Copyright: ZDF /Fei_Maohua_dpa
Copyright: ZDF /Fei_Maohua_dpa

Der Ausbruch – War die Pandemie vermeidbar?

Dokumentarfilm

Die Coronapandemie hat Millionen von Menschenleben gefordert und die Welt zeitweise zum Stillstand gebracht. War es tatsächlich unvermeidbar, dass die Pandemie ein solches Ausmaß annahm?
Der Film von Fernsehpreisträger Michael Wech beleuchtet Schlüsselmomente der ersten zehn Wochen nach der Entdeckung der neuen Krankheit. Sie waren entscheidend für die weltweite Ausbreitung der Pandemie. Jeremy Farrar, einer der führenden Infektiologen und Direktor des Wellcome Trusts, sagt: "Wir hätten die Pandemie aufhalten können."

  • ZDF, Dienstag, 17. Mai 2022, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Montag, 16. Mai 2022, 10.00 Uhr

Texte

 Stab und Inhalt 

ZDF: Dienstag, 17. Mai 2022, 20.15 Uhr
ZDFmediathek: ab Montag, 16. Mai 2022, 10.00 Uhr
Der Ausbruch – War die Pandemie vermeidbar? 

Buch und Regie_____Michael Wech
Bildgestaltung_____Johannes Imdahl
Montage_____André Hammesfahr BFS
Produktion_____Carsten Götsche, Bettina Kluge (BROADVIEW Pictures), Carola Ulrich, Philipp Müller (ZDF)
Creative Producer_____Peter Wolf
Produzent_____Leopold Hoesch
Redaktion_____Stefan Mausbach, Bernd Mütter
Leitung_____Peter Arens, Stefan Brauburger
Sendelänge_____90 Minuten

Eine Koproduktion von BROADVIEW Pictures und dem ZDF
Gefördert durch Film- und Medienstiftung NRW und HessenFilm

 

Inhalt

In der Erinnerung der meisten Menschen in Deutschland beginnt die Coronapandemie in den ersten Frühlingswochen des Jahres 2020. Dabei lag der entscheidende Zeitraum für den globalen Verlauf der Pandemie schon früher: zwischen Dezember 2019 und März 2020. Der Film von Michael Wech zeigt, wie die chinesischen Behörden nach der Entdeckung des Virus versuchten, nichts nach außen dringen zu lassen und die Veröffentlichung der Genomsequenz zu verhindern. Damit verzögerten sie eine schnelle Eindämmungsstrategie und den Beginn der Entwicklung von Tests und Impfstoffen.

Auch die WHO hielt sich zurück: Noch Ende Januar 2020 spielte die Weltgesundheitsorganisation die Möglichkeit einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Virus herunter – obwohl dafür schon längst Beweise vorlagen. Zur gleichen Zeit kamen in Davos führende Politiker und Entscheider beim Weltwirtschaftsforum zusammen, ohne der aufkommenden Pandemie die Beachtung zu schenken, die in Anbetracht der wirtschaftlichen Risiken angemessen gewesen wäre. Und während deutsche Wissenschaftler schon früh auf symptomfreie Infizierte hinwiesen und warnten, wurde dies noch lange von der WHO und von Gesundheitspolitikern geleugnet oder ignoriert.

Dabei lagen die Blaupausen für den Umgang mit einer Pandemie seit Jahren in den Schubladen. US-Präsident George W. Bush hatte schon 2005 vor den Gefahren weltweiter Pandemien gewarnt und Krisenpläne entwerfen lassen. Wichtige Grundlagenforschung wurde damals angestoßen. Und tatsächlich schlugen Wissenschaftler schon in den ersten Wochen des SARS-CoV-2-Ausbruchs Anfang 2020 Alarm. Politische Entscheider weltweit hätten da noch mit gezielten und schnellen Reaktionen den Lauf der Geschichte ändern können: Mit dem Ausbruch in Wuhan begann ein Wettlauf gegen die Zeit.

