Terra X: Verlorenes Wissen

Zweiteilige Dokumentation mit Harald Lesch

Automatische Türöffner, ein natürlicher Superdünger, wohltemperierte Wandheizungen und widerstandsfähiger Beton: Diese Dinge klingen wie Entdeckungen aus heutiger Zeit, tatsächlich hat es sie aber schon vor Jahrhunderten gegeben. Prof. Harald Lesch begibt sich auf die Suche nach Wissen, das in Vergessenheit geraten ist. Er stößt auf Kenntnisse, die Probleme von heute lösen könnten. Das "Terra X"-Team hat Forscher auf der ganzen Welt aufgesucht, die sich damit beschäftigen, verlorenes Wissen zu verstehen und heute nutzbar zu machen.

  • ZDF, Sonntag, 30. Juni, und Sonntag, 7. Juli 2019, jeweils 19.30 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Mittwoch, 26. Juni 2019, 9.00 Uhr

    Texte

    1. Sonnenpillen und der Superbeton der Antike

    Sonntag, 30. Juni 2019, 19.30 Uhr

    Terra X: Verlorenes Wissen
    Zweiteilige Dokumentation mit Harald Lesch

    1. Sonnenpillen und der Superbeton der Antike

    Die Suche nach 8000 Jahre altem Superdünger führt das "Terra X"-Team ins Amazonasgebiet. In der Gegend rund um Manaus entdeckt der Bodenkundler Newton Falcao vom Nationalen Institut für Amazonasforschung (INPA) eine für die Gegend untypische schwarze Erde – auf Portugiesisch "Terra Preta". Rund drei Prozent der Fläche Amazoniens sind mit der schwarzen Erde bedeckt. Aber wie ist sie entstanden? Die Ureinwohner scheinen ein Rezept gehabt zu haben, um die unfruchtbare Erde in Amazonien fruchtbar zu machen: Sie sammelten Exkremente, Essens- und Pflanzenreste auf Komposthaufen und deckten diese mit Holzkohle ab. Diese zufällig entstandene Mixtur entwickelte sich über Hunderte von Jahren zu humusreicher schwarzer Erde. Noch heute wirkt die Terra Preta als langfristiger Superdünger. Fruchtbare Erde aus recycelten Abfällen – das könnte eine Lösung für die vielen Probleme der modernen Landwirtschaft sein. 

    Auch die Maya hatten Wissen, das wir aus heutiger Sicht als modern bezeichnen würden. Vermutlich verwendeten sie den sogenannten Goldtüpfelfarn, um Entzündungen wie Sonnenbrand zu behandeln. Dieses Mittel haben Forscher erst vor Kurzem wiederentdeckt. Der Farn könnte den Sonnenschutz revolutionieren und herkömmliche Sonnencreme ersetzen – und zwar in Form einer Pille. Forscher von der Universität Mainz hoffen, die regelmäßige Einnahme dieser Pille könnte einem permanenten Sonnenschutz mit einem Lichtschutzfaktor 15 gleichkommen.

    Aber nicht nur in der Medizin, auch beim nachhaltigen Bauen wussten unsere Vorfahren vieles, was wir uns heute wieder erarbeiten müssen. Der Frage, warum antike Bauten noch heute stehen, geht das Team um Piergiulio Cappelletti von der Universität Neapel nach. Die Römer verwendeten bei ihren Prachtbauten einen speziellen Baustoff – ein vulkanisches Glas, das sogenannte "Pozzolane". Es verleiht den Bauten bis heute eine unglaubliche Widerstandsfähigkeit. Nach dem Untergang des Römischen Reiches geriet die Zusammensetzung des Baustoffs in Vergessenheit. Wissenschaftler der HeidelbergCement Group im italienischen Bergamo wollen mit dem Rezept der Römer den modernen Beton verbessern. Dank des wiederentdeckten Wissens ist heutiger Beton nun widerstandsfähiger und sogar umweltfreundlicher.

    Dass Römer gerne warm badeten, ist bekannt. Mit der sogenannten "Hypokausten-Heizung" erfanden sie die erste Flächenheizung der Geschichte. Das ausgeklügelte Heizsystem war Standard in jeder guten Thermenanlage. Der Clou: Nicht nur die Böden wurden warm, sondern auch die Wände und das Wasser. Die antiken Wellnesstempel hatten neben Kaltbaderäumen auch Warmwasserbecken und Schwitzbäder. Im Archäologischen Park Carnuntum in Österreich haben Wissenschaftler dieses komplexe System rekonstruiert – es funktioniert reibungslos.

    Überhaupt ist das Know-how in der Antike förmlich explodiert. Es war eine Zeit des intensiven Forschens. Die Bibliothek von Alexandria im nördlichen Ägypten war so etwas wie das Silicon Valley der Antike. Im Palastviertel entstand die größte Bibliothek der Zeit, mit Tausenden von Schriftrollen. Hier studierten Wissenschaftler aus der ganzen Welt.

    Einer der Gelehrten war Heron. Er lebte und studierte in Alexandria vermutlich um 100 nach Christus. Neben einem mechanischen Türöffner erfand der griechische Mathematiker und Ingenieur den ersten Prototypen einer Dampfmaschine, den sogenannten "Heronsball". Hätte er sein Wissen über Kolbenbewegung mit dem Dampfball kombiniert, wäre die erste Dampfmaschine vermutlich in der Antike entstanden.

    2. Glastränen und die Heilsalben des Mittelalters

    Sonntag, 7. Juli 2019, 19.30 Uhr

    Terra X: Verlorenes Wissen
    Zweiteilige Dokumentation mit Harald Lesch

    2. Glastränen und die Heilsalben des Mittelalters

    Der zweite Film beginnt mit einem mythischen Kriegswerkzeug des frühen Mittelalters. Das sogenannte "Griechische Feuer" galt lange als Wunderwaffe, die Byzanz einst vor einer arabischen Invasion gerettet hatte. Das Rezept schien mit dem Zusammenbruch von Byzanz für immer verloren. Doch der modernen Forschung ist es in einem Experiment gelungen, die Funktionsweise der Waffe zu rekonstruieren. Ihr Geheimnis liegt in einem eigentlich modernen Brennstoff: Rohöl.

    Das Mittelalter gilt als dunkle Epoche, in der nur wenig neues Wissen generiert wurde. Moderator Harald Lesch tritt den Gegenbeweis an. Er stellt geniale Erfindungen und Ideen vor, die mit den Kulturbrüchen des Mittelalters verloren gingen und gerade erst wiederentdeckt werden. So zum Beispiel das Geheimnis der Wikinger-Navigation. Die Nordmänner gelten als eines der bedeutenden Seevölker der Geschichte. Doch wie ihre Navigationskunst funktionierte, blieb lange ein Geheimnis. Eine Gruppe von Forschern im dänischen Roskilde zeigt nun, wie die Wikinger mithilfe eines Sonnensteins navigierten, lange bevor der magnetische Kompass Einzug in Europa hielt.

    Auch im Bereich Medizin waren unsere Vorfahren im Mittelalter vielfach brillant. Ein über 1000 Jahre altes Rezept für eine Augensalbe entpuppt sich als Heilmittel für eines der größten Probleme der modernen Medizin: die multiresistenten Krankenhauskeime. Die Kombination aus Zwiebeln, Lauch, Knoblauch, Wein und Ochsengalle ergibt ein auch nach heutigen Maßstäben hochwirksames Antibiotikum. Ein eindrückliches Beispiel dafür, dass wir noch heute viel vom Wissen unserer Vorfahren lernen können.

    Manchmal entsteht auch durch Zufall Großes. Wenn heißes, flüssiges Glas in einen Wassereimer fällt, entstehen sogenannte "Bologneser Tränen". Der Kopf einer solchen Träne ist nahezu unzerstörbar, doch bricht der Schweif, explodiert die Träne innerhalb von Millisekunden. Dieses Phänomen wird seit Jahrhunderten erforscht, die Lösung steht aber erst heute bereit. Die Spannungen im Glas sind nicht nur der Schlüssel zur Stabilität der Träne, sondern auch die Grundlage für moderne Hightech-Gläser in Autos und Smartphones.

    Dabei muss man in der Geschichte nicht unbedingt weit zurückgehen, um auf geniale Erfindungen zu stoßen. Ein Segelsystem aus den 1920er-Jahren könnte die moderne Seefahrt revolutionieren und in den immer drängenderen heutigen Klimafragen eine Antwort geben. Der "Flettner-Rotor", benannt nach seinem Erfinder Anton Flettner, nutzt die Windkraft und sorgt für sinkenden Treibstoffverbrauch bei Schiffen. Eine geniale Idee, die erst verkannt und dann vergessen wurde.

    "Erfindungen sind ein hartes Stück Arbeit"
    Interview mit Moderator Prof. Harald Lesch

    Welche lange verlorene oder vergessene Erfindung, die in der Sendung vorkommt, hat Sie besonders beeindruckt?

    Wirklich unglaublich fand ich die Erfindungen von Heron von Alexandria. Zum Beispiel der Weihwasser-Automat für den Tempel, bei dem man oben eine Münze reinwirft und unten kommt eine bestimmt Menge geweihtes Wasser heraus. Beeindruckt hat mich vor allem, dass der Mann im Prinzip schon eine Dampfmaschine hätte bauen können, wenn er gewollt hätte. Damals aber hat man beim Thema Arbeit nur auf den Menschen gesetzt, so dass man keine Maschinen gebaut hat. Stellen Sie sich mal vor, wie die Welt heute aussehen würde, wenn es die Dampfmaschine schon vor 2000 Jahren gegeben hätte, alles wäre ganz anders geworden.

    Welche Erfindung, wenn sie weiterverfolgt worden wäre, hätte einen gravierenden Einfluss auf unsere gesellschaftliche Entwicklung gehabt?

