Copyright: [F] Mathias Bothor / [M] KNSK
Copyright: [F] Mathias Bothor / [M] KNSK

Unterleuten - Das zerrissene Dorf

Dreiteiler nach dem Bestseller "Unterleuten" von Juli Zeh

Unterleuten ist ein fiktives Dorf in der brandenburgischen Provinz. Hier leben sie zusammen: Wende-Gewinner und Wende-Verlierer, Ostalgiker, Kapitalisten, zugereiste Städter und Alteingesessene. Und wer glaubt, auf dem Land aus der Zeitgeschichte austreten und in die Idylle eintreten zu können, hat sich gründlich ge­täuscht. Denn die Leichen, die im Keller liegen, lassen sich auf Dauer nicht verbergen. Als ein Windpark in unmittelbarer Nähe zum Dorf entstehen soll, spaltet das die Bewohner. Freunde wer­den zu Feinden und umgekehrt.

  • ZDF, Montag, 9. März, Mittwoch, 11. März und Donnerstag, 12. März 2020, jeweils 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Montag, 2. März 2020 (alle drei Filme)

Texte

Das wahre Deutschland

"Unterleuten" erzählt die Geschichte eines Dorfes – und weit mehr als das. Der Dreiteiler erzählt vom Erbe der deutschen Teilung, vom Konflikt zwischen ökologischer Modernisierung und dem Festhalten am Hergebrachten, von der Aktualisierung schlummernder dörflicher Konflikte, vom Glauben der städtischen Mittelschicht an ländliche Idylle, von süddeutscher Heuschrecke, von einer bleiernen Dreierbeziehung, von alten Männern und jün­geren Frauen, von Zerstörung und Neu-Aufbau. Vor allem aber scheint die Wirklichkeit nur das zu sein, was darüber erzählt wird, und das ist immer nur Erzählung nach Gedächtnis, Stimmung und Interesse: Nichts ist deshalb einfach wahr, aber auch nichts ist unwahr.

Juli Zeh hat mit ihrem Bestseller prismatisch das Deutschland der Gegenwart eingefangen und damit die ideale Vorlage für einen zeitsensiblen, aber auch unterhaltsamen Mehrteiler geschaffen. Im vielköpfigen Ensemble gibt es viele Typen, die man aus sei­nem eigenen Leben kennt, und auch sich selbst erkennt man in den Figuren wieder. Die Handlungsstränge laufen in meisterhafter Verstrickung ineinander und treiben sich gegenseitig an. Die schwierige Aufgabe, aus einem komplexen Roman einen Film zu gestalten, der den Regeln des anderen Mediums folgt, übernahm Drehbuchautor Magnus Vattrodt – gemeinsam mit Matti Geschonneck, der einen Cast inszenierte, der fast ausschließlich aus Schauspielerinnen und Schauspielern besteht, die in der Regel in Hauptrollen glänzen. Das Thema und der Regisseur brachten sie dazu, sich in einen Ensemble-Film einzubringen.

Die Produzenten Reinhold Elschot und Silke Pützer sowie die Firma Network Movie standen neben vielem anderen für die logistische Herausforderung, aus mehreren Dörfern im Film den Ort zusammenzuzimmern, der genau der Gebäudeanordnung im Roman entspricht. Zum Besonderen der Miniserie gehören auch Architektur und Landschaft in Brandenburg.

Die Zuschauer erwartet ein Fernsehereignis, das die Freude am bestechend genauen Schauspiel mit Einsichten über heutige deutsche Befindlichkeiten verbinden soll.

Günther van Endert, Redaktionsleiter Fernsehspiel II

Stab und Besetzung

Buch   Magnus Vattrodt nach dem Bestseller "Unterleuten" von Juli Zeh
RegieMatti Geschonneck
KameraTheo Bierkens 
SchnittEva Schnare
MusikMatthias Weber
SzenenbildBernd Lepel
KostümbildAnneke Troost
MaskenbildGrit Kosse, Uta Spikermann
Ton Olav Gross
CastingSimone Bär
HerstellungsleitungRoger Daute
ProduktionsleitungUte Schnelting
ProduktionNetwork Movie, Film- und Fernsehproduktion GmbH, Hamburg
ProduzentenReinhold Elschot , Silke Pützer
RedaktionStefanie von Heydwolff, Günther van Endert
Länge

3 x 90 Minuten

Rollen / Darsteller
Rudolf Gombrowski            Thomas Thieme
KronHermann Beyer
Linda Franzen                    Miriam Stein
Jule Fließ Rosalie Thomass
Dr. Gerhard FließUlrich Noethen
Schaller    Charly Hübner
Kathrin Kron-Hübschke Bettina Lamprecht
Wolf Hübschke  Bjarne Mädel
Hilde Kessler Dagmar Manzel
Elena GombrowskiChristine Schorn
Betty Kessler Sarina Radomski
Meiler Alexander Held
Anne Pilz Mina Tander
Arne Seidel Jörg Schüttauf
Frederick Jacob Matschenz
Björn Alexander Hörbe
Miriam SchallerNina Gummich
Krönchen Úna Lir
IngoHendrik Heutmann
Finkbeiner Nikola Kastner
und andere

Allgemeiner Inhalt

Unterleuten ist ein fiktives Dorf in der brandenburgischen Provinz. Hier leben sie zusammen: Wende-Gewinner und Wende-Verlierer, Ostalgiker, Kapitalisten, zugereiste Städter und Alteingesessene. Und wer glaubt, auf dem Land aus der Zeitgeschichte austreten und in die Idylle eintreten zu können, hat sich gründlich ge­täuscht. Denn die Leichen, die im Keller liegen, lassen sich auf Dauer nicht verbergen. Als ein Windpark in unmittelbarer Nähe zum Dorf entstehen soll, spaltet das die Bewohner. Freunde wer­den zu Feinden und umgekehrt.

Kurzinhalte

Teil 1

Das Dorf Unterleuten in Brandenburg ist ein Mikrokosmos deutsch-deutschen Dorflebens. Umgeben von goldenen Getrei­defeldern und großen Waldflächen leben hier alteingesessene Dorfbewohner neben großstadtmüden Zugezogenen. Als der Bür­germeister die Bewohner zur Dorfversammlung lädt, ahnen viele noch nicht, welche Abgründe sich im bislang friedlichen Dorfleben auftun werden: Unweit von Unterleuten soll ein lukrativer Windpark entstehen. Während ein Teil der Bewohner beschließt, den Kampf gegen die Errichtung des Windparks aufzunehmen, beginnen die Besitzer der in Frage kommenden Landstücke nun, um die Ausschreibung und die gewinnbringende Verpachtung zu buhlen.

Teil 2

In Unterleuten prallen die Interessen der Bewohner aufeinander: Während ein Großteil gegen den Bau des Windparks mobil macht, führen die unterschiedlichen Besitzverhältnisse bei anderen Be­wohnern zu Konflikten, und die Ereignisse spitzen sich zu: Ein Investor aus Süddeutschland versucht, sich einen Wettbewerbs­vorteil zu verschaffen. Der Bürgermeister sieht das Dorf existenti­ell bedroht, sollte der Zuschlag nicht an die ortsansässige "Ökologica" gehen, da sie den größten Arbeitgeber stellt. Dort verfügt man aber nicht über genügend Hektar im Eignungsgebiet, woraufhin der Geschäftsführer seinen Einfluss in der Dorfgemein­schaft geltend macht. Alte Feindschaften kochen hoch, und die Situation droht zu eskalieren, als ein Kind verschwindet.

