Bruder - Schwarze Macht

Vierteilige Dramaserie mit Sibel Kekilli

Der 21-jährige Deutschtürke Melih (Yasin Boynuince) hat seinen Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden und wendet sich dem Salafismus zu. Mit allen Mitteln versucht seine ältere Schwester Sibel (Sibel Kekilli), die als Polizistin arbeitet und sich gut in Deutschland integriert hat, ihren Bruder davon abzubringen, sich zu radikalisieren.   

  • ZDF neo, Ab 29. Oktober 2017, sonntags, 21.45 Uhr

Texte

Wir wissen zu wenig voneinander - Vorwort von ZDF-Redakteurin Karina Ulitzsch

Was treibt Heranwachsende aus Deutschland dazu, sich dem IS anzuschließen? Will man präventiv gegen den IS-Terror vorgehen, muss man sich mit dieser Frage beschäftigen.

"Bruder – Schwarze Macht" widmet sich der Lebens- und Gefühlswelt dieser Heranwachsenden, vor allem der von Migranten zweiter und dritter Generation. Für die Hauptfigur Melih ist klar, dass er in Deutschland bleiben wird, aber er fühlt sich hier nicht zugehörig, er bleibe immer "der Türke", eben der Andere. Sein deutscher Freund Tobi fühlt sich aus anderen Gründen aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Beide haben Schwierigkeiten, ihre Identität zu definieren.

Beim Thema Terror erwartet man action & crime. Doch Radikalisierungen passieren schnell und leise. Sie werden von den Angehörigen oft erst bemerkt, wenn es zu spät ist. "Bruder – Schwarze Macht" ist also ein Familienfilm. Erzählt wird er aus der Innensicht, einer Perspektive, die  im deutschen Fernsehen bisher noch nicht eingenommen wurde. Über die Figur Melih werden Gründe einer Radikalisierung verdeutlicht, über seine extrem angepasste ältere Schwester Sibel, die als Identitätsfigur fungiert und Melih aus dem Milieu herausholen will, werden Ansätze und Grenzen unserer (gesellschaftlichen) Handlungsmöglichkeiten erzählt.

Die Gründe für eine Radikalisierung sind vielfältig: Die Orientierungslosigkeit der Betroffenen; sie stehen zwischen zwei Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die beschädigte Autorität von Vaterfiguren. Sie sind in patriarchal strukturierten muslimischen Ländern zentral. Doch das Ansehen der Männer ist beschädigt, wenn sie, wie meist üblich, als Einwanderer der ers-ten Generation in gering qualifizierter Arbeit beschäftigt waren. Wenn es um die Bedeutung der Söhne ähnlich schlecht steht, wird die Rollenerwartung wieder enttäuscht. Erfahrung von Ausgrenzung, Demütigung und Ignoranz kommen hinzu – alles in allem ein explosives Gemisch.

Der Film greift diese Themen auf, nutzt aber auch mit Bedacht den Hintergrund der Erzählung, um sein komplexes Thema zu transportieren. Am Rande erfährt man – manchmal ahnt man auch nur – etwas von der Kenntnislosigkeit respektive den Vorurteilen vieler 'Westler', was den muslimischen Glauben oder die morgenländische Kultur angeht. Oder es wird auf der anderen Seite eine ungebrochen patriarchale Welt mit entsprechenden Stereotypen und Denkmustern angedeutet. Beobachtet man das Verhalten des gemäßigten Imams, dem Freund der Familie, so drängt sich einerseits dessen Problematik, andererseits dessen Verantwortung auf. Sind sie nicht Hüter ihrer Schäfchen? Wie gut wäre es gewesen, wären den orientierungslosen Heranwachsenden andere Koran-Interpretationen schon früher zugänglich gewesen, öffentlich vorhandene, präsente Alternativen zu den salafistischen Interpretationen.

Last but not least sei das Kreativteam benannt, das für ein solches Projekt entscheidend ist: Der "Writers' Room bestand aus dem Deutschpalästinenser Raid Sabbah, der Deutschtürkin Ipek Zübert und dem serienkundigen Andreas Dirr. Die Regie übernahm die Deutschsyrerin Randa Chahoud ("Ijon Tichy"). Ausführlichste Diskussionen waren die stete Begleitung dieses Projekts. Die Fachberatung hatten Ahmad Mansour und Christoph Reuter inne.

