Die Äbtissin - Eine Frau kämpft um die Macht

Dokumentation

Noch im 19. Jahrhundert sollen Frauen in der katholischen Kirche höchste Ämter bekleidet haben. Ihre bischöfliche Macht stand unter dem direkten Schutz von Kaisern, Königen und Päpsten. Es sind Äbtissinnen der reichsfreien Klöster und Stifte in ganz Europa. Hubert Wolf, katholischer Theologe und Autor, macht sich exklusiv für das ZDF auf die Suche nach der verlorenen Macht der Äbtissinnen und entdeckt dabei Erstaunliches.

  • ZDF, Samstag, 26. Dezember 2015, 18.15 Uhr

    Texte

    Die Rolle der Frau in der katholischen Kirche
    Vorwort von Redaktionsleiterin Michaela Pilters

    Eine Frau mit Mitra und Bischofsstab, und das in der katholischen Kirche, das kann es nicht geben! Oder doch? Angesichts der Diskussionen um die Rolle der Frau in der katholischen Kirche ist es für unsere Redaktion eine Herausforderung, dieser Frage nachzugehen. Videomaterial dazu gibt es natürlicherweise nicht, daher geben Spielszenen, die der historischen Situation nachempfunden sind, dem Film Dramatik und emotionale Kraft. Sich dabei überwiegend auf den Kampf einer der starken Frauen um den Erhalt ihrer Privilegien zu konzentrieren, halte ich für legitim. Unser Fachberater Prof. Hubert Wolf, der bei seinen Forschungen zur Kirchengeschichte selbst auf dieses Thema gestoßen ist, sorgt dafür, dass die Fakten stimmen. Mit ihm machen wir uns auf eine spannende Suche. In unserer Dokumentation am zweiten Weihnachtsfeiertag zeigen wir, dass es die bischofsgleichen Frauen gab. Nicht nur einmal, sondern europaweit und mehr als 700 Jahre lang. Die Äbtissinnen in den reichsunabhängigen Klöstern hatten die Insignien bischöflicher Macht und sprachen Recht auch über die Kleriker in ihrem Herrschaftsbereich.

    Welche Schlussfolgerungen für die aktuelle Situation daraus gezogen werden können, überlassen wir gerne unseren Zuschauerinnen und Zuschauern.

    Michaela Pilters, Redaktionsleiterin Kirche und Leben/katholisch

    Sendedatum, Stab, Inhalt

    Samstag, 26. Dezember 2015, 18.15 Uhr

    Die Äbtissin
    Ein Frau kämpft um die Macht

    Film von Andreas Sawall und Martina Schönfeld nach einer Idee von Hubert Wolf

    Stab

    Moderation: Hubert Wolf
    Buch: Martina Schönfeld, Andreas Sawall
    Regie: Andreas Sawall
    Kamera: Hans Jacobi
    Redaktion: Michaela Pilters
    Länge: ca. 43'30

    Inhalt

    Noch im 19. Jahrhundert sollen Frauen in der katholischen Kirche höchste Ämter bekleidet haben. Ihre bischöfliche Macht stand unter dem direkten Schutz von Kaisern, Königen und Päpsten. Es sind Äbtissinnen der reichsfreien Klöster und Stifte in ganz Europa. Hubert Wolf, katholischer Theologe und Bestseller-Autor, macht sich exklusiv für das ZDF auf die Suche nach der verlorenen Macht der Äbtissinnen und entdeckt dabei Erstaunliches.

    Über Jahrhunderte schufen Äbtissinnen geistige und kulturelle Zentren, setzten Priester ein, vergaben Pfründe, ernannten Kirchenrichter, hielten Strafverfahren ab und richteten neue Pfarreien ein. Ohne ihre Erlaubnis durfte kein fremder Priester auf dem Gebiet der Abtei seelsorgerisch tätig werden. Sie nahmen sogar die Beichte ab und verkündeten das Evangelium. Aufgaben, die heute ausschließlich Bischöfen und Priestern vorbehalten sind.