Teil 3

Der Bürgermeister versucht, die angespannte Lage zwischen den Bewohnern zu entschärfen, und vermittelt an allen Fronten. Der süddeutsche Investor und der Geschäftsführer der "Ökologica" buhlen um das Land einer zugezogenen Jungunternehmerin, die daraus Kapital schlagen will. Unterdessen leidet die "Ökologica" unter Streik und Sabotage, und schlussendlich bleibt ein gespal­tenes Dorf zurück.

Die Schauspieler über ihre Rollen

Thomas Thieme über Rudolf Gombrowski

Gombrowski ist die DDR! In Unterleuten groß geworden ist er der Chef des Dorfes. Im Alter von 40 Jahren war er auf dem Höhe­punkt seiner Karriere, als das alte DDR-System kippte. Aus groß­bäuerlichen Verhältnissen stammend hatte er in der DDR durch seine Leistung geglänzt. Deshalb war es für ihn leicht nach der Wende. Er hatte keine Stasiakte. Er machte einfach im neuen System als Kapitalist weiter, indem er den Landbetrieb auf mo­derne Weise aufbaute. Dann begreift er einen neuen Trend: Windräder. Er möchte davon profitieren und diese im Dorf auf­stellen. Was daraus wird, erzählt der Film.

 

Hermann Beyer über Kron

Eine Rolle wie den Kron in "Unterleuten" bekommt man alle 20 Jahre, wenn überhaupt, angeboten. Kron ist ein Unangepasster, für den es kein passendes System gibt, der immer fassungslos vor jedweder Form von Ideologie steht und darauf beharrt, dass Ungerechtigkeit menschengemacht ist. Ich bin nachtragend und leicht rachsüchtig und dachte, dass ich Kron vielleicht spielen kann.

 

Miriam Stein über Linda Franzen

Linda Franzen ist eine "Moverin", will heißen, sie nimmt die Dinge selbst in die Hand. "Geht nicht" gibt es nicht. Schnell durchschaut sie die vorherrschenden Machtstrukturen im Dorf und weiß diese dann für sich und ihre Zwecke zu nutzen. Gefühle hat sie, ver­sucht aber, sich nicht von ihnen lenken zu lassen, um ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Rosalie Thomass über Jule Fließ

Jule Fließ ist neu in Unterleuten. Sie sucht für sich und ihre Kleinfamilie – Vater, Mutter, Kind – nach der Idylle auf dem Land und sieht diese durch die geplanten Windräder bedroht. Um ihr individuelles Paradies zu beschützen, kämpft sie mit aller Kraft und gegen ihre eigentlich grüne Überzeugung dafür, den Bau zu stoppen. Dabei geht es irgendwann nicht mehr nur darum, wer im Dorf auf ihrer Seite steht, sondern vor allem, ob ihr Mann Gerhard auf ihrer Seite steht und bereit ist mit ihr zu kämpfen.

 

Ulrich Noethen über Dr. Gerhard Fließ

Dr. Gerhard Fließ ist eine der Figuren in diesem Zeh’schen Mikrokosmos, in dem die meisten um sich selbst kreisen und die Schwerkraft der eigenen Wahrheit und Geschichten ihnen den Blick über den Horizont verwehrt. Fließ verkörpert eine Form der urbanen, pseudointellektuellen Ignoranz gegenüber der "Provinz". Er ist ein Neuling auf unbekanntem Terrain. Für mich ist er einer, auch wenn das nie ausdrücklich thematisiert wird, den die Schat­ten der deutschen Kriegsgeneration verfolgen. Auf tragikomische Weise gräbt er sich seine Grube und stürzt folgerichtig kopfüber hinein.

 

Charly Hübner über Schaller

Schaller ist das schwarze Loch in Unterleuten. Er kommt ins Dorf, und alle Ereignisse nehmen ihren Lauf. Schaller bringt Unruhe, er selbst möchte nur Ruhe. Schaller ist die schallende Ohrfeige für Gombrowski, für Kron und für alle aus den alten Zeiten. Er ist das Zentrum, trägt das Geheimnis in sich und ist eigentlich nur ein einfacher Mann. Ein Mann, der versucht, mit seiner Tochter Frie­den zu finden und das zu verstehen, was ihm widerfährt. Schaller ist Rätsel und Antwort zugleich. Ohne Schaller wäre vielleicht alles nicht passiert. Schaller hofft, aber er wird enttäuscht. Keiner mag Schaller, außer seiner Tochter.

 

Bettina Lamprecht über Kathrin Kron-Hübschke

Kathrin ist ohne Mutter aufgewachsen und musste sich nach Krons Unfall schon früh um den Vater kümmern. Bis heute fühlt sie sich verantwortlich für ihn. Das ist wahrscheinlich der tiefere Grund dafür, dass sie noch im Dorf lebt. Im Gegensatz zu Kron ist sie ein positiver Mensch, und der Glaube an die Menschen und die Dorfgemeinschaft ist ihr wichtig. Krons Härte und seine Skep­sis allem gegenüber möchte sie nicht teilen. Seine permanenten Zurückweisungen haben Spuren bei ihr hinterlassen.

 

Bjarne Mädel über Wolf Hübschke

Wolf Hübschke ist ein Schriftsteller, der nicht gern unter Leute geht. Ein moderner Mann, der seine Tochter, seine Frau und die Ruhe über alles liebt – die Kombination findet er in Unterleuten. Sein Lebensmotto: "Herzrasen kann man nicht mähen, den Rasen schon."

 

Dagmar Manzel über Hilde Kessler

Hilde ist ein kluges, altgewordenes Mädchen, das mit 20 Katzen zusammenlebt und nur ungern das Haus verlässt. Sie lebt allein, aber nicht einsam an diesem Ort, der ihr Anfang und ihr Ende ist. Gombrowski ist ihre heimliche Liebe. Gombrowskis Frau erträgt die Nähe der beiden nicht. Sie hasst Hilde und verfolgt einen subtilen Plan, um Hilde zu vernichten. Hilde holt sich Rat bei Gombrowski, er ist ihr Beschützer. Aber: "Alles durchschaut haben und dennoch am Leben bleiben – es gibt keinen unmögli­cheren Zustand."

 

Christine Schorn über Elena Gombrowski

Elena Gombrowski lebte mit Mann und Tochter in Unterleuten. Das Leben miteinander wurde immer schwieriger. Er war jähzor­nig, schlug Mutter und Tochter, die mit 17 Jahren das Haus ver­ließ. Auch Elena entwickelt Eigenschaften, die sie vorher an sich nicht kannte. Langsam fängt sie an ihren Mann zu hassen. Trotz­dem verteidigt sie ihn immer wieder. Sie meidet Kontakte, beo­bachtet argwöhnisch die Geschehnisse im Dorf. Für ihren Mann ist Elena ein lebender Vorwurf geworden. Nur die Sehnsucht nach ihrer Tochter stärkt sie. Sie wird sich auf traurige Weise an ihm rächen.

 

Sarina Radomski über Betty Kessler

"Ich versuche nur, diesen Laden am Leben zu erhalten", vielleicht ein Satz, der Betty am besten beschreibt. Und genau so meint sie es auch: keine Falltür, kein doppelter Boden. Das Dorf bedeutet für Betty Familie. Sie schafft es mit großem Gerechtigkeitssinn und dem Selbstverständnis für ihr Zuhause, auch den "Neuen" gegenüber, als eine der wenigen Dorfbewohnerinnen, einen kla­ren Kopf und ein warmes Herz zu bewahren. Das Dorf nicht auf­zugeben, um dort weiter zu Hause sein zu können, das ist ihre oberste Priorität und ihr klarer Antrieb.

