Copyright: ZDF / Martin Rottenkolber
Copyright: ZDF / Martin Rottenkolber

Aufbruch in die Freiheit

Der Fernsehfilm der Woche

Das von Isabel Kleefeld inszenierte Drama skizziert die Emanzipation einer Ehefrau auf dem Land in den 70er Jahren. Erzählt wird die Geschichte der Metzgersfrau Erika (Anna Schudt, rechts), deren Ehe durch eine heimliche Abtreibung in eine schwere Krise gerät. Sie findet Unterstützung bei ihrer Schwester Charlotte (Alwara Höfels), die in einer Kölner WG lebt, und engagiert sich wie sie in der Frauenbewegung (Foto).

  • ZDF, Montag, 29. Oktober 2018, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Ab 26. Oktober 2018, 10 Uhr, ist der Film drei Monate lang in der Mediathek zu sehen

Texte

Stab

BuchAndrea Stoll, Heike Fink, Ruth Olshan
RegieIsabel Kleefeld
KameraMartin Langer
Licht Horst Mann
TonHank Trede
Szenenbild Andrea Kessler
KostümbildAnnegret Stößel
MaskeDelia Mündelein, Sonja Fischer-Zeyen
ProduzentinHeike Wiehle-Timm
RedaktionSolveig Cornelisen, Caroline von Senden


Eine ZDF-Auftragsproduktion der Relevant Film, Hamburg

Die Rollen und ihre Darsteller

Erika GerlachAnna Schudt
Charlotte NikowskiAlwara Höfels
Kurt GerlachChristian Erdmann
Annie GerlachMarie Anne Fliegel
Ulrike GerlachLene Oderich
Michael GerlachCharlie Schrein
Sabine Gerlach  Milla Hammann
AnettCarol Schuler
Jochen Denis Schmidt
Pit Ralph Kretschmar
Schwester GabiFranziska Hartmann
Oberschwester BärbelJohanna Gastdorf
BernhardBenjamin Grüter
Chefarzt Rolfes Artus Maria Matthiessen
Lehrerin MappusLilia Lehner
Herr Höll  Gerhard Fehn
Dorfarzt SchüttlerMichael Kleiber
ArzthelferinBirte Schrein
Dr. Wesseling  Daniel Wiemer
Anwältin WeidenfelsKathleen Gallego Zapata
Rektor Baumer Wolfgang Rüter
TaxifahrerRalf Drexle
und andere

Inhalt

Das Drama "Aufbruch in die Freiheit" skizziert die Emanzipation einer Ehefrau auf dem Land in den 70er Jahren. Erzählt wird die Geschichte von zwei ungleichen Schwestern: Die Metzgersfrau Erika Gerlach will kein viertes Kind und riskiert einen illegalen Schwangerschaftsabbruch. Ihre Schwester Charlotte, die in einer Kölner WG lebt, hilft ihr, als Erikas Ehe durch die heimliche Abtreibung in eine schwere Krise gerät. In Köln engagiert Erika sich mehr und mehr für die Frauenbewegung und kämpft zusammen mit Charlotte für eine straffreie Abtreibung.

Inszeniert hat Isabel Kleefeld im Raum Köln nach dem Drehbuch von Andrea Stoll, Heike Fink und Ruth Olshan.

