Frau Roggenschaubs Reise

Der Fernsehfilm der Woche

Rose Roggenschaub verliert nicht nur ihren Job, sondern auch ihren Noch-Ehemann Klaus. Der will mit seiner Freundin zusammen­zuziehen. Rose trägt es scheinbar mit Fassung, doch hinter ihrem Lächeln reift schon ein Plan. Kurzerhand verkauft sie Klaus' Habseligkeiten dem Sinto-Gärtner Sasha Mandel. Ihre offizielle Ver­sion lautet: Einbruch. Als er einen Detektiv engagieren will, kommt ihm Rose zuvor und macht sich selbst auf die Suche nach dem teuren Stück. Entschlossen nistet sie sich bei der Großfamilie Mandel ein.

  • ZDF, Montag, 14. Dezember 2015, 20:15 Uhr

Texte

Ein selbstverständlicher Umgang zwischen Minderheit und Mehrheit

"Das Entscheidende an diesem Film Frau Roggenschaubs Reise ist, dass es hier gelungen ist, eine Selbstverständlichkeit im Umgang zwischen Minderheit und Mehrheit herzustellen und so eine Normalität entsteht, ohne dass die Geschichte von Sinti und Roma in Deutschland vergessen wird. Allen Beteiligten, der Dreh­buchautorin, dem Regisseur, den Produzenten und vor allen Din­gen den Schauspielerinnen und Schauspielern meinen großen Dank".

Statement von Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

Von falschen Vorurteilen, echter Familienverbundenheit und richtiger Freundschaft - Eine Multikulti-Komödie mit Hannelore Hoger und Sinti und Roma

Die Humanität einer Gesellschaft misst sich an ihrem Umgang mit ihren Minderheiten.

Als vor zwei Jahren angesichts zunehmender erschreckender Vorgänge insbesondere in Ungarn und Frankreich die ausgezeichnete Autorin Beate Langmaack von ZDF und UFA angesprochen wurde, ob sie einen Film für Hannelore Hoger über Sinti und Roma schreiben wolle, antwortete sie, dieses Thema liege ohnehin in ihrer Stoffsammlung ziemlich oben. Sie hätte aber eine Bedingung: Sie wolle keinen Krimi und kein Drama, sondern eher eine Komödie schreiben. Eine Komödie über Sinti und Roma im deutschen Fernsehen in der Prime Time? Ja - auch wenn es nun eine Komödie mit ernsten Zwischentönen geworden ist. Man darf auch bei ernsten Themen mal lachen. Gerade das fördert einen angstfreien, entspannten Umgang. Romani Rose, dem Präsidenten des Zentralrates der deutschen Sinti und Roma, hat der Film bei einer Vorab-Vorführung gefallen - gerade weil er die eigentlich simple Botschaft des menschlichen Miteinanders unterschiedlicher Volksgruppen unspektakulär vermittelt (siehe sein Statement).

In Hamburg haben sich nach der Sturmflut 1962 Sinti in festen Häusern im Stadtteil Wilhelmsburg niedergelassen und leben dort als unsere Mitbürger in ihrer beachtenswerten Familienverbundenheit. Der im letzten Jahr für seinen zweiten "Spreewaldkrimi" - "Mörderische Hitze" ausgezeichnete Regisseur Kai Wessel hat diesen sozialen Zusammenhalt mit seinem Kameramann Achim Poulheim wunderbar einfühlsam eingefangen. Das durchaus gewagte Experiment, erstklassige Schauspieler wie Hannelore Hoger, Christian Redl und Michaela May mit Laiendarstellern aus dem Kreis dieser Hamburger Sinti und Roma zusammen vor der Kamera agieren zu lassen, ist aufgegangen und macht auch den besonderen Reiz dieses Fernsehfilms aus.

Kai Wessel hat diese Entscheidung, die er in einem frühen Stadium mit der ihn dabei sehr unterstützenden Casterin Nina Haun getroffen hat, auch während der Dreharbeiten nie bereut (siehe sein Interview). Im Gegenteil: Dieses ungewöhnliche Zusammenspiel hat das ganze Projekt nachhaltig bereichert. Dieselbe multikulturelle Vorgehensweise bei der Filmmusik führte unter der Leitung des dramaturgisch feinsinnigen Filmkomponisten Ralf Wienrich zu einem kreativen Aufeinandertreffen des eher klassisch orientierten Filmorchesters Babelsberg mit der eher jazzigen Sinti-Band "Django Deluxe" (siehe Interview Ralf Wienrich).

