aber auch die bürgerliche Gesellschaft, gerade die oberen Schichten, adaptierten, sobald sie konnten, die Mode des Adels. Sie übernahmen dieses luxuriöse Schönheitsideal und schafften durch die Nachahmung der Mode mit der Verarbeitung von billigeren Materialien einen ganz neuen Markt für Mode. Mode wurde zur Massenware.

Welche Rolle spielten die Perücken zu dieser Zeit?

Die Perückenmode war ein ganz wichtiger Teil der sozialen Abgrenzung. Die Perücke markierte vor allem die Abgrenzung gegenüber der einfachen Bevölkerung. Es wird vermutet, dass sie mit Ludwig dem XIV. aufkam, der angeblich an schütterem Haar litt und dieses verbergen wollte. Aber da der König den Ton in Sachen Mode angab, wurde die Perücke schnell zum Trend, sodass die höfische Gesellschaft sie umgehend übernahm. Später gab es dann sogar einen Perückenerlass, der Perücken bei Hofe vorschrieb. Genau deshalb waren Perücken auch für das Bürgertum erstrebenswert. Die Bürger hatten kleinere, einfachere Formen, da Perücken sehr teuer und jeweils individuelle Anfertigungen waren. So haben sich für verschiedene Schichten und Berufsgruppen verschiedene Perückenformen entwickelt, und an der Perücke konnte man lange Zeit eindeutig den Stand ihrer Träger ablesen.

Perücken herzustellen, ist ein sehr filigranes Handwerk. Welches Ansehen hatten die Perückenmacher?

Der Perückenmacher war in der französischen Gesellschaft des 18. Jahrhundert eine ganz wichtige Person. In ihren Perückenstuben versammelte sich die Bevölkerung, und sie galten als gesellschaftlicher Ort in der Stadt, an dem man sich traf und redete. Eigentlich wie das heute auch Friseuren nachgesagt wird. Sie hatten also eine wichtige Funktion in der städtischen Gesellschaft. Dennoch haben es nicht viele Perückenmacher zu großem Ansehen und Reichtum geschafft.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden Echthaarfrisuren Trend. Warum ist dieser Wandel historisch interessant?

Der Wandel in der Haarmode ist ein Spiegelbild gesellschaftlicher Veränderungen. Mit der Aufklärung begann die Emanzipation des Bürgertums. Natürlichkeit und nicht mehr dieses Übertriebene wurde nun großgeschrieben. Das findet man bei Rousseau etwa, der den natürlichen Menschen quasi entwirft – den "homme nature". Er soll nicht gekünstelt sein. Die bürgerliche Frau soll unverstellt und ungeschminkt sein und keine aufgesetzte Maske mehr tragen. Deshalb wurde die Perücke in bürgerlichen Kreisen immer unbeliebter, und es kam in Mode, das natürliche, eigene Haar zu frisieren. Denn die Perücke wurde zum visuellen Zeichen der aristokratischen Verschwendung und des Luxus, den das Bürgertum ablehnte. Diese Ablehnung kann man auch in vielen Karikaturen aus der Zeit studieren, in denen sich über die Perücken und unpraktischen Turmfrisuren des Adels lustig gemacht wird. So haben Perückenmacher umgesattelt und sich als Friseure verdient gemacht. Da die meisten von ihnen aber noch das klassische Perückenhandwerk gelernt haben, gingen die Professionen praktisch ineinander über.

Folge 3: Terra X: Ein Tag in Berlin 1926

Sonntag, 10. März 2019, 19.30 Uhr

Folge 3: Terra X: Ein Tag in Berlin 1926

Stab

BuchArne Peisker, Jens Afflerbach
SzenenregieSigrun Laste
DokuregieArne Peisker
RegieassistenzKatrīna Tomašicka
KameraJürgen Rehberg, Arsenij Gusev
Kamera-AssistenzHannes Hirsch, Dominik Böhm
Sounddesign & TonmischungHelen Neikes
SchnittStefan Leuschel
CGI Fritz Göran Vöpel, Martin Wolkinger, Jörg Barton, Roger Grein
SzenenbildAlgirdas Garbaciauskas
Kostüme Liga Krasone
MaskeDzintra Bijubena
SprecherThomas Balou Martin
Wissenschaftliche BeratungDr. Regina Stürickow
MitarbeitRaphael Wüstner, Frauke Gimbel
Produktionskoordinator Daviel Alonso Garcia
Produktionsleitung Mirko Mikelskis, Tomas Makaras
Serviceproduktion LettlandFilm Studio Devini
HerstellungsleitungJens Freels
Produktionsleitung ZDFCora Szielasko-Schulz, Freda Wiethoff
Produzent Jens Afflerbach
Produktion STORY HOUSE Productions GmbH, gefördert durch Stadtverwaltung Riga und National Film Center of Latvia (Logo)
ArchiveLandesarchiv Berlin, Deutsches Rundfunkarchiv, Polizeihistorische Sammlung Berlin, Getty Images
RedaktionClaudia Moroni
Längeca. 43 Minuten

Mit Christian Clauß als Fritz Kiehl und Matthias Komm als Max Schreiber

Inhalt

Ende der 1920er Jahre gilt Berlin als Hauptstadt des Verbrechens. "Ein Tag in Berlin 1926" illustriert die Geschichte von Fritz Kiehl und seiner Arbeit in der ersten Mordinspektion der Welt.

Drei Morde pro Woche und kriminelle Banden, die viele Viertel der Stadt kontrollieren: Die Polizei steckt in der Krise. Fritz Kiehl muss einen Raubmörder dingfest machen, den er nur mithilfe neu entwickelter Methoden der Mordinspektion fassen kann.

"Ein Tag in Berlin 1926" dokumentiert 24 Stunden in der Stadt der Sünde. Mit vier Millionen Einwohnern ist die Spreemetropole zur Weltstadt herangewachsen. Im kurzen goldenen Zeitalter zwischen Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise prallen dort Gegensätze aufeinander wie nirgendwo sonst in der Weimarer Republik. In den teuren Restaurants auf den prunkvollen Boulevards und den verruchten Vergnügungslokalen der Stadt beginnt die die Hautevolee ausschweifend zu leben. Die Abgehängten der Bevölkerung wie Kriegsversehrte und Zuwanderer hingegen leiden unter Hunger und Elend. Die sogenannten Ringvereine kontrollieren die Unterwelt, und die Kriminalitätsrate ist auf Rekordniveau. Die Polizei steht öffentlich in der Kritik. Nicht umsonst wird Berlin "Spree-Chicago" genannt.

An der Seite von Kriminalkommissar Fritz Kiehl entdecken die Zuschauer den Sündenpfuhl Berlin. Kiehls Tag beginnt am frühen Morgen mit einem Anruf aus dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Der verheiratete Beamte arbeitet in der weltweit ersten Mordinspektion – einer Elitetruppe der Kriminalpolizei, die sich auf das schlimmste Kapitalverbrechen der Zeit spezialisiert hat: Mord. Jeden zweiten Tag findet die Polizei eine Leiche. Sein Chef und Begründer der Inspektion, Ernst Gennat, ist ein Star unter den "Kriminalern". Aus der ganzen Welt reisen Kollegen an und wollen von ihm lernen. Er ist der erste Kriminalbeamte, der feste Ermittlungsverfahren etabliert und seine Kommissare intensiv schult. Vorbei sind die Zeiten, in denen eine Leiche aus Gründen der Pietät umgebettet und der Tatort aufgeräumt wurden, bevor ein Ermittler eintrifft. Für Kiehl ist seine Zugehörigkeit zur Mordinspektion ein Glücksfall, denn er hat ein sicheres Auskommen. Doch die Belastung ist hoch und eine Siebzig-Stunden-Woche keine Seltenheit. Der Mord an einem Kinodirektor ist der aktuelle Fall von Kiehl und lässt ihm keine Zeit zum Durchatmen. Zusätzlich bereitet dem Kommissar eine alte Kriegsverletzung Probleme. Den Tag kann er nur mit starken Schmerzmitteln überstehen.

Zusammen mit seinem Kollegen stürzt sich der Beamte in die Ermittlungen, die zunächst ins Leere laufen. Um den kniffligen Fall zu lösen, greift Kiehl zu unorthodoxen Mitteln: Er vertraut auf die Hilfe der Berliner Unterwelt. Die mächtigen Ringvereine sind mafiöse Verbrecherbanden, die ganze Stadtviertel unter ihrer Kontrolle haben. Doch Mord ist selbst bei ihnen verpönt, denn ihre illegalen Geschäfte wie Hehlerei und Prostitution sollen ungestört weiterlaufen. Mit ihrer Hilfe gelingt es Kiehl, den Mörder zu verhaften. Der Rest ist professionelle Polizeiarbeit mit Laboranalysen, Fahndungsaufrufen und geschickter Verhörtaktik – Methoden, die bis heute nichts an ihrer Bedeutung verloren haben.

Der Film erzählt nicht nur die fiktive Biografie von Fritz Kiehl, sondern auch, wie die Mordinspektion am Alexanderplatz im Detail gearbeitet hat, wie die Ringvereine organisiert waren und wie die Menschen ihren Alltag im Berlin 1926 erlebt haben.

 

Experten-Interview mit Dr. Regina Stürickow zu "Ein Tag in Berlin 1926"

Dr. Regina Stürickow schreibt historische Kriminalromane. Mit ihrem Buch über den Gründer der Berliner Mordinspektion, Ernst Gennat, hat sie dem Kriminalkommissar ein Denkmal gesetzt.

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stiegen die Kriminalität und vor allem die Mordrate in Berlin stark an. Was war der Grund dafür?

