ZDFzoom: Rasen erwünscht

Warum Deutschlands Autofirmen kein Tempolimit wollen

Überhöhte Geschwindigkeit gilt immer noch als häufigste Ursache für Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang. Ein Tempolimit für deutsche Autobahnen und eine reduzierte Höchstgeschwindigkeit auf Bundesstraßen gerät deshalb immer wieder in die Diskussion. Doch Bundesregierung und Automobilbranche sperren sich gegen eine Temporeduzierung. "ZDFzoom" geht der Frage nach, warum Deutschlands Autofirmen kein Tempolimit wollen.

  • ZDF, Mittwoch, 1. Juli 2015, 22.45 Uhr

    Texte

    ZDFzoom: Rasen erwünscht - Warum Deutschlands Autofirmen kein Tempolimit wollen

    Nach Angaben des Deutschen Verkehrssicherheitsrates stirbt alle 157 Minuten ein Mensch an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Häufigste Ursache: nicht angepasste Geschwindigkeit!

    Am gefährlichsten sind dabei die Bundesstraßen, denn dort gibt es die meisten tödlichen Unfälle. Momentan gilt auf den Straßen eine Höchstgeschwindigkeit von Tempo 100. Experten raten jedoch zu einer Verringerung auf Tempo 80.

    Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) lehnt dies jedoch ab. Auch der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) ist gegen eine Temporeduzierung: "Der VDA findet diesen Ansatz nicht überzeugend".

    "ZDFzoom" will wissen: Warum sperren sich Bundesregierung und die Automobilbranche gegen eine Tempobeschränkung? Deutschland zählt zu den wenigen Ländern auf der Welt, wo es auch auf Autobahnen kein Tempolimit gibt, obwohl es Verkehrsexperten seit Jahrzehnten fordern.

    Für den Verband der Automobilindustrie spielen dabei offensichtlich wirtschaftliche Überlegungen mit eine Rolle. So begründet der Verband unter anderem seine Haltung in einem Aufsatz "Fakten gegen ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen" wie folgt: "Das Siegel des 'Autobahn-tested' ist ein wichtiges Element in der Wahrnehmung deutscher Marken auch in anderen Ländern. Es trägt so in nicht unbeträchtlichen Maße zum Glanz von 'Made in Germany' bei und stärkt damit die deutschen Exporterfolge.

    Wirtschaftliche Überlegungen würden für die Bundesregierung bei der Diskussion um eine Tempobeschränkung indes keine Rolle spielen. Auf "ZDFzoom"-Anfrage heißt es: Die Bundesregierung betrachtet die Frage eines Tempolimits insbesondere im Hinblick auf die Verkehrssicherheit. In diesem Zusammenhang ist eine allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen nicht zielführen.

    "Das Thema Tempolimit ist nicht besonders beliebt"
    Interview mit den Filmautoren Simone Müller und Bernd Weisener

    Das Tempolimit ist bereits seit Jahren in der politischen Diskussion. Schon aus umweltpolitischen Gründen könnte eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen Sinn ergeben. Sind es also rein wirtschaftliche Gründe, die für die Raserei sprechen?

    Simone Müller: Wir vermuten, dass die deutsche Autoindustrie überhaupt kein Tempolimit will. Sie wollen leistungsstrake Autos verkaufen, denn nur mit denen lässt sich gutes Geld verdienen. Und die Politik hilft dabei. Bislang hat es noch keinen Bundesverkehrsminister gegeben, der ein Tempolimit auf Autobahnen durchsetzen wollte.

    Warum sperren sich denn vor allem die Autofirmen gegen ein Tempolimit?

    Bernd Weisener: Die offizielle Antwort des Verbandes der Automobilindustrie auf unsere Anfrage: "Ein generelles Tempolimit wäre nach unserer Überzeugung reine Symbolpolitik, die weder für die Sicherheit noch für den Klimaschutz erkennbaren Nutzen stiftet." In einem Faktenpapier des Verbandes findet sich auch noch eine andere Begründung: "Das Siegel des 'Autobahn-tested' ist ein wichtiges Element in der Wahrnehmung deutscher Marken auch in anderen Ländern. Es trägt so in nicht unbeträchtlichem Maße zum Glanz von 'Made in Germany' bei und stärkt damit die deutschen Exporterfolge." Das klingt schon etwas anders und lässt die Annahme zu, dass wirtschaftliche Überlegungen bei der Ablehnung eines Tempolimits vielleicht doch eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

    In der Politik sprachen sich SPD und Grüne schon häufiger für ein generelles Tempolimit aus. Wie wird das derzeit in der Großen Koalition bewertet? Und was ist die Position von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), der ja vor allem die Maut zu seinem Lieblingsthema gemacht hat?

