Die Neue

Der Fernsehfilm der Woche

"Die Neue" ist ein feinfühliges Drama mit gesellschaftspolitisch aktueller Thematik: Eva (Iris Berben) ist Lehrerin aus Leidenschaft. Sie lässt sich auf Diskussionen mit ihren Schülern ein und lehrt dabei gegenseitigen Respekt. Eine demokratische Streitkultur ist ihr wichtig. Nach dem Tod ihrer Mutter versucht sie sich im Leben neu zu finden. Da kommt die Türkin Sevda (Ava Celik) in Ihre Klasse. Klug, selbstbewusst, aus gutem Haus und Kopftuchträgerin aus Überzeugung. Sie fordert ihr Recht auf Religionsfreiheit uneingeschränkt ein - Konflikt programmiert.

  • ZDF, Montag, 19. Oktober 2015, 20.15 Uhr

    Texte

    Kennenlernen, diskutieren, abwägen – immer wieder neu
    Vorwort von Karina Ulitzsch - Redaktion HR Fernsehfilm/Serie I

    Die junge Sevda ist ungewöhnlich selbstbewusst und reflektiert. Mit Vehemenz besteht sie darauf, als Muslima auch in der Schule ihre Religion ausüben zu dürfen und ist damit eine Herausforderung für ihre Umgebung. Ihre Lehrerin Eva ist durchaus fasziniert von der ungebrochenen Kraft, mit der Sevda für sich einsteht, denn sie selbst hat bisher kaum zu sich gestanden. Auch Sevdas Suche nach einem eigenen Weg kann Eva verstehen. Denn seit sie weiß, wer ihr leiblicher Vater ist, orientiert auch sie sich neu. Aber Eva wird Sevda besser in die Klasse integrieren müssen.

    Da Eva eine gestandene Demokratin ist, ist die Einübung von entsprechendem Denken und Verhalten selbstverständlicher Teil ihres Unterrichts. Kennenlernen (vor allem des Fremden), diskutieren, abwägen – und das immer wieder aufs Neue. Das lehrt Eva ihre Schüler und so begegnet sie Sevda. Sie fragt nach Sevdas Beweggründen, will verstehen und überzeugen statt zu verbieten. Im Erfolgsfall ist diese Methode sicherlich nachhaltiger. Doch Sevda überzieht, und die Sache droht zu entgleiten. Viele Schüler beschweren sich über die ständigen Sonderregelungen für Sevda. Also will der Schuldirektor ihr das Kopftuch und die Ausübung ihres Glaubens innerhalb der Schule verbieten. Das wäre ein nachvollziehbares Vorgehen, schließlich ist die Schule ein säkularer Raum und der Schulfrieden muss gewahrt bleiben. Doch Eva bleibt trotz aller Schwierigkeiten und Risiken bei ihrem Weg. Sie zollt Respekt und fordert Respekt. Und schließlich gelingt ihr die Integration – aber es wäre fast schief gegangen.

    Kennenlernen, diskutieren, abwägen – immer und immer wieder neu. Dieser Weg scheint eine profunde Vorgehensweise, den demokratischen Diskurs in einer offenen Gesellschaft zu erhalten und zugleich ein nachhaltiger, um Integration gelingen zu lassen. Die Rechtsprechung der deutschen Gerichte geht methodisch ähnlich vor. Jeder einzelne Fall wird für sich neu geprüft und entschieden. So geschehen auch in einem dem Film ähnlichen Fall, der sich an einer Berliner Schule ereignet hat.
    Der Weg ist mühsam, mit Risiken behaftet und frei von Perfektion. Aber für Integration und Demokratie scheint er der einzig mögliche – und er ist ganz sicher ein sehr lohnender.

    Iris Berben und das muslimische Mädchen
    Vorwort von Günther van Endert - Redaktionsleiter HR Fernsehfilm/Serie I

    Einwanderung und Selbstverständnis von Menschen muslimischen Glaubens werden Deutschland verändern. Anstatt der Gegenüberstellung von wie auch immer kaschierter Xenophobie einerseits und Multikulti-Klischees anderseits ist eine Betrachtung nötig, die die großen Chancen, aber auch die Probleme dieser Veränderung in den Blick nimmt. Der Dialog ist wichtig. Doch was ist, wenn Worte an Grenzen stoßen? Was bedeutet das viel genutzte Wort Toleranz? Wie empfindet und fühlt jeder einzelne bei der Begegnung mit dem anderen, Fremden?

    Iris Berben brilliert in "Die Neue" in der Rolle einer Gymnasiallehrerin – also als Vertreterin der liberalen, gebildeten, urbanen‚ weltoffenen Mittelschicht, von deren Verhalten entscheidend abhängt und abhängen wird, wie der Kulturwandel gestaltet wird. "Die Neue" (gespielt von Ava Celik) ist ein Mädchen türkischer Herkunft, das in die Schulklasse kommt und forciert vorgetragene Religiosität – das Tragen des Kopftuchs – zum Kern ihrer Identität und damit zum Grund eines immer tiefer gehenden Streites mit der Lehrerin macht. Dass Sevda aus einer säkularisierten, gut bürgerlichen Familie stammt und dass sie Missions-Erfolge unter deutschen Mitschülern hat, zeugt unter anderem vom vielschichtigen Zugang zur zugrunde liegenden Problematik, den der Film dem Autor Rolf Silber und der Regisseurin Buket Alakus verdankt.

    "Die Neue" ist aber mehr und anderes als nur die in seinen Bausteinen vorhersehbare Fiktionalisierung eines hoch aktuellen Themas. Es ist vor allem auch die komplexe Geschichte der Lehrerin Eva, die sich nach dem Tod der Mutter in ihrer familiären Herkunft zu verorten sucht und ein prekäres Verhältnis mit einem Kollegen hat. Evas Suche nach Klarheit und Sevdas allzu fester Griff nach einer Bestimmung im Leben spiegeln sich ineinander

    Das Drama "Die Neue" ist ein besonderer Fernsehfilm der Woche im ZDF.

    Sendetermin, Stab und Besetzung

    Montag, 19. Oktober 2015, 20.15 Uhr
    Die Neue

    Der Fernsehfilm der Woche

    RegieBuket Alakus
    BuchChristoph Silber nach einer Idee von Buket Alakus
    KameraStephan Wagner 
    TonJürgen Göpfert, Karsten Paarmann
    SzenenbildReinhild Blaschke
    Schnitt Andreas Radtke
    Musik Ali N. Askin
    ProduktionsleitungDorissa Berninger
    ProduzentinKatja Herzog
    RedaktionKarina Ulitzsch, Günther van Endert
    Längeca. 88 Min.
    Eine ZDF-Auftragsproduktion der H & V
    Entertainment GmbH, Berlin

     

    Die Rollen und ihre Darsteller:
    Eva ArendtIris Berben
    Sevda ToprakAva Celik
    Schuldirektor RolfHans-Jochen Wagner    
    Guido, Evas BruderMartin Brambach 
    KarlDennis Mojen
    JaquelineAnna Lena Klenke
    MiaJulia Jendroßek           
    GoranRobert Köhler
    NerimanGizem Emre
    Lehrerin LydiaSandra Borgmann
    Evas VaterOtto Mellies   
    Evas MutterLiane Düsterhöft
    und andere

    Inhalt

    Eva ist Lehrerin aus Leidenschaft. Sie lässt sich auf Diskussionen mit ihren Schülern ein und lehrt dabei Offenheit und gegenseitigen Respekt, eine demokratische Streitkultur ist ihr wichtig. Ihre Schüler danken es ihr – sie fühlen sich ernst genommen und verstanden.
    Da kommt die Türkin Sevda hinzu. Klug, selbstbewusst, aus gutem Haus und Kopftuchträgerin aus Überzeugung. Sevda fordert ihr Recht auf Religionsfreiheit uneingeschränkt ein. Mal wird wegen ihr die Sitzordnung geändert, weil sie nicht neben einem Jungen sitzen möchte, dann gibt es Sonderregelungen für sie im Sportunterricht. Die "Extrawürste" gehen vielen Mitschülern zu weit. Andere Mädchen tragen umgekehrt plötzlich auch Kopftuch. Bald ist in der Klasse nichts mehr, wie es war. Rolf, der Direktor des Gymnasiums, sieht den Schulfrieden gefährdet und will Sevda das Kopftuch verbieten. Eva hingegen will den nachhaltigeren Weg gehen und überzeugen. Durch den Tod ihrer Mutter ist sie auf eigene, ungelöste Lebensfragen zurückgeworfen und versteht Sevdas Suche nach ihrem Platz im Leben. Doch dann spitzt sich der Konflikt in der Schule zu.

    Nur wer sich selbst kennt, kann anderen offen entgegen treten
    Von Produzentin Katja Herzog

    Mein Wunsch, einen Film zum Thema 'Deutschland und Islam' zu machen, entstand zu der Zeit als Thilo Sarrazins Provokationen große Resonanz in Deutschland hatten. Überall wurde diskutiert, Fragen wurden gestellt, Problemlagen benannt, aber auch (un-) heimliche Ressentiments traten an die Oberfläche. Ich selbst hatte zu dieser Zeit noch keine Moschee in Deutschland von innen gesehen. Das sollte sich ändern.

    Aber wie? Im konventionellen Gut-Böse-Schema sollte die Geschichte nicht erzählt werden. Nach einigen Sackgassen war die Begegnung mit der Regisseurin Buket Alakus das Erlebnis, das die Dinge endlich ins Rollen brachte. Ein tastendes, nachdenkliches und empathisches Gespräch, in dem sich niemand auf seine kulturell "angestammte" Position zurückzog. Das Setting war bald entschieden: ein gutbürgerliches Gymnasium. Eine Institution zur Vermittlung humanistischer Werte sollte vor die Frage gestellt werden, was Toleranz bedeutet, wie sie gelebt werden kann und welche Ressourcen vorhanden sind, wenn echte Konfliktsituationen entstehen.

    Für mich selbst war dabei die Reflektion des "deutschen" Blicks auf den Islam am spannendsten. Vor allem die Figur der Eva Arendt, die stets das Gute im Blick hat und doch zu scheitern droht. Weil sie "zu" tolerant ist? Ich glaube nicht. In meiner Lesart erzählt der Film eine echte Begegnung zwischen zwei Menschen, die konfliktreich auf sich selbst zurückgeworfen werden, gerade weil sie sich verstehen möchten. Hätte Eva Arendt ein fertiges Bild von Sevda Toprak würde sie nicht in die Krise geraten, müsste sich nicht mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen. Es gäbe aber auch keine Möglichkeit mehr, sich jemals näherzukommen.

    Ich bin sehr froh und dankbar dafür, dass viele Menschen, die den Film ermöglicht haben, das Lohnenswerte an dieser Geschichte gesehen haben. Ohne die frühe Unterstützung des ZDF, Karina Ulitzsch und Günther van Endert, hätten wir den abenteuerlichen Weg dieser Produktion nicht gehen können. Mit Christoph Silber hatten wir das große Glück, einen klugen und feinsinnigen Autoren für das Stück gewinnen zu können. Ava Celik, die sich ihre Rolle Sevda mit großem Feingefühl erschlossen hat, war ein Glücksfall für den Film. Schließlich Iris Berben, die mit faszinierendem Engagement ihrerseits unterstützend war und Eva Arendt in einer für mich sehr berührenden und glaubwürdigen Weise zum Leben erweckt hat. Vielen Dank!

    "Trotz aller Unterschiede gehören wir zusammen"
    Von Regisseurin Buket Alakus

    Vordergründig könnte man denken, dass unser Film "Die Neue" die persönliche emotionale Reise der Deutschlehrerin Eva Arendt erzählt, die auf ihrer Wurzelsuche ihren Vater findet, den sie nie kennengelernt hat. Doch parallel dazu erlebt die Deutschlehrerin eine Auseinandersetzung mit ihrer neuen muslimischen Schülerin Sevda Toprak. Diese weigert sich offensichtlich, sich in das Schulsystem einzufügen, weil sie ihre Religion in der Schule ausführen will und damit die Deutschlehrerin an ihre Toleranzgrenzen drängt. Um so ein Thema und solch einen Konflikt glaubwürdig zu erzählen, war ich dankbar, dass wir Iris Berben für unseren Film gewinnen konnten, die mit Hingabe und Intensität die Deutschlehrerin verkörpert. Denn in unserem Film stehen die Deutschlehrerin und die muslimische Schülerin stellvertretend für unser aktuelles Problem: Wie wir, Deutsche und Moslems, in der Zukunft friedlich zusammenleben können.

    In unserem Film begreift die Deutschlehrerin, dass 'die neue' Schülerin, genau wie sie selbst, auf der Suche nach ihren Wurzeln und ihrer Identität ist. Das hilft der Lehrerin, ihre Arbeit an der Schule als Herausforderung anzunehmen und gemeinsam mit der neuen Schülerin Lösungen zu finden. Durch diese Auseinandersetzung lernen beide Helden, dass das Ausüben von Religion im Schulbetrieb nur Konflikte verursacht und Barrieren mit sich bringt. Im Film haben wir einen Kompromiss gefunden: Im Islam ist es erlaubt, die Gebete nachzuholen, daher ist es nicht notwendig in der Schulzeit zu beten oder gar einen Raum dafür zu benötigen.

    Für viele Fragen findet jedoch auch unser Film keine eindeutige Antwort oder gar Lösung. Trotzdem bietet er Anregungen und eine Haltung, die auch ich vertrete. Denn ich bin davon überzeugt, dass nur wenn sich alle in Deutschland lebenden Menschen, unabhängig von ihrer Kultur, Herkunft oder Religion, an gemeinsame Regeln des Zusammenlebens halten und Verständnis füreinander entwickeln, ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Und dass dies am Ende für uns alle eine große Bereicherung ist. Denn trotz aller Unterschiede gehören wir zusammen. Nicht der Islam gehört zu Deutschland, sondern die 'Moslems aus Deutschland' gehören zu Deutschland. Das ist keine Kulturromantik, sondern gelebtes Leben, als Deutschtürkin und Filmemacherin.

    Das Glück der neuen Wege – Gedanken zur Buchentwicklung
    Von Autor Christoph Silber

    Gute Geschichten nehmen uns mit auf die innere Reise von Menschen, die sich verändern und erneuern. Herausragende Geschichten wecken die Sehnsucht nach Veränderung in uns selbst und machen Mut, neue Wege zu gehen.

    Als mir die Regisseurin Buket Alakus vor einigen Jahren von der Filmidee erzählte, aus der schließlich "Die Neue" geworden ist, war ich sofort hellwach, weil ich ihre Leidenschaft für das Thema spürte. Hier ging es nicht um einen Film, den man mal so eben machen kann, weil er gut zu finanzieren ist oder perfekt in irgendein Sendeschema passt. Es ging ums Eingemachte, um Fragen von Identität, von Überzeugung und Glaube und kulturellem Überleben. Entsprechend spannend war der Entwicklungsweg, auf den wir uns nach jenem ersten Treffen zusammen begaben. Für alle Beteiligten an der Bucharbeit – für die Produzentin, die Redakteure vom ZDF, Buket und mich – stellte sich unser Thema als eines heraus, das an tiefe persönliche Fragen und Konzepte rührt. Wir alle haben auf dieser Reise voneinander und von unserer Geschichte gelernt.

    Mich selbst trieben am meisten die Themen Fremdsein und kulturelle Verwurzelung an. Mein Vater, aufgewachsen im englischen Exil während der Nazizeit, kam erst als junger Mann zurück nach Deutschland und erlebte intensiv das Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein. Ich selbst bin seit vielen Jahren Emigrant in den Vereinigten Staaten und kenne dasselbe Gefühl aus einer anderen Perspektive.
    Hinzu kam die spannende Herausforderung, in der Begegnung zweier starker, faszinierender Frauen einen Bogen zu finden, der am Ende aus jeder von beiden eine "Neue" macht. Vieles wird täglich über Migration, Integration und den Diskurs zwischen abendländischer Kultur und Islam gesagt und geschrieben. All das sind große Worte und noch größere Themen – doch wo liegt der persönliche Ansatz? Was macht den Diskurs zum inneren Konflikt, der die Sicht auf das eigene Leben von Grund auf verändert?

    Mir war wichtig, dass unsere Deutschlehrerin Eva Arendt ebenso tief in den Spiegel schauen muss wie ihre eigensinnige muslimische Schülerin. Genau wie Sevda wird Eva wird in unserer Geschichte bloßgestellt und entwurzelt, sie durchlebt eine Höllenreise, die alles Gewohnte in Frage stellt. Dass Iris Berben die Herausforderung dieser Rolle so passioniert und furchtlos angenommen hat, empfinde ich als ein riesiges Glück für mich als Autor und für unseren Film.

    Zwei Frauen, zwei Rollen, ein Film
    Fragen an die Schauspielerinnen IRIS BERBEN und AVA CELIK

    "Die Neue" behandelt den Konflikt zwischen einer engagierten Lehrerin und ihrer neuen Schülerin.
    Was hat Sie am Drehbuch überzeugt?

    Iris Berben: Mich hat vor allem die Thematik interessiert. Das Thema des "Kopftuches" wird seit längerer Zeit diskutiert und steht dabei ja als Metapher für sehr viel mehr. Wie dieses Thema im Drehbuch behandelt wird, fand ich sehr überzeugend und realitätsnah. Wenn man eine Rolle spielt, befindet man sich plötzlich in dem Kosmos einer anderen Person. Das führt zu ganz neuen Fragen, Denkanstößen und Überlegungen, anders als wenn man sich demselben Thema von außen nähern würde. Das hat mich bei diesem Drehbuch gereizt und mich sehr schnell gefangen genommen.

    Ava Celik: Es gibt ja mehrere Filme, die sich mit dieser oder einer ähnlichen Thematik befassen. Was "Die Neue" allerdings von ihnen unterscheidet, ist die Darstellungsweise. Denn mit Sevda haben wir es mit einer jungen Frau zu tun, die sich aus eigenen Stücken für das Kopftuch entschieden hat und ganz wichtig – auch dabei bleibt. Der Film gibt verschiedene Erklärungsansätze für ihren Entschluss, versucht aber nicht, ihn zu rationalisieren. Dieser Zustand des Nichtwissens kommt dem der Realität nahe: Man muss die einzelnen Beweggründe für religiöse Überzeugung und die damit verbundenen Praktiken nicht verstehen, um sie zu akzeptieren. Der Film macht diese Einsicht in Inhalt und Form verständlich, das fand ich neu und interessant.

    Wie haben Sie sich dem Thema angenähert?

    Iris Berben: Es waren natürlich einmal die Gespräche, die ich mit der Regisseurin Buket Alakus geführt habe. Dass sie eine türkischstämmige Regisseurin ist, die beide Seiten kennt, ist für den Film wichtig. Buket Alakus ist eine Frau, die ein sehr westliches Leben lebt, aber um die Problematik sehr genau weiß. Außerdem habe ich begonnen, Dinge in meinem Alltag hier in Berlin genauer wahr zu nehmen. Was erzählt mir eine Frau, ein Mädchen, das ein Kopftuch trägt? Hier gibt es durchaus Unterschiede. Man kann sehr selbstbewusste Frauen sehen. Bei genauem Hinsehen spürt man aber auch manchmal, dass eine vorgegebene Tradition nicht hinterfragt wird. Insofern habe ich mich der Thematik neu angenähert. Schließlich bin ich aus einer Generation, die sehr bewusst für die Freiheit und die Selbstbestimmung der Frau auf die Straße gegangen ist. Aber mir wurde klar, dass es Frauen mit großem Selbstbewusstsein gibt, die das Kopftuch aus Überzeugung tragen. Sehr kluge und sehr gebildete Frauen, bei denen das Argument der Unterdrückung nicht zutrifft. Um mich dem Thema anzunähern, musste ich daher von meinem Blickwinkel ein Stück weit Abschied nehmen und ihn neu bedenken.

    Ava Celik: Da ich mich mit dieser Art von Themen bisher nicht bewusst auseinandergesetzt habe, gab es gleich mehrere Ansatzpunkte. Für mich war es zum einen das Thema der Religion und zum anderen das der Ausgrenzung und der Vorurteile. Ich habe mich dem Thema in Form von Büchern und privaten Gesprächen, dann aber auch durch die eigene Erfahrung, also das tägliche Praktizieren der Religion in Form von Gebeten und dem Fasten, angenähert. Besonders behilflich war mir dabei Betül Ulusoy von der Sehitlik Moschee in Berlin, eigentlich Juristin und Bloggerin, und ich habe sie mit ihrer herzlichen und offenen Art sofort in mein Herz geschlossen. Sie war für mich das beste Beispiel einer starken, selbstbewussten Frau, bei der man sich sehr schnell von der Vorstellung des Kopftuchs als Symbol der Unterdrückung trennen muss.

    Was hat Sie persönlich an Ihrer Figur, die Sie spielen, fasziniert?

    Iris Berben: Ich mochte an der Figur Eva Arendt, dass sie eine Frau ist, die ein sehr widersprüchliches Leben führt. Sie geht mit ihren Schülern auf eine sehr kluge Art und Weise um. Sie will ihnen etwas vermitteln und sich der neuen Schülerin und der 'Thematik des Kopftuchs' unvoreingenommen nähern. Dabei geht sie mit großer Offenheit vor. Sie selber lebt aber alles andere als ein offenes und freies Leben. Sie führt eine Beziehung, die keine Beziehung sein darf. Und wie Sevda ist sie sicherlich auch auf Identitätssuche. Sie sucht nach ihrem Vater und will wissen: Wer bin ich, wo komme ich her? Zuerst hatte ich Angst, dass ihre Geschichte das Thema überfrachtet. Aber dann fand ich spannend, ihrer Figur auch eine Biographie und eigene Schwächen zu geben und sie nicht nur als Lehrerin zu zeigen, die an einer Frage oder an der eigenen Haltung scheitert. Denn Eva hat bislang alles vernachlässigt, was ihr ihre Schülerin vor Augen führt. Das Übermaß, mit dem sie sich dem Mädchen widmet – mehr als es eigentlich ihre Aufgabe wäre – hat viel mit ihrer eigenen Biographie zu tun.

    Ava Celik: Sevdas Konsequenz und Unbeirrbarkeit sind sehr faszinierend. Sie hinterfragt für ihr Alter ungewöhnlich viele Dinge, ist also höchst philosophisch, und zieht daraus auch ihre Konsequenzen. Sie könnte sich schminken oder sich mit Marken einkleiden, und es wäre mit ihrer Religion vereinbar – das tut sie aber nicht. Sie will aufgrund ihres Wesens und nicht aufgrund ihrer äußeren Erscheinung oder ihres Auftretens akzeptiert werden. Man könnte eigentlich sagen, dass sie eine Art Punk ist: Mit sich selbst im Reinen widersetzt sie sich allgemeinen Konventionen und Autoritätspersonen um ihrer Überzeugung zu folgen.

    Inwieweit können Sie sich mit Eva /Sevda identifizieren und ihre Sicht und ihr Verhalten nachvollziehen?

    Iris Berben: Ich fühle mich Eva in ihrer Suche und in ihrem Kampf um die eigene Identität nahe. Eva, die immer so liberal, klug und lässig mit ihren Schülern umgegangen ist, kommt bei Sevda an einen Punkt, wo ihr das nicht mehr gelingt. Sevda reagiert nicht auf Regeln und Gespräche, sie fordert den Konflikt einfach heraus. Eva realisiert, wie sie hier an einer einzelnen Person scheitert. Gleichzeitig weiß sie, dass sie nicht die Kompetenz hat, um darauf zu reagieren. Das eigene Erleben, die eigenen Sehnsüchte, die eigenen Fragen, die sie sich stellt, werden durch eine andere Person gespiegelt. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie hilflos sie sich dabei fühlt.

    Ava Celik: Ich habe mich Sevda nahe gefühlt, vor allem in dem Verständnis, Dinge zu hinterfragen, sich nicht sofort anzupassen, sondern zu überlegen, was man wirklich will und aus welchem Grund. Ich selbst habe keine Erfahrung mit Ausgrenzung gemacht, denke aber, dass gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz für ein gemeinschaftliches Miteinander unerlässlich sind.

    Worin sehen Sie das Konfliktpotential zwischen der Lehrerin und ihrer Schülerin?

    Iris Berben: Für mich liegt der Konflikt darin, dass Eva auf der einen Seite eine Lehrerin ist, die sehr liberal mit jeder Frage, auch der der Konfession und des Andersseins, umgeht. Auf der anderen Seite verweigert sich Sevda aber, den Argumenten der Lehrerin zu folgen. Es ist ja auch das Vorrecht der Jugend, radikal zu sein, sich und die Welt auszuprobieren, indem man sich von der Haltung der Eltern oder Lehrer absetzt. Insofern will Sevda die Regeln erst einmal so weit wie möglich ausweiten, ehe sie diese Haltung wieder unterdrückt und zu einem gemeinsamen Konsens zurückkehrt. Denn natürlich kann Sevda ihre Gebetsstunden auch anders legen. Es war wie ein Kräftemessen.

    Ava Celik: Ein Film entsteht immer erst im Kopf des Zuschauers und so denke ich, dass es viele Antworten auf diese Frage gibt. Zum einen gibt es da die Bereitschaft der Lehrerin auf der einen und die uneingeschränkten Forderungen der Schülerin auf der anderen Seite. Es gibt aber eben auch moralisch hohe Erwartungen, die mal hier, mal da nicht eingehalten werden können und dadurch zu Enttäuschungen und Misstrauen führen. Durch die Aufteilung in Lehrerin und Schülerin haben wir es außerdem mit unterschiedlichen Machtpositionen zu tun, die trotz allem auf ein Gegenübertreten von zwei starken Frauen auf Augenhöhe führen.

    Wo findet der Film in Ihren Augen seinen Höhepunkt und warum?

    Iris Berben: Für mich ist die letzte Rede, die Eva hält, der Höhepunkt des Films. In ihr macht sie klar, was Toleranz bedeutet, und wie viel Arbeit dahinter steckt. Und dass beide Seiten diese Arbeit leisten müssen! Eva erklärt hier, dass wir in unserer Gemeinschaft einen möglichst klugen und guten Kompromiss finden müssen, wenn wir in unserer Unterschiedlichkeit akzeptiert werden wollen. Sie beschreibt, was eine Gemeinschaft ausmacht und was es bedeutet, mit dem Anderen und Fremden zusammen zu leben. Dass es nicht darum geht, es nur zu akzeptieren, sondern zu respektieren – was ja ein großer Unterschied ist! Zuletzt unterstreicht sie, dass es keine einmalige und eindeutige Antwort gibt und der Konflikt auch nicht per Gesetz geregelt werden kann. In meinen Augen spricht sie hier ist ein ganz schwieriges, spannungsgeladenes Feld an.

    Ava Celik: Dass man nicht alles per Gesetz regeln kann, halte ich für einen wichtigen Punkt. Grundrechte wie die Glaubens- und Bekenntnisfreiheit müssen geschützt bleiben, individuelle Probleme innerhalb einer Klassengemeinschaft erfordern aber auch individuelle Lösungsansätze und können nicht pauschal gelöst werden. Gerade im Zuge solcher Lösungsfindungen kann sich eine Klassen- bzw. eine Lebensgemeinschaft in Zusammenhalt und Toleranz üben. