Copyright: ZDF / kineo  / Weydemann Bros. / Yunus Roy Immer
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Systemsprenger

Laut, wild, unberechenbar: Die neunjährige Benni (Helena Zengel) treibt ihre Mitmenschen zur Verzweiflung. Dabei will sie nur eines: wieder zurück nach Hause. Das ZDF zeigt das Sozialdrama "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt am Montag, 17. Mai 2021, 20.15 Uhr, und bereits ab Montag, 10. Mai 2021, in der ZDFmediathek. Begleitet wir die Ausstrahlung des Films von den Dokumentationen "Schrei nach Liebe – Wie Kinder zu Systemsprengern werden" und "37°: Die Wütenden – Wenn Kinder das System sprengen". Helena Zengel ist außerdem noch einmal in ihrer ersten Rolle in "Die Tochter" zu sehen.

  • ZDF, Montag, 17. Mai 2021, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Ab Montag, 10. Mai 2021, 10.00 Uhr

Texte

Statement der Redaktion

Eine Frage, die uns alle angeht

Lange bevor die Systemrelevanz bestimmter Berufsgruppen durch die aktuelle Pandemie ins Bewusstsein rückte, wurde die damalige Filmstudentin Nora Fingscheidt auf Kinder und Jugendliche aufmerksam, die als "Systemsprenger" bezeichnet werden. Ausgelöst wurde ihr Interesse durch die Begegnung mit einem Mädchen, dessen aggressives Verhalten dazu geführt hatte, dass es in keiner Familie oder Erziehungseinrichtung ein Zuhause fand – in unserem System gab es für diesen Menschen offenbar keinen Platz.

Eine jahrelange Recherche und Bucharbeit, die Unterstützung durch eine engagierte Gruppe von Produzent*innen und vor allem Nora Fingscheidts großes inszenatorisches Talent und Können führten zu einem Film, der mehr als 600.000 Zuschauer*innen ins Kino lockte und zahlreiche nationale und internationale Preise gewann, unter anderem einen Silbernen Berlinale-Bär und sagenhafte acht Deutsche Filmpreise.

Dass dieser Film so erfolgreich bei Publikum wie Kritik wurde, ist auch der Verdienst von Kreativen wie dem Kameramann Yunus Roy Imer oder dem Filmmusiker John Gürtler, um nur zwei hervorzuheben. Und des Schauspielensembles, das Nora Fingscheidt für ihren Film gewinnen konnte: Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister sowie in der zentralen Hauptrolle Helena Zengel. Die mittlerweile Zwölfjährige wurde für ihre Darstellung der Benni mit einer Lola als Beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet und erhielt für eine weitere Rolle an der Seite von Tom Hanks inzwischen sogar eine Golden-Globe-Nominierung. Mit welcher Kraft und Ausstrahlung Helena Zengel bereits ihre erste Hauptrolle in dem Film "Die Tochter" spielte, ist ebenfalls in der ZDFmediathek und in einer Spätvorstellung am selben Abend bei uns zu sehen. Auch dieser Film entstand mit Unterstützung von ZDF/Das kleine Fernsehspiel.

Dass wir "Systemsprenger" gerade jetzt als Primetime-Free-TV-Premiere zeigen – begleitet von der anschließenden Back-to-back-Dokumentation "Schrei nach Liebe – Wie Kinder zu Systemsprengern werden" und der "37°-Dokumentation "Die Wütenden: Wenn Kinder das System sprengen" – ist für uns auch ein Beitrag zu einer wichtigen, aktuellen Debatte. Denn nach monatelangen Schul-, Kindergarten- und Kita-Schließungen ist die Frage nach der Situation von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft, die der Film so drängend stellt, eine, die uns alle mehr angeht als jemals zuvor.