Der Film hinterfragt die Entscheidungsprozesse der WHO, bei Gesundheitsbehörden weltweit und in der Politik. Er begleitet Investigativjournalisten bei der Arbeit in Peking und gibt Einblicke in vertrauliche Aufzeichnungen, die zeigen, wie chinesische Behörden die Welt wider besseres Wissen über Wochen im Unklaren ließen und damit Möglichkeiten zur Eindämmung des neuen Coronavirus verschleppten.

Hätte die Welt also besser auf die Pandemie vorbereitet sein können? Und warum wurden zu ihrem Beginn wertvolle Tage und Wochen im Kampf um die Eindämmung verspielt?

Der Dokumentarfilm gibt jenen Protagonisten der ersten Wochen das Wort, die aus den Bruchstücken von Informationen, die anfangs aus Wuhan in die Welt drangen, und dem Bild, das Studie um Studie allmählich entstand, ablesen konnten, was der Menschheit drohte. Bereits am 20. Januar 2020??, sagte Jeremy Farrar, einer der führenden Infektiologen und Direktor des Wellcome Trusts, wusste die Welt genug, um handeln zu können. Warum trotzdem nur verhaltene Reaktionen erfolgten, zeigt der Film in minutiöser Rekonstruktion.

Vor allem die Erfahrung mit der so genannten Schweinegrippe 2009/10 bremste vielerorts die Entschiedenheit: Im Nachhinein galten einschneidende Beschlüsse damals als übereilt. Bei der Schweinegrippe etwa waren Millionen Impfdosen bereits beschafft, als die Epidemie abflaute und sich kaum noch jemand impfen lassen wollte. Rasch wurde Kritik laut an der angeblichen Geldverschwendung.

Hinzu kam eine ausgeprägte Selbstgewissheit der westlichen Gesellschaften. Als einige asiatische Staaten früh teils drastische Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus verhängten, sahen viele Beobachter das im Westen nicht als Warnsignal, sondern fühlten sich zunächst in ihrem Vorurteil bestätigt, fernöstliche Gesellschaften hätten einen Hang zum Autoritären. So konnte das Virus seinen Lauf um den Globus nehmen. Und Covid-19 wurde zur schlimmsten Pandemie seit der Spanischen Grippe vor hundert Jahren.

Die Protagonisten der Dokumentation

Prof. Dr. Jeremy Farrar – Direktor des Wellcome Trust
Als Direktor des Wellcome Trust kämpft Jeremy Farrar an vorderster Front bei der Bewältigung der großen globalen Gesundheitsherausforderungen unserer Zeit. Von 1995 bis 2013 war er Direktor des Clinical Research Unit Hospital for Tropical Diseases in Vietnam. In dieser Zeit arbeitete er zur Bewältigung von SARS und H5N1 eng mit dem vietnamesischen Gesundheitsministerium zusammen. Er wurde vielfach für seine Arbeit ausgezeichnet und ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Beratungsgremien. 

Rajeev Venkayya M.D. – Sonderbeauftragter von US-Präsident George W. Bush (2005–2007)
Rajeev Venkayya war 2005–2007 Sonderbeauftragter von US-Präsident George W. Bush und leitete die Entwicklung und Umsetzung der "Biodefense" einschließlich der nationalen Strategie für die pandemische Influenza. Er ist unabhängiges Vorstandsmitglied der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI).

Carter Mecher M.D. – Berater im Weißen Haus (2005–2009)
Als leitender medizinischer Berater für das Office of Public Health im Department of Veterans Affairs spielte Carter Mecher in den USA eine Schlüsselrolle bei der Suche nach einer geeigneten Reaktion auf den Ausbruch der Coronapandemie. Von 2005 bis 2011 war er Direktor für "medizinische Bereitschaftspolitik" des Homeland Security Council und National Security Staff des Weißen Hauses. Er war einer der Hauptautoren des National Strategy for Pandemic Influenza Implementation Plan. In dieser Funktion half er bei der Festlegung von Richtlinien und der Entwicklung von Strategien zur Minderung der Folgen einer Pandemie und zur Förderung der Pandemievorsorge.