Erika ist verzweifelt, als der Arzt feststellt: schwanger! Noch ein Baby? Ihre drei Kinder, die Arbeit in der Metzgerei von Ehemann Kurt und dazu die Verpflichtungen, die das Dorfleben mit sich bringen, sind ihr jetzt schon zu viel. In ihrer Not reist sie unter dem Vorwand, ihre Schwester Charlotte zu besuchen, nach Köln. Dort lässt sie heimlich abtreiben. Der Eingriff misslingt jedoch, nur durch eine Not-OP können die Ärzte Erika retten. Als Kurt davon erfährt, gerät die Ehe in eine ernsthafte Krise. Obendrein kommt es zum Streit zwischen ihm und der ältesten Tochter Ulrike. Das Mädchen bekommt eine Empfehlung für das Gymnasium, doch Kurt sieht Ulrikes Zukunft im Familienbetrieb. Und gegen seinen Willen kann sich auch Erika nicht durchsetzen. Kurzentschlossen verlässt sie mit ihren Kindern Mann, Haus und Hof und zieht zu Charlotte. Bei  dieser in Köln findet sie sich in einer anderen Welt wieder, in der kein Platz für Kurt zu sein scheint. Nach anfänglichem Zögern fasst Erika Mut und ordnet ihr Leben völlig neu. 

Statement der stoffführenden Redaktion

1971 gibt es auf dem Land nicht viele Modelle, nach denen man als Familie leben kann. Und das traditionelle Modell hat für die dreifache Mutter Erika Gerlach bisher auch gut funktioniert. Doch plötzlich passt es nicht mehr. Sie ist wieder schwanger und weiß: Sie kann und will nicht noch ein Kind bekommen. Bei ihrem Mann Kurt stößt sie mit dieser Haltung auf Unverständnis. Der Konflikt erschüttert ihre Ehe und reißt die Familie auseinander. Erika muss erkennen, wie abhängig sie von ihrem Mann ist. Nach einer langen und schmerzvollen Emanzipation entscheidet sie sich für ein Arrangement mit ihrem Mann, das für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich ist.

Rechtlich sind seit 1971 einige Schritte zur Gleichberechtigung von Mann und Frau gegangen worden. Doch eine Familie ist ja mehr als ein Bündel von Rechten und Pflichten. Es geht um Liebe, Verbindlichkeit und Vertrauen, um Auseinandersetzung, Vermittlung und Versöhnung. Noch heute stehen viele Frauen und Männer vor ganz ähnlichen Fragen wie Erika im Film: Wie können wir selbstbestimmt als Eltern der Verantwortung für unsere Kinder, wie als Frauen und Männer der Verantwortung für unser Leben gerecht werden? In diesem Sinne erzählt "Aufbruch in die Freiheit" nicht nur vom Kampf der Frauenbewegung für eine straffreie Abtreibung in den 70er Jahren, sondern möchte auch einen Beitrag zur Debatte um Geschlechterbeziehungen und gesellschaftliche Machtstrukturen in der Gegenwart anbieten.

Solveig Cornelisen & Caroline von Senden
ZDF Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie I - Fernsehspiel I

Statement von Produzentin Heike Wiehle-Timm

Im kollektiven Gedächtnis

Als die Idee zu dieser Geschichte auf meinem Schreibtisch landete, wusste ich sofort: Diesen Film will ich machen. Dieser berühmte Stern-Titel von 1971 hat sich im kollektiven Bewusstsein unseres Landes festgesetzt. Ich fand es eine unglaublich kluge und wirksame Idee, eine auf dem Stern-Titel durch die Schriftbanderole verdeckte Frau zu fiktionalisieren und ihre Geschichte zu erzählen. Die Erinnerung an diese Zeit und die wesentlichen Errungenschaften dieser mutigen Frauen sind in Vergessenheit geraten. Diese emanzipatorischen Entwicklungen der Frauen in ein selbstbestimmtes Leben sind noch recht jung, scheinen aber Jahrhunderte alt, weil wir uns gar nicht mehr vorstellen können, dass die Frauen damals – vor nicht einmal fünfzig Jahren – um Erlaubnis fragen mussten, um zur Arbeit gehen zu können, um ein eigenes Bankkonto zu eröffnen, die Kinder auf eine weitergehende Schule anzumelden, den Führerschein zu machen oder eine Wohnung anzumieten.

