Wir sind jung. Wir sind stark.

Zum 25. Jahrestag der Pogrome in Rostock-Lichtenhagen

Der Spielfilm "Wir sind jung. Wir sind stark." von Burhan Qurbani erzählt aus verschiedenen Perspektiven von den Ereignissen des 24. August 1992 in Rostock-Lichtenhagen, die sich in diesem Jahr zum 25. Mal jähren und auf unheimliche und erschreckende Weise aktuell erscheinen. 

  • ZDF, Donnerstag, 17. August 2017, 22.15 Uhr

    Texte

    Wir sind jung. Wir sind stark.
    Stab, Besetzung, Inhalt

    Donnerstag, 17. August 2017, 22.15 Uhr

    Wir sind jung. Wir sind stark.

    Spielfilm, Deutschland, 2014

    Deutsch / Vietnamesisch m.d.UT

    Stab

    Buch Martin Behnke, Burhan Qurbani
    Regie Burhan Qurbani
    Kamera Yoshi Heimrath
    Schnitt Julia Karg
    MusikMatthias Sayer, Tim Ströble
    Szenenbild Jill Schwarzer
    TonStephan von Hase, Kai Lüde, Rainer Gerlach
    Sounddesign Rainer Gerlach
    Produzenten Jochen Laube, Leif Alexis
    Produktion

    Produktion UFA FICTION Ludwigsburg in Koproduktion mit ZDF/Das kleine Fernsehspiel in
    Zusammenarbeit mit ARTE, cine plus Filmproduktion und UFA Cinema.

    Redaktion Burkhard Althoff (ZDF), Olaf Grunert (ZDF/ARTE)
    Länge ca. 116 Minuten

     

    Die Rollen und ihre Darsteller

    StefanJonas Nay
    Lien Trang Le Hong
    MartinDevid Striesow
    Robbie Joel Basman
    Jennie Saskia Rosendahl
    GoldhahnPaul Gäbler
    Sandro David Schüttler
    TaborJakob Bieber
    RamonaGro Swantje Kohlhof
    Thao Mai Duong Kieu

    und andere

    Inhalt
    Der Spielfilm "Wir sind jung. Wir sind stark." erzählt aus verschiedenen Perspektiven von den Ereignissen des 24. August 1992 in Rostock-Lichtenhagen, die sich in diesem Jahr zum 25. Mal jähren und auf unheimliche und erschreckende Weise aktuell erscheinen.

    In einer verödeten Wohnsiedlung hängen Jugendliche herum und wissen nichts mit sich anzufangen. Tagsüber gelangweilt, harren sie der Nächte, um gegen Polizei und Ausländer zu randalieren. Auch Stefan, der Sohn eines Lokalpolitikers, streift mit seiner Clique ziellos durch die Gegend. Es brodelt, aber immer nur bis kurz vor dem Siedepunkt. Ohne Job und eine Aufgabe finden die Freunde immer nur sich selbst als Ziel kleinerer und großer Grausamkeiten. Gefühle werden nicht zugelassen, Freundschaft und Loyalität sind nur Beiwerk einer aufgesetzten Ideologie.

    Auch Lien lebt mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in der Siedlung, im sogenannten Sonnenblumenhaus, das von Vietnamesen bewohnt wird. Sie glaubt in Deutschland eine Heimat gefunden zu haben und will auch nach der Wende bleiben. Ihr Bruder dagegen plant die Rückkehr, weil er vor dem Hintergrund der wachsenden Anfeindungen um die Zukunft seiner Familie fürchtet.

    Es ist der 24. August 1992 als die Geschichten dieser Menschen zusammentreffen: Ein Mob hat sich vor dem Sonnenblumenhaus versammelt. Auch Stefan und seine Clique sind unter den Randalierern. Die Krawalle eskalieren, und schließlich wirft einer den ersten Molotow-Cocktail ins Haus. Die tatenlos zuschauende Menge klatscht Beifall, während im Haus die Vietnamesin Lien, ihr Bruder und ihre Schwägerin wie alle Bewohner um ihr Leben kämpfen. Am Ende dieses Tages wird sich für viele das Leben geändert haben. Dabei eint sie alle die Sehnsucht nach einer Heimat, nach Liebe und einer Alternative im Leben; nach der Möglichkeit den eigenen Traum vom Glücklichsein verwirklichen zu können.

    "Mein Film möchte erinnern"
    Statement des Regisseurs Burhan Qurbani

    Ich war noch sehr klein, als die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen stattfanden. Ich kann nicht behaupten, dass ich damals alles verstanden hätte, was im TV zu sehen und in den Zeitungen zu lesen war und was es für das gerade wiedervereinigte Deutschland hieß. Ich kann mich aber sehr lebhaft an die Bilder erinnern. Die haben sich eingebrannt, die habe ich verinnerlicht: das Feuer, die Chaoten und die Schaulustigen, 3000 Stück an der Zahl, und ihnen entgegen zum Teil fast doppelt so viele Polizisten.

    Ich kann mich erinnern, dass ich mich plötzlich sehr fremd gefühlt habe in Deutschland. Es ist seltsam, aber ich glaube, dass ich in dieser Zeit zum ersten Mal mein Ausländersein verstanden habe. Nichtwillkommensein. Hier nicht ganz Zuhause sein. Der Grund unter meinen Füßen war plötzlich doppelbödig. Eine erste Infragestellung von Heimat. Ich glaube, dass es vielen, die damals Steine und Mollis geworfen haben, eigentlich ganz ähnlich ging. Aber Rostock-Lichtenhagen droht im kollektiven Unterbewusstsein unserer Gesellschaft zu versickern. Mein Film möchte erinnern. Nicht anklagen, nicht denunzieren, aber dieses Ereignis, welches eine der schlimmsten zivilen Katastrophen der Deutschen Nachkriegszeit war, noch mal ins Gedächtnis rufen.

    Biografie von Regisseur Burhan Qurbani

    Burhan Qurbani wurde 1980 in Erkelenz geboren. Seine Eltern flohen 1979 als politisch Verfolgte nach Deutschland. Er studierte Spielfilmregie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Seine Kurzfilme wurden auf vielen Filmfestivals auf der ganzen Welt ausgezeichnet. "Shahada", Burhan Qurbanis Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg, lief auf der 60. Berlinale 2010 im Wettbewerb. Unter vielen anderen Preisen erhielt "Shahada" einen Golden Hugo beim Chicago International Film Festival. Als Teil des Omnibusprojekts "20xBrandenburg" drehte Burhan Qurbani die Dokumentation "Krieger ohne Feind". Die Filmreihe wurde 2011 mit dem Grimme Preis ausgezeichnet. Zurzeit arbeitet er an einer Neuverfilmung von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz".

    Preise und Festivals

    Preise

    Lola, Bester Nebendarsteller Joel Basmann, Deutscher Filmpreis 2015
    Bester Film, Leif Alexis, Jochen Laube, Deutscher Filmpreis 2015, Nominierung
    Beste Kamera, Yoshi Heimrath, Deutscher Filmpreis 2015, Nominierung
    Beste männliche Hauptrolle, Devid Striesow, Deutscher Schauspielerpreis 2015
    Beste weibliche Nebenrolle, Trang Le Hong, Deutscher Schauspielerpreis 2015, Nominierung
    Beste Nachwuchsdarsteller Joel Basman, Deutscher Schauspielerpreis 2015, Nominierung
    Friedenspreis des Deutschen Films "Die Brücke", Nachwuchspreis 2015
    Bayerischer Filmpreis 2016, Bestes Drehbuch (Martin Behnke, Burhan Qurbani)
    Special Prize der Jury des Sofia Film Festivals 2015
    1. Preis Wettbewerb, Argentina FICIP 2016
    Bambi Award 2015, Bester Spielfilm, Nominierung
    Beste Regie, Burhan Qurbani, Festival des Jungen Europäischen Films VOICES 201
    Bester Schnitt für Julia Karg, International Filmfestival Rome 2014
    Signis Award, Publikumspreis, International Filmfestival Rome 2014
    Social Award, Preis für soziale Integration gegen Diskriminierung, Filmfestival Rom 2014
    Bildkunst Förderpreis Bestes Kostümbild: Juliane Maier, Internationale Hofer Filmtage 2014
    Bildkunst Förderpreis Bestes Szenenbild: Jill Schwarzer, Internationale Hofer Filmtage 2014
    Der Förderpreis neues Deutsches Kino, Burhan Qurbani, Internationale Hofer Filmtage 2014, Nominierung
    Deutsch-Französischer Jugendpreis KINEMA, Internationales Filmfestival Braunschweig 2014
    Öngören Preis, Bester Film, Nuernberg Film Festival 2015
    In Spirit for Freedom Award, Bester Film, Jerusalem Film Festival 2015, Nominierung

    Festivals – eine Auswahl
    International Filmfestival Rom 2014
    Internationale Hofer Filmtage 2014
    Sofia Film Festivals 2015
    Jerusalem Film Festival 2015

    "Der Schoß ist fruchtbar noch"
    Statement des ZDF-Korrespondenten und -Reporters Dietmar Schumann

    Dietmar Schumann, langjähriger ZDF-Korrespondent und -Reporter, gehörte zum Team von "Kennzeichen D", das während der Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen am 24. August 1992 zu den Menschen in das belagerte Haus ging und sich zusammen mit ihnen in letzter Minute retten konnte.

    "Kennzeichen D" war nie mainstream. Auch nicht im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Während der ausländerfeindlichen Aktionen einer von Rechtsextremisten aufgehetzten Menschenmasse.

    Während hunderte Journalisten auf der Mecklenburger Allee Stellung bezogen hatten, um die Angriffe auf Ausländerwohnheime aus der Sicht der Belagerer zu beobachten, ging das Team von "Kennzeichen D" hinein ins Haus, zu den Belagerten. Wollte erfahren, wie es denen geht, denen den dritten Abend und die dritte Nacht "Ausländer raus! Deutschland den Deutschen!" in Stadionlautstärke entgegenschallte. "Kennzeichen D" war bei den Menschen, die sich aus Angst, erschlagen zu werden, seit Tagen nicht mehr hinauswagten auf die Straße.

    Sinti und Roma, aus Rumänien ins vermeintlich menschenfreundliche und reiche Deutschland gezogen, denen der Hass der aufgeputschten Massen ursprünglich galt, waren längst von den Rostocker Behörden weggebracht worden. Doch die Attacken gingen weiter. Richteten sich nun gegen 110 Vietnamesen, Frauen, Männer und Kinder. Gastarbeiter, die zu DDR-Zeiten ins Land geholt wurden, um auf den Werften und im Hafen zu helfen, und die nach der "Wende" in Rostock geblieben waren.

    Bei diesen verängstigten, weinenden Menschen drehte "Kennzeichen D", als das sogenannte "Sonnenblumenhaus" angezündet wurde. Von gewaltbereiten Jugendlichen aus dem deutschen Osten, die zu ihrem schändlichen und menschengefährdenden Tun motiviert worden waren von neofaschistischen Rädelsführern aus dem deutschen Westen.

    "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.", dieser Satz von Bertolt Brecht aus dem Drama "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui", geschrieben 1941, als Hitlers Überfall auf die Sowjetunion in Deutschland Massenbegeisterung auslöste, geht mir seit Rostock-Lichtenhagen nicht aus dem Sinn. Er ist auch das Leitmotiv des Kinofilmes "Wir sind jung. Wir sind stark." des Regisseurs Burhan Qurbani. Geschildert wird, wie es möglich ist, immer wieder und an jedem Ort in Deutschland, dass orientierungslose Menschen, wenn sie in die Hände von rechtsextremen "Rattenfängern" geraten, zu Gewalttaten verführt werden können.

    Ein Film, eindringlich inszeniert, besetzt mit hervorragenden jungen Schauspielern und einem überzeugenden Devid Striesow. Ein unbequemer Film, dem viele Zuschauer in Deutschland zu wünschen sind. Eine Mahnung, was geschehen kann hierzulande, wenn der Rechtsstaat vor Extremisten kapituliert.

    "Der Film kommt sehr nah an die Situation heran, die ich erlebt habe"
    Statement des ZDF-Kameramanns Thomas Höper

    Thomas Höper gehörte zu dem "Kennzeichen D"-Team, das in der Brandnacht im Sonnenblumenhaus eingeschlossen war. In letzter Minute gelang es dem ZDF-Team und den vietnamesischen Bewohnern über das Dach aus dem brennenden Haus zu entkommen.

    Ich habe den Film bei den Hofer Filmtagen gesehen und war beeindruckt, wie nah dran Drehbuchschreiber Martin Behnke und Regisseur Burhan Qurbani waren. Sie haben nicht nur die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen bestens beschrieben, sondern auch die Situation in der Brandnacht, so wie wir sie auch erlebt haben, trefflich nachgestellt. Es ist den beiden hoch anzurechnen, dass sie schnörkellos und ohne Übertreibung die Geschehnisse dieses Abends darstellen, ohne die damals Beteiligten zu kompromittieren. Ein Spielfilm ist immer Fiktion und keine Dokumentation, für mich kommt der Film sehr, sehr nah an die Situation ran, die ich erlebt habe. Dem gesamten Team und den Schauspielern möchte ich herzlich für diesen außergewöhnlichen Film danken.

    Fotos

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