WISO-Dokumentation: Weltmacht Google

Wie ein Konzern unser Leben beeinflusst

Größter privater Datensammler der Welt mit dem Anspruch, das Richtige zu tun? Die Weltmacht Google entscheidet, wer im Netz gefunden wird, und wirkt schon dadurch in viele Lebensbereiche hinein. Doch die Internet-Suchmaschine ist nur das eine – über selbstfahrende Autos bis zur technischen Überwachung des Körpers will der kalifornische Konzern noch stärker die moderne Lebensgestaltung prägen. Die beiden ZDF-Reporter Eike Petering und Alexander Poel haben für diese "WISO"-Dokumentation hinter der bunten Fassade von Google recherchiert.

  • ZDF, Montag, 4. Januar 2016, 19.25 Uhr

Texte

Sendetermin und Stab

Montag, 4. Januar 2016, 19.25 Uhr, ZDF

WISO-Dokumentation
Weltmacht Google
Wie ein Konzern unser Leben beeinflusst

Film von Eike Petering und Alexander Poel

Produktion: ZDF
Redaktion: Martin Leutke, Marcus Niehaves

Weltmacht Google – Wie ein Konzern unser Leben beeinflusst

Wenige Konzerne sind in so kurzer Zeit so mächtig geworden und wissen so viel über uns wie Google. Der Verantwortung, die damit einhergeht, werde der Konzern nicht immer gerecht, sagen Kritiker.

Von der Internetsuche über selbstfahrende Autos bis zur technischen Überwachung des Körpers: Die "WISO"-Dokumentation "Weltmacht Google" zeigt, wie ein Unternehmen in immer mehr Lebensbereiche vordringt, und stellt Fragen, welche Chancen und Risiken das birgt.

Der Kulturhistoriker und Bestseller-Autor Siva Vaidhyanathan warnt, dass wir uns schon längst in eine völlige Abhängigkeit von Google begeben haben – und unseren Zugang zum Wissen der Welt an einen milliardenschweren Konzern abgeben. Denn Googles Algorithmen steuern unsere Sicht auf die Welt und unser Wissen. Google entscheidet, wer im Netz gefunden wird und beeinflusst somit, wo wir essen gehen, einkaufen, unsere Hotelzimmer buchen und welche Ärzte wir aufsuchen. Eine Änderung der Such-Algorithmen kann das Aus bedeuten. Der Film zeigt das am Beispiel eines Ferienhausunternehmers, der die Änderung von Google wirtschaftlich fast nicht überlebt hätte. Schließlich verwenden in Deutschland etwa 95 Prozent aller Internetnutzer diese Suchmaschine.

Selbst im zukunftsgläubigen Silicon Valley finden sich Kritiker der schönen neuen Google-Welt. Darunter auch ehemalige Mitarbeiter, die bezweifeln, dass Google als "größter privater Datensammler der Welt" seinem Motto "Don't be evil" noch gerecht wird. "WISO" zeigt in einem Experiment, wie viel wir Google im Alltag über uns verraten und welche Schlüsse das Unternehmen daraus ziehen kann.

Für ihren Film "Weltmacht Google" haben die Autoren Eike Petering und Alexander Poel hinter der bunten Fassade von Google recherchiert. In Googles europäischem Forschungszentrum in Zürich trafen sie auf begeisterte Mitarbeiter, die die Arbeitsatmosphäre mit Palmengärten, Wellness-Oasen und Fitness-Studios rühmen und sich als Elite der digitalen Zukunft sehen. Ehemalige Mitarbeiter berichten aber auch von extrem langen Arbeitstagen und massivem Leistungsdruck.