Ich erlebe, dass die jungen Frauen heute ganz selbstverständlich ihr selbstbestimmtes Leben führen, aber nichts davon wissen, wie hart diese Freiheit von ihren Müttern und Großmüttern erkämpft worden war. Dieser Mangel an Erinnerung wird auch in der heutigen öffentlichen Diskussion um Frauenrechte, Diskriminierung deutlich und hat negative Auswirkungen. Das Manifest der 374 Frauen 1971, ihr mutiges öffentliches Bekenntnis zur Abtreibung und der damit verbundene Verstoß gegen geltendes Recht war eine Zäsur in Deutschland. Vieles hat sich seitdem gedreht. Zum Positiven. Aber wir sind noch längst nicht am Ziel einer gelebten Gleichberechtigung angekommen. Nicht nur die aktuelle "#MeToo"-Debatte, sondern all die Diskussionen um Quote, gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, Vereinbarkeit von Kindern und Arbeit und die Möglichkeiten, sich über einen Schwangerschaftsabbruch zu informieren erzählen von den Themen, für die es zu kämpfen gilt. Diesen Entwicklungsprozess emotional berührend zu erzählen, so dass es sich "echt" anfühlt, war unser erklärtes Ziel. Frauen wie unsere Protagonistin Erika sind vergessene Heldinnen, die es verdienen, dass die Erinnerung an sie und das, was sie in Bewegung gesetzt haben, wach gehalten wird. Der Film kommt zur rechten Zeit.

Interview mit den Hauptdarstellerinnen Anna Schudt und Alwara Höfels

Was ist das Besondere an diesem "Fernsehfilm der Woche"?

Anna Schudt: "Aufbruch in die Freiheit" erzählt ein großes gesellschaftsrelevantes und emotional aufgeladenes Thema anhand einer kleinen Lebensgeschichte – der einer Frau, die sich erst auf den zweiten Blick erkennbar emanzipiert. Interessant ist auch die Konstellation der Schwestern, die sich für zwei völlig verschiedene Lebensmodelle der 70er Jahre entschieden haben, obwohl sie aus ein und demselben Elternhaus stammen. Das Geniale bei diesem Film: Ein schweres Thema wird unterhaltsam erzählt. 

Alwara Höfels: Genau. Der Film wirft viele Fragen zur Rolle der Frau und den damit einhergehnden Gender-Verhältnissen auf.  Er führt dem Zuschauer zwar vor Augen, dass vieles an Gleichberechtigung erreicht wurde, aber dennoch vieles bis heute im Argen liegt. "Aufbruch in die Freiheit" macht nachdenklich.

Wie aktuell ist der Film thematisch?

Alwara Höfels: Aktueller, als wir uns das beim Dreh gedacht hatten. Einige Aspekte der damaligen Frauenbewegung werden ganz aktuell diskutiert, zum Beispiel die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Durch diese hochaktuellen Themen bekommt der Film eine zusätzliche Lebendigkeit.

Die Demonstrationen gegen den Paragrafen 218, ja insgesamt die Frauenbewegung Mitte der 70er Jahre haben Sie selbst nicht miterlebt, aber Ihre Mütter. Haben sie mit Ihnen darüber gesprochen?

Alwara Höfels: Ja, wir haben ganz offen über das Thema Sexualität gesprochen, über Verhütung und die Pille – über Möglichkeiten, die die Generation unserer Mütter sich hart erkämpfen musste: die Selbstbestimmung über ihren Körper, das Lustempfinden. Auch das Thema Abtreibung war in meiner Familie ein Thema – und wie dieser Eingriff in den 70er Jahren im Verborgenen stattfinden musste und früher niemals offen hätte angesprochen werden dürfen. Auch in unserem Schulunterricht sprachen wir schon darüber.

Erika ist zunächst die brave, angepasste Metzgersfrau in der Eifel, ihre Schwester Charly lebt in einer Kölner WG, ist emanzipiert, engagiert sich in der Frauenbewegung. Wenn Sie beide in der damaligen Zeit gelebt hätten und sich selbst einschätzen: Wären Sie eher Erika oder Charlotte gewesen?

Alwara Höfels: Das ist eine schwierige Frage, da es auf meine Lebensumstände ankäme. Aber tendenziell kann ich genau das Verhalten unterschreiben, das Charly im Film an den Tag legt: für eine neue Selbstverantwortung der Frau zu kämpfen. Und was Erika angeht: Mit der Zeit wächst auch bei ihr das Bewusstsein dafür, dass sie von ihrem Mann und ihrer Umgebung unterdrückt wird. Dass sie nicht so lautstark und öffentlich dagegen aufbegehren kann wie ihre Schwester, die in Köln lebt, ist klar.

Anna Schudt: Ich wäre auch lieber eine Charly als eine Erika gewesen. Aber ich bin mir, ehrlich gesagt, gar nicht so sicher, ob ich so hätte auftreten können wie sie, denn ich bin eben nicht in dem offenen Geist der 68er-Bewegung aufgewachsen.

Welche der beiden Schwestern halten Sie bei näherem Hinsehen für die stärkere und mutigere Frau?

Alwara Höfels: Für mich ist es eher Erika, wenn man ihr Verhalten im Kontext ihrer Umgebung und Situation sieht. Sie ist die Mutigere, bei ihr steht viel mehr auf dem Spiel, zum Beispiel, ihre Kinder zu verlieren.

Anna Schudt: Erika und Charlotte sind völlig unterschiedliche Menschen. Was dem einen total leicht fällt, ist für den anderen eine extreme Mutprobe. Die Rebellion ist in Charlys Charakter eher angelegt als bei Erika. Deren Entwicklung zu mehr Selbstbestimmung entsteht aus einer extremen Notlage heraus. Sie hat gar keine andere Möglichkeit, als das zu tun. Ihr ist klar: "Ich mache etwas Schlimmes, aber ich muss es machen." Ich habe meine Zweifel, ob man dieses Verhalten wirklich als mutig bezeichnen kann. Sie selbst schätzt sich mit Sicherheit gar nicht als mutig ein.

Wie funktionierte das Zusammenspiel von Ihnen beiden vor der Kamera?

Anna Schudt: Toll.

Alwara Höfels: Absolut. Mit Anna drehe ich jederzeit sofort wieder.

Anna Schudt: Liebe Sender, liebe Regisseure und Drehbuchautoren: Her mit dem passenden Filmstoff für Alwara und mich!

Und wie haben Sie Regisseurin Isabel Kleefeld am Set empfunden?

Alwara Höfels: In erster Linie ist sie eine Regisseurin, die neugierig ist und verdammt viel weiß. Dabei bewahrt sie sich ihre große Menschenfreundlichkeit.

Anna Schudt: Ich habe Isabel Kleefeld beim Umgang als sehr geschickt wahrgenommen. Weil sie so gut Bescheid weiß, kann sie natürlich sofort helfen, wenn es brennt. Ein Riesenplus für uns Darsteller: Sie hat jede unserer Figuren von Anfang bis Ende komplett durchdacht – und das machen nicht viele Regisseure. Wenn dich als Schauspieler das aber eher behindert , und sie den Eindruck hat, dass du deinen Job beherrschst, dann lässt sie dich auch in Ruhe. Das halte ich für eine große Stärke. Ich empfand das als sehr angenehm und würde sofort wieder "ja" sagen zu einem Film, den sie inszeniert.

Charly kann mit dem Landleben nichts anfangen. Wie geht es Ihnen?

Anna Schudt: Ich bin auf dem Land groß geworden, habe das Dorfleben geliebt. Wenn Kinder dort aufwachsen, tut ihnen das sehr gut. Als Erwachsene liebe ich aber die Stadt, wo die soziale Kontrolle nicht so stark ist, sondern es etwas anonymer ist. Ich hoffe aber, dass meine drei Jungs irgendwann wieder aufs Land ziehen. Eine Riesenstadt ist auch nicht mein Ding. In Berlin wäre ich fast vereinsamt: viel zu viele Menschen, und die Stadt zu groß. Aber auch auf dem Land würde ich total eingehen.

