ZDFzeit: Die Suche nach den verlorenen Söhnen

100 Jahre Erster Weltkrieg

100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs spürt die Dokumentation dem Schicksal junger Menschen nach, die zwischen 1914 bis 1918 das Grauen der Schlachtfelder erleben und von denen viele nicht zurückkehren. Ausgangspunkt sind bewegende Funde auf einem Schlachtfeld im Elsass und die Entdeckung einer außergewöhnlichen Sammlung von Unterlagen über ein rheinisch-westfälisches Regiment, darunter Hunderte von Glasplattenfotos.  

Foto: Blick in die Gesichter der Kameraden. - Der Erste Weltkrieg war der erste Krieg, den die Soldaten selbst fotografisch dokumentieren konnten.

  • ZDF, Dienstag, 26. August 2014, 20.15 Uhr

Texte

100 Jahre Erster Weltkrieg
von Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

Das Säbelrasseln unter Europas Mächten hatte Tradition. Krieg galt als ultimatives Mittel der Politik und die Rüstungsspirale drehte sich immer schneller. Ein Kräftemessen lag in der Luft. Doch die Eskalation war nicht zwangsläufig. Dann fielen die Schüsse von Sarajevo.

Pulverfass Europas
Im Sommer 1914 löste das Attentat von Sarajevo eine fatale Kettenreaktion aus, es brachte das Pulverfass Europas zur Explosion. Der Konflikt um den Balkan führte in den ersten Weltenbrand des 20. Jahrhunderts. Die europäischen Mächte rechneten längst mit einem Kräftemessen und verhinderten nicht, dass ihre Rivalität militärisch eskalierte. Alle fühlten sich als Angegriffene, keiner als Angreifer. Wie in Berlin begrüßten auch viele Menschen in Wien, Paris und London den Ausbruch des Krieges, von dem noch niemand ahnte, wie mörderisch er wirklich werden würde – und dass er das Ende des alten Europa bedeutete.

Ein anderer Krieg
Der Weltenbrand begann mit dem Angriff der deutschen Armee im Westen, zunächst noch eher traditionell mit Zangenbewegungen großer Truppenteile, doch dann wendete sich das Blatt. Die anfänglichen Sturmläufe mit "Hurra"-Geschrei, die an die Schlachten des 19. Jahrhunderts erinnerten, erstarben in der Feuerkraft moderner Waffen. Kaum jemand hatte zu Beginn der Kämpfe vorausgesehen, wie verheerend sich technische Erfindungen auf die Kriegsführung auswirken würden, dass das Maschinengewehr und schwere Artillerie in wenigen Stunden ganze Truppenteile auslöschen konnten.

Das große Sterben
Noch heute wirken die historischen Kriegsschauplätze beklemmend, die Spuren der Schlachten lassen nur erahnen, welches Inferno dort meist junge Soldaten vor hundert Jahren durchleiden mussten, welchem apokalyptischen Feuer sie in den Laufgräben, geborstenen Festungen und Stellungen ausgesetzt waren. Feldpostbriefe und Tagebucheintragungen aus vielen Ländern sind bewegende Zeugnisse, die erspüren lassen, was Millionen von Soldaten auf den Schlachtfeldern erlebten, sie zeigen aber auch, mit welchem Pathos das große Sterben begann, bevor der Krieg fast eine ganze Generation in seinen tödlichen Strudel riss und zahllose Menschen traumatisierte.

Die Schuldfrage
Die Aussicht auf den 100. Jahrestag hat viele Historiker motiviert, neueste Forschungen zum Ersten Weltkrieg publik zu machen. Der Verlauf des Weltenbrandes steht dabei weniger im Fokus des Interesses als seine Vorgeschichte. Die alte neue Frage lautet: Wer war schuld an der Katastrophe? In den vergangenen Jahrzenten war noch wenig strittig, dass das Wilhelminische Reich letztlich die Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges trug. Doch relativieren neuere Forschungen jede einseitige Sicht. Christopher Clarks Studie "Die Schlafwandler" heizt die Debatte darüber an, ob nicht alle beteiligten Mächte in völliger Verkennung der Risiken gemeinsam in die Katastrophe taumelten. Die Auseinandersetzung darüber hat gerade erst begonnen.

