Copyright: ZDF / Zornshot
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Wir Wunderkinder

Zweiteilige ZDFzeit-Dokumentation

Am Beispiel von Lebenserinnerungen Prominenter zeichnet der Zweiteiler ein persönlich gefärbtes Bild der 50er und 60er Jahre in Deutschland. Zeitzeugen wie Roberto Blanco, Katja Ebstein, Winfried Glatzeder, Marianne Koch, Uwe Kockisch, Maren Kroymann, Michael Mendl, Wolfgang Niedecken, Elke Sommer, Bettina Wegner oder Thekla Carola Wied erzählen von ihren Eindrücken und Erlebnissen. Illustriert werden die Lebensberichte durch neu erschlossene Filmaufnahmen aus der damaligen Zeit sowie durch szenische Animationen im Stil der Graphic Novel.

  • ZDF, Dienstag, 12. und Dienstag, 19. Oktober 2021, jeweils 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Beide Folgen ab Sonntag, 10. Oktober 2021, 10.00 Uhr

Texte

Zeugen der neuen Zeit
von Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

Sie gehören einer Generation an, die unser Land bis heute prägt. Unmittelbar nach dem Krieg aufgewachsen, mussten sie von klein auf lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie haben eine Zeit erlebt, in der noch vieles im Argen lag, aber wieder alles möglich schien. Anknüpfend an frühere Dokumentationen "Wir Nachkriegskinder" und "Wir Trümmerkinder" begleitet der neue ZDF-Zweiteiler "Wir Wunderkinder" bekannte Zeitzeug*innen diesmal durch die fünfziger und sechziger Jahre in West- und Ostdeutschland.

Im Vordergrund der Filme steht das Schicksal von Prominenten, die den Aufschwung aus den Trümmern bis zum Stimmungsumschwung der 1960er besonders intensiv erlebten. Marianne Koch, Michael Mendl, Katja Ebstein, Bettina Wegner, Thekla Carola Wied, Winfried Glatzeder, Uwe Kockisch und andere kennen wir als erfolgreiche Schauspieler*innen, Sänger*innen und auch Stimmen der Gegenwart. Umso überraschender ist ihr Erleben der jungen Jahre, das in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Ihre Geschichten spiegeln den Zeitgeist. Gerade die 50er Jahre wurden immer wieder als konservativ, spießig und bigott etikettiert. Doch stand die Dekade trotz mancher Rückständigkeit auch im Zeichen von Aufbruch, Umorientierung und neuem Lebensmut. Nach dem politischen und moralischen Niedergang während der Hitler-Diktatur markieren die 50er Jahre eine Zeit rasanten Aufstiegs. Die Menschen blickten nach vorn und wenig zurück, das Vergangene, die NS-Zeit, wurde weithin verdrängt. All das wissen unsere prominenten Mitwirkenden zu schildern. Dabei kommen auch jene zu Wort, die als Kinder von Flüchtlingsfamilien aufwuchsen. Sie berichten von ihren Erfahrungen zwischen Integration und Ausgrenzung, haben auch zu spüren bekommen, was es für ihre Eltern bedeutete, ihre angestammte Heimat hinter sich zu lassen.

Unternehmergeist, Musik, Mode, Film, Lebenskultur sind Motoren des Neustarts. Aber er führt auch in politische Fahrwasser einer zum Teil restaurativen und weiterhin stark durch die NS-Vergangenheit geprägten Gesellschaft. Die frühen Rebellionen der Halbstarken und Rock’n Roller, schließlich der aufbegehrenden Studenten schaffen die Grundlage für eine Umwälzung im Laufe der 60er Jahre, an der auch einige unserer Protagonist*innen mitwirkten. Illustriert werden ihre Erinnerungen auch durch außergewöhnliche Filmbilder, oft aus neu erschlossenen Privatarchiven und mithilfe von Graphic Novel-Animationen. Sie ermöglichen, persönliche Erlebnisse und Wendepunkte nacherlebbar zu machen, mit Blick auf eine Zeit, in der noch keine Kameras die Lebensläufe unserer Zeitzeug*innen begleiteten.

"Wir Wunderkinder - Zeit des Aufbaus"
Stab und Inhalt

ZDF: Dienstag, 12. Oktober 2021, 20.15 Uhr
ZDFmediathek: Ab Sonntag, 10. Oktober 2021, 10.00 Uhr
Wir Wunderkinder – Zeit des Aufbaus
ZDFzeit_Dokumentation

Buch und Regie_____Peter Hartl
Kamera_____Anthony Miller, Christian Baumann, Matthias Windrath, Jan Fröhlich
Schnitt_____Armin Riegel
Produktion_____Carola Ulrich, Philipp Müller
Grafische Animation_____zornshot 
Illustration_____Samson Götze
Redaktion_____Stefan Mausbach
Leitung_____Stefan Brauburger

Inhalt
Die erste Folge "Wir Wunderkinder – Zeit des Aufbaus" begleitet unsere Zeitzeug*innen durch die50er Jahre. So die angehende Ärztin Marianne Koch, den theateraffinen Schüler Michael Mendl oder Roberto Blanco, der als Sänger in Westdeutschland seine neue Heimat fand. Neben dem frühen Erfolg auf Bühne und Leinwand hatten Marianne Koch und Michael Mendl damals eines gemeinsam: Sie erfuhren beide erst spät, wer ihre leiblichen Väter waren und welch' schier unglaubliche Geschichten damit zum Vorschein kamen.
Auch der in Cottbus aufgewachsene Schauspieler Uwe Kockisch vermisste seinen Vater schmerzlich, der als Luftwaffenpilot über der Normandie abgeschossen worden war. Noch nach dessen Tod wurde der Uhrmacherberuf des Vaters dem Sohn zum Verhängnis. Wegen dieser Herkunft verwehrte der "Arbeiter- und Bauern"-Staat ihm den Zugang zum Abitur.
Auch Bettina Wegner wurde als Jugendliche im SED-Staat von der Schule verbannt. In einem quasireligiösen Kindheitsglauben an den "gottgleichen" Sowjetführer Stalin erzogen, ging die Liedermacherin zunehmend auf Distanz zur real existierenden Verlogenheit im DDR-Alltag und in Konflikt mit dem "volkseigenen" Repressionsapparat.
Für den ebenfalls sangesfreudigen Sohn kubanischer Eltern, Roberto Blanco, wiederum war Nachkriegsdeutschland völliges Neuland. Zum ersten Mal erlebte der in Beirut großgewordene Unterhaltungskünstler hierzulande Trümmerlandschaften – und Lebenshunger zugleich.
Allen Porträtierten brachten die 50er Jahre den Durchbruch in eine hoffnungsvollere Zukunft, von der sie in kargen Jugendjahren nie zu träumen gewagt hätten. Sie stehen für eine Generation, die in einem damals in West und Ost auseinanderdriftenden Land groß wurden und es frühzeitig mitgestaltet haben.  Unmittelbar nach dem Krieg aufgewachsen, mussten sie von klein auf lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie haben eine Zeit erlebt, in der noch vieles im Argen lag, aber wieder alles möglich war. Die Zeit der fünfziger Jahre war trotz aller Nachwirkungen von Diktatur und Krieg für die meisten verbunden mit Aufbau, Aufbruch, Zuversicht, getragen von Improvisationsgeist und der Überwindung überholter Moralvorstellungen.

Zitate prominenter Zeitzeugen aus "Wir Wunderkinder - Zeit des Aufbaus"

Marianne Koch,
Ärztin und Schauspielerin, damals in München…

…über München in den 50ern:
"Man sah überall die Trümmer. Es gab auch Hunger, und wir hatten keine Schuhe gehabt und konnten nicht heizen im Winter. Die ersten Nachkriegsjahre waren beschwerlich, wirklich schwierig. Aber es gab eine unglaubliche Zuversicht, also jedenfalls bei mir: Es wird alles besser!"

…über ihr Erleben der US-Amerikaner nach dem Krieg:
"Wenn ich die Straßenbahn versäumt hatte, ist um die Zeit immer ein amerikanischer Soldat mit seinem Jeep vorbeigefahren. Er hat mich eingeladen und bis vor die Schule der Armen Schulschwestern gefahren. Er ist einfach nur nett gewesen – und so habe ich die Amerikaner erlebt."

…über die amerikanische Kultur:
"Die amerikanische Kultur war etwas Neues, was einen sehr geprägt hat. Ich habe mich auf die Bücher gestürzt, habe den US-Sender AFN gehört, Jazz und alles. Das war sicher nicht, weil ich wusste, mein leiblicher Vater ist da drüben. Oder vielleicht unbewusst doch."

 

Uwe Kockisch,
Schauspieler, damals in Cottbus…

…über den im Krieg vermissten Vater:
"Ich habe eigentlich erst in der Schule gehört, dass es auch Väter gibt. Dort wussten irgendwie alle, wer von den Mitschülern keinen Vater hatte, die Hälfte der Klasse, und haben einen das ganz brutal spüren lassen. Dann habe ich eigentlich immer nur gesucht, nach meinem Vater, der als vermisst galt, gesucht, gesucht, gesucht. Das hört eigentlich nie auf."

…über Schweigen und Verdrängung:
"Das Schlimmste war für meine Mutter, dass sie über ihre Jugend im Krieg nicht ganz normal reden konnte. Nur heimlich mit Freunden vielleicht, in einer Ecke der Caféteria im Warenhaus. Das tat mir furchtbar weh."

…über die schwierige Versorgungslage in Cottbus:
"Sicher hat immer etwas gefehlt, was die Versorgung betrifft. Aber da musste man eben "besorgen", handeln, tauschen. (...) Die Fantasie spielte eine größere Rolle. Wir haben überlegt: Was könnten wir denn bauen? Dann haben wir uns aus vier Rädern, einer Plattform und einem Hilfsmotor ein eigenes kleines Auto gebastelt."

 

Michael Mendl,
Schauspieler, damals in Leverkusen und Mannheim…

…über seinen nicht vorhandenen Vater:
"Da ich keinen Vater hatte, wusste ich auch nicht genau, ob er mir fehlt. Und meine Mutter hat immer gesagt: 'Das erzähle ich dir, aber da musst du noch ein bisschen älter werden.'(…) Dann habe ich natürlich gebohrt, und sie hat mir restlos alles erzählt. Naja, und da war nun klar, dass das ein katholischer Priester war."

…über seinen "Heiratsantrag" an seinen Ersatzvater Ernst Mendel:
"Eines Morgens wache ich auf und sehe, wie ein unbekleideter Mann über mich drübersteigt, um sich anzukleiden. Und das war Herr Mendl. Nach dem Frühstück hab' ich dann ganz spontan gesagt: 'Onkel Ernst: Du kannst doch eigentlich mein Papa werden.' Das war dann der Heiratsantrag. Jetzt war ich stolz: Wir waren eine Familie. Wir waren zu dritt. Auf einmal war alles plötzlich anders."

…über die erste Blue Jeans:
"Meine erste Blue Jeans habe ich gegen den Willen meiner Eltern gekauft, die fanden so eine amerikanische Arbeiterhose mit Nieten überhaupt nicht gut. Und mit Bill Haleys "Rock around the clock” war das Lebensgefühl da: ausgelassen, frei, körperlich explodieren können. Zu meinen Eltern habe ich gesagt: 'Ich will, dass ihr meine Platten auch hört, wie ich eure, und vielleicht kapiert, dass ich das mag.' Also damit habe ich meine Eltern auch erzogen."

 

Bettina Wegner,
Liedermacherin, damals in Ostberlin…

…über den Umgang mit der Kriegsgeneration:
"Die Kriegsgeneration war natürlich die gleiche wie im Westen: Großes Schweigen, nichts gewusst. Das ist uns eingehämmert worden: 'Die bösen Nazis, die sind ja alle in den Westen geflohen. Wir sind der antifaschistische, deutsche Staat.' Was natürlich Unsinn war."

…über ihr damaliges Bild von Konrad Adenauer:
Wir mussten auch mal im Chor brüllen: "Steckt den Vogel Adenauer in einen großen Vogelbauer!" Da setzt sich doch was beim Kind. Dann ist das eben ein böser Mann. (…) Wahrscheinlich brauchen Kinder eine Figur, auf die sie ihre Ängste, ihren Hass, ihre Aggressionen fokussieren können. Und das war für mich Adenauer."

…über ihr damaliges Bild von Josef Stalin:
"Stalin war Gott für mich. Wenn ich mich ungerecht behandelt gefühlt habe, dann dachte ich: 'Ach, wenn Stalin doch dein Vater wäre.' Als dann nach seinem Tod in der Stalinallee das große Stalin-Denkmal abgerissen wurde, war ich verwirrt. Und zur Erklärung gab es nur ein einziges Wort: Personenkult. Da habe ich gemerkt: ich bin belogen worden. Und dieses gläubige Kind, das einfach alles hingenommen hatte, gab es dann nicht mehr."

 

Roberto Blanco,
Entertainer, damals in Wiesbaden…

…über seinen Anfang in Deutschland:
"Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, kam ich mit Respekt. Im Libanon, wo ich aufgewachsen war, galt der Deutsche in der Wochenschau immer als der Böse, der Nazi. Da habe ich meinen Vater, der damals mit seiner Varieténummer in Hamburg gastierte, gefragt: 'Wie sind die Deutschen?'  Und mein Vater hat mir erklärt: 'Nein, die sind nicht so schlimm, der Krieg ist vorbei.' Dann war ich sehr erleichtert und glücklich. Denn ich hätte nie gedacht, dass ich hier Karriere machen würde."

…über den Erfolg seiner Musik in Deutschland:
"Unsere südamerikanische Musik war für die Deutschen etwas Neues, etwas Besonderes. Das kam sehr gut an, weil die Deutschen nach dem Krieg auch etwas Fröhliches sehen wollten. Etwas, was ihnen die ganzen Ruinen zu vergessen half, die da draußen waren und das alles."

"Wir Wunderkinder - Zeit des Wandels"
Stab und Inhalt

ZDF: Dienstag, 19. Oktober 2021, 20.15 Uhr
ZDFmediathek: Ab Sonntag, 10. Oktober 2021, 10.00 Uhr

Wir Wunderkinder – Zeit des Wandels
ZDFzeit_Dokumentation

Buch und Regie_____Annette Koehler
Kamera_____Anthony Miller, Christian Baumann, Matthias Windrath
Schnitt_____Christoph Schuhmacher
Mischung_____Marcus Wüst
Produktion_____Carola Ulrich, Philipp Müller
Grafische Animation_____zornshot
Illustration_____Samson Götze
Redaktion_____Stefan Mausbach
Leitung_____Stefan Brauburger

 

Inhalt

Es ist ein bewegtes Jahrzehnt, das die Jugend in Deutschland wie kaum ein anderes prägte: die sechziger Jahre. Prominente wie Katja Ebstein, Elke Sommer, Maren Kroymann, Thekla-Carola Wied, Winfried Glatzeder, Uwe Kockisch und Wolfgang Niedecken erzählen, wie dieser Zeitabschnitt mit all seinen Brüchen und Krisen ihr Leben entscheidend beeinflusst hat. Viele von ihnen wachsen zunächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Einige der Familien sind bei Kriegsende geflohen und in der neuen Heimat fremd geblieben.
Die Väter der ehemaligen DDR-Schauspieler Uwe Kockisch und Winfried Glatzeder sind im Krieg gefallen. Als Kinder lernen sie früh, sich durchs Leben zu schlagen – jeder auf seine Weise. Mit dem Bau der Mauer 1961 beginnt für sie über Nacht ein anderes Leben, denn nun können sie nicht mehr von Ost nach West reisen. Uwe Kockisch führt es nach einem gescheiterten Fluchtversuch direkt in das berüchtigte Cottbuser Zuchthaus. Winfried Glatzeder, der jüdische Vorfahren hat, lebt zwar angepasst im sozialistischen System, hadert aber mit den wirtschaftlichen und später auch politischen Verhältnissen des Landes – vor allem seitdem die Staatssicherheit ihn im Visier hat. Die Sängerin und dreimalige Grand Prix-Teilnehmerin Katja Ebstein lebt damals in West-Berlin. Von ihrem kriegsversehrten Vater hat sie eine kritische politische Einstellung übernommen. Schon als Schülerin demonstriert sie gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Als die Mauer gebaut wird, zeigt die Sechzehnjährige Kante mit Sitzblockaden und Steinewerfen. Der Kalte Krieg zwischen den Großmächten USA und Sowjetunion hält die Jugend das ganze Jahrzehnt in Atem. Immer wieder kommt es zu Krisen und Konflikten wie 1962 um Kuba. BAP-Sänger Wolfgang Niedecken erinnert sich gut an seine Furcht vor einem Atomkrieg. Kein Wunder, schließlich ist der zweite Weltkrieg da erst 17 Jahre vorbei. Noch sind die meisten Jugendlichen unpolitisch, noch wird über die Verbrechen der Nazis kaum gesprochen – zu Hause nicht und in der Schule auch nicht. Das ändert sich mit den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt, in denen der verdrängte Massenmord an den Juden ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getragen wird. Nun rücken Diskussionen an die Stelle jahrzehntelangen Schweigens, was nicht selten zu Zerwürfnissen zwischen den Generationen führt.
Haben bis dahin deutsche Schlager und die Sehnsucht nach einer heilen Welt die Musikwelt dominiert, provozieren nun die britischen Bands Beatles und Rolling Stones mit ihrem neuen unangepassten Musikstil. Sie begeistern die Jugend auf beiden Seiten der Mauer. Wolfgang Niedecken und Maren Kroymann können ein Lied davon singen.
Die 60er Jahre sind nicht nur musikalisch eine Zeit des Umbruchs. Mit der Erfindung der Antibaby-Pille 1961 können Frauen künftig selbstbestimmter leben. Sexualität wird mehr und mehr enttabuisiert. Technische Errungenschaften wie der Fernseher halten Einzug in deutsche Wohnzimmer – damit auch erschreckende Bilder vom Krieg der USA in Vietnam. Das führt zu Protesten der Studierenden auf Deutschlands Straßen. Der Mordanschlag auf Benno Ohnesorg, einem Freund Katja Ebsteins, beim Besuch des persischen Schahs in Berlin 1967 ist Auslöser von Massenprotesten in der ganzen Bundesrepublik. Der Aufstand der Jugend gegen das politische und gesellschaftliche Establishment wird das Land dauerhaft verändern.

Zitate prominenter Zeitzeugen aus "Wir Wunderkinder – Zeit des Wandels"

Thekla Carola Wied,
Schauspielerin, damals in Westberlin...

über den Stellenwert der Schulbildung:
"Mein Vater hatte nur im Blick, uns eine richtige Bildung zukommen zu lassen. Dass wir aufs Gymnasium kommen, das war sein Ziel. Das war absolut sein Ziel, und nur darum ging es auch immer."

… über den Mauerbau:
"Es war ganz furchtbar. Als die Mauer kam, war die halbe Klasse leer, denn wir hatten ganz viele Ost-Schüler im Gymnasium. Die waren einfach weg."

 

Katja Ebstein,
Sängerin, damals in Westberlin …

…über den Mauerbau:
"Erstmal haben wir dagesessen, wie vom Donner gerührt, weil wir nicht geglaubt haben, dass das durchgezogen wird. Wir empfanden es als unmenschlich und waren stocksauer, also richtig, richtig böse. (…)
Ich dachte, man muss hier Kante zeigen. Sowie die Mauer stand, waren wir schon unterwegs und haben Steine geschmissen. Das wurde von unserer Polizei unterbunden, weil wir dann Sitzblockaden gemacht haben. Die wollten nicht, dass wir dasitzen, weil sie Angst hatten, dass irgendeiner von der anderen Seite schießt und wir vielleicht etwas abbekommen. Außerdem ging es um Befriedung. Sie wollten keinen Krawall haben an der Mauer."

…über Verdrängung der NS-Vergangenheit:
"Dass wir dann auch noch so einen Bundeskanzler Kiesinger hatten, fand ich schrecklich. Wie kann man einen Nazi zum Kanzler wählen – so kurz nach dem Krieg?"

…über die Anti-Schah-Demonstration 1967 und Benno Ohnesorg:
"Mit Benno haben wir öfter über diese unglaubliche Kluft zwischen Arm und Reich in Persien gesprochen. Wir wollten zeigen, dass es uns nicht gefällt, dass solche Leute bei uns mit Pomp und Trara eingeladen werden. (…)
Der Schah hatte seine 'Prügel-Perser' mit. Die standen hinter den Abgrenzungen und haben angefangen auf die Leute einzuprügeln, weil die natürlich gebrüllt haben. Das war schon eine aufgeheizte Stimmung. Dann gab's die Wasserwerfer von hinten und als sie richtig losgelegt haben, bin ich gegangen. (…)
Mich hat jemand angerufen, der sage: 'Du, da muss was passiert sein. Wir wissen noch nicht, wer es ist, aber da ist einer erschossen worden.' Und dass es Benno war, wäre mir nie eingefallen. Falscher Ort, falscher Platz, falsche Zeit, alles gleichzeitig. Das habe ich nicht bewältigt. Das kann man nicht, das geht einfach nicht."

…über Rudi Dutschke:
"Rudi saß im Café und hatte das Kommunistische Manifest dabei. Das war der Grund für mich, ihn anzusprechen. So lernten wir uns kennen. Ich wollte wissen, was es mit dem Buch auf sich hat. Und dann hat er versucht, mir den Marxismus zu erklären. Daraus entspann sich eine Art Freundschaft. (…)
Die Gewaltlosigkeit war seine Ur-Predigt, und wer ihm zugehört hat, wusste das."

… über Hippiezeit und Mini-Mode:
"Ich bin im Grunde ein astreiner Hippie geblieben. Diese Flower-Power-Geschichte, ist uns damals wirklich unter die Haut gegangen. Dieses "Make love not war" ist doch eine super Losung. Die stimmt heute noch. (…)
Die Mode: Kürzer ging es nicht. Ich glaube, das war wie eine Provokation gegen die Spießigkeit. Ich finde, die Jugend hat das Vorrecht zu solchen eigenen Prägungen."

 

Winfried Glatzeder;
Schauspieler, damals in Ostberlin…

… über den Mauerbau:
"Bis 1961 konnten wir jedes Wochenende zum Leidwesen der Verwandtschaft nach West-Berlin kommen und uns vollfressen – und ich Micky Maus-Hefte lesen und Kaugummi kauen. Dann war es zu Ende damit."

… über den Alltag in der DDR:
"Der Alltag in der DDR war so angefüllt mit Arbeit, so angefüllt mit Nahrungsmittel-Beschaffung, selbst Klopapier war schwierig zu bekommen. Meine Mutter, meine Großmutter und ich hatten eigentlich nichts außer den West-Paketen. (…)
Als ich meine Frau heiratete, bekam ich als Mitgift einen Opel Olympia, der immerzu kaputt ging, von den Schwiegereltern geschenkt. Aber ich hatte ein Auto in der DDR. Wahnsinn! Es gab einen Trabant ja nur nach 15 Jahren Anmeldung."

 

Uwe Kockisch,
Schauspieler, damals in Cottbus …

…über seinen Fluchtversuch aus der DDR und die Haft:
"Versuchte Republikflucht, dazu kommt automatisch Hetze, Staatsverleumdung. Passvergehen! Da wurde mir schon schlecht. (…)
Dann in Cottbus in das Zuchthaus rein, dann in diese Zelle, die bei Kaiser Wilhelm eine Einmann-Zelle war. Jetzt waren wir vier Häftlinge drinnen. Da wurden die Matratzen am Tag übereinandergelegt. Es gab auch keine Toilette, sondern nur einen Kübel."

  

Maren Kroymann,
Schauspielerin, Sängerin, Kabarettistin, damals in Tübingen…

… über das Frauenbild:
"Der Mann verdiente, und die Frau bekam die Kinder, zog sie groß und machte den Haushalt. (…)
Meine Mutter musste das Haushaltsgeld meinem Vater gegenüber abrechnen. Ein höchst unwürdiger Zustand. Frauen durften nicht arbeiten ohne die Einwilligung des Mannes. So sind wir erzogen. (…)"

…über Aufklärung und Sexualität:
"In der Schule gab es im Biologieunterricht zwei Stunden Aufklärungsunterricht, also mit den Bienen und den Blumen. Aufklärung kann man das nicht nennen. (…)
Eine Frau, die schwanger wird, ohne einen Mann zu haben, das war verpönt, das war ja kurz vor einer Prostituierten in der öffentlichen Meinung. Das war ganz, ganz schwer. (…)
Das war ein langer Weg zur sexuellen Befreiung, bis wir überhaupt begriffen haben, dass wir ein Recht darauf haben, unsere eigene Sexualität zu haben. Wir dürfen das. Wir dürfen Lust empfinden. Wir dürfen auch sagen, wie wir das haben wollen beim Sex. Es gab Sprachlosigkeit und das unbestimmte Gefühl: Sex ist, was die Männer mit einem machen."