    Die Äbtissinnen residierten in Quedlinburg, Gandersheim und Essen, um nur einige Orte in Deutschland zu nennen, in Fontevrault oder Remiremont in Frankreich. Zu den mächtigsten von ihnen gehörten die Äbtissinnen des königlichen Klosters von Las Huelgas in Spanien. Ihr Pilgerhospiz am Jakobsweg war das berühmteste und größte im Königreich Kastilien. Die Äbtissin von Las Huelgas war Herrscherin über ein eigenes Gebiet mit mehr als 60 Klöstern und Ortschaften. Den Bischöfen und selbst päpstlichen Gesandten war es verboten, Kirchen und kirchliche Einrichtungen zu visitieren, das heißt zu überprüfen. Immer wieder kam es deswegen zu Begehrlichkeiten und erbitterten Auseinandersetzungen mit den Bischöfen des benachbarten Burgos.

    So auch während der Regentschaft der Doña Catalina de Sarmiento, die im 16. Jahrhundert Äbtissin von Las Huelgas war und wiederholt ihre Unabhängigkeit gegenüber dem Bischof und späteren Kardinal Francesco de Mendoza y Bobadilla verteidigen musste.

    Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts schafften es die Äbtissinnen von Las Huelgas, ihre bischöfliche Macht aufrechtzuerhalten. Sie überstanden Kriege, Revolutionen und sogar die Plünderung durch Napoleons Soldaten. Erst ein Dekret aus Rom von Papst Pius IX. beendete 1873 die letzte Frauenherrschaft in der katholischen Kirche.

    Interview mit Fachberater Prof. Hubert Wolf

    Hubert Wolf ist Professor für Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Universität Münster. Er zählt zu den renommiertesten deutschen Historikern. Sein jüngst erschienenes Buch "Krypta" war Ideengeber für den Film "Die Äbtissin".

    Warum ist "Die Äbtissin" für Sie ein Thema und wie sind Sie darauf gestoßen?

    Die Äbtissin von Las Huelgas steht für eine ganze Reihe von Frauen, die in der katholischen Kirche über rund tausend Jahre hinweg bischöfliche Funktionen ausgeübt haben. Sie leiteten eine eigene Diözese, setzten Pfarrer ein und ab, errichteten Pfarreien und hoben sie wieder auf, sprachen Recht, erteilten die Vollmacht zum Messelesen … Manche von ihnen trugen sogar eine Mitra als Zeichen ihrer quasi bischöflichen Würde.

    Zum ersten Mal bin ich auf diese mächtigen Frauen 1978 gestoßen, bei einem Besuch im Benediktinerkloster Neresheim. In einem Gespräch darüber, dass Leitungsfunktionen in der Kirche nur Männern vorbehalten seien, gab mir der Bibliothekar augenzwinkernd eine Reihe von Büchern, die für Zisterzienserinnen und Benediktinerinnen das Gegenteil bezeugten. Das war für mich eine echte Überraschung. Seither hat mich dieses Thema nicht mehr losgelassen.

    Welchen Eindruck hat das Kloster in Las Huelgas heute auf Sie gemacht?

    Es handelt sich architektonisch um eine wirklich beeindruckende Anlage. Ein Abstecher auf den Jakobsweg nach Las Huelgas ist ein Muss. Es gibt dort auch noch heute ein Zisterzienserinnenkloster, aber die selbstbewussten Frauen, die mächtigen Äbtissinnen, die Männer nach ihrer Pfeife tanzen ließen, sind Geschichte.

    Meine Versuche, mit der heutigen Äbtissin einen Gesprächstermin zu erhalten, scheiterten. Zu einem Statement vor der Kamera war sie ohnehin nicht zu gewinnen. Las Huelgas heute ist ein Denkmal vergangener Größe und ein Symbol für unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte.

    Was kann aus Ihren Forschungsergebnissen für die aktuelle Diskussion in der katholischen Kirche zur Rolle der Frau gefolgert werden?

    Die Behauptung, Frauen hätten nie Leitungsfunktionen in der katholischen Kirche ausgeübt, erweist sich als historisch nicht haltbar. Zwar verfügten die Äbtissinnen nach heutigem Kenntnisstand nicht über eine Bischofsweihe, standen aber mit allen rechtlichen Kompetenzen ihren Abteien vor wie ein Bischof einer Diözese. Dass es in der Reichskirche männliche Bischöfe gab, die ohne Weihe mehrere Diözesen leiteten, ist unumstritten. Dass Frauen ähnliche Möglichkeiten hatten, wird dagegen häufig verneint.

