Copyright: ZDF / Zornshot
Copyright: ZDF / Zornshot

Wir Deutschen und die großen Crashs

ZDFzeit-Dokumentation

Die Folgen der Coronapandemie stürzen die Deutschen in ihre größte Rezession seit Jahrzehnten und schüren Ängste vor einer Weltwirtschaftskrise. Deutschland geriet im Laufe der Geschichte mehrmals in den Sog großer Depressionen. Ausgehend von der heutigen Situation blickt der Film auf fünf historische Momente: den Finanzcrash von 2008, den Ölschock von 1973, die Weltwirtschaftskrise 1929, die Hyperinflation 1923 und die Hungerkrise der 1840er Jahre. Wo lagen die Ursachen und wie wurden die Herausforderungen bewältigt? Was ist mit heute vergleichbar - und haben die politisch Verantwortlichen aus der Geschichte gelernt?

  • ZDF, Dienstag, 27. Oktober 2020, 20.15 Uhr

Texte

Was auch immer es kostet: Der Staat als Krisenmanager
Von Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

Dass die Kosten bei der Bekämpfung der Coronapandemie auch in Deutschland alles übersteigen, was Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte verursachten, steht außer Zweifel. Unsere Konjunktur durchlebt die schwerste Erschütterung seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Zwischenzeitlich befanden sich sieben Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Kurzarbeit, brach der Export um 30 Prozent ein, kam es zum Börsenbeben. Manche Beobachter fühlen sich an die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre erinnert und warnen angesichts der milliardenschweren Hilfspakete vor aufgeblähten Geldmengen und einem Währungscrash.

Inzwischen zeigen sich einige Werte hierzulande erholter, die Wirtschaftsleistung (BIP) sinkt womöglich lediglich um sechs Prozent, während manche Nachbarn in Europa zweistellige Einbrüche zu erwarten haben. Und es scheint, als hätten die Staaten Lehren aus früheren Krisen gezogen. Berlin setzt jedenfalls alles daran, dass es nicht wieder zu Katastrophen kommt, wie die Deutschen sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten.

Bemerkenswert ist die Einhelligkeit vieler Expertinnen und Experten, dass der Staat tiefer denn je in die Tasche greifen muss, um der derzeitigen Herausforderung Herr zu werden. Zum Vergleich: Das aktuelle Hilfspaket angesichts von Corona umfasst hierzulande etwa die Summe eines Bundehaushalts als Basis  und zusätzlich Bürgschaften und Garantien in der doppelten Höhe (insgesamt etwa 1,2 Billionen Euro). Hinzu kommen Hunderte von Milliarden Euro, die über die EU fließen sollen. Die Verschuldung steigt von 60 auf 80 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands. Es sind gigantische Summen, die in früheren Zeiten nur Kopfschütteln hervorgerufen hätten.

Blicken wir zurück ins 19. Jahrhundert, so ist eine Tendenz unverkennbar: Früher waren die Zeitgenossen der Auffassung, dass der Staat nicht zuständig sei für die Bewältigung sozialer und wirtschaftlicher Krisen, er hatte auch kaum die Instrumente dafür. Das änderte sich, als soziale Probleme mehr und mehr die Stabilität von Staaten in Frage stellten. Von Krise zu Krise wuchs das Bewusstsein, dass Regierungen sehr wohl notwendige Akteure zu deren Bekämpfung sind. Spätestens das Scheitern der Weimarer Republik machte außerdem klar, welche Risiken mit einer Politik des Abwartens oder gar der Reduzierung staatlicher Maßnahmen verbunden sein konnten.

Als das Ende des scheinbar selbstlaufenden Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit durch den Ölschock spektakulär besiegelt wurde, suchte die Bonner Wirtschaftspolitik nach probaten Mitteln gegen drohende Stagnation und Arbeitslosigkeit. Beim Aufbau Ost nach der Wiedervereinigung mobilisierte Bonn, später Berlin, Transferleistungen in Billionenhöhe. Während der Finanzkrise 2008 flossen hunderte Milliarden Euro in die Bankenrettung und Konjunkturpakete. Die Maßnahmen angesichts der Coronapandemie brechen alle Rekorde. Auch wenn die Höhe der Mittel, die tatsächlich abgerufen werden, zurzeit noch offen ist.  

 "What ever it takes", "Was auch immer erforderlich ist", lautet das neue Credo. Die Lage ist nicht ohne Paradoxie. Die Regierungen sehen sich in der Pflicht, so viele Nöte wie nur möglich aufzufangen und bringen gigantische Summen ins Spiel, um die Situation zu beruhigen. Das aber weckt wiederum neue Ansprüche, denn offenbar kennt die Machbarkeit keine Grenzen mehr. Die Frage ist, wo die rote Linie des Erfüllbaren liegt, wo Staaten sich übernehmen und die Erwartungen der Betroffenen die Systeme überfordern.

Dennoch: Die Rettungspakete haben bereits gute Dienste getan, Notlagen überbrückt, Pleiten verhindert, Hoffnungen geweckt. Aber das Spiel mit höchsten Einsätzen ist damit noch nicht entschieden. Weder ist klar, ob sich die Pandemie nicht doch noch verschlimmert, noch ist sicher, ob das, was der Staat ausgibt, auch irgendwann mal durch Einnahmen wieder gedeckt sein wird.

Am Ende zählt vor allem die Produktivität der Wirtschaftsbereiche und deren Wettbewerbsfähigkeit. Wenn die aufgewendeten Mittel dazu beitragen, Weltmarktniveau zu erhalten, ist das eine Investition in Gegenwart und Zukunft. Ob die Rechnung am Ende aufgegangen ist, wird Thema künftiger Rückblicke auf Deutschlands große Crashs sein.

Stab und Inhalt

Dienstag, 27. Oktober 2020, 20.15 Uhr
Wir Deutschen und die großen Crashs
ZDFzeit-Dokumentation

Autoren_____Stefan Brauburger, Peter Hartl, Johanna Kaack, Ursula Nellessen, Steffi Schöbel
Kamera_____Anthony Miller, Zeljko Pehar
Ton_____Nico Keller
Schnitt_____Walter Freund
Grafik_____Zornshot
Produktionsleitung_____Carola Ulrich, Philipp Müller
Wissenschaftliche Beratung_____Prof. Dr. Werner Plumpe
Redaktion_____Michael Funken
Leitung_____Stefan Brauburger

Gerade noch Aufschwung und Euphorie, dann der Absturz: Die großen Wirtschaftskrisen treffen die Menschen meist unvorbereitet. Auslöser besonders folgenreicher "Depressionen" in der Geschichte sind Naturereignisse, Kriegsfolgen, Misswirtschaft aber auch Größenwahn und blanke Gier.

Wie in der Coronapandemie 2020, spielte in den 1840er Jahren die entfesselte Natur eine Rolle. Missernten führten zu einer Notlage, die viele Opfer forderte – mit weitreichenden Auswirkungen. Hunger, Armut, die 1848er-Revolution, schließlich die Auswanderung vieler Deutscher. Ihr Ziel: Amerika. 1923 sind es die Folgen des Ersten Weltkrieges, Besatzung und Reparationen, die im Deutschen Reich für das nachhaltige Trauma einer Hyperinflation sorgen. Eine ausgeklügelte Währungsreform führt schließlich aus der Sackgasse.
Der historische Börsencrash an der Wall Street 1929, am Schwarzen Freitag (eigentlich ein Donnerstag), der die Wirtschaft weltweit in einen reißenden Strudel zieht, wirkt sich in Deutschland besonders verheerend aus: Extremistische Parteien erstarken, die Weimarer Republik gerät ins Wanken und scheitert schließlich.
Die Ölkrise von 1973/74 markiert den ersten gravierenden Wirtschaftseinbruch in der bundesdeutschen Geschichte. Mit dem Ölpreisschock endet zugleich der legendäre Nachkriegsboom. Konjunkturspritzen kurbeln die Wirtschaft zwar kurzfristig an, doch bleiben Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit künftig Dauerthema.

