Copyright: ZDF/Privat /M: zornshot
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Deutschlands große Clans

ZDFzeit-Doku-Reihe über große deutsche Familienunternehmen

Die erfolgreiche Doku-Reihe befasst sich 2020 mit Joop, Deichmann und 4711.

Die Namen der Unternehmen oder Marken kennen viele, doch meistens sind diejenigen, die hinter den Kulissen die Firmen lenken, weitgehend unbekannt. Wer sind sie? Wer hat die Unternehmen gegründet, aufgebaut und fortgeführt? Wie gelingt der Weg in die Zukunft? Die Doku-Reihe erzählt Firmen- und Familienhistorien, die immer auch ein Stück deutsche Zeitgeschichte sind.

  • ZDF, ab Dienstag, 10. März 2020, 20.15 Uhr

Texte

Erfolgsmodell auf dem Prüfstand – Familienunternehmen
Von Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

Familienunternehmen gelten als Rückgrat, Stabilitätsanker und Jobmotor in Deutschland. Wie in kaum einem anderen Staat stellen sie das Grundmuster unseres Wirtschaftsgefüges dar. Die Mehrheit der Arbeitnehmer hierzulande ist in den Hunderttausenden kleineren und mittleren Betrieben, aber auch in den zahlreichen großen Konzernen beschäftigt. Etwa zwei Billionen Euro Umsatz erwirtschafteten alleine die 1.000 größten der von Familien geführten oder gelenkten Unternehmen im Jahr 2018. Einige davon existieren schon seit mehr als anderthalb Jahrhunderten.

Die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte widmet sich auch in ihrer neuen Staffel über "Deutschlands große Clans" besonders herausragenden und bekannten Namen. Nachdem es unseren Autoren schon gelungen ist, hinter die Kulissen von Henkel, Aldi, Bahlsen, Lidl, C&A, Tchibo, Haribo und Volkswagen zu blicken, stehen nun die Marken JOOP!, Deichmann und 4711 im Fokus der Filme.
Einmal mehr geht es darum, Gründergestalten, Entstehungsmythen, Höhen und Tiefen sowie Konflikte in den jeweiligen Unternehmenshistorien vor Augen zu führen. Es geht aber auch um die Vielfalt der Erfahrungen in einem der stärksten Wachstumsräume weltweit, die sich wie Puzzleteile zu einem Bild unserer Wirtschaftsgeschichte zusammenfügen. Dabei zeigen sich die Stärken, aber auch die Schwächen des "Familienmodells", das zum einen für besondere Nachhaltigkeit und Kontinuität stehen mag, aber auch anfällig ist für menschliche Zerwürfnisse unter führenden Clan-Mitgliedern.

Die Wahl fiel 2020 auf drei sehr unterschiedliche Clan-Storys: Mit JOOP! widmen wir uns einer Marke, die gleich in mehrfacher Hinsicht von sich reden macht: Durch die dezidierte Personalisierung des Labels wurde der Modeschöpfer selbst zur Stilikone. Seine Tochter Jette trat in seine Fußstapfen, baute aber ihre eigene Marke auf. Spannungen zwischen Vater und Tochter belasten immer wieder die Familie. Zudem ist die Biografie des Designers auch eine erstaunliche deutsch-deutsche Geschichte.
Mit Deichmann steht ein Konzern im Vordergrund, der von Beginn an mit einem hohen ethischen Anspruch geführt wurde, der den christlichen Grundsätzen der Inhaberfamilie stets treu bleiben sollte. An diesen Maßstäben muss Europas größter Schuhvermarkter sich messen lassen und erlebt in Zeiten schwieriger politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen immer wieder Anfechtungen.
Die Zahlen "4711" stehen nicht nur für eine wandlungsfähige Duftmarke mit einer Geschichte von über 200 Jahren, sondern auch für eine ansehnliche Schar prominenter Nutzer. Ob der russische Zar und der König von Schweden oder Goethe und Wagner – sie wussten angeblich die Möglichkeiten der inneren und äußeren Anwendung zu schätzen. In der Wirtschaftswunder-Ära wurde 4711 zu einem Inbegriff von "Made in Germany". Zwei Cousins der Familie Mülhens, die sich nicht riechen konnten, führten das Familienunternehmen jedoch fast in den Ruin, machten es zum Übernahmekandidaten für Groß-Konzerne.
Nachdrückliche Recherchen und intensive Gespräche der Autoren mit wichtigen Protagonisten bieten ein breites Fundament für die Dokumentationen. Wolfgang Joop konnte für ein ausführliches Interview gewonnen werden, auch sein Ehemann Edwin Lemberg und seine Ex-Ehefrau Karin Joop-Metz. Heinrich Deichmann und langjährige Weggefährten seines Vaters, des früheren Clan-Chefs Heinz-Horst Deichmann, schlagen bislang kaum bekannte Kapitel der Firmengeschichte auf und kommentieren noch unveröffentlichte Filmaufnahmen und Dokumente aus dem Familien-Archiv.
Auch die Autoren der "4711-Story" haben erstmals Zugang zu Familiendokumenten erhalten. Sie enthüllen die wahren Gründe für das Zerwürfnis, das zur Spaltung der Familie und schließlich zum Verkauf der Firma führte. Einige Beteiligte geben in dem Film erstmals ein Interview. So zeigt auch die vierte Staffel von "Deutschlands große Clans", wie sehr der Erfolg der Familienunternehmen auch von den Beziehungen der "Clan"-Mitglieder untereinander abhängt.

"Die Joop-Story": Stab und Besetzung

Dienstag, 10. März 2020, 20.15 Uhr
Deutschlands große Clans – Die Joop-Story
ZDFzeit-Dokumentation

Buch/Regie (Doku) _____Annebeth Jacobsen, Manfred Oldenburg
Kamera (Doku)_____Sebastian Woithe, Reiner Bauer, Jörg Adams
Regie (Szene)_____Saskia Weisheit
Kamera (Szene)_____Torbjörn Karvang, Peter Trinks
Schnitt_____Dirk Hergenhahn
Grafik_____Zornshot
Szenenbild_____Stefanie Probst
Ausstattung_____Ines Wüllner, Karsten Hochmut
Kostüm_____Lena Wolf
Maske_____Elisa Flehmer, Stefanie Dimitrow
Herstellungsleitung_____Bettina Kluge
Produktionsleitung_____Karoline Noth (Broadview TV), Katrin Thomas, Tilo Gläßer (Sinn Filmproduktion), Carola Ulrich, Philipp Müller (ZDF)
Producerin_____Kirby Welcker
Archivrecherche____Britta Luckas
Produzent_____Leopold Hoesch
Redaktion_____Annette Koehler
Leitung_____Stefan Brauburger

