Die neue "heute+"-Sendung ist bereits im Testbetrieb. Foto: ZDF
Die neue "heute+"-Sendung ist bereits im Testbetrieb. Foto: ZDF

Crossmedial Haltung zeigen: heute+

Neues Nachrichtenformat im Netz und im TV

Die "heute"-Familie treibt die crossmediale Vernetzung voran: Als Nachfolgeformat der "heute nacht" startet am Montag, 18. Mai 2015, "heute+", präsentiert von Daniel Bröckerhoff und Eva-Maria Lemke. "heute+" bietet Echtzeitjournalismus mit Haltung: Die Sendungsinhalte werden bereits vor der TV-Ausstrahlung online und über soziale Medien verbreitet. Live wird die Sendung dann erstmals ab 23.00 Uhr in der ZDFmediathek zu sehen sein. Aber auch die "heute+"-Ausgabe gegen Mitternacht im ZDF ist live.

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Texte

Crossmedial Haltung zeigen: "heute+" ab dem 18. Mai 2015

News online, on air und zum Mitreden: Am Montag, 18. Mai 2015, wird die Sendung "heute nacht" von dem neuen Nachrichtenformat "heute+" abgelöst, das die crossmediale Vernetzung vorantreibt. Der Testbetrieb für das neue Angebot ist in den sozialen Medien bereits gestartet. Die einzelnen Sendungsinhalte werden schon vor der TV-Ausstrahlung online und über soziale Medien verbreitet. Eine jüngere Zielgruppe kann auf diesem Weg für die Nachrichten der "heute"-Familie gewonnen werden. Die neue "heute+", die auf ideale Weise die ZDF-"heute"-Nachrichtenfamilie  ergänzt, ist auch eine Weiterentwicklung der "heute plus"-Sendung, die bisher bei ZDFinfo lief und deren letzte Ausgabe am Freitag, 24. April 2015 in ZDFinfo zu sehen war. Das prägende Element des Dialogs zwischen den Zuschauern und den Nachrichtenmachern wird im neuen "heute+"-Format weiter ausgebaut.

Dazu wählt "heute+" eine Ansprache und Tonalität auf Augenhöhe mit dem interneterfahrenen Publikum: Kein "Nachrichten-Hochamt", sondern Dialog wird bevorzugt. So soll eine frische Marke für exzellenten, kritischen und mutigen Echtzeitjournalismus entwickelt werden – mit Moderationen und Beiträgen, die eine klare Haltung haben.

"heute+" leuchtet blinde Flecken aus, hinterfragt den Nachrichten-Mainstream kritisch und bietet neue, überraschende Zugänge. Sendungs-ID und Studio sind modern und urban, Grafik-Elemente online-affin und vor allem mit Blick auf die Lesbarkeit auf mobilen Geräten gestaltet. Soziale Medien werden organisch in die Sendung und ihre Elemente eingebettet.

Die Moderatoren Daniel Bröckerhoff und Eva-Maria Lemke sind online und on air die prägenden Gesichter von "heute+". Sie stellen und beantworten Fragen in den sozialen Netzwerken, zeigen ihren persönlichen Blick auf den Nachrichtentag und gehen mit Kritik offen um.

"heute+" entwickelt Inhalte, die sowohl online erfolgreich sind als auch im TV-Format funktionieren. Reaktionen der Nutzer auf vorab verbreitete Inhalte können in die Sendung einfließen. Die Erstausstrahlung ist um 23 Uhr live in der ZDFmediathek, danach läuft das Format – ebenfalls live – auf dem Sendeplatz der "heute nacht".

"Wir wollen unsere Nachrichten an neue Nutzer bringen"
Interview mit Elmar Theveßen, Thomas Heinrich und Clas Dammann

Das neue Format "heute+" will nicht zwingend den kompletten Nachrichtentag abbilden, sondern eher einen eigenen Blick auf das Weltgeschehen bieten. Ist das auch eine Chance, im Sinne der derzeit viel diskutierten Constructive News positiveren, lösungsorientierteren Nachrichtenjournalismus zu bieten?