 

Alexander Held über Meiler

Konrad Meiler sieht sich als unternehmerischer Pionier und wittert das große Geschäft in Unterleuten. Aber auch wenn er meint, diesbezüglich Verbündete gefunden zu haben, bleibt er doch Zaungast und Fremdkörper in diesem Dorf. "Frauen versuchen ihr Glück, Männer riskieren ihres", schrieb Oscar Wilde. Meiler riskiert und wird zum Glücksritter von der traurigen Gestalt. Ein Träumer vom großen Glück in der Provinz.

 

Mina Tander über Anne Pilz

Anne Pilz ist Vertreterin der Windkraftanlagen-Gesellschaft "Vento Direct" und sehr karriereorientiert. Die Hauptrolle in ihrem Leben spielt der Job. Sie weiß genau, was sie tut, ohne störende Sentimentalität. Es ist alles ein großes Spiel für sie, und es geht ums Gewinnen. Anne Pilz wirbt für Windkraftanlagen mit dem Ziel, die Besitzer der dafür geeigneten Gebiete dazu zu bringen, mit ihr ins Geschäft zu kommen. Das Dorf und die Gefühle der Bewohner sind ihr egal. Feinde hat sie dadurch viele. Herr Meiler, der süddeutsche Investor, ist sicherlich so etwas wie ein zweck­mäßiger Freund für sie, Bürgermeister Seidel ist zumindest kein Feind. Alle anderen sind im besten Fall Geschäftspartner, so wie Linda Franzen.

 

Jörg Schüttauf über Arne Seidel

Er hat kurz nach der Wende seine Anstellung in der LPG als Tier­arzt verloren, und nicht nur das – seine Frau ist ihm auch noch weggestorben, als herauskam, dass sie ihn jahrzehntelang bespitzelt hat. Nun hat er nicht mehr allzu viel zu erwarten vom Leben. Beharrlich und ruhig arbeitet er als Bürgermeister auf seine Rente hin, und wenn es dann soweit ist, wartet er auf den Tod. Bis dahin geht es ihm aber immer noch um das große Ganze, und das ist nun mal leider mit den vielen unterschiedli­chen Leuten so einfach nicht zu machen.

 

Jacob Matschenz über Frederick

Frederick lässt sich im Leben eher treiben, und es fällt ihm des­halb leicht, mit Linda ins Dorf zu ziehen. Er arbeitet in der Stadt und pendelt zwischen dieser und dem Dorf. So richtig gehört er nicht dazu und hat hier auch keine Freunde. Er ist vorsichtig und beobachtet genau, wer welche Stellung im Dorf einnimmt, und mit dem Blick von außen kann er schnell einschätzen, wer mit Vor­sicht zu genießen ist. Ein wirkliches Lebensmodell hat Frederick nicht. Oft wählt er den Weg des geringsten Widerstandes, Kämpfe sind nicht seine Art.

 

Alexander Hörbe über Björn

Björn, geboren und aufgewachsen in Unterleuten, ist Vorarbeiter in Gombrowskis "Ökologica". Nie hat er auch nur einen Moment darüber nachgedacht, seinen Mikrokosmos, bestehend aus Dorf und ehemaliger LPG, zu verlassen. Einerseits mit Kron befreun­det, andererseits Gombrowski verpflichtet, steht er zwischen den entgegengesetzten Polen der Dorfgemeinschaft. Doch sollten sich die aufkommenden Gerüchte über die geplante Schließung der "Ökologica" bewahrheiten, wird er Gombrowski die Stirn bieten.

 

Nina Gummich über Miriam Schaller

Miriam ist eine junge, moderne Frau aus der Großstadt. Das Ein­zige, was sie für kurze Ausflüge aufs Dorf zieht, ist das Interesse an ihrem Vater, um den sie sich Sorgen macht und zu dem sie gern eine Verbindung hätte. Dieser Wunsch stellt sie vor eine fast unlösbare Aufgabe, denn ihren Vater empfindet sie als fremd, un­einsichtig und stur. Vielleicht sind die beiden sich aber ähnlicher, als sie denkt.

"Dorfleben funktioniert wie eine große Wohnge­meinschaft" - Interview mit Juli Zeh

Ihr Buch wurde als Dreiteiler für das ZDF verfilmt: Bekommen Sie darüber noch einmal einen neuen Blick auf Ihren eigenen Stoff?

Für mich war es vor allem faszinierend, die Figuren, die bislang nur in meinem Kopf existierten, plötzlich als Menschen aus Fleisch und Blut auf der Leinwand zu sehen. Das ist wie ein klei­nes Wunder für mich.

Kann man eine Geschichte wie "Unterleuten" nur in einem Dorf erzählen? Oder wäre diese Dynamik auch in einer Groß­stadt denkbar?

Im Grunde könnte "Unterleuten" an jedem Ort spielen, auch in einer Großstadt. Denn die Geschichte stellt ganz grundsätzliche Fragen darüber, wie wir heute leben. Zählt für uns die Gemein­schaft noch etwas? Oder sind wir alle konkurrierende Einzel­kämpfer in einem großen Gesellschaftsspiel? Wie stark werden wir von der Vergangenheit dominiert? Sind wir überhaupt frei, un­ser Leben so zu gestalten, wie wir es uns wünschen? Aber natür­lich bietet das Dorf besonders gute Bedingungen für das Erzäh­len, denn das Dorfleben funktioniert ein bisschen wie eine große Wohngemeinschaft. Man kennt sich gut, man teilt viele Bereiche des Alltags, obwohl man nicht unbedingt perfekt zueinander passt. Das spitzt Konflikte noch viel stärker zu als im eher ano­nymen Leben einer großen Stadt.

Die Macht der Gerüchte kann Menschen zerstören. Glauben Sie, dass diese Gefahr heute durch die sozialen Medien noch stärker geworden ist?

Absolut. Gerüchte und Legendenbildungen hatten schon immer eine ungeheure gesellschaftliche und politische Kraft. Geschich­ten, die wir uns übereinander erzählen, können Gemeinschaften zusammenschweißen, sie können aber auch Streit und sogar Kriege auslösen. Die sozialen Medien können dabei wie ein Hochdruckbeschleuniger wirken. Wenn eine Meldung "viral" geht, entfaltet sie ungeheure Macht. Sie ist in der Lage, das Leben von Menschen zu ändern, ja, im schlimmsten Fall sogar zu zerstören.

Sie selbst leben in einem Dorf in Brandenburg. Mussten Sie als Autorin die Verhältnisse in "Unterleuten" literarisch zu­spitzen? Oder glauben Sie, dass es in der Realität genauso stattfinden könnte?

Oh, ich habe eher untertrieben. Verrückterweise hat sich kürzlich in Mecklenburg eine Geschichte zugetragen, die klingt, als wäre sie aus "Unterleuten" entnommen. Ein Dorf hat sich über geplante Windkraftanlagen so zerstritten, dass es zu Tumulten und fast zu Massenschlägereien kam. Oft ist die Wirklichkeit viel heftiger als die Fantasie, und man muss beim Erzählen eher ein bisschen runterschrauben, weil die Leser sonst das Gefühl haben, dass man total übertreibt.

"Prall erzähltes Brandenburger Dorfpanorama" - Statement von Drehbuchautor Magnus Vattrodt

Juli Zehs "Unterleuten" ist für mich als Drehbuchautor eine fabel­hafte, dankbare Vorlage. Der Roman ist komplex, intelligent, rea­listisch, erzählt fein ausgearbeitet von Menschen mit vielschichti­gen, widersprüchlichen Gefühlen – und es passiert richtig was: Alte Herrenhäuser werden instandgesetzt, Windräder gebaut, Kinder entführt – oder auch nicht, so genau weiß man das in "Unterleuten" ja nie. Prall erzähltes Brandenburger Dorfpanorama als Spiegel unserer Zeit. Natürlich bleibt, wie bei jeder Adaption, die Arbeit des Dramatisierens, des Veräußerlichens von inneren Vorgängen, des Auswählens und Verdichtens, das Suchen nach der richtigen Balance zwischen Komik und Tragik, und natürlich müssen die vielen Erzählfäden unserer Dorfbewohner filmisch verknüpft werden. Aber in "Unterleuten" darf der Drehbuchautor in einem Gefühl der Fülle und Reichhaltigkeit arbeiten, nie des Mangels.

