Copyright: ZDF/Mathias Bothor
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Vermisst in Berlin

Der Fernsehfilm der Woche

Der ehemaligen Ermittlerin Judith Volkmann (Jördis Triebel) läuft nachts ein Kind vor ihr Auto. Doch als sie dem Jungen aufhelfen möchte, rennt er verängstigt davon. Sie ahnt, dass es ein Flüchtlingskind sein könnte, und forscht nach seiner Identität. Ihren damaligen Chef Deniz Kovačević (Erin Hasanovic) konfrontiert sie mit ihren schlimmsten Befürchtungen – dem illegalen Prostitutionsring. Dabei gerät sie schnell an ihre Grenzen.

  • ZDF, Montag, 11. Februar 2019, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Freitag, 8. Februar 2019, 10.00 Uhr

Texte

In unserem Land
Von Esther Hechenberger und Caroline von Senden, HR Fernsehfilm/Serie I

Was wünscht man sich für sein Kind? Dass es sicher ist und dass es eine Zukunft hat – in Frieden.

Nichts anderes lässt die Eltern in Kriegs- und Krisengebieten ihre Kinder allein, ohne ihren elterlichen Schutz, eine ungewisse Reise ins ferne Deutschland antreten.

Davon, was einige dieser Kinder, die völlig auf sich gestellt sind, hier erwartet, erzählt unser Film: Die Drehbuchautorinnen Frauke Hunfeld und Silke Zertz haben umfassend recherchiert über jugendliche Flüchtlinge, die sich im Berliner Tiergarten prostituieren, über Kinder, die Drogen verkaufen, und auch, wie kriminelle Clans in Berliner Flüchtlingswohnheimen mit Menschen als Ware handeln.

Anfang 2018 wurden 5300 minderjährige Flüchtlinge in Deutschland vermisst. Und ja: Die schiere Zahl und der Mangel an zuständigen Mitarbeitern führt dazu, dass für keines dieser Kinder eine SOKO gebildet wird.

Gabriela Sperl ist die Produzentin, die Themen verhandelt, an die sich andere nicht heranwagen. Gemeinsam mit Regisseurin Sherry Hormann ("Wüstenblume", "3096 Tage") hat sie uns das Projekt vorgeschlagen. Erneut zeigt sich in dieser Zusammenarbeit Gabriela Sperls Credo, genau da hinzusehen, wo andere lieber wegschauen.

Wir sind froh, dass dieser Film im ZDF so gewünscht war und das Projekt auf das Schicksal dieser Kinder aufmerksam macht. Damit gibt der Film erneut Zeugnis von dem breiten erzählerischen Spektrum, das die Fiktion im ZDF auszeichnet.

Stab und Besetzung

Vermisst in Berlin
Der Fernsehfilm der Woche

Stab
Regie_____Sherry Hormann
Buch_____Silke Zertz, Frauke Hunfeld    
Kamera_____Armin Golisano   
Ton_____Andreas Mücke Niesytka
Szenenbild_____Christiane Rothe 
Schnitt_____Sandy Saffeels
Musik_____Jasmin Shakeri, Beathoavenz
Produktionsleitung_____Solveig Jork
Produzenten_____Gabriela Sperl, Max Wiedemann, Quirin Berg
Redaktion_____Caroline von Senden, Esther Hechenberger
Länge_____ca. 90 Min.
Eine Gabriela Sperl Produktion für Wiedemann & Berg Television im Auftrag des ZDF

Die Rollen und ihre Darsteller
Judith Volkmann_____Jördis Triebel
Deniz Kovačević_____Edin Hasanovic
Evelyn Kraft_____Natalia Wörner
Djamal_____Lilien Batman
Jan Pollak_____Florian Stetter
Amir_____Skandar Amini
Issa_____Neil Malik Abdullah
Maggie_____Nina Gummich
und andere