    Es wäre sicher dramatisch gewesen, wenn sie in der Antike schon die Elektrizität weiterverfolgt hätten. Wir stellen in der Sendung die Bagdad-Batterie vor, mit der die Menschen vor über 2000 Jahren schon elektrische Spannung erzeugen konnten. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, was das für Auswirkungen gehabt hätte, wenn die Menschen damals auf die Elektrizität gekommen wären: Die Leute früher waren ja auch nicht dümmer als heute, die hätten wahrscheinlich den Elektromagnetismus entdeckt, und vieles andere von dem, was erst im 18./19. Jahrhundert erfunden wurde, wäre schon viel früher passiert. Viele Entdeckungen sind letztlich in Technik umgesetzt worden, und Technik bedeutet immer, dass Ressourcen verwendet werden, sowohl Energie als auch Rohstoffe. Das möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie unser Planet heute aussehen würde, wenn wir schon vor 2000 Jahren Industrie betrieben hätten.

    Welches Umfeld würden Sie sich für Erfindungen wünschen?

    Das größte Problem ist für mich, dass Erfindungen schon immer ökonomisiert wurden, dass man also versucht hat, damit Geld zu verdienen. Es wäre viel schöner gewesen, wenn Wissen, das sich Menschen im Lauf der Kulturgeschichte angeeignet haben, für jedermann zu haben gewesen wäre.  Wie man am besten Landwirtschaft betreibt, oder wie man bestimmte Geräte baut zum Beispiel. Das war in den ganz frühen antiken Kulturen schon so, dass nur die oberen Zehntausend über die entsprechenden Erfindungen verfügen durften.

    Was zeichnet einen Erfinder aus?

    90 Prozent Schweiß und nur 10 Prozent Inspiration. Erfindungen sind immer ein hartes Stück Arbeit. Ich glaube nicht, dass Erfinder aus früheren Zeiten morgens aufgestanden sind und schon nach dem ersten Frühstück irgendwelche tollen Ideen hatten, sondern dass sich das immer hingezogen hat. Dass sie ziemlich viel ausprobieren mussten, bevor sie zu einer Idee durchgebrochen sind. Auch wenn man heute mit Erfindern spricht, sagen sie oft: Ich habe alles Mögliche ausprobiert, und ich musste erst an einen kritischen Punkt gelangen, um das wirklich Wichtige zu sehen.

    Braucht es ein bestimmtes Umfeld, damit sich Ideen entwickeln können?

    Ich glaube, dass unser Gehirn dann am kreativsten ist, wenn es am entspanntesten ist. Wenn man ständig unter Druck steht, dann ist das mit den Erfindungen eher Glückssache. Eine inspirierende Umgebung entsteht eher, wenn man Menschen die Gelegenheit gibt, in einer entspannten Atmosphäre auszuprobieren. Die Menschen können sich aber auch gegenseitig inspirieren. Schon Hannah Arendt sagte, wenn Menschen zusammenkämen, sei mit Wundern zu rechnen.

    Ist Wissen auch Gefahr?

    Diese ganzen Technologien sind ethisch zunächst einmal neutral, weder gut noch böse. Erst in der Kombination Mensch und Maschine oder Mensch und Technik entsteht die Frage, ob das negativ oder positiv ist. Ein Ding kann immer zugleich zur Zerstörung oder zu etwas Gutem eingesetzt werden. Macht übt der Mensch aus, weil er Macht haben will. Die Technik selbst ist "sprachlos". Warten wir mal ab, was mit der neuen Technologie "Künstliche Intelligenz" auf unserem Planeten geschieht. Dazu gibt es einen schönen Witz: Auf einem Planeten ist eine künstliche Intelligenz geschaffen worden, und die Wissenschaftler stellen ihr die erste Frage: Gibt es Gott? Und die Maschine antwortet: Jetzt ja.

    Das Interview führte Ricarda Schlosshan.

    ZDFmediathek und YouTube

    Die beiden Filme "Verlorenes Wissen" sind ab Mittwoch, 26. Juni 2019, in der ZDFmediathek unter terra-x.zdf.de abrufbar.

    Der erste Teil ist zudem ab Sonntag, 30. Juni 2019, auf dem YouTube-Kanal "Terra X Natur & Geschichte" lyzdf.de/t|1/ zu sehen.

    Zum zweiten Teil gibt es auch ein Webvideo, das am Samstag, 6. Juli, in der ZDFmediathek und am Sonntag, 7. Juli 2019, auf dem YouTube-Kanal veröffentlicht wird.

    Alle Filme in der ZDFmediathek und bei YouTube sind zum Embedding mit Verweis auf "Terra X" für alle Interessierten freigegeben.

    Fotos

    Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und über https://presseportal.zdf.de/presse/terrax

    Weitere Informationen

    "Terra X" in der ZDFmediathek: terra-x.zdf.de

    "Terra X" bei YouTube: https://ly.zdf.de/tl1/

    "Terra X" bei Facebook: https://facebook.com/ZDFterraX

    "Terra X" bei Instagram: https://instagram.com/terraX

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