Dieses "oder auch nicht" macht einen guten Teil des Charmes von "Unterleuten" aus. Wie im echten Leben hat jede Figur ihren eigenen Blick auf das, was geschehen ist und geschieht, und je­der glaubt sich mit seiner Weltsicht und seinen Überzeugungen im Recht und im Reinen. Was am Ende wirklich geschah, bleibt dabei oft in der Schwebe – was dem Roman Tiefe gibt, im filmi­schen Medium allerdings ungleich schwieriger zu vermitteln ist. Im Film sieht man etwas – oder eben nicht. Dennoch die Grauzo­nen zwischen Gewissheit und Zweifel zu erhalten, gehörte sicher zu den erzählerischen Herausforderungen der Adaption.

Ebenso stellte sich uns schnell die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit. Juli Zehs Roman ist reich an Vergangenheit, oder besser: Vergangenheiten. Sie reichen zurück in die Nach­wendejahre und noch weiter, bis in die Jahre der Bodenreform. Für die Adaption haben wir uns schnell gegen das Auserzählen all dieser Zeitebenen entschieden. Der Film spielt allein in der Ge­genwart, und all die Jahre davor müssen sich spiegeln in dem, was die Menschen hier und heute sind, verkörpern, sagen, in den Konflikten, die sie bis heute miteinander ausfechten und die durch die Windräder aufs Neue entflammen.

Ich hatte das große Glück, einen sehr lustigen Nachmittag mit Juli Zeh verbringen zu dürfen. Wir sind in ihrem verschlammten Ge­ländewagen über Feld- und Waldwege geholpert und durch lich­ten Kiefernwald gestiefelt. Dabei hat sie mir ihren Zugang zu Land und Leuten und "Unterleuten" eröffnet und einige der realen "Vorbilder" für Orte und Personen gezeigt. Über ihren Roman, den sie uns in großem Vertrauen zur Adaption überließ, sagte sie, er handele unter anderem vom Rechthaben. Von diesem Recht­haben erzählt nun auch der Dreiteiler "Unterleuten", und ich glaube, jede Zuschauerin und jeder Zuschauer kann sich darin wiederfinden. Man muss nie in Unterleuten gewesen sein, um zu spüren, dass wir irgendwie alle in Unterleuten leben.

"Segen und Fluch zugleich" - Statement von Regisseur Matti Geschonneck

Die Herausforderung, diesem ungewöhnlichen Roman mit seinen komplexen Figuren gerecht zu werden, nicht hinter ihm zurück-zubleiben, seine eigenwilligen Charaktere nachvollziehbar zu ma­chen, schließlich nicht zu langweilen. Das ist für alle am Film Beteiligten, das ist für den Regisseur, Segen und Fluch zugleich. Drehbuch, Besetzung, dann die Inszenierung: Ich musste mir diese Figuren zu eigen machen, mich von der Vorlage entfernen, um letztendlich wieder zu ihr zurückzukehren. Da prallen Welten aufeinander, die doch zusammengehören sollen. Und es wird – scheinbar nebenbei – eine Geschichte über unser Land erzählt, die Geschichte einer Ablösung. In "Unterleuten" gibt man nicht auf.

"Unser Jahr in Brandenburg" - Acht Notizen der Produzenten Reinhold Elschot und Silke Pützer

1. Machen wir uns gleich zu Beginn klar: eine Besteller-Verfilmung, die hat es in sich, immer. Das Scheitern liegt nahe. Und dann erst "Unterleuten": 2016 einer der erfolgreichsten deutschen Romane, den noch dazu die gesamte Branche und, schlimmer, all unsere Freundinnen und Freunde und die halbe Familie gelesen hatten. Wie oft konnten wir in deren Blicken so etwas lesen wie: Na, Ihr traut euch ja was. Trauen können sich Produzenten so etwas nur unter ganz bestimmten Bedingungen: Wenn einem die Roman-Autorin, die ja ihr Werk, die Arbeit von Jahren, in fremde Hände gibt, vertraut, und wenn die Richtigen da sind, um dies umzuset­zen – vor allem der richtige Autor, der richtige Regisseur. Und die hatten wir mit Matti Geschonneck und Magnus Vattrodt. Um es vorwegzunehmen: Wir sind mit dem, was nun da ist, mehr als glücklich. Es ist Juli Zehs Roman, es sind ihre Figuren – und es ist doch durch und durch ein Film von Matti Geschonneck.

2. Eine der zahlreichen – alle hier zu nennen, ist unmöglich – Herausforderungen bei der Umsetzung dieses Stoffes war: Wo spielt "Unterleuten"? Wo drehen wir "Unterleuten"? Denn dieses Dorf, mit den Häusern, den Flächen, den Menschen, gibt es natürlich, Unterleuten ist beinahe überall – aber so konkret gibt es dieses Dorf mit seinen sehr besonderen und für die Erzählung der Geschichte so wichtigen Haus- und Blick-Konstellationen natürlich nicht. Es ist vor allem unserem Filmarchitekten Bernd Lepel und seinem Team zu verdanken, dass wir unser Unterleuten in Brandenburg gefunden haben – aber nicht in einem, sondern in mehr als zehn verschiedenen Dörfern. Erst im Schnitt wurde aus diesen vielen Häusern und Plätzen dann unser Dorf.

3. Eine weitere Herausforderung: Juli Zehs Roman spielt auch in der Vergangenheit (Was geschah im Wald, damals?), dann aber an fünf aufeinander folgenden Tagen in einem besonders heißen Sommer. Wir mussten diese fünf Tage an 75 Drehtagen, in über drei Dreh-Monaten umsetzen, sprich: Alle Anschlüsse müssen stimmen, auch wenn eine Einstellung etwa Ende Juni gedreht wurde und die sich im Film direkt anschließende vielleicht erst im Oktober – eine wirklich große Herausforderung für alle. Man wagt es kaum zu sagen: Der nicht enden wollende Sommer 2018, eigentlich ein Menetekel, tat unserem Film gut.

4. 75 Drehtage, alle in Brandenburg, nur ein paar Tage in Berlin – "Unterleuten" dürfte 2018/2019 einer der ganz wenigen Fernseh-Dreiteiler sein, die voll und ganz in Deutschland gedreht und produziert wurden. Und so entsteht ein Bild von Brandenburg, das es so noch nicht gab im fiktionalen deutschen Fernsehen.

5. Vom Buch zum Film – darüber wurde schon Vieles und Richtiges gesagt und geschrieben, hier nur dieses: Beim Wechsel in ein anderes Medium muss man den Roman zunächst dekonstruieren, ja, zerstören, um ihn dann im Drehbuch, im Film wieder aufzu­bauen und um schließlich zum Geist der Vorlage zu gelangen. Das hat Magnus Vattrodt vollbracht, der schon zahlreiche (und sehr erfolgreiche, prämierte) Stücke gemeinsam mit Matti Geschonneck gemacht hat. Und wir hatten den Luxus, dass Juli Zeh von Beginn an mit an Bord war. Sie war sehr damit einver­standen, dass Matti Geschonneck und Magnus Vattrodt diesen ihren Stoff umsetzen. Sie war während des gesamten Prozesses für uns ansprechbar – und sie mag unseren Film, um das Mindeste zu sagen.