Stab

Buch                          Ipek Zübert
Folge 1: "Auge um Auge"
Folge 2: "Wir werden Euch Eure Sünden vergeben"
                 Andreas Dirr
Folge 3: "Himmel und Hölle"
                   Raid Sabbah
Folge 4: "Am  Ende der Dunkelheit"
Schnitt                

Sebastian Thümler

Kamera  Florian Mag    
Kostüme              Katrin Aschendorf           
Szenenbild          Florian Langmaack  
Ton                      Andreas Kluge
Musik                   Eike Groenewold           
Regie                   Randa Chahoud
Produktion
Produzenten
aspekt medienproduktion
Annett Neukirchen
Oliver Behrmann

Redaktion    

Länge      

Karina Ulitzsch  

4 x 45 Minuten

Besetzung

Sibel                                          Sibel Kekilli
Melih                                  Yasin Boynuince
Kurt                                     Bjarne Mädel
Tobi                                    Rouven Israel
André                                  Friedrich Mücke
Baris                                   Tim Seyfi
Berrak                                Hürdem Riethmüller
Miriam              Tauhida A. El-Latif
Bahr                                    Thorsten Merten

Kurzinhalt

"Bruder – Schwarze Macht" handelt von der IS-Radikalisierung des heranwachsenden Deutschtürken Melih (21) und seiner älteren Schwester Sibel (34), die versucht, ihn aus dem Milieu zu holen. Erzählt wird aus der Perspektive von Sibel, einer gut integrierten Polizistin, die sich zur Identifikationsfigur eignet. Sibel fühlt sich als ältere Schwester für ihren Bruder Melih verantwortlich. Melih ist intelligent und ausgestattet mit einem guten Abitur, hat aber Schwierigkeiten, seinen Platz im Leben zu finden. Als Einwanderer der zweiten Generation ist klar, dass er in Deutschland bleiben wird. Er fühlt sich allerdings in Deutschland nicht wirklich akzeptiert; Er bleibt "der Türke". Seine perfekten IT-Kenntnisse nutzt er im kriminellen Milieu. Als sein bester Freund Tobi zunehmend Gefallen an salafistischem Gedankengut findet, mokiert sich Melih anfangs darüber. Doch je länger seine Orientierungslosigkeit andauert, desto mehr interessiert er sich für diese Ideen. Als Sibel durch den Verfassungsschutz erfährt, dass ihr Bruder in radikal-salafistischen Kreisen verkehrt, versucht sie alles, ihren Bruder dort herauszuholen, scheitert jedoch. Melih taucht unter. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe um den charismatischen Führer Baris, bereitet er einen Anschlag vor. Sibel setzt nun alles auf eine Karte, um Melih davon abzuhalten. Dabei riskiert sie ihren Job, ihre junge Familie, ihre Zukunft.

Inhalt

Die deutsch-türkischen Geschwister Sibel (34) und Melih Kaya (21) sind wie Feuer und Wasser. Sibel hat einen Deutschen, Kurt, geheiratet und ist Polizistin. Sie fühlt sich gut integriert. Melih hat ein gutes Abitur, findet aber nicht seinen Platz in der Gesellschaft. Als Einwanderer zweiter Generation ist klar, dass er in Deutschland bleiben wird; aber zugehörig fühlt er sich nicht, und seine Umwelt sieht ihn noch immer als "den Türken". Zusammen mit seinem Freund Tobi verbringt er seine Zeit in einem dubiosen Internet-Laden. Seine perfekten IT-Kenntnisse nutzt er für den Kreditkartenbetrug. Melih landet vor Gericht und Sibel tobt. Als ältere Schwester und durch den frühen Tod des Vaters, ist sie für ihren Bruder verantwortlich. Sie bürgt für Melih. Die Auflage des Gerichts: Melih steht unter ihrer Obhut und muss bei ihr wohnen. Statt Sibel dankbar zu sein, werfen die Mutter und Melih ihr vor, sie sei besserwisserisch und deutscher als die Deutschen. Auch Kurt ist nicht begeistert. Er weiß, wenn Melih bei ihnen wohnt, werden die Geschwister streiten.

Melihs bester Freund Tobi beschäftigt sich immer mehr mit salafistischem Gedankengut und verändert sich rasant. Offensichtlich bekommt er seine Informationen über Baris, einen ehemaligen Musikproduzenten. Melih macht sich anfänglich lustig über Tobi und konfrontiert ihn mit Fragen, die dieser auch mithilfe seiner Verschwörungstheorien nicht beantworten kann. Doch Baris beeindruckt auch Melih. Er ist eine Führungsfigur. Über Baris lernen sie den charismatischen Prediger Abu Nour kennen. Er stellt Fragen, die Melih erreichen: Worin liegt der Sinn allen materiellen Strebens in dieser westlichen Welt? Für was leben sie? Wenn sie je vor Allah stehen, was haben sie Wichtiges getan? Je länger Melihs Orientierungslosigkeit andauert, desto offener ist er für diese Fragen und die an ihn herangetragenen Ideen. Je verlorener er sich fühlt, umso besser fühlt er sich aufgehoben in der Gemeinschaft der Salafisten; "unter Freunden, dort, wo man sich hilft und füreinander einsteht".