Elmar Theveßen: Je mehr sich die Informationsmöglichkeiten in den vergangenen Jahren vervielfältigt haben, desto mehr wuchs das Gefühl, man sei umgeben von negativen Nachrichten. Deswegen hat sich eine Art Sehnsucht nach mehr positiven, konstruktiven Nachrichten ergeben. Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef des dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks DR, hat mit seinem Buch "Constructive News" diese Debatte neu entfacht. Wir bieten schon längere Zeit jeden Samstag in der "heute"-Sendung eine Positivgeschichte, in der wir zeigen, wie man Probleme löst. Und auch für unser neues Format bieten sich natürlich Beiträge an, in denen auch Lösungsmöglichkeiten für Probleme in dieser Welt veranschaulicht werden. Die Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, wie es die "heute +" leisten will, ist dafür eine gute Voraussetzung. Aber deswegen verändert sich der Nachrichtenbegriff nicht. News ist das, was den Unterschied zum bereits Bekannten ausmacht – und da überwiegt meist die negative Nachricht.

Wie fügt sich denn die neue "heute+" in die "heute"-Familie ein und was unterscheidet das Format beispielsweise von der "heute"-Sendung um 19.00 Uhr?

Thomas Heinrich: Die "heute"-Familie wird durch die neue "heute+" auf ideale Weise ergänzt. Und das nicht nur um Mitternacht, sondern im Zusammenspiel mit heute.de über den ganzen Nachrichtentag in den Social-Media-Kanälen. Zudem bieten wir mit " ZDFheuteXpress" immer aktualisierte, crossmediale Kurznachrichten online und im TV. Das neue Format "heute+" denkt quer, hinterfragt Prozesse, wechselt auch mal den Blickwinkel und spricht ein junges Publikum und dessen Perspektive an. Die "heute"-Sendung um 19 Uhr bildet zuverlässig, kompakt und verständlich das aktuelle Geschehen ab und stellt die Zusammenhänge her, um es zu verstehen. Und das "heute-journal" als publizistisches Leitmedium am Abend um 21.45 Uhr setzt Schwerpunkte, leuchtet Hintergründe aus und bietet News aus erster Hand durch Interviews mit den wichtigsten Akteuren des Tages. So hat also jedes "heute"-Familienmitglied sein Alleinstellungsmerkmal.

"heute+" setzt auf den Dialog mit den Zuschauern und Nutzern. Was bedeutet das für die Moderation der Sendung – wie wird die gemeinsame Augenhöhe erzielt?

Clas Dammann: Unsere Moderatoren sind bereit, gemeinsam mit den Zuschauern zu lernen. Sie machen klar, wo sie sich erst einmal selbst schlau machen müssen. So vermeiden wir den Eindruck, immer alles zu wissen, im Zweifelsfall auch immer alles besser. Wir machen unsere Rechercheschritte deutlich, mit denen wir die Themen erschließen. Wir erklären komplizierte Zusammenhänge so, dass unser Publikum zum Weitererzählen animiert wird. Denn wir wollen ja, dass unsere Zuschauer und Nutzer die von uns angebotenen Inhalte in den sozialen Netzwerken teilen.

Und was bedeutet die viel beschworene Crossmedialität für das neue Format konkret: Sicherstellen, auf allen Plattformen vertreten zu sein, oder offensiv anstreben, neue Publika zu erschließen?

Elmar Theveßen: Wir wollen unsere Nachrichten an neue Publika bringen. Mit unserer "heute"-Sendung um 19.00 Uhr erreichen wir nicht mehr genügend junge Zuschauer. Dabei gibt es auch in dieser Zielgruppe ein großes Interesse an den Nachrichten, wenn diese sie denn erreichen würden. Deswegen wollen wir ihnen über Facebook, Twitter, Instagram und anderen Netzwerken verlässliche Informationen bieten, die sich unterscheiden von dem, was sie dort sonst geboten bekommen. Wir wählen einen Blickwinkel, der kritisch ist, die Nachrichten gegen den Strich bürstet und der Lebenswirklichkeit jüngerer Zuschauer entspricht. Nicht nur verstehen, was geschieht, sondern auch, warum etwas geschieht und wieso es in den Mainstream-Medien so dargestellt wird – das ist unser Ansatz, bei dem es auch darum geht, dass sich Zuschauer und User beteiligen können und an der Gestaltung des Formats mitwirken. Insofern schreiben wir die Vernetzung fort – über die verschiedenen Medien hinweg.

