Copyright: ZDF / Hannes Hubach
Copyright: ZDF / Hannes Hubach

Bring mich nach Hause

Der Fernsehfilm der Woche

Die Mutter von Ulrike (Silke Bodenbender) und Sandra (Anneke Kim Sarnau) fällt nach einem Sturz unerwartet ins Koma. Der Zustand der Mutter verbessert sich nicht; die Hirnschäden bleiben monatelang unverändert. Eine Patientenverfügung ist nicht zur Hand. Schließlich müssen die Schwestern für ihre Mutter entscheiden, ob die lebenserhaltenden Maßnahmen weiterhin erhalten bleiben sollen. Als sie sich nach Monaten einig sind, steht ihnen das Schlimmste noch bevor.

Der Film wurde von wahren Fällen inspiriert und wird von einer Dokumentation begleitet, die sich mit dem Thema beschäftigt.

  • ZDF, Montag, 25. Oktober 2021, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Montag, 18. Oktober 2021, 10.00 Uhr

Texte

Die Entscheidung
Statement von Redakteurin Karina Ulitzsch

Schlimm genug, wenn nahe Angehörige mit dem Tod ringen. Für frühere Generationen war dies eine bange Zeit des Wartens und der Schicksalsergebenheit. Doch heute müssen wir, dank des medizinischen Fortschritts, unter gewissen Umständen manchmal selbst über Leben und Tod entscheiden. Diese Wahl mag mehr Fluch als Segen sein, sie ist jedenfalls im wörtlichen Sinn eine Entscheidungsgewalt und überfordert uns Menschen eigentlich. Betroffen sind alle, die mit diesen Patienten zu tun haben; in erster Linie die Angehörigen, aber auch die Ärzteschaft, die Pflegekräfte und die Heimleitungen.

In dem Versuch, dieser komplexen Situation irgendwie Herr zu werden, beschäftigt sich auch die Justiz in den letzten Jahren zunehmend mit dem Bereich zwischen Krankheit und Sterben. Patientenverfügungen und Vollmachten werden in den Fragen möglichst umsichtig ausformuliert, Handlungsspielräume werden definiert und immer wieder nachgebessert. Bis hin zur Sterbehilfe ist das Thema in Justiz, Kliniken, Heimen und bei den Menschen präsent.

Eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht geben den Angehörigen zumindest etwas Sicherheit und Orientierung, um im Sinne des geliebten Menschen entscheiden zu können. Was aber, wenn eine Patientenverfügung fehlt oder unzureichend ausgefüllt ist? "Bring mich nach Hause" zeigt, zu welch existentiellen Dilemmata es kommen kann, wenn unterschiedlichste Haltungen zur Sache aufeinanderprallen. Angehörige wie medizinisches Personal sind ihrem Gewissen und dem Gesetz verpflichtet. Entsprechend hart werden die Kämpfe beziehungsweise Diskussionen geführt. Am Ende kann dabei schmerzlich auf der Strecke bleiben, um was es eigentlich gehen sollte: das Wohl der Patientin oder des Patienten, der geliebten Mutter, des Vaters, der Kinder.

Das ZDF sendet den Fernsehfilm zusammen mit einer anschließenden Dokumentation, die die hauptsächlichen Haltungen zum Thema aufzeigt und einordnet und in der es auch um die sachgemäße Vorbereitung der Papiere geht. 

Stab, Besetzung und Inhalt

Montag, 25. Oktober 2021, 20.15 Uhr
ZDFmediathek: Montag, 18. Oktober 2021, 10.00 Uhr
Bring mich nach Hause
Der Fernsehfilm der Woche

Buch_____Britta Stöckle
Regie_____Christiane Balthasar
Bildgestaltung_____Hannes Hubach
Montage_____Andreas Althoff
Ton_____Michael Junge, Christian Lutz
Musik_____Johannes Kobilke
Kostümbild_____Dorothée Kriener
Ausstattung_____Jerome Latour
Produktion_____Rowboat Film und Fernsehproduktion GmbH
Produzent*innen_____Kim Fatheuer, Sam Davis
Redaktion_____Karina Ulitzsch
Länge_____circa 90 Minuten