Die Urkatastrophe
Unstrittig ist: Dieser Krieg war ein totaler Krieg, der zahllose Menschenleben an der Front und in der Heimat auslöschte. Es war kein Krieg der Dynastien mehr, es war ein Krieg der Völker, eine Mobilmachung von Massen für ein bis dahin nicht gekanntes Schlachten. Entsprechend hoch sind die Verluste: etwa 10 Millionen gefallene Soldaten, unzählige Verwundete, außerdem Millionen ziviler Opfer an verschiedenen Schauplätzen der Welt. Dazu kam die Verwüstung ganzer Landstriche, die Vernichtung gigantischer Ressourcen. Und der Krieg stellte Weichen, drückte Europas Zukunft seinen Stempel auf. Wären die Oktoberrevolution in Russland und Hitlers Aufstieg, die Menschen verachtenden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts ohne den gewaltsamen Epochenbruch im frühen 20. Jahrhundert möglich gewesen? Barg der Erste Weltkrieg nicht den Keim zum Zweiten? Es gibt viele Gründe, an das Geschehen vor 100 Jahren zu erinnern, und nicht nur aus historischer Perspektive. Das Geschehen damals ist ein zeitloser Beleg dafür, wie aus einem scheinbar regionalen Krisenherd einen Weltkonflikt entstehen kann.

Stab

Dienstag, 26. August 2014, 20.15 Uhr

ZDFzeit
Die Suche nach den verlorenen Söhnen
100 Jahre Erster Weltkrieg

 

Autoren                                    Alexander Berkel und Annette von der Heyde
Leitung                      Stefan Brauburger
Wissenschaftliche Fachberatung          Prof. Dr. Sönke Neitzel
Kamera                         Anthony R. Miller, Christian Baumann
Schnitt                             Wolfgang Daut
Sprecher                            Benjamin Völz
Tonmischung                      Bruno Hebestreit
Szenische Rekonstruktion   Loopfilm

Regie/Szena

Kamera/Szene                   

Oliver Halmburger

Tobias Corts

Produktion/Szene               Katharina Kremer, Kai Schäfer
Produktion ZDF                  Carola Ulrich, Svenja Berger
Redaktion                          Stefan Mausbach
Länge                               45 Min.

Inhalt

Der Bauer Hermann Kortüm hat gerade erst geheiratet, als er 1914 in den Krieg ziehen muss. Fortan schreibt er seiner Frau fast jeden Tag. Seine Briefe geben Einblicke in die Gedanken und Gefühle eines einfachen Soldaten. Es sind Fundstücke wie diese, die am Anfang der filmischen Erkundungsreise stehen, bei der sich die Autoren auf eine bewegende Spurensuche begeben: 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs spürt die Dokumentation Etappe für Etappe dem Schicksal von jungen Menschen nach, die 1914 bis 1918 das Grauen der Schlachtfelder erleben und von denen viele nicht zurückkehren. Entscheidende Momente ihres Weges entlang der Front im Westen werden szenisch rekonstruiert und in das historische Geschehen eingebettet.

 Neben Briefen und persönlichen Unterlagen bietet ein besonderer Archivbestand die seltene Chance, den opferreichen Weg jener Kampfeinheit nachzuvollziehen, der auch Hermann Kortüm angehörte. Das deutsche Infanterie-Regiment Nr. 56 steht exemplarisch für über 200 andere vergleichbare Truppenverbände jener Zeit. Eine einmalige Sammlung von Unterlagen und hunderten Glasplattenfotos im Stadtarchiv der ehemals preußischen Garnisonsstadt Wesel wird zum Ausgangspunkt der Spurensuche – auch nach den "verlorenen Söhnen" dieser Stadt.