Bedarf es dafür einer besonderen Haltung, um die Inhalte journalistisch so aufzubereiten, dass sie den Nutzer sozialer Netzwerke auch interessieren?

Clas Dammann: Die Haltung unseres Formats, ein spezieller Blick auf die Dinge muss erkennbar sein, sonst funktioniert diese Ansprache nicht. Haltung ist aber nicht mit Meinung zu verwechseln, sondern betrifft allein den Zugriff, den wir für das jeweilige Thema wählen. Wir haben in der Konzeptionsphase einen Baukasten mit klar definierten Rubriken entworfen, die jeweils unterschiedliche Perspektiven und Dramaturgien bieten. Nehmen wir als Beispiel das Thema Tarifverhandlungen: Da geht es uns nicht darum, noch einmal die einzelnen Positionen zu schildern – von der Gewerkschaftsforderung über die rituelle Ablehnung der Forderung durch die Arbeitgeber bis zur Schlichtung. Wir schauen da lieber hinter das Ereignis und fragen: Nach welchen Spielregeln läuft dieses Ritual, warum muss es immer dieser Ablauf sein? Und aus dieser Perspektive befragen wir dann auch die handelnden Personen.

Ändert sich dabei dann auch die Nachrichtensprache?

Thomas Heinrich: Es geht nicht darum, in der Sprache betont jugendlich zu werden. Aber der Ton sollte schon legerer, auf Dialogebene sein. Die Nachrichten werden da nicht von der Kanzel verkündet.

Inwiefern treibt das neue Format die grafische Entwicklung in der Aufbereitung von Fernsehnachrichten voran?

Elmar Theveßen: Wir tragen diese Entwicklung ein Stück weiter – in Anlehnung an das, was im Netz gefragt ist. Unter Einsatz aller grafischen und audiovisuellen Mittel komplexe Zusammenhänge einfach und verständlich zu erklären, ist dabei der Ausgangspunkt. Die grafische Entwicklung betrifft vor allem die Schnittstelle, an der Echtbild mit Grafik kombiniert wird. Es kommt darauf an, dass jedes Element, gebrandet mit der Marke "heute+", auf jeder Plattform funktioniert, auf der es für andere potenziell Interessierte "geteilt" wird. Wir wollen vollanimierte Grafiken, aber auch Bilder, die den Kern einer Geschichte erfassen. Das lässt sich gut weiterverbreiten, etwa über Instagram oder Snapshat. Wir wollen mit unseren Inhalte auf die kleinen mobilen Endgeräte, auf die niemand mehr verzichten will.

Welche Publikationsstrategie verlangt Online first? Wann werden die "heute+"-Inhalte wo zu finden sein?

Clas Dammann: Jedes Element  werden wir, sobald es fertig ist, online veröffentlichen, über den ganzen Tag verteilt. Das bedeutet, dass unsere Inhalte nicht in erster Linie für das TV-Format, sondern vor allem "von Online" gedacht sind. Sie müssen so gestaltet sein, dass sie sich möglichst erfolgreich in den sozialen Medien verbreiten. Diese Beiträge werden dann am Ende des Tages zu einer Sendung zusammengefügt, die zuerst um 23.00 Uhr live in der ZDFmediathek und über die ZDF-App zu sehen ist, aber auch über Youtube verteilt wird. Ganz zum Schluss gibt es dann gegen Mitternacht die "heute+"-Sendung im ZDF-Hauptprogramm – auch noch mal live. Unsere Moderatoren als Köpfe des Formats präsentieren unsere Inhalte nicht nur in der Sendung, sie machen zudem tagsüber via Twitter die Haltung des Formats zu den laufenden Live-Ereignissen klar – in sehr pointierten Tweets.

Warum setzt das neue Format mit dem Namen "heute+" nun auf das bereits bei ZDFinfo erprobte Zusatzangebot der ZDF-Nachrichtenfamilie auf?

Thomas Heinrich: Wir haben uns für "heute+" entschieden, um zu verdeutlichen: Wir bieten hier ein klar konturiertes, crossmediales Nachrichten-Plus an, das auch den Transparenzgedanken des bisherigen Angebots aufnimmt. Zugleich steht die Marke "heute" für die Qualität der "heute"-Familie, die natürlich auch im TV verstärkt  jüngere Zuschauer ansprechen will.

Mit Clas Dammann, Thomas Heinrich und Elmar Theveßen sprach Thomas Hagedorn.

Biografische Angaben zu Elmar Theveßen, Thomas Heinrich und Clas Dammann

Elmar Theveßen, Jahrgang 1967, ist seit 2007 stellvertretender Chefredakteur des ZDF und Leiter der Hauptredaktion Aktuelles, zu der die Redaktionen "heute", "heute-journal", "Leute heute", "Drehscheibe", "hallo Deutschland", "ZDF-Mittagsmagazin" und "heute.de" gehören. Seit 1991 ist der gebürtige Viersener für das ZDF tätig, zunächst im Studio Bonn für "Bonn direkt", später als Korrespondent in Washington, Redakteur für "Frontal 21" in Berlin und Chef vom Dienst der Hauptredaktion Aktuelles in Mainz.

Thomas Heinrich, Jahrgang 1962, leitet seit Juli 2014 die Redaktion "heute" und ist stellvertretender Leiter der Hauptredaktion Aktuelles. Der gebürtige Stuttgarter begann 1992 als freier Mitarbeiter der "heute"-Redaktion seine Tätigkeit für das ZDF und war zuletzt ab 2009 stellvertretender Leiter des "heute-journals".

Clas Dammann, Jahrgang 1974, leitet die Projektarbeit für das neue Format "heute+". Seit 2010 ist er in der Planungsredaktion der "heute" tätig. Davor war er seit 2008 Chef vom Dienst der "heute Nacht". Von 2005 bis 2008 war der gebürtige Hamburger Referent des ZDF-Chefredakteurs. Für das ZDF ist er seit Sommer 2000 tätig, zunächst als freier Mitarbeiter für "Berlin direkt", später als "heute"-Redakteur.

"Glaubwürdigkeit muss man sich immer wieder neu verdienen"
Interview mit "heute+"-Moderator Daniel Bröckerhoff

Wie nutzen Sie selbst Nachrichten – über alle verfügbaren Medien oder vor allem online oder doch noch in jeweils klar definierten Zeitrahmen für Zeitungslektüre und Fernsehkonsum? 

Ich bin ein Medien- und Nachrichtenjunkie, mein erster Griff nach dem Aufwachen geht zum Smartphone, um zu schauen, was sich über Nacht auf Twitter und Facebook getan hat. Danach lese ich Newsletter und bringe mich mit den Apps von ZDFheute, Spiegel online und Tagesschau auf den neuesten Stand.  Daneben checke ich noch neue Netzwerke wie Reddit oder 9Gag auf den neuesten Netz-Talk und browse durch die RSS-Feeds der Blogs. Smartphone und Tablet begleiten mich überall hin, so dass ich in jeder freien Minute Artikel lesen, Beiträge und Videos schauen oder mich an Diskussionen beteiligen kann. Gefällt mir etwas oder halte ich es für so relevant, dass es auch andere lesen oder sehen sollten, teile ich es in meinen sozialen Netzwerken und freue mich, wenn es darauf Rückmeldungen gibt. Auf Papier lese ich schon lange nicht mehr. Die einzige gedruckte Zeitschrift, die ich noch regelmäßig bekomme, ist kurioserweise ausgerechnet das Digitalmagazin "Wired". Abends schaue ich je nach Zeitpensum die "heute" und das "heute-journal" entweder "klassisch" auf meinem großen SmartTV per Kabelanschluss oder auf dem Tablet per TV-App im Stream. Dabei kommentiere ich häufig auch noch auf Twitter, wenn mir etwas Besonderes aufgefallen ist, oder diskutiere mit anderen auf Facebook.

Ist Journalismus heute ohne Social Media nicht mehr denkbar?