Die Rollen und ihre Darsteller*innen
Ulrike Gerlach_____Silke Bodenbender
Dr. Sandra Hartwig_____Anneke Kim Sarnau
Martina Hartwig_____Hedi Kriegeskotte
Mathias Gerlach_____Christian Erdmann
Simon Gerlach_____Camille Loup Moltzen
Frau Kruse_____Anna Grisebach
Schwester Olga_____Berit Künnecke
Dr. Jamila Shati_____Cynthia Micas
Prof. Dr. Kollatz_____Jacqueline Macaulay
Dr. Lohmann_____Thilo Prothmann
Dr. Immel_____Helena Hentschel
Pfarrer Oppel_____Falilou Seck
Hannelore_____Irene Rindje
RA Albrecht Meyer_____Jörg Pintsch
Dr. Willmann_____Christian Kerepeszki
und andere

Eine Auftragsproduktion der Rowboat Film- und Fernsehproduktion

Inhalt
Die Mutter von Ulrike und Sandra fällt nach einem Sturz unerwartet ins Koma. Ihr Zustand verbessert sich nicht; die Hirnschäden bleiben bestehen. Eine Patientenverfügung ist nicht zur Hand. Die Schwestern müssen nun für ihre Mutter entscheiden, ob die lebenserhaltenden Maßnahmen verlängert werden oder nicht. Doch Ulrike denkt vollkommen anders als Sandra.
Die tiefgläubige Religionslehrerin Ulrike stimmt jeder lebenserhaltenden Maßnahme aus tiefstem Herzen zu. Für sie ist jedes Leben lebenswert. Ihre Schwester Sandra, eine Naturwissenschaftlerin, hält den Zustand der Mutter hingegen für eine Qual. In der sowieso schon schwierigen Situation belastet die Schwestern das Ringen um die richtige Lösung schwer. Nach Wochen und Monaten der Pflege in einem ausgesuchten Heim einigen sich Sandra und Ulrike darauf, die Mutter nun von den lebenserhaltenden Maschinen zu trennen und in Ruhe sterben zu lassen.
Doch das Schlimmste steht ihnen jetzt noch bevor. Es gibt weitere Beteiligte, die aufgebracht ihr Gewicht in die Waagschale werfen, allen voran Ulrikes Ehemann und die Leitung des Pflegeheims. Sie halten das Vorhaben der Schwestern für Mord. Vor allem das Heim will das Abschalten der Maschinen auf jeden Fall verhindern. Ärzte und Pfarrer stehen eher beratend zur Seite. Um ihre Entscheidung umsetzen zu können, ohne sich dabei strafbar zu machen, sind die Geschwister schließlich gezwungen, einen Anwalt einzuschalten. Am Ende widerspricht die Verabschiedung ihrer Mutter jeglicher Vorstellung, die sich Ulrike und Sandra für sie gemacht und gewünscht hatten.

Der Film ist von wahren Fällen inspiriert, die der Bundesgerichtshof in den letzten Jahren entscheiden musste. Die Hauptfrage der meisten dieser Prozesse war, ob bei fehlender Patientenverfügung der Abbruch von lebensverlängernden Maßnahmen als zulässig oder strafbar einzuschätzen sei. Eine Dokumentation zum Thema begleitet den Film.

Zur Entstehung des Films
Statement von Produzentin Kim Fatheuer

Im privaten Umfeld haben viele die schwierige Erfahrung gemacht, dass man mit den medizinischen Möglichkeiten heutzutage nicht mehr einfach so stirbt, sondern dass der Tod mehr denn je eine Entscheidung geworden ist. Das Leid von Angehörigen, die neben der großen emotionalen Belastung im Bangen um Nahestehende, finanziell und bürokratisch an ihre Belastungsgrenze gebracht werden, kann kein akzeptabler Zustand sein und verlangt gesellschaftlichen Diskurs und das Abstecken eines Handlungsrahmens.

Im Zuge meiner Recherchen zu dem Thema las ich ein Buch von Wolfgang Putz. Er ist einer der führenden Juristen, gleichzeitig Mediziner, der sich ausführlich mit der Rechtslage rund um würdevolles Sterben befasst hat. In einem persönlichen Treffen berichtete er von vielen Erfahrungen und Fällen, die er vor dem Bundesgerichtshof verhandelt hat.

Besonders habe ich mich gefreut, dass sich die Drehbuchautorin Britta Stöckle sofort für die Entwicklung dieser Geschichte interessierte, da mich bereits viele ihrer Filme berührt haben. Mit dem ZDF haben wir dazu einen Partner gefunden, der sich sehr für uns stark gemacht hat. Auf dem gesamten Entwicklungsweg ist uns Rechtsanwalt Wolfgang Putz als Berater beigestanden. Zu einem späteren Zeitpunkt haben wir außerdem Prof. Dr. Frank Erbguth, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Nürnberg, hinzugezogen, um auch medizinisch optimal beraten zu sein.

Mit Silke Bodenbender und Anneke Kim Sarnau haben wir zwei ebenbürtige Schauspielerinnen, die ihre Rollen mit der Regisseurin Christiane Balthasar so unfassbar authentisch verinnerlicht haben, dass sie einem das Gefühl geben, bei den intimsten und schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens Mäuschen spielen zu dürfen. Die emotionale Belastung, diese Rollen zu spielen, war für die beiden enorm. Mein besonderer Respekt gilt Hedi Kriegskotte, die bei der Darstellung der Komapatientin Unglaubliches geleistet hat.

Während der Dreharbeiten wurde uns klar, wie viele Menschen von dieser juristischen Grauzone betroffen sind. Kaum ein Teammitglied, Motivgeber oder anderweitig im Umfeld an den Dreharbeiten Beteiligter, hatte keine persönliche Erfahrung zum Thema "würdevolles Sterben" beizusteuern, so dass uns im Herstellungsprozess erst vollständig klar wurde, für wie viele Menschen dieser Film wichtig sein wird.

Über die Arbeit am Drehbuch
Statement der Autorin Britta Stöckle

Als Produzentin Kim Fatheuer von Rowboat mit dem Thema auf mich zukam, verspürte ich zunächst Abwehrreflexe, denn meine eigene Mutter lag damals im Sterben. Mir wurde jedoch bewusst, dass ich, nicht anders als der Rest der Gesellschaft, auf das Thema Tod reagiere. Wir haben große Angst, uns damit im Alltag zu befassen, der ganze Komplex ist in vielerlei Hinsicht immer noch tabuisiert. Das führt zu vielen schlimmen Dilemmata, zum Beispiel zu der Frage nach dem richtigen Umgang mit Todkranken in bestimmten Situationen. Und dennoch wird fast jeder von uns an irgendeinem Punkt in seinem Leben Bekanntschaft damit machen. Dann müssen wir als Angehörige innerhalb von sehr kurzer Zeit manchmal alles verändernde Entscheidungen für die Kranken treffen, deren Tragweite uns oft komplett überfordert und deren Konsequenzen uns manchmal ein ganzes Leben lang verfolgen. Es gibt in diesem Bereich statt Schwarz oder Weiß ganz viel Grau – obwohl man sich nach Eindeutigkeit sehnt. Man wird plötzlich, ohne es zu wollen, zum Richter über Leben und Tod der eigenen Angehörigen, wenn es, wie im Film dargestellt, keine schriftlich hinterlegte Patientenverfügung gibt. Diese Dilemmata, dieses Abwägen zu zeigen, auch verschiedene Perspektiven zu beleuchten, kontroversen Ansichten nachzufühlen, ohne dabei zu werten, basierend auf der unglaublichen und wahren Geschichte, die hinter diesem Film steckt, fand ich mehr als erzählenswert.
Dr. Putz, der diesen Fall damals vor Gericht vertreten hat, hat mit uns intensiv zusammengearbeitet. Ich habe den Stoff dann stark fiktionalisiert und eine eigene Geschichte daraus geformt. Darüber hinaus gab es Gespräche mit Betroffenen und ausführliche Fachrecherchen zu allen Themen, die im Film gestreift werden.

Während ich schreibe, imaginiere ich in meinem Kopf Szene für Szene zunächst meinen "Film". Ich versuche auch so viel wie möglich von dieser Vision im Drehbuch niederzulegen und gebe dann den Stab an die Regie weiter. Und dann entsteht etwas Neues, und das ist natürlich wahnsinnig spannend. Ich war von daher wirklich sehr beglückt, als ich beim Mustergucken gesehen habe, wie intensiv und berührend Anneke Kim Sarnau, Silke Bodenbender und Hedi Kriegeskotte ihre Figuren unter der wunderbaren Regie von Christiane Balthasar mit Leben gefüllt haben.