Inhalt

Der ehemaligen Ermittlerin Judith Volkmann läuft nachts in Berlin ein zehnjähriger Junge vor das Auto. Was macht das Kind um diese Zeit nachts allein auf der Straße? Doch der Kleine läuft ihr davon. Sie ahnt, dass es ein Flüchtlingskind sein könnte, und forscht nach seiner Identität. Zunächst versucht sie, das Kind mit polizeilichen Mitteln aufzuspüren. Dabei gerät sie schnell an ihre Grenzen. "Ihr" gesuchter Junge, Djamal, ist nur einer von Zehntausenden, den Kriege und Armut nach Europa gespült haben. Und diese Kinder irren nun alleine durch Deutschland wie kleine Gespenster. Kleine Gespenster, mit denen man Geschäfte machen kann, illegal, aber auch hochoffiziell. Judith konfrontiert ihren damaligen Chef Deniz Kovacevic mit diesem Fall und ihren schlimmsten Befürchtungen, dem illegalen Prostitutionsring, an den Flüchtlinge verschachert werden.
Mehreren Kindern begegnet Judith dabei auf ihrem Weg: Eines hat Glück, wird gesucht und gefunden, eines liegt tot in einem Keller. Judith arbeiten die Behörden nicht schnell genug. Sind die Kinder in den Heimen der Stadt wirklich sicher? Sie mischt sich ein.

Ohnmacht auf allen Seiten
Statement der Drehbuchautorinnen Frauke Hunfeld und Silke Zertz

Sie sind durch die Wüste gerannt, sie haben das Meer überquert, sind unterwegs Schmugglern, Menschenhändlern, libyschen Schergen entkommen. Sie landeten in Deutschland. Hier sind sie endlich in Sicherheit.

Dachten wir. Doch mehr als 6000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die in Deutschland angekommen sind, wurden 2016 vermisst. Davon mehr als 800, die jünger sind als 14. Anfang 2018 sind es immer noch 5300. Als die Zahlen 2016 erstmals öffentlich wurden, war das für viele Menschen in Deutschland ein Schock.

Den meisten von diesen tausenden Kindern und Jugendlichen geht es vermutlich gut. Sie sind weitergereist, zu Verwandten und Freunden irgendwo in Europa. Sie sind wieder aufgetaucht. Sie sind doppelt registriert worden. Vermutlich. Man weiß es nicht.

Gleichzeitig aber sehen wir Jugendliche im Berliner Tiergarten, die sich prostituieren. Jungs, die unter Brücken schlafen, in der U-Bahn betteln. Jugendliche, die in einschlägig bekannten Moscheen ein Netzwerk finden. Kinder, die im Görlitzer Park Drogen verkaufen. Wir erfahren von Menschenhandel in Flüchtlingsheimen, organisiert durch kriminelle Clans. Wir haben mit Helfern, mit Flüchtlingen, mit Angehörigen, mit Polizisten gesprochen. Über ihre Hoffnungen, ihre Ängste, ihre Träume, ihre Wut.

Von der Ohnmacht auf allen Seiten und von denen, die daraus noch ein Geschäft machen, handelt unsere Geschichte.

"Weil es geschieht, während man dreht"
Statement der Regisseurin Sherry Hormann

Ein Kind kommt nicht zurück vom Fußball spielen. Es war einfach im Tiergarten um die Ecke. Tage später liegt dieses Kind in einem Keller. Sexuell in den Tod misshandelt.
Ein Junge sitzt auf einer Bank. Auch im Tiergarten. Ist der Mann, der sich neben ihn setzt, ein Freund oder ein Mann, der seine pädophilen Fantasien gleich im nächsten Busch auslebt?
Der Schauplatz ist mittendrin, am Tag. Es beginnt schon am frühen Morgen. Besonders voll wird es freitagnachmittags. Wenn die Büros schließen. Einen Steinwurf vom Regierungsviertel entfernt. Die Kinder sind Geflüchtete, die ohne Papiere. Sie sind "besonders billig" zu haben.

Ich wusste nichts davon, bevor ich das Drehbuch las, dann weiter recherchierte und die Fakten sich noch drastischer lasen. Es sind immer wieder die Kinder, die vergessen werden, man "braucht" sie ja nicht. Kinder, auf der Flucht gestrandet und jetzt in einem fremden Lebensvakuum. Das ist das eine.

Das andere ist: ein Glücksfall, wenn Jördis Triebel und Edin Hasanovic ungebremst in ihre Wut gehen und diese austesten wollen, wenn sie eben nicht dem Bild des abgeklärten Polizisten folgen wollen. Die Figur von Jördis hat selbst eine dysfunktionale Familie zuhause. Der andere, Edins Charakter, hat Stress mit sich selbst, weil er noch so erfolgreich sein kann und für die anderen doch immer der Kanake bleiben wird.
Es ist für einen Regisseur pure Freude, wenn eine Schauspielerin wie Jördis Triebel auf eine Schauspielerin wie Natalia Wörner trifft. Man vergisst für Momente, dass man ja mitfilmt.

