Copyright: Adidas History Management
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Deutschlands große Clans

ZDFzeit-Dokureihe über große deutsche Familienunternehmen (3. Staffel)

Die erfolgreiche Doku-Reihe befasst sich 2018 mit der Familie Schwarz (Lidl), den Dasslers (Adidas) und den Bahlsens. Den Auftakt macht "Die Lidl-Story".
Die Namen der Unternehmen oder Marken kennen viele, doch die Männer und Frauen, die hinter den Kulissen die Firmen lenken, sind weitgehend unbekannt. Wer sind sie? Wer hat die Unternehmen gegründet, aufgebaut und fortgeführt? Wie gelingt der Weg in die Zukunft? Die Doku-Reihe erzählt Firmen- und Familienhistorien, die immer auch ein Stück deutsche Zeitgeschichte sind.

  • ZDF, jeweils Dienstags, 20.15 Uhr: 25. September, 2. Oktober und 9. Oktober 2018

Texte

Scheue Clanmitglieder und überraschende Entdeckungen
Von Stefan Brauburger, ZDF-Redaktionsleiter Zeitgeschichte

Leicht ist es noch nie gewesen, die Geschichte der großen deutschen Familienunternehmen zu erzählen. Wie nähert man sich scheuen Clanmitgliedern, die lieber unerkannt bleiben wollen und nie oder nur in Ausnahmefällen vor die Kamera treten? Wie gelingt es, Nähe und Vertrauen zu den Unternehmerfamilien herzustellen, Zugang zu Firmen- und Privatarchiven zu erlangen, ohne dabei zum "Hofberichterstatter" zu werden? Wie bewahrt man sich die notwendige journalistische Distanz, berichtet von Familienzwist, Intrigen und Unregelmäßigkeiten, ohne dass sich bei den Konzernen alle mühsam geöffneten Türen wieder verschließen?

In den ersten beiden Staffeln der Doku-Reihe "Deutschlands große Clans" ist dies gelungen, obwohl Firmen wie C&A, Tchibo oder Henkel die Autoren vor schwierige Herausforderungen gestellt haben. Dennoch sind dank Beharrlichkeit, großem Einfühlungsvermögen und journalistischer Kompetenz der Autoren Filme entstanden, die nicht nur bei einem großen Zuschauerkreis Gefallen gefunden haben, sondern auch beim Fachpublikum: Zwei Dokus der ersten Staffel wurden 2017 mit dem "Deutschen Wirtschaftsfilmpreis" ausgezeichnet.

In der dritten Staffel unserer Reihe aber mussten die Filmemacher besonders hohe Hürden überwinden. Allen voran die "Lidl-Story" stellte die Autoren vor eine beinahe unlösbare Aufgabe: Wie gelingt ein Film über einen Konzern, von dessen Gründer nur zwei Fotos existieren? Wie recherchiert man die Geschichte eines Clans, über den es so gut wie keine Literatur gibt, über den kaum einer sprechen will und dessen Angehörige jeden Kontakt zu Medien ablehnen? Wie unterscheidet man Wahrheit von Legende?

Auch bei der "Adidas-Story" galt es, die "Spreu vom Weizen zu trennen". Der Konflikt der Gründerfiguren von Adidas und Puma, der Brüder Adolf und Rudolf Dassler, wurde schon oft dokumentiert und verfilmt. Doch hat sich bei weitergehenden Recherchen in den Archiven manche kolportierte Geschichte schlicht als "Ente" erwiesen. Dokumente, Fotos und Originalaufnahmen aus Filmarchiven zeichnen eben manchmal ein anderes Bild als Firmen-PR oder Familien-Überlieferungen. Zudem stützt sich der Film auf Ergebnisse einer wissenschaftlichen Forschergruppe, die im Auftrag des neuen Managements des Unternehmens die Firmengeschichte aufgearbeitet hat. So rückt die Dokumentation erstmals das Wirken Horst Dasslers, des Sohnes von Adi Dassler, in den Vordergrund. Dank geschickter Außenpolitik, auch über Blockgrenzen hinweg, baute er Adidas noch weiter zur Weltmarke aus. Doch entstand unter ihm auch ein System der Begünstigung und Korruption.

Bei Bahlsen lag die Herausforderung darin, untereinander zerstrittene Clanmitglieder zur Geschichte ihres Familienunternehmens zu befragen. Die Ergebnisse monatelanger Recherchen von Annebeth Jacobsen, Frank Diederichs ("Die Lidl-Story"), Uli Weidenbach ("Die Adidas-Story") und Heike Nelsen ("Die Bahlsen-Story") können dazu beitragen, nicht nur die mitunter unübersichtlichen Wirtschafts- und Familienverhältnisse hinter den Firmen zu veranschaulichen, sondern auch ein Stück deutscher Zeitgeschichte zu erzählen.

Über die Reihe "Deutschlands große Clans"

Nach Oetker, C&A, Haribo und Tchibo 2016, Henkel, Aldi, Otto und Volkswagen 2017 widmet sich die Doku-Reihe "Deutschlands große Clans" der Redaktion Zeitgeschichte 2018 Lidl, Adidas und Bahlsen.

Wie kommt es, dass in Deutschland so viele familiengeführte Unternehmen seit Jahrzehnten erfolgreich sind? Was ist das Geheimnis der Clans? Wie gelingt es ihnen, ihre Unternehmen durch Höhen und Tiefen zu steuern? Ist ihr Modell anderen Großfirmen überlegen? Wie wirken sich familieninterne Streitigkeiten, Generationenwechsel und Schicksalsschläge auf die Konzerne aus? Welche Opfer verlangt der Aufstieg den Clanmitgliedern ab?

Die Doku-Reihe zeigt, wie unterschiedlich sich die Familien in die Unternehmen einbringen, wie sie Krisen bewältigen und welche Strategien sie entwickeln, um das Überleben der Firma und die Zukunft der Sippe zu sichern. Wirkt der Nimbus der Gründerväter noch immer? Eifern die folgenden Generationen ihnen nach oder gehen sie bewusst eigene Wege? Meist scheuen gerade die Nachkommen die Öffentlichkeit, wollen ihr Privatleben schützen. Die Filme blicken hinter die Kulissen der Großkonzerne und zeichnen verblüffende und anekdotenreiche Porträts jener Männer und Frauen, die ihre Unternehmen prägten und prägen. 

Die Lidl-Story: Stab, Besetzung, Inhalt

Dienstag, 25. September 2018, 20.15 Uhr
Deutschlands große Clans – Die Lidl-Story
ZDFzeit-Dokumentation

Buch/Regie (Doku)_____ Frank Diederichs, Annebeth Jacobsen
Kamera (Doku)_____ Florian Bentele, Björn Schneider, Michael Khano
Regie (Szene)_____ Oliver Halmburger
Kamera (Szene)_____ Tobias Corts
Schnitt_____ André Hammesfahr
Grafik______ Zornshot
Szenenbild______ Lutz Krammer
Ausstattung_____ Marika Antesberger
Kostüm______ Anja Ruprecht
Maske______ Alisza Pfeifer
Produktionsleitung_____ Karoline Noth (BROADVIEW TV), Verena Späth (Loopfilm), Carola Ulrich (ZDF)
Produzenten_____ Leopold Hoesch (BROADVIEW TV), Oliver Halmburger (Loopfilm)
Redaktion_____ Anja Greulich, Stefan Mausbach
Leitung_____ Stefan Brauburger

Die Rollen und ihre Darsteller
Dieter Schwarz (jung)_____ Helge Gutbrod
Dieter Schwarz (alt)_____ Dietrich Adam
Josef Schwarz_____ Frank Sollmann
Franziska Schwarz_____ Eva Bay

Inhalt
Mit einem geschätzten Vermögen von 37 Milliarden Euro gilt er als der reichste Deutsche (Stand 2017), dabei ist er hierzulande der wohl geheimnisvollste Milliardär: Dieter Schwarz. Der größte Konkurrent von Aldi ist noch mehr als die Gebrüder Albrecht ein Phantom geblieben. Jeder zweite Deutsche kauft bei Lidl, doch der Herrscher über das Discounter-Imperium ist nahezu unbekannt. Nur wenige Fotografien von ihm sind öffentlich. Dieter Schwarz, Jahrgang 1939, lehnt bisher alle Pressetermine und jeglichen Kontakt mit Medien strikt ab. Auch andere Clanangehörige, Freunde oder Weggefährten des Milliardärs schweigen beharrlich. Umso mehr Legenden kursieren über ihn. Den Wahrheitsgehalt dieser Anekdoten zu prüfen, war die größte Herausforderung für die Autoren.

Schritt für Schritt ist es Annebeth Jacobsen und Frank Diederichs gelungen, Licht ins Dunkel der Firmen- und Familiengeschichte zu bringen. Bei Recherchen in Archiven sind sie auf bislang unveröffentlichte Dokumente gestoßen, die Einblicke in die Chronik der Firmengruppe und das Leben der Familienmitglieder gewähren. Dabei haben die Autoren manch überraschende Entdeckung gemacht. So zum Beispiel die Tatsache, dass Dieter Schwarz keineswegs aus "kleinen Verhältnissen" stammt, wie oft von der Presse kolportiert. Vielmehr hat der Kaufmannsberuf in der Familie Tradition: Vater, Großvater und Urgroßvater waren bereits Kaufleute. Dieter Schwarz war nicht derjenige, der den Grundstein des Firmenimperiums legte.

Die Geschichte von Lidl beginnt 1930: Vater Josef Schwarz tritt damals in die Südfrüchte Großhandlung Lidl & Schwarz KG ein, bald wird daraus ein Großhandel für Lebensmittel. Die Anfangsjahre sind mühsam, Josef Schwarz beliefert seine Kunden noch mit dem Handkarren. Während der NS-Diktatur werden die Geschäfte für ihn immer beschwerlicher, wichtige Lieferungen bleiben aus, weil er sich weigert, in die NSDAP einzutreten. Schwarz verliert auch deshalb Kunden, weil bei vielen fremdländische Güter, vor allem Südfrüchte, auf Ablehnung stoßen. Am 4. Dezember 1944 zerstören britische Luftangriffe große Teile der Stadt Heilbronn und auch das Firmengebäude des Familienunternehmens. Die inzwischen fünfköpfige Familie Schwarz überlebt nur knapp im Keller ihres Wohnhauses.

Nach dem Krieg will Stammhalter Dieter, das jüngste von drei Kindern, Mathematik studieren. Doch Vater Josef hat andere Pläne für den Sohn: Dieter soll eine kaufmännische Ausbildung absolvieren, um später ins Familienunternehmen einzusteigen. Schwarz Junior beugt sich, krempelt aber das väterliche Geschäft gründlich um. Er will in den Einzelhandel einsteigen, Josef Schwarz sieht das eher skeptisch. Doch in Deutschland macht sich eine Geschäftsidee breit, die Dieter Schwarz fasziniert: Die Albrecht-Brüder aus Essen überziehen mit ihren Discount-Läden die ganze Bundesrepublik. Dieter Schwarz ist angespornt; auch er will in das Discountergeschäft einsteigen. 1968 eröffnet die Familie den ersten Einzelhandelsladen, einen Verbrauchermarkt in Backnang. Weitere Märkte folgen, und 1973 macht Dieter Schwarz den ersten eigenen Discounter in Ludwigshafen auf. Er ist also weder Pionier, noch innovativer Gründervater des Firmenimperiums "Lidl", aber ein cleverer Geschäftsmann, der vorhandene Strömungen aufgreift und für sich erfolgreich umsetzt.

Das Unternehmen expandiert von der schwäbischen Region in die ganze Republik, schließlich auch ins Ausland. Dort ist Lidl inzwischen breiter aufgestellt als sein Hauptkonkurrent Aldi. Für Lidl spiele es keine Rolle, ob Aldi schon dort sei, meinen Experten. Heute gibt es weltweit mehr als 10.000 Lidl-Filialen, hinzu kommen gut 1200 Kaufland-Märkte, die ebenfalls zur Firmengruppe gehören. Rund 400.000 Menschen arbeiten für das Unternehmen.