Die Rollen und ihre Darsteller
Wolfgang Joop (jung)_____Emil Alexander Braun
Wolfgang Joop (erwachsen)_____Marcus Schinkel
Charlotte Joop_____Nadine Warmuth
Frau Friederitzky_____Béatrice Bergner
Dr. Haupt_____Hans Brückner
DDR-Agent Frank_____Matthias Wagner

"Die Joop-Story": Inhalt

Kurzinhalt

In der Welt der Mode und des Lifestyles hat es die Marke JOOP! zu Weltruhm gebracht. Ihr Schöpfer, Wolfgang Joop, zählt zu Deutschlands bedeutendsten Designern. Auch mit 75 Jahren denkt er noch lange nicht ans Aufhören. Dabei feiert auch Tochter Jette als Modedesignerin Erfolge und verschafft dem Familiennamen Geltung. Doch geraten die beiden privat immer wieder aneinander.
Die Filmautoren Annebeth Jacobsen und Manfred Oldenburg zeichnen das Porträt der Designer-Dynastie. Neben Wolfgang Joop kommen enge Wegbegleiter zu Wort, die nur selten Einblicke in das Leben der Familie gewähren, wie Wolfgang Joops Ehemann Edwin Lemberg und seine Ex-Ehefrau Karin Joop-Metz. Werbe-Experten erklären den anhaltenden Marketing-Erfolg.

Inhalt (Langfassung)

In der glitzernden und schillernden Welt der Mode hat es diese Marke zu Weltruhm gebracht: JOOP! Ihr Namensgeber zählt zu Deutschlands bedeutendsten Designern: Wolfgang Joop, der ewige Junge, das "Wunderkind", das Modegenie, der Künstler; einer, der sich immer wieder neu erfindet und mit 75 Jahren noch lange nicht ans Aufhören denkt. Tochter Jette ist in seine Fußstapfen getreten und hat ihr eigenes Modelabel kreiert. Ganz in Joop-Manier hat auch sie mit viel Geschäftssinn und cleverem Kalkül ihren Namen zur Marke gemacht. Mit ihren Designs, sei es für Schmuck, Kleider oder Haushaltswaren, macht sie Millionenumsätze. Auf dem roten Teppich inszeniert sie sich werbewirksam als Femme fatale, um die Marke zu stärken. "Öffentlichkeit ist mein Schicksal", sagt sie. Ein Schicksal, dass sie mit ihrem Vater gerne teilt, denn Medienpräsenz ist ein zentraler Faktor des Erfolgs. Und so wird auch der Vater-Tochter-Konflikt in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Dass es dennoch Kapitel gibt, die kaum an die Öffentlichkeit gelangten, zeigt der Film von Annebeth Jacobsen und Manfred Oldenburg, der ein Porträt der Designer-Dynastie mit zum Teil verblüffenden Facetten zeichnet: etwa über die deutsch-deutschen Aspekte der Familiengeschichte, die das Leben und Wirken des Modeschöpfers geprägt haben.

Angefangen hat alles auf einem Bauernhof in Potsdam, nahe Schloss Sanssouci. Dort wird Wolfgang Joop 1944 geboren. Er wächst zunächst ohne Vater auf, den die Sowjets nach Kriegsende als vermeintlichen US-Spion verhaftet hatten. Für den Jungen ist der Hof ein kindliches Paradies, ein Mikrokosmos der Geborgenheit. Die Idylle wird empfindlich gestört, als der Vater freikommt und mit der Familie in den Westen, nach Braunschweig, zieht: "Das war für mich ein Schock, als Kind in Braunschweig aufzuwachen und nicht zu wissen, wo ich eigentlich war", sagt Wolfgang Joop im Interview. "Da merkte ich auch irgendwie, dass es anders roch als zu Hause. Auf einmal fühlte ich mich unbeschützt und ohne Orientierung." Der Verlust der Heimat reißt tiefe Wunden, die bis ins hohe Alter schmerzen. Wolfgang Joop hat Probleme in der Schule. Der Direktor prophezeit seiner Mutter, dass der Junge es wohl nie zu etwas bringen werde.
Sein Leben nimmt eine entscheidende Wendung, als er sich in die Nachbarstochter Karin verliebt. Schon bald ist sie schwanger, im spießigen Westdeutschland der 60er Jahre ein großes Problem. Als das junge Paar dringend Geld braucht, hat Karin die zündende Idee: Die beiden nehmen an einem Wettbewerb der Modezeitschrift "Constanze" teil. Karin entwirft Kleider, Wolfgang fertigt die Zeichnungen an. Und: Sie gewinnen! Doch bei der feierlichen Preisverleihung traut sich die hochschwangere Karin nicht auf die Bühne und schickt stattdessen Wolfgang vor. Und so ist er es, der für den Erfolg gefeiert wird. Er gilt nun als der Newcomer der Modeszene.
Es ist der Beginn einer steilen Karriere, doch gleichzeitig auch großer familiärer Entbehrungen. Ihre kleine Tochter Jette überlassen Wolfgang und Karin anderthalb Jahre lang den Großeltern, während sie selbst ihren beruflichen Ambitionen und Träumen nacheifern. "Wir waren verrückt nach einander. Wir waren nicht geerdet, wir geisterten so rum und dachten, unsere Jugend und Liebe würde uns beschützen. Wir hatten keine Pläne oder Konzepte. Das fanden wir auch irgendwie spießig", sagt Joop heute über diese Zeit. Der endgültige Durchbruch als Designer kommt mit einer Pelzkollektion und einem simplen Trick: Joop soll mit seinem Namen Werbung für seine Mode machen. Um mehr Aufmerksamkeit zu erregen, wird der Nachname um ein Ausrufezeichen ergänzt: Die Geburtsstunde der Marke JOOP!. Schon bald geht es nicht mehr nur um Mode, das Label ziert nun auch Schuhe, Schmuck, Brillen, Parfum und sogar Wasserhähne. JOOP! entwickelt sich mehr und mehr von der Designer- zu einer Lifestyle-Marke. 