2008 geht der Knall erneut von der Wall Street aus. Die Immobilienblase platzt und zahllose faule Kredite werden, als Wertpapiere gebündelt, im Portfolio internationaler Geldhäuser zum Sprengstoff für das Finanzsystem. Auf die folgenreiche Pleite der Lehman-Bank in den USA folgt die Bankenrettung – auch in Deutschland und Europa. Die Staaten und ihre Bürgerinnen und Bürger zahlen einen hohen Preis für das Aufspannen diverser Rettungsschirme um Schlimmeres zu verhindern.

Welche Schritte führten erfolgreich aus den großen Depressionen, welche scheiterten? Welche Erfahrungen sind auf die heutigen Entwicklungen anwendbar? Die Autorinnen und Autoren des Filmes analysieren mit Unterstützung namhafter Expertinnen und Experten fünf große Wirtschaftskrisen unserer Geschichte und was man daraus lernen kann.

Fünf große Crashs

1847: Die Hungerkrise
Wie in der Coronapandemie heute spielt in den 1840er Jahren die entfesselte Natur eine Rolle. Missernten führen zu einer Notlage, die viele Opfer fordert. Hunger, Armut, die 48er-Revolution, dann Auswanderung vieler Deutscher mit dem Ziel Amerika.

1923: Die Hyperinflation
1923 sind es die Folgen des Ersten Weltkriegs, Besatzung und Reparationen, die im Deutschen Reich für das nachhaltige Trauma einer Hyperinflation sorgen. Eine ausgeklügelte Währungsreform führt schließlich aus der Sackgasse.

1929: Die Weltwirtschaftskrise
Der historische Börsencrash an der Wallstreet am Schwarzen Freitag 1929, der die Wirtschaft weltweit in einen reißenden Strudel zieht, wirkt sich in Deutschland besonders verheerend aus: extremistische Parteien erstarken, die Weimarer Republik gerät ins Wanken.

1973: Der Ölschock
Die Ölkrise von 1973/74 markiert den ersten Einbruch in der bundesdeutschen Geschichte. Mit dem Ölpreisschock endet zugleich der legendäre Nachkriegsboom. Konjunkturspritzen kurbeln die Wirtschaft zwar kurzfristig an, doch bleiben Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit künftig Dauerthema.

2008: Der Finanzcrash
2008 geht der Knall erneut von der Wallstreet aus. Die Immobilienblase platzt und mit ihr zahllose faule Kredite, die als Wertpapiere gebündelt im Portfolio internationaler Geldhäuser zum Sprengstoff werden. Auf die folgenreiche Lehman-Pleite folgt die Bankenrettung – auch in Deutschland und Europa. Die Staaten und ihre Bürgerinnen und Bürger zahlen einen hohen Preis für das Aufspannen der Rettungsschirme.

2020: Die Pandemie
Ein neuartiges Coronavirus löst eine weltweite Pandemie aus. Solange weder Impfstoff noch Therapien zur Hand sind, bleiben nur strenge Sicherheitsauflagen als Gegenmittel mit weit reichenden Folgen für die Wirtschaft. Der weltweiten Rezession begegnen viele Regierung mit Subventionen und Investitionen, teils international abgestimmt. Die kreditfinanzierten Maßnahmen sollen eine neue weltweite Depression verhindern.

Interview-Statements zu den großen Crashs

HUNGERKRISE 1847

Heike Knortz, Professorin für Wirtschaftsgeschichte, Pädagogische Hochschule Karlsruhe
"Vor 1850 lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung hart an der Hungergrenze. Das heißt jedes Mal bei einem Ernteausfall besteht die Gefahr einer Hungerkrise."

Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Goethe-Universität Frankfurt am Main
"Wenn es zu einer solchen Krise kam, waren die Möglichkeiten eigentlich sehr gering für die städtischen und territorialen Obrigkeiten. Die haben dann ein Exportverbot für Getreide erlassen. Man hat alle möglichen Versuche gemacht, die Nahrungsmittel zu schützen und das Konservieren, also das Aufbewahren, etwas zu verbessern. Das waren aber alles bestenfalls Tropfen auf den heißen Stein. Später dann wollte man von staatlicher Seite schon die landwirtschaftliche Produktivität steigern, man wollte die gewerbliche Arbeit erhöhen. Das war aber weniger sozialpolitisch gedacht, sondern vielmehr machtpolitisch: Wenn die Wirtschaft brummt, dann sind die sozialen Probleme geringer und die politischen Verhältnisse stabiler."

Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
"Erst durch die Industrialisierung konnte eine wachsende Bevölkerung ernährt werden. Und die Industrialisierung hat die Mittel für Massenwohlstand zur Verfügung gestellt, der freilich erst durch harte Kämpfe erkämpft werden musste."

 

HYPERINFLATION 1923

Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
"Wenn Sie sich vorstellen, dass die Preise sich innerhalb von Minuten, von Stunden deutlich erhöhen, zum Teil vervielfachen, wenn Sie wissen, ich bekomme meinen Lohn ausgezahlt morgens oder mittags und ich muss dann möglichst schnell meinen Arbeitsplatz verlassen, um noch ein Ei zu bekommen, ein Stück Brot zu bekommen, dann merken Sie, wie Ihr Alltagsleben zerrinnt, wie es sich in einer Art Bürgerkriegssituation auflöst."

"Die großen Profiteure waren die Schuldner. Wenn man einen Haufen Schulden hatte, konnte man das Portemonnaie rausziehen und sagen: 'Hier hast du deine fünf Millionen zurück, und hier nimm dir noch eine Million dazu.' So etwas war möglich."

Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte
"Die Hyperinflation hat den Menschen, die Geld und Sparvermögen hatten, die bittere Erfahrung erbracht, dass ihr Geld, dass ihr Erspartes nichts mehr wert war. Das hat ein kollektives nationales Trauma erzeugt."

Heike Knortz, Professorin für Wirtschaftsgeschichte
"Freiberufliche, die für sich vorgesorgt hatten, für ihre Familie, auf der Basis von Geldrücklagen, Lebensversicherungen, die waren die Verlierer. Sie mussten während der Inflation alles verkaufen, was sie hatten. Wertgegenstände, Silber, Antiquitäten."

Valerie Haller, Moderatorin, ZDF-Wirtschafts- und Finanzexpertin
"Heftige Inflation ist durchaus möglich in unserem heutigen System. Bei uns in Europa ist sie im Moment nicht besonders wahrscheinlich. Es gibt bestimmte Instrumentarien für Regierungen und auch für Notenbanken, die einer Inflation entgegenwirken können."

 

WELTWIRTSCHAFTSKRISE 1929

Werner Plumpe, Professor Wirtschafts- und Sozialgeschichte
"Es gab keinen Krieg, der vorausgegangen ist. Es war nicht die Folge von irgendwelchen politischen, klimatischen oder anderen Ereignissen, die man nicht gekannt hätte. Nein, aus sich selbst heraus bricht die Wirtschaft in den USA, in Europa, vor allen Dingen hier in Deutschland um 30, 40 Prozent innerhalb von wenigen Jahren zusammen.“

Heike Knortz, Professorin für Wirtschaftsgeschichte
"Innerhalb kurzer Zeit brachte die Weltwirtschaftskrise im Deutschen Reich tatsächlich auch wieder Hunger, Elend, Verzweiflung. Die Arbeitslosen hatten am Schluss eine Arbeitslosenunterstützung, die eigentlich nicht mehr ausreichte, um zu überleben. Suppenküchen gehörten jetzt für viele Menschen zum Alltag."