Der Erste Weltkrieg hat viele Narben hinterlassen. Er hat die Menschen verroht und die moralischen Werte verschwinden lassen, ohne dass es neue gegeben hätte. Die Menschen waren desorientiert, und die Männer, die aus dem Krieg zurückkamen, fanden nicht mehr ins normale Leben zurück. Die Zahl der Verbrechen, insbesondere die der Raubüberfälle und der Morde, stieg sprunghaft an. Es ist kein Zufall, dass gerade in den 1920er Jahren überdurchschnittlich viele Serienmörder ihr Unwesen trieben.

Der legendäre Kriminalrat Ernst Gennat hat die Arbeit der Kripo in den 1920er Jahren grundlegend verändert. Wie war die Kriminalpolizei vor Gennats Zeit aufgebaut?

Vor Gennat war es größtenteils so, dass die Beamten gar nicht genau wussten, wie sie sich am Tatort zu verhalten hatten. Das führte teilweise zu recht absurden Situationen: Immer wieder wurden Tatorte regelrecht zerstört. Es ist tatsächlich vorgekommen, dass ein Toter vom vermutlichen Tatort etwa auf ein Bett gelegt wurde, damit alles ein bisschen pietätvoll aussah. Gläser wurden hingestellt, umgestoßene Möbel wieder aufgerichtet. Damit war natürlich eine professionelle Spurensicherung überhaupt nicht möglich. Die Kriminalbeamten, die zu den Tatorten kamen, waren zudem nicht auf Mordfälle spezialisiert und hatten auch keine spezielle Ausbildung, wie sie sich dort zu verhalten haben, worauf sie achten müssen, wie man Spuren sichert, was wichtig, was unwichtig ist oder wie man Zeugen befragt. Diese Erfahrung hatten sie alle noch nicht. Das kam erst alles etwas später mit Gennat und seinen Reformen.

Welche Folgen hatte das?

Das bedeutete natürlich, dass Kriminalfälle relativ spät oder auch gar nicht aufgeklärt wurden. Mit der Folge, dass die Presse sich maßlos über die Polizei lustig machte. Die Kripo-Leute wurden Opfer der Witzblätter, denn es waren im wahrsten Sinne des Wortes "Witzblattfiguren". Man darf nicht vergessen, zu dieser Zeit hatte die Presse schon eine große Macht, die meisten Tageszeitungen erschienen bereits zur Kaiserzeit zweimal täglich.

Wie änderte sich das, als Ernst Gennat Chef der Kriminalpolizei wurde?

Angesichts der wirklich schweren Missstände bei der Kriminalpolizei gründete Gennat im Jahr 1926 seine berühmte Mordinspektion. Er war der Chef dieser Mordinspektion, und für sie arbeiteten drei, später vier Mordkommissionen. Eine Mordkommission bestand aus einem festen Kommissar und einem weiteren, meistens jüngeren, Beamten. Dazu kamen noch, je nach Bedarf, Spezialisten aus anderen Inspektionen. Das heißt, wenn es ein Delikt gab, wo Rauschgift eine Rolle spielte, dann kam jemand aus dem Rauschgiftdezernat dazu. Außerdem gab es zwei Reservemordkommissionen, die immer Bereitschaftsdienst hatten. Diese neue Zusammensetzung hatte natürlich den Vorteil, dass Gennat in erster Linie Spezialisten einsetzen konnte, die auch immer wieder mit Mordfällen zu tun hatten. So konnten sie Verbindungen und auch Motive besser durchschauen, hatten mehr Erfahrung mit der Vernehmung von Zeugen und mit der Spurensicherung, was die gesamte Arbeit deutlich effizienter gemachte.

Die Arbeit am Tatort – was hat Gennat dort verändert?

Die Arbeit am Tatort wurde vor allem systematisiert. Gennat hat immer gesagt, am Tatort darf nicht erst angeordnet werden, was gemacht werden muss. Bei der Ankunft muss schon jeder wissen, was zu tun ist. Dafür hat Gennat sieben Schritte festgelegt, mit denen die Kripo am Tatort zu arbeiten hatte. Und das sind sieben Schritte, die im Grunde heute noch so angewendet werden.

Wie wurde seine Arbeit anderswo aufgenommen?

Mit diesen Methoden erlangte Gennats Mordinspektion schon ziemlich früh einen internationalen Ruf, seine Inspektion wurde zum Vorbild für andere Kommissariate – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Großbritannien und vor allen Dingen auch in Amerika. Es kamen tatsächlich Experten von Scotland Yard und aus den USA zu Gennat, um zu sehen, wie er das macht. Sogar der Schriftsteller Edgar Wallace soll zu Gennat gekommen sein, um sich mal im Polizeipräsidium umzuschauen. Die 1920er Jahre waren die Zeit der großen Reformen, der Erfindungen, der Neuerungen. Gennat war im Grunde der richtige Mann zur richtigen Zeit.

Fotos

Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und über https://presseportal.zdf.de/presse/terrax

Weitere Informationen

"Terra X" in der ZDFmediathek: terra-x.zdf.de
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