Kurt bemerkt Melihs Veränderungen und ist beunruhigt. Sibel sieht nur, dass ihr Bruder ordentlicher wird, strukturierter, ruhiger, disziplinierter. Doch was so positiv erscheint, ist in Wahrheit ein Abdriften in radikal-salafistische Kreise mit der innewohnenden Disziplin. Sibel erfährt durch den Verfassungsschutz, wo ihr Bruder sich aufhält. Sie hält das nicht für möglich – nicht ihr Bruder. Der Beamte vom Verfassungsschutz hat leider überzeugende Beweise.

Sibel versucht alles, Melih aus diesem Milieu herauszuholen, scheitert jedoch. Melih taucht unter. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe um den charismatischen Führer Baris, bereitet er einen Anschlag vor. Sibel setzt nun alles auf eine Karte, um Melih davon abzuhalten. Dabei riskiert sie ihren Job, ihre junge Familie, ihre Zukunft.

Inhalt der einzelnen Folgen  

Folge 1: "Auge um Auge"

Sonntag, 29.10.2017, 21:45 Uhr

Die deutsch-türkischen Geschwister Sibel und Melih sind wie Feuer und Wasser. Sibel (34) hat mit ihrem deutschen Mann Kurt und deren Tochter Miriam eine kleine Familie und arbeitet leidenschaftlich gerne als Polizistin. Sie fühlt sich gut integriert, wenn es auch manchmal nicht leicht ist, die deutsche und türkische Kultur zu verbinden. Mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Melih (21) gibt es deswegen oft Streit. Melih fühlt sich in Deutschland nicht akzeptiert. Aus seiner Sicht gehört man nie dazu und bleibt immer "der Türke". Trotz guten Abiturs fühlen er und sein Freund Tobi sich am wohlsten im "Second Handy", einem dubiosen Internetladen. Melih steuert dort seine brillanten IT-Kenntnisse bei, von denen der Besitzer Karsten profitiert. Er nutzt Melihs Wissen für Kreditkartenbetrug.

Sibel hat große Probleme mit ihrem Kollegen André. Seit langem hat er seine Aggressionen nicht im Griff. Jetzt zeigt sie ihn wegen Körperverletzung im Amt an und macht sich André so zum Feind. Als Melihs Kreditkartenbetrug auffliegt, hilft sie ihrem Bruder. Sie bürgt für ihn vor Gericht. Bis zum Prozess steht er unter der Aufsicht seiner Schwester und muss bei ihr wohnen. Die Konstellation birgt Streit, das ahnt Kurt sofort, auch wenn er seinen jungen Schwager sehr gerne mag. Sibels sechsjährige Tochter Miriam ist begeistert, dass ihr Onkel Melih nun bei ihnen wohnt.

Es gibt einen Grund, zu feiern: Sibel wird befördert – somit aber auch die Vorgesetzte von André, den sie angezeigt hatte. Sibel wünscht sich auch für Melih eine glückliche berufliche Zukunft. Sie möchte, dass Melih bei Kurt in der Möbelwerkstatt arbeitet, damit er seinem alten Umfeld und Karstens Handyladen fern bleibt. Als Sibel das "Second Handy" schließen lässt und Karsten verhaftet, ist Melih außer sich; er empfindet Sibels Handeln als "typisch deutsch". Statt ihre Familie zu decken, geht sie vor wie eine Polizistin. Melih wirft seiner Schwester Verrat vor. Aufgebracht trifft er sich mit Tobi. Der interessiert sich seit einiger Zeit für den Salafismus. Sein Wissen erhält er von Baris, einem ehemaligen Musikproduzenten – ein undurchsichtiger, aber charismatischer Typ. Melih hatte Tobi wegen seiner Verschwörungstheorien immer wieder aufgezogen, doch nun nimmt ihn Tobi mit in Baris' Welt. Melih ist von ihm und der Atmosphäre in dessen Wohnung angetan. Er erfährt dort Gemeinschaft und Anerkennung. Beide lernen außerdem den charismatischen Prediger Abu Nour kennen. Melih erlebt schließlich, wie Tobi mit der Shahada sein Glaubensbekenntnis ablegt. Dieses rituelle Erlebnis in der Glaubensgemeinschaft beeindruckt ihn sehr.