Über eine besondere Herausforderung beim Dreh
Statement von Regisseurin Christiane Balthasar

Bemerkenswert an dem sehr guten Drehbuch von Britta Stöckle ist, dass es an eine sehr tragische, wahre Begebenheit angelehnt ist und dazu eine Geschichte erzählt, die leider so oder in ähnlicher Form der Albtraum eines jeden ist.
Um also der hochsensiblen Problematik neben der Emotionalität auf verschiedenen Ebenen gerecht zu werden, wurde bei der Entwicklung dieses Stoffes im Vorfeld sowohl juristische als auch medizinische Beratung hinzugezogen.

Eine besondere Herausforderung war, dass eine der Hauptrollen nach dem Intro quasi den gesamten Film über im Koma liegt. Glücklicherweise gingen die Produzenten sofort mit dem Gedanken konform, dass wir diese Rolle mit einer sehr guten Schauspielerin besetzen müssen, und wir waren glücklich, dass wir die fantastische Hedi Kriegeskotte dafür gewinnen konnten. Obwohl es keine weiteren verbalen oder motorischen Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Figur gab, hatten Hedi und ich ein ausgeklügeltes Konzept, wie der Zuschauer welche Phase der Entwicklung der Figur der Mutter empfindet. Als würde man ein Foto interpretieren, spielten wir lediglich mit ihrem Gesichtsausdruck. Einen großen Anteil am Gelingen hatte auch die tolle Arbeit der Maskenbildnerin, die den Verfall in seinen verschiedenen Stufen präzise umgesetzt hat. Perfektioniert wurde die Inszenierung von dem eindringlichen Spiel der "Töchter" Anneke Kim Sarnau und Silke Bodenbender.

Interview mit Hedi Kriegeskotte (Mutter Martina)

Haben Sie sich vor den Dreharbeiten bereits mit dem Thema "Patientenverfügung" auseinandergesetzt?

"Ja, natürlich", hätte ich beinah gesagt. Erstens durch die letzte Lebenszeit und den Tod meiner Eltern, dann war ich Betreuerin einer älteren Kollegin. Und ich hatte das Glück, in einem packenden Hörspiel des NDR mitzuwirken – "Die Lebenden reparieren", nach dem gleichnamigen Roman von Maylis de Kerangal" – in dem das Thema eine zentrale Rolle spielte.

Teilen Sie den Eindruck, dass dieses Thema in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert wird?

Eher ja. Der Tod wird in Wohlstandsgesellschaften, also auch bei uns, immer noch als Katastrophe angesehen und viel zu wenig in das Leben an sich integriert. Die Natur um uns herum mit dem Vergehen und Werden macht es uns ja jährlich und täglich vor, nur der Mensch glaubt, sich davon ausnehmen zu können.
Oder anders ausgedrückt: Um all das, durch das die Beschränktheit und Machtlosigkeit des Menschen augenfällig wird, wird ein großer Bogen gemacht. Damit kann man keinen Blumentopf, keine Stimme und keinen Euro gewinnen. Also wird auch ein Bogen um die Themen Tod, Sterben und im Vorfeld dazu das Thema "Patientenverfügung" gemacht.

Den weitesten Teil des Films ist Ihre Figur Martina als Komapatientin ans Bett gefesselt. Was war für Sie die größte Herausforderung an dieser Rolle?

Erst einmal überhaupt zu begreifen, dass Tod und Bewusstlosigkeit als Darstellungsaufgabe etwas völlig anderes sind. Es hat mir zu meiner Überraschung enorme Konzentration abverlangt, zu spielen, gleichzeitig da und nicht da zu sein. Ich habe über Komapatienten gelesen und mir Videos zum Thema angeschaut. Es gibt ja viele Stadien des Komas, das zu verstehen war bei dieser Rolle sehr wichtig für mich.

Martinas Töchter Ulrike und Sandra ringen teilweise am Krankenbett hoch emotional darum, was mit der Mutter geschehen soll. Gab es Momente, in denen Sie überlegt haben, wie es wäre, wenn Sie in Martinas Situation gerieten?

Nein, das habe ich nicht überlegt, aber ich habe natürlich überlegt, was ich im Vorfeld tun muss, um nicht in Martinas Situation zu geraten.

Hat die Arbeit an diesem Film Ihren Blick auf die moderne "Apparate-Medizin" verändert?

Eigentlich nicht. Die "Apparate-Medizin" leistet ja enorm viel in akuten Fällen. Aber sie sollte eben auch nur in diesen Fällen angewandt und nicht zweckentfremdet werden.

Konnten Sie nach dem Dreh schnell wieder umschalten oder hat Sie diese Rolle noch nachhaltig beschäftigt?