…über die Beatles und Popmusik:
"Die Beatles waren meine Welt. Dass die so frei waren. Man hatte das Gefühl, die scheren sich einen Scheißdreck um alles. Die machten sich die Haare anders. Das war sexy. Die waren halt so cool. (…)
Die Popmusik war total wichtig für Jungen und Mädchen in der Pubertät in den 60ern, Anfang der 60er, Ende der 50er schon. Das war nicht vorgegeben im Bildungskanon der Eltern, sondern es war subversiv, das zu hören, weil die Eltern sagten: 'Mach das Radio leiser' und 'Was ist denn das?'"

 

Wolfgang Niedecken,
Musiker und Künstler, damals in Köln…

… über die Arbeitsmoral:
"Man hat zu arbeiten. Man hat aufzubauen. Man hat auch nicht müde zu sein."

…über seine Missbrauchserfahrung:
"Da ist ein übler Pater dabei gewesen, Pater L., der ein Sadist war. Ein sadistischer Päderast, der sich sein Vergnügen damit gemacht hat, dass er kleine Jungs geprügelt und in die Hose gegriffen hat. Am Anfang habe ich gedacht, es wären nur ganz wenige, die das durchmachen mussten. Aber wir waren alle reif. Der hat wirklich wahllos zugegriffen. (…)
Für meinen Vater war das natürlich ganz furchtbar, dass ein Mann Gottes sich an seinem Jungen vergeht."

… über Vergangenheitsbewältigung und Konflikte mit seinem Vater:
"Das war für mich unfassbar, dass mein Vater so etwas zugelassen hat. Der wusste schon, dass die Juden im KZ landeten und dass Juden auch umgebracht wurden. Und nicht nur Juden. (…)
Für meinen Vater muss das furchtbar gewesen sein, dass sein Kronprinz plötzlich nur noch Widerworte gibt. Ich habe ihn natürlich auch vorgeführt. Diese Sonntagsfrühstücke waren ein Tribunal. Das war ganz, ganz furchtbar. Ich habe meinen Vater eigentlich fertiggemacht."

Hybrid aus Graphic Novel und Film
Statements des Zornshot-Kreativdirektors Jan Schulz

Vorteil gegenüber szenischer Darstellung

Mit den animierten Illustrationen stellen wir die Erinnerungen der Protagonisten dar. Wir versuchen mit dieser Art der Visualisierung, die vage Anmutung solcher Rückblicke zu treffen und für das Publikum nacherlebbar zu machen. Dabei wird durch das Stilmittel der Graphic Novel klar, dass es sich um Interpretation handelt.
Durch die Kombination mit realen Bewegungen verstärken wir die Emotionalität der Illustrationen. Würde man eine möglichst realitätsgetreue szenische Darstellung wählen, könnte das davon ablenken, dass es sich um subjektive Eindrücke und Erlebnisse der Betroffenen handelt.

Vorgehensweise

Die in den Interviews geschilderten Erlebnisse haben wir erst illustriert und dann durch Greenscreen-Aufnahmen mit Komparsen ergänzt, um die Motive so zum Leben zu erwecken. Anschließend wurden die realen Aufnahmen der Akteure wieder grafisch umgewandelt, so dass sich am Ende die nun wieder gezeichneten Figuren natürlich bewegen. Das Ergebnis ist ein Hybrid aus Graphic-Novel und filmischem Material. Man könnte die Bilder auch lebendige Gemälde nennen.

Stil

Wir haben uns an der Ästhetik des Nachkriegs-Kinos orientiert, vor allem was die Farbpalette angeht. Nach dem Grau der Kriegsjahre wurde die Farbe im Film der Nachkriegszeit in Technicolor regelrecht zelebriert. Alles war bunt und strahlte. Das ist die Grundstimmung, der wir uns bedienen und die den Zuschauer sofort in die richtige Zeit holt. Die einzelnen Rückblenden handeln von dramatischen, teils auch schrecklichen Erlebnissen, spielen aber insgesamt in einer Welt des Aufbruchs. 

Weitere Informationen

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