    Angesichts der Blockade in der Diskussion um die Diakoninnen- und Priesterweihe für Frauen könnten die Äbtissinnen ein Modell aus der Tradition der Kirche sein, um Frauen sogar bischöfliche Leitungskompetenzen zu übertragen – auch ohne Weihe. Dem steht allerdings eine "Reform" ausgerechnet des Zweiten Vatikanischen Konzils im Weg, die alle rechtliche Leitungskompetenz in der Kirche an die Bischofsweihe bindet. Diese müsste rückgängig gemacht werden.

    Die Fragen stellte Michaela Pilters

    Warten in Las Huelgas
    Drehbericht von Regisseur Andreas Sawall

    Wenn man schon eine ganze Weile Filme macht, ist man an das Warten gewöhnt. Warten auf das Licht, warten auf Schauspieler, warten, dass einem selbst ein zündender Gedanke für die nächste Einstellung kommt. Bei unserem Dreh im spanischen Burgos, genauer im Zisterzienserinnen-Kloster von Las Huelgas, kam eine ganz neue Art des Wartens hinzu: das Warten darauf, dass der Repräsentant des Patrimonio Nacional - der Institution, die das spanische Erbe hütet - mich versteht. Damit meine ich nicht die Verständigungsschwierigkeiten, die man eben hat, wenn man als Deutscher mit schlechtem Spanisch auf einen Spanier mit mittelmäßigem Englisch trifft, sondern ein viel grundsätzlicheres Verstehen. Nämlich, dass wir mit unserem Film einen bislang einzigartigen Blick auf das Kloster und seine Geschichte werfen. Dass dieser Film einige Menschen neugierig auf das Kloster machen wird und ja, dass wir das Kloster mit unserem Film gewissermaßen unterstützen.

    Ich gebe zu, das habe ich in vielen Teilen der Erde schon so manchmal gedacht, in Museen, an archäologischen Stätten, in Archiven - und habe oft in einigermaßen erstaunte Gesichter geblickt, aber das hier in der spanischen Provinz war doch etwas Neues. Obwohl wir einen fast schon unmoralisch hohen Betrag für die Drehgenehmigung im Kloster zahlen mussten, hat der elegant gekleidete Herr vom Patrimonio eine ganze Handvoll Argumente ausgebreitet, warum eineinhalb Tage statt der geplanten drei Drehtage ja durchaus genügen müssten, um einen Film zu drehen. Leider, leider sei es nun einmal unmöglich, dass wir ohne seine Begleitung im Kloster drehen könnten, aber vor allem müsste ich doch Verständnis dafür haben, dass er und die Konservatorin wieder pünktlich zurück nach Madrid müssten - so mein Gegenüber, der selbstverständlich auch in der Bar, in der wir inzwischen saßen, seine Sonnenbrille nicht absetzte.

    Vielleicht sollte ich mir auch meine Sonnenbrille aufsetzen, dachte ich. Um gewissermaßen mit ihm auf Augenhöhe zu verhandeln. Allein, mit oder ohne Sonnenbrille, für den Beamten aus Madrid gab es gar nichts zu verhandeln. Denn das Patrimonio Nacional ist die Institution, die heute über Las Huelgas bestimmt, es sind deren Administratoren, die entscheiden, wer wann wo und ob überhaupt in das Kloster darf. Die nette und kooperative Konservatorin an seiner Seite zuckte nur die Achseln. Ironie der Geschichte -  ausgerechnet das Kloster, in dem Frauen und nicht Männer Jahrhunderte lang das Sagen hatten, in dem die Äbtissinnen eine starke Verbindung zur spanischen Krone hatten, bestimmt ein Beamter aus dem fernen Madrid letztlich darüber, wie dieses Kloster darzustellen ist. Dass der Film dennoch spannend geworden ist, ist der faszinierenden Geschichte der starken Frauen aus Las Huelgas, meinem Team, der Redaktion und Prof. Hubert Wolf zu verdanken.

    Was ich aus Spanien mitgenommen habe, ist ein Gefühl, das ich im Grunde schon sehr lange habe: Es ist nicht nur in der katholischen Kirche an der Zeit, dass Frauen (wieder) Entscheidungen treffen können - ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten ihrer männlichen Kollegen. 