Die rein westdeutsch erscheinende Erfolgsgeschichte sorgt auch im Osten für Furore. In einer Nacht- und Nebelaktion lassen DDR-Funktionäre Wolfgang Joop ein geheimes Angebot übermitteln: Er soll die Textilindustrie der DDR über die neuesten Trends unterrichten. Die Gegenleistung: Ein Halbjahresvisum für die DDR. In Joop regt sich eine lang gehegte Sehnsucht: Damit kann er, wann immer er will, die alte Heimat Potsdam besuchen, ohne lästige Fragen und Anträge. Doch dadurch lässt er sich mit dem Regime und der Stasi ein. Eine gefährliche Gratwanderung, die ihn später im Westen teuer zu stehen kommen wird.

Seine Marke indes boomt, sie verkörpert ein Stückweit den Lifestyle der 80er Jahre. Doch immer seltener verbirgt sich sein kreativer Kopf hinter den Produkten. Er gibt seinen Namen auch für Kreationen, die er später gar nicht mehr überschaut. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs zerbricht die Familie, Karin und Wolfgang Joop trennen sich. Wolfgang verliebt sich in Edwin Lemberg und die beiden werden ein Paar. 1985 lässt das Ehepaar Joop sich scheiden. Wolfgangs Verhältnis zu den beiden Töchtern Jette und Florentine leidet darunter.

Mit dem Fall der Mauer geht für Wolfgang Joop ein Traum in Erfüllung: Endlich ist der Weg in seine alte Heimat Potsdam frei. Doch schon bald holt ihn seine Vergangenheit ein. Seine "merkwürdigen" DDR-Besuche werden aufgedeckt. Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt 1991 gegen ihn – wegen des Verdachts auf geheimdienstlicher Agententätigkeit. Die Medien greifen den Skandal begierig auf, eine tiefe Kränkung für Joop, auch dann noch, als die Ermittlungen schließlich eingestellt werden. Er lässt Deutschland erst einmal hinter sich und zieht nach New York, um von dort aus zu arbeiten.

Inzwischen will Jette Joop in die Fußstapfen des Vaters treten. Doch ihr Versuch, bei JOOP! einzusteigen, führt zu einem heftigen Streit mit den familienexternen Managern und mündet in einem Hausverbot. Sie beschließt, ihr eigenes Design-Imperium aufzubauen. "Ich glaube, hier haben wir es mit etwas zu tun, was wir klassisch unter dem Vater-Sohn-Konflikt verstehen, in diesem Fall ging es allerdings um Vater und Tochter. Sie wollte ihm einfach beweisen, dass sie gut ist, vielleicht sogar besser. Und auch der Firma, die sie nicht aufgenommen hat, wollte sie es zeigen", sagt Jettes Mutter Karin Joop-Metz im Interview. Der Ehrgeiz zahlte sich aus. Heute ist Jette Joop eine von Deutschlands erfolgreichsten Design-Unternehmerinnen.

1998 steigt Wolfgang Joop selbst bei JOOP! aus, doch ohne Arbeit hält er es nicht lange aus. Er gründet das neue Modelabel "Wunderkind", wieder eine Erfolgsgeschichte. 2014 holt ihn Heidi Klum in die Jury von "Germany‘s next Topmodel". Er ist rastlos, auch noch im Alter. Der Kosmopolit hat ein großes Ziel: Ankommen und Wurzeln schlagen. 2017 zieht Joop mit seinem Ehemann in die frühere Heimat, auf das Gut Bornstedt, wo er als Kind so glücklich war. Gegenüber wohnt die jüngere Tochter Florentine mit Mann und Kindern, ein Stückchen weiter Joops Ex-Frau Karin. Doch ausgerechnet das Heimatidyll wird 2010 zum Zankapfel in der Familie: Denn auch Jette Joop erhebt Anspruch auf den Hof. Vater und Tochter – zwei starke Charaktere, die sich immer wieder aneinander reiben. Doch sie eint ihre Kreativität und der Wagemut, sich immer wieder neu zu erfinden. Die Zukunft wird zeigen, ob die Joops eine Design-Dynastie bleiben, ob es in der dritten Generation weitergeht und ob Vater und Tochter Frieden schließen können.

Die Joop-Story: Zitate

Inga Griese, Senior Editor Style & Fashion der "Welt"-Gruppe und Chefredakteurin des Stil-Magazins ICON, über Joops Heimatverbundenheit:
"Wolfgang hat Wurzeln und weil er Wurzeln hat, kann er auch so fliegen. Er ist ein Riesenbaum geworden, aber er hat eben diese starken Wurzeln und die haben mit Bornstedt zu tun."

Wolfgang Joop über seinen Erfolg:
"Ich war mit JOOP! sehr erfolgreich. Das war etwas, was es vorher nicht gab. Ein Deutscher mit einem Gesicht, das man multiplizieren konnte, einem Namen, der sich ausländisch anhörte. Es war nicht so plump deutsch. Das war der Moment, in dem ich beruflich geboren wurde. Das war ein Moment, in dem mir selber die Spucke wegblieb vor Staunen über die Möglichkeit, dieser Pionier zu sein."

Wolfgang Joop über sein Talent:
"Ich hatte eigentlich nie ein deutliches Talent verspürt. Ich war der, den man mir zudachte. Alles, was man mir zudachte, was ich erfüllen konnte, erfüllte ich. Ich war das Wunderkind, wenn es die Tanten wollten. Ich war der charmante Typ, wenn es die Leute wollten. Ich war dann plötzlich auch der Designer, als die Leute meinten, ich könnte es sein, und wollte dann in allem auch der Beste sein."

Karin Joop-Metz, Ex-Frau von Wolfgang Joop, über Wolfgang Joop:
"Die Faszination, die er für andere Menschen hatte, konnte ihm nicht verborgen bleiben. Und als wir dann auf der freien Wildbahn waren, in Hamburg, in Paris, in London, New York, da hat er das natürlich gespürt, wie gut er ankam, wie ihm die Leute praktisch zu Füßen gelegen haben."

Karin Joop-Metz, Ex-Frau von Wolfgang Joop und Mutter von Jette, über das Vater-Tochter-Verhältnis:
"Jette wollte einfach ihrem Vater beweisen, dass sie gut ist, vielleicht sogar besser. Diesem Vater die Stirn zu bieten und auch der Firma und zu sagen: Gut, wenn ich hier nicht unterkomme, dann mache ich eben mein eigenes Ding. Und das hat sie gemacht. Da muss man wirklich sagen: Hut ab. Sie hat es konsequent gemacht, mit viel Kraft und sicherlich mit sehr viel Einsatz. Es war bestimmt nicht immer leicht für sie." 

