Copyright: ZDF/Jule Roehr
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XY-Preis 2020 – Gemeinsam gegen das Verbrechen

19. Verleihung, live in "Aktenzeichen XY… ungelöst"

Als Auszeichnung für mutiges und couragiertes Handeln wird der diesjährige XY-Preis aufgrund der Corona-Bedingungen erstmals im Rahmen der Live-Sendung "Aktenzeichen XY… ungelöst", Mittwoch, 18. November 2020, 20.15 Uhr, im Studio vergeben. Bundesinnenminister und Schirmherr Horst Seehofer ehrt die Helden des Alltags in einer persönlichen Videobotschaft, die Preisträgerinnen und Preisträger werden in der Sendung zugeschaltet.

  • ZDF, Mittwoch, 18. November 2020, 20.15 Uhr

    Texte

    Statement des Schirmherrn
    Bundesinnenminister Horst Seehofer

    "Alle Preisträger zeichnet eines aus: Ihnen war das Schicksal anderer Menschen nicht gleichgültig. […] Sie haben Verantwortung übernommen. Und von dieser Verantwortung lebt unsere ganze Gemeinschaft."

    Statement von ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler

    "Die Preisträgerinnen und Preisträger sind Vorbilder für Solidarität und Zivilcourage. Beides sind essenzielle Grundpfeiler unserer demokratischen Gemeinschaft und wichtiger denn je. Gerade in einer Zeit mit schwerwiegenden Folgen einer Pandemie ist es uns ein Anliegen, eine breite Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen und dieses couragierte, direkte sowie besonnene Helfen mit dem XY-Preis zu würdigen".

    "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen"
    19. Verleihung

    Umsicht, Besonnenheit und Nachahmbarkeit sind drei wesentliche Verhaltensweisen, nach denen die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger wohlüberlegt im Kampf gegen Kriminalität für ihre Mitmenschen gehandelt haben: Finja Klenz und ihr Sohn Luca Höppner retteten einer Frau bei einem Stalker-Angriff das Leben, Thomas Schmitt stoppte einen brutalen Serienvergewaltiger und Alexander Kernstock verhinderte einen schweren Kindesmissbrauch. Sie sind leuchtende Beispiele für couragiertes Einschreiten und setzen ein Zeichen für Zivilcourage.

    Opferschutz ist seit Beginn der Fahndungssendung "Aktenzeichen XY… ungelöst" ein wichtiges Kernziel des Formats. So riefen im Jahr 2002 das ZDF und die "Aktenzeichen XY… ungelöst"-Produktionsfirma Securitel den "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen" ins Leben, mit der gesellschaftlichen Funktion, vorbildliches Verhalten von Mitbürgern öffentlich zu machen und zu fördern. Die Auszeichnung steht unter der Schirmherrschaft des Bundesinnenministers und ehrt drei Personen oder Gruppen. Ausgewählt werden die Helden des Alltags von einer elfköpfigen Fachjury. Als fester Bestandteil der Fahndungssendung leistet die Auszeichnung, die mit jeweils 10.000 Euro dotiert ist, auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur Kriminalprävention.

    Bundesinnenminister Horst Seehofer ehrt die Preisträgerinnen und Preisträger in einer persönlichen Videobotschaft im Rahmen der "Aktenzeichen XY… ungelöst" Sendung am Mittwoch, 18. November 2020, 20.15 Uhr. Im Anschluss sprechen sie mit Rudi Cerne in dieser Sendung über ihr vorbildliches Handeln.

    Die Jurymitglieder

    Martin Groß (Juryvorsitzender)
    Geschäftsführer der XY-Produktionsfirma Securitel

    Ina-Maria Reize-Wildemann
    Redaktionsleiterin Redaktion Eduard Zimmermann –
    DKF Deutsche Kriminalfachredaktion GmbH

    Nadja Grünewald-Kalkofen
    ZDF-Redakteurin "Aktenzeichen XY… ungelöst"

    Jörg Langner
    BKA Wiesbaden

    Walter Thurner
    Bund Deutscher Kriminalbeamter

    Rainer Pechtold
    Gewerkschaft der Polizei, München

    Rainer Wendt
    Deutsche Polizeigewerkschaft

    Andreas Mayer
    Deutscher Präventionstag

    Eva-Maria Eschbach
    Weißer Ring e.V.