Die Entstehung dieses Films gibt so ein gelungenes Beispiel, wie ein Miteinander gehen und beleben kann. Dem höchst engagierten und umsichtigen Produzenten Joachim Kosack - der die anfängliche Arbeit der Mitinitiatorin Cornelia Wecker aufgegriffen hat - ist dafür zu danken! Und natürlich ist vor allem Hannelore Hoger zu danken, die dieses Casting-Experiment nicht nur mitgemacht, sondern mit offenem Herzen und mit ihrer großen Schauspielkunst führend gestaltet hat. Und die mit ihrer Wandlung von der vorurteilsvollen Frau Roggenschaub zur Freundin der Sinti-Familie berührt - spätestens bei der Zwiebelszene.

Christian Redl wiederum, der "Hammermörder" und der "Spreewaldkrimi"-Kommissar Krüger, hat sich über seine erste komödiantische Rolle im Fernsehen gefreut und diese Spielfreude überträgt sich in seinen vielschichtig humorvollen Szenen mit seiner Gitarre und insbesondere zusammen mit Hannelore Hoger. Was für ein tragikomisches Paar!

"Frau Roggenschaubs Reise" hatte in diesem Sommer eine stark applaudierte Premiere beim Festival des deutschen Films auf der magischen Rheininsel in Ludwigshafen und ist zu einer Sondervorführung beim Fernsehfilmfestival in Baden Baden eingeladen.

Pit Rampelt, Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie I - Fernsehspiel I

Stab

BuchBeate Langmaack
RegieKai Wessel
KameraAchim Poulheim
Kostüm Stefanie Bieker
MaskeKathi Kullack, Anja Hoppe
SchnittTina Freitag
TonPetra Gregorzewski
Musik SupervisionHansjörg Kohli
MusikRalf Wienrich und Django Deluxe
SzenenbildDominik Kremerskothen
CastingNina Haun
ProduktionUFA FICTION GmbH
ProducerKaroline Griebner
ProduzentJoachim Kosack
ProduktionsleitungRalf Krawanja
HerstellungsleitungHolger Krenz
RedaktionPit Rampelt
Länge90 Minuten

Besetzung

Rose RoggenschaubHannelore Hoger
Klaus RoggenschaubChristian Redl
CarolaMichaela May
Sasha MandelRahul Chakraborty
Marinela MandelRigoletta "Loli" Weiß
Pepe MandelGerhard "Heini" Weiß
Orlanda Mandel Naomi Wiegand
Luciano Mandel Fernando Weiß
Bero MandelKailas Mahadevan
Gina Mandel Romana Weiß
Melody MandelIlka Wiegand
PastorThomas Kügel
Personalchef Jan Pohl
PolizistMazdak Madani
Polizistin Annika Martens
InderinTaranjit Kaur
NadeshdaMaja Schöne
Dame InternetladenClara Brauer
AndersenRainer Piwek
ExperteKai Hufnagel
AutoverkäuferOliver Urbanski
und andere

Inhalt

Rosemarie Roggenschaub, genannt Rose, verliert nicht nur ihren Job, sondern auch ihren Noch-Ehemann Klaus. Der will endgültig seine Sachen bei ihr abholen, um mit seiner Freundin zusammen­zuziehen. Rose trägt es scheinbar mit Fassung, doch hinter ihrem Lächeln reift schon ein Plan. Kurzerhand verkauft sie Klaus' Habseligkeiten für einen Appel und ein Ei dem Sinto-Gärtner Sasha Mandel. Ihre offizielle Ver­sion lautet: Einbruch. Klaus ist verzweifelt. Teil der Beute ist seine vermeintlich wertvolle Fender-E-Gitarre, mit der er die neue Wohnung finanzieren wollte. Als er einen Detektiv engagieren will, kommt ihm Rose zuvor und macht sich selbst auf die Suche nach dem teuren Stück. Entschlossen nistet sie sich bei der Großfamilie Mandel ein, die seit der Sturmflut 1962 in einem Hamburger Vorort wohnt. Sie lernt die Werte der Familie kennen, in der die Älteren höchsten Respekt genießen, Kinder das größte Glück bedeuten und Schul­bildung nicht der einzige Schlüssel zum Erfolg ist. Nur langsam bröckeln Roses Vorurteile, während die Jagd nach der Gitarre weitergeht