6. "Unterleuten" ist auch ein Fest für die Schauspielerinnen und Schauspieler – ein Ost/West-Cast, der wohl einzigartig ist. Matti Geschonneck entschied sich sehr schnell dafür (er wird sagen, das habe sich so ergeben), die Rollen der Einheimischen mit Protagonisten aus dem Osten zu besetzen und die der Zugereis­ten mit Westlern – die sich daraus ergebende Spannung trans­portiert der Film.

7. Einen solchen großen Film produzieren zu dürfen, ist ein großes Glück. Und dieses Glück wird noch größer, wenn man es mit den richtigen Menschen teilen darf. Und wir dürfen verraten: Wir haben nicht nur unsere Wunsch-Besetzung, sondern konnten in allen, wirklich allen Gewerken mit den Frauen und Männern arbeiten, mit denen wir arbeiten wollten – bis hin zum exzellenten Catering, das uns durch diese dreizehn Dreh-Wochen begleitet hat.

8. Die Filme von Matti Geschonneck haben eines gemein: In ihnen geht es immer um etwas. Und dem Regisseur geht es auch um etwas, für Beliebigkeit ist da kein Platz. Und diese Dorf-Saga hat es in sich. Sie hat sehr zu tun mit unserem Land, seiner jüngeren Geschichte, seinen Verwerfungen, seinen Hoffnungen, seinen Menschen. Irgendwie kennen wir sie alle, die Menschen von Unterleuten, wir leben mit ihnen – in unserem eigenen Unterleuten.

Radio-Interview mit Matti Geschonneck inklusive Audio-Datei

Link Audio-Datei Interview Matti Geschonneck

 

Herr Geschonneck, was hat Sie an der Verfilmung des Buches von Juli Zeh "Unterleuten" gereizt?

Als ich das Buch 2016 las, war ich schon sehr angetan – von den Figuren hauptsächlich. Die Figuren haben mich interessiert. Ich glaubte, diese Figuren zu kennen. Ich komme selber aus der DDR, aus Berlin, und Brandenburg war mir nicht fremd. Die Figuren fand ich großartig. Ich hatte auch sehr schnell bestimmte Schauspieler im Sinn, die es dann tatsächlich wurden, und das ist nicht die Regel.

Das Buch hat 634 Seiten, Sie haben einen Dreiteiler daraus gemacht, also dreimal 90 Minuten. Hat man da nicht ein bisschen Sorge, dass man nicht alles unterbekommt?

Ja, natürlich. Das ist auch die Frage, die wir uns am Anfang stellten. Welcher Umfang soll es werden: die Filme, der Film, die Serie? Es gab viele Überlegungen. Wir haben uns dann auf einen Dreiteiler geeinigt und gesagt: Lass uns das so in dieser kompakten, klassischen Dreiteiler-Form erzählen, und dann ging das seinen Gang. Da bleibt bestimmt vieles auf der Strecke, aber es kommt auch vieles hinzu.

Es steckt wahnsinnig viel drin in diesem Stoff: Umweltschutz, Wirtschaftsthemen, Ost-West… Hat Sie diese Vielfalt besonders gereizt?

Natürlich steckt da viel drin, obwohl es ja keine Dokumentation über unser Land ist. Für mich ist das auch ein Film nicht nur der Auflösung dieses Dorfes, sondern eine Ablösung. Da waren für mich besonders diese beiden Protagonisten Gombrowski und Kron, also Thomas Thieme und Hermann Beyer, die Stützpfeiler dieses ganzen Ensembles. Die beiden hatte ich auch sofort im Sinn, muss ich gestehen, noch bevor das Drehbuch überhaupt entstand, und die habe ich auch direkt festgemacht, das ist ja kein Geheimnis. Ich habe gesagt: Wenn ich das in zwei Jahren drehen sollte, müsst Ihr das spielen und sie haben sich tatsächlich den Sommer freigehalten.

Ist das ein Film, der nur in Brandenburg spielen kann oder halten Sie den Zuschauern auch ein bisschen den Spiegel vor und sagen, Unterleuten ist fast überall?

Es ist natürlich ein Brandenburger Stoff - der gehört da hin, aber er könnte auch in Bayern spielen. Da wären es dann vielleicht nicht die Windräder, sondern Kiesgruben, ich weiß es nicht. Ich glaube, das Problem Alt und Jung, Ost und West und Stadt und Land gibt es überall, das ist gar keine Frage. Auch diese Charaktere wird es in Baden-Württemberg und in Bayern geben, da bin ich mir sicher.

Wie ist es, mit einer Autorin zusammenzuarbeiten, die so bekannt ist und so großen Erfolg hat?

Wir kannten uns ja nicht, und als wir uns kennenlernten, war natürlich bei ihr – behaupte ich mal – die Furcht oder die Skepsis groß, da ihr Buch jetzt in andere Hände geht. Sie hat ja knapp zehn Jahre daran gearbeitet. Das ist für einen Schriftsteller oder für eine Schriftstellerin ein großes Risiko und ein Wagnis und natürlich auch ein Schmerz, dass du das eben in fremde Hände gibst und nicht weißt, was machen die jetzt daraus? Aber sie hat, glaube ich, gemerkt – sie war ein paar Mal am Drehort –, wie ernst wir da mit ihren "Kindern", mit diesen Personen, ihren Dorfbewohnern umgehen. Und als sie dann den ersten Teil sah, saß sie diese eineinhalb Stunden unbeweglich vor dem Monitor und ging danach grußlos raus. Ich ging auch raus, und dann begegneten wir uns auf dem Flur, sie kam auf mich zu und umarmte mich, aber so, dass ich merkte, die Frau wohnt auf dem Lande. Das hat mich sehr gerührt.

Aber zu bemerken, dass die Autorin des Buches überhaupt keine Regung zeigt. Das muss für Sie ja grausam gewesen sein.

Nein, grausam nicht. Sie war einfach überkonzentriert, das verstehe ich auch. Plötzlich siehst du deine Figuren, an denen du so lange gearbeitet hast, wo du ganz konkrete Vorstellungen hattest. Sie hat die Figuren und das Dorf ja so genau beschrieben, sogar Skizzen, ganze Biografien und Geografien angefertigt, und plötzlich kommen die Filmfritzen und nehmen ihr das weg. Letztlich ist das Risiko und der Schmerz für eine Schriftstellerin groß.

Bei den vielen Filmen, die Sie gemacht haben, ist "Unterleuten" für Sie etwas Besonderes?

Natürlich ist das etwas Besonderes, aber das ist jeder Film. Das wäre jetzt ungerecht. Ich nehme jeden Film ernst, ob klein, ob groß, da gibt's gar keine Unterschiede. Das hier war vom Umfang her bestimmt etwas Besonderes und natürlich auch noch ein Bestseller und natürlich mit Erwartungen verbunden und "Unterleuten", da kannst du ja rumfragen, den Roman kennen wahnsinnig viele Leute. Das ist unglaublich. Natürlich ist da sehr viel Druck auf dem Kessel. Und jetzt kommen wir und verfilmen diesen Erfolgsroman, das ist schon eine Herausforderung. Aber während der Dreharbeiten vergisst du das. Da mache ich den Film, versuche jeden Drehtag mit meinem Team, was ein sehr gutes war, hinzukriegen. Die Leute, die ich kenne, die ich schätze und dann eben diese exzellenten Schauspieler, die ich alle – das klingt pathetisch, aber es ist tatsächlich die Wahrheit – sehr liebe.

Das Interview führte Hermann Orgeldinger.