Umschalten konnte ich schon, das gehört ja mit zum Beruf. Aber zum Abschalten, also zum "Runterkommen" und zum Distanz gewinnen, habe ich nach diesen Konzentrations-Anstrengungen immer eine ganze Weile gebraucht.

Inwieweit hat sich durch die Arbeit an diesem Film Ihre Einstellung zum Thema "Patientenverfügung" verändert?

Sie hat mich nochmals darin bestärkt, das Thema ernst zu nehmen und mich dazu gebracht, endlich meine eigene Patientenverfügung zu überarbeiten und zu präzisieren.

Das Interview führte Karoline van Baars

Interview Silke Bodenbender (Ulrike)

Haben Sie sich vor den Dreharbeiten bereits mit dem Thema "Patientenverfügung" auseinandergesetzt?

Ja, meine Eltern sind beide über achtzig und haben das sehr früh sehr offen thematisiert. Ich wusste allerdings nicht, dass es solche Konsequenzen haben kann, wenn eine Patientenverfügung fehlt.

Teilen Sie den Eindruck, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert wird?

Sicherlich gibt es in unserer Gesellschaft allgemein eine gewisse Tabuisierung des Sterbens und des Todes. Dieses Thema ist ja mit vielen Ängsten und emotionalem Schmerz verbunden. Ich habe als Kind noch die aufgebahrten Leichen von Nachbarn gesehen, was es heute, glaube ich, kaum noch gibt. Gestorben wird eher im Verborgenen. Beim Umgang mit der Patientenverfügung kommt dann vielleicht noch die Sorge hinzu, dass eine falsche Entscheidung getroffen werden könnte: Was, wenn ein Mensch aufgegeben wird, der doch noch "gerettet" werden könnte? Deswegen denke ich, dass mit alldem offen umgegangen werden sollte, und so sehr es mich aufwühlt, mit meinen Eltern über ihren Tod und alles Organisatorische, was mit diesem zusammenhängt, von der Patientenverfügung über die Beerdigung bis hin zur Grabpflege, zu sprechen, bin ich ihnen dankbar, dass sie mich an ihren Gedanken teilhaben lassen, und durch ihre Vorkehrungen meiner Schwester und mir einiges erspart bleiben wird. Vermutlich ist es allerdings viel schwerer, das Thema als Kind bei den Eltern zu eröffnen.

Im Film geraten die Protagonisten an ihre emotionalen Grenzen. Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet?

Wie auch bei anderen Filmen, habe ich mich mit den einzelnen Situationen auseinandergesetzt und sie über Wochen verinnerlicht. Es ist immer ein schleichender Prozess. Wenn ich die Konflikte und Handlungen der Figur verstehe, kann ich sie spielen. Dafür muss ich weder Ansichten teilen, noch Taten gutheißen, sondern nur alles nachempfinden können. Natürlich haben Regisseurin Christiane Balthasar, Anneke Kim Sarnau und ich uns auch im Vorfeld getroffen und das Buch besprochen. Damit war eine Vertrauensbasis gelegt, von der aus wir gemeinsam springen konnten. Die Hektik am Set lässt ja nicht so viel Spielraum für Fragen, Ängste oder Sorgen.

Welchen inneren Konflikt muss Ihre Figur Ulrike ausfechten?

Ulrike möchte einerseits nicht wahrhaben, dass ihre Mutter nicht zurückkommen wird. Sie möchte sie nicht gehen lassen. Andererseits erkennt sie nach und nach, dass sie mit diesem Glauben an das Überleben ihrer Mutter, womöglich gegen deren bei Bewusstsein geäußerten Willen handelt. Letztlich ist es für Ulrike ein Prozess des Abschiednehmens, der nicht maßgeblich von ihren religiösen Gefühlen und Überzeugungen geprägt wird.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie sich Rollen aussuchen, die Relevanz haben und Sie auch persönlich weiterbringen. Wie hat Sie Ihre Rolle in "Bring mich nach Hause" persönlich weitergebracht?