 

Folge 2: "Wir werden Euch Eure Sünden vergeben"

Sonntag, 05.11.2017, 21:45 Uhr

Als Jugendfreund ist Tobi bei Melihs Familie zum Fastenbrechen eingeladen. Dort trifft er auf den Freund der Familie, Imam Musa. Tobi und Melih befragen ihn: Was tut man, wenn man als Muslim benachteiligt wird? Was meint der Koran, wenn von dem Kampf gegen die Kuffarn, die Ungläubigen, die Rede ist? Musa verschiebt die Antwort auf später und wird daraufhin von Tobi als "Feierabend-Imam" beschimpft. Wütend verlässt er das Fest, gefolgt von Melih. Die Familie ist irritiert, der Imam warnt die Familie, Tobi sei auf einem gefährlichen Weg.

Antworten und Gemeinschaft finden Tobi und Melih bei Imam Abu Nour. Auch Melih geht jetzt öfter in die Al-Shabba-Gemeinde. Baris trainiert die Jungs körperlich und diskutiert verschiedenste Lebensfragen mit ihnen. So entfremdet sich Melih immer mehr von Sibel und Kurt. Da Kurt ihn durch die Arbeit in der Werkstatt noch am häufigsten erlebt, schöpft er Verdacht. Irgendetwas stimmt nicht mit Melih. Kurt wundert sich, warum er nicht ausgeht und sich für Mädchen interessiert. Sibel reagiert genervt. Sie glaubt, Melih sei ruhiger und disziplinierter geworden und hat kein Verständnis für Kurts Sorgen.

Sibels Kollege André rächt sich an Sibel, indem er Melih hart angeht, zusammenschlägt und ihn unter einem Vorwand festnimmt. Melih fordert einen Anwalt, doch seine Schwester rät davon ab. Melih missversteht seine Schwester und fühlt sich von ihr ein weiteres Mal verraten. Im Gegensatz zu Baris und Abu Nour – sie springen ein, beauftragen einen Anwalt und tragen die Kosten.

Bahr, ein Kollege des  Verfassungsschutzes, informiert Sibel, dass Melih sich häufig in der Al-Shabba–Gemeinde aufhält. Deren Prediger stehe im Verdacht, Konvertiten für den IS zu rekrutieren. Bahr würde Melih am liebsten "undercover" arbeiten lassen, um Einblicke in den inneren Zirkel zu erhalten. Sibel schlägt das aus, die Warnung hat sie aber verstanden. Die Familie beruft eine Zusammenkunft ein. Der Imam, die Mutter und Kurt wollen mit Melih reden und ihn von seinem Weg abbringen. Melih ist außer sich und verlässt im Streit das Haus.

 

Folge 3: "Himmel und Hölle"

Sonntag, 12.11.2017, 21:45 Uhr

Melih wird in den Kreis der Anhänger Abu Nours, des salafistischen Imams, aufgenommen. Die "Ungläubigen", so Abu Nour, würden ihre Leere mit Materiellem füllen und wären neidisch auf die Muslime. Allah gäbe den Gläubigen besondere Kraft. Melih und Tobi werden in Abu Nours Gemeinschaft weiter "geschult" sowie von Baris trainiert und diszipliniert. Während Abu Nour die Jungs auf sanfte Weise überzeugt, greift IS-Führer Baris später auch zu härteren Methoden. Tobi und Melih wollen im Kalifat kämpfen. Baris hat jedoch andere Pläne. Die Jungs sind ihm zu ungeduldig.

Unterdessen führt Sibel ihren eigenen Kampf. Fieberhaft sucht sie Melih, erträgt die Kritik ihrer Mutter, warum sie als Polizistin ihren Bruder nicht längst gefunden habe, und fälscht auf ihrer Dienststelle sogar heimlich Melihs Unterschrift; Melih muss sich bis zum Prozess zwei Mal wöchentlich melden. Schließlich bittet sie sogar ihren Kollegen André, ihr bei der Suche zu helfen. André kennt das Revier wie kein Zweiter. Der Deal: Wenn André ihr hilft, nimmt sie ihre Anzeige gegen ihn zurück. Ihre Arbeit als Polizistin macht sie sehr erfolgreich. Sie deckt einen Fall von gefälschten Pässen in einem muslimischen Beerdigungsinstitut auf.

Baris kauft mit Melih Waffen ein. Doch für Sibel bleibt er unauffindbar. Verzweifelt bittet sie den Verfassungsschützer Bahr um Hilfe. Kurt rastet aus, als Bahr in der Wohnung der Familie auftaucht. Er verlangt von Sibel, dass sie, aus Rücksicht auf ihre Familie, die Suche nach ihrem Bruder dem Verfassungsschutz überlässt. Die Gefahr werde zu groß. Sibel verwirft Kurts Zweifel. Da zieht Kurt mit Tochter Miriam aus.