Die sozialen Medien haben uns Journalisten etwas möglich gemacht, was vorher nur sehr beschränkt möglich war: einen direkten Kontakt zu unserem Publikum zu finden, sie in die Arbeit zu integrieren und Feedback zu bekommen. Jahrzehntelang fand Journalismus quasi wie in einem Theater ohne Zuschauer statt. Ab und zu flog ein Brief auf die Bühne, den man in Auszügen abdruckte. Obwohl Journalismus doch eigentlich Kommunikation ist, war es ein abgeschlossenes System, in dem nur wenige Auserwählte sprechen durften. Das zahlende Publikum hatte zuzuhören und zu schweigen. Das geht heute nicht mehr – zum Glück. Auch wenn die Vielzahl und die Art der Wortmeldungen manchmal echt eine große Herausforderung ist, so schätze ich den demokratischen Grundgedanken dahinter. Demokratie lebt von Beteiligung und Diskussion und die wird nun endlich ein Stück weit mehr möglich. Zum anderen glaube ich, dass Journalismus dabei nur gewinnen kann. Jedes Produkt verbessert sich, wenn man zuhört, wie die Konsumenten es nutzen und was sie daran schätzen und was nicht. 

Gerade im Zuge der Krisen- und Konfliktberichterstattung der zurückliegenden Monate gab es vielfältige Diskussionen rund um die Vertrauenskrise der Medien bis hin zum Lügenpresse-Schlagwort. Was sind die wichtigsten Kriterien, um die Glaubwürdigkeit im Nachrichtenjournalismus zu stärken?

Glaubwürdigkeit muss man sich immer wieder aufs Neue verdienen; sie fällt nicht vom Himmel – auch nicht, wenn man ein etabliertes Medium ist. Teilweise hat man es deswegen derzeit sogar besonders schwer, weil wir mitten in einer Krise der Institutionen stecken, die auch journalistische Einrichtungen betrifft. Dagegen hilft am besten, sich zu öffnen, die Institutionen durchdringbar zu machen und zu zeigen: Wir sind auch nur Menschen. Wir machen Fehler, wir haben gute und schlechte Tage, wir haben unterschiedliche Meinungen und Haltungen, aber alle zusammen bilden wir dieses System, das funktioniert, aber nie perfekt sein wird und auch nicht perfekt sein muss. Für Journalisten heißt das: Zuerst müssen die Tatsachen stimmen. Die Interpretation davon ist dann allerdings schon der Punkt, an dem es schwierig wird: Fakten ändern ihre Bedeutung, je nachdem durch welche Brille man schaut. Um glaubwürdig zu sein, müssen Journalisten beweisen, dass sie in der Lage sind, verschiedene Perspektiven einzunehmen, um dem Zuschauer ein möglichst umfassendes Bild zu bieten. Aber auch, dass sie zu Fehlern stehen und sich mit sich selber kritisch auseinandersetzen. Eine Haltung zur Orientierung einzunehmen ist dabei genauso wichtig, doch muss immer klar sein, auf welcher Faktenbasis oder auf welchen Grundsätzen diese fußt. In "Glaubwürdigkeit muss man sich verdienen" steckt das Wort "dienen" und so begreife ich auch Journalismus: Als Dienstleistung für die Leser und Zuschauer und als Dienst an der Gesellschaft.

Sie plädieren für Open Journalismus: Ist Transparenz die Losung für entwickelte Gesellschaften?

Transparenz ist ein gutes Mittel, um gegen eine Vertrauenskrise vorzugehen. Transparenz heißt für mich: sich für das Publikum zu öffnen, ihm auf Augenhöhe zu begegnen und nicht als Experte vom Berg herunter zum Volk zu predigen. Zu zeigen, wie gearbeitet wird und wie Stücke zustandekommen. Ein bisschen wie die Restaurants mit offener Küche, in denen man zusehen kann, wie sie das Essen zubereiten. Transparenz ist aber auch kein Allheilmittel. Es gibt Dinge, die niemanden etwas angehen und die nicht in  die Öffentlichkeit gehören. Interne Streitigkeiten, persönlicher Zwist, vertrauliche Gespräche mit Informanten oder Politikern sind Sachen, die eine Redaktion für sich behalten sollte. Die Diskussion um Transparenz und Privatsphäre wird uns ebenfalls noch eine Weile beschäftigen: Wir sind als Gesellschaft gerade erst dabei herauszufinden, wo da die Grenzen sind. Außerdem muss man aufpassen, dass Transparenz nicht zum hohlen Schlagwort verkommt, das überall draufklebt, ohne wirklich gelebt zu werden. Nur weil ich einen Twitteraccount habe und auf Facebook poste, bin ich noch lange nicht transparent. 

