Copyright: ZDF-Postproduktion
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Wir Deutschen und die Demokratie

ZDFzeit-Dokumentation von Peter Hartl und Stefan Brauburger

Zwei Jahrestage, ein Demokratievergleich: 70 Jahre Grundgesetz und 100 Jahre Weimarer Verfassung geben Anlass, einen Blick auf die Geschichte beider deutschen Republiken zu richten, auch vor dem Hintergrund der Debatte, ob sich angesichts aktueller Entwicklungen die Frage nach einem Rückfall in "Weimarer Verhältnisse" stellt.

  • ZDF, Dienstag, 30. April 2019, 20.15 Uhr

    Texte

    Sendetermin und Stab

    Dienstag, 30. April 2019, 20.15 Uhr
    Wir Deutschen und die Demokratie
    ZDFzeit-Dokumentation

    Autoren_____Peter Hartl, Stefan Brauburger
    Regie_____Peter Hartl
    Kamera_____Jan Prillwitz, Lena Minkus
    Schnitt_____Christian Herold
    Grafik______Jan Schulz, zornshot
    Tonmischung_____Bruno Hebestreit
    Produktion_____Carola Ulrich, Philipp Müller
    Redaktion_____Anja Greulich, Stefan Mausbach

    Inhalt

    Zum 70. Geburtstag der Bundesrepublik und zum 100. Jahrestag der Weimarer Republik sehen manche Beobachter in der aktuellen Entwicklung unserer Demokratie zumindest einige Anzeichen, die an "Weimar" erinnern. Schwindende Bedeutung traditionsreicher Volksparteien, erschwerte Regierungsbildungen, Polarisierung politischer Lager in Krisenzeiten, Rechtsruck im Parteienspektrum, "völkische" und nationalistische Rhetorik, die den bisherigen Wertekonsens infrage stellen: All das rüttelt an der gewohnten Stabilität der demokratischen Staatsverfasstheit. Doch sind dies schon Warnrufe? Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie birgt Lehren, die dabei helfen können, die Gegenwart auszuloten.

    Renommierte Historiker und Politikwissenschaftler nehmen zu den aktuellen Befunden Stellung, sondieren, welche Symptome mit früheren Fehlentwicklungen vergleichbar sind oder nicht. Sie vergleichen die Verfassungslage, ökonomische Bedingungen, Demokratieakzeptanz, die Entwicklung der Parteien- und Medienlandschaft sowie extremistischer Strömungen.

    Dass Bonn und später Berlin nicht das Schicksal Weimars teilten, zählt zu den großen politisch-kulturellen Errungenschaften Nachkriegsdeutschlands. Nach dem Untergang der ersten deutschen Republik, nach Krieg und Nazi-Diktatur sollte 1949 eine "wehrhafte Demokratie" entstehen. Angriffspunkte für extreme Kräfte, wie sie die Weimarer Verfassung bot, sollte es künftig nicht mehr geben. Dies gilt auch für das geeinte Deutschland.

    Der Film zeigt zunächst, dass die am 14. August 1919 verkündete Verfassung des ersten demokratischen Staates auf deutschem Boden nicht nur eine epochale Wende markierte, sondern zunächst auch viel Akzeptanz fand. Sie galt als besonders fortschrittlich, offen und freiheitlich, auch wenn sie damit erbitterten Republik-Gegnern Freiräume schuf. Keineswegs war Weimar von Anfang an zum Scheitern verurteilt, der junge Staat überstand in den ersten Jahren schlimmste Krisen: Hyperinflation, Putschversuche, Attentate, Anfeindungen von links und vor allem rechts. Die ökonomischen Folgen des Versailler Vertrags erschienen schließlich doch verkraftbar, mit dem Eintritt in den Völkerbund erfuhren die Deutschen internationale Anerkennung. Die sogenannten Goldenen Zwanziger waren keineswegs nur Mythos. Der Absturz erfolgte durch die Weltwirtschaftskrise, im Angesicht von Massenarbeitslosigkeit und der Unfähigkeit der Parteien, sich über notwendige Maßnahmen zu einigen, was die Republikfeinde stärkte und ihnen schließlich zum Sieg verhalf.