Die Deichmann-Story: Stab und Besetzung

Dienstag, 17. März 2020, 20.15 Uhr
Deutschlands große Clans – Die Deichmann-Story
ZDFzeit-Dokumentation

Buch/Regie_____Birgit Tanner
Kamera _____André Götzmann, Jürgen Staiger, Patrick Brandt
Ton______ Falko Hackebeil
Schnitt_____Uwe Klimmeck
Grafik_____Zornshot
Szenenbild_____Jost Brand-Hübner
Produktionsleitung_____Jan Holtz
Produzent_____Thomas Schuhbauer
Redaktion_____Annette Koehler
Leitung_____Stefan Brauburger

Die Rollen und ihre Darsteller
Heinz-Horst Deichmann (jung)_____Adrian Topol
Heinz-Horst Deichmann (alt)_____Tobias Hoesl
Ruth Deichmann_____Julia Becker
Julie Deichmann_____Katharina Hoffmann
Hannelore Deichmann_____Henrike von Kuick
Heinrich Deichmann_____Uwe Stranz
Fabrikantenvertreter_____     Roman Kanonik
Freund_____Joachim Schönfeld
u.a.

Die Deichmann-Story: Inhalt

Kurzinhalt

Heinz-Horst Deichmann machte aus dem kleinen Schusterladen seines Vaters die größte Schuh-Handelskette Europas. Mit dem Slogan "modische Schuhe zu kleinen Preisen" eroberte er den Weltmarkt. Die Produktion in Billigländern wird zur Gretchenfrage, denn die Inhaberfamilie wollte stets christlichen Grundsätzen treu bleiben.
Im Film von Birgit Tanner schlagen Sohn und Nachfolger Heinrich Deichmann und langjährige Weggefährten des Vaters bislang kaum bekannte Kapitel der Firmengeschichte auf und kommentieren noch unveröffentlichte Filmaufnahmen und Dokumente aus dem Familienarchiv.

Inhalt (Langfassung)

Schuhe für den kleinen Geldbeutel – mit diesem Credo wächst Heinz-Horst Deichmann auf. Sein Vater Heinrich Deichmann betreibt seit 1913 eine kleine Schusterei im Arbeiterviertel Borbeck bei Essen. Die meisten Kunden sind arme Bergleute und ihre Familien. Als fromme Christen und Mitglieder einer evangelischen Freikirche sehen es die Deichmanns als ihre Pflicht, auch den Ärmsten der Armen zu ordentlichen Schuhen zu verhelfen. Da Heinrich als erster Schuster in der Gegend die Schuhe mit Maschinen repariert, ist er wesentlich produktiver und günstiger als die Konkurrenz. Die Masse macht's! Nach seinem frühen Tod im Jahr 1940 führt Ehefrau Julie das Geschäft allein mit den drei Töchtern und dem 13-jährigen Heinz-Horst weiter.

Er ist es schließlich, der das Unternehmen in eine neue Dimension führt. In der Mangelwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg macht Not erfinderisch. Heinz-Horst Deichmann fällt im Garten eines Freundes Bäume und lässt aus dem Holz und alten Fallschirmriemen einfache Sandalen fertigen – immerhin 50.000 Paar. Er tauscht bei Fabrikanten Kohle aus dem Ruhrgebiet gegen Schuhe aus der Pfalz. So hält er mit seiner Mutter und den Schwestern den Laden am Laufen. Die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark im Jahr 1948 bringt die Wende für das Deichmann-Unternehmen. Endlich können sich die Deutschen wieder etwas leisten – auch Schuhe. Eine erste Filiale wird in Düsseldorf gegründet, doch das lastet den jungen Mann offenbar nicht aus. Seine Leidenschaft ist eine andere. Missionsarzt will er werden und etwas an die Menschen zurückgeben. Sein Antrieb kommt nicht nur aus seinem tiefen Glauben, sondern auch aus einem Erlebnis, das sich tief in ihm eingebrannt hat: Als Flakhelfer wird er schwer verwundet. Ein Granatsplitter trifft ihn, verfehlt seine Halsschlagader nur knapp. In seiner Todesangst betet er und verspricht: Wenn er das überlebt, will er den Menschen dienen.

Neben seiner Arbeit im Schuhladen beginnt Heinz-Horst Deichmann ein Theologie- und Medizinstudium. Nach seiner Promotion arbeitet er als Orthopäde im Krankenhaus. Doch Mitte der 50er-Jahre muss er sich entscheiden: entweder als Missionsarzt zu wirken oder sich um die Expansion des inzwischen florierenden Unternehmens zu kümmern.

Er wählt das Schuhgeschäft und will dennoch an seinem Versprechen festhalten, wenn auch nicht "hauptberuflich". Messias aus dem Ruhrpott wird er später genannt, weil er mit seinem hohen sozialen Engagement den Armen in Indien, Tansania, Moldawien, Griechenland und auch in Deutschland von seinem Reichtum etwas abgibt. Nicht die Anzahl der verkauften Schuhe zähle, sondern der Dienst am Menschen, bekundet er immer wieder. Dem unkonventionellen Unternehmer, dessen impulsive Wutausbrüche allerdings legendär sind, liegen auch die Mitarbeiter am Herzen. So gewährt er ihnen großzügige Betriebsrenten, Gesundheitswochen und eine Unterstützungskasse für Notfälle.

"Betriebswirtschaftler" hingegen haben bei ihm keine guten Karten, denn die seien nur auf schnelle Gewinne aus. Allerdings zeigt sich der Milliardär gegenüber seinen Zulieferern als knallharter Geschäftsmann: Für günstige Preise legt er sich mit Lieferanten, Verbandschefs und der kompletten Konkurrenz an. Auf Vorschriften pfeift er. Dass ihn die Branche als "Schuh-Aldi" beschimpft, tangiert ihn nicht. Die Billigschuhe ziehen bei den Kunden. Doch auch das hat seinen Preis, manchmal gibt es doch Qualitätsunterschiede zu den teureren Marken – und: Auch Deichmann lässt in Niedriglohnländern wie China, Indien, Kambodscha, Rumänien und Mazedonien produzieren. Hin und wieder ist strittig, ob der Lohn wirklich zur Existenzsicherung ausreicht, wie das Unternehmen angibt. So mancher Kritiker fragt sich, wie sich das mit dem christlichen Ethos vertrage. Die Vorwürfe, sein Konzern lasse Schuhe zu menschenunwürdigen Bedingungen nähen, konnte Deichmann letztendlich entkräften.