Wie setzen Sie im "heute+“-Format den Echtzeit-Journalismus um?

Wir werden viele Dinge ausprobieren, um zu sehen, was funktioniert. Das Rad neu erfinden müssen wir zum Glück nicht, weil vieles ja bereits etabliert und erprobt ist. Besonders gespannt bin ich allerdings auf den Einsatz von Livestreaming-Apps wie Periscope und die Resonanz darauf. Auch in Breaking-News-Situationen kann ich mir vorstellen, dass Livestreams per Smartphone sinnvoll sein können. Generell werden wir aber nicht gemeinsam mit allen anderen die fünfte Eilmeldung zum selben Thema herausgeben und das Nachrichtenrauschen noch lauter machen. Unsere Herausforderung ist es eher, den Ansatz zu finden, der noch fehlt, auf den man aber auch nicht sofort kommt. In der Testwoche haben wir zum Beispiel zum Prozessbeginn gegen den Auschwitz-Aufseher Oskar Gröning ein Stück über die Ludwigsburger Forschungsstelle gemacht. Dort versucht man, noch unbekannte NS-Verbrecher ausfindig zu machen. Das ist tagesaktuell, aber eine Ergänzung zu dem, was man schon vorher den ganzen Tag bei den Kollegen gehört und gesehen hat.

Die Fragen an Daniel Bröckerhoff stellte Thomas Hagedorn.

"Es kommt bei 'heute+' darauf an, Nachrichten neu zu erzählen
Interview mit "heute+"-Moderatorin Eva-Maria Lemke

Wie nutzen Sie selbst Nachrichten – vor allem online oder auch weiterhin via TV und Zeitung?

Teils, teils: Der erste Griff morgens geht zu meinem Smartphone und der Twitter-App sowie zu den Schlagzeilen auf den einschlägigen News-Seiten wie heute.de oder Spiegel online – da sehe ich dann was in den vergangenen Stunden in der Welt los war. Beim Frühstück gibt’s dann die Zeitungen in ganzer Länge – allerdings mittlerweile fast ausschließlich als E-Paper. Ich genieße die vielen Extras: Zum Beispiel, dass ich mich sofort über den Autor eines Artikels informieren kann oder dass man die Zeitung auch schon am Vorabend, direkt nach Redaktionsschluss, bekommt. Großartig! Spätestens im Job wird’s klassischer: Da verlasse ich mich fast ausschließlich auf die Nachrichtenagenturen. Und abends bin ich innerlich immer noch auf die Anfangszeit der Hauptnachrichtensendungen geeicht. Da sitze ich manchmal noch tatsächlich punktgenau zur vollen Stunde vor dem Fernseher. Mittlerweile hat das fast was Feierliches. Denn das meiste sonst sehe ich On-Demand – und damit fast immer eher nebenbei.

Was unterscheidet News-Beiträge in sozialen Medien von der 1:30-Nachricht bei "heute" oder "heute-journal" – vor allem die Bildsprache?

Der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit ist in sozialen Netzwerken natürlich härter. Die User sind es gewohnt, dort vor allem unterhalten zu werden. Dem muss man nicht sklavisch folgen. Aber man kann es auch nicht ignorieren. Ich fand die strikte Unterscheidung zwischen Unterhaltung und Information schon immer schwierig: Unterhaltung ist nicht per se flach. Und Information nicht von vorneherein spannend. "heute+"-Rezepte, keine Langeweile aufkommen zu lassen, sind schnellere Schnitte, kürzere Erzählstrecken, State-of-The-Art -Grafiken, die richtig animiert werden und nicht wie langweilige Power-Point-Animationen aussehen.

"heute +“ will Nachrichten gegen den Strich bürsten und Beiträge bieten, die eine klare Haltung aufweisen. Was bedeutet das konkret?