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Patientenverfügung ist für mich noch nicht abgeschlossen, aber mir ist bewusst geworden, wie sehr es mich selbst betrifft und nicht nur meine Eltern. Abgesehen von der thematischen Relevanz war "Bring mich nach Hause" aber auch sonst eine besondere Arbeit, denn anders als alle anderen Filme, die ich bis jetzt gedreht habe, ist es ein Film, der an vorderster Front fast ausschließlich von Frauen über Frauen gemacht wurde. Sowohl die Zusammenarbeit mit Christiane, als auch das Spiel mit Anneke und Hedi, als auch die Gespräche mit der Autorin Britta Stöckle und unserer ausführenden Produzentin Kim Fatheuer waren großartige Erfahrungen, die mich auf jeden Fall weitergebracht haben. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen Filme machen können, aber in dieser gesamten Konstellation, ist es eben immer noch seltener, als anders herum. Dabei möchte ich aber trotzdem nicht meinen tollen Film-Mann Christian Erdmann, den großartigen Kameramann Hannes Hubach und alle anderen Männer am Set vergessen.

Die Entscheidung über das Leben ihrer schwerstkranken Mutter muss Ulrike gemeinsam mit ihrer Schwester Sandra treffen. In welchem Verhältnis stehen die beiden Schwestern zueinander?

Die Leben der beiden haben kaum Berührungspunkte. Sie haben beide ihren Platz gefunden, ohne miteinander konkurrieren zu müssen. Auf die schwierige Kindheit haben sie komplett unterschiedlich reagiert: Die eine führt ein perfektes Familienleben, die andere macht als Einzelkämpferin Karriere, bis sich dann plötzlich alles ändert und klar wird, dass die alten Konflikte nicht gelöst, sondern nur verdrängt worden sind. Und so stehen zwischen zwei erwachsenen Frauen plötzlich die alten Gefühle, die Vorwürfe, der Neid und die Eifersucht, wie es sie zwischen Geschwistern gibt. Am Ende finden sie aber im gemeinsamen Leid und auch in der gemeinsamen Liebe zur Mutter zueinander.

Konnten Sie nach dem Dreh schnell wieder umschalten oder hat Sie diese Rolle noch nachhaltig beschäftigt?

Ich tauche immer tief in meine Rollen ein, bin anschließend aber auch schnell wieder in meinem eigenen Leben. Da lassen mir meine beiden Kinder gar keine andere Wahl, und ohne diese Professionalität würde ich den Beruf längst nicht mehr ausüben können. 

Inwieweit hat sich durch die Arbeit an diesem Film Ihre Einstellung zum Thema Patientenverfügung verändert?

Meine persönliche Einstellung hat sich nicht geändert, aber man könnte natürlich fragen, ob nicht einfach jede Bürgerin und jeder Bürger zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgefordert werden sollte, eine Patientenverfügung auszufüllen. Ich denke, man kann von jedem erwarten, Verantwortung für sich und seinen Körper über den Tod hinaus zu übernehmen und so den Hinterbliebenen viel Leid zu ersparen.

Das Interview führte Karoline van Baars

Interview mit Anneke Kim Sarnau (Sandra)

Haben Sie sich vor den Dreharbeiten bereits mit dem Thema "Patientenverfügung" auseinandergesetzt?

Auf das Thema Patientenverfügung kam ich regelmäßig in Gesprächen mit meiner Mutter, die sich irgendwie nie dazu entscheiden konnte, eine auszufüllen. Kurz vor dem Dreh hat meine PR-Agentin mir dann sehr eindringlich klargemacht, dass es notwendig ist, dass auch ich eine ausfülle. Das habe ich sofort gemacht. Ging relativ fix!

Teilen Sie den Eindruck, dass dieses Thema in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert wird?