Burkhard Althoff, ZDF-Redaktionsleiter Das kleine Fernsehspiel

Systemsprenger

Montag, 17. Mai 2021, 20.15 Uhr, ZDF
Ab Montag, 10. Mai 2021, 10.00 Uhr, 90 Tage in der ZDFmediathek

Systemsprenger
Spielfilm, Deutschland 2019

Der Fernsehfilm der Woche

Free-TV-Premiere

Stab

Buch und Regie Nora Fingscheidt
KameraYunus Roy Imer
Schnitt Stephan Bechinger, Julia Kovalenko
Ton Corinna Zink, Jonathan Schorr
MusikJohn Gürtler
Kostümbild Ulé Barcelos
SzenenbildMarie-Luise Balzer
Produzenten Peter Hartwig, Jonas Weydemann, Jakob Weydemann
Ko-Produzentin Frauke Korbmüller
Produktion Kineo Filmproduktion und Weydemann Bros. GmbH, in Koproduktion mit Oma Inge Film und ZDF/Das kleine Fernsehspiel
Förderer Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Deutscher Filmförderfonds, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Medienboard Berlin-Brandenburg, nordmedia, Kuratorium junger deutscher Film
Redaktion Burkhard Althoff
Länge ca. 116 Minuten

Mit Audiodeskription

 

Die Rollen und ihre Darsteller*innen

Benni Helena Zengel
MichaAlbrecht Schuch
Frau Bafané Gabriela Maria Schmeide
Bianca, Bennis Mutter Lisa Hagmeister
Erzieher Robert Tedros Teclebrhan
Pflegemutter Silvia Victoria Trauttmansdorff
Michas Frau Elli Maryam Zaree
Dr. SchönemannMelanie Straub
JensRoland Bonjour
Heimleiterin Redekamp Barbara Philipp
Lehrerin Gisa Flake
und andere

 

Inhalt

Laut, wild, unberechenbar: Benni! Die Neunjährige treibt ihre Mitmenschen zur Verzweiflung. Dabei will sie nur eines: wieder zurück nach Hause.

Benni heißt eigentlich Bernadette. Aber wehe, jemand nennt sie so! Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: alles hat Benni schon hinter sich, und überall fliegt sie wieder raus. Die äußerlich zarte Neunjährige ist jetzt schon das, was man beim Jugendamt einen "Systemsprenger" nennt. Doch das ist Benni egal, denn sie hat nur ein Ziel: wieder bei Mama wohnen! Aber Bianca ist völlig überfordert mit ihrer Tochter.

Die warmherzige Frau Bafané vom Jugendamt droht zu verzweifeln. Niemand will Benni mehr aufnehmen. Von der Schule ist sie dauerhaft suspendiert. Nicht einmal der Alltag mit ihr ist zu schaffen: wegen traumatischer Erfahrungen in frühester Kindheit darf niemand ihr Gesicht berühren. Frau Bafané wagt ein letztes Experiment und engagiert Micha, einen Anti-Gewalt-Trainer für straffällige Jugendliche. Nach anfänglichem Widerstand lässt Benni sich auf Micha ein, und statt einer erneuten Einweisung in die Kinderpsychiatrie ermöglicht er ihr einen gemeinsamen Aufenthalt in der Natur. Drei Wochen Erlebnispädagogik, ohne Strom und fließendes Wasser.

Die Zeit im Wald stellt nicht nur Benni, sondern auch Micha auf eine harte Probe. Der sonst so selbstbewusste Mann kommt an seine Grenzen. Doch es gelingt ihm schließlich, ein Erlebnis für Benni zu schaffen, auf das sie stolz sein kann, und einen wirklichen Zugang zu ihr zu finden.

Zurück in der "Zivilisation" klammert Benni sich an Micha und möchte bei ihm bleiben. Aber Micha hat eine eigene Familie und erkennt, dass er seine professionelle Distanz verliert. Als Bennis Mutter plötzlich wieder auftaucht, nehmen die Dinge ihren eigenen Lauf.