 Einen besonders beklemmenden Fund machten Schlachtfeld-Archäologen an einer früheren Frontlinie im Elsass. Dort wurden bei Bauarbeiten die sterblichen Überreste von 21 deutschen Soldaten entdeckt, die am 18. März 1918 in einem Stellungssystem verschüttet worden waren. Der Film zeigt, wie französische Archäologen die Toten bergen und die letzten Stunden der Soldaten rekonstruieren. Weitere Recherchen führen zu den Namen der Verschütteten. Nach fast 100 Jahren treffen die Autoren die Nachfahren, für die damit ein trauriges Kapitel ihrer Familienhistorie seinen Abschluss findet.

Außergewöhnliche Entdeckungen bei der Recherche zum Film
von Autor Alexander Berkel

Die Funde in den Archiven von Wesel und Kleve
"Wussten Sie eigentlich, dass wir hunderte Glasplatten-Fotos zum Infanterie-Regiment 56 im Ersten Weltkrieg haben?" Die beiläufige Frage des Weseler Archivleiters machte mich Anfang 2013 hellhörig. Nein, diesen Bestand kannte ich nicht, obwohl ich als lokalgeschichtlich interessierter Historiker und gebürtiger Weseler schon oft Kontakt zum heimatlichen Stadtarchiv gehabt hatte. "Die haben wir jetzt erst einmal sortiert und gescannt. Schauen Sie sich das mal an!" Und dann sah ich sie: Die Motive vom Kriegseinsatz eines einzelnen Regiments, das bis 1914 in der preußischen Garnisonsstadt Wesel am Niederrhein stationiert war. Zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns wäre so etwas interessant für einen Bildband, dachte ich zunächst. Als Dokumentarfilmer war ich skeptisch, schließlich sind für das  Fernsehen bewegte Bilder das Maß aller Dinge. Doch bei der Führung durch den Archivkeller der Weseler Zitadelle zogen die Mitarbeiter einen Pappkarton nach dem anderen aus den Regalen. Offizielle Papiere, persönliche Berichte zum Kriegseinsatz des Regiments, konkrete Namen der Handelnden – besonders bewegend auch ein Album mit hunderten Porträts der gefallenen Regimentsangehörigen. Der Blick in die Gesichter, die Namen, die Geschichten, dazu die Glasplattenfotos, die den Kriegsalltag zeigen – da kam plötzlich einiges zusammen. Die Fäden, die hier lose lagen, könnte man in einem Film zusammenknüpfen, dachte ich. Den Ausschlag gab dann unsere Recherche im benachbarten Stadtarchiv Kleve – auch dort war bis 1914 ein Bataillon des Regiments 56 stationiert. In Kleve wurde der Fotoapparat eines Sanitätsunteroffiziers des IR 56 aus den Archivkellern zu Tage befördert, dazu über 200 seiner Fotos der Jahre 1914 bis 1916 sowie sein Diensttagebuch. Solche Archivalien filmisch zum Leben zu erwecken, zum Sprechen zu bringen  – das schien als Konzept für eine ZDF-Dokumentation zum Ersten Weltkrieg gar nicht mehr so abwegig. Was in Kleve und vor allem in Wesel lag, bot die Möglichkeit, den Weg eines Regiments über die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs bis zur Kapitulation nachzuzeichnen. Damals gehörten die Städte Wesel und Kleve noch zu Preußen. Militär-Unterlagen sind üblicherweise nicht in kommunalen Archiven zu finden, sie wurden dem Stadtarchiv in den 50er Jahren vom "Veteranenverein der 56er" übergeben. Ein Glücksfall, denn die vom Militärarchiv in Potsdam gesammelten Unterlagen über preußische Einheiten zwischen 1914 und 1918 waren 1945 nach einem Luftangriff verbrannt. Dieser Verlust war immens, denn die preußischen Regimenter stellten das Gros der kaiserlichen Armee. Das Weseler Regiment Nr. 56 war nur eines von über 200 aktiven Regimentern zu Kriegsbeginn. Es war nichts Besonderes, aber gerade das machte es typisch. Seine Soldaten kamen aus dem Ruhrgebiet, vom Niederrhein, aus Westfalen – beim Ausrücken waren es über 3.000 Mann. Sie erlebten und erlitten die Schlachten des Ersten Weltkriegs als Schicksalsgemeinschaft. Ihre Geschichte ist exemplarisch; sie spiegelt im Kleinen die "große" Geschichte der Jahre 1914 bis 1918. Am letzten Kampftag, dem 4. November hatte das "Regiment" noch eine Kampfstärke von 2 Offizieren und 26 Mann. Der bislang wenig beachtete Archivbestand wurde von meiner Ko-Autorin Annette von der Heyde und mir systematisch ausgewertet, die losen Fäden konnten zu einer Erzählung verwoben werden. Sie folgt einer überschaubaren Gruppe von Männern durch die Jahre 1914 bis 1918, sie nennt Namen, zeigt Gesichter, rekonstruiert Lebensspuren. Und bringt uns die vermeintlich so ferne Geschichte des Ersten Weltkriegs ganz nahe.