Alwara Höfels: Es kommt immer auf deine Freunde und die Umgebung an, egal, ob auf dem Land oder in der Stadt. Es gibt auch viele Orte mitten auf dem platten Land, wo das Zusammenleben im Kleinen wunderbar funktioniert, in fortschrittlichen Öko-Dörfern zum Beispiel. Ich habe in der Tat eine Sehnsucht in mir entdeckt, mal wieder aufs Land zu ziehen, nach Natur und einer Entschleunigung, die ich in unserer schnelllebigen Zeit immer wichtiger finde. Als Kind musste ich mit meinen Eltern von einer Großstadt in die nächste ziehen. Da ich die Welt und die Bewegung mag, käme für mich sowieso nicht ein bestimmter Ort auf Dauer in Frage.

Welche Zuschauer-Wirkung sollte der Film nach Ihrem Wunsch haben?

Alwara Höfels: Dass er ein neues Bewusstsein schafft dafür, wie wichtig für eine Beziehung und ein glückliches Leben die Kommunikation zwischen den Partnern und überhaupt in der Familie ist.

Anna Schudt: Dass die Zuschauer nach dem Film darüber diskutieren, wie es damals war und wie es ideal wäre. Wenn sich mehrere Generationen den "Aufbruch in die Freiheit" gemeinsam anschauen würden, fände ich das toll. Denn es ist ein Familienfilm. Viele vergessen, dass es noch gar nicht lange her ist, dass Frauen unterdrückt wurden. Reden hilft.

Glauben Sie an weitere Fortschritte bei der Gleichberechtigung?

Anna Schudt: Wir sollten auf jeden Fall nicht so viel Befürchtungen äußern, dass alles wieder viel schlechter wird, sondern einfach laut und deutlich sagen, wie wir es haben wollen. .Alwara Höfels: Und wir sollten dies in einem gesellschaftlichen Diskurs tun, nicht unbedingt aus reiner Männer- oder Frauensicht. Und Schwarzmalen nützt da gar nichts.

Anna Schudt: Es kann alles immer besser werden. Wir müssen die Gesellschaft in die Richtung denken, in der wir sie haben wollen. Wir alle tragen zu dieser Welt bei. Ob wir im Kleinen versuchen, sie zum Positiven hin zu beeinflussen, wie ich mit meinen drei Söhnen zuhause, oder im Großen, wie damals Alice Schwarzer, ist dabei eigentlich nicht so wichtig. Wichtig ist, eine Stimme und eine Haltung zu haben und sie laut werden zu lassen, dann ist schon vieles auf dem richtigen Weg.

Das Interview führte Christian Schäfer-Koch.

Interview mit Regisseurin Isabel Kleefeld und Produzentin Heike Wiehle-Timm

Was war die größte Herausforderung für Sie beide bei diesem Film?

Isabel Kleefeld: Das Jahr 1971 zu drehen, passende Motive zu finden, die unser Budget nicht sprengen. So haben wir uns für den Ort, in dem wir die Dorf-Szenen gedreht haben, entschieden, weil es dort eine alte Familien-Metzgerei gab. Der Laden war zwar schon viele Jahre geschlossen, aber der Tresen stand noch. Auch die Gestaltung der Außenszenen war ein Kostenfaktor: Ampeln, Straßenschilder, Autos, Fahrradwege, Haustüren, Fenstereinfassungen – alles musste angepasst werden… 

Heike Wiehle-Timm: Wir haben höchsten Wert auf Authentizität gelegt und uns zig Filme aus den 70er Jahren angesehen.

Isabel Kleefeld: … und viele Fotos unserer Eltern.