Die Produktion in Billigländern ist aber nicht der einzige Grund für den Erfolg, er ist auch offen für Innovationen: Er ist der erste Schuhhändler, bei dem sich die Kunden – damals eine Revolution – selbst aus den Regalen bedienen. Deichmann ist der erste Schuhhändler, der TV-Werbespots schaltet und der erste mit eigenem Internetauftritt.

Das 100-jährige Firmenjubiläum überlebt Heinz-Horst Deichmann nur um ein Jahr. Die Leitung des Schuh-Imperiums hat er da schon längst an seinen Sohn Heinrich übergeben, der das Unternehmen heute ganz nach dem Vorbild seines Vaters führt. Der Firmenerbe selbst und einige langjährige Weggefährten des legendären Gründers geben mit ihren Interviews seltene Einblicke in die Familien- und Firmengeschichte. Bislang unveröffentlichte Filmaufnahmen aus dem Deichmann-Archiv dokumentieren den Weg einer Essener Schuhmacherfamilie zu einer weltbekannten Industriellen-Dynastie.

Die Deichmann-Story: Zitate

Hermann Gröhe, MdB und Freund der Familie, über die Bedeutung von Reichtum für die Familie Deichmann:
"Es wäre falsch zu sagen, Geld spielt keine Rolle. Aber es ist eben nur ein Werkzeug. Es ist kein Wert an sich, Geld auf Geld zu häufen für den Dagobert-Duck'schen Dukatenspeicher, sondern zu sagen: Das Geld ist ein Instrument für unternehmerisches Wachstum, aber auch für die damit einhergehende soziale Verpflichtung."

Peter May, Experte für Familienunternehmen, über das Alleinstellungsmerkmal von Deichmann:
"Sie haben den Markt der Schuhmode aldisiert. Sie haben etwas geschaffen, Mode für Millionen, was wir vorher so nicht hatten."

Heinrich Deichmann, Firmenchef von Deichmann, über die Unternehmensphilosophie seines Vaters Heinz-Horst:
"Er wollte, dass sich jeder seine Schuhe leisten konnte. Er wollte, dass sich Familien mit Kindern die Schuhe leisten konnten. Und das bedeutete, dass die Preise niedrig bleiben mussten."

Heinrich Deichmann über die Idee, aus Pappelholz Schuhe zu fertigen kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs:
"Man muss erstmal auf den Gedanken kommen, dass man aus Fallschirmgurten und Pappelholz Schuhe machen kann. Da gehört schon eine gewisse Innovationskraft und ein Ideenreichtum zu, das sich überhaupt zu erdenken."

Heinrich Deichmann über seinen Vater Heinz-Horst Deichmann:
"Mein Vater ist immer seinen eigenen Weg gegangen. Er hat sich nie angepasst an irgendwelche Strömungen, sondern er hat das getan, wovon er überzeugt war."

Heinrich Deichmann über die Anfänge des sozialen Engagements von Heinz-Horst Deichmann in Indien:
"Er stand vor 500 Leprakranken und hat dann auf einmal gespürt, dass es nur zwei Alternativen für ihn gibt. Die erste war: Ich laufe schnell weg, weil ich diesen Anblick nicht ertragen kann. Und die zweite Variante war: Ich bleibe und helfe mit, dass es den Menschen besser geht. Er hat sich für die zweite Variante entschieden."

Die 4711-Story: Stab und Besetzung

Dienstag, 24. März 2020, 20.15 Uhr
Deutschlands große Clans – Die 4711-Story
ZDFzeit-Dokumentation

Buch/Regie (Dokumentation)_____Heike Nelsen
Buch (Szene)_____Heike Nelsen, Claudius Hagemeister
Regie (Szene)_____Matthias Zirzow
Kamera (Dokumentation)_____Till Vielrose
Kamera (Szene)_____Benedict Sicheneder
Schnitt_____Robert Handrick
Grafik_____Zornshot, Björn Otto
Herstellungsleitung____Sascha Lienert
Produktionsleitung_____Jonatan Geller-Hartung (Februar Film), Carola Ulrich, Philipp Müller (ZDF)

Producer_____Stephen Maier, Anna Wening, Katharina Schulz
Produzent_____Florian Hartung
Redaktion_____Annette Koehler
Leitung_____Stefan Brauburger

Die Rollen und ihre Darsteller
Wilhelm Mülhens_____Jonas Lauenstein
Catharina Mülhens_____Ella Zirzow
Gereon Farina (Mönch)____Tom Keune
Verkäuferin Clara_____Monika Oschek
Reisende_____Greta Galisch de Palma
Peter Paul Mülhens_____Pascal Lalo
Parfumeur_____Christian Intorp
Luise Streve-Mülhens_____Birgit Stauber
Chauffeur_____Ben Posener
Dieter Streve-Mülhens_____Finnlay Berger
Rudi Mehl_____Mike Maas

Die 4711-Story: Inhalt

Kurzinhalt

4711 steht für eine wandlungsfähige Duftmarke mit einer Geschichte von über 200 Jahren. In der Wirtschaftswunder-Ära wurde 4711 zu einem Inbegriff von "Made in Germany". Zwei Cousins, die sich nicht riechen konnten, führten das Familienunternehmen beinah in den Ruin, machten es zum Übernahmekandidaten für Groß-Konzerne.
Der Film von Heike Nelsen lüftet den Schleier aus Rätseln und Mythen, an dem die Eigentümerfamilie Mülhens selbst tatkräftig gewoben hat. Und das nicht ohne Grund, denn hinter der Erfolgsgeschichte von 4711 steht auch ein früher Fall von Produktpiraterie.

Inhalt (Langfassung)

"4711 bedeutet eine magische Zahl, die mich von meiner frühesten Kindheit an bis heute begleitet", sagt Firmenerbe Dieter Streve-Mülhens. 1997 muss er den Verkauf seines Familienunternehmens bekanntgeben: "Das war die schwerste Stunde meines Lebens". Die Marke ist wie kaum eine andere von Legenden umrankt, von der bis heute geheim gehaltenen Ur-Rezeptur – angeblich das Hochzeitsgeschenk eines Kartäusermönches an den Gründer – über den französischen Offizier, der die bekannten Ziffern an das Haus in der Glockengasse schreibt, bis zu den Heilkräften, die dem sogenannten Wunderwasser zugeschrieben werden. Die Dokumentation "Die 4711-Story" wirft einen Blick hinter diesen Schleier, an dem die Familie Mülhens selbst im Laufe der mehr als 200 Jahre währenden Markengeschichte tatkräftig gewoben hat.