"Nur dann ist ein gemeinsames Miteinander möglich"

Statement des Produzenten Joachim Kosack

Bei dem Projekt "Frau Roggenschaubs Reise" ging es uns insbe­sondere darum, nicht zu verhehlen, dass Vorurteile und Unwissen oft ein Gefühl der Fremdheit erzeugen. Das ist etwas zutiefst Menschliches, von dem sich kaum jemand freimachen kann. Ent­scheidend dabei ist, sich mit der Vielfalt von Lebensentwürfen, Traditionen und kulturellen Werten auseinanderzusetzen. Das bedeutet aber auch zu sehen, dass der sogenannte Andere ebenso ein Mensch mit Fehlern und seinerseits mit Vorurteilen und Abgrenzungen ist. Wichtig ist, dass wir aufeinander zugehen und ins Gespräch kommen. Nur dann ist ein gemeinsames Mitei­nander möglich. Gleichzeitig wollten wir mit dem Film zeigen, dass Sinti und Roma seit ewigen Zeiten bei uns ein durchaus bürgerliches Leben füh­ren, ganz selbstverständlich mitten unter uns leben und Teil unse­rer Gesellschaft sind.

"Ruppig und zärtlich, fordernd und witzig, zaghaft und kühn"

Interview mit der Drehbuchautorin Beate Langmaack

In "Frau Roggenschaubs Reise" geht es nicht nur um Vorurteile im Allgemeinen, sondern konkret um Ressentiments, die in unse­rer Gesellschaft gegenüber Sinti und Roma bestehen. Wie ist die Idee entstanden, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Pit Rampelt, der zuständige ZDF-Redakteur, fragte mich, ob ich Lust hätte, ein Drehbuch zu entwickeln, in dem Hannelore Hoger es mit einer Sinti- oder Roma-Familie zu tun bekommt. Das inte­ressierte mich. Allerdings wollte ich keine Kriminalgeschichte er­zählen, sondern entschied mich für das Genre Komödie. Es sollte kein schwerer 'Themenfilm' werden, sondern eine Geschichte, die auch Spaß macht.

Der Moment, in dem Frau Roggenschaub mit dem Schicksal der Familie Mandel während des Nationalsozialismus konfrontiert wird, markiert einen wichtigen Punkt der Erkenntnis für die Figur. Ist das für Sie der zentrale Wendepunkt in Ihrem Verhältnis ge­genüber der Sinti-Familie, der den Knoten platzen lässt?

Nein. Was ihre Sichtweise und ihr Verhalten ändert, ist ganz ein­fach Nähe. Die direkte Begegnung mit Menschen, deren Leben sie kennenlernen und eine Zeit lang teilen darf. Und die ihr sogar eine neue, praktische Perspektive für ihr eigenes Leben schen­ken. Trotzdem sind das Wissen um eine halbe Million von den Nationalsozialisten ermordeter Sinti und Roma, der Schock, dass auch Familie Mandel davon betroffen ist, auch für Rosemarie Roggenschau bewegend.

Im Film wirken mehrere Familienmitglieder der Familie Weiß mit, ein Teil des Soundtracks wurde von Django Deluxe, der "hausei­genen Familienband", mitgestaltet. Kannten Sie als Hamburgerin die Familie Weiß oder Django Deluxe bereits?

Ja, ich kannte das Schicksal der Familie Weiß während der Hamburger Sturmflut 1962 und wusste, wo sie heute lebt. Per­sönliche Kontakte gab es aber nicht. Django Deluxe ist in der Hamburger Musikszene relativ bekannt. Ich wünsche der Band, dass ihr durch diesen Film bundesweit die Aufmerksamkeit zu­kommt, die sie verdient.