Regiekommentar Nora Fingscheidt

Mich faszinieren Kinder, die nicht zu bändigen sind und die vor Lebensenergie nur so strotzen. Kinder, die mit voller Wucht unsere Vorstellung von einem liebenswerten und "systemkonformen" Kind erschüttern. Als wir vor sechs Jahren einen Dokumentarfilm über ein Heim für wohnungslose Frauen in Stuttgart drehten, hörte ich zum ersten Mal den inoffiziellen, aber in der Jugendhilfe gängigen Begriff "Systemsprenger". Denn die Bewohnerin, die an diesem Tag einzog, war erst 14 Jahre alt. Keine Institution der Jugendhilfe wollte sie mehr aufnehmen.

Es folgte eine lange Zeit der Recherche und des Schreibens, ein Prozess, der mich immer wieder an meine persönlichen Grenzen brachte – und doch persönlich bereicherte. "Systemsprenger" sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen und ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen. Wie viel Energie braucht jemand, um pädagogisch ausgebildete Erwachsene immer wieder in die Verzweiflung zu treiben? Was, wenn es möglich wäre, diese Energie konstruktiv umzuleiten? Und was ist das eigentlich für ein "System", das am Ende ja auch aus Menschen besteht, die helfen wollen, aber immer wieder vor Hindernisse gestellt werden?

Nicht selten begegnet die restliche Gesellschaft den "Systemsprengern" erst später, wenn sie im schlimmsten Fall als junge Erwachsene gewalttätig werden. Dann werden sie schnell als "Täter" verurteilt. Allerdings bringt uns die Grenze, die wir zwischen Tätern und Opfern so gerne ziehen, nicht weiter. Jedenfalls nicht, wenn wir den Kindern helfen wollen.

Wir haben diesen Film gemacht, um Verständnis für Kinder wie Benni zu wecken. Der Strudel aus Wohnorten, der dauerhafte Wechsel von Bezugspersonen. Wie soll ein Kind, dessen einzige Kontinuität der Wechsel ist, irgendwo Halt finden? Gleichzeitig reißt Benni uns mit in die wilde und fantasievolle Welt eines Kindes, das um die Liebe seiner Mutter kämpft. Ihr Verhalten mag schockieren, doch die Zuschauer sollen sie mögen und um sie fürchten. Gewalt von Kindern ist ein Hilfeschrei. Immer.

Interview mit Albrecht Schuch

In einem "Masterclass"-Interview bei ZDFkultur spricht Albrecht Schuch unter anderem über seine Rolle in "Systemsprenger": https://www.zdf.de/kultur/kultur/masterclass-100.html

Preise und Auszeichnungen – eine Auswahl

2019 – 69. Berlinale – Silberner Bär Alfred Bauer Preis für Nora Fingscheidt
2019 – 69. Berlinale – Preis der Leserjury der Berliner Morgenpost
2019 – Europäischer Filmpreis – Jurypreis Beste Filmmusik für John Gürtler
2019 – Filmfestival Baden-Baden – MFG-Star für Nora Fingscheidt
2020 – Palm Springs Int. Film Festival – Beste Schauspielerin in einem int. Spielfilm
2020 – FIPRESCI-Preis für Helena Zengel
2020 – Deutscher Filmpreis Lola:
Bester Spielfilm – Jonas Weydemann, Jakob Weydemann, Peter Hartwig, Frauke Korbmüller
Beste Regie – Nora Fingscheidt
Bestes Drehbuch – Nora Fingscheidt
Beste weibliche Hauptrolle – Helena Zengeö
Beste männliche Hauptrolle – Albrecht Schuch
Beste weibliche Nebenrolle – Gabriela Maria Schmeide
Beste Tongestaltung – Gregor Bonse, Dominik Leube, Jonathan Schorr, Oscar Stieblitz, Corinna Zink
Bester Schnitt – Stephan Bechinger, Julia Kovalenk

Biografie Nora Fingscheidt (Buch und Regie)

