Copyright ZDF / Hannes Hubach
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Unterm Birnbaum

Moderne Adaption der Fontane-Novelle: Das Ehepaar Abel und Ursel Hradschek (Fritz Karl und Julia Koschitz) betreibt ein Landhotel im Oderbruch. Der Betrieb läuft schlecht, und die Hradscheks leben über ihre Verhältnisse. Als Abel bei Gartenarbeiten zufällig unter einem Birnbaum das Skelett eines Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt, reift in ihm ein raffinierter Plan. Mithilfe seiner Frau arrangiert er den „perfekten Mord“ an seinem Gläubiger.

  • ZDF, Montag, 30.12.2019, 20.15
  • ARTE, Freitag, 27.12.2019

Texte

Stab

Buch: Léonie-Claire Breinersdorfer, frei nach der gleichnamigen Novelle von Theodor Fontane
Regie: Uli Edel
Kamera: Hannes Hubach
Szenenbild: Jerome Latour
Kostümbild: Saskia Richter 
Musik: Sebastian Fillenberg
Casting: Annekathrin Heubner
Ton: Marc Meusinger
Schnitt: Julia Oehring
Produktionsleitung: Günter Fenner
Herstellungsleitung: Michael Luda
Eine Koproduktion des ZDF/mecom fiction, in Zusammenarbeit mit ARTE
und mit Förderung der Mitteldeutschen Medienförderung und Staatskanzlei Thüringen.
Produzenten: Jan Richard Schuster,  Michael Luda
Redaktion: Günther van Endert (ZDF), Petra Tilger ZDF), Olaf Grunert (ARTE),
Andreas Schreitmüller (ARTE)

Besetzung

Ursel Hradschek- Julia Koschitz
Abel Hradschek - Fritz Karl
Jeschke - Katharina Thalbach
Geelhaar - Devid Striesow
Schulze - Peter Schneider
Eccelius - Boris Aljinovic
Kunicke - Peter Prager
Quaas - Stephan Grossmann
Woytasch - Hilmar Eichhorn
Line Jeschke - Nellie Thalbach
Ede - Jonas Leonhardi
Marlene - Ramona Kunze-Liebnow
Vowinkel - Sebastian Kowski
Jacqueline - Maria Kempken
Wonnekamp - Daniel Krauss
und andere                                                    

Inhalt

Das Ehepaar Abel und Ursel Hradschek (Fritz Karl und Julia Koschitz) betreibt ein Landhotel im Oderbruch. Voller Ehrgeiz haben sie das alte Gehöft umgebaut und sich dabei finanziell verhoben. Außerdem laufen die Geschäfte nicht so wie erhofft, zumal die Hradscheks über ihre Verhältnisse leben: Während sich bei Abel Spielschulden aus illegalen Pokerabenden anhäufen, die er in seinem Hotel veranstaltet, sehnt sich die elegante Ursel nach aufregendem Stadtleben und Statussymbolen. Ihre Anschaffungen vergrößern noch den Schuldenberg. Zudem kann sie nicht verwinden, dass ihr Kind tot geboren wurde. Noch mehr unter Druck gerät Abel durch den geplanten Besuch seines Gläubigers Schulze (Peter Schneider), der nicht länger auf sein Geld warten will. Als Abel bei Gartenarbeiten zufällig unter einem Birnbaum das Skelett eines Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt, reift in ihm ein raffinierter Plan. Mithilfe seiner Frau arrangiert er den „perfekten Mord“ an seinem Gläubiger. Und tatsächlich scheint niemand etwas von dem Mord zu ahnen. Der Dorfpolizist (Devid Striesow) blamiert sich in seinem Bestreben, Abel zu überführen. Dann beginnt Ursel unter schrecklichen Alpträumen zu leiden. Und Abel hat die penetrante Neugier seiner Nachbarin, der alten Jeschke (Katharina Thalbach), unterschätzt.