Ich denke auch, dass die Auseinandersetzung mit dem Tod und der Möglichkeit, unerwartet aus dem Leben gerissen zu werden, viel zu wenig Raum in der breiten Bevölkerung und medial kaum Aufmerksamkeit erhält. Keine Ahnung, warum der Tod und alles drumherum so eine Angst und Abwehr in vielen von uns auslöst. Gleichzeitig ist es sehr widersprüchlich, zu merken, dass viele Eltern scheinbar in Kauf nehmen, sehr wichtige und sehr emotional fordernde Entscheidungen ihren Kindern zu überlassen. Als verantwortungsbewusste Eltern sollten sich alle rechtzeitig kümmern, wie sie im Falle eines Falles zum Beispiel medizinisch versorgt werden möchten oder nicht, welche Entscheidungen sie für sich treffen möchten, ohne dass andere dies übernehmen. Das muss den Leuten dringend mal klar werden: Wenn sie bestimmte Vorkehrungen nicht treffen, dann kann gegebenenfalls von einer Institution beziehungsweise einer Vertretung entschieden werden. Ich kenne Fälle, wo Kinder komplett überfordert waren mit der Entscheidung, ob die Mutter zum Beispiel noch operiert werden soll, obwohl die Heilungschancen danach weiterhin gleich null sind, oder was nach einem längeren künstlichen Koma passieren soll. Oder, wo dann von Amtsvertretern entschieden wird, was mit der kranken, hilfsbedürftigen Person geschehen soll oder nicht. "Wollen wir das? Wollen wir das auch unseren Lieben zumuten, dass sie gegebenenfalls keinerlei Handhabe haben?", diese Frage sollten sich viele stellen, baldigst! Ein Teil von mir versteht es ja. Zu wissen und zu spüren, dass das Leben endlich ist und vielleicht nicht einfach so im Schlaf aufhört, macht eher Angst. Wer will sich ein, zwei Stunden hinsetzen und wirklich überlegen und formulieren, was er oder sie im Falle eines Falles wünscht. Dass diese Zeit hier auf dem Planeten begrenzt ist, sollte aber jeder und jedem von uns sehr viel klarer sein. Es könnte auch eine Chance sein, ein ganz anderes Miteinander aufzubauen, wenn der Tod von vornherein einen Platz in dem ganzen "Game" hier auf dem Planeten und im Alltag innehaben darf. Ohne übervorsichtig und ängstlich zu machen. Sondern: Bewusster und sinnvoller zu leben, zu er-leben, zu sein.

Im Film geraten die Protagonistinnen an ihre emotionalen Grenzen. Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet? Die Entscheidung über das Leben ihrer schwerstkranken Mutter muss Sandra gemeinsam mit ihrer Schwester Ulrike treffen. In welchem Verhältnis steht Sandra zu ihrer Schwester?

Wie immer habe ich versucht, den emotionalen Ist-Zustand der Rolle zu erfahren, habe zum Beispiel eine Aufstellung meiner Figur mit den verschiedenen Figuren und Situationen gemacht. Sandra ist ja unglücklich verliebt. Sie treibt ihr Kind ab, und ich denke, dass sie das in eine tiefe Krise stürzt. Dann überschlagen sich die Ereignisse, und sie muss dorthin zurück, wo sie herkommt und sich auch wohl oder übel mit ihrer Schwester und den Unterschieden in ihren Lebensentwürfen auseinandersetzen. Sie geht pragmatischer und wissenschaftlicher an die doch sehr emotional fordernden Themen heran. Ihr wissenschaftliches Können hilft ihr immer wieder, rationaler und klarer zu sein, denke ich. Dennoch ist auch sie schnell wieder das Kind der Mama. Diese verschwinden zu sehen, zu verlieren, ist für jeden Menschen ein sehr traumatisches und einschneidendes Erlebnis. Daher triggern einige Prinzipien und Denkweisen ihrer Schwester sie auch. Beide Kinder wollen nur das Beste für ihre Mutter, sind mit vielem alleingelassen und kommen in ihren Überzeugungen aus unterschiedlichen Richtungen, was natürlich sehr herausfordernd ist, gerade in dieser belastenden Situation. Die Liebe zur Mutter und ein immer größeres Verständnis für die Situation im Heim schweißt die beiden aber zusammen. Diesen Weg mit meiner Kollegin spielen zu können, war ein großes Geschenk.

Ihre Figur Sandra stellt die medizinischen Maßnahmen, die die Mutter am Leben erhalten, zunehmend infrage. Denken Sie, dass die moderne "Apparate-Medizin" den Menschen aus dem Blick verliert?

Ich denke, es lässt sich nicht in schwarz oder weiß einteilen. Die moderne Medizin zeigt gerade in diesen Zeiten, dass sie lebensrettend und somit notwendig ist. Dass auch das Wissen über den humanen und alternativ-medizinischen Umgang mit Patient*innen und Angehörigen einen Raum einnehmen sollte, halte ich persönlich für ebenso wichtig. Der Fakt, dass Apparate nur die halbe Miete sind, wenn überhaupt, zeigt sich im eklatanten Pflegenotstand. Ohne gut geschultes und entsprechend gut bezahltes Pflegepersonal nützt die beste medizinische Apparatur nichts. Dies ist eine Diskussion, die ebenso dringend in der breiten medialen Öffentlichkeit Raum einnehmen sollte.