Heike Wiehle-Timm: Wir haben nach einem glaubwürdigen  Look gesucht. Wir wollten keine Ausstattungs-Ikonen der 70er Jahre ausstellen, sondern die Zeit beiläufig miterzählen.

Wo haben Sie denn überhaupt gedreht?

Heike Wiehle-Timm: In Köln und in Wegberg, einem kleinen Ort an der holländischen Grenze nahe Mönchengladbach.

Welche Faktoren gaben den Ausschlag bei der Besetzung?

Heike Wiehle-Timm: In Anna Schudt haben wir genau die richtige Darstellerin gefunden, die Erikas Kraft und Verletzbarkeit ausstrahlen kann. Unsere Hauptfigur steckt ja in einem Dilemma: Einerseits muss sie sich als Ehefrau der damaligen Zeit dem Mann und seinen Wünschen unterordnen, andererseits möchte sie ihre Interessen durchsetzen, oder zumindest die ihrer Tochter, denn der Vater verweigert dieser den Schulwechsel aufs Gymnasium. Erika will nicht, dass ihr Familiensystem zusammenbricht und versucht zunächst, die Widersprüche auszubalancieren. Diese vorsichtig gezeigte Ambivalenz glaubwürdig zu spielen, ist schauspielerisch eine große Herausforderung. Anna Schudt ist unglaublich stark in dieser feinen Nuancierung und entwickelt für die Rolle eine enorme Kraft. Als die etwas wildere jüngere Schwester Charly passt Alwara Höfels perfekt. Sie ist direkt, freier und offener im Umgang, und dadurch provoziert sie. Die beiden Schauspielerinnen haben vor der Kamera eine große Dynamik entwickelt.

Welche der beiden weiblichen Hauptfiguren ist die stärkere Frau: Charly oder Erika?

Isabel Kleefeld: Im Vergleich lässt sich das nicht sagen, weil die jeweilige Lebenssituation der Schwestern so unterschiedlich ist. Natürlich ist der Mut, den Erika an den Tag legen muss, bis sie dort ankommt, wo sie am Ende des Films ist, viel größer als der von Charly. Die hat sich ja längst von ihrem Elternhaus emanzipiert.

Heike Wiehle-Timm: Charly konnte diesen Weg auch deshalb leichter gehen, weil sie wusste, dass ihre ältere Schwester ihr ein Back-up gibt. Wenn in Köln alles schief läuft, dann gibt es im Dorf noch immer dieses Stück Heimat. Der Weg, den Erika geht, ist viel schwerer, denn bei jedem Schritt muss sie – als eine liebende Mutter –  die Situation ihrer Kinder berücksichtigen. Ihre drei Kinder zu verlieren, ist ihr größtes Unglück. Deshalb ist der ultimative Tiefpunkt erreicht, als sie den Sorgerechtsprozess verliert.

Sind damals die Urteile wirklich so gesprochen worden?

Heike Wiehle-Timm: Und ob. Das haben wir sehr gut recherchiert. Wir haben Familienrichter befragt und uns Urteile aus dieser Zeit angesehen.

Wie haben Sie sich vorbereitet, um die Proteste gegen den Paragrafen 218 authentisch darzustellen?

Wir haben mit Zeitzeuginnen gesprochen, die damals aktiv gegen den Paragrafen 218 Unterschriften gesammelt haben. Eigentlich wollten diese Frauen jetzt ihre persönliche Vergangenheit im Zusammenhang mit dem Paragrafen 218 ruhen lassen. Aber eine Zeitzeugin haben wir doch befragen können, wie das damals wirklich war, auf die Straße zu gehen. Wurden sie angefeindet? Wie hat die eigene Familie reagiert?

Isabel Kleefeld: Dieses Treffen hat uns sehr bei den Vorbereitungen geholfen, auch Anna Schudt und Alwara Höfels. Wir hatten ein Flugblatt, das 1971 in der Kölner Fußgängerzone verteilt wurde, dazu Originalaufnahmen der Demo und der Frauen. Eine der Frauen hat uns dann viele Stunden Rede und Antwort gestanden. Wir konnten sie alles fragen: wo sie herkommt, wie sie politisiert wurde, wie es überhaupt zu der Flugblatt-Aktion gekommen ist, wie es ihr danach ergangen ist.