"Fontanes Novelle als Drama von heute"
Redaktionsnotiz

Zwei Menschen, die in ihrer Ausweglosigkeit auf der Suche nach dem Glück den Entschluss fassen, einen Mord zu begehen, und daran zugrunde gehen – Fontane hat mit den Hauptfiguren aus „Unterm Birnbaum“, dem Ehepaar Hradschek, moderne Antihelden beschrieben, deren Geschichte sich als zeitloses Kriminaldrama liest.
Als die Produzenten Jan Richard Schuster und Michael Luda mit der Idee zu Günther van Endert und mir kamen, Fontanes berühmteste Novelle zu verfilmen, lag neben der Gelegenheit,  den großen deutschen Schriftsteller in seinem Jubiläumsjahr zu ehren, vor allem auch ein sehr gegenwärtiger und visueller Stoff auf dem Tisch. Der Titel ist Programm, weil das dramaturgische "Skelett" der Novelle wie für eine filmische Umsetzung geschrieben zu sein scheint, lange bevor an Film überhaupt zu denken war.
So lag es nahe, die Geschichte in die Gegenwart zu übersetzen. Doch bis  in Eisenach und Umgebung gedreht werden konnte, hatte die Autorin Léonie-Claire Breinersdorfer noch viel zu tun, um aus einem gelben Reclam-Heft einen spannenden 90-Minüter zu erschaffen. Ob nun im Original die Kutsche oder im Film die Limousine versenkt wird, macht am Ende einen erstaunlich kleinen Unterschied. Denn auch wenn die Kulisse der Erzählung 150 Jahre später eine andere sein mag – warum soll das Menschliche und all das, was uns im Innersten mit unseren Hoffnungen, Ängsten und Abgründen antreibt, damals so viel anders gewesen sein als heute?
Regisseur Uli Edel ist es gelungen, gemeinsam mit Kamera und Szenenbild einen Fernsehfilm zu erschaffen, der einem großen historischen Stoff entspricht und doch in der Gegenwart verankert ist. Er füllt Fontanes Auslassungen mit Szenen, die sehr konkret werden lassen, was die Novelle im Ungewissen hält: Wie das Ehepaar im Schlafzimmer einen Mord plant und sich dabei so nahe kommt wie schon lange nicht mehr; was es physisch bedeutet, einen Menschen umzubringen und alle Beweise samt Auto beiseite zu schaffen. Und was dieser Entschluss und die Tat mit dem zu Mördern gewordenen Ehepaar macht, das nach und nach daran zerbricht.
Julia Koschitz und Fritz Karl spielen überzeugend zwei Süchtige, die nach dem Leben hungern und dabei an vergeblichen Stellen ihr Glück suchen: Er im Pokerspiel, sie im Online-Shopping und beide in einer gegenseitigen  Abhängigkeit, die einer verhängnisvollen Liebe entspricht.
Dass sich Fontanes Geburtstag am 30. Dezember 2019 zum 200. Mal jährt, ermöglicht dem ZDF den passgenauen Sendetermin als Fernsehfilm der Woche am Montag nach Weihnachten. Wir freuen uns, mit "Unterm Birnbaum" zwischen den Jahren einen Film im Programm zu haben, der spannende Unterhaltung auf sehr hohem Niveau bietet und der gleichzeitig  einem der größten deutschen Literaten eine zeitgemäße Bühne bereitet.

Petra Tilger, für die Redaktion

"Menschliche Abgründe und Tiefen"
Statement der Produzenten Jan Richard Schuster und Michael Luda