Radio-Interview mit Rosalie Thomass inklusive Audio-Datei

Link Audio-Datei Interview Rosalie Thomass

 

Frau Thomass, was hat Sie gereizt, bei der Verfilmung von Juli Zehs "Unterleuten" mitzumachen?

Matti Geschonneck rief mich an und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, dabei zu sein. Und zu dem Zeitpunkt hatte ich den Roman schon verschlungen, und es ist wirklich eins meiner Lieblingsbücher gewesen. Das ist das große Werk von Juli Zeh, von der ich fast alle Bücher kenne. Und deswegen habe ich nur gefragt: Matti, welche Rolle, welche Rolle? Und ich hab' gebetet, dass er Jule Fließ sagt, weil ich es für mich die coolste und lustigste Rolle finde. Und dann hat er Jule Fließ gesagt, und ich war glücklich.

Jetzt müssen Sie ein wenig über Ihre Rolle als Jule Fließ erzählen. Sie sind die Ehefrau eines Soziologen. Was ist das Besondere an dieser Jule?

Alle Figuren in "Unterleuten" stehen ja auch beispielhaft für viele Menschen, und Jule steht für die Idee einer Städterin aus der Mittelschicht, die auf dem Land die Idylle sucht, die Ruhe, diese Stadtflucht, mit Kleinstfamilie – Vater, Mutter, Kind. Die dann aber feststellen muss, dass das gar nicht so einfach ist, wie sie sich das vorgestellt hat, wenn man aus der Stadt einfach so in so ein Dorf kommt. Für mich ist das Besondere an ihr, dass sie so eine starke Kämpfernatur hat, was vielleicht auch daher kommt, dass sie dieses Baby hat, was sie unter allen Umständen beschützen will, gegen alle Widrigkeiten von außen. Und dass sie immer sicher ist, dass sie im Recht ist. Das macht so Spaß, eine Figur zu spielen, die wirklich sicher ist, dass sie absolut im Recht ist und genau weiß, was sie tut, obwohl es vielleicht ein ganz großer Schmarrn ist.

Sie müssen in Ihrer Rolle auch Ihr Kind einsetzen. Sophie ist sechs Monate alt, und Sie gehen mit ihr in den Kampf gegen die Windräder. Würden Sie – Sie sind Mutter von zwei Kindern – so etwas auch machen?

Ich bin privat sehr zurückhaltend. Meine Kinder so einzusetzen, das ist ja fast wie eine Kampfbastion, die sie da vor sich herschiebt. Was ich total nachvollziehen kann, ist, dass man, wenn man Eltern wird, einfach so ein Gefühl hat von: Moment, in welcher Welt leben wir, wie soll die sein, wie wollen wir die gestalten für die Zukunft, im Kleinen wie im Großen, natürlich im eigenen Dorf oder Stadtteil? Aber eben auch, wie gehen wir mit Mutter Erde um? Dass man sein Kind beschützen will oder die Kinder, die ganzen nächsten Generationen. Das kann ich total verstehen. Ich privat würde es ein bisschen anders angehen. Ich bin sehr viel zweifelnder und besonnener und lasse mich auch besser beraten als Jule Fließ.

Juli Zeh hat in ihren Roman viele aktuelle Themen reingepackt: Klimakatastrophe, Ost-West, die Wessis – das Ganze spielt ja in Brandenburg. Energiewende, Fremdenfeindlichkeit. Ist es für Sie spannend, dass der Film aktuelle Themen behandelt?

Ich hatte immer beim Lesen, auch schon des Romans, das Gefühl, dass es so ein bisschen ist wie Juli Zehs Buddenbrooks. So ein Hauptwerk, wo sie ihre Beobachtungsgabe zeigt. Ich finde, das ist in allen ihren Büchern so. Die Menschen sind ja sehr scharf beobachtet, auch manchmal sehr gnadenlos. Wobei ich finde, dass sie nicht über die Figuren urteilt, das ist ja das Schöne. Und diese aktuelle Situation, die es ja wirklich überall gibt, ob jetzt auf einem bayerischen Dorf ein Discounter gebaut werden soll und das Dorf wehrt sich dagegen, in Brandenburg sind es oft die Windräder, oder es soll eine Stromtrasse gelegt werden, ein Tunnel – der Brenner Basistunnel –, das ist dann in der oberbayerischen Region ein Thema. Das ist total aktuell, und diese Verflechtungen in so einer Dorfgemeinschaft – die kann man natürlich auf dem Dorf besser erzählen als in einer Stadt – sind, glaube ich, allgegenwärtig. Als ich den Roman gelesen habe, hat es mich so total erwischt und komplett getroffen, weil ich dachte, wow, genau so ist es. Genau diese Gespräche kenne ich auch mit Freundinnen, wo man sagt, ja, ich glaub, ich will auch aus der Stadt raus. Dann lebt man auf dem Land und dann heißt es plötzlich, die Landstraße ist jetzt doch ein bisschen lauter als wir dachten und so. Dann wird plötzlich für ein Tempolimit gekämpft wegen diesem einzelnen individuellen Glück, und das hab' ich alles da drin wiedererkannt.

Sie wohnen in München, sind dort auch geboren. Ist es denkbar, dass das Ganze auch in einem bayerischen Dorf mit 200 Einwohnern spielen könnte?

Ich glaube auch, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind. Was natürlich auf einem bayerischen Dorf so nicht zu erzählen wäre, ist diese Ostvergangenheit mit dieser Enteignung, mit den LPGs - das ist natürlich in Bayern ganz anders. Was es aber in Bayern auf den Dörfern genau so gibt, sind alte Geschichten. Das glaubt man ja oft auch nicht. Man denkt ja oft – das sagt auch Juli Zeh so schön im Presseheft –, dass die Wirklichkeit oft brutaler ist als das, was man sich ausdenkt. Da liegen auch alte Geschichten begraben. Wobei ich es genauso erlebe, ich sag' mal im ganz großzügigen Einzugsraum um München: Auf den Dörfern ist es natürlich schon so, dass man sich da ganz gut zusammenfindet, die Bauern, die von früher dort leben, und die zugereisten Städter, die es nicht mehr aushalten, weil die Stadt einfach zu teuer ist. Das fügt sich, finde ich, ganz schön ineinander. Aber es gibt natürlich auch in Bayern Regionen, die ein bisschen abgelegener sind, die strukturschwächer sind, zum Beispiel im Bayerischen Wald, wo ich auch schon viel zum Drehen war, wo es auch keine Läden mehr gibt und wo auch eine andere Konfliktbereitschaft da ist, weil man eben nicht so eine Vollbeschäftigung hat wie in anderen Regionen.

Was auch in allen Regionen unseres Landes passiert, ist der Kampf gegen Windparks. Und das, obwohl – und so ist es auch bei Jule - die eigentlich eine engagierte Umweltschützerin ist und trotzdem gegen Windkrafträder ist. Da wird Naturschützern und Umweltschützern der Spiegel vorgehalten.

Das finde ich wunderschön, weil das so typisch ist für Menschen. Ich meine Menschen im allgemeinen, dass sie so viele verschieden Facetten und Böden haben, dass jemand, der voller Überzeugung mit Sicherheit grün wählt und es super findet mit dem Veggie-Day und unbedingt die Welt retten möchte, aber ein Windrad im eigenen Garten? Das geht natürlich zu weit. Jule sagt ja so schön – das ist einer meiner Lieblingssätze: "Die stellen uns hier den Kölner Dom in den Vorgarten!" Weil eben ein Windrad ungefähr so hoch ist wie der Kölner Dom. Und diese übertrieben Wahrnehmung hat mir so richtig Spaß gemacht.

Das Interview führte Hermann Orgeldinger.