    Die Väter und Mütter des Grundgesetzes zogen aus "Weimar" ihre Konsequenzen, stellten nicht nur die Grundrechte in den Vordergrund, sondern schützten die Demokratie auch vor ihren Feinden. Die Startbedingungen am 23. Mai 1949 waren ungleich günstiger. Diesmal standen demokratische Siegermächte Pate, banden den westdeutschen Staat wenig später in ihre Wertewelt ein, die Europäische Gemeinschaft und die NATO. Das "Wirtschaftswunder" stärkte die Demokratie, Freizügigkeit und Warentausch sorgten für kulturelle Öffnung. "Mehr Demokratie wagen" lautet die Formel der 70er-Jahre, sie steht auch dafür, dass immer mehr Bürger in der zweiten Republik angekommen waren. Die Jubelbilder in den Monaten der deutschen Wiedervereinigung und der Erfolg der friedlichen Revolution markieren den Weg in die gesamtdeutsche Demokratie. Auch wenn die Erfahrungen von Arbeitslosigkeit, Empfindungen von Benachteiligung und Ungleichheit in Teilen der Bevölkerung immer wieder Skepsis schüren. Die Verfassung und das demokratische System finden laut Umfragen weiterhin eine hohe Akzeptanz – in ganz Deutschland. Doch im Osten wie im Westen mehren sich Stimmen, die dem Parteienpluralismus eine stärkere Führung vorziehen würden.

    Neben anderen nehmen die Historikerinnen und Historiker Frank Bösch, Hedwig Richter, Andreas Rödder, Manfred Görtemaker, Heinrich August Winkler, Andreas Wirsching und Ursula Büttner sowie die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling dazu Stellung, aber auch der in die USA emigrierte Germanist Guy Stern(Jahrgang 1922), der Weimars Abgesang noch selbst erlebt hat. Zudem schildern Prominente wie BAP-Sänger Wolfgang Niedecken, TV-Koch Tim Mälzer oder Comedian Michael Kessler ihre Eindrücke vom Zustand unserer Demokratie.

    Zitate von Interviewpartnern (Auswahl)

    Heinrich August Winkler, Historiker

    Zu wenig Verfassungskonsens in der Weimarer Republik
    In Deutschland war es um die politische Kultur in der Weimarer Zeit nicht gut bestellt. Es gab keinen breiten Verfassungskonsens oder einen Verfassungspatriotismus wie später in der Bundesrepublik. Es gab am Ende 1932 eine negative Mehrheit gegen die Demokratie. Das muss alles zusammen gesehen werden. Die Wirtschaftskrise allein erklärt nicht, warum Weimar gescheitert ist.

    Verfassungsväter mit Erfahrung
    Der Parlamentarische Rat, der 1948/1949 in Bonn tagte, war in gewisser Weise eine Versammlung der weise gewordenen Weimarer, unter anderem Konrad Adenauer, Theodor Heuss, Kurt Schumacher. Die erste Entscheidung war: Nie wieder sollte es möglich sein, dass eine Mehrheit von der Form her scheinbar legal die Grundlagen der Demokratie beseitigt.

    Doppelter Anschauungsunterricht
    Sowohl die Erfahrung des totalitären NS-Staates als auch der Anschauungsunterricht der kommunistischen Diktatur in der DDR trugen wesentlich dazu bei, dass die westliche Demokratie in der Bundesrepublik sich so rasch gefestigt hat.

    Vergleich Weimar/heute
    Damals herrschte Massenarbeitslosigkeit und Massenelend, Straßenschlachten zwischen den Anhängern bewaffneter Parteiarmeen, eine Mehrheit gegen die Demokratie. Nichts davon begegnet uns in der Bundesrepublik Deutschland. Und dennoch ist es ein Gefahrenzeichen, wenn politische Parteien zurückfallen in die Denkschablonen eines kruden Nationalismus und der Mobilisierung von Vorurteilen gegenüber der westlichen, der parlamentarischen Demokratie.