Wie ertränkt man ein Pferd? Oder besser, wie ertränkt frau ein Pferd? In Theodor Fontanes Novelle "Unterm Birnbaum" wird in der Oder ein Einspänner gefunden, ein Fuhrwerk also, gezogen von einem Pferd. Der Fahrer ist verschwunden, und vom toten Gaul "sah man nur dann und wann ein von den Wellen überschäumtes Hinterteil". Was zuerst wie ein Unfall erscheint, erweist sich schließlich als Mord am Fahrer der Kutsche. Das Tier ersäuft haben muss die vierzigjährige Ursel Hradschek, Ehefrau eines Kaufmanns. Eine vornehme Erscheinung, elegant und auf Haltung und äußerliche Wirkung sehr bedacht"
Aber wie war sie, die empfindsame Krämersgattin, in der Lage diesen "Unfall“ zu bewerkstelligen, wie konnte das den Tod ahnende Pferd von ihr in die Oder geprügelt werden? Fontane schweigt sich über die Tat aus. Wie der Schriftsteller in seiner Kriminalnovelle überhaupt diskret über alle Momente hinweg geht, in denen das Verbrechen sich in den Mittelpunkt schieben könnte. Die Verabredung des Ehepaares Hradschek, den Gläubiger zu töten, beschreibt Fontane aus respektvoller Distanz. Überflüssig zu bemerken, dass er den Mord überhaupt nicht erwähnt.
Fontane, der große Romancier und Ästhet, verweigerte sich in seinen Werken stets der unmittelbaren Darstellung des für ihn ausgemachten "Bösen"; der Schilderung von Gewalt, Verbrechen, triebhaftem Begehren. Fontanes Ästhetikverständnis verlangte, dass nicht alles ausgesprochen wird, dass über Unschickliches zu Gunsten moralischer Feinheit geschwiegen wird.
Die Novelle „Unterm Birnbaum“ als Fernsehfilm in die Gegenwart zu übertragen, erforderte Respekt vor dem Werk, aber auch die Bereitschaft, pragmatisch das Geschehen ins Heute zu überführen.  Es galt, Fontanes Erzählkunst zu bewahren und dennoch eine aktuelle Stilistik und Form zu finden. Eine weitere historische Verfilmung, von denen zahlreiche aus dem Oeuvre Fontanes vorliegen, sollte eben nicht entstehen. Denn der Kern der Geschichte ist zeitlos: das Scheitern einer Liebe zugunsten gesellschaftlicher Anerkennung und Renommee.
Fontanes "Unterm Birnbaum" erschien erstmals 1885 als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift "Die Gartenlaube". Zwischen dieser Erstveröffentlichung und dem aktuellen Fernsehfilm liegen fast 140 Jahre. Also mehr als ein Jahrhundert, in dem deutsche und die Weltgeschichte auf oft grausame Art durcheinandergewirbelt worden sind. Menschliches Leid und Brutalität sind heute im medialen Zeitalter weltweit konsumierbar; aus sicherer Distanz mittels elektronischer Medien. Fontanes Credo, Unangenehmes auszusparen, entspricht nicht länger dem allgegenwärtigen Umgang mit Entsetzen, besonders wenn es im Fiktionalen erzählt wird. Das TV-Publikum ist medial konditioniert, seine Erwartungshaltung  gegenüber einem Kriminalfilm ist die eines Experten, der fast auf Augenhöhe die Ermittler bei der Aufklärung einer Tat begleitet.
Drehbuchautorin Léonie-Claire Breinersdorfer transponierte die Charaktere ins Heute, ohne die Seelen, die Fontane ihnen einverleibte, zu verletzen. Mit Regisseur Uli Edel einigte sie sich darauf, die Verabredung zum Mord, die Tat und die Vertuschung zu zeigen. Uli Edel, der die Novelle seit seiner Schulzeit kennt, war es wichtig zu schildern, wie die Tat begangen wird und die Eheleute sich dadurch zugrunde richten. Mit den Mitteln des Filmes bringt er dies zum Ausdruck. Abscheu und Entsetzen, die Ursel als Zeugin in der Mordnacht durchlebt, spiegeln sich in ihrem Gesicht wider. Die scheinbar kaltblütige Entschlossenheit fängt er im Antlitz des Mörders Abel Hradschek ein. In Montagen wird der seelische Verfall der Täter nach der abscheulichen Tat dargestellt.
Die moderne TV-Fassung von "Unterm Birnbaum" zeigt, der Romancier Theodor Fontane wusste um menschliche Abgründe und Tiefen, seine Figuren sind vielschichtig, erkennen ihre Verfehlungen und suchen nach Erlösung. Die Kraft seiner Novelle hat nichts an Intensität und Bedeutung verloren, ob als Erzählung vor 140 Jahren oder als Fernsehfilm heute.

"Ganz und gar nicht verstaubte Konflikte“
Von Drehbuchautorin Léonie-Claire Breinersdorfer