Nora Fingscheidt, geboren 1983, engagierte sich ab 2003 beim Aufbau der selbst organisierten Filmschule filmArche in Berlin. 2008 bis 2017 studierte sie Szenische Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Ihr Zweitjahresfilm "Synkope" wurde für den Deutschen Kurzfilmpreis nominiert. Ihr Abschluss-Dokumentarfilm "Ohne diese Welt" wurde unter anderem mit dem Max-Ophüls-Preis und dem First Steps Award ausgezeichnet. "Systemsprenger", ihr erster Langspielfilm, erhielt unter anderem den Silbernen Bären der Berlinale 2019 sowie zahlreiche weitere nationale und internationale Preise. Nach diesem Erfolg wurde Nora Fingscheidt 2020 mit der Regie an ihrer ersten englischsprachigen Netflix-Produktion betraut, in der die US-Schauspielerin Sandra Bullock die Hauptrolle spielt.

Die Tochter

Montag, 17. Mai, 0.50 Uhr, im ZDF
Ab Montag, 10. Mai 2021, 10.00 Uhr, 90 Tage in der ZDFmediathek

Die Tochter
Spielfilm, Deutschland 2017

Das kleine Fernsehspiel

Stab

Buch und RegieMascha Schilinski
Kamera Fabian Gamper
Montage Svenja Baumgärtner
SzenenbildMadeleine Schleich
Musik ANNAGEMINA
SounddesignClaudio Demel, Bernhard Köpke, Alexandra Praet
Producerin und ProducerAnna Schmidt, Ruben Steingrüber
Associate Producer Frank Christian Marx
ProduktionFilmakademie Baden-Württemberg in Kooperation mit der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, unterstützt von ZDF/ Das kleine Fernsehspiel und Ente Kross Film UG, gefördert durch die Norbert Janssen Stiftungen Landesbank Baden-Württemberg
RedaktionBurkhard Althoff
Längeca. 99 Minuten

 

Die Rollen und ihre Darsteller*innen

LucaHelena Zengel
Hannah Artemis Chalkidou
Jimmy Karsten Antonio Mielke

 

Inhalt

Eifersüchtig kämpft die siebenjährige Luca vor der Kulisse einer griechischen Ferieninsel gegen die wieder aufflammende Liebe ihrer getrennten Eltern.

Als Jimmy und Hannah endlich einen Käufer für ihr marodes Ferienhaus auf der griechischen Vulkan-Insel gefunden haben, kehrt das ehemalige Paar mit der gemeinsamen siebenjährigen Tochter Luca zum ersten Mal an jenen Ort zurück, an dem es sich vor genau zwei Jahren getrennt hat. Kaum angekommen, treten trotz aller Bemühungen alte Spannungen und Konflikte an die Oberfläche. Vor allen Dingen Hannah ist eifersüchtig auf das sehr innige Vater-Tochter-Verhältnis, an dessen Exklusivität sie nicht heran zu reichen vermag. Doch auch bei Jimmy löst der bevorstehende Verkauf des Hauses etwas aus: Es ist das unumstößliche Ende von einem einstigen Traum – der gemeinsamen Zukunft als Familie. Dem Berliner Alltag entrissen, geschieht etwas, womit keiner mehr gerechnet hätte. Hannah und Jimmy verlieben sich wieder ineinander. Vorsichtig wagen sie einen Neunanfang als Liebespaar

Doch ausgerechnet ihre Tochter Luca setzt alles daran, genau dies zu verhindern. Luca reagiert eifersüchtig auf die für sie so ungewohnte Situation und fühlt sich vom Thron gestoßen. Die eigene Mutter wird für Luca zur Rivalin, die ihr den Papa wegnehmen will. Und so entspinnt sich vor der Kulisse eines Inselidylls ein bösartiger Machtkampf um die Familienkrone. Erschreckend berechnend verfolgt Luca ihr Ziel, um die Wiedervereinigung ihrer Eltern zu sabotieren. Geschockt müssen Hannah und Jimmy erkennen, wie tief sich über die Jahre ein perfider Rollentausch in ihr Familiensystem eingeschlichen hat: Luca ist die Königin an Vaters Seite und nicht mehr bereit, die Position des heimlichen Familienoberhaupts herzugeben. Mit kindlicher Cleverness spielt Luca die beiden gegeneinander aus und entlarvt ihre Eltern als bedürftige Kinder, die von der Gunst ihrer eigenen Tochter abhängig sind.