Bahr hat Kenntnis vom Waffenkauf und lässt ein Phantombild von Melihs Begleiter anfertigen. Sibel kennt nur Melihs Freund Tobi, mit dem Phantombild kann sie nichts anfangen. Unterdessen bringt Baris Melih und Tobi in eine isolierte Terror-WG.

Bahr und Sibel kommen nicht weiter mit ihren Ermittlungen. Verzweifelt stürmt Sibel die Gemeinde Abu Nours und bedroht ihn unbedacht mit ihrer Waffe. Die Kollegen führen sie ab; Sibel wird vom Dienst suspendiert.

 

Folge 4: "Am Ende der Dunkelheit"

Sonntag, 19.11.2017, 21:45 Uhr

Bahr erfährt, dass Younes, eine wichtige IS-Führungsfigur, nicht tot ist, sondern sich im Großraum Hamburg aufhalten soll. Später wird Sibel Bahrs Phantomzeichnung genau als diesen Younes alias Baris identifizieren und Bahr außerdem entscheidende Hinweise geben, die mit den Vorkommnissen der gefälschten Pässe aus dem Beerdigungsinstitut zu tun haben.

Tobi und Melih werden durch die IS-Führer Baris und Ali endgültig auf das Attentat vorbereitet. Die Freunde sind enttäuscht, weil ihr Attentat offensichtlich in Deutschland verübt werden soll. Sie meinen, damit nur halb so effektiv im Kampf gegen die "Kuffar" zu sein. Die IS-ler erklären ihre Taktik und werden konkret: Das Attentat soll in einem Kino der Stadt stattfinden. Es wird also ernst für Melih und Tobi. Sie verabschieden sich von den alten Stätten, Melih auch indirekt von seiner Familie. Sibels und Melihs Mutter bricht zusammen, als sie die Gebetskette des Vaters in ihrem Briefkasten findet. Sie weiß das zu deuten. Da gibt ein Kollege Sibel den Hinweis auf einen Zugriff wegen Terrorverdachts. Sibel eilt zum Einsatzort, sieht eine Explosion – aber auch Melih, der zusammen mit Baris fliehen kann. Spätestens jetzt erkennt Sibel das Ausmaß von Melihs Entwicklung. Sie hat versagt, hat Melih weder aus dem Milieu herausholen noch vor der Fahndung der Polizei schützen können.

Ratlos kehrt sie zu ihrer Mutter zurück, die zum ersten Mal Verständnis für ihre Tochter zeigt. Da kommt Sibel im letzten Moment eine Idee, wo sie ihren Bruder finden kann. Am Grab des Vaters versucht sie, ihren Bruder zur Aufgabe zu bewegen …

Rollenprofile

Die Deutschtürkin Sibel Kaya (34) hat die Chancen, die sich einer jungen Frau in Deutschland eröffnen, genutzt. Sie hat mit dem Deutschen Kurt eine Familie gegründet und arbeitet mit Überzeugung und Leidenschaft als Polizistin. Sibel hat ihr Ziel immer fest vor Augen, allerdings nimmt sie ihre Umgebung und die Sicht ihrer Mitmenschen dabei oft nicht wahr und schießt deswegen leicht über das Ziel hinaus.

 

Melih Kaya (21) ist ein intelligenter, junger Mann und hat sein Abitur in der Tasche. Trotzdem findet er seinen Platz in der Gesellschaft nicht. Er empfindet sich als "Türke" an den Rand gestellt. Der Ort, an dem er glänzen kann, ist das Second Handy, ein illegaler Internet-Laden, in dem Melih der IT-Star ist. Seine Mutter ist ihm heilig. Er mag seine Schwester, erst recht seine Nichte Miriam und den Schwager Kurt. Aber die herrschsüchtige Art seier Schwester Sibel nervt ihn und die Tatsache, dass sie unbedingt Polizistin werden musste, verzeiht er ihr nicht. Ihre Assimilierung ist ein Stachel in seinem Fleisch.

 

Kurt ist in seiner kleinen Familie das emotionale Zentrum. Obwohl alle Kayas sich streiten, ihn lieben sie alle. Kurt versteht sich mit allen und vermittelt ständig. Er hat Verständnis dafür, wenn Sibel in ihrer deutschen und türkischen Kultur zwischen den Stühlen steht und kann mit Sibels Härte umgehen. Doch es gibt auch Grenzen: Kurt wird von Sibel am Ende ein klares Bekenntnis für ihre Familie und ihre Tochter verlangen.