Längst verfolgen die Google-Gründer höhere Ziele als nur die Rolle eines Internet-Giganten. Sie dehnen ihre Geschäftsfelder auf immer mehr Lebensbereiche aus: vom marktbeherrschenden Smartphone-Betriebssystem Android über die Paketauslieferung per Drohne bis hin zur milliardenschweren medizinischen Forschung. Auch die mächtigen deutschen Autohersteller greift das Unternehmen frontal an: mit einem selbstfahrenden Auto aus dem Silicon Valley. All diese Geschäftsbereiche, die über das Internet hinausgehen, hat das Unternehmen erst in diesem Jahr unter dem Namen Alphabet gebündelt. Regelmäßig kommen weitere Geschäftszweige hinzu: Der Konzern wächst weiter – und damit auch der Einfluss auf unser Leben.

Kritiker wie der Datenschützer Casey Oppenheim allerdings bezweifeln, dass das Unternehmen seine Macht und sein Wissen nur im Sinne des technischen Fortschritts nutzt: "Wenn man den Zugang zum Wissen der Welt kontrolliert und wenn man diesen Zugang manipulieren kann – was Google längst zugegeben hat –, dann denke ich, dass man nicht im öffentlichen Interesse handelt. Google hat die Pflicht, den Gewinn für seine Aktionäre zu maximieren und nicht die Pflicht, im öffentlichen Interesse zu handeln." Die deutsche IT-Expertin Yvonne Hofstetter schätzt die Unternehmensentwicklung so ein: "Google ist brandgefährlich."

"Eine Herausforderung für unsere Demokratie"
Interview mit den Filmautoren Eike Petering und Alexander Poel

Blickt ihre Dokumentation mehr darauf, welche Vor- und Nachteile Google für den Verbraucher bereithält, oder rückt vor allem in den Fokus, wie das Geschäftsgebaren des Konzerns insgesamt einzuschätzen ist?

Eike Petering: Es geht in unserer Dokumentation nicht allein um den Verbraucher, sondern vor allem um den Bürger, dessen Leben von Google nachhaltig beeinflusst wird. Denn dieser Konzern wirkt auf derart viele Bereiche unseres Lebens und unserer Gesellschaft ein, dass nicht wenige Kritiker sagen: Hier haben wir es mit einer Herausforderung, ja Gefahr für unsere Demokratie zu tun.

Wie bereitwillig standen Ihnen denn Mitarbeiter von Google als Interviewpartner für diese Dokumentation zur Verfügung?

Alexander Poel: Eine Kooperationsbereitschaft war insofern vorhanden, als man uns erlaubte, in Googles europäischem Forschungszentrum in Zürich zu drehen. Wir hatten natürlich einen Dreh im Google-Hauptquartier im kalifornischen Mountain View angefragt – doch das wurde uns mit Verweis auf terminliche Schwierigkeiten nicht ermöglicht: Die Umstrukturierung des Unternehmens zur Holding Alphabet ließe dazu angeblich keine Zeit.

Eike Petering: Bei Google in Zürich wurden wir sehr offen empfangen und konnten dort in der bunten Arbeitswelt drehen – mit Palmengarten, Massagesesseln und kostenfreien Restaurants. Uns wurde ein Arbeitsparadies gezeigt, wobei uns bei den Drehs immer auch ein Tross von Mitarbeitern begleitete. Und auf jedem Stockwert standen Hinweisschilder: Achtung, das ZDF dreht!

Stand Ihnen denn auch jemand aus der Google-Führungscrew für ein Interview zur Verfügung?

Alexander Poel: Mit der Absage des angefragten Drehs im Hauptquartier in Mountain View war auch klar: Weder einen der beiden Google-Gründer, Larry Page oder Sergey Brin, noch Eric Schmidt, den Executive Chairman von Google und jetzt von Alphabet, können wir vor der Kamera interviewen. Dafür stand uns aber sehr ausführlich Kay Oberbeck zur Verfügung, der Sprecher für Google Nordeuropa.

Geht Ihre Dokumentation stärker darauf ein, was Google derzeit schon mit uns macht und bereits gemacht hat, oder was das neu strukturierte Unternehmen künftig machen wird?