Stéphane Bancel – CEO von Moderna
Stéphane Bancel ist CEO und Gesellschafter von Moderna. Neben BioNTech/Pfizer entwickelte Moderna den ersten mRNA-Impfstoff gegen das SARS-CoV2-Virus

Olfert Landt – CEO von TIB Molbiol
Olfert Landt ist Gründer und CEO von TIB Molbiol, einem mittelständischen Berliner Biotechnologieunternehmen, das seit mehr als 30 Jahren den internationalen Markt mit Diagnostik- und Forschungsreagenzien beliefert. Gemeinsam mit Forschern der Berliner Charité gelang Olfert Landt die Entwicklung der weltweit ersten Testmöglichkeit für das SARS-CoV2-Virus.

Dr. med. Camilla Rothe – Fachärztin für Innere Medizin, Tropenmedizin und Infektiologie
Camilla Rothe ist Fachärztin für Innere Medizin, Tropenmedizin und Infektiologie am Klinikum der Universität München. Sie diagnostizierte Ende Januar 2020 den ersten Fall des Sars-CoV-2-Virus in Deutschland. Ihre wissenschaftliche Arbeit trug entscheidend dazu bei, dass die Übertragung des Virus durch asymptomatische Personen bestätigt wurde. Das Time Magazine nahm sie 2020 in seine Liste der 100 einflussreichsten Personen auf.

Prof. Dr. Med. Clemens Wendtner – Chefarzt der Infektiologie
Clemens Wendtner ist Chefarzt der Infektiologie und Hämatologie/Onkologie an der München Klinik Schwabing. Seit Beginn der Coronapandemie hat er zahlreiche Covid-19-Patienten behandelt (darunter die ersten in Deutschland) und öffentlich Stellung zu Aspekten der Covid-19-Erkrankung und zur Bekämpfung der Pandemie bezogen. Gemeinsam mit Christian Drosten und Florian Klein veröffentlichte er 2020 erste wissenschaftliche Daten zu virologischen und immunologischen Aspekten von Covid-19.

Prof. Dr. med. Michael Hoelscher – Abteilungsdirektor Tropeninstitut
Prof. Dr. med. Michael Hoelscher ist Abteilungsdirektor des Tropeninstituts am Klinikum der Universität München, das 2020 in München zwei groß angelegte Antikörperstudien zum SARS-CoV2-Virus durchführte.

Dake Kang – Journalist bei Associated Press Peking
Dake Kang ist Journalist bei Associated Press in Peking und gehörte 2021 für seine investigativen Recherchen zur Geheimhaltung früher Erkenntnisse zu Covid-19 durch die chinesische Regierung zu den Finalisten des Pulitzer Preises.

Prof. Edward Holmes Ph.D. – Biologe und Virologe
Edward Holmes ist Professor an der University of Sidney und bekannt für seine Arbeiten zur Entstehung und Evolution von Infektionskrankheiten, insbesondere zu den Mechanismen, durch die RNA-Viren Artengrenzen überspringen. Er hat u. a. die Entstehung und Verbreitung von Krankheitserregern wie SARS-CoV-2, Influenzavirus, Dengue-Virus, HIV, Hepatitis-C-Virus, Myxomavirus, RHDV und Yersinia pestis untersucht. Er ist Mitglied von Australiens National Health and Medical Research Council (NHMRC).

Prof. Lawrence O. Gostin LL.D. – Professor für Medizin und Public Health
Lawrence O. Gostin ist Professor für Medizin an der Georgetown University und Professor für Public Health an der Johns Hopkins University. Er leitet das O'Neill Institute for National and Global Health Law.

Barney Graham Ph.D. M.D. – National Institute of Allergy and Infectious Diseases
Barney Graham ist Immunologe und Virologe am National Institute of Allergy and Infectious Diseases und bekannt für seine Beiträge zur raschen Entwicklung des mRNA-Impfstoffs des Unternehmens Moderna gegen Covid-19.

Jason McLellan Ph.D. B.S. – Molekularbiologe
Jason McLellan ist Molekularbiologe und Professor am Department of Molecular Biosciences und Robert A. Welch Chair für Chemie an der University of Texas in Austin. Er hat sich auf das Verständnis der Struktur und Funktion viraler Proteine einschließlich derjenigen von Coronaviren spezialisiert. Mit seinem Team hat er die Technologie entwickelt, um ein Schlüsselprotein in Coronaviren für die Verwendung in Impfstoffen manipulieren zu können. Diese findet sich in führenden Impfstoffen gegen das SARS-CoV2-Virus wie die von BioNTech/Pfizer, Moderna, Johnson & Johnson und Novavax.