    Harald Schmidt
    ProPK Baden-Württemberg

    Horst W. Bichl
    International Police Association (IPA)

    Die Preisträgerinnen und Preisträger 2020
          Alexander Kernstock (37) aus der Nähe von Schwäbisch-Hall

    Der Fall

    Alexander Kernstock (37) betreibt in der Nähe von Schwäbisch-Hall einen Zimmermannsbetrieb. Ein paar hundert Meter von seinem Büro entfernt gibt es im Gewerbegebiet eine Sozialunterkunft, in der etwa zehn Personen leben – darunter auch ein deutscher Obdachloser. "Mit dem Mann hatten wir schon mal Probleme. Einmal hatte er einen Hund dabei, vor dem meine Tochter riesige Angst hatte, und den er nicht im Griff hatte, ein anderes Mal hat er hinter meiner Frau hergepöbelt – ich sagte ihm dann deutlich, dass er meine Familie in Ruhe lassen soll."

    Am 6. Dezember 2019 trinkt Alexander Kernstock gegen Mittag im Büro einen Kaffee mit seinem Schwager. "Durchs Fenster sah ich den Mann die Straße entlanggehen, an der Hand ein kleines Mädchen (6) mit einem Schulranzen. Das kam mir seltsam vor." Alexander Kernstock geht nach draußen und beobachtet die Situation. "Das Mädchen hat sich beim Gehen kurz umgedreht – das hat mich darin bestärkt, dass es nicht zu dem Mann gehört".
    Alexander Kernstock und ein Schwager sehen, dass der Mann und das Mädchen zu seiner Unterkunft in einem Container gehen. "Ich habe kurz meine Frau angerufen, und sie hat uns bestätigt, dass in den Containern eigentlich keine Familien mit Kindern untergebracht sind. Mein Schwager und ich haben kurz überlegt, hinterherzulaufen. Aber was hätten wir dann tun sollen? Wir konnten ja nicht einfach in den Container stürmen." Stattdessen beschließen die Männer, die Polizei anzurufen. Kurze Zeit später trifft eine Polizeistreife ein. Im Zimmer des Mannes entdecken die Beamten das verängstigte Mädchen. Der 65-Jährige ist bereits entkleidet. "Ein schwerer sexueller Missbrauch konnte jedoch vermutlich in allerletzter Sekunde verhindert werden", so die Polizei Aalen.

    Wie sich herausstellt, hatte der Mann die Erstklässlerin schon tags zuvor auf dem Heimweg von der Schule angesprochen und ihr versprochen, ihr Tiere zu zeigen, wenn sie am nächsten Tag mit zu ihm komme. Als die Sechsjährige am Tattag nicht zum Mittagessen nach Hause kam, suchten die Eltern in Panik den Ort ab, bis der Anruf der Polizei kam. Soweit Alexander Kernstock gehört hat, waren der Mann und das Kind unterwegs noch anderen Zeugen aufgefallen, doch die meisten glaubten, der Mann sei der Opa des Mädchens. Der Täter kommt in Untersuchungshaft und wird im Juli 2020 zu zwei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Alle Prozessbeteiligten sind sich nach Mitteilung der Polizei einig, "dass es ohne den aufmerksamen Zeugen Alexander Kernstock zu einem wesentlich schlimmeren Verlauf der Tat gekommen wäre".