Was macht Hannelore Hoger zur perfekten Besetzung für die Rolle?

Ihre enorme Wandlungsfähigkeit zwischen ruppig und zärtlich, fordernd und witzig, zaghaft und kühn. Eine einzigartige Schau­spielerin, mit der man auf jede Reise gehen würde, egal wohin.

Das Interview führte Gudrun Schulz

Ein umfangreiches deutschlandweites Streetcasting

Interview mit dem Regisseur Kai Wessel

Filme, in denen das Leben von Sinti in Deutschland thematisiert wird, sieht man im deutschen Fernsehen nicht allzu häufig. Was hat Sie an der Geschichte gereizt, und was war Ihnen bei der In­szenierung dieses Stoffes wichtig?

Um ehrlich zu sein, war der Kontakt zu Sinti oder Roma in mei­nem bisherigen Leben nahezu null. Ich hatte mich bis dahin nicht tiefer mit den Kulturen beschäftigt, wusste nicht, dass sie ganz unterschiedliche Sprachen sprechen, geschichtlich eine andere Genese und daher  andere Werte haben, und oft ganz unter­schiedliche Leben führen. Mir war nicht bekannt, dass sie nur we­nige Berührungspunkte haben. Auch wenn man von Sinti spricht, darf man nicht glauben, dass man es mit einem homogenen Lebensstil zu tun hat. Sinti leben in allen denkbaren Lebensformen: Von dem stark von Traditionen geprägten Leben bis hin zur absoluten Assimilation ist alles mög­lich. Diese Erfahrungen waren sehr aufregend und lehrreich. Und ei­nen großen Teil davon wollten wir in dieser Culture-Clash-Komö­die unterbringen, ohne ein Lehrfilm zu sein.

Um aus dieser Vielschichtigkeit des möglichen Sinti-Lebens ein wenig herauszukommen, haben wir Kontakt zur Familie Weiß aufgenommen - eine große und alt eingesessene, hanseatische Familie mit über 500 Mitgliedern, und haben sie gefragt, ob sie uns bei der Umsetzung des Drehbuches helfen können. Sie ha­ben das Drehbuch von Beate gelesen und haben "Ja, sehr gern!“ gesagt. Das war für uns, das Projekt, den Film ein großes Glück. Dieser Film ist dann auch zu ihrem Film  (inklusive der Musik) geworden.

Inwiefern hat Sie die Auseinandersetzung mit Klischeevorstellun­gen von Sinti, mit denen der Film spielt, eigene Vorurteile und vorgefasste Meinungen überdenken lassen?

Einige meiner Vorstellungen vom Sinti-Leben wurden bestätigt, andere musste ich schnell aufgeben. Ich musste mich zum Bei­spiel von der Vorstellung trennen, dass Sinti nicht gern Zigeuner genannt werden. Ich habe viele getroffen, die sehr gern Zigeuner - und stolz darauf sind. Man darf sie auch so nennen, wenn es mit natürlichem Respekt geschieht.  Aber wie gesagt: Es gibt den Sinto, oder die Sintezza gar nicht. Es gibt in unserer Gesellschaft allerdings oft sehr starke Vorbe­halte. Die Familie Weiß kann davon berichten, wenn sie es auch nur ungern tun. Ein deutliches Beispiel war das Bekennen von Marianne Rosenberg als Sintezza. Danach ist ein Shitstorm über sie hineingebrochen. Es gibt leider viele Gründe, seine Herkunft als Zigeuner zu verleugnen.

Hatten Sie daran gedacht, die Rollen der Sinti mit professionellen Schauspielern zu besetzen?

Natürlich. Das war der erste Gedanke. Bis die Casterin Nina Haun und ich zusammen saßen. Es gibt offiziell keine Sinti- oder Roma-Schauspieler. Also dachten wir darüber nach, wer in Deutschland glaubhaft Sinti darstellen kann. Aber wie sieht ein Sinti genau aus? Was macht einen Menschen zu einem Sinti? Und wie geht man mit der Kenntnis der Kultur und der Sprache, dem Romnes, um? Wir bekamen ein ungutes Gefühl und dachten, eigentlich müssen wir original besetzen. Das heißt Laien. Pit Rampelt und Joachim Kosack haben die Idee sehr schnell mitgetragen und so begann ein umfangreiches, fast deutschlandweites Streetcasting.