Als der Produzent Jan Richard Schuster mich vor drei Jahren angesprochen hat, ob ich den "Birnbaum" von Fontane machen möchte, war ich zuerst überfragt. !"Irrungen, Wirrungen", "Effi Briest" kannte ich aus dem Deutsch-Leistungskurs. Aber "Unterm Birnbaum"?
Nach Lektüre der Novelle war ich dann ganz begeistert – es war sozusagen ein Krimi, ein Thriller mit einer fast modern anmutenden Frauenfigur - Ursel Hradschek mit ihren Problemen, sich nicht anpassen zu können, sich zu öffnen. Die Sprachlosigkeit innerhalb ihrer Ehe. Das Ertränken der Einsamkeit in der Sucht, sich anderen gegenüber hinter einem Filter verstecken zu müssen. Und diesen Filter aufrechtzuerhalten, koste es, was es wolle.
Nachdem ich dann noch erfahren hatte, dass "Unterm Birnbaum" auf einer wahren Geschichte basiert, wollte ich den Film unbedingt machen. Dass der Film dann in die Moderne übersetzt werden sollte, hat mich anfangs vor große Herausforderungen gestellt: Ich musste mich von dem starken Aberglauben von Abel verabschieden, von der tiefen Religiosität Ursels, ihrem Übertritt vom Evangelismus zum katholischen Glauben und ihren Rückweg dahin, das wäre nicht mehr zeitgemäß.
Aber dafür wurde Abel für mich ein Spieler, der das Leben niemals ernst nimmt und immer einen Ausweg sucht und findet, wie aberwitzig er auch sein mag. Und der sich niemals eingestehen kann, dass er mit dem Rücken zur Wand steht, schon gar nicht seiner Ehefrau gegenüber, die er für sich auf ein Podest gestellt hat. Und diese unausgesprochene Liebe zwischen den beiden, diese Sprachlosigkeit, die Unmöglichkeit, sich dem anderen zu öffnen, die Schritt für Schritt in die Katastrophe mündet, hat mich interessiert. Diese Liebe, die die beiden Protagonisten zu Komplizen werden lässt, die stark genug ist, sie für immer aneinander zu binden, die aber trotzdem zu Verrat und Enttäuschung führt. Verschwendet Ursel doch das gerade erschlichene Geld sofort wieder und verrät Abel wie posthum vor ihrem Freund, dem Pfarrer, um seine Tat weiterhin zu vertuschen. Doch am Ende schafft es Ursel aus Liebe nicht, ihr Gewissen zu erleichtern und den Mord zu gestehen, und Abel verkraftet nicht, dass Ursel gestorben ist, und er zerbricht daran.
Den Ablauf der Tat an sich hat der moderne Fernsehzuschauer sofort durchschaut. Deshalb habe ich versucht, diese Atmosphäre der Beklemmung, diese Zwangsläufigkeit und den Kampf der Protagonisten um ein kleines Stück besseres Leben zu schildern und dadurch Spannung aufzubauen, dass man fast ein bisschen hofft, dass sie mit ihrer Tat davonkommen.
Diese Konflikte, die Fontane in seiner Novelle aufgezeigt hat, sind für mich zeitlos und ganz und gar nicht verstaubt, wie man ihm heute oftmals vorwirft, und es ist meines Erachtens möglich, sie in einen modernen Film zu übersetzen.

"Dilemma zweier Menschen"
Interview mit Julia Koschitz (Ursel Hradschek)

Was ist für Sie reizvoll an der Geschichte und Ihrer Rolle als Ursel? Wann wird eine Rolle für Sie überhaupt interessant, so dass Sie sie spielen möchten?
Ich mochte von Anfang an, dass man sich die Figuren erst im Laufe der Geschichte erschließen kann und einem die Motive ihres Handelns erstmal rätselhaft bleiben. Die größte Frage, die für mich dabei im Raum stand, war, warum Abel und Ursel das Verbrechen begehen, warum sie keinen anderen Ausweg aus ihrer finanziellen Misere wählen. Irgendwann habe ich begriffen, dass man den Grund dafür in der Entwicklung der Figuren nach dem Mord erkennen kann. Man könnte einfach sagen, diese Entwicklung zeigt, wie beide an der Tat zerbrechen, jeder auf seine Weise. Ich glaube aber, dass sich die Figuren nach der Tat entblättern und man erst dann in die Abgründe sowohl jedes Einzelnen als auch in die des Paares blicken kann. In Abgründe, die bereits vor der Tat da waren: das Dilemma zweier Menschen, die eine einstige Liebe verbindet, aber beiderseits enttäuscht wurden, die voneinander abhängen und einander nicht gut tun.
Spielte bei Ihrer Entscheidung auch die Besonderheit des Projekts eine Rolle, dass aus einer "alten" Fontane-Kriminalgeschichte eine neue, moderne Version geschaffen wurde?