     

    Begründung der Jury:

    Alexander Kernstock hat mit besonderer Sensibilität und Besonnenheit den sexuellen Missbrauch an einem sechs Jahre alten Mädchen verhindert. Beim beiläufigen Blick aus dem Fenster nahm er eine Unstimmigkeit wahr: ein ihm flüchtig bekannter 65-jähriger Mann mit problematischer Persönlichkeit in Begleitung eines Schulkindes. Alexander Kernstock folgte seiner Intuition, unterbrach seine Arbeit und beobachtete die Situation genau. Schließlich fühlte er sich in seiner Befürchtung bestätigt, entschied sich jedoch, die Sache nicht selbst in die Hand zu nehmen. Stattdessen alarmierte er die Polizei. So sorgte er dafür, dass der Täter noch zu Beginn der Tatausführung gestoppt und festgenommen werden konnte. Die Jury hält Alexander Kernstock für einen vorbildhaften Menschen von außerordentlicher Zivilcourage.

     

    "Ich hoffe, dass durch die Öffentlichkeit immer mehr Menschen angeregt werden, aufmerksam zu sein"
    Interview mit Alexander Kernstock

    Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen? Was ging Ihnen durch den Kopf?

    Ich kannte den Mann schon vom Sehen, er lebte in einer Sozialunterkunft nicht weit von meinem Betrieb entfernt. Er war uns schon negativ aufgefallen, unter anderem weil er meine Frau angepöbelt hat. Dass er ein kleines Mädchen an der Hand hatte, kam mir sehr seltsam vor. Aber natürlich möchte man niemanden falsch beschuldigen. Ich habe mich zuerst bei meiner Frau rückversichert, die mir bestätigte, dass in der Unterkunft eigentlich keine Familien mit Kindern wohnen. Daraufhin habe ich bei der Polizei angerufen und ihnen die Situation geschildert.

    Gab es in Ihrer Umgebung noch andere Menschen, die hätten eingreifen können?

    Es waren einige Leute unterwegs, in der Nähe befindet sich ein Supermarkt, und das Gewerbegebiet ist relativ belebt. Deshalb haben sicher mehrere Menschen den Mann und das Mädchen gesehen, aber ohne Vorwissen fand niemand die Situation ungewöhnlich.

    Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu der Familie des Mädchens?

    Allerdings! Wir haben fast täglich Kontakt miteinander.

    Wie stufen Sie heute ihr Handeln ein?

    Ich bin sehr, sehr froh, so gehandelt zu haben. Meine Familie und ich sprechen oft darüber, was passiert wäre, wenn ich nicht eingegriffen hätte. Ich würde auf jeden Fall wieder genauso reagieren und bin froh, dass die Polizei meinen Anruf ernst genommen und direkt etwas unternommen hat.

    Aufgrund der Corona-Lage findet die Preisverleihung in Berlin diesmal nicht statt. Aber Sie werden bei "Aktenzeichen XY… ungelöst" am 18. November live in die Sendung geschaltet. Freuen Sie sich darauf? Und wissen Sie schon, was Sie mit den 10.000 Euro machen wollen?

    Ich freue mich natürlich sehr, diesen Preis zu bekommen und bin gespannt, was auf mich zukommen wird. Auch in unserem kleinen Ort wird viel über den Vorfall gesprochen, und ich hoffe, dass durch die Öffentlichkeit immer mehr Menschen angeregt werden, aufmerksam zu sein und auch einzugreifen. Und da wir zurzeit ein Haus bauen, werden wir das Preisgeld natürlich dafür verwenden.