    Simone Müller: Zu einem Interview mit uns zum Thema Tempolimit war Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt leider nicht bereit. In einer schriftlichen Stellungnahme verwies das Ministerium auf einen Zeitungsartikel, in dem sich der Minister zu dem Thema geäußert hatte. Darin heißt es, Zitat Minister Dobrindt: "Unsere Autobahnen in Deutschland zählen zu den sichersten Straßen der Welt. Ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen wird es mit mir nicht geben." Und auch zu der jüngsten Forderung des Deutschen Verkehrsgerichtstages, das Tempolimit auf Landstraßen herabzusetzen, hat der Minister eine klare Haltung: "Ein Absenken des Tempolimits auf Landstraßen ist leider auch kein Allheilmittel und wird von mir auch nicht befürwortet." Dabei ereignen sich gerade auf Landstraßen die meisten tödlichen Verkehrsunfälle. Beim Deutschen Verkehrsgerichtstag hatten sich Anfang des Jahres fast 2000 Verkehrsexperten mit dem Thema beschäftigt, und die meisten hatten sich für eine Temporeduzierung auf Landstraßen ausgesprochen. Umso erstaunlicher, mit welch‘ knappen Worten Bundesverkehrsminister Dobrindt dem Anliegen eine Absage erteilt.

    Tempolimit auf deutschen Autobahnen sei wie ein Schusswaffenverbot in den USA, hat mal ein Politiker gesagt: Ist es für die Mehrheit der Deutschen wirklich eine Form der Freiheit, auf den Autobahnen mal das Gaspedal durchtreten zu dürfen?

    Bernd Weisener: Man sagt ja, jedes Land brauche eine Verrücktheit und bei uns ist es scheinbar das fehlende Tempolimit. Und bei vielen ist es auch so etwas wie ein Nervenkitzel. Verkehrspsychologen haben uns gesagt, Raser seien sogenannte "Sensation Seekers". Für viele bedeute das schnelle Fahren auch Stressabbau. Und das Überschreiten von einem Tempolimit gelte zudem als gesellschaftlich akzeptiert. Wenn man 100 Stundenkilometer fahren soll, halte sich kaum jemand daran. Fast jeder fahre zumindest 110 Stundenkilometer, wenn nicht schneller.

    War es leicht oder schwierig, sowohl aus der Regierung wie aus der Automobilbranche Gesprächspartner zu diesem Thema zu finden?

    Simone Müller: Das Thema Tempolimit scheint weder in der Politik noch in der Autoindustrie besonders beliebt zu sein. Wir haben alle großen deutschen Autofirmen angefragt. Mit uns reden wollte jedoch niemand. Und auch von der Bundesregierung erhielten wir nur schriftliche Stellungnahmen, also gab es keine Möglichkeiten, kritische Nachfragen zu stellen. Da stellt sich uns natürlich die Frage, warum weder die Industrie noch die Politik mit uns darüber reden wollen?

    Und was ist nach der Recherche Ihre Einschätzung: Wird ein Tempolimit in naher Zukunft auch auf deutschen Autobahnen greifen? Oder ist Rasen auch künftig "Made in Germany“"

    Bernd Weisener: Eine schnelle Lösung scheint nicht in Sicht. Aber spätestens mit dem automatisierten Fahren, das heißt, wenn Autos von Computern gesteuert alleine fahren können, wird es ein Tempolimit geben, da sind sich heute schon fast alle Experten einig. Aber wer weiß?

    Mit Simone Müller und Bernd Weisener sprach Thomas Hagedorn.

    Biografische Angaben zu den Filmautoren

    Simone Müller, Jahrgang 1966, ist seit 1992 für das ZDF tätig. Sie arbeitete zunächst für das Jugendprogramm, später als Reporterin und Redakteurin für "ZDF.reporter" und die "ZDF.reportage". 2002 wechselte sie in die Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen, dort arbeitet sie unter anderem für den "Länderspiegel" und berichtet von Wahlen und Parteitagen.

    Bernd Weisener ist Chef vom Dienst in der Redaktion "ZDFzoom". Seine journalistische Laufbahn startete er bei der Velberter Zeitung, arbeitete anschließend für den WDR-Hörfunk in Wuppertal und das WDR-Fernsehen in Düsseldorf, bevor er zum ZDF nach Mainz wechselte. Als Autor für "ZDFzoom" realisierte er zuletzt zusammen mit Florian Neuhann den Film "Deutschland im Flughafen-Wahn" (Erstausstrahlung: 1. Oktober 2014).

    Infos zu "ZDFzoom"

    "ZDFzoom" bietet mittwochs um 22.45 Uhr in der Regel im Anschluss an das "auslandsjournal" investigative Recherchen zu gesellschaftlich relevanten und alltagsnahen innen- und außenpolitischen Themen. Seit dem 11. Mai 2011 bereitet das Dokumentations- und Reportageformat komplexe Sachverhalte mit einer wiedererkennbaren Grafik- und Kameraarbeit verständlich auf. Je nach Länge (30 oder 45 Minuten) schwanken die Kosten der zirka 35 Produktionen pro Jahr zwischen 90.000 Euro und 130.000 Euro pro Ausgabe.

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