Wie aber lebt der geheimnisvolle Milliardär? Nur wenig ist über das Privatleben von Dieter Schwarz bekannt. Seit 1963 ist er verheiratet, das Ehepaar Schwarz hat zwei erwachsene Töchter. Der Milliardär hat sich der Förderung seiner Heimatstadt Heilbronn verschrieben, finanziert die Renovierung eines Kirchturms, unterstützt das Kammerorchester oder spendet für Kunst im öffentlichen Raum. Auch einen kompletten Hochschulcampus hat Schwarz errichtet. In Heilbronn sind viele dankbar für diese Großzügigkeit. Kritiker sprechen dagegen von Heilbronn als "Dieter Schwarz' liebstem Spielzeug" und mahnen, dass sich die Stadt abhängig von dem Discounter-König mache.
1999 hat sich Schwarz aus dem operativen Geschäft zurückgezogen; sein Statthalter heißt Klaus Gehrig, von Mitarbeitern "der Killerwal" genannt. Ab 2004 gerät die Handelskette immer wieder in die Schlagzeilen: Öffentliche Klagen über schlechte Arbeitsbedingungen bringen das Unternehmen in Misskredit, und 2008 deckt der "Stern" einen Überwachungsskandal bei Lidl auf. Man habe daraus gelernt, bekunden die Manager heute, doch viele Beobachter sind skeptisch. Beruht das System "Lidl" auf Einschüchterung, Kontrolle und unbezahlter Mehrarbeit, wie Kritiker behaupten? Im Film sprechen Experten und ehemalige Angestellte über die Firmenpolitik.

Aktuell hält die "Dieter Schwarz Stiftung" 99,9 Prozent des Firmen-Kapitals, doch das letzte Wort im Unternehmen hat immer noch der Familienchef. Wie aber wird die Zukunft ohne ihn aussehen? Steigen seine beiden Töchter ins Unternehmen ein? Der Film beleuchtet auch die Stiftungsstruktur der Schwarz-Gruppe und geht der Frage nach, was ihren Namensgeber mit beinahe 80 Jahren immer noch antreibt.

Die Adidas-Story: Stab, Besetzung, Inhalt

Dienstag, 2. Oktober 2018, 20.15 Uhr
Deutschlands große Clans – Die Adidas-Story
ZDFzeit-Dokumentation

Buch/Regie (Doku)_____ Uli Weidenbach
Kamera (Doku)_____ Anthony Miller, Christian Baumann
Regie (Szene)_____ Oliver Halmburger
Kamera (Szene)_____ Tobias Corts
Schnitt_____Wolfgang Daut
Tonmischung____ Bruno Hebestreit
Grafik_____ Zornshot
Szenenbild_____ Lutz Krammer
Ausstattung ______ Marika Antesberger
Kostüm_____ Anja Ruprecht
Maske_____ Alisza Pfeifer
Produktionsleitung_____ Verena Späth (Loopfilm), Carola Ulrich (ZDF)
Produzenten_____ Oliver Halmburger (Loopfilm)
Redaktion_____ Anja Greulich, Stefan Mausbach
Leitung_____ Stefan Brauburger

Die Rollen und ihre Darsteller
Horst Dassler_____ Franz-Xaver Zeller
Rudolf Dassler_____ Timo Wenzel
Käthe Dassler_____ Simona Mai
Adolf Dassler_____ Thomas Gräßle
Armin Dassler_____ Konstantin Lindhorst
Jörg Dassler_____ Josef Schröttle

Inhalt

Adidas ist eines der bekanntesten deutschen Unternehmen, der zweitgrößte Sportartikelproduzent weltweit und zählt mit seinem Markenzeichen, den drei Streifen, zu den wichtigsten Bekleidungsmarken überhaupt. Als global agierender Big Player mit 55.000 Mitarbeitern in über 160 Ländern erzielte Adidas 2017 einen Umsatz von rund 21 Milliarden Euro. Ob Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften: Es gibt kaum ein sportliches Großereignis, bei dem Adidas nicht als Ausrüster der erfolgreichsten Sportlerinnen und Sportler präsent ist.

Der Film von Uli Weidenbach erzählt die Geschichte des Unternehmens von den Anfängen mit den Brüdern Adi und Rudolf Dassler bis hin zum börsennotierten Weltkonzern heute. Dabei liegt der Fokus vor allem auf der Ära Horst Dassler, dem Sohn des legendären Gründers Adi. Horst Dassler gilt als Pionier und Visionär in Sachen Sportvermarktung, seine umstrittenen Methoden haben laut Experten die Sportwelt für immer verändert. Dem Autor ist es gelungen, unveröffentlichtes Bildmaterial aus dem Familienbesitz der Dasslers zu erhalten sowie mit Verwandten, engsten Mitarbeitern und bekannten Sportgrößen zu sprechen. Darüber hinaus konnte sich der Filmemacher auf den jüngsten Bericht einer Historikerkommission stützen, die im Auftrag der Familie die Geschichte des Unternehmens wissenschaftlich untersucht hat.