Rigoletta Weiß ist – wie viele der anderen Sinti-Darsteller – keine professionelle Schauspielerin. Wie sind Sie auf die Familie Weiß aufmerksam geworden, und worin besteht beim Dreh mit Laien die besondere Herausforderung?

Rigoletta hat sich in den vielen Castings fabelhaft entwickelt. Sie ist ein wirkliches Talent. Das hat uns die Zuversicht gegeben, sie könne es schaffen, als Gegenspielerin von Hannelore Hoger, den Sinti eine Stimme zu verleihen, gegen die Fremdenfeindlichkeit und Kratzbürstigkeit von Rosemarie Roggenschaub. Der Kameramann Achim Poulheim war bei vielen Castings dabei und uns war schnell klar, dass wir uns vom eingespielten, profes­sionellen Drehen verabschieden müssen und ein neues, frisches und freies Drehsystem entwickeln müssen. Unser Ziel war es, jeden Druck aus den Dreharbeiten herauszunehmen und ein Klima eines Familienvideos oder Weihnachtsfilmes für die Familie herzustellen. Natürlich unter der technischen Wahrung eines professionellen Ergebnisses.

Inwiefern sind ganz persönliche Erfahrungen der Sinti-Darsteller in den Film eingeflossen?

Das Drehbuch von Beate Langmaack war sehr gut recherchiert, und so gab es von Anfang an keine Probleme. Lediglich in den Feinheiten, in der Ausgestaltung der Rollen haben wir Dinge ver­ändert, auf unsere realen Laien adaptiert. Alles, was auf Romnes ist, ist improvisiert. Rigoletta tat sich sehr schwer mit der Szene, in der sie Karten liest. Sie ist sehr gläubig. Und in ihrer Gemeinde ist Wahrsagerei ein absolutes Tabu. Wir haben lange überlegt, wie wir das Prob­lem gemeinsam lösen können. Letztlich konnte sie sich dann, im Rahmen einer komödienhaften Überhöhung, damit arrangieren.

Mit Hannelore Hoger haben Sie bereits für "Bella Block - Die Frau des Teppichlegers" gedreht. Warum war sie die perfekte Beset­zung für Rose Roggenschaub und was macht die Zusammenar­beit mit ihr so besonders?

In "Bella Block" ist Hannelore Kommissarin – ein Krimi, vielleicht manchmal Drama. Ich wusste aber, dass sie ein ganz ausge­zeichnetes Händchen für Komik hat und habe mich sehr gefreut, mit ihr eine Komödie drehen zu können. Sie ist unheimlich genau und hat ein fabelhaftes Timing. Und sie liebt ihre Figur, bei aller Distanz, die sie privat zur Roggenschaub hat. In diesem Zusammenhang hat es mich sehr gefreut, Christian Redl als ihren Partner gewinnen zu können. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten und sind schon selbst fast ein altes Ehe­paar. Es ist übrigens die erste Komödie, die Redl mit dem Film angeboten wurde, in über dreißig Jahren Schauspielerei. Ich hoffe, dass wir Hannelore Hoger, vielleicht sogar mit Christian Redl, in vielen wunderbaren Komödien sehen können.

Das Interview führte Gudrun Schulz

Ein faszinierendes Zusammenspiel

Interview mit dem Komponisten Ralf Wienrich

Musik spielt in "Frau Roggenschaubs Reise" eine zentrale Rolle: Die angeblich gestohlene Gitarre bildet den Ausgangspunkt aller Verwicklungen; Sasha Mandel spielt in einer Band, am Ende des Films steht ein Auftritt beim Elbjazz-Festival. Welche dramaturgi­sche Aufgabe hat die Musik im Film?