Der Film von Heike Nelsen enttarnt den Gründer, Wilhelm Mülhens, als regelrechten "Produktpiraten" und gewieften Geschäftsmann. "Sie finden das ganz oft bei Unternehmern, die so eine gewisse Schlitzohrigkeit haben, die rumgehen und gucken und sagen 'Was gibt's denn da, was man auch machen, was man nachmachen könnte?'", konstatiert Unternehmensberater Peter May mit Blick auf das Geschäftsgebaren.
Vieles spricht dafür, dass Wilhelm Mülhens aus der Nähe Bonns sich den ursprünglichen Namen seines Duftwassers "Farina" Ende des 18. Jahrhunderts ergaunert hat. Bereits seit 1709 stellen zwei Parfumeure namens Farina in Köln ein edles "Wunderwasser" her, das sie "Eau de Cologne" taufen. Später behaupten die Mülhens, ein Mitglied der Familie Farina, ein Kartäusermönch, habe ihnen den Namen zur Nutzung überlassen. Das bestreitet sein Nachfahre Johann Maria Farina, der heute die Geschäfte der "ältesten Parfumfabrik der Welt" führt – und das in achter Generation. 

In Wilhelm Mülhens findet das teure Produkt, das zunächst vor allem als Heilwasser getrunken wurde, einen findigen Nachahmer. Gesichert ist, dass er 1803 die Namensrechte von einem gewissen Franz Carl Farina kauft, der mit den Parfumeuren aus Köln nur eines gemeinsam hat - den Namen! Und mehr noch: Er verscherbelt ihn an mindestens 30 weitere Produktpiraten.
Das "Wunderwasser" erweist sich als wahrer Kassenschlager. Die echten Farinas wehren sich gegen die Produktpiraterie der Mülhens' und führen über 1.000 Plagiatsprozesse. Diese Prozessflut führt zur Entstehung des deutschen Markenschutzgesetzes.1875 kann Johann Maria Farina seinen Familiennamen als erste Marke in Deutschland eintragen lassen, doch hat er nicht mit der Findigkeit seines Konkurrenten Mülhens gerechnet: Der nennt nun sein Plagiat "4711" – nach der Hausnummer des Firmensitzes in der Glockengasse in Köln – und lässt den Namen ebenfalls schützen. Ein geschickter Marketingschachzug, denn so unterscheidet er sich von all den anderen Herstellern von "Kölnisch Wasser".

Das Mülhens-Imperium expandiert bis nach New York und Riga. Lange spielt 4711 in der ersten Liga der Duftwasserproduzenten mit. Ob der russische Zar und der König von Schweden oder Goethe und Wagner – sie alle wussten angeblich die Möglichkeiten der inneren und äußeren Anwendung von 4711 zu schätzen. Im Jahr 1921 liefert die Firma sich sogar ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Coco Chanel um das erste Parfum auf Basis der neu entdeckten Aldehyde. Das französische "Chanel No. 5" und sein Kölner Konkurrenzprodukt Tosca kommen schließlich gleichzeitig auf den Markt.

In der Zeit des Nationalsozialismus stehen die Unternehmer dem Regime näher als bisher bekannt war. Auch in der Nachkriegszeit sucht und findet Familie Mülhens den Kontakt zu den Mächtigen. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Hotel auf dem Petersberg, das dem 4711-Clan gehört und zum Gästehaus der Bundesregierung avanciert. Es liegt im Siebengebirge, dem ältesten Naturschutzgebiet Deutschlands, das einst auf Initiative von Ferdinand Mülhens als solches ausgewiesen wurde. Das in den Gästezimmern bereitgestellte Parfumfläschchen nimmt so mancher Staatsgast mit nach Hause und trägt damit das "Kölnisch Wasser" in die Welt: Der Schah von Persien soll ein besonderer Liebhaber des Dufts gewesen sein.

Seit den 50er-Jahren darf 4711 in keiner Damenhandtasche fehlen, so das Klischee. Es ist der Duft der Wirtschaftswunderjahre. Die Neubauten der Firma am Dom und in Ehrenfeld prägen die Kölner Nachkriegsarchitektur. Doch hinter den prachtvollen Kulissen spielen sich Familiendramen ab. Zum ersten Mal hat die Filmemacherin Zugang zu Dokumenten erhalten, die den wahren Grund für das Zerwürfnis enthüllen, das zur Spaltung des Clans und schließlich zum Verkauf der Firma führte. Die Fronten verlaufen dabei nicht nur zwischen den beiden Familienzweigen Mülhens und Streve-Mülhens, sondern es gibt noch einen dritten, bisher völlig unbekannten Familienzweig, dessen Mitglieder in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Köln "verstoßen" wurden und die in dieser Dokumentation zum ersten Mal zu Wort kommen. Heute ist 4711 wieder im Besitz einer rheinischen Unternehmerfamilie, so dass auch die regionale Markengeschichte fortgeschrieben werden kann. Alle fünf Sekunden geht irgendwo auf der Welt eine Flasche "4711" über die Ladentheke. Als Originalduft, aber auch in neuen Remixes auf Basis des alten Geheimrezepts.

Die 4711 Story: Zitate

Peter May, Unternehmensberater, über den Familienzwist der Cousins:
"Ferdinand Mülhens und Dieter Streve-Mülhens haben das Unternehmen deshalb ruiniert, weil sie vor lauter Konzentration auf den Kampf gegeneinander den viel wichtigeren Kampf, nämlich den Kampf gegen den Wettbewerb da draußen oder den Kampf um die Gunst des Kunden, völlig vergessen haben. Wenn der Streit anfängt, geht die Energie von außen, wo sie hingehört, nach innen, wo sie destruktiv wirkt."

Jasmin Kessler, Influencerin, über ihre Kindheitserinnerung:
"4711 war wirklich das erste, was ich als Kind gesehen habe, wenn ich ins Badezimmer meiner Oma gegangen bin. Deshalb verbinde ich damit auch ein Stück Kindheitserinnerung."

Jürgen Becker, Kabarettist und ehemals Auszubildender bei 4711, über den Stellenwert der Marke in Köln:
"Wenn man in München mit dem Zug ankommt, steht da groß "München, Weltstadt mit Herz". Wenn man in Hamburg ankommt, steht da groß "Hamburg, das Tor zur Welt". Und wenn man in Köln im Zug ankommt, ist es die Zahl 4711."