Die neuen Dokumente zeichnen ein bisweilen überraschend anderes Bild des Sportartikel-Imperiums. Bekannt ist, dass die Familien der beiden großen Konzerne Adidas und Puma, die ihre Wurzeln nur wenige hundert Meter voneinander entfernt im beschaulichen Herzogenaurach haben, seit mehr als einem halben Jahrhundert zerstritten sind. 1920 gründen Adolf, genannt Adi, und Rudolf Dassler ihren ersten Handwerksbetrieb für Lauf- und Fußballschuhe, nach dem Zweiten Weltkrieg kommt es zwischen den ungleichen Brüdern zum Bruch. Adidas und Puma entstehen als konkurrierende Unternehmen. Erbittert fechten die Brüder um Ausrüsterverträge, Marktanteile und Patente. Der Streit überträgt sich auch auf die nächste Generation: Armin (Puma) und Horst Dassler (Adidas) bekriegen sich weiter wie ihre Väter, spinnen Intrigen und schrecken auch vor Bestechung und Bespitzelung nicht zurück. Es geht sogar so weit, dass die Konkurrenz mit Wanzen abgehört wird, um sich im unerbittlichen Wettkampf Vorteile zu verschaffen.

Wurde bislang in Dokumentationen vor allem der Weg der Gründerväter abgebildet, beleuchtet der Film erstmals auch die oft unterschätzte Rolle von Käthe Dassler, der Adis Ehefrau, die in Konflikt mit ihrem Sohn Horst gerät. Der Konkurrenzkampf mit Puma wird abgelöst durch ein Zerwürfnis zwischen Adidas Deutschland und dem von Horst aufgebauten Ableger in Frankreich, aus dem sich ein paralleles Adidas-Imperium entwickelt.

Im elsässischen Landersheim baut sich Horst Dassler mit rastloser Geschäftigkeit ein eigenes Reich auf, auf Distanz zu Vater, Mutter und den vier Schwestern. Adidas France wächst rasant, Horst kauft immer mehr Marken hinzu, macht damit der eigenen Familie in Herzogenaurach Konkurrenz. Mitte der 70er Jahre kommt es zum offenen Streit zwischen Sohn Horst und Mutter Käthe, die versucht, die Marke unter Kontrolle zu behalten. Doch Horst Dassler ist in seinem Expansionseifer kaum zu bremsen. Dabei versucht er auch, mehr Einfluss auf Sportverbände und -funktionäre zu nehmen. In der "Auberge du Kochersberg", einem firmeneigenen Spitzenrestaurant im Elsass, werden die Größen des Sports an den Tisch gebeten und bei Wein und exquisitem Essen zu "guten Freunden" gemacht. Aus seinem weltumspannenden Netzwerk weiß Horst Dassler jede Menge Kapital zu schlagen.

Ist Horst Dassler wirklich der "Erfinder der modernen Sportkorruption", wie das "Handelsblatt" (30.5.2014) meint? Die Folgen seiner Ära sind bis heute spürbar, sagen Fachleute in der FIFA und im IOC, aber auch in anderen internationalen Sportverbänden. Die Dokumentation zeichnet das Porträt eines Horst Dassler, der den Erfolg seines Adidas-Konzerns mit allen Mitteln erzwingen wollte. Überraschend und neu sind Erkenntnisse darüber, wie es ihm mitten im Kalten Krieg gelang, Beziehungen zur DDR und zum Ostblock aufzubauen. Wie groß war die Einflussnahme von Adidas unter Horst Dassler auf die Sportpolitik? Wie geht der Dassler-Clan mit seiner bewegten Familiengeschichte um? Hat es zwischen den Puma-Angehörigen und dem Adidas-Clan jemals eine Versöhnung gegeben? Die Dokumentation stellt ein  großes deutsches Unternehmen vor, dem es trotz jahrzehntelangen Familienstreits gelungen ist, sein Überleben zu sichern.