Valerie Haller, ZDF-Wirtschafts- und Finanzexpertin
"Wir haben aus verschiedensten Krisen gelernt, dass es enorm wichtig ist, dass die Staaten und auch die Notenbanken wirklich die Ärmel hochkrempeln, in einer Krisenzeit einen Maßnahmenkatalog auf den Tisch legen und vor allem wirklich viel Geld in die Hand nehmen. Das kann enorm helfen, bei einer Krise zumindest den ersten Schock ein wenig abzumildern."

Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte
"Die Weltwirtschaftskrise war nicht der alleinige Grund für den Aufstieg Hitlers. Aber wir können sicher sagen: Ohne die Weltwirtschaftskrise hätte es keine nationalsozialistische Machtübernahme am 30. Januar 1933 in der Form, wie wir sie kennen, gegeben."

 

ÖLSCHOCK 1973

Valerie Haller, ZDF-Wirtschafts- und Finanzexpertin
"Teures Öl bedeutet weniger Wachstum, dauerhaft teures Öl kann eine Krise auslösen. Weil Öl ein wichtiger Schmierstoff ist für ganz viele Volkwirtschaften. Wird Öl teurer, wird eigentlich fast alles teurer. Die Chemie braucht Öl, die Industrie für die Produktion braucht Öl, für die Logistik braucht man Öl. Alles wird teurer. Die Gewinne der Unternehmen schmelzen dahin, und dann wirkt sich das letztendlich auch auf die Finanzmärkte aus.“

Werner Plumpe, Professor Wirtschafts- und Sozialgeschichte
"Die Ölpreiskrise war nur ein Faktor der Wirtschaftskrise in den 70er Jahren. Da kommen noch andere Dinge hinzu, die eine Rolle spielen, nämlich das erste Mal in einer mehr oder weniger globalen Konkurrenzsituation zu sein. So etwas wie die asiatische Konkurrenz hat es in den 50er, 60er Jahren kaum gegeben, etwa japanische Autos und Unterhaltungselektronik. Die Textilindustrie verschwindet aus einem großen Teil Europas. Gleichzeitig hört der Wiederaufbauboom auf. Die Bauindustrie hat plötzlich eine sehr viel geringere Nachfrage. All das führt dazu, dass die 70er Jahre schon eine tiefe Zäsur sind. Aber das liegt nicht nur an den Ölpreisen."

Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte
"Das Wirtschaftswunder war getragen von billigem Öl, niedrigen Heizkosten, niedrigen Spritkosten. Dieser Pfeiler des Wohlstands brach jetzt zusammen und zugleich wurde klar, wie abhängig man vom Öl ist, aber auch vom Nahen Osten. Und dieses Gefühl der Abhängigkeit brachte die Westdeutschen raus aus der Komfortzone des Wirtschaftswunders.
Die Ölkrise ist eigentlich das Sahnehäubchen auf einer Gesamtentwicklung. Schon 1966 hatte sich mit einer ersten zyklischen Krise angedeutet, dass dieser langanhaltende kontinuierliche Nachkriegsboom, der seit den frühen 50er Jahren herrschte, zu Ende gehen würde. Und das war 1973 mit dem Konjunktureinbruch der Fall, einem Konjunktureinbruch, der durch die Ölkrise noch einmal verstärkt wurde.
Die autofreien Sonntage waren in erster Linie eine psychologische Maßnahme, energietechnisch hat das keine übermäßig großen und signifikanten Einspareffekte erbracht. Die autofreien Sonntage, die leeren Straßen haben sich aber tief in das kollektive Gedächtnis der Westdeutschen eingebrannt."