Ines Imdahl, Werbepsychologin, über die Bedeutung von 4711 auf Reisen:
"Wenn die Menschen früher auf Reisen gegangen sind, haben sie sehr oft 4711 mitgenommen. '4711 ist immer dabei', das hat diesen Menschen Stabilität gegeben. Sie sind in neue Länder gereist, haben etwas Unerwartetes erlebt und konnten sich dann mit 4711 nicht nur erfrischen, sondern sich auch Halt geben. Es hatte immer auch eine Schutzfunktion."

"Friede ernährt, Unfriede verzehrt"
Interview mit Prof. Dr. Peter May, Experte für Familienunternehmen

Herr May, welche Qualitäten sollte ein Unternehmer idealerweise haben?
Zur besonderen Qualität, die erfolgreiche Unternehmer auszeichnet, gehört in allererster Linie das, was man gemeinhin Unternehmergeist nennt. Das heißt, die Bereitschaft voranzugehen und Risiken einzugehen, die vielleicht nicht jeder auf sich nehmen würde. Auch Durchsetzungsfähigkeit gehört dazu: Unternehmer wollen besser sein als ihre Wettbewerber, sie übertrumpfen. Sie suchen die Herausforderung, gehen nie den Weg des geringsten Widerstandes. Und im Fall von Familienunternehmen muss natürlich auch die Fähigkeit hinzukommen, das Unternehmen erfolgreich an die nächste Generation zu übergeben.

Zunächst eine grundlegende Frage: Wie entsteht überhaupt ein so großes Familienunternehmen wie diejenigen, die wir in "Deutschlands große Clans" sehen?
Jedes Unternehmen beginnt mit einer Geschäftsidee. Und jedes große Unternehmen hat einmal klein angefangen, meist indem eine Familie ein kleines Geschäft gründet, oft Mann und Frau beziehungsweise Vater und Mutter gemeinsam. Gerade in der Anfangsphase braucht es eine gewisse Selbstausbeutung der ganzen Familie. Ist die Geschäftsidee gut, muss sich die Logik des Kleinunternehmens dann irgendwann wandeln. Etwa indem nach einigen Jahren ein Familienmitglied sagt: Das, was hier einmal funktioniert, können wir auch 10 Mal, 100 Mal, 1000 Mal machen. Große Unternehmensgeschichten beginnen oft damit, dass eine gute Idee multipliziert wird und ein Produkt in standardisierter Form hergestellt werden kann.

Warum bleiben die einen Familienunternehmen, und die anderen gehen an die Börse?
Das ist eine Glaubensfrage, eine Entscheidung darüber, wie man ein Unternehmen führen und was man erreichen möchte. Geht man an den Kapitalmarkt, unterwirft man sich auch dessen Gesetzen – und die lauten: Du musst in kurzer Frist den Wert deines Unternehmens sichtbar steigern, und du musst möglichst hohe Dividenden auszahlen. Diese Logik ist eine kurzfristige. Keine, die für Menschen gemacht ist, sondern für Aktionäre. Und die führt unweigerlich zum angelsächsischen Shareholder-Kapitalismus. Wenn ich als Unternehmer aber langfristig denke und nicht nur die Aktionäre, sondern auch die Interessen meiner Mitarbeiter oder meiner Heimatregion beachten möchte, dann braucht es die Form des Familienunternehmens. Das sind keine schlechteren Unternehmen: Im Idealfall ist ein gut geführtes Familienunternehmen eines, das kapitalmarktfähig ist. Das heißt, dass es so gut ist, dass es jederzeit an den Kapitalmarkt gehen könnte – gleichzeitig aber vom Kapitalmarkt unabhängig bleibt.

Heißt das, die langfristige Perspektive ist einer der größten Vorteile eines Familienunternehmens gegenüber einer nicht-familiär geführten Firma?
Ja, die Freiheit, langfristig zu denken, ist die große Stärke von Familienunternehmen. Eine Familie kann entscheiden, sich nicht den kurzfristigen, in Quartalszyklen denkenden Gesetzen des Kapitalmarktes zu unterwerfen, sondern die eigene unternehmerische Idee völlig frei von Einflüssen anderer zu realisieren. Diese Langfristigkeit ist für alle Beteiligten vorteilhaft: für das Unternehmen, für die Mitarbeiter und für die Kunden.

Wenn Sie vom angelsächsischen Kapitalismus sprechen: Gibt es auch eine typisch deutsche Ökonomie, vielleicht gerade auch in Bezug auf Familienunternehmen?
Ich nenne das den Familienkapitalismus. Denn in der Tat haben wir in Deutschland mit dem Familienunternehmen eine besondere Form des Kapitalismus geschaffen. Dieser ist erstens ökonomisch erfolgreich – ohne Erfolg könnte das Unternehmen nicht überleben –, und zweitens ist er sozial verantwortlich. In Familienunternehmen spielt viel mehr der Gedanke eine Rolle: Wir machen das nicht nur für den wirtschaftlichen Erfolg unserer eigenen Familie, sondern auch, um den Mitarbeitern ein gutes Leben zu ermöglichen, der sogenannten Betriebsfamilie. Das ist Teil der Unternehmerverantwortung, so wie sie im Grundgesetz steht: Eigentum berechtigt, es verpflichtet aber auch zum Wohle der Allgemeinheit. Zu guter Letzt haben Familienunternehmen sehr oft auch eine große Bedeutung für ihre Region. Wenn Sie in die Provinz kommen und sehen, dass ein kleiner Ort in Wohlstand lebt, es den Menschen dort gut geht, hängt das oft mit einem dort ansässigen Familienunternehmen zusammen. Denn auch der Unternehmer möchte dort, wo er lebt, gut leben. Deshalb sponsert er den örtlichen Fußballverein oder baut ein Museum. Und das ist keine Einbahnstraße, sondern beruht auf Gegenseitigkeit: Der Unternehmer gibt den Mitarbeitern soziale Sicherheit, die Mitarbeiter wiederum geben dem Unternehmer eine bessere Leistung durch eine höhere Identifikation. So entsteht eine echte Win-Win-Situation, die Verbindung von Eigennutz und Gemeinnutz in ihrer vorbildlichsten Form. Aber wir müssen sehr genau aufpassen, dass dieser Familienkapitalismus im globalen Wettbewerb gegenüber dem angelsächsischen Shareholder-Kapitalismus nicht ins Hintertreffen gerät.