"Ist es besser, sich hinter einem Busch für zehn Euro ficken zu lassen, als hier im Warmen zu schlafen und Essen zu bekommen?" Das ist die andere Perspektive, die Natalias Figur aus ihrer Wahrheit heraus formuliert. Nach den Erfahrungen, die Gabriela Sperl und ich bei "Jagdgesellschaft" machten, und dem überraschenden, großen Feedback von Betroffenen, war es wie ein Muss, weiter zu erzählen.
Auch wenn dieses "based on true facts" immer auch erzählerische Fallen oder, positiv ausgedrückt, Herausforderungen birgt, auch wenn man die Vielfalt, die in so einem Thema brodelt, in den zu lösenden "Fall" stecken muss, eben dem "Format" gemäß, so knallt die Realität manchmal härter ins Bewusstsein, als es einem lieb ist. Allen, die an diesem Film gearbeitet haben, erging das so – allen. Weil es geschieht, während man dreht: Mitten in Deutschland.  

Statements der Schauspieler
Jördis Triebel, Edin Hasanovic und Natalia Wörner

Jördis Triebel (Rolle: Judith Volkmann)

… warum die Rolle für sie ein Geschenk war:

"Judith Volkmann ist unkonventionell und folgt ihrer Intuition. Diese Rolle hat eine wunderbar widersprüchliche Persönlichkeit, die oft eher männlichen Charakteren zugesprochen wird. Sie ist anarchisch, leidenschaftlich, verbohrt, stur, humorvoll und unangepasst. Und dabei so wunderschön weiblich.
Diese Rolle zu spielen war ein Geschenk."

 

Edin Hasanovic (Rolle: Deniz Kovačević)

… über seine Distanz zu Drehbüchern und seine Rolle:

"Ich lese Drehbücher nie als Sachbücher und speichere sie deshalb auch nie als Informationen, die mein Leben verändern, sondern lese und bewerte sie eher aus künstlerischer Distanz. Egal, wie dramatisch und schlimm die Themen sind, die wir behandeln.
Dass der Tiergarten ein Hotspot für Freier ist, die nach Flüchtlingsjungen Ausschau halten, wusste ich vorher nicht. Mir hat der Dreh nochmal klar gemacht, dass ich in einer Metropole lebe, in der leider auch solch schlimme Szenen vorkommen (…)

Deniz Kovačević war eine meiner größten Herausforderungen. Das Anstrengende war, ihn auszuhalten. Ich habe selten jemanden gespielt, der in seinem Handeln weiter entfernt von dem privaten Edin ist, als er. Sein rationales, kalkuliertes Denken und das Zurückhalten seiner Gefühle und Impulse machten ihn wirklich zu einer harten Nuss, die geknackt werden musste. Mit Deniz könnte ich es nicht lange aushalten. Ich hoffe, der Zuschauer schließt ihn trotzdem genauso in sein Herz, wie ich das am Ende konnte."

 

Natalia Wörner (Rolle: Evelyn Kraft)

… über ihre Figur:

"Bevor ich mich moralisch über Evelyn Kraft emporhebe – was man als Darsteller nie tun darf, zumindest nicht im Gestaltungsprozess – muss ich sagen, dass ich diese Figur während der Dreharbeiten geliebt habe, obwohl sie eigentlich unmöglich ist. Ihre Motivation ist tatsächlich, "Gutes" zu tun, davon ist sie überzeugt, und in ihrer Welt ist das auch vollkommen stimmig. Dass dies manipulativ, verletzend, übergriffig und ausbeuterisch geschieht, steht auf einem anderen Blatt. Aber aus der Rolle heraus könnte ich das sofort, wenn nicht verteidigen, dann zumindest schlüssig erklären. Evelyn Kraft glaubt wirklich, diesen jungen Flüchtlingen zu helfen, und begleitet ihre Schützlinge mit einem ehrlichen mütterlichen Interesse. 
Für mich als Natalia, die seit zwölf Jahren für die Kindernothilfe als Botschafterin tätig ist, ist Frau Kraft ein absoluter Alptraum."

… über ihren geschärften Blick auf den Alltag:

"Es gibt viele Erschütterungen, die ich aus diesem Film mitgenommen habe. Und an erster Stelle steht die Tatsache, dass diese Realitäten systematisch unter den Teppich gekehrt werden." 

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