Wie ging es dieser Frau danach?

Heike Wiehle-Timm: Sie hat ihr Leben selbstbestimmt  in die Hand genommen und einen Bildungsweg begonnen, der ihr zuvor verwehrt worden war. Viele der Frauen haben durch die Frauenbewegung gemerkt, dass sie fortführende Schulen besuchen und einen gymnasialen Abschluss machen können. In unserem Film geht es nicht nur um das Thema Abtreibung, sondern auch um das Thema Bildung. Erika kämpft auch dafür, dass ihre Tochter Ulrike aufs Gymnasium gehen darf. Sie soll sich ihren Fähigkeiten entsprechend weiterbilden und es in ihrem Leben besser haben als ihre Mutter, die in einer Metzgerei am Tresen steht und Schnitzel klopft.

Wie aktuell ist dieser Film?

Heike Wiehle-Timm: Sehr aktuell. Im Herbst wird über den Paragrafen 219a abgestimmt. Dieser Paragraf stammt aus einer Zeit, in der sich der Staat das Kontrollrecht über die Körper seiner Bürger herausnahm. Er regelt das Verbot der Information über Abtreibung – ein Gesetz, das 1933 von Hitler eingeführt wurde. Aufgrund dieses Gesetzes können Ärzte bis heute verklagt werden, wenn sie auf ihrer Homepage darüber informieren, dass sie Abtreibungen vornehmen. Dieser Paragraf gehört schlichtweg abgeschafft. Darüber wird öffentlich diskutiert. Wir müssen aufpassen, unsere hart erkämpften Errungenschaften nicht wieder zu verlieren. Die Anzahl der Ärzte, die Abtreibungen durchführen, ist von 2006 bis heute um 40 Prozent zurückgegangen. Zu der Not, in der ungewünscht schwangere Frauen oft stecken, kommt heutzutage noch die Not, eine Praxis zu finden, die ihnen hilft. Wenn nicht einmal die Informationsmöglichkeit gewährleitet wird, ist es schlecht bestellt um eine freie Entscheidung. Das, wofür Frauen in den 70er Jahren gekämpft haben, ist offenbar noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Isabel Kleefeld: Was den Film so aktuell macht, sind auch die Debatten um #MeToo, gleichen Lohn, Frauenquoten in Führungspositionen... Das Thema Gleichberechtigung umfasst ja viel mehr als das Recht auf Abtreibung. Es geht immer um Macht und Kontrolle.

Ist "Aufbruch in die Freiheit" ein politischer Film?

Heike Wiehle-Timm: Ja. Wir richten das Brennglas auf eine kleine Geschichte einer Frau und ihres familiären Umfeldes – und erzählen über sie das große Ganze. Für mich gilt der alte Slogan: Das Private ist politisch. Wir können uns nicht in unsere Privatheit zurückziehen, wenn wir sehen, was in der Welt los ist. Sicher wird nicht jeder die Kraft haben, seine Stimme dagegen zu erheben, aber Erika in unserem Film findet zu einer eigenen Haltung. Und genau darum geht es.

Das Interview führte Christian Schäfer-Koch.

Fotohinweis

Fotos über ZDF Presse und Information
Telefon: (06131) 70-16100 oder über
presseportal.zdf.de/presse/aufbruchindiefreiheit

Impressum

ZDF Hauptabteilung Kommunikation
Presse und Information
Verantwortlich: Alexander Stock
E-Mail: pressedesk@zdf.de
© 2018 ZDF

Ansprechpartner

Name: Christian Schäfer-Koch
E-Mail: schaefer-koch.c@zdf.de
Telefon: 06131-70 1 5380