ZDF-History: Michail Gorbatschow - Weltveränderer und Privatmann

Film von Ignaz Lozo

Er läutete das Ende des Kalten Krieges ein, ließ den Eisernen Vorhang fallen und ermöglichte die deutsche Wiedervereinigung. Am 2. März 2016 wird Michail Gorbatschow 85 Jahre alt. ZDF-History gab er ein neues ausführliches Exklusiv-Interview. Der Film des Osteuropa-Historikers Ignaz Lozo ist ein Porträt nicht nur des Weltpolitikers und Friedensnobelpreisträgers, sondern vor allem auch des Menschen Michail Gorbatschow.

Foto: Michail Gorbatschow im November 2015

  • ZDF, Sonntag, 28. Februar 2016, 23.30 Uhr

Texte

Stab

Sonntag, 28. Februar 2016, 23.30 Uhr
ZDF-History: Michail Gorbatschow – Weltveränderer und Privatmann
Film von Ignaz Lozo

Autor:                           Ignaz Lozo
Kamera                        Dmitri Rudakow, Bernhard Seifert
Schnitt                          Christian Herold
Sprecher                      Nick Benjamin
Produktion                    Achim Seegebrecht
Leitung                         Friedrich Scherer, Stefan Brauburger

ZDF in Zusammenarbeit mit Phoenix

Inhalt

Kurzinhalt
Er läutete das Ende des Kalten Krieges ein, ließ den Eisernen Vorhang fallen und ermöglichte die deutsche Wiedervereinigung. Am 2. März 2016 wird Michail Gorbatschow 85 Jahre alt. Die welthistorischen Veränderungen, die er ab 1985 als neuer Kreml-Chef einleitete, wirken weit in die Gegenwart hinein. Was trieb Gorbatschow an, die Sowjetunion von einer Diktatur hin zu mehr Demokratie zu führen? Was waren seine Ziele?
Für diese Dokumentation gab Gorbatschow ein neues und ausführliches Exklusiv-Interview. Darin schildert er auch seine Kindheit und Jugend, die Bedeutung der Lebensliebe zu seiner verstorbenen Ehefrau Raissa sowie seine Zeit nach 1991, als die Sowjetunion unterging und er den Kreml verlassen musste. Die filmische Spurensuche führt daher auch in seine südrussische Heimat und seinen Geburtsort. Die Dokumentation ist ein Porträt nicht nur des Weltpolitikers und Friedensnobelpreisträgers, sondern vor allem auch des Menschen Michail Gorbatschow. Der Autor Ignaz Lozo ist promovierter Osteuropahistoriker und ehemaliger Russlandkorrespondent. 2014 veröffentlichte er das historische Fachbuch "Der Putsch gegen Gorbatschow und das Ende der Sowjetunion", das auch in Russische übersetzt wurde.

 

Langfassung
Gorbatschow schildert prägende Details seiner Kindheit und Jugend, die teilweise einen Anstoß dafür gaben, dass er als Kreml-Chef umfassende Reformen in der Sowjetunion einleitete. 1937, im Jahr des Großen Terrors Stalins, erlebt der sechsjährige Michail die Verhaftung seines Großvaters, zu dem er eine enge Bindung hat. Diese Willkür und dieses Unrecht habe mit den Ausschlag für ihn gegeben, Rechtswissenschaft zu studieren, so Gorbatschow.

Als Kreml-Chef macht er es 50 Jahre später überhaupt erst möglich, dass über die Verbrechen Stalins in der Sowjetunion öffentlich gesprochen und geschrieben werden darf. Die Rehabilitierung unzähliger Stalinopfer und die Freilassung politischer Gefangener sowie die Schließung der Gulags gehören ebenso zu den Errungenschaften der Perestroika-Politik Gorbatschows.