James Lawler M.D. MPH
James Lawlers Arbeit konzentriert sich auf neu auftretende Infektionskrankheiten, pandemische Bedrohungen und darauf, wie öffentliche Gesundheitssysteme damit umgehen. Er hat zu diesem Thema verschiedene Nichtregierungsorganisationen, nationale Gesundheitsministerien, die Weltgesundheitsorganisation und die US-Regierung beraten. James Lawler war Mitarbeiter des Weißen Hauses im Homeland Security Council Biodefense Office während der Regierung von George W. Bush und Mitarbeiter des National Security Council Resilience Directorate unter Barack Obama. In dieser Funktion leitete er die Entwicklung und Koordination der nationalen Gesundheitspolitik und die öffentliche Gesundheitsvorsorge in Bezug auf Pandemie- und Notfallmaßnahmen und die Erforschung und Entwicklung medizinischer Gegenmaßnahmen.

Richard Hatchett – Direktor der CEPI
Der US-amerikanische Onkologe und Epidemiologe Richard Hatchett ist seit 2017 Direktor der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations. Die weltweite Allianz, eine öffentlich-private Partnerschaft zwischen Regierungen, der WHO, der EU-Kommission, Forschungseinrichtungen, der Impfstoffindustrie und privater Geldgeber (u. a. der Bill & Melinda Gates Foundation), dient dem Aufbau eines Netzwerks zur Erforschung und Entwicklung neuer Impfstoffe zur besseren und direkteren Reaktion auf eventuell bevorstehende Ausbrüche neuer viraler Infekte.

Dr. Stefano Paglia und Dr. Enrico Storti – Notfallmediziner
Stefano Paglia leitet die Notfallaufnahme der italienischen Städte Lodi und Codogno, Enrico Storti arbeitet dort ebenfalls als Notfallmediziner. Sie erlebten hautnah, wie die erste Coronawelle die norditalienischen Provinzen mit voller Wucht traf.

Dr. Guido Bertolini – Mediziner
Guido Bertolini ist Leiter des Labors für klinische Epidemiologie am "Mario Negri" Institut für Pharmakologische Forschung. Er koordinierte Ende Februar 2020 die italienische Notfallmedizin.

Dr. Mirco Nacoti – Intensivmediziner
Mirco Narcoti ist Arzt auf der pädiatrischen Intensivstation des Papa Giovanni XXIII. Krankenhauses in Bergamo, der von der Coronapandemie am stärksten betroffenen Stadt Italiens.

Tomas Pueyo – Ingenieur
Tomas Pueyo arbeitete im Frühjahr 2020 für ein Start-up für E-Learning im Silicon Valley, als er seinen Text "Coronavirus: Why you must act now" auf einem Blog veröffentlichte. Innerhalb weniger Tage in mehr als 30 Sprachen übersetzt und millionenfach gelesen rückte sein Text die Bedrohung durch das Virus ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und wurde von Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten weltweit gelobt. Das darin formulierte Motto Schlagwort "Flatten the curve" wurde weltweit zum Leitmotiv des Handelns. 

Interview mit Autor und Regisseur Michael Wech 

Nach zwei Jahren Beschäftigung mit der Coronapandemie hat man fast das Gefühl, dass zu Corona so gut wie alles gesagt wurde. Wie findet man einen Ansatz, etwas zu erzählen, was nicht jeder schon gehört hat? Was war die Herausforderung? Was bietet Ihr Film Neues?