Radio-Interview mit Ulrich Noethen inklusive Audio-Datei

Link Audio-Datei Interview Ulrich Noethen

 

Herr Noethen, als der Anruf kam, ob Sie in dem Dreiteiler "Unterleuten" mitspielen. Wie war da Ihre erste Reaktion?

Ich habe mich sehr gefreut. Ich habe mich sehr gefreut, weil der Anruf von Matti Geschonneck kam, ein Meister seines Fachs und ein Regisseur, mit dem ich sehr, sehr gerne arbeite. Und ich habe mich gefreut, weil ich das Buch von Juli Zeh gelesen hatte und es mir richtig gut gefallen hat. Es war eines dieser Bücher, das ganz oben auf dem Büchertisch lag. Ja, es war schön! Und diese Vorfreude hat sich in reine Freude verwandelt, als wir dann gearbeitet haben und - vor allem - als wir dann, das ganze Ensemble, Gelegenheit hatten, zusammen den fertigen Film anzuschauen.

Es ist ein Buch, in dem sehr viele Themen angesprochen werden: Umweltpolitik, Windkraft, auch das Ost-West-Verhältnis. Da steckt wahnsinnig viel drin.

Ja, es sind viele Themen, die dieser Gesellschaft unter den Nägeln brennen. Es enthebt sich ein bisschen der Tagesaktualität. Die paar Jahre, die seit der Entstehung des Buches vergangen sind, die merkt man ihm ein bisschen an. Das ändert aber überhaupt nichts an der Grundsituation und an der Aktualität der behandelten Themen.

Sie spielen einen Soziologen, einen Professor, Universitätslehrer, der in das Dorf zieht, der Idylle sucht. Was ist das für eine Rolle?

Naja, das ist ein Akademiker, der nochmal einen zweiten Anfang auf dem Lande sucht, der einen Entwurf vom besseren, vom richtigeren Leben dort sucht, in einer dörflichen Gemeinschaft, wo man die Dinge gemeinsam anpackt. Er hat sich auch nochmal verliebt. Er hat jetzt eine junge Frau an seiner Seite, und ich hatte so das Gefühl, er versucht seinen Traum zu leben, ist aber eigentlich an allen Ecken und Enden überfordert. Er ist überfordert mit der jungen Frau, er ist überfordert mit seinen eigenen Ansprüchen an diese dörfliche Gemeinschaft und an die Ansprüche, die er an gemeinschaftliches Kommunizieren hat. Und dann kommt natürlich dazu, dass er so ein bisschen auch als der sogenannte Gutmensch gezeichnet wird, also der Naturschützer, der grün angehauchte Vogelfreund, und da steckt eine ganze Menge drin. Aber, und das finde ich jetzt wieder das Erstaunliche, es geht weit über das Klischee, das wir von so einer Figur haben, hinaus.

Ein Städter, der sich jetzt plötzlich in einem Dorf wiederfindet. Juli Zeh hält uns da auch ein bisschen einen Spiegel vor, wie so ein Dorfleben funktioniert oder auch nicht funktioniert.

Ja, das Dorfleben… Wir haben als Städter bestimmte Vorstellungen, so wie eben auch meine Figur, wie das so funktionieren könnte. Man denkt eben: "Ich komme aus der anonymen Stadt in das Dorf, dort ist alles viel, viel näher, Leute sind befreundet miteinander, kennen sich seit Jahren." Es gibt da eine Verklärung, eine Mystifizierung des ländlichen Lebens, und die Grenzen werden einem sehr schnell aufgezeigt.

Es ist so, dass es in diesem Dorf kracht und klemmt ohne Ende und die Neuankömmlinge fast überfordert sind.

Jeder verfolgt seine eigenen Interessen, jeder hat seine eigenen Motive, jeder hat auch seine Art Recht, und keinem gelingt es – bis auf zwei, drei Frauenfiguren, bei denen ich selber dann beim Zuschauen mehr Mitgefühl und Empathie habe –, über den eigenen Schatten zu springen.

Sie leben in Berlin, dort hat man kein Problem mehr mit Ossi, Wessi, aber sehr wohl in Brandenburg oder in Mecklenburg Vorpommern. Da gibt es diese Unterscheidung noch.

Ich glaube, diese Unterscheidung gibt es auch in Berlin noch. Es gibt ja immer wieder Leute, die sagen: "Nee, in die östlichen Teile dieser Stadt komme ich gar nicht." Und umgekehrt auch. Leute aus Friedrichshain sagen: "Dahlem? Wo is’n das?" Es gibt viele Berliner, die einfach in ihrem Kiez bleiben. Und trotzdem ist der städtische Raum natürlich der, der ein bisschen freier mit diesen Dingen umgeht. Die Unterschiede auf dem Land gibt es nach wie vor.

Matti Geschonneck hat noch nie so viele bekannte deutsche Schauspieler auf einmal vor der Kamera gehabt. Wie war denn die Zusammenarbeit mit den vielen Kollegen?

Die Zusammenarbeit war gut. Wenn gute Schauspieler zusammenarbeiten, dann arbeiten die gut zusammen. Das macht den guten Schauspieler auch aus, dass er teamfähig ist und mit den anderen zusammenspielt, weil er weiß, alleine kann ich es nicht spielen, ich muss mit den anderen zusammenspielen. Die Arbeit mit Matti macht deswegen so großen Spaß, weil er keiner ist, der sich irgendwie fortreißen lässt, sondern weil er weiß – auf eine behutsame und bedachtsame Art –, wie der Weg geht. Eine seiner liebsten Handbewegungen, die ich jetzt zwar zeigen, aber nicht unbedingt vermitteln kann, ist die langsam nach unten beruhigende Hand, die sagt, mach mal langsam. Weniger, weniger. Das heißt, alle werden in ihrem Spielfuror so ein bisschen runtergekocht, und dadurch entsteht dann ein Gesamteindruck von Normalität und Wahrhaftigkeit, wie man ihn sonst nicht so oft findet.

Wie waren die Dreharbeiten in Brandenburg? Es waren über 70 Tage, das Ensemble war lange zusammen, und es war ja kein Unterleuten-Dorf, sondern es wurde an ganz unterschiedlichen Orten gedreht.

Das war von der Produktionsfirma eine logistische Spitzenleistung, die ganzen Schauspieler und das ganze Team immer an die unterschiedlichen Orte zu bringen. Es wurde sehr, sehr viel hin- und hergefahren, aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich habe sozusagen den Speckgürtel von Berlin ein bisschen besser kennengelernt.

Mit welchem Argument würden Sie die Serie einem Freund empfehlen?

Es ist eine tolle Geschichte. Wem das Buch gefallen hat oder wem es generell gefällt, in so eine Gesellschaft, in so einen Mikrokosmos reinzuschauen, wo die Leute miteinander verbunden sind, aber sich auch gegenüberstehen, der wird großen Spaß daran haben.

Das Interview führte Hermann Orgeldinger.

Radio-Interview mit Charly Hübner inklusive Audio-Datei

Link Audio-Datei Interview Charly Hübner

 

Herr Hübner, was hat Sie gereizt, bei der Bestsellerverfilmung von "Unterleuten" mitzumachen?

Matti Geschonneck natürlich. Wir kannten uns und wollten wieder was miteinander machen. Ich hatte den Roman auch gelesen, weil er mir von vielen, vielen Seiten empfohlen wurde, als er damals rauskam und dachte nach 20 Seiten oder so, das würde mich wundern, wenn man das nicht verfilmt. Weil die Erzählung, die Juli Zeh da macht, viel mit dem alltäglichen Leben zu tun hat, das überall in Deutschland gerade stattfindet. Auf dem Land, in Mietshäusern oder in Kiezen in den Städten. Und als Matti dann fragte: "Spielst Du den Schaller?" – ich hatte mich da gar nicht gesehen, eigentlich in keiner Rolle –, aber als er dann Schaller sagte, musste ich sofort an jemanden aus meinem Dorf denken, und dann dachte ich, klar, machen wir.