Mascha Schilinski über ihren Film

"Die Tochter" hat zwei Wurzeln. Letztes Jahr im Spätsommer saß ich in Berlin draußen auf der Terrasse eines Kreuzberger Restaurants und beobachtete folgende Szene: Ein ungefähr dreijähriger Junge rollte gelangweilt mit seinem Bobby Car um eine Eisenstange des Vorplatzes vorm Café. Quengelnd versuchte er, die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu erobern, die in ein lebhaftes Gespräch mit Freunden vertieft waren. Wütend über die Nichtbeachtung der Eltern, fing der Junge an, sein Bobby Car gegen die Eisenstange zu rammen, immer doller. Seine Eltern, lachend amErzählen, schauten nicht zu ihm. Zitternd vor Wut schmiss sich der Junge auf den Boden und kickte das Bobby Car zur Seite. Es fiel um. Laut begann er loszuheulen. Jetzt reagierten die Eltern. Die Mutter stand auf, ging zu ihrem Jungen hin, hockte sich neben ihn und wollte wissen, was ihm passiert sei. Der Junge zeigte heulend auf die Eisenstange und rieb sich den Kopf. Die Mutter pustete mitfühlend gegen seine Stirn, und der ganze Tisch schaute zu ihnen hinüber – alle raunten dem Jungen tröstende Laute zu. Die Mutter nahm ihr Kind auf den Arm und trug es zum Tisch. Der Junge schaute mich über die Schulter der Mutter hinweg an, und ich meinte, ihn ganz leise lächeln zu sehen. Jetzt hatte er die Aufmerksamkeit, die er wollte, obwohl in Wirklichkeit gar nichts passiert war.

Eine Art Schlüsselmoment für den Film war noch eine Situation: Kameramann Fabian Gamper und ich waren zur Vorbereitung unseres vorigen Filmes nach Ligurien gereist. Als wir in der Sonne vor der Eisdiele in Albenga saßen, trat ein Mann Anfang fünfzig mit einer attraktiven Frau Anfang zwanzig im Arm aus der Gelateria. Sie schleckten an ihrem Eis, und der Mann lachte verzückt, als die Frau versuchte, an seinem Eis zu lecken. Der enorme Altersunterschied fiel auf, aber die beiden wirkten wie ein glücklich verliebtes deutsches Urlauberpaar, das zusammen seine Ferien genießt. Da trat eine Frau im Alter des Mannes aus der Gelateria. Sie blieb im Schatten der Markise stehen und schaute zu dem turtelnden Paar in der Sonne. Ihr Blick war so ruhig und von so tiefer Traurigkeit, dass er mich im Innersten berührte. Die junge Frau drehte sich zur Gelateria um und rief der älteren Frau zu: "Mama, wo lang müssen wir?" Aufgereiht in einer Dreierreihe, liefen sie die Gasse entlang, und wir konnten ihnen nachsehen: links die Mutter mit einem halben Meter Abstand zu ihrem Mann, dann der Mann, der Arm in Arm mit seiner Tochter ging. Mutter, Vater, Kind. Aber es sah aus wie Ehefrau, Ehemann und Geliebte. Wann beginnt Rollentausch innerhalb einer Familie? Wieso haben Eltern plötzlich Angst vor ihren Kindern? Mit dem Film "Die Tochter" möchte ich eine andere Wirklichkeit zeigen als die allgemeingültige Annahme, alle Kinder würden wollen, dass ihre Eltern zusammen sind. Die Beziehung zum eigenen Kind stellt für Hannah und Jimmy die einzig konstante Bindung dar – die, die alle Paarbeziehungen überdauert. Sie sind sozusagen gleichermaßen abhängig von ihrem Kind, wie Luca von ihren Eltern. Luca bekommt durch ihre besondere Rolle in der Familienkonstellation eine Wichtigkeit für die Eltern, die ihr viel Macht verleiht. Und wie der Junge auf dem Bobby Car, nutzt Luca ihre Macht, um ihren Willen durchzusetzen. Das siebenjährige Mädchen ist bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Um ihre Identität – die Königin an Vaters Seite – zu wahren und das Bindeglied der Familie, der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, zu bleiben, wird sie zur Meisterin der Manipulation.