 

FINANZCRASH 2008

Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
"Seit dem 19. Jahrhundert sind die USA das Epizentrum aller großen Wirtschaftskrisen gewesen. Wenn es in den USA knallt, dann knallt es auch anderswo."

"'Too big to fail', zu groß, um zu scheitern, das ist ein Argument, das traditionell immer in großen Krisen von Akteuren – etwa Unternehmen und Banken – gebracht worden ist, die auf staatliche Unterstützung setzen. Das finden wir in vielen anderen Bereichen, wo die Akteure hinter dem Staat herlaufen und sagen: ´Du musst uns retten, ansonsten bricht hier alles zusammen. Das öffentliche Wohl ist in Gefahr´. Dann sind Politiker in einen Handlungszwang hineingebracht."

Valerie Haller, ZDF-Wirtschafts- und Finanzexpertin
"Damals, als Lehman Brothers pleiteging und die Kurse wirklich in rasender Geschwindigkeit nach unten rauschten, da hörte man die Händler. Man hörte, wie sie unfassbar schrien. Das geht an keinem spurlos vorbei, wenn der Dax drei Prozent im Minus ist und zehn Minuten später sieben Prozent im Minus."

"Die Banker hatten seinerzeit ordentlich über die Stränge geschlagen. Es war aber auch behördliches Versagen. Die Banken hatten damals viel zu viel Macht und viel zu wenig Kontrolle."

"Die Opfer dieser Krise waren natürlich in erster Linie die Menschen, die ihre Häuser verloren haben, die ihre Existenzen verloren haben, ihren Job oder ihre Altersvorsorge. Auch Sparer waren damals Verlierer. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass auch große Pensionsfonds ihr Geld an den Finanzmärkten anlegen. Große Institutionen, Stiftungen, all diese Einrichtungen haben natürlich jede Menge Geld verloren, und sie gehörten alle zu den Opfern."

 

PANDEMIE 2020

Valerie Haller, ZDF-Wirtschafts- und Finanzexpertin
"2008 war eine menschengemachte systemische Krise. Behörden haben einfach ihre Aufsicht vernachlässigt, Banken waren verantwortungslos, und manche Banker waren auch sehr, sehr gierig. Die Coronakrise ist doch eher mit einer Naturkatastrophe zu vergleichen und keiner trägt die Schuld an dieser Krise."

"Man hat aus der Finanzkrise gelernt, dass schnelles Eingreifen von Staaten und von Notenbanken sehr wirksam ist und dass es auch sehr notwendig ist, um Vertrauen und Zuversicht wieder zurückzugewinnen. Es war unglaublich wichtig für Vertrauen zu sorgen in der Krise und dieses Geld hat vermutlich unsere Volkswirtschaften vor Schlimmerem bewahrt. Und auch das ist übrigens wichtig für die nachfolgenden Generationen, dass die Krise nicht so tief ausbricht, dass folgende Generationen auch noch damit zu kämpfen haben."

Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
"Mein Eindruck besteht darin, dass zurzeit die politische Kommunikation historischer Krisen vor allen Dingen der Legitimation des gegenwärtigen Handelns dient. Es geht gar nicht so sehr darum, sich jetzt mit der Weltwirtschaftskrise im vergangenen Jahrhundert auseinanderzusetzen. Es steht auch nicht im Vordergrund, sich mit der großen Inflation auseinanderzusetzen, es geht vor allen Dingen darum, den Bürgern einigermaßen glaubwürdig zu versichern, dass man alles tut, damit so etwas nicht wieder passiert."

Weitere Informationen

Fotos über (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/zdfzeit

Impressum

ZDF Hauptabteilung Kommunikation
Presse und Information
Verantwortlich: Alexander Stock
E-Mail: pressedesk@zdf.de
© 2020 ZDF

Ansprechpartner

Name: Dr. Birgit-Nicole Krebs
E-Mail: presse.berlin@zdf.de
Telefon: (030) 2099 1096