     

    Ursula Büttner, Historikerin

    Über den ungünstigen Start der Weimarer Republik
    Für die Zukunft der Weimarer Republik war es ganz fatal, dass Vertreter des neuen demokratischen Staates den Waffenstillstand unterzeichnet haben. Das bot den rechten Gegnern der Republik den Ansatzpunkt zu sagen: "Die sind schuld, die haben die Niederlage zu verantworten." Tatsächlich lag die Verantwortung dafür bei der politischen und militärischen Führung des Kaiserreichs.

    Lernen von Weimar
    Das gehört zu den Punkten, die man vielleicht aus Weimar lernen kann:Es funktioniert nicht, die Parolen der radikalen Parteien zu kopieren. Menschen, die zu radikalen Lösungen tendieren, wählen immer das Original, nicht die Kopie.

     

    Andreas Rödder, Historiker

    Weimar und heute
    Die Fragmentierung des Parteiensystems durch schwächer werdende große Parteien, schwierigere Mehrheitsbildungen, das ist ein Phänomen, das uns – bei aller Vorsicht mit Vergleichen – an die Weimarer Republik erinnert, vor allem in Verbindung mit der Polarisierung des Parteiensystems auf der linken und auf der rechten Seite. Ich würde keineswegs sagen, dass sich Geschichte wiederholt, aber Weimar zeigt uns, wie schnell Verhältnisse brüchig werden und zerbrechen können. Das heißt, es gibt keinen Grund zur Selbstzufriedenheit.

    Vergleich der Medienlandschaft
    In der Weimarer Republik ist es vor allem eine Konzentration von Meinungsmacht in den Händen von Gegnern der Republik. Heute ist das Problem eher eine Entgrenzung der politischen Kommunikation: Medien, für die es keine geregelten Kommunikationsmechanismen mehr gibt. Was aber beides eint: Sowohl auf der antidemokratischen Rechten und Linken in Weimar als auch im Internet heute wird eine Form der Verachtung der Demokratie geäußert, die deren Glaubwürdigkeit unterhöhlt. Das ist die eigentliche Gefahr.

     

    Guy Stern, Literaturwissenschaftler (Jahrgang 1922)

    Sich für Demokratie einsetzen!
    Man soll sich schon in den Anfängen zur Wehr setzen, später ist zu spät. Deshalb habe ich die Befürchtung, dass gewisse zerstörerische Erscheinungen der gefestigten deutschen Demokratie Schaden zufügen könnten. Und das ist mein Aufruf: Steht fest! Alle demokratischen Freiheiten, die uns geboten werden hierzulande, müssen mit jedem legalen und institutionalisierten Mittel, das wir zur Verfügung haben, verteidigt werden. Vertraut nicht darauf, dass sich alles später selbst regeln wird. Ihr seid die Verantwortlichen. Jeder Wähler ist verantwortlich. Darauf beruht ja die Demokratie.

     

    Tim Müller, Historiker

    Zunächst Offenheit für Demokratie
    In der Weimarer Republik gab es anfangs einen regelrechten Demokratie-Enthusiasmus. Es finden sich viele Hinweise darauf, dass hier eine starke, vielleicht sogar vorbildliche Demokratie entstanden ist, der man auch wirklich zugetraut hat, mit den großen Herausforderungen fertig zu werden – und die waren enorm nach dem Ersten Weltkrieg.

     

    Frank Bösch, Historiker

    Zwei Wegmarken der Demokratiegeschichte
    100 Jahre Weimarer Reichsverfassung und 70 Jahre Grundgesetz, das sind Daten, die Grund zum Feiern geben. Bei der Weimarer Reichsverfassung war keineswegs ausgemacht, dass sie scheitert, und umgekehrt war beim Grundgesetz auch nicht von vorneherein klar, dass hier eine stabile Demokratie starten würde. Aber beiden Fällen war gemeinsam, dass hier jeweils ein Grundstein für eine funktionierende Demokratie gelegt wurde, gegen Widerstände in der Zeit.