Die Bahlsen-Story: Stab, Besetzung, Inhalt

Dienstag, 9. Oktober 2018, 20.15 Uhr
Deutschlands große Clans – Die Bahlsen-Story
ZDFzeit-Dokumentation

Buch/Regie (Doku)_____ Heike Nelsen
Kamera (Doku)_____ Stephan Zwickirsch, Jean Marc Schablin, Benedict Sicheneder
Regie (Szene)_____ Oliver Halmburger
Kamera (Szene)_____ Torbjörn Karvang
Schnitt_____ Robert Bohrer, Robert Handrick
Grafik_____ Zornshot
Ausstattung_____ Lutz Krammer
Kostüm_____ Evelyn Straulino
Maske_____ Laura Bertoldi
Produktionsleitung_____ Sascha Lienert (Februar Film), Verena Späth (Loopfilm), Carola Ulrich (ZDF)
Produzenten_____ Florian Hartung (Februar Film), Oliver Halmburger (Loopfilm)
Redaktion_____ Anja Greulich, Stefan Mausbach
Leitung_____ Stefan Brauburger

Die Rollen und ihre Darsteller
Hermann Bahlsen_____ Benjamin Schroeder
Gertrud Bahlsen_____ Nele Niemeyer
Martha Hohmeyer_____ Barbara Romaner
Klaus Bahlsen_____ Franz-Xaver Zeller
Lorenz Bahlsen_____ Frank Sollmann
Werner Michael Bahlsen_____ Lance Girard

Inhalt
Vor 127 Jahren war die Geburtsstunde des Leibniz-Kekses. Das Buttergebäck mit den 52 "Zähnen" ist nach Hannovers Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz benannt und hat bis heute einen hohen W. Unternehmensgründer Hermann Bahlsen ließ den Hartkeks 1891 zum ersten Mal in seiner "Hannoverschen Cakesfabrik" backen. Mit dem Begriff "Keks" entstand nebenbei ein neues deutsches Wort: Ursprünglich hieß das Gebäck englisch "Cakes". 1911 wurde der neue Begriff in den Duden aufgenommen.
Heute produziert das Unternehmen rund 142.000 Tonnen Kekse, Riegel sowie Gebäck und exportiert seine Süßwaren in 55 Länder. 2830 Mitarbeiter arbeiten für den Konzern, der 2017 fast 560 Millionen Euro Umsatz erzielte.

Die Geschichte des Familienunternehmens beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Eigentlich ist es eher Zufall, dass Hermann Bahlsen aus Hannover eine Fabrik für süße Knabbereien gründet. Seine wohlhabende Mutter, die gelegentlich Geld verleiht, erhält eine Bäckerei als Sicherheit für einen Kredit. Als der Schuldner sein Darlehen nicht zurückzahlen kann, fällt diese als Pfand den Bahlsens zu. Hermann, damals knapp 30 Jahre alt, will eigentlich in London als Zuckerhändler Geschäfte machen. Doch seine Mutter bittet ihn, zurückzukommen und sich um den "Zuwachs" zu kümmern. Der Sohn gehorcht und übernimmt die Bäckerei. Nach englischem Vorbild will er süße Plätzchen backen, wie man sie von der britischen Teatime kennt. Bis er das geeignete Rezept gefunden hat, vergeht eine Weile. Hermann Bahlsen ist kein Bäcker, und er hat besondere Ansprüche an sein neues Produkt: Es soll haltbar sein, knusprig und unverwechselbar. Schon früh sucht er den internationalen Vergleich – und hat damit Erfolg. 1893 wird sein Leibniz-Keks auf der Weltausstellung in Chicago mit Gold ausgezeichnet.

Bahlsen gilt als geschickter Geschäftsmann. Von Anfang an setzt er auf modernes Marketing und technische Innovation. Als erster deutscher Unternehmer führt er in seinem Werk das Fließband ein. Abgeschaut hat er sich die Idee in den Schlachthöfen von Chicago. Um sein Personal kümmert sich der Firmengründer wie eine Glucke: Duschen, Essen, Näh- und Bastelkurse, Kneippbäder und andere Begünstigungen hält der Chef für seine Mitarbeiter bereit. Um seine vier Söhne hingegen kümmert er sich weniger. Weil ihre Mutter wegen Depressionen die meiste Zeit in Sanatorien verbringt, wachsen die Jungen quasi elternlos auf und entwickeln ein schwieriges Verhältnis zu Vater und Familie.