Eike Petering: Es geht um beides. Zukunftsprojekte wie das selbstfahrende Auto oder die Kontaktlinse, die den Blutzuckerspiegel misst, nehmen wir natürlich in den Blick. Aber wir schauen uns auch die Suchmaschine als solche an: Was passiert im Hintergrund, was passiert mit unseren Daten? Denn: So leicht wie man mit Google die gesuchten Informationen finden kann, genauso leicht ist man dadurch für Google transparent. Die Daten für jede einzelne Suchanfrage speichert das Unternehmen, um daraus Profile zu erstellen. Wir zeigen in einem Experiment, was für einen umfangreichen Datensatz Google über jeden einzelnen von uns besitzt.

Wie hat man sich dieses Experiment vorzustellen?

Eike Petering: Wir begleiten eine 34-jährige Unternehmerin bei ihrer Google-Nutzung. Dabei bringen wir eine präparierte Webseite ins Spiel – eine nachgebaute Suchmaschine. Ein Computerspezialist fischt für uns genau die Daten ab, die Google von unserer Versuchsperson bekommen hätte. Bereits über einen Zeitraum von einer Viertelstunde konnte unser Experte mithilfe der eingegeben Daten ein sehr spezifisches Persönlichkeitsprofil erstellen. Er konnte sagen, aus welchem Milieu die Nutzerin kommt, was sie für ein Freizeitverhalten an den Tag legt und anderes mehr – dies allein aus den Suchbegriffen und den technischen Computerdaten kombiniert. Schon dieser kurze Ausschnitt macht deutlich, wie sich das auswirken muss, wenn man Google über Jahre benutzt – der gläserne Mensch ist da nicht mehr weit.

Haben Sie denn bei Ihrer Recherche Anzeichen entdeckt, dass Google von seinem Erfolgsweg mal abkommen könnte?

Alexander Poel: Manche behaupten, Google gebe es in 50 Jahren nicht mehr. Aber wir konnten nur feststellen, dass Google sich immer weiter ausbreitet. Beispiel Calico, von Google übernommen und jetzt Tochter der Alphabet-Holding: Dieses Biotechnologieunternehmen hat sich dem Kampf gegen Krankheit und Alter verschrieben und das Ziel ausgegeben, Methoden gegen das Sterben zu entwickeln. Daran kann ein Allmachts-Anspruch deutlich werden, der eher für die weitere Ausdehnung der Google-Aktivitäten spricht.

Das heißt, Sie konnten auch den angeblichen Google-Optimismus wahrnehmen, wonach alles, was das Unternehmen tut, nur dazu dienen soll, das Leben besser zu machen?

Eike Petering: Das haben wir in den Interviews mit den Mitarbeitern tatsächlich heraushören können: Google macht die Welt besser, weil die dort entwickelte Technologie das Leben einfacher macht. Und um das zu leisten, brauchen sie die vielen Daten, um ihre Produkte noch besser auf den Nutzer ausrichten zu können. Bedenken und Risiken stehen weniger im Vordergrund. Beispiel selbstfahrendes Auto – dazu sagen die Google-Leute: Mit selbstfahrenden Autos wird es möglich sein, die Zahl von einer Millionen Verkehrstoten zu verringern, die es jährlich auf der Welt gibt. An dieser Stelle klingt der Anspruch durch, die Welt besser machen zu wollen.

Alexander Poel: Dabei schwingt gelegentlich auch eine gewisse Naivität mit. Wir haben einen Mitarbeiter gefragt, inwiefern die Produkte, an denen er mitarbeitet, das Leben der Menschen zum Besseren verändern würden. Seine Antwort: Er habe eine Software entwickelt, die anzeigt, dass es morgens im Schwimmbad voll und mittags leer sei. Künftig würden sich nun viele Nutzer dieser Software entscheiden, mittags schwimmen zu gehen. Wenn man demnach für etwas, das auch mit gesundem Menschenverstand zu erfassen ist, eine Applikation in den Markt gibt, könnte das für ein Weltbild sprechen, das den Menschen selbst nicht allzu viel zutraut.