Wir hatten mal überlegt, das Motiv der "gestohlenen Jimi-Hendrix-Gitarre" musikalisch aufzugreifen, aber den Ansatz schnell wieder verworfen. Das könnte auch eine scheinbar wert­volle Vase aus der Ming-Dynastie oder ein seltener Jahrgang Scotch sein. Letztlich ist es nicht so wichtig, was die Hauptfigur zum Anlass nimmt, in ihrem wohligen Reihenhaus einen Raub­überfall zu fingieren. Mir war es wichtig, die Figur der Rose Roggenschaub nicht vorzuführen (dafür sorgt sie schließlich selbst), sondern eher ihre positiven Eigenschaften, ihre Hartnä­ckigkeit, das Sich-Nicht-Unterkriegen-lassen, aber auch ihre wei­che Seite, die Verletzlichkeit und Einsamkeit zu unterstreichen. Hannelore Hogers Schauspielkunst war dabei eine wunderbare Inspirationsquelle.

Für die Filmmusik haben Sie eng mit Django Deluxe zusammen­gearbeitet. Wie sind Sie auf die Band aufmerksam geworden, und was zeichnet ihre Musik aus?

Die Band hatte bereits bei den Dreharbeiten mitgewirkt beziehungsweise ist als Band mit eigenen Songs im Film zu sehen und zu hören. In­sofern lag es nahe, die Musiker in die Produktion der Filmmusik einzubeziehen. Es gab dafür aber auch musikalische Argumente. Neben der erstaunlichen Virtuosität von Giovanni Weiß, find' ich das Zusammenspiel der drei faszinierend. Sobald der erste Takt erklingt, verschmelzen sie zu einer Einheit, als würde nur noch eine Person spielen.

Neben Django Deluxe hat das Filmorchester Babelsberg mitge­wirkt. Wie ist die Idee dieser Kombination entstanden?

Am Anfang stand die Überlegung, das Leben der Sintos und Rose Roggenschaubs bürgerliche Welt auch musikalisch aufeinander prallen zu lassen, "Sinti-Jazz meets Sinfonieorchester" sozusa­gen. Im Verlauf der Musikproduktion hat sich das aber als eher theoretischer Gedanke erwiesen. Ich glaube, am Ende wollten wir eine möglichst vielschichtige, überraschende, abwechslungsrei­che Filmmusik, die vor allem unterhaltsam ist.

Ist das renommierte Filmorchester nicht schwer zu bekommen und auch schwierig zu finanzieren? Wie muss man sich die Auf­gabenteilung untereinander vorstellen?

Ein Orchester war zunächst nicht vorgesehen. Wir konnten die Musikredaktion des ZDF jedoch von unserem Konzept überzeu­gen. Die Koordination von Band und Orchester war eine interes­sante Herausforderung, weil dabei nun wirklich Musizierwelten aufeinander geprallt sind. Hier eine Band, deren Mitglieder sich improvisatorisch und nur nach Gehör orientieren, dort ein Orchester, das es gewohnt ist, nach einer möglichst detaillierten Notation und einem Dirigenten zu spielen. Für einige Tracks haben wir die Band vorproduziert, und das Orchester dann zu dieser Aufnahme spielen lassen. Wir haben aber auch Band und Orchester direkt aufeinander "losge­lassen". Beide Herangehensweisen haben gut funktioniert und kamen je nach Aufgabe und Charakter der Filmmusik zur Anwen­dung. Es war schön zu beobachten, wie sich die Spielfreude und rhyth­mische Energie der Band auf das Orchester übertrugen. Das konnte man sogar an der Mimik und Körpersprache der Orches­termusiker erkennen.

Das Interview führte Gudrun Schulz

"Der Mensch lernt mit dem Herzen, nicht mit dem Kopf"

Interview mit Hannelore Hoger

Hat das Drehbuch Sie sofort überzeugt oder mussten Sie für das Projekt erst gewonnen werden?

Nein, das Drehbuch fand ich gleich gut. Wir wussten ja von An­fang an, dass das Thema kompliziert ist und wir keinen Doku­mentarfilm machen. Also entstand die Frage: W I E ?  Dann ha­ben wir den Balanceakt zwischen Drama und Komödie gewählt, eigentlich die Form, die auch Tschechow oft in seinen Stücken bevorzugt. Und die Autorin Beate Langmaack wusste das. Ein Restrisiko bleibt. Der Film ist noch nicht gesendet.