Ich denke schon. Mir war bewusst, dass diese Herausforderung groß ist, genauso wie die Chance, daran zu scheitern, aber das hat es umso spannender gemacht. Ich habe das Drehbuch von Léonie-Claire Breinersdorfer weniger als Krimi gelesen, sondern als Psychogramm eines Paares, das kriminell wird. Und das Ganze in einem eher zeitlosen und leicht überhöhten Kontext gesehen, auf keinen Fall als hochaktuelles Sozialdrama. Uli Edel als Regisseur war für mich dann ausschlaggebend, bei diesem Projekt zuzusagen. Zum einen, weil ich wahnsinnig gerne mal mit ihm zusammen arbeiten wollte, zum anderen, weil ich mir sicher war, dass er eine moderne Version dieser Geschichte glaubwürdig erzählen können wird.
Haben Sie sich bei Ihrer Vorbereitung auf die Dreharbeiten auch mit Fontanes Original-Novelle beschäftigt? Inwiefern ist Ursel in Ihren Augen "moderner" geworden?

Ja, wobei wir uns in der Vorbereitung mit Uli Edel von Fontanes Beschreibung des Paares teilweise auch bewusst abgegrenzt haben, ganz unabhängig davon, dass die Geschichte heute stattfindet. Die Interpretation von Ursel aus der heutigen Zeit fällt anders aus als zu Fontanes Zeiten. Eine Frau von damals unterlag mehr gesellschaftlichen Zwängen, hatte weniger Rechte und Möglichkeiten, ihr eigenes Leben frei und selbstbestimmt zu gestalten. Bei Ursels "moderner Version" verlagern sich die Zwänge nach innen. Ihre Passivität, ihr Verharren im eigenen Unglück gleicht in der heutigen Zeit mehr einer Depression. Mit Sicherheit trägt der Verlust ihres Kindes zum großen Teil zu ihrem Unglück bei, unabhängig davon macht Ursel aber keinen Hehl daraus, dass sie sich in dem Dorf fehl am Platz fühlt. Mit ihrer Kleidung macht sie jedem deutlich, dass sie nicht zur Dorfgemeinschaft gehören will. Sie sucht Zuflucht beim Pfarrer, hat außer ihrem Mann keine Freunde. Eine Frau von heute würde sich in dieser Situation fragen, ob sie ihr Leben nicht ändern sollte. Es ist nicht der gesellschaftliche Druck, der Ursel von einer Veränderung abhält, sondern ihre innere Schwere und ihre generelle Disposition zur Abhängigkeit, sei es von Tabletten oder von ihrem eigenen Mann.
Luxus und Geld bedeuten Ursel ja sehr viel. Woher kommt ihre Lust auf Shoppingtouren - sind es Lust- oder eher Frustkäufe?

Es wird zwar nur angedeutet, aber wir erfahren, dass Abel Ursel aus einer sehr desolaten Situation herausgeholt hat. Sie war tablettensüchtig. Fontane hat sie in der Zeit, bevor Abel sie aufs Land mitgenommen hat, als "Seiltänzerin" beschrieben, bzw. als "Schauspielerin", die ein bewegtes Leben hinter sich hat. In unserer Fassung wird das ausgelassen, aber es ist anzunehmen, dass sie in einer finanziell schwierigen Lage war. Bei uns sieht man eine Frau, die sehr auf ihr Äußeres achtet, bemüht ist, sich von allen anderen abzuheben und dabei extrem kontrolliert wirkt. Allein ein dilettantisches Tattoo verrät, dass sie eine andere Vergangenheit hatte. Geld und Luxus werden für diese Frau zu einem Halt, den sie nach ihrer Totgeburt auch nicht mehr bei ihrem Mann zu finden scheint. Insofern kompensiert sie mit ihren Einkäufen nur ihre Haltlosigkeit und innere Leere.
Was ist für Sie persönlich Luxus?

Für mich ist Freiheit der größte Luxus, dementsprechend auch Geld vor allem dazu da, mir Freiheiten zu verschaffen. Beruflich ist es vor allem die Freiheit, nur die Projekte anzunehmen, die ich wirklich gerne machen möchte.