Was hat Sie bei den Dreharbeiten beeindruckt, weil Sie es zuvor so noch nicht gesehen oder so nicht erwartet hatten?

Eike Petering: Wir waren an einem Rechenzentrum von Google in der Nähe von Portland in Oregon – Google wollte uns nicht hereinlassen, aber allein die Dimension des Gebäudes vermittelt nachhaltig einen Eindruck, um welche schiere Menge an Daten es eigentlich geht. Die geballte Wirtschaftsmacht bekommt man eher dort zu spüren als in den bunten Büros der Firma. Auch war im Vorhinein nicht so klar, welche Repräsentanzen Google in Washington, Brüssel und Berlin unterhält, um von dort aus politische Lobbyarbeit zu machen – dafür haben wir bezeichnende Beispiele gefunden.

Und was ist mit dem neuen Namen Alphabet – setzt der sich durch?

Alexander Poel: Die Suchmaschine ist das Wichtigste – mit Google verdient die Holding Alphabet ihr Geld. Bis heute ist nur die Suchmaschinenwerbung auf Google wirklich profitabel und keines der anderen Projekte. Wir haben bei unseren Recherchen nicht wahrnehmen können, dass der Name Alphabet den Namen Google verdrängen könnte.

Auf die Kurzformel gebracht: Warum sollten die Zuschauer am 4. Januar 2016, 19.25 Uhr Ihre Dokumentation "Weltmacht Google" einschalten …

Eike Petering: … weil man darin erfährt, warum man sich ein paar Gedanken machen sollte, wenn man Google verwendet, und dass es sich zudem lohnt, über Alternativen nachzudenken, die es auch gibt.

Alexander Poel: … weil es sehr sehenswert ist, sich über die Vielzahl der Lebensbereiche zu informieren, in die Google mittlerweile vorgedrungen ist.

Mit Eike Petering und Alexander Poel sprach Thomas Hagedorn.

Biografische Angaben zu den Filmautoren

Eike Petering, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2007 im ZDF-Landesstudio Bayern. Der Diplom-Journalist war zuvor für den Bayerischen Rundfunk, den Westdeutschen Rundfunk und die Financial Times Deutschland tätig. Er ist Co-Autor des Buches "101 Haudegen der deutschen Wirtschaft". Für ZDFinfo realisierte er zuletzt die Dokumentation "Der vergessene Völkermord – Das Schicksal der Armenier".

Alexander Poel, Jahrgang 1976, ist seit 2011 als Reporter im ZDF-Landesstudio Bayern tätig. Der Volkswirt war zuvor Redakteur beim Handelsblatt und arbeitete sechs Jahre lang als Redakteur für Phoenix, den Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF.

Wissenswertes über "WISO" und "WISO"-Dokumentationen

Das Wirtschafts- und Verbrauchermagazin "WISO" bietet jeden Montag um 19.25 Uhr 45 Minuten Service und Verbraucherinformationen. Das Magazin stellt die Auswirkungen politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen für die Verbraucher verständlich dar und gibt konkrete und umsetzbare Tipps. Mit dem Test von Produkten und Dienstleistungen deckt es außerdem regelmäßig Missstände auf.

Seit 2011 ist Martin Leutke als Redaktionsleiter und Moderator von "WISO" im Einsatz. Seit 2014 ist zudem Sarah Tacke als "WISO"-Moderatorin aktiv.

"WISO startete am 3. Januar 1984 als Nachfolgesendung von "Bilanz" und wird heute live, aber nicht mehr vor Studiopublikum produziert. Eine "WISO"-Sendung kostet zirka 105.000 Euro.

Ergänzend zu den Magazin-Ausgaben realisiert die Redaktion auch "WISO"-Dokumentationen. Zuletzt waren am 10. und 17. August 2015 die "WISO"-Dokumentationen "Kein Anschluss unter dieser Nummer – Ärger mit Telekom & Co." sowie "Abzocke in Deutschland – Kartelle auf Kosten der Kunden" zu sehen. 

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