Biografie von Mascha Schilinski (Buch und Regie)

Mascha Schilinski wurde 1984 als Deutsch-Französin in Berlin geboren. Sie arbeitete als Kinder- und Jugend-Casterin für die Agentur Gesichter in Potsdam Babelsberg, bevor sie mit Anfang zwanzig auf eine mehrjährige Reise durch Europa aufbrach und u.a. mit einem kleinen Wanderzirkus als Zauberin und Feuerschluckerin durch Italien tourte. 2008 absolvierte sie die Drehbuch-Masterclass an der Filmschule Hamburg und arbeitete danach als freie Autorin für Serie und Film. 2012 begann sie ihr Regie-Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg. Dort entstand ihr Spielfilmdebüt " Die Tochter". Der Film feierte seine Premiere 2017 auf der Berlinale, wurde dort für den GWFF Preis Bester Erstlingsfilm nominiert und kam 2018 ins Kino. " Die Tochter" lief weltweit auf mehr als vierzig Festivals und wurde mehrfach international ausgezeichnet. Ab 2019 führte Mascha Schilinski bei der ZDF-Serie " SOKO Köln" Regie und arbeitet zurzeit an ihren nächsten Langfilmprojekten.

Preise und Auszeichnungen

2017 – 67. Berlinale – Perspektive Deutsches Kino, Nominierung Best First Feature Award
2017 – 27. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin Grand Jury Prize – Flying Ox – Best Music and Sounddesign
2017 – 12. Cyprus International Film Festival "Golden Aphrodite”, Paphos Best Actor in a feature film (Karsten Antonio Mielke
2017 – 6. Evolution Mallorca Int’l Film Festival Best Actor feature film: Karsten Antonio Mielke
2017 – London Lift-Off Film Festival (Official Selection, London, United), Best feature
2018 – 13th Vancouver International Women in Film Festival (Official Selection, Vancouver, Canada)
2018 – 13th Vancouver International Women in Film Festival (Official Selection, Vancouver, Canada) Winner
– 'IATSE 891'-Award – Best feature
– "Directors Guild of Canada –AWARD" for Best direction in a feature: Mascha Schilinski
– Bron-Award' for Best screenplay: Mascha Schilinski
– CCE-Award for Best editing in a feature: Svenja Baumgärtner
– CFM-Award for Best musical score: Annagemina
– Jury-Special-Mention for Artemis Chalkidou

Schrei nach Liebe – Wie Kinder zu Systemsprengern werden

Montag, 17. Mai 2021, 22.10 Uhr, ZDF
Ab Montag, 10. Mai 2021, 10.00 Uhr, in der ZDFmediathek

Schrei nach Liebe – Wie Kinder zu Systemsprengern werden
Film von Liz Wieskerstrauch

Stab

Kamera Reiner Bauer
SchnittSteffen Meibaum
ProduktionSpiegel TV
RedaktionNina Behlendorf
Leitung der Sendung Markus Wenniges
Länge ca. 30 Minuten

 

Inhalt

Notunterkunft, Kinderheim, Wohngruppe: Luca war schon überall. Er kommt nirgendwo klar, schlägt oft um sich – und sucht eigentlich nur Halt, ein echtes Zuhause. Luca ist ein sogenannter Systemsprenger.