Rose Roggenschaub ist am Anfang des Films keine glückliche Frau. Zu Höchstform läuft sie zunächst nur auf, wenn sie sich Boshaftigkeiten einfallen lässt. Ist es für Sie als Schauspielerin tatsächlich besonders reizvoll, einmal eine böse Frau zu spielen? Und dann die Entwicklung, die Wandlung?

Gutmenschen kann ich nicht leiden. Jeder Mensch ist nicht immer nur gut oder immer nur böse. Deswegen sind in unserem Beruf Wandlungen und Entwicklungen interessanter zu spielen. Wir möchten dem Zuschauer etwas aufzeigen, und wenn das mit Hilfe eines Lachens gelingt, umso besser.

Das Erkennen von Vorurteilen hängt bekanntermaßen von der Fähigkeit und Bereitschaft ab, die eigene Meinung kritisch zu überprüfen. Nicht gewillt und schon gar nicht bereit, ihre Meinung auf den Prüfstand zu stellen, kollidiert Frau Roggenschaub mäch­tig mit der Lebenswirklichkeit einer Großfamilie. Was meinen Sie, was braucht es, damit man sein Weltbild überprüft oder besten­falls revidiert?

Einsicht. Nobody is perfect. In diesem Fall helfen ihr die Anderen. Der Ehemann ist egoistisch, von dem hat sie nichts gelernt. Ihre Trauer, ihre Wut muss sie kanalisieren, und da hilft es, wenn man sich dem Fremden zuneigt. Die positiven Kräfte in ihr obsiegen. Aber, dass Angst eine natürliche Neugierde auf das, was ich noch nicht kenne oft verhindert, ist bekannt. Oder, wie Karl Valentin das ausdrückt: "Fremd ist der Fremde nur in der Fremde". Komik und Humor können viel helfen.

Was glauben Sie, warum so viele Menschen mit Argwohn auf Sinti und Roma reagieren?

Weil die Lebensform dieser Menschen anders und unbürgerlicher ist, als die eigene. Vorurteile haben ja viel mit Überlieferung zu tun. Kinder, wenn sie nicht schon von ihren Eltern versaut wur­den, sind da viel freier. Ihre Neugierde ist ungestillt, und sozusa­gen spielend lernen sie voneinander. Auch die Sprache.

Was bedeutet für Sie Familie?

Rückhalt. Menschen, auf die ich mich verlassen kann.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Laiendarstellern?

Großartig. Wir haben uns sofort verstanden. Das war sicher ein Glücksfall.

Was bedeutet Ihnen Musik?

Ich bedaure sehr, dass ich meinen Klavierunterricht nicht beibe­halten habe/konnte. Musik ist wunderbar und hat mich immer ge­tröstet. Der Mensch lernt mit dem Herzen, nicht mit dem Kopf.

Das Interview führte Christiane Diezemann

"Das warst ja du!"

Interview mit Rigoletta Weiß

Als Ihnen die Rolle der Marinela Mandel angeboten wurde – mussten Sie lange überlegen, bevor Sie zugesagt haben, schließ­lich standen Sie nie zuvor vor einer Kamera?

Nein, überhaupt nicht. Mir war sofort klar: Das muss ich machen – auch wenn es eigentlich Wahnsinn ist. Als ich auf einem Sinti-Festival davon hörte, dass nach einer weiblichen Hauptdarstelle­rin gesucht wird, wusste ich sofort: Das ist eine Chance, die sich mir kein zweites Mal im Leben bieten wird. Ich wollte mich unbe­dingt auf dieses Abenteuer einlassen. Ich hatte große Lust, aus meinem Alltag auszubrechen und etwas ganz Neues auszuprobie­ren. 

In Rosemarie Roggenschaub und Marinela Mandel stehen sich zwei starke Frauenfiguren mit viel Temperament gegenüber. Sie verkörpern die Rolle der Marinela mit Leib und Seele. Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten vorbereitet?