    Vergleich heute und Weimar
    Die Demokratie ist heute deutlich akzeptierter als in der Weimarer Republik. Die ökonomische Lage ist wesentlich stabiler als damals. Dennoch gibt es Grund, die gegenwärtige Lage als Historiker zumindest als besorgniserregend zu bewerten: Es gibt eine stärkere Abwendung von der Demokratie und eine polarisierende, verletzende Sprache, wie wir sie heute insbesondere im Internet finden, die in dieser Form durchaus an Weimar erinnert.

     

    Manfred Görtemaker, Historiker

    Demokratie als Staats- und Lebensform
    Demokratie ist ja nicht nur eine Staatsform, Demokratie ist eine Lebensform. Und wenn man Demokratie nicht lebt, kann sie auch nicht funktionieren. Und das war das Problem nach 1918. Zu viele Deutsche waren nach wie vor im obrigkeitsstaatlichen Denken verhaftet. Sie haben vom Staat vieles verlangt, was man nicht mehr einlösen konnte und haben im Grunde genommen ihre Erwartungen, ihre Hoffnungen auf den Staat übertragen, und der konnte diese einfach nicht erfüllen.

     

    Hedwig Richter, Historikerin

    Grenzen der Stabilität
    Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Demokratie in Deutschland an einen Punkt kommt, an dem sie instabil wird, wenn die Wirtschaft zusammenkracht, wenn es unkluge Außenpolitik gibt, wenn es Staatslenker gibt oder Parlamente, die töricht handeln. Ich denke aber, dass wir sehr viel besser gefeit sind als wir das in der Weimarer Republik waren.

     

    Andreas Wirsching, Historiker

    Bedingungen für Demokratie-Akzeptanz
    Wir leben gegenwärtig, was Daten betrifft wie Arbeitslosigkeit, Finanzen und so weiter, in ziemlich goldenen Zeiten. Wenn das verschwände und wir würden tatsächlich in eine massive Wirtschaftskrise kommen, dann ist zu befürchten, dass sich diese Unzufriedenheit, dieses Misstrauen, dieses Eigentlich-was-anderes-wollen-als-die-Demokratie, verstärkt.

     

    Elisabeth Wehling, Sprachwissenschaftlerin

    Bedeutung der Sprache
    Der Streit, den wir ausfechten zwischen unterschiedlichen politischen Gruppen, findet über Sprache statt, über nichts anderes. Und insofern ist die Frage, wie wir sprechen, welche Schlagwörter wir benutzen, wie wir miteinander umgehen, eine entscheidende Frage für die Demokratie. Es ist zu beobachten, dass die gegenseitige Toleranz bei uns zurückgeht, die Neigung zunimmt, andere Meinungen nicht mehr gelten zu lassen.

     

    Hélène Miard-Delacroix, Politikwissenschaftlerin

    Phänomene, die an die Weimarer Republik erinnern
    Es gibt heute einige Phänomene, die tatsächlich einigen Angst machen, man könnte zurückfallen in Weimarer Verhältnisse. Insbesondere eine gewisse Gewalt in Wort und Tat, eine Nicht-Anerkennung des politischen Gegners als Gegner, mit dem man auch diskutieren kann, und die absolute Verweigerung von Respekt für die Eliten. Das schlechte Gerede über die Medien ist auch etwas, was ein bisschen an die Weimarer Republik erinnert. Trotz alledem haben wir keinen Krieg hinter uns, haben wir keine Wirtschaftskrise, und wir haben eine lange Tradition des Parlamentarismus. Insofern ist die Ähnlichkeit nur eine äußere Ähnlichkeit, und im Grunde wiederholt sich die Geschichte nicht.

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