    "Die Auflösung eines Widerspruchs" 
    Drehbericht von Autorin Martina Schönfeld

    "Wussten Sie eigentlich, dass es in der katholischen Kirche bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Bischöfinnen gab?" Das fragte mich Professor Hubert Wolf, als wir, am letzten Drehtag zur ZDF-Dokumentation "Der Vatikan und das Geld" im März 2014 über den Camposanto, den Deutschen Friedhof in Rom schlenderten.

    "Und wissen Sie, wer diese Frauen waren?" Nein, wusste ich natürlich nicht. "Die Äbtissinnen". Natürlich nicht alle Äbtissinnen, aber die der sogenannten reichsunmittelbaren Stifte und Abteien. Also die Frauenklöster die direkt einem König oder Kaiser und damit auch dem Papst unterstellt waren und nicht dem jeweiligen Ortsbischof.

    Sensationell, dachte ich und auch - ja klar! Ist ja eigentlich total logisch. Aber wirklich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts? Das wären ja nicht mal 150 Jahre her. Sind diese Klöster nicht spätestens Anfang des 19. Jahrhunderts alle untergegangen? Da gab es doch diesen Reichsdeputationshauptschluss, mit dem im Zuge der Säkularisation all diese Klöster aufgehoben und aufgelöst wurden. Stimmt - aber nicht alle. Es gab eines, ganz im Westen von Europa, das Zisterzienserinnenkloster Las Huelgas. Hier verlor die Äbtissin erst 1873 ihren Status als Bischöfin. Per Dekret aus Rom, direkt vom Papst.

    Las Huelgas - bislang war das nur für Musikwissenschaftler ein magischer Ort. Es gibt eine berühmte und einzigartige Musikhandschrift, den Codex von Las Huelgas, mit der ersten überlieferten polyphonen (mehrstimmigen) Musik des Mittelalters, entstanden in diesem Frauenkloster in Kastilien. Und dort sollte also auch die letzte bischöfliche Äbtissin residiert haben!?

    Klar, dass wir dieses Thema mit Professor Wolf unbedingt für  eine unserer kirchenhistorischen Dokumentationen im ZDF haben wollten. Und natürlich wollten wir auch in Las Huelgas drehen, zusammen mit Professor Wolf. Wir sind glücklich, dass es geklappt hat.

    Für mich persönlich hat die Beschäftigung mit diesem Thema aber noch mehr bedeutet - die Auflösung eines Widerspruchs, den ich nie verstanden habe: Da haben wir Christen einen Religionsstifter (Jesus), der in der Bibel bemerkenswert normal mit Menschen umgeht - will sagen mit Männern und mit Frauen. Frauen spielen genauso wichtige und unwichtige Rollen wie Männer, egal ob sie Maria, Magdalena oder wie auch immer heißen. In der frühen Kirche gab es mindestens so viele Märtyrerinnen wie Märtyrer und weibliche wie männliche Diakone. Es ist bekannt, dass es unter den apokryphen Schriften auch Evangelien gibt, die den Namen von Frauen tragen. Die alte Kirchengeschichte konnte nachweisen, dass Kirchenfrauen der Antike systematisch aus dem Gedächtnis gelöscht oder sogar mit männlichen Namen versehen wurden.

    Wie konnte es also passieren - und wann ist das geschehen - dass die katholische Kirche eine Männerkirche geworden ist - und dazu noch behauptet, das sei schon immer so gewesen? Es war ein Prozess, der fast 1900 Jahre gedauert hat. Das weiß ich jetzt und habe auch verstanden, dass wir Frauen uns heute im 21. Jahrhundert langsam von einer historischen Entwicklung erholen, die mit dem Frauenbild des 19. Jahrhunderts im christlichen Europa ihren Tiefpunkt erlebt hat.

    Insofern hat mich die Arbeit an "Die Äbtissin" mit meinem katholischen Glauben ein Stück weiter versöhnt und dafür bin ich dankbar.

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    Weitere Informationen

     

    Hubert Wolf ist auch Experte der ZDF-Dokumentation "Der Vatikan und das Geld" (SD: 9.6.2014, 18.15 Uhr)

     

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