 

Tobi ist seit Grundschuljahren Melihs bester Freund. Tobis Eltern treten nicht in Erscheinung, er ist quasi auf sich gestellt. Man würde ihn als "Loser" bezeichnen. Er hat ein paar Pfunde zu viel, kann sich schlecht wehren und ist im Denken nicht der Schnellste. Aber er ist ein sehr treuer Freund. Genau das schätzt Melih an ihm.

 

André findet, dass die Welt nicht mehr in Ordnung ist. Als Polizist kommt er mit den schlechten Seiten der Menschen mehr in Berührung, als er vertragen kann. Er würde am liebsten nur noch schlagen. Reden oder Diskutieren ist ihm fremd.

 

Baris ist es gelungen, sich für die Polizei und den Verfassungsschutz unsichtbar zu machen. Der geschickte Stratege ist ein Verführer und eine Führungsfigur im IS. Er ist in der Lage, Menschen "umzukrempeln". Unter dem Namen Younes hat er eine berüchtigte Karriere im Irak und in Syrien hinter sich.

 

Berrak Kaya leidet immer noch unter dem frühen Tod ihres Mannes. Melih ist ihr einziger Halt. Mit der Entwicklung Sibels kann sie sich nicht anfreunden. Berrak wirkt zwar modern, doch ihrer Ansicht nach kümmert sich Sibel zu viel um den Beruf und zu wenig um ihre Tochter. Sie ist froh, dass wenigstens Kurt ein guter Mensch ist. Der Beruf ihrer Tochter ist Berrak ein Dorn im Auge.

 

Miriam spürt die Differenzen zwischen Mutter und Oma. Aber die Sechsjährige weiß sich dazwischen zu bewegen. Sie liebt alle, und alle lieben sie. So langsam entwickelt sie die Dickköpfigkeit ihrer Mutter.

 

Imam Musa ist der Imam des Viertels und Freund und Berater der Familie. Er mochte Berraks verstorbenen Mann und kümmert sich in seinem Namen ein wenig um die Familie. Er versucht, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Mut ist nicht seine Stärke, und die Wege, sich herauszuwinden, sind vielfältig.

 

Imam Philipp Scheel, genannt Abu Nour ist ein salafistischer Prediger und "Rattenfänger". Zahlreiche Konvertiten, die er um sich sammelt, landen beim IS.

Das Thema Terror ist untrennbar mit der Frage der Integration verknüpft
Statement von Produzentin Annett Neukirchen

Als wir vor über zwei Jahren angefangen haben, uns mit dem Thema zu beschäftigen, war der Islamische Staat auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er herrschte er über fünf Millionen Menschen und ein Gebiet so groß wie Großbritannien. Damals reisten junge Menschen aus Europa Richtung Syrien und Irak, um an der Seite der Dschihadisten ein Kalifat, einen Gottesstaat zu erbauen, der nun fast Geschichte ist. Mit den militärischen Niederlagen kam der Terror im Namen des IS nach Europa. Heute sind es dieselben jungen Männer und zunehmend junge Frauen, die Zuhause Selbstmordanschläge verüben. Die Attentäter: Sie reisen nicht mehr aus. Sie reisen nicht mehr ein. Sie leben mitten unter uns. Es sind unsere Kinder.

Das ist unser Ansatz. In „Bruder – Schwarze Macht“ erzählen wir eine Familiengeschichte. Es sind die Eltern, die Geschwister, die Angehörigen, die sich dieselben Fragen stellen wie wir. Nach dem Warum und dem Wie. Oft angeklagt: Sie hätten etwas tun müssen. Sibels Kampf um ihren Bruder ist vor allem ein Kampf um die eigene Integrität. Ihre Ohnmacht ist auch unsere. Nur wenn wir es schaffen, die Widersprüche auszuhalten und unser Selbstverständnis zu hinterfragen, kann eine Versöhnung gelingen.

Warum Hamburg als Handlungsort?

Seit die Attentäter von 9/11 unerkannt und unbehelligt ihren Angriff auf das New Yorker World Trade Centre planen konnten, ist die Hansestadt die "schuldige" Stadt. Der Name unauslöschlich mit dem Beginn des Terrors auf die westliche Welt verbunden. Ausgerechnet unsere Stadt, in der wir leben und arbeiten. Und die wir auch wegen ihrer Weltoffenheit lieben. Wir Hamburger sind stolz auf den Hafen, der seit Jahrhunderten Fremde angezogen hat, die dann nach Geschäften und Landgang auf ihre Schiffe stiegen und wieder nach Hause fuhren. Hamburg das Tor zur Welt eben. Doch was ist mit den Fremden, die bleiben wollen? Hamburg – Heimat für die Welt? Das Thema Terror ist für uns – so die These – untrennbar mit der Frage der Integration verknüpft.