Die Funde auf einem Schlachtfeld im Elsass
Lebensspuren lang vergessener Menschen – davon kündete auch eine Zeitungsseite im "Daily Telegraph" von 2012. Eine Internet-Recherche zum Thema Kriegsarchäologie machte schnell deutlich, dass dieses Thema in Großbritannien mehr Beachtung findet als in Deutschland. Im "Telegraph" fanden sich Fotos von einer beeindruckenden Grabung französischer Archäologen bei Carspach im Elsass. Sie hatten die Körper von 21 deutschen Soldaten freigelegt, die am 18. März 1918 in einem unterirdischen Schutzstollen verschüttet worden waren. "Wenn so etwas gefunden wird, müsste man mit der Kamera dabei sein", seufzte ein ZDF-Kollege. Doch dabei wollten wir es nicht belassen. "Wir rufen die Archäologen an – dann können sie uns alarmieren, wenn ein Fund ansteht. Ins Elsass ist es von Mainz nicht weit", beschlossen wir im Frühjahr 2013. Ein Anruf bei der Archäologie-Behörde im elsässischen Sélestat traf auf freundliche Resonanz. Bei den Archäologen des "Pôle d’Archéologie Interdépartemental Rhénan" (PAIR) wurden wir mit einem deutschen Mitarbeiter verbunden, der uns sofort einlud – gerade gäbe es wieder eine Grabung zum Ersten Weltkrieg. Die brachte nur Holzreste zutage, doch der Besuch erwies sich in anderer Hinsicht als fruchtbar: Man habe bei der Grabung, als die 21 Toten gefunden wurden, stunden- und tagelang professionell filmen lassen, erklärte uns Dr. Felix Fleischer, der deutsche Archäologe in französischen Diensten. Aus dem Material sei damals wenig gemacht worden, wir könnten es gerne nutzen. Nun hatten wir also unser Bildmaterial – und konnten die erste umfassende wissenschaftliche Grabung dokumentieren, die in Frankreich zum Thema "Erster Weltkrieg" durchgeführt worden war. Bis dahin hatte der sogenannte "Kriegsschrott" bei Ausgrabungen als gefährlich, mindestens als lästig gegolten – das Interesse der Archäologen hatte sich auf vorzeitliche, römische oder mittelalterliche Spuren konzentriert. Und die Kriegsgräberfürsorge hatte bei zufälligen Leichenfunden zumeist nur die Knochen eingesammelt, um sie schnell zu bestatten. Im Zuge vermehrter Bautätigkeit – es entstanden TGV-Trassen und Autobahnen in Regionen, die im Ersten Weltkrieg Schlachtfelder waren – wandelte sich die Haltung der französischen Behörden. Inzwischen kann kein lebender Veteran mehr von den Schlachten berichten – die Funde im Boden aber gehören zum Erbe des 20. Jahrhunderts und erzählen Geschichten. Im Fall der 21 toten Deutschen bei Carspach sind es Geschichten vom Sterben – man fand sie so, wie sie vor fast 100 Jahren umkamen, erstarrt im Moment des Todes. "Das ist eine Seltenheit – das findet man nur an Katastrophenorten wie etwa in Pompeji oder Herculaneum. Sonst sind meist spätere Manipulationen, zum Beispiel Begräbnisriten, an den Toten vorgenommen worden", erklärte uns Michael Landolt, der Grabungsleiter. Alles werde akribisch dokumentiert, fotografiert, wissenschaftlich analysiert – das unterscheide eine archäologische Grabung von den üblichen Bergungen der Kriegstoten. Was die Männer bei sich trugen, berührte die Archäologen, weil es nah an der eigenen Lebensrealität ist: Uhren, Brillen, Geldbörsen, Tabakpfeifen, Zahnbürsten und Zahnpasta, Taschenspiegel und Kämme, Talismane und Rosenkränze. Die Archäologen interessierten sich sehr für die Fundzusammenhänge in dem Stollensystem – denn sie verraten viel über das Leben im Schützengraben: Neben Kampf, Tod und Verwundung gab es einen Alltag, in dem die Soldaten sich einrichteten. Ein wichtiges Ziel der Ausgrabungen war es schließlich, das Alter und die Identität der einzelnen Toten zu verifizieren – und ihnen nach der wissenschaftlichen Analyse eine würdige Bestattung auf einem Soldatenfriedhof bei Mühlhausen zu gewähren.

Zwei Wege – ein Ziel
Lassen sich zwei derart verschiedene Erzählstränge miteinander verknüpfen? Nach anfänglichem Zögern konnten wir diese Frage mit einem "Ja" beantworten. Denn der Krieg an der Westfront war geprägt von gemeinsamen Erfahrungen fast aller Soldaten: Vom eingepfercht sein in den Schützengräben, vom Stillstand, der Jahre währte, vom täglichen Sterben aber auch von einem Alltag, in dem man sich einrichten musste. Der unaufhörliche Beschuss trieb die Soldaten unter die Erde – dort fanden sie Schutz, doch bisweilen wurden die Unterstände zu tödlichen Fallen. Von diesem Kriegserlebnis, das stellvertretend für viele steht, berichtet "Die Suche nach den verlorenen Söhnen" – ein Film, der den Blick auf den Einzelnen richtet, um das Schicksal der Vielen anschaulich zu machen. Bewusst führt er zwei unterschiedliche Aspekte der Spurensuche zusammen – und zeigt, dass es sich lohnt, genau hinzuschauen: Denn sowohl die Funde auf den Schlachtfeldern in Frankreich wie in deutschen Archiven können bewegende und verblüffende Geschichten erzählen.

Von Alexander Berkel erscheint Mitte August das Buch:
"Schanzen, warten, sterben – Kriegsalltag eines rheinisch-westfälischen Regiments 1914-1918", Selbstverlag des Stadtarchivs Wesel, Wesel 2014.

Eindrücke von der Begegnung mit Nachfahren von 1. Weltkrieg-Soldaten
von Autorin Annette von der Heyde

Sie hatte den alten Karton auf dem Speicher gefunden: Hunderte von Feldpostbriefen, kaum zu entziffern, in Sütterlin geschrieben von ihrem Ururgroßvater Herrmann Kortüm an seine junge Frau Johanna. Anja Möllmann hat mehr als zwei Wochen gebraucht, um abends nach der Arbeit die schwer lesbare Schrift zu entziffern und abzuschreiben. Ich treffe die junge Architektin in einem Landgasthof in Weselerwald. Sie erzählt temperamentvoll von ihrem Ahnen, als hätte sie ihn noch persönlich kennengelernt: "Er schrieb viel von Gottvertrauen und sorgte sich um seine Familie, er war sehr aufs Geld bedacht, schickte sogar Geld von der Front nach Hause – und er hatte Humor." Der Bauer Herrmann Kortüm war gerade frisch verheiratet, seine Frau schwanger, als er 1914 in den Ersten Weltkrieg ziehen musste. Im Bauernhof Kortüms, in dem Anja Möllmann mit ihren Eltern noch heute wohnt, hat sie ein Foto des jungen  Paares gefunden. Frau Kortüm trägt ihr Hochzeitskleid, schwarz, wie es damals auf dem Land üblich war. Anja Möllmann hat nie daran gedacht, die Briefe ihres Ahnen zu publizieren. Die Beschäftigung damit war ihre Art der Annäherung an die deutsche Geschichte, die zugleich Geschichte ihrer eigenen Familie ist. Erst ein Aufruf in der Zeitung hat sie auf den Gedanken gebracht, mit den Medien Kontakt aufzunehmen. Heinrich Kortüms Briefe sind ein kostbares Zeugnis eines einfachen Soldaten. Kein Wort von Kriegsbegeisterung, wie es die Bürgersöhne der Großstädte in die Welt hinausposaunt haben. Der älteste Sohn auf dem Bauernhof bei Wesel fühlt sich verantwortlich für seine  Familie und hadert damit, dass er nicht bei der Ernte helfen kann. Aus seinen Briefen spricht die Weisheit eines Mannes, der den Tod gesehen hat: "In diesem Krieg haben so viele Millionen Abschied nehmen müssen von ihren Liebsten. Wie viele werden nicht wieder kehren, wer wird sie alle zählen? Ich kann Euch das jetzt schon sagen, dass es nach dem Krieg noch Elend und Jammern gibt in unserem deutschen Vaterland". Die ZDF-Dokumentation rekonstruiert Hermann Kortüms Weg durch den Krieg und zitiert aus seinen Briefen. Anja Möllmanns Fund vom Dachboden wird so zum Ausgangspunkt einer Zeitreise an die Front des Ersten Weltkriegs.

Hannelore Börger stammt aus Aachen und ist Geschichtslehrerin. Die Post von der Kriegsgräberfürsorge mit der Mitteilung, die Überreste ihres 1918 verschütteten Großonkels seien ausgegraben worden, rührte sie. August Hütten, Feldwebel an der Front im Elsaß, war in Familienerzählungen noch immer präsent. Gemütlich sei er gewesen, musikalisch, vielleicht etwas kauzig, erzählt Hannelore Börger uns im Interview. Der Offizier Hütten war im März 1918 nach französischem Granatenbeschuss mit 20 Soldaten in einem unterirdischen Stollen verschüttet worden. Erst bei Bauarbeiten 2012 für eine Autobahn bei Carspach konnten die Männer geborgen werden. Hannelore Börger hat in Familienalben nach Fotos ihres Großonkels gesucht und ist an den Ort seines Todes gereist. Seine Bergung habe ihr erst die Augen geöffnet für die Situation der Soldaten vor Ort, sagt sie. Börger hatte überlegt, ob sie die Gebeine ihres Verwandten in das Familiengrab nach Aachen überführen lassen sollte, doch dann entschied sich die Familie für den Soldatenfriedhof in der Nähe von Carspach. "In dieser Erde ist er besser aufgehoben, da soll er seine letzte Ruhe finden liegen, inmitten seiner Truppe, deren Anführer er war" erklärt sie uns im Interview. Im Film begleiten wir die französischen Archäologen bei den Ausgrabungsarbeiten und rekonstruieren die letzten Sekunden der verschütteten Soldaten.

Information über die Interviewpartner

Anne Bellouin, Jahrgang 1978, ist seit 2008 Direktorin des Museums "Caverne du Dragon". Das Museum südlich von Laon dokumentiert den "unterirdischen Krieg" in den Höhlensystemen am Chemin des Dames und dient als zentrale Gedenkstätte für die Schlachten in dieser Region. Die in Lille geborene Historikerin organisiert als Museumsleiterin in der "Caverne du Dragon" wechselnde Ausstellungen mit internationaler Beteiligung zum Thema Erster Weltkrieg.

 

Markus Klauer, Jahrgang 1962, lebt und arbeitet in Lille, Frankreich. Er hat mehrere "Militärgeschichtliche Reiseführer zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs" sowie Studien zu den Kämpfen bei Verdun publiziert und organsiert als ortskundiger Militärhistoriker Führungen über die Schlachtfelder Nordostfrankreichs.

 

Michael Landolt, Jahrgang 1982, ist Archäologe und arbeitet für die elsässisch-lothringische Archäologiebehörde (Pôle d’Archéologie Interdépartemental Rhénan/PAIR) in Sélestat im Elsass. Er ist Spezialist für die Hallstattzeit und die Frühlatènezeit. Er beschäftigt sich seit einigen Jahren zunehmend mit Grabungen zum Ersten Weltkrieg. Sein Interesse an diesem Konflikt ist auch darauf zurückzuführen, dass die deutsch-französische Geschichte des 20. Jahrhunderts in seiner Familiengeschichte tiefe Spuren hinterlassen hat. Seine Familie stammt aus dem lothringischen Metz, seine Ururgroßväter kämpften 1914 bis 1918 als damals deutsche Bürger in der kaiserlich-deutschen Armee an der Ostfront. Ein Ururgroßonkel starb auf französischer Seite während der deutschen Offensiven 1918. Die Männer der nächsten Generation dienten im Zweiten Weltkrieg in der französischen Armee. Ein Urgroßvater kämpfte später in der Resistance, wurde nach Deutschland deportiert und überlebte die Konzentrationslager Struthof, Dachau und Flossenbürg.

 

Dr. Christian Stachelbeck, Jahrgang 1967, ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Der Historiker und Politologe ist seit 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Zuvor war er Dozent für Militärgeschichte an der Offiziersschule des Heeres in Dresden. Als Soldat im Truppendienst war er unter anderem in Afghanistan stationiert. Sein Forschungsschwerpunkt ist der Erste Weltkrieg, in seiner Studie "Militärische Effektivität im Ersten Weltkrieg" (2010) zeigt er am Beispiel einer bayrischen Division auf, wie sich die Idee der "Menschenführung" während der Jahre 1914 bis 1918 weiterentwickelte und mit welchen Mitteln das deutsche Heer Kampfkraft und Motivation seiner Soldaten zu steigern und zu erhalten suchte.

 

Dr. Alexander Watson, Jahrgang 1979, lehrt zur Zeit Geschichte an der Goldsmiths University of London. Nach seinem Studium arbeite er als Forschungsassistent für Professor Niall Ferguson und schrieb bis 2005 seine Doktorarbeit am Balliol College der Universität Oxford. Seine Forschungen führten ihn für zwei Jahre nach Hamburg, Freiburg und Warschau, danach lehrte er in Cambridge. Sein Spezialgebiet ist die Erforschung der bewaffneten Konflikte des 20. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt Erster Weltkrieg. In seiner Studie "Enduring the Great War. Combat, Morale and Collapse in the German and British Armies, 1914-1918”, die 2008 erschien, untersucht er, wie sich die physischen und psychischen Belastungen auf die Kampfkraft der deutschen und britischen Soldaten des Ersten Weltkriegs auswirkten. 

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