Wie sieht heute Unternehmensführung in Familienunternehmen aus?
Das Führungsverständnis hat sich gewandelt, auch in Familienunternehmen. Im postbürgerlichen Zeitalter folgen die Menschen nicht mehr stur einer Autorität, sondern sie suchen nach Sinn und Einbeziehung. Deshalb ist der Teamleader der neue Führungstyp, der in der Wirtschaft erfolgreich ist. Also derjenige, der zwar immer noch führt, dies aber unter Einbeziehung der anderen tut. Die Zeit der Patriarchen ist vorbei.

Sie haben vorhin die Nachfolgeregelung angesprochen. Diese führt beiFamilienunternehmen immer wieder zu Konflikten. Können Sie dies näher erläutern?
Neben den Konflikten, die entstehen, wenn ein Unternehmer zu lange an seiner Chefrolle festhält, sind es vor allem die Verteilungskonflikte, die zu Stress führen. Denn in jedem größeren Familienunternehmen gilt es bei der Nachfolge eine Grundsatzentscheidung zu treffen: Verteile ich das Erbe gleichmäßig zwischen meinen Kindern oder bevorzuge ich eines von ihnen?

Hat sich die Nachfolgeregelung im Lauf der Zeit geändert?
Früher war es fast immer der älteste Sohn, dem man alles oder zumindest mehr gegeben hat und der für die Führung in Frage kam. Es gab das sogenannte Thronfolgerprinzip. Heute hingegen ist Gleichverteilung üblich. Zudem müssen wir uns die Emanzipationsgeschichte vergegenwärtigen. Vor rund 100 Jahren war es noch weitgehend unüblich, dass Frauen in Familienunternehmen Gesellschaftsanteile erwerben durften, und wenn, dann bekamen sie in jedem Fall weniger Anteile als die Söhne. Selbst Väter, die keine Söhne hatten, dachten bei der Nachfolge weniger an die Töchter als daran, dass sie einen für die Unternehmensführung geeigneten Schwiegersohn beibrachten. Heute dagegen ist es völlig normal, dass die Töchter zum einen die gleichen Anteile erwerben dürfen, und zum anderen genauso für die Unternehmensführung in Frage kommen wie die Söhne. Aber wir müssen bestimmte Verhaltensweisen immer in dem zeitlichen und kulturellen Kontext sehen, in dem sie stattgefunden haben.

Welchen Anteil hatten Frauen in früheren Zeiten am Erfolg von Familienunternehmen?
Tatsächlich hatten Frauen schon immer einen maßgeblichen Anteil am Unternehmenserfolg. "Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau", lautet ein oft zitiertes Bonmot. Aber es war eben lange Zeit so, dass die Frauen eher im Hintergrund agierten und ihren Mann unterstützten. Wobei es nicht selten vorkam, dass die Stützende sogar stärker war als derjenige, der gestützt wurde. Das merkte man etwa dann, wenn der Mann unerwartet verstarb und die Frau die Führung des Unternehmens übernahm. Und das oft nicht schlechter gemacht hat als der ohnehin schon erfolgreiche Mann. Früher übernahm die Frau das Geschäft allerdings in der Regel nur solange, bis die Söhne sie ablösten – wie es auch bei Maria Mülhens und 4711 der Fall war oder bei Gertrud Riegel, die 1945 die Leitung von HARIBO übernahm, als ihr Mann früh verstarb und die Söhne Hans und Paul noch im Krieg waren. Heute sind Frauen, die nach dem Tod auch langfristig erfolgreich unternehmerische Verantwortung übernehmen, längst keine "Platzhalter" mehr. Erfolgreiche Unternehmerinnen wie Maria-Elisabeth Schaeffler, Alexandra Schörghuber oder Waltraud Lenhart von LEKI beweisen das.

Welcher Druck besteht in Familienunternehmen auf die Nachfolgegeneration, das Ruder zu übernehmen?
Heutzutage werden Kinder und Unternehmenserben in der Regel zu nichts mehr gedrängt. Früher aber war das anders. Da war Nachfolge für Unternehmerkinder in der Regel ein Muss. Mit fatalen Folgen: Das Ergebnis war oft ein Scheitern – entweder als Unternehmer, weil man nicht gut genug war, oder als Mensch, weil man etwas ganz anderes wollte und ein Leben lang unglücklich blieb. Fälle wie der von Arndt von Bohlen und Halbach, der der Tradition folgend Nachfolger und Alleinerbe von Krupp werden sollte und schließlich zum Erbverzicht gedrängt wurde, sind dann medienwirksame Beispiele dafür, was passiert, wenn Kinder von Geburt an in Rollen gepresst werden, die sie nicht ausfüllen können oder wollen. Ein anderes Beispiel ist Rolf Gerling, der den von seinem Vater übernommenen Versicherungskonzern schlussendlich verkaufen musste, weil er für die Unternehmerrolle ungeeignet war. Es ist eben beileibe nicht selbstverständlich, dass sich die Genialität des Unternehmers auf die nächste Generation vererbt. Wie sagt man so schön: "Unter einer großen Eiche wachsen nur Pilze". Und es ist ein Glücksfall, wenn – wie im Falle Deichmann – neben einer großen Eiche eine neue große Eiche gedeihen kann.

Wie sind Konflikte um die Nachfolge in Unternehmerfamilien einzuordnen?
Es gibt einen ganz wichtigen Satz für Familienunternehmen, die langfristig bestehen wollen. Dieser Satz findet sich im Büro des Miele-Gründers Carl Miele und lautet: "Friede ernährt, Unfriede verzehrt". Streit gilt als einer der größten Werte-Vernichter im Familienunternehmen; er vernichtet ökonomisches und menschliches Kapital gleichermaßen. Wer genug Demut und Disziplin aufbringt, um auch in Konfliktsituationen wieder zueinander zu finden, hat eine gemeinsame Zukunft. Für die anderen bleibt – wie auch das Beispiel 4711 und Mülhens so traurig belegt – am Ende oft nur der Verkauf. Und damit das Ende des Familienunternehmens.

Information zum Interview:
Birgit Tanner ("Die Deichmann-Story") und Heike Nelsen ("Die 4711-Story") haben Prof. Dr. Peter May als Experten für ihre Filme interviewt. Daraus hat Philipp Graf das schriftliche Interview zusammengestellt und mit Prof. May abgestimmt.

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