Konnten Sie nach dem Dreh schnell wieder umschalten oder hat Sie diese Rolle noch nachhaltig beschäftigt?

Die Rolle hat mich nicht nachhaltig beschäftigt. Der Fakt und das Bewusstsein, dass unsere Zeit mit unseren Lieben oft begrenzter ist als wir vermuten, der beschäftigt mich bis heute. Meine Meinung zum Thema Patientenverfügung bleibt gleich: Füllt sie aus! Jetzt!! Es tut nicht weh!

Das Interview führte Karoline van Baars

Begleitdokumentation:
"Zwischen den Welten: Leben und Sterben im Wachkoma"

Montag, 25. Oktober 2021, 21.45 Uhr
Zwischen den Welten: Leben und Sterben im Wachkoma
Film von Lisa-Marie Schnell

Redaktion: Nina Behlendorf
Auftragsproduktion: Spiegel TV
Länge: 30 Minuten

 

Zehn Jahre ist es her, dass Mario im Alter von 41 Jahren nach Verschleppung einer Erkältung einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleidet. Seitdem lebt der Leipziger mit der Diagnose "Wachkoma".
Was das bedeutet, zeigt die Doku „Zwischen den Welten“ und beschäftigt sich dabei mit zentralen Fragen: Wer definiert, was Leben „lebenswert“ macht? Welchen Stellenwert haben Wachkoma-Patient*innen? Und warum müssen wir darüber sprechen, wie wir sterben wollen?

Etwa 8000 Menschen leben deutschlandweit mit der Diagnose Wachkoma. Die auf den Spielfilm „Bring mich nach Hause“ aufsetzende Dokumentation gewährt Einblicke in das Leben von Wachkoma-Patienten, die durch die Initiative von Familienangehörigen und dem Verein „Ceres“ in einer Wohngemeinschaft untergebracht sind. „Es ist unsere Pflicht, den Bewohnerinnen und Bewohnern diesen Zustand so angenehm und menschenwürdig wie möglich zu gestalten“, sagt Annette Saur, 1. Vorsitzende des Vereins.

Außerdem begleitet der Film Nancy und Michaela aus Leipzig, deren Vater bzw. Mann seit zehn Jahren Wachkoma-Patient ist und dessen Zustand seitdem unverändert ist. „Wir wussten ja gar nicht, was Wachkoma bedeutet und was da auf uns zukommt“, erzählt Michaela im Interview. Niemand aus der Familie hatte damit gerechnet, irgendwann mit so einer Diagnose konfrontiert zu werden. Dabei haben viele Erfahrungsberichte etwas gemeinsam – eine Patientenverfügung lag zum Zeitpunkt der Erkrankung nicht vor, über die Wünsche für das eigene Lebensende wurde nicht einmal gesprochen.

Eine Problematik, die dem Rechtsanwalt Wolfgang Putz wohlbekannt ist. „Man hat sich mit dem Thema vorher nie befasst und das kann Familien in verschiedene Lager spalten“, erklärt der Experte für Medizinrecht in der Dokumentation. Er kennt sich sehr gut mit dem Thema Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht aus und hat zahlreiche Fälle betreut, in denen Angehörige das würdevolle Sterben eines schwer kranken Familienmitgliedes erwirken wollten, aber auf Widerstand gestoßen sind.

Am Klinikum Süd in Nürnberg beschäftigt sich der Neurologe Prof. Frank Erbguth mit akuten Fällen, in denen Patient*innen etwa nach Herz-Kreislauf-Stillstand oder geplatztem Aneurysma im Hirn langfristig auf einen wachkomatösen Zustand hinsteuern könnten. Erbguth sieht die Verantwortung bereits im frühen Stadium der Diagnose auf seiner Seite: Ist es angebracht, die Therapie weiter voranzutreiben, oder sollte man über palliative Maßnahmen nachdenken, die das Leben nicht mehr künstlich verlängern? Immer im engen Austausch mit den Angehörigen und nach intensiver Auseinandersetzung mit dem (mutmaßlichen) Willen des Patienten oder der Patientin.

Petra Bahr ist evangelische Regionalbischöfin im Sprengel Hannover und Mitglied des Deutsches Ethikrates. Sie beantwortet Fragen zu schwerer Krankheit, Sterben und Tod aus theologischer und ethischer Perspektive.

Mehr unter www.dokumentation.zdf.de

Weitere Informationen

Fotos: Telefon: (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/bringmichnachhause

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