Anschließend an den Spielfilm "Systemsprenger" zeigt die Back-to-back-Dokumentation "Schrei nach Liebe" die tatsächliche Situation von Kindern und Jugendlichen, die durch das bundesweite Raster an Hilfesystemen fallen, und hinterfragt, warum dies immer wieder passiert. Experten schätzen, dass es in Deutschland bis zu 13.000 Kinder gibt, die als Systemsprenger gelten.

Autorin Liz Wieskerstrauch begleitet unter anderen den neunjährigen Luca. Weil er geschlagen wurde, hatte ihn das Jugendamt bereits als Säugling aus der Familie genommen. Er kommt zunächst in eine Pflegefamilie, dann in ein Kinderheim und in Wohngruppen. Immer wieder kümmern sich neue Betreuer um ihn – immer wieder baut Luca Vertrauen auf. Und immer wieder wird er enttäuscht. Luca reagiert auf seine Art – mit Beleidigungen, Ausrastern, massiver Gewalt: "Als ich mal richtig ausgerastet bin und einem Erwachsenen den Arm umgedreht hab, bin ich in sowas wie ein Heim gekommen." "An sich ist es ein lieber, netter, schlauer Junge, der halt öfters nicht anders kann, als auszurasten", erzählt sein Betreuer. Für den Bremer Kinderpsychologen Stefan Rücker ist klar: "Mit heftigen Aggressionen zeigen Kinder wie Luca, dass sie eigentlich Nähe suchen. Die Kinder erleben Bindungs- und Beziehungsabrisse. Das ist die Ursache des Problems. Diese Kinder werden nicht zu Systemsprengern, sondern das System macht sie zu Systemsprengern."

Das bestätigt Karla. Auch sie wurde früh ihren Eltern entzogen, hat drei Pflegefamilien und acht Wohngruppen durchlaufen: "Ich habe mich ganz doll ungeliebt gefühlt. Ich dachte: Niemand möchte mich haben", erzählt die 20-Jährige im Interview. Geholfen hat ihr eine von Menno Baumann begleitete, sehr kleine Wohngruppe: "Unser oberstes Prinzip: Wir müssen den Kindern die notwendige Sicherheit geben", erklärt der Professor für Intensivpädagogik. "Wir müssen ihnen die Erfahrung vermitteln: 'Wir bleiben auch in deinen Krisen bei dir und werfen dich nicht raus.'"

Die Dokumentation von Liz Wieskerstrauch beleuchtet die Schicksale von Systemsprenger-Kindern und zeigt auf: Weil das überforderte Hilfesystem für Kinder wie Luca nicht frühzeitig einen adäquaten Platz findet, werden Kinder zu Systemsprengern. Ein frühzeitiges Kontrollsystem und bundesweit kooperierende Jugendämter könnten helfen, solche Entwicklungen zu verhindern.

37°: Die Wütenden
Wenn Kinder das System sprengen

Dienstag, 18. Mai 2021, 22.15 Uhr, ZDF
Ab Dienstag, 18. Mai 2021, 14.00 Uhr, in der ZDFmediathek

37°: Die Wütenden
Wenn Kinder das System sprengen

Film von Anabel Münstermann und Valerie Henschel

 

RedaktionBrigitte Klos
Längeca. 28 Minuten

Mit Audiodeskription

 

Inhalt

"Systemsprenger" bringen mit ihrer Aggressivität alle an die Grenzen. Die Not dieser schwer traumatisierten Kinder wird oft nicht erkannt. Eltern und Lehrer reagieren zu spät. Und was dann? Luna und Lennard wurden aus ihren überforderten Familien genommen und haben die typische Abstiegsspirale stark verhaltensauffälliger Kinder durchlaufen. Für beide begann eine Odyssee durch die Instanzen der Jugendhilfe. Wo finden sie einen Platz, wer gibt ihnen Halt?

Bis zu ihrem 14. Lebensjahr lief alles ganz gut. Vielleicht ein bisschen chaotisch, weil ihre Mutter alleinerziehend war und Luna als ältestes von fünf Kindern sehr viel Verantwortung zu tragen hatte. Aber das Leben auf dem Land in ihrem großen Haus mit ihren Tieren gefiel ihr. "Das Haus war meine Festung, hier konnte ich Spaß haben, traurig sein und mich beschützt fühlen." Doch dann, als sie gerade in der Schulkantine war, kam der Anruf, dass ihr Haus in Flammen steht. Luna kümmert sich um ihre Geschwister, um ihre Mutter, die unter Schock steht. Das Haus ist nicht mehr bewohnbar, und die Familie bekommt eine Zweizimmerwohnung zugewiesen. Hier geht es vornehmlich um die Not der Kleinen, ihre Ängste stellt Luna hinten an, schluckt sie runter. In dieser Ausnahmesituation tauchen plötzlich lang verdrängte Erinnerungen auf an den Vater, der über Jahre gewalttätig war. Gegen Luna und gegen die kleineren Geschwister, was vielleicht noch schlimmer war, weil sie sich dann so hilflos und schuldig fühlte.

Luna ist nicht fähig, diese inneren Bilder zu sortieren, sie kann das alles nur herausschreien: ihre Wut, diese unerträgliche Ohnmacht. Eines Nachmittags zerschlägt Luna die Türen und geht auf die Geschwister los. Ihre Mutter ruft die Polizei. "Als ich in diesem Polizeiwagen saß, dachte ich nur, das war's, jetzt hast du keine Familie mehr. Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich selbst schuld war." Von da an geht es abwärts. Sie fliegt von der Schule und aus dem Heim, kommt in eine neue Einrichtung und muss auch diese wieder verlassen. Eine Maßnahme folgt auf die nächste. Immer wieder heißt es, Luna sei nicht tragbar, eine Gefahr für die Gemeinschaft. Als letzte Chance bekommt sie eine eigene kleine Wohnung und einen Betreuer, der es gut mit ihr meint. Mittlerweile ist sie 18 und scheinbar ruhiger und ausgeglichener. Bis ein Brief mit schlechten Nachrichten vom Gericht kommt und Luna wieder komplett ausrastet.

Lennard (12) würde am liebsten den ganzen Tag mit dem Hund aus der Nachbarschaft spielen. "Wenn ich traurig bin, weil ich nicht bei meiner Mama sein kann, tröstet mich der Hund." Nicht bei seiner Mutter sein zu können – das ist das Gefühl, das Lennard seit seinem dritten Lebensjahr begleitet. Und das ihn manchmal an seine Grenzen bringt. Zum Ausrasten, wie er das nennt. "Das ist wie beim Strom. Der muss etwas haben, wo er sich entlädt. So ist das bei mir auch. Du brauchst irgendwas, woran du es auslässt. Wenn es die Tür ist, wenn es die Wand ist, wo dann irgendwann ein Loch drin ist oder wenn du es ins Kissen schreist."

Nach traumatischen Kindheitserlebnissen wurde Lennard von seiner damals noch sehr jungen Mutter getrennt und seitdem durch die Instanzen des Jugendhilfesystems gereicht. Mit sieben Jahren hatte er bereits in elf verschiedenen Familien und Einrichtungen gelebt, weil für ihn und seine Wut nirgends dauerhaft Platz war. In seiner zwölften Station, einer betreuten Jungen-WG im Harz, würde er gerne bleiben. Die Ausraster sind selten geworden, und einmal im Monat darf er seine Mutter und die kleine Schwester besuchen. Ein Stück Normalität, das sich Lennard schon so viele Jahre wünscht. Aber dann geschieht etwas Unerwartetes.

Lennard und Luna geben uns einen Einblick in die verlorenen Seelen von Kindern, die sich nirgends angenommen fühlen.

Masterclass-Interview mit Albrecht Schuch

In einem "Masterclass"-Interview bei ZDFkultur spricht Albrecht Schuch unter anderem über seine Rolle in "Systemsprenger": https://www.zdf.de/kultur/kultur/masterclass-100.html

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