Der Schaller ist eine echte Type. Kommt zurück ins Dorf, hat fast nur Feinde dort. Warum eigentlich?

Wir dürfen ja nichts verraten, aber er trägt eine sehr große Schuld am Ableben eines Menschen. Alle gehen davon aus, dass er der Mörder ist. Also ist es so, man weiß es nicht. Das wird ja auch nicht aufgeklärt. Deswegen war er ja auch 25 Jahre weg.

An über 70 Tagen ist gedreht worden. Wie haben Sie das mit dem Bart hinbekommen? Der Schaller hat ja einen richtig kräftigen Bart.

Den haben wir so wachsen lassen. Den habe ich die ganze Zeit so getragen. Ich bin in der Zeit mal in Mexiko gewesen und sah aus wie ein Mexikaner, ich wurde immer spanisch angequatscht. (lacht)

Jetzt hat Juli Zeh unheimlich viel reingepackt in ihren Roman: Klimakatastrophe, Ost-West-Verhältnis, die Wessis, die Ossis. Hat Sie das zusätzlich gereizt? Das ist ja wirklich aktuelle ostdeutsche Realität.

Für mich ist es weniger eine Ost-Erzählung, obwohl es darauf gemünzt ist. Aber ich bin ja oft im Westfälischen, und da sehe ich die gleiche Entwicklung, da sind innerhalb der letzten zwei Jahre so viele Windmühlen entstanden, wenn man die A1 langfährt, gerade auch in Westfalen und in West-Westfalen. Alter Schwede, ich hätte nicht gedacht, dass die das brauchen. Da dachte ich: "Ach, guck mal an, die machen das jetzt auch." Und das andere: Es ist ja für mich auch eine Jugend-und-Alter-Geschichte. Da gibt es alte Seilschaften, alte Konflikte, alte Geschichten auf dieser Gombrowski-Kron-Ebene, und dann gibt es aber auch Kinder, junge Frauen, die ihr Leben anders gestalten wollen, anders damit umgehen, einfach die Nase voll haben von diesen alten Strukturen. Das ist für mich viel mehr das Zentrum der Erzählung als diese politische Wende, dass da jemand aus Bayern kommt 25 Jahre nach dem Mauerfall und da direkt nach der Wende in Land investiert hat. Das haben ja ganz viele Leute aus den neuen Bundesländern auch in Litauen gemacht. Das wiederholt sich ja allerorten. Es ist natürlich immer interessant, das nochmal auf West-Ost zu ziehen. Aber es geht um viel mehr als nur um Ost und West.

Gedreht wurde in Brandenburg. Sie sind in Carwitz an der Grenze zu Brandenburg groß geworden, ein Dorf – war das so vergleichbar mit Unterleuten?

Für mich erstmal gar nicht, weil die mecklenburgischen Dörfer anders strukturiert sind, da stehen die Häuser direkt vorne an der Straße. Wir hatten immer Katzenköppe (Kopfpflaster), es hatte nicht so eine gerade Struktur wie die brandenburgischen Dörfer. Das ist jetzt sehr laienhaft beschrieben. Wenn man zum Beispiel von Berlin Richtung Templin oder Zehdenick fährt, da gibt es so Dörfer, da sind ganz gerade Straßen. Da sind die Häuser 40, 50 Meter weg von der Straße, weil man davor noch parken kann. Die sah ich sofort vor mir, mit diesen 1.000 oder 3.000 Quadratmeter Land dahinter, je nachdem, wieviel man gekriegt hat. Ganz anders als diese verwunschenen, kurvenreichen, hügeligen Mecklenburger Dörfer.

Wurde eigentlich in einem richtigen Dorf gedreht oder waren die Dreharbeiten an verschiedenen Orten?

Es wurde an sehr, sehr vielen verschiedenen Orten gedreht. Ich war an drei verschiedenen Orten zugange, obwohl es ja in einem einzigen Dorf spielt. Die Werkstatt haben wir in einem Dorf gefunden, die Kolchose, der Landwirtschaftsbetrieb, war in einem anderen Dorf. Aber alles in der Bernauer Ecke. Wenn man sich da auskennt – ich kannte die gar nicht, hab die dadurch kennengelernt, ich kannte immer nur Bernau –, dann gehört das schon alles zusammen. Das ist alles schon sehr brandenburgisch.

Der Schaller ist so etwas wie ein Unsympath. Den mag im Dorf keiner. Und von allen Rollen, die im Film auftauchen, ist das die Unangenehmste. Ist es schwer, so etwas zu spielen? Sie spielen ja sonst nicht immer Bösewichte?

Matti und ich mussten beide an jeweils jemanden denken, und die ähnelten sich beide auch. Matti ist ja ein Großstadtkind, ich bin vom Lande, aber die beiden Figuren aus unserer Jugend, an die wir denken mussten, die sahen so aus wie Schaller jetzt aussieht. Das waren so Typen, die sozial durchaus nicht blöde sind, aber einfach die Hand sehr locker sitzen haben und die Probleme immer auf dem kürzesten Weg klären.

…notfalls mit etwas Gewalt.

Naja, da ist ein Problem, und das muss geklärt werden. Und dann wird gehandelt.

Die Zuschauer sollten also unbedingt auf diesen Schaller achten. Nun hat Matti Geschonneck schon in der Vergangenheit mit bekannten Schauspielern gedreht. Aber ich glaube, er hat noch nie mit so einer Ansammlung prominenter Darsteller gedreht. Wie hat das funktioniert?

Man ist ja doch immer in seiner eigenen Welt. Schaller ist sehr alleine. Dann kommt irgendwann die Tochter, die wunderbare Nina Gummich, dann fährt Thomas Thieme mal vorbei und macht 'ne Ansage. Dann fahr' ich mal vorbei und sag', ich hab den Befehl ausgeführt. Dann kriegt man Besuch von Dagmar Manzel für eine Szene. Mit Ulrich Noethen hat man dann viele Auseinandersetzungen. Es war einfach toll. Tolle Kollegen, machte ganz viel Spaß. Matti war sehr fokussiert und konzentriert, kannte wirklich jede Figur, wusste genau, wo er mit uns immer hinwill. Es war sehr, sehr schön, da immer wieder aufzuschlagen und in diese Disruption reinzugucken. 

Ein Dreiteiler, dreimal 20.15 Uhr im ZDF im März. Ist das auch für einen Schauspieler etwas Spannendes? Großes Publikum sozusagen.

Ja, ich bin gespannt, wie es aufgenommen werden wird. Ich hoffe, dass die Leute die Differenzen, die in der Geschichte drinliegen, wiedererkennen und dann damit selber in die eigene Gemeindeversammlung gehen oder sich zum Bierchen am Freitagabend hinsetzen und das zum Thema wird. Denn als Stoff und wie der Film gebaut ist, ist das wirklich eine sehr gute Vorlage für einen gesellschaftlichen Diskurs.

Das Interview führte Hermann Orgeldinger.

Weitere Informationen

Impressum

Fotos über ZDF Presse und Information

Telefon: (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/unterleuten

 

ZDF Hauptabteilung Kommunikation
Presse und Information
Verantwortlich: Alexander Stock

E-Mail: pressedesk@zdf.de

© 2020 ZDF

Ansprechpartner

Name: Susanne Priebe
E-Mail: presse.hamburg@zdf.de
Telefon: (040) 66985 180