Die größte Herausforderung war die ganze Zeit über die Frage: Wo ist das Ende der Geschichte? Diese Frage stellte sich 2020, 2021 – sie stellt sich bis heute. Das Thema ist uferlos. Dann hörte ich beim World Health Summit in Berlin zum ersten Mal Jeremy Farrars These "By the 20th of January 2020 the world knew what the world needed to know". Das hatte ich in dieser kristallinen Klarheit noch nie so gehört. Dem bin ich auf die Spur gegangen. Dieser Satz war der Katalysator für den Film und die Entscheidung, die Anfangsphase der Pandemie noch einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Und er mündete in dem Interview mit Jeremy Farrar, einem weltweit anerkannten Wissenschaftler und Leiter des Wellcome Trust, eine der größten medizinischen Stiftungen weltweit. Farrar geht darin so weit, dass er sagt: "Wir hätten die Epidemie nicht stoppen können, aber wir hätten die Pandemie aufhalten können." Das ist das Ende des Films – und auf dem Weg dorthin erzählt der Film Dinge, von denen Sie mit Sicherheit noch nie gehört haben. 

Einzelheiten waren schon bekannt, so gezeigt wie in diesem Film bekommt man aber einen neuen Blick auf die Versäumnisse. Was waren Gründe für die dargestellten Schlüsselmomente, für die falschen Entscheidungen? 

Es gibt eine Reihe von Gründen: Der Film zeigt eindrücklich, dass ein autoritäres Regime nicht förderlich ist, wenn es darum geht, den Ausbruch eines neuartigen Krankheitserregers öffentlich zu machen. Als die Entwicklung aber eine überraschende Wende nimmt und die chinesische Regierung nach Wochen der Vertuschung mit dem Hammer reagiert, eine Millionenstadt komplett abriegelt und lahmlegt, passiert einer der entscheidenden Fehler: Der Westen interpretiert dieses Handeln vollkommen falsch. Und reagiert so gut wie gar nicht darauf. Offenbar sind die Seuchenschutzbehörden nicht in der Lage, dieses Ereignis als das einzuordnen, was es ist: Der Beginn einer weltumspannenden Pandemie. Stefano Paglia, der als Notarzt auf der Intensivstation in Lodi arbeitet, bringt es auf den Punkt: "Es ist wie mit Erdbeben – niemand glaubt daran. Bis es passiert." Häufig hört man das Argument, es sei unfair, mit dem Wissen von heute zurückzuschauen. Um es ganz klar zu sagen: Der Film erzählt sehr präzise ausschließlich in eine Richtung: vorwärts. Er zeigt, wie das Wissen um die Entwicklung der Pandemie Stück um Stück gewachsen ist. Und an welchen entscheidenden Stellen mehrfach Alarmsignale überhört und Warner mundtot gemacht wurden.  

Es fällt auf, dass diejenigen Personen, die uns medial in den letzten zwei Jahren durch die Pandemie begleitet haben, nicht im Film auftauchen. Wie kam es zur Auswahl der Protagonisten? Der deutschen Öffentlichkeit dürften sie weitestgehend unbekannt sein. 

Der Film hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Pandemie aus globaler Perspektive zu betrachten. Nur so lassen sich Zusammenhänge darstellen, die aus rein deutschem Blickwinkel nicht offenkundig werden. Zudem wollte ich Akteure diesen Film erzählen lassen, die nicht nur reine Experten sind, sondern auch aktiv in das Geschehen eingegriffen haben, also Protagonisten im Wortsinne sind. Wir erzählen, welche Akteure welche Weichen gestellt haben, wie sie dazu beitrugen, das Wissen über das Virus zu vermehren, Gegenmaßnahmen einleiteten oder wie sie – leider viel zu häufig – ausgebremst wurden. Mit fatalen Folgen. Ohne das beherzte Eingreifen von Edward Holmes wäre die genetische Sequenz des Virus, von der extrem viel abhängt, erst sehr viel später an die Öffentlichkeit gelangt. Ohne die Recherchen von Dake Kang, der für das Pekinger Büro von AP die Anfänge des Ausbruchs untersucht hat, wüssten wir nicht, wie die chinesische Regierung die Bekämpfung am Anfang verschleppt und der WHO Informationen vorenthalten hat. Ohne die hartnäckige Arbeit von Jason McLellan, der bereits seit zehn Jahren an Coronaviren forscht, wäre es nie gelungen, in so kurzer Zeit einen Impfstoff zu entwickeln: Moderna, BioNtech, Astra Zeneca – alle haben davon profitiert. Ohne das Drängen von Camilla Rothe und Michael Hoelscher vom Münchener Tropeninstitut hätte es weit länger gedauert, bis bekannt wird, dass sich das Virus auch asymptomatisch verbreitet. Ich könnte dies fortsetzen. All diese Menschen sind, wie viele andere auch, die wahren Helden dieser Pandemie. Mein Film erzählt ihre Geschichte. Und ich bin überzeugt davon, dass wir sehr, sehr viel von ihnen lernen können.  

Inwieweit haben Ihnen Ihre vorherigen Filme "Stille Pandemie" und "Resistance Fighters" über Antibiotika-Resistenzen bei diesem Film geholfen? Hatten Sie dadurch einen anderen Einblick und Zugang in die "Wissenschafts-Community"? 

Im 21. Jahrhundert gibt es meines Erachtens für fast alle gesellschaftlich relevanten Bereiche wissenschaftliche Erkenntnisprozesse, die einem helfen, Dinge zu verstehen und einzuordnen. So weit, so bekannt. Die Pandemie hat gezeigt – und ich finde Christian Drosten hat eindrucksvoll bewiesen, wie es gehen kann –, dass es unbedingt Vermittler braucht, die das komplexe Wissen der Forscher in die Gesellschaft tragen. In einer Weise, die jeder versteht. Mir haben meine letzten Arbeiten sicher geholfen, auch vor komplexen Sachverhalten nicht in die Knie zu gehen.  

Jeremy Farrar ist sehr klar in seiner Aussage, dass wir die Pandemie hätten verhindern können. Was denken Sie, wie wird die Reaktion auf eine nächste Pandemie aussehen? 

Unser Film zeigt, dass es in erster Linie drei Dinge sind, die über den Verlauf einer Pandemie entscheiden: Die Vorbereitung auf ein solches Ereignis mit Material und Strategien, die bedingungslos offene Kommunikation gerade in der Frühphase eines Ausbruchs, also noch vor Entstehung einer regionalen Epidemie, und schließlich der Umgang mit dem Dilemma, das jeder Epidemie innewohnt – nämlich dem Zwang, Entscheidungen treffen zu müssen, bevor sich das Lagebild in all seinen Konturen abbildet. Ich bin optimistisch, dass sich die Pandemie-Vorbereitung verbessern wird. Aber werden in Zukunft alle Staaten Informationen über lokale Ausbruchsgeschehen binnen 24 Stunden mit der WHO oder anderen internationalen Gremien teilen? Da bin ich skeptisch. Das Entscheidende wird aber sein, welche politischen Führungsfiguren am Ruder sind, wenn es erneut zu einer Epidemie kommen sollte, die es einzudämmen gilt: Werden sie in der Lage sein, weitreichende, extrem schwierige und unbequeme Entscheidungen zu treffen? Darauf wird es ankommen. 

Neben dem thematischen Ansatz: Was war der filmische Ansatz für die Dokumentation? 

Es war klar, dass wir nicht eine ganz bestimmte Phase der Pandemie dokumentieren, sondern das Thema analytisch angehen und daher nacherzählen werden. Man kann das mit Archivmaterial und Experteninterviews gestalten – ich wollte aber unbedingt die Menschen in den Vordergrund stellen, die versucht haben, mit ihrem Handeln Einfluss auf den Verlauf der Pandemie zu nehmen. Außerdem haben wir uns von Beginn an darauf konzentriert, eigene Bilder zu finden, die sich abheben von dem, was wir alle in den vergangenen zwei Jahren fast täglich im Fernsehen gesehen haben. Gemeinsam mit Kameramann Johannes Imdahl habe ich sie gesucht. So ist eine ganz eigene filmische Erzählung entstanden, die die Akteure ins Zentrum stellt – und sich nahezu ohne Text selbst vermittelt.