Mord hinterlässt immer Spuren beim Mörder“
Interview mit Fritz Karl

Was fasziniert Sie an dem Stoff „Unterm Birnbaum“?
Es ist immer interessant, Charaktere zu spielen, die sich am Zenit einer zugespitzten Situation befinden und dann gezwungen sind, aufgrund ihrer psychischen Konstellation, ihrer Abhängigkeit, ihrer Zwänge, ihrer Wünsche und ihrer Leidenschaften Entscheidungen zu treffen, die meistens fatal sind. Im Grunde ähnelt die Geschichte einer griechischen Tragödie. Mehrere Ingredienzien führen schließlich zu einem giftigen Cocktail. Abel und Ursel kommen an den Punkt, an dem sie beschließen, ihre Haut, oder besser ihren Wohlstand zu retten und dafür jemanden umzubringen.
Was treibt Abel an? Was für ein Typ ist er?
Abel ist ein lebenslustiger Mann, weder dem Alkohol abgeneigt noch dem Feiern, weder der Geselligkeit noch dem Spiel. Das heißt, er hat schon sehr viele Leidenschaften und auch ein gewisses Suchtverhalten und ist sicher nicht ein Mann der Selbstbeherrschung. Und genauso geht er auch in dieser Liebe zu seiner Frau auf. Einer Frau, die „etwas her macht“ in diesem Dorf und sozusagen ein Glanzstück auf dem Land ist. Diese Frau ist etwas ganz Besonderes, um die ihn die anderen Männer beneiden. Dessen ist er sich natürlich bewusst, und es macht ihn stolz, dass Ursel zu ihm gehört. Mit den Jahren entwickeln die beiden jedoch eine gewisse Ko-Abhängigkeit. Aus Liebe und um diesen Schatz zu halten, macht er alles für sie undbringt schließlich sogar jemanden um. An der finanziellen Misere gibt Abel aber seiner Frau mehr oder weniger die Schuld – obwohl er natürlich auch selber Schuld hat, weil er ja nie rechtzeitig „stopp“ gesagt hat.
„Wenn man sich erstmal vom Geld leiten lässt, ist man verloren“, heißt es an einer Stelle im Film. Stimmt das?
Das Lustige ist, dass diesen Satz ausgerechnet der Wucherer sagt. Und warum? Weil er das immer wieder beobachtet hat. Eigentlich ist es aber Ursel, die nach Geld giert, um sich schöne Sachen zu kaufen, während Abel versucht, Schulden zu tilgen. Letztendlich ist, neben Religion und Macht, das Geld, ist der Reichtum immer die große Triebfeder für Gewalt.
Was ist für Sie persönlich Reichtum?
Meine Familie, Gesundheit, ein erfülltes Leben leben zu dürfen. Die Fähigkeit, genießen zu können, die kleinen Dinge des Lebens zu entdecken und sich daran zu erfreuen - ich glaub, das ist wirklich großer Reichtum.
Kommen wir aufs Pokern. Abel gelingt es ja nicht, damit die Reichtümer zu erwerben, von denen er träumt. Wie gut können Sie selbst pokern? Mögen Sie den Reiz des Spiels?
Ich kann überhaupt nicht pokern, ich verstehe es einfach nicht. Das war schon beim Drehen so, ich musste es mir immer wieder erklären lassen und hatte es dann solange verstanden, bis wir die Szenen abgedreht hatten. Auch jetzt hab’ ich längst wieder vergessen, wie das funktioniert. Ich habe überhaupt keinen Bezug zu diesem Spiel. Aber ansonsten bin ich ein totaler Spielertyp und liebe zum Beispiel Brettspiele mit meiner Familie zu spielen (lacht).
Gibt es den perfekten Mord?
Ich denke, der Mord an sich ist so eine Grenzüberschreitung, dass er einen Menschen in seinem Wesen verändert. Das wird nie spurlos am Täter vorbeigehen. Der Mensch, der einen anderen tötet, wird eine Veränderung erfahren und sich auch anders verhalten als normalerweise. Und von daher, glaube ich, gibt es diesen perfekten Mord nicht.
Glauben Sie an Gerechtigkeit?
Im Film ist es natürlich eine göttliche Gerechtigkeit, die Fontane auch schon in seiner Novelle beschrieben hat. Diese Art von Gerechtigkeit gibt es in der Zivilisation, in der wir uns befinden, glaube ich, nicht, wenn man sich zum Beispiel anschaut, wie Staaten und Politiker agieren. Nein, ich glaube nicht an Gerechtigkeit. Ich möchte gern an sie glauben, aber die Realität sieht leider anders aus.

Die Interviews führte Jutta Bök.

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