Pluralismus nicht nur behaupten, sondern leben
Statement von Autor Raid Sabbah

Auch wenn das in extrem reduzierter Form an dieser Stelle geschehen muss, so möchte ich dennoch versuchen, die Ereignisse in der arabischen Welt und die Hinwendung von jungen Europäern mit Migrationshintergrund zum dschihadistischen Salafismus in Zusammenhang zu bringen. Nehmen wir einmal mich selbst als Beispiel: Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen, hier sozialisiert. Ich vereine mehrere, teils widerstreitende Zugehörigkeiten, zum Beispiel die arabisch-islamische und deutsch-laizistische. Und ich lebe in einer Zeit, die in hohem Maße von der Dichotomie von Gut und Böse, Schwarz und Weiß geprägt ist.

Es ist mir in der Vergangenheit einige Male passiert, dass ich meine arabisch-islamische Zugehörigkeit verleugnet habe. Und das ist nicht weiter verwunderlich, war und ist diese Zugehörigkeit immer wieder Verurteilungen, zuweilen sogar Anfeindungen ausgesetzt. Der Islam sei demokratie- und verfassungsfeindlich, rückständig und barbarisch, um nur einige dieser Verurteilungen zu erwähnen. In der Rezeption der Menschen – ob nun jene, die im Nahen und Mittleren Osten leben oder die Migranten und ihre Abkömmlinge in Europa – machte sich der Westen auf, um die Menschen aus dem Joch ihrer autokratischen Herrscher zu befreien. Erst in Afghanistan, dann im Irak. Nicht zu vergessen der arabische Frühling mit seinen Revolutionen in Ägypten, Tunesien, Libyen und Syrien, die sowohl von der EU wie von den USA offen begrüßt und unterstützt worden sind. Blickt man heute in die Region, eröffnet sich ein desaströses Bild der Destabilisierung und Zerstörung. Ein autokratischer Herrscher hat den anderen abgelöst. Und dort wo ein Machtvakuum entstanden ist, etablierten sich vor allem extremistische Kräfte – nicht weiter verwunderlich, wenn das die einzig verbliebene Option ist. Und jetzt fragen Sie mal nach der islamischen Zugehörigkeit der Menschen in Europa? Um sie ist es wahrlich nicht gut bestellt. Umso mehr sie in Frage gestellt und verteufelt wird, desto höher wird sie gehalten. Genau in diese Kerbe schlagen die Salafisten.

Ich glaube nicht, dass Integration das Allheilmittel ist. Vielmehr sollten die Zugehörigkeiten der Menschen geachtet und der verstaubte Identitätsbegriff neu ausgerichtet werden. Natürlich gehört der Islam inzwischen zu Deutschland (Hey, ich bin Moslem, Deutsch ist meine Mutterspreche obwohl meine Mutter keine Deutsche ist, und Schuhplatter gehört zu meinem festen Tanzrepertoire.) Solange wir Pluralismus nur behaupten, aber nicht leben, läuft jedwede Integration ins Leere.

Kein Headautor mit einsamen Entscheidungen
Statement der Autoren über die Arbeit im "writers room"

Raid Sabbah hatte die Geschichte um einen IS-Heimkehrer, der in Deutschland einen Anschlag verüben will, entwickelt, bevor der Writers’ Room ins Leben gerufen wurde. Raid hatte für seinen Stoff eingehend recherchiert, war in einschlägigen Moscheen und konnte als palästinensisch stämmiger Deutscher auch auf Erfahrungswerte aus dem Nahen Osten zurückgreifen. Als Ipek Zübert und Andreas Dirr dazustießen, war schon eine sehr fundierte Grundlage vorhanden, auf der man die Bücher entwickeln konnte. Da sich bei den Anschlägen der letzten Jahre Vorgehensweisen und Mechanismen des IS erheblich geändert hatten, entschieden wir uns, die Radikalisierung eines Deutsch-Türken aus der Sicht seiner älteren Schwester zu erzählen. Durch die Augen seiner Angehörigen wollten wir das Abgleiten eines jungen Mannes in den Extremismus authentisch darstellen. Wir wollten zeigen, wie Jugendliche auf der Suche nach Sinn und Identität entgleiten und sich radikalisieren können. Dabei haben wir in Hintergrundgesprächen und Diskussionen festgestellt, dass die Form des Radikalismus völlig egal ist. Es geht immer darum, sich auf Grund einer Ideologie oder falsch verstandener Religion über andere zu erheben. Dem gegenüber steht oft die Fassungslosigkeit oder Hilflosigkeit der Angehörigen.

Da jeder der Autoren seine eigenen Stärken mit in das Team brachte, etablierten wir sehr schnell das Prinzip eines gleichberechtigten Writers’ Rooms: kein Headautor, der einsame Entscheidungen fällt, stattdessen haben wir immer gemeinsame Lösungen erarbeitet. Der Prozess der Figurenentwicklung und das "Plotten" nahmen im Writers’ Room am meisten Zeit in Anspruch und war nicht immer einfach, gelang aber, weil wir unsere Figuren mittlerweile so gut kannten, als würden sie mit uns am Tisch sitzen. Von Anfang an sahen wir in unserer Hauptfigur Sibel einen Typ Frau wie Sibel Kekilli. Umso größer war unsere Freude, als sie diese Rolle später annahm.

Am Ende der Arbeit im Team steht für uns Autoren die Erkenntnis, dass die Entwicklung einer komplexen TV-Serie immer die kreative Leistung von mehreren Autoren braucht. Nur ein vielschichtiges Team von Autoren kann vielschichtige Charaktere erschaffen. Das Arbeiten im writers room bedeutet für jeden Autor eigene Ideen loszulassen und ihnen zu erlauben, in etwas Neuem und Größerem aufzublühen.

                                       Die Autoren Raid Sabbah, Ipek Zübert und Andreas Dirr

Dicht an ihrer Seite erleben, was sie erleben. Mitfühlen, was sie fühlen
Statement von Regisseurin Randa Chahoud

Wie kommt es dazu, dass "normale" junge Menschen zu islamistischen Attentätern werden? Wie kann es passieren, dass sie sich innerhalb kürzester Zeit radikalisieren? Nicht nur als Halbsyrerin, sondern auch als Regisseurin, die sich schon länger mit dem Thema "Entstehung von Gewalt" auseinander setzt, wollte ich bei "Bruder - Schwarze Macht" vor allem eins versuchen: Die Geschichte so zu inszenieren, dass wir von Beginn an tief drin stecken in der Haut der Figuren. Dicht an ihrer Seite erleben, was sie erleben. Mitfühlen, was sie fühlen.

Den Zuschauer abholen in einer relativ "normalen" Familie, die mit Problemen ringt, die wir alle kennen: Man kämpft mit sich, man liebt sich, will aufeinander aufpassen und tut sich trotzdem gegenseitig weh. Aber auch Einblicke schaffen, in die Gedankenwelt islamistischer Rekrutierer: Was sind ihre Argumente? Wie ticken die? Warum wirken sie auf viele junge Menschen so anziehend und stark?

Bei so einem Thema kommt schnell die Frage auf: Inwieweit darf man Terroristen, oder angehenden Terroristen, Raum geben für ihre "menschliche" Seite? Gibt man ihnen dadurch womöglich erst recht eine Plattform? Das ist natürlich ein schmaler Grat. Ich habe mich entschieden, an die Sache heranzugehen, wie jemand, der sich bemüht, eine Wunde offenzulegen: Man muss sie sich ehrlich und genau anschauen, bevor man sie verarztet. Starke  Vereinfachung in "Gut" und "Böse" bringen einen da nicht weiter.

Schon bei der ersten Leseprobe mit den Darstellern war klar, dass wir alle diese Vision teilen. Deswegen haben wir uns trotz der nicht ganz einfachen Drehbedingungen (9 Drehtage pro Folge à 45 min), dazu entschlossen, immer wieder Freiraum für Improvisationen zu lassen. Bei Konflikt-Szenen möglichst viele Varianten mit verschiedenen emotionalen Haltungen zu drehen. Und immer wieder kleine, spontane Zusatz-Szenen dokumentarisch mitzunehmen, wenn wir das Gefühl hatten, dass sie das Innenleben einer Figur oder die Atmosphäre eines Moments gut einfangen. Auch die anderen kreativen Abteilungen sind danach vorgegangen. Die Bildsprache, das Kostüm, die Ausstattung, die Maske etc. wurden aus dem Innenleben der Figuren heraus entwickelt. Kein Drauf schauen von außen. Kein ausgestreckter Zeigefinger. Um eine möglichst nahbare, realistische Welt zu schaffen, in der wir Folge für Folge mit den Figuren immer weiter verloren gehen – und am Ende schließlich zusammen mit ihnen in den Abgrund stürzen.

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