Natürlich hatte ich zu Beginn großen Respekt vor der Rolle und Sorge, wie ich den ganzen Text lernen sollte. Für das Casting sollte ich über Nacht ganze zwei Seiten auswendig lernen. Erst dachte ich, das schaffe ich nie. Aber was soll ich sagen – es hat geklappt. Wenn ich etwas unbedingt will, kann ich sehr beharrlich sein und Ehrgeiz entwickeln. Und in diesem Fall wollte ich unbe­dingt gut sein. Eine große Hilfe war unser Coach Konstantin Bür­ger, der mit mir die einzelnen Textpassagen durchgegangen ist und mir auch während der Dreharbeiten zur Seite stand.

Inwiefern konnten Sie eigene Erfahrungen und Erlebnisse in den Dreh einbringen?

Als ich das Drehbuch das erste Mal gelesen habe, war mir die Figur der Marinela sofort sehr vertraut. Ich konnte mir vorstellen, was in ihr vorgeht und warum sie so handelt. Das hat es mir leichter gemacht, mich in die Rolle 'reinzudenken. Wie sie, bin ich ein absoluter Familienmensch und sehr harmoniebedürftig. Ich habe es am liebsten, wenn alle Familienmitglieder um mich herum sind, ich sie bekochen und umsorgen kann. Für meine Kinder ist das nicht immer einfach. Wie Marinela habe auch ich oft mit meinem Sohn geschimpft und wollte ihm vorschreiben, wie er sein Leben zu leben hat. Die Sze­nen, in denen ich mit meinem Film-Sohn streite, sind schon sehr nah an der Realität. Als mein Sohn den Film gesehen hat, meinte er hinterher: "Das warst ja du"!

Viele der im Film thematisierten Vorurteile gegenüber Sinti sind leider durchaus verbreitet. Mit welchen Vorurteilen wurden Sie selbst schon konfrontiert und wie gehen Sie damit um?

Es stimmt, leider gibt es auch heute noch Menschen, die uns Sinti mit großem Misstrauen begegnen. Das Klischee, wir seien unor­dentlich und laut, höre ich immer wieder. Das Gefühl der Aus­grenzung und das Schimpfwort vom "dreckigen Zigeuner" kenne ich nur zu gut. Das ist verletzend und macht mich traurig. Ich bin ein sehr vertrauensvoller Mensch und setze immer erst einmal voraus, dass jemand, der mir freundlich gegenübertritt, auch gute Absichten hat. Leider habe ich schon allzu oft erfahren müssen, dass Menschen vordergründig freundlich sind, hinter meinem Rü­cken dann aber schlecht über uns reden. Unser starker Familien­verband und mein Glaube helfen mir da sehr.

Als Neuling standen sie gleich an der Seite der Schauspiel-Ikone Hannelore Hoger vor der Kamera. Wie haben Sie sich vor dem ersten Drehtag gefühlt und wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihr erlebt?

Es war natürlich eine große Ehre für mich, gemeinsam mit Hannelore Hoger zu spielen, und ich war selbstverständlich furchtbar aufgeregt. Sie ist so eine große Schauspielerin, die ich sehr bewundere, und ich bin absoluter Laie. Glücklicherweise ha­ben wir gleich eine Verbindung zu einander gefunden und sie hat es mir durch ihre liebenswürdige Art leicht gemacht, mich bei den Dreharbeiten zurechtzufinden.

Was hat Ihnen beim Dreh am meisten Spaß gemacht, und haben Sie Lust, ihre Schauspielkarriere weiter zu verfolgen?  

Ich habe jede Minute genossen. Alle am Set waren sehr herzlich und haben sich wirklich rührend gekümmert. Es hat mir richtig gut getan, einmal selbst umsorgt zu werden und so große Aufmerk­samkeit zu erfahren. Dieses Gefühl war ganz neu für mich. Kai Wessel hat mir immer sehr geduldig erklärt, worauf es in der nächsten Szene ankommt. Ich hatte großen Respekt vor ihm, doch er hat mir die Angst schnell genommen. Ich war richtig trau­rig, als die Dreharbeiten zu Ende gingen. Umso mehr würde ich mich freuen, einmal wieder vor der Kamera zu stehen.  

Das Interview führte Gudrun Schulz

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