Der Filmemacherin Heike Nelsen ist es dank Einblick in die Firmen- und Privatarchive der Bahlsens gelungen, die besondere Rolle einer weiteren wichtigen Person in der Firma zu beleuchten. Martha Hohmeyer steigt als junge Frau im Unternehmen bis in die Geschäftsleitung auf und erhält 1910 sogar Prokura. Im beginnenden 20. Jahrhundert ist eine solch steile Karriere für eine Frau keineswegs selbstverständlich. Auch für die vier Söhne des Firmengründers gewinnt Martha Hohmeyer eine immer größere Bedeutung. Da Mutter Gertrud Bahlsen wegen ihrer schweren Depressionen immer häufiger abwesend ist, übernimmt Hohmeyer die Erziehung der Söhne. Sie wird zu einer Art Mutterersatz und später für deren Kinder zur "Oma". "Sie war relativ streng", erinnert sich Hermann Bahlsens Enkel Werner Michael Bahlsen. Doch Hohmeyers Beziehung zur Familie bleibt über Generationen hinweg innig. 

Als Hermann Bahlsen 1919 mit gerade einmal 60 Jahren stirbt, sind die Söhne noch minderjährig – und bereits zerstritten. Neid, Missgunst und Eifersucht prägen das Verhältnis der Brüder untereinander. Der Vater hat versäumt, rechtzeitig die Nachfolge zu klären. Als die Söhne erwachsen sind und in die Geschäftsführung einsteigen, beginnt ein Hauen und Stechen. Werner Bahlsen kann sich am Ende durchsetzen. Doch der Zwist besteht weiter. Bruder Gerhard zum Beispiel zieht sich komplett zurück und wird Schriftsteller.

In der NS-Diktatur versuchen die Bahlsens, das Überleben der Firma zu sichern, und liefern Kekse an die Wehrmacht. Politisch versucht man, unter dem Radar zu bleiben und sich möglichst unauffällig zu verhalten. Niemand tritt in die Partei ein, aber Ärger will man mit dem Regime auch nicht riskieren. Um die Produktion in Kriegszeiten aufrecht zu erhalten, setzt Bahlsen auch Zwangsarbeiter ein: 770 Frauen arbeiten in der Keksfabrik in Hannover.

Nach dem Krieg geht es schnell wieder bergauf; die Bahlsens erweitern ihre Produktpalette und beschäftigen in den 50er und 60er Jahren auch Gastarbeiter. Es sind vor allem junge Spanierinnen, die an den Fließbändern stehen. Für sie gibt es bei Bahlsen extra spanisches Essen und Deutschkurse. Im Film erinnern sich einige ehemalige Gastarbeiterinnen an ihre Zeit in der Keks-Fabrik.

Als Werner Bahlsen 1985 stirbt, bricht erneut Streit aus. Kinder kämpfen gegen Väter, Brüder gegen Brüder, Vettern gegen Vettern. 1999 findet der familiäre Dauerstreit seinen traurigen Höhepunkt. Das Unternehmen wird aufgeteilt: Werner Michael Bahlsen handelt mit den Süßwaren, sein Bruder Lorenz Bahlsen mit Salzigem. Sie gehen fortan getrennte Wege.
Kurz vor dem 130-jährigen Bestehen des Familienunternehmens teilt Werner M. Bahlsen im April 2018 überraschend der Öffentlichkeit mit, dass sich der Clan aus dem Tagesgeschäft zurückziehen will. Ein Managerteam soll künftig die Geschicke des Unternehmens lenken – zum ersten Mal in der langen Geschichte des Keks- und Süßwarenherstellers.

Ist das der Anfang vom Ende des traditionsreichen Familienunternehmens? Oder sichert sich der Konzern so sein Überleben und damit auch die Zukunft der Sippe? Filmemacherin Heike Nelsen ist es – trotz schwieriger Familienverhältnisse – gelungen, Mitglieder des Bahlsen-Clans vor die Kamera zu bekommen. Werner Michael Bahlsen und seine Tochter Verena Bahlsen sprechen im Film offen über die Zukunft des Unternehmens, ihre Verantwortung als Teil der Familie und die lange und bewegte Vergangenheit des Keks-Konzerns.

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