Das Interview führte: Philipp Graf

Zitate von Protagonisten

Um auf eine Pandemie zu reagieren, brauchen wir …
"Um auf eine Pandemie zu reagieren, brauchen wir medizinisches Personal und eine ausreichende Versorgung mit medizinischen Gütern. Spritzen, Klinikbetten, Beatmungsgeräte, Masken und Schutzausrüstungen werden knapp werden. Kein Land kann es sich leisten, diese Bedrohung zu ignorieren, und jedes Land ist dafür verantwortlich, die Ausbreitung einer Pandemie zu erkennen und zu stoppen. Wenn wir warten bis die Pandemie da ist, wird es zu spät sein. Eines Tages könnten viele Menschen unnötig sterben, weil wir heute nicht gehandelt haben."
US-Präsident George W. Bush im Sommer 2005

 

Schnelligkeit schlägt Perfektion bei Kampf gegen das Virus
Man muss schnell reagieren. Nichts bereuen. Man muss der Erste sein. Das Virus ist uns immer voraus, wenn wir nicht schnell handeln. Man muss vorbereitet sein. Wer zögert, um das Richtige zu tun, wird nie gewinnen. Perfektionismus ist der Feind des Guten, wenn es um Krisenmanagement geht. Schnelligkeit schlägt Perfektion. Jeder in unserer Gesellschaft hat derzeit Angst, einen Fehler zu machen. Das ist ein Problem. Jeder hat Angst zu scheitern. Aber der größte Fehler ist, nicht zu handeln. Der größte Fehler ist, sich aus Angst vor dem Versagen lähmen zu lassen."
Dr. Mike Ryan, WHO Executive Director for Health Emergencies, Anfang 2020

 

20. Januar 2020: Pandemie steht fest
"Im Januar 2020 schrillte jedes Alarmsignal, und am 20. Januar wusste man genug, um zu sagen: Das ist sie – die Pandemie, die wir vorausgesagt haben. Dies ist unser 1918."
Prof. Dr. Jeremy Farrar – Direktor des Wellcome Trust

 

Infektiös sein ohne Symptome ist möglich
"Es war eine besorgniserregende Beobachtung, nämlich die, dass man offensichtlich infiziert um die Welt reisen kann, Langstreckenflüge bewältigen, Workshops abhalten und zumindest augenscheinlich komplett unauffällig sein kann. Und da gingen dann bei uns dann schon die Alarmglocken an."
Dr. med. Camilla Rothe, Fachärztin für Innere Medizin, Tropenmedizin und Infektiologie

 

Über den richtigen Zeitpunkt zu handeln
"Es ist wie bei einem Hurricane: Man muss die Stadt evakuieren, wenn die Sonne scheint und wenig Wind weht. Man kann nicht warten, bis der Sturm kommt. Sobald Wind und Regen einsetzen, ist es zu spät zu evakuieren. Dann haben Sie den Zeitpunkt zu handeln verpasst."
Carter Mecher M.D. – Berater im Weißen Haus (2005–2009)

 

Verpasste Gelegenheit zu handeln
"Die Welt ist mit offenen Augen in eine Katastrophe gerannt. Im Januar und Februar haben wir enorm viel Zeit verloren. Wir haben uns nicht vorbereitet, obwohl wir es hätten tun können."
Richard Hatchett – Direktor der CEPI

 

Wissenschaftliche Fakten wurden angezweifelt
"Was wir eben nicht verstanden haben, war die Sache, dass wir Fakten auf den Tisch gelegt haben und diese Fakten dann angezweifelt wurden. Und, dass wir in wissenschaftlichen Misskredit gebracht wurden, nur weil wir die Fakten auf den Tisch gelegt haben. (…) Für mich ist da eine Welt zusammengebrochen. Für mich waren immer Fakten, ehrliche Fakten, das wesentlich Wichtige auf der Welt."
Prof. Dr. med. Michael Hoelscher – Abteilungsdirektor Tropeninstitut 

Weitere Informationen

Fotos: über 06131 – 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/derausbruch

Impressum

ZDF-Kommunikation
Verantwortlich: Alexander Stock
E-Mail: pressedesk@zdf.de
© 2022 ZDF

Kontakt

Name: Dr. Birgit-Nicole Krebs
E-Mail: krebs.b@zdf.de
Telefon: (030) 2099 1096