Es kommt bei den "heute+"-Beiträgen darauf an, Nachrichten neu zu erzählen. Da spielt uns die späte Sendezeit in die Hände: Die Meldung hat man vielleicht am Tag schon aufgeschnappt. Die Faktenlage ist den meisten klar. Wir haben die Chance zu erklären, warum wir sie wichtig finden. Was darunter, darüber und daneben stattfindet. Das bedeutet, dass eine Meldung nicht einfach eine "heute+"-Geschichte ist, weil sie uns von einer Nachrichtenagentur auf den Tisch gespült wurde. Wir diskutieren die Stücke im Newsroom, wir erhalten Feedback darauf in den sozialen Netzwerken – und dabei schärfen wir letztendlich auch unsere Sicht auf die Dinge. Die vermittelt sich auch in unseren Moderationen nicht nur in einer hochgezogenen Augenbraue, sondern in klaren Texten.

In welcher Form trägt der stärkere Dialog mit den Zuschauern und Nutzern zur Verbesserung des Nachrichtenjournalismus bei?

Darauf bin ich ehrlich gesagt, auch gespannt. Bei unserer Testwoche hat das schon ganz gut geklappt: Ein Beitrag zum Warnstreik wurde den ganzen Tag über heiß diskutiert. Wann immer wir geantwortet haben, zeigte sich: Die große Aufregung, die teilweise harschen Worte – das alles lässt sich durch ein kurzes Nachhaken seitens der Redaktion zerstreuen. Und dann kann man ganz vernünftig reden. Oft kommt dann raus, dass die Kommentatoren selbst betroffen sind. Das wird uns immer wieder daran erinnern: Dass wir über Dinge berichten, die Menschen etwas angehen. Die Nachrichten führen kein Eigenleben und "heute+" auch nicht. Wir stehen immer im direkten Kontakt zu denen, um die es geht.

Sie waren seit dem vergangenen Jahr als Moderatorin in der Frühschiene des "ZDF-Morgenmagazins" aktiv. Erwarten Sie Umstellungsschwierigkeiten, statt frühmorgens nun bis spät in die Nacht arbeiten zu müssen?

Der Name "Morgenmagazin" ist eigentlich echt irreführend: Die Arbeit des Sendeteams fängt bereits mitten in der Nacht an. Deswegen lag mir die Arbeit am "Morgenmagazin" immer sehr: abends und nachts kann ich nämlich am besten arbeiten. Und bei "heute+" geht’s ja für mich auch erst am späten Abend richtig los. Bleibt also alles anders in meinem Tagesablauf!

Die Fragen an Eva-Maria Lemke stellte Thomas Hagedorn.

Biografische Angaben zu den Moderatoren von "heute +" 

Daniel Bröckerhoff, Jahrgang 1978, ist seit Mai 2015 als Moderator der neuen "heute+" im Einsatz und das nicht nur im TV, sondern vor allem auch in den sozialen Medien. Seit 2009 arbeitet Bröckerhoff als freier Journalist mit Schwerpunkt neue Medien und On-Air-Reportagen, zuletzt war er für das NDR-Medienmagazin "Zapp" und als On-Air-Reporter für die Einsplus-Talkreportage-Sendung "Klub Konkret" im Einsatz. Zudem arbeitete er als Filmautor für "ZDFzoom". Daniel Bröckerhoff ist in Duisburg geboren und besuchte nach Abschluss seines Volkskunde-Studiums, das er in Hamburg absolvierte, von 2007 bis 2009 die RTL-Journalistenschule in Köln.

Eva-Maria Lemke, Jahrgang 1982, ist seit Mai 2015 als Moderatorin der neuen "heute+" im Einsatz und das nicht nur im TV, sondern vor allem auch in den sozialen Medien. Seit 2014 moderierte die gebürtige Berlinerin das "ZDF-Morgenmagazin" in der Frühschiene und war in der Redaktion auch als Reporterin und Autorin aktiv. Nach einem Volontariat beim NDR hatte die Magistra der Angewandten Theaterwissenschaften, Journalistik und Politikwissenschaften ab 2012 als Reisereporterin für das ZDF-Magazin "WISO" gearbeitet – 2014 wurde sie für die "WISO"-Reisereportagen mit dem Axel-Springer-Preis in der Kategorie "Besondere Moderationsleistungen" geehrt.

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