          Luca Höppner (20) und seine Mutter Finja Klenz (42) aus Groß Kummerfeld

    Der Fall

    Der Schüler Luca Höppner (damals 18) fährt mit seiner Mutter Finja Klenz zum Supermarkt, hat aber keine Lust einkaufen zu gehen. Er bleibt deshalb im Auto sitzen und hört laut Musik, während seine Mutter hineingeht. Kurz darauf kommt eine Frau (57) aus dem Laden und will zu ihrem Auto, das knapp 20 Meter von Luca entfernt steht. Plötzlich stellt sich ihr ihr früherer Lebensgefährte in den Weg, der auf sie gewartet hat. Der 59-Jährige ist Alkoholiker und stark angetrunken. Seit über einem Jahr stalkt er seine Ex-Freundin, deshalb hat sie kurz zuvor per Einstweiliger Verfügung ein Annäherungsverbot erwirkt. Der Mann beleidigt die Frau, und mit den Worten "Jetzt mach ich dich fertig, jetzt bist du tot!" zieht er eine Art Dolch. Als sie sich in Sicherheit bringen will, packt er sie an den Haaren und sticht ihr in den Hals. Von den Schreien wird Luca aufmerksam. "Ich konnte nicht richtig sehen, was los ist, habe aber gemerkt, dass es ernst ist. Mein Handy hatte nur noch ein Prozent Akkuladung, ich habe sofort die Polizei angerufen und gehofft, dass es durchhält." Noch während Luca der Polizei in kurzen Worten schildert, was passiert, springt er aus dem Auto und schreit den Mann an. "Ich bin auf ihn zu, habe das Blut gesehen und gebrüllt: Hör auf, geh weg von der Frau weg, verpiss dich!". Luca kann zu dem Täter durchdringen, der bereits mehrfach Mal zugestochen hat, ihn jetzt aber wie in Trance ansieht und von seinem Opfer ablässt. Der Angreifer geht nun langsam davon, in Richtung eines Brachgeländes. Sein Messer verbiegt er und wirft es weg.

    Auch Luca Höppners Mutter hat die Tat mitbekommen: Als sie aus dem Geschäft zurückkam, hörte sie die Schreie ihres Sohnes und sah die blutende Frau im Kampf mit dem Angreifer. Finja Klenz rannte zurück in den Laden. "Ich habe gebrüllt, dass draußen männliche Unterstützung gebraucht wird, aber nur einer von vielen Kunden ist mit nach draußen". Begleitet von diesem Kunden folgt Luca Höppner dem nun unbewaffneten Täter, der schließlich stehen bleibt und regungslos auf das Eintreffen der Polizei wartet. Finja Klenz kümmert sich mit einer Verkäuferin um das schwerverletzte Opfer.

    Der Täter wird wegen versuchten Totschlags zu vier Jahren und zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Vor Gericht bedankt sich der Täter ausdrücklich bei Luca, dass dieser ihn daran gehindert habe, zum Mörder zu werden. Mit dem Opfer sind Luca und seine Familie seitdem befreundet.

     

    Begründung der Jury:

    Luca Höppner und Finja Klenz haben in besonderer Weise Zivilcourage bewiesen, als sie am helllichten Tag Zeugen einer brutalen Gewalttat wurden. Der 18-jährige Schüler Luca Höppner reagierte spontan und umsichtig. Er alarmierte mit seinem Handy unverzüglich die Polizei und versuchte zeitgleich, die Aufmerksamkeit des bewaffneten Angreifers auf sich zu lenken. Ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, machte sich der 18-Jährige lautstark bemerkbar und forderte den Angreifer beharrlich auf, von seinem Opfer abzulassen. Mit Erfolg: Luca Höppner gelang es, zu dem stark alkoholisierten Täter durchzudringen und ihn zum Einlenken zu bewegen. Seine Mutter Finja Klenz hatte die Situation ebenfalls sofort erfasst und umgehend versucht, Hilfe zu organisieren. Während ihr Sohn und ein weiterer Mann dem Täter in sicherem Abstand folgten, bis dieser von der Polizei festgenommen werden konnte, leistete Finja Klenz bei dem Opfer Erste Hilfe. Nur dank des sofortigen und umsichtigen Eingreifens von Mutter und Sohn konnte das Schlimmste verhindert werden. Die Jury ist der Meinung, Luca Höppner und Finja Klenz haben im Sinne des XY-Preises vorbildlich gehandelt.

     

    "Zivilcourage zeigen kann im Grunde jeder, in dem er nicht wegschaut"
    Interview mit Luca Höppner und Finja Klenz

    Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen? Was ging Ihnen durch den Kopf?

    Finja: Als ich mit meinem Einkauf aus dem Laden gekommen bin, habe ich laute Schreie meines Sohnes Luca gehört, der mitten auf dem Parkplatz stand – Luca hatte dabei sein Handy am Ohr, ging immer wieder einen Schritt auf einen Mann zu und schrie diesen laut an. Im ersten Moment war ich sehr erschrocken und konnte die Situation nicht richtig einordnen. Ich fragte Luca, was los sei. Luca antwortete, dass der Mann mit einem Messer auf die Frau eingestochen hatte und er bereits die Polizei verständigt hat. Mein erster Gedanke war, ob ich gerade Teil eines schlechten Films war ... aber dann nahm ich die Frau und das Blut wahr und mir wurde klar, dass es Realität war. Für einen kurzen Moment war ich unsicher, was ich tun sollte, habe dann aber einfach gehandelt. Ich rief Luca zu, er solle dort bleiben und auf keinen Fall dazwischen gehen. Ich ließ meine Einkäufe fallen und lief zurück in den Discounter, um Hilfe zu holen.

    Luca: Ich wollte im Auto warten. Im Augenwinkel habe ich dann in einer Entfernung von circa 20 Metern wahrgenommen, wie ein Mann auf eine Frau losging und hektische Bewegungen gemacht hat. Dass es sich dabei um ein Messer handelte, konnte ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht richtig erkennen – mein erster Gedanke war nur, dass da gerade etwas ganz Schreckliches passiert und dass ich der Frau unbedingt helfen muss. Ich bin sofort aus dem Auto raus, habe die Polizei verständigt und bei meinem Eingreifen auch immer am Telefon gehabt. Ich habe mich auf den Mann zubewegt und ihn immer wieder laut angeschrien. Glücklicherweise konnte ich so seine Aufmerksamkeit auf mich lenken, sodass der Täter von der Frau abließ.

    Hatten Sie keine Angst vor dem Angreifer?

    Finja: Nicht direkt, weil ich genügend Abstand hatte. Ich hatte vielmehr Angst um Luca und da ich die Situation nicht richtig einschätzen konnte, war ich mir auch nicht sicher, ob der Täter vielleicht Luca mit dem Messer attackieren könnte.

    Luca: In dem Moment habe ich daran gar nicht gedacht. Für mich war nur wichtig, der Frau zu helfen.

    Gab es in Ihrer Umgebung noch andere Menschen, die hätten eingreifen können?

    Finja: Im Discounter stand eine längere Schlange mit Kunden an der Kasse. Ich schrie laut, dass eine Frau auf dem Parkplatz mit einem Messer abgestochen wurde und wir unbedingt Hilfe brauchen. Mich schauten viele mit großen Augen an und nur ein einziger Mann ließ alles stehen und ist mit mir nach draußen gelaufen. Später kam noch eine Angestellte aus dem Discounter hinzu und kümmerte sich mit mir zusammen um das Opfer.

    Luca: Es gab genug Leute, die auf dem Parkplatz waren, die hätten eingreifen oder helfen können. Im Endeffekt haben nur meine Mutter, ein anderer Mann und ich eingegriffen.

    Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu der Frau?

    Finja und Luca: Wir haben bis heute einen guten Kontakt zu der Frau.

    Wie denken Sie im Nachhinein über ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

    Finja: Im Grunde handelt man im Affekt. Ich war überrascht und gleichermaßen beeindruckt, dass Luca mit seinen damals 18 Jahren in der Situation richtig gehandelt hat – was uns bei der Anhörung auch seitens der Kripo nochmal gesagt wurde: Polizei verständigt, Abstand halten, Täter durch lautes Anschreien vom Opfer abhalten, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Erschrocken war ich im Nachhinein, dass uns nur eine einzige Person zu Hilfe geeilt ist. Seit dem Vorfall gehe ich deutlich wachsamer durchs Leben, weil mir klar wurde, dass Verbrechen leider zu jeder Tag- und Nachtzeit und auch an jedem Ort geschehen können. Und ja – ich würde immer wieder so handeln, weil es für uns selbstverständlich war. Allerdings scheint es leider nicht selbstverständlich zu sein. Zivilcourage zeigen kann im Grunde jeder, in dem er nicht wegschaut.

    Luca: Ich bin bis heute froh, dass wir eingegriffen haben und dadurch Schlimmeres verhindern konnten. Ich würde zu jeder Zeit wieder so handeln, denn genau das würde ich von jedem anderen erwarten, wenn ich mal in so einer Situation sein sollte. Der Vorfall hat mich außerdem nochmal in meinem Wunsch bestärkt, Polizist zu werden. Ich hatte den Einstellungstest bei der Polizei in Schleswig-Holstein bereits bestanden, doch eine ältere Knieverletzung hat leider dafür gesorgt, dass ich nicht zum ärztlichen Test eingeladen wurde. Ich möchte den Traum, Polizist zu werden, aber noch nicht aufgeben.

    Aufgrund der Corona-Lage findet die Preisverleihung in Berlin diesmal nicht statt. Aber Sie werden bei "Aktenzeichen XY… ungelöst" am 18. November live in die Sendung geschaltet. Freuen Sie sich darauf?

    Finja und Luca: Wir können es immer noch nicht recht glauben, dass wir zu den diesjährigen Preisträgern gehören. Wir fühlen uns sehr geehrt und sind sehr aufgeregt, live ins Studio geschaltet zu werden.

          Thomas Schmitt (28) aus Pommersfelden-Steppach

    Der Fall

    Am frühen Nachmittag kommt eine Schülerin mit dem Zug in einem kleinen Ort bei Forchheim an und will zu Fuß nach Hause gehen. Der Bahnhof liegt außerhalb – um in den Ort zu gelangen, muss sie mehrere hundert Meter bergab über eine Landstraße an dichtbewachsenen Feldern vorbeigehen. Unvermittelt wird die 17-Jährige von hinten von einem Mann angegriffen und in einen von hohem Gras verborgenen Graben gezerrt. Dort will er sie vergewaltigen. Sie wehrt sich und schreit verzweifelt nach Hilfe.

    In diesem Moment fährt der Handwerker und Lkw-Fahrer Thomas Schmitt mit seinem Auto vorbei, er ist auf dem Weg zu seinen Eltern. "Zum Glück war es an dem Tag sehr warm, so dass ich die Fenster unten hatte, zudem war ich gerade dabei, die Musik zu wechseln – sonst hätte ich die Schreie womöglich nicht gehört", sagt er. Wegen des hohen Grases kann Thomas Schmitt nichts sehen und auch nicht zuordnen, woher die Schreie gekommen sind. Doch die Sache lässt ihm keine Ruhe. Er wendet bei der nächsten Gelegenheit und fahrt den Weg mehrfach langsam ab, immer auf der Suche nach einem Hinweis. Den Täter kann er so zur Flucht veranlassen. "Plötzlich stand ein Mann auf und lief an meinem Auto vorbei in Richtung Bahnhof. Dann kam eine junge Frau aus dem Graben gekrochen, sie weinte heftig. Sofort kümmert sich Thomas Schmitt um das Opfer und ruft mit dem Handy die Polizei an, dabei behält er den flüchtenden Täter weiter im Blick. "Er ist in Richtung Bahnhof gelaufen. Ich habe der Polizei den Mann beschrieben und mitgeteilt, wo er sich aufhält". Nach wenigen Minuten treffen zwei Streifenwagen und ein Notarzt ein. Die Polizei kann den Täter, der noch zu flüchten versucht, festnehmen. Es handelt sich um einen 26 Jahre alten Mann aus Tunesien, der sich als Syrer ausgegeben hatte, um in Deutschland Asyl zu beantragen. Ein DNA-Abgleich beweist, dass er bereits 2015 innerhalb von zwei Tagen eine 16-Jährige an einem Bahnhof vergewaltigt und zudem versucht hatte, eine 20-Jährige brutal zu vergewaltigen. Die Taten fanden in unterschiedlichen Landkreisen statt, alle Opfer durchlitten Todesängste.

    Der Täter wird zu neun Jahren Haft verurteilt, seine Unterbringung in der Sicherungsverwahrung bleibt laut Urteil vorbehalten. Thomas Schmitt, der durch seine Aufmerksamkeit die junge Frau gerettet und die Vergewaltigungsserie gestoppt hat, wird später durch den oberfränkischen Polizeipräsidenten Reinhard Kunkel geehrt.

     

    Begründung der Jury:

    Thomas Schmitt hat dank seiner besonderen Aufmerksamkeit und Hartnäckigkeit die Vergewaltigung einer 17-jährigen Schülerin verhindert und die Festnahme eines gefährlichen Serientäters ermöglicht. Aus dem fahrenden Auto heraus nahm er unterdrückte Schreie wahr. Beharrlich versuchte er, die Ursache dafür zu ergründen und fuhr die betreffende Stelle mehrfach ab. Dadurch veranlasste er den Täter, von seinem Opfer abzulassen und die Flucht zu ergreifen. Thomas Schmitt erfasste sofort die Situation und blieb bei der verängstigten Jugendlichen. Über Handy alarmierte er die Polizei. Den flüchtenden Täter behielt er weiter im Blick und konnte so der Polizei wichtige Informationen übermitteln, die zur Festnahme eines in mehreren Landkreisen gesuchten Sexualstraftäters führten. Thomas Schmitt hat nicht nur ein furchtbares Verbrechen verhindert, sondern auch nachhaltig zum Fahndungserfolg beigetragen und mögliche Folgetaten durch sein überlegtes Handeln unterbunden. Die Jury spricht Thomas Schmitt ihren größten Respekt aus.

     

    "Ich würde jederzeit wieder so handeln"
    Interview mit Thomas Schmitt

    Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen? Was ging Ihnen durch den Kopf?

    Ich fuhr mit dem Auto über eine Brücke, als ich durchs geöffnete Fenster Hilfeschreie hörte. Allerdings war nichts zu sehen. Ich habe dann nochmal gewendet und bin zurückgefahren, doch es war immer noch nichts zu sehen. Plötzlich kam ein Mann aus dem Graben am Straßenrand gesprungen, kurz danach eine junge Frau. Man sah sofort, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Ich habe angehalten und gefragt, was los sei. Die Frau sagte, der Mann habe versucht, sie zu vergewaltigen. Der Mann hat wohl nur die Flucht ergriffen, weil ich noch einmal an der Stelle vorbeigefahren bin.

    Gab es in Ihrer Umgebung noch andere Menschen, die hätten eingreifen können?

    Einige Fahrradfahrer sind an der Stelle vorbeigefahren, die nicht nur die Schreie hätten hören müssen, sondern vermutlich vom Fahrrad aus auch in den Graben schauen konnten. Es hat allerdings niemand eingegriffen.

    Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu der Frau?

    Ja. Sie hat sich bei mir bedankt und mir eine Kleinigkeit geschenkt. Wir haben auch jetzt noch ab und zu Kontakt und erkundigen uns, wie es dem anderen geht.

    Wie denken Sie im Nachhinein über ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

    Ja, auf jeden Fall. Ich würde jederzeit wieder genau so handeln.

    Aufgrund der Corona-Lage findet die Preisverleihung in Berlin diesmal nicht statt. Aber Sie werden bei „Aktenzeichen XY… ungelöst“ am 18. November live in die Sendung geschaltet. Freuen Sie sich darauf? Und wissen Sie schon, was Sie mit den 10.000 Euro machen wollen?

    Ja, ich freue mich sehr auf den XY-Preis. Ich bin Lkw-Fahrer und zurzeit ist durch Corona sehr viel zu tun, da wir Supermärkte beliefern. Da bin ich sehr froh über ein bisschen Abwechslung. Natürlich freue ich mich auch sehr über den Preis und die Ehrung. Wofür ich das Preisgeld verwenden werde, habe ich noch nicht entschieden.

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