Die filmische Spurensuche führt daher auch in seine südrussische Heimat und seinen Geburtsort Priwolnoje, das 1942 von der Wehrmacht besetzt wurde. Ein Jahr zuvor erlebt der 11jährige das herzzerreißende Abschiednehmen von den sowjetischen Vätern, Ehemännern, Söhnen und Brüdern, die an die Front gegen die Deutschen einberufen werden. 1944 kommt ein Brief von der Front, sein Vater Sergej sei im Kampf den Heldentod gestorben. Ein Trauma für den jungen Michail, auch wenn es sich bei der Nachricht im Nachhinein um ein glückliches Versehen handelt. Die Angst um den Vater während der Kriegsjahre und die Sehnsucht nach Frieden prägen das Leben des jungen Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der 1990 den Friedensnobelpreis erhalten wird.

In Bezug auf die Wiedervereinigung Deutschlands stellt er in der Dokumentation klar, dass der Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" nicht an die DDR-Führung oder an Honecker persönlich gerichtet war. Auch sei dies kein subtiler Hinweis an Honecker gewesen, Reformen einzuleiten.

Gorbatschow weist im Westen verbreitete Theorien zurück, es sei die "Maschinerie" und der Druck des damaligen US-Präsidenten Reagan gewesen, die die Reformen in der Sowjetunion erzwungen hätten. Schließlich schildert er die Bedeutung der Lebensliebe zu seiner verstorbenen Ehefrau Raissa sowie seine Zeit nach 1991, als die Sowjetunion unterging und er den Kreml verließ.

Film-Autor Ignaz Lozo über sein Interview mit Michail Gorbatschow

Ist nicht alles gesagt zu Gorbatschow? Das scheint nur so zu sein. Ich nahm mir einige wenig beleuchtete oder gänzlich unbekannte Themen vor für mein seit 1994 siebtes Einzelinterview mit ihm. Darunter Gorbatschows Kindheit, die Kriegsjahre, seine Jugend sowie das "Rätsel" um den berühmten Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Angeblich hat der Kreml-Chef diesen Satz, der von einem Dolmetscher so sinngemäß ins Deutsche übersetzt wurde, als Warnung an Erich Honecker gesagt,  als er diesen in Ost-Berlin zum 40. Staatsjubiläum der DDR im Oktober 1989 besuchte. Doch wie genau es zu diesem geflügelten Wort kam und an wen es gerichtet war, ist keineswegs klar.

In der Gorbatschow-Stiftung am Rande des Zentrums von Moskau treffe ich den Hausherrn an einem grauen Novembertag 2015. Laut mit seinem Gehstock gegen die offene Tür klopfend kündigt er sich jovial dem Kamerateam und mir an. "Du schon wieder!", begrüßt er mich lächelnd. Er höre inzwischen schlecht, warnt er mich vor Interviewbeginn, was sich im Laufe des Gesprächs auch bestätigt.

Meine Interviewanfrage wurde, so berichtet mir seine Stiftungsleiterin, vor allem deshalb positiv beschieden, weil ihm die skizzierten Themenfelder zusagten und das Interview auf Russisch geführt werden kann. Er mag mittlerweile keine langen Übersetzungen der Fragen und Antworten mehr, die ein Gespräch quälend machen können, zumal er altersbedingt gesundheitlich nicht mehr ganz auf der Höhe ist. Aber geistig ist Gorbatschow nach wie vor hellwach.

Etwas mehr als zwei Stunden Interview sind es geworden! Auch die Frage nach dem Satz über das "Zuspätkommen im Leben" hat er beantwortet. Hintergründe präzisiert und klargestellt. Es gibt sicher noch weitere unbekannte Dinge aus seiner fast sieben Jahre langen Amtszeit im Kreml, die es nachzuverfolgen gilt. Es war und ist noch nicht alles gesagt über Gorbatschow.

Auszug aus dem Interview mit Michail Gorbatschow

POLITIK

Über den Anstoß zur Perestroika

"Die meist verbreitete Version lautet, dass wir uns durch die Maschinerie und den Druck von US-Präsident Reagan gezwungen sahen, Reformen einzuleiten. Ohne diesen Druck wäre in der Sowjetunion angeblich alles so weitergelaufen. Aber so ist es natürlich nicht gewesen.
Ich war ja unter anderem für Landwirtschaft zuständig. Es war unmöglich, so weiterzuleben. Es ging darum, dort etwas zu verändern und zu verbessern, nicht gleich das ganze System. Mit der Zeit zeigte sich aber, wenn wir das System nicht verändern, würden wir nichts erreichen."

Über den Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.":

"Ja, das ist der berühmte Satz, der so unterschiedlich interpretiert wird. Ich traf mich mit den SED-Politbüromitgliedern. Ich habe sie aber nicht kritisiert. Das wäre unanständig und falsch gewesen.(…) Ich begann über die Perestroika zu sprechen, auch über die Diskussionen darüber in der sowjetischen Führung. Ich sagte: Dort, wo wir zu spät gekommen sind, haben wir auch verloren. Deshalb: Wer zu spät kommt, der verliert. Und so nahm der Satz dann seinen Lauf."

Nachfrage: War das an Honecker gerichtet?

"Ich schilderte dies der SED-Führung, damit sie verstünde, wie der Perestroika-Prozess bei uns lief, wie es mit unserer Perestroika bestellt war. Aus den Schilderungen folgte, dass andere daraus Lehren ziehen sollten. Natürlich habe ich mir nicht erlaubt, Forderungen zu stellen. Auf keinen Fall!"

Nachfrage: War das auch kein subtiler Hinweis an Honecker, er möge seine Politik ändern?

"Nein, nein, nein."

 

PERSÖNLICHES und FAMILIENGESCHICHTE

Wie er zu seinem Vornamen Michail kam

"Ich hieß zwei Wochen lang Viktor. Unsere Dorfkirche war von den Bolschewiken bereits zerstört. Zur Taufe in die Kirche des Nachbardorfs brachte mich mein Großvater väterlicherseits.
Um zu verstehen, wie einfach dieser eigenwillige Mann Dinge entschied, muss ich folgendes voranstellen: Meine Mutter wollte meinen Vater nicht heiraten. Sie liebte ihn nicht stark genug. (Mit der Zeit aber wurde es eine glückliche Ehe.) Meine beiden Großväter hatten sich zusammengesetzt, alles beiseitegeschoben und verfügt: Ihr werdet heiraten! Basta! So funktionierte die Demokratie damals. (lacht)
Und als man mich aus dem Taufbecken wieder herauszog, fragte der Pfarrer: Wie soll der Junge heißen?  Mein Großvater darauf: Michail! – Und das war’s. Auch diese Frage wurde demokratisch entschieden. (lacht)"

Über die Verhaftung des Großvaters

"Es war eine schreckliche Zeit das Jahr 1937. Schrecklich! Mein Großvater mütterlicherseits wurde verhaftet als Saboteur und Volksfeind. 14 Monate war er eingesperrt und wurde verhört. Seine Frau, also meine Großmutter, zog zu uns. Nach seiner Verhaftung besuchte uns niemand mehr tagsüber. Unsere Verwandten konnten nur nachts kommen und fragen, was sie kaufen könnten, und uns helfen. Es war das Haus eines Volksfeindes.
Nach Abschluss des Verfahrens gegen meinen Großvater lautete das Urteil: Erschießen! Doch dann trat glücklicherweise 1938 eine neue Richtlinie in Kraft, dass die Erschießungsurteile von der lokalen Staatsanwaltschaft bestätigt werden müssten. Der Großvater wurde freigesprochen.
Ich kann mich an das Gespräch erinnern, das er am Abend seiner Rückkehr führte. Am großen Tisch im Dorf saßen alle Verwandten und er erzählte, wie es gewesen war. Es war erschütternd. Alle weinten. Er schaffte es, alle Folter zu ertragen."

Über die Einberufung des Vaters an die Front 1941

"Mein Vater wurde erst am 3. August einberufen, weil er und andere für die Ernte gebraucht wurden. Meine Mutter weinte, packte die ganze Nacht seine Sachen. Dann fuhren wir in die Kreisstadt zum Sammelplatz. Ich sah alles mit eigenen Augen. Es war ein herzzerreißendes Bild. Alle weinten. Man nahm Abschied und wusste nicht, ob man sich wiedersehen würde.
Mein Vater schenkte mir zum Abschied eine Balalaika. Ich schnitzte mit dem Messer das Datum hinein: 3. August 1941. Und er kaufte mir einen Riesenbecher Eis. Das war das leckerste Eis, das ich je in meinem Leben gegessen habe."

Über den vermeintlichen Tod des Vaters an der Front

"Im August 1944 bekamen wir einen Brief von der Front. Er war von Soldaten geschrieben und dabei lagen Fotos von uns und Briefe, die wir meinen Vater geschrieben hatten. Im Brief hieß es, mein Vater sei den Heldentod gestorben. Wir glaubten also, er sei tot und haben uns innerlich verabschiedet von ihm und ihn beweint. Doch dann bekamen wir einen Brief von ihm. Er hatte seine Dokumententasche im Kampf verloren und war daher für tot gehalten worden. Ja, so ein Drama hatten wir."

Über sein Studium

"Ich weiß nicht, warum gerade Jura. Vielleicht, weil das Unrecht gegenüber meinem Großvater vor meinen Augen passiert war. Es hatte mich aufgerüttelt."

Über die erste Begegnung mit seiner späteren Frau Raissa

"Ich war auf der Stelle hin und weg! Aber, offen gesagt, weckte ich ihre Aufmerksamkeit nicht – oder sie verheimlichte es. Ich habe sie nie gefragt, wie sie unsere erste Begegnung empfand. Während unseres gesamten gemeinsamen Lebens nicht. Ich glaube, wir hatten beide Glück. Sie und ich. Wir hatten so eine Freundschaft und so eine innige Beziehung zu einander, so ein tiefes, festes und gegenseitiges Vertrauen."

Zeitzeugen-Zitate

Horst Teltschik, Vize-Kanzleramtschef unter Helmut Kohl

"Die Begegnungen Helmut Kohls mit Gorbatschow begannen häufig mit gemeinsamen Erinnerungen an die Kriegszeit. Sie sind ja praktisch fast der gleiche Jahrgang und haben die Schlussfolgerung gezogen – beide: Schluss mit Spannungen, Schluss mit Kaltem Krieg, Schluss mit Konfrontation."

Iwan Budjakow, Jugendfreund

"Er konnte gut singen und Balalaika spielen. Die hatte ihm sein Vater gekauft. Wir kletterten auf den Ofen und dann sangen wir zur Balalaika."

Maria Michalowa , Cousine von Michail über das junge Ehepaar Gorbatschow, das in einem 11-Quadratmeter-Zimmer wohnte.

"Sie hatten ja für sich selbst kaum Platz. Sein Vater oder seine Mutter war mal dort und erzählte: Man kann sich da nicht mal umdrehen. Es war ein winziges Zimmer. Es standen dort ein Bett, eine Kiste, in der die Bücher waren. Und auf der Kiste mussten sie lesen, schreiben, kochen und essen."

Maria Michalowa, Cousine von Michail Gorbatschow, über seine Besuche in seinem Heimatdorf nach seiner Amtszeit im Kreml.

"Er kam zu Besuch und war wieder einer von uns – ein Bauer.” (lacht)

Historische Einordnung

Prof. Dr. Jan Kusber, Historiker Universität Mainz

"Michail Gorbatschow wird einen bleibenden Platz in der Weltgeschichte behalten und einnehmen. Für Russland bleibt bedeutend, dass er das autoritäre, totalitäre sowjetische System beerdigt hat. Was das historische Andenken angeht, was den historischen Stellenwert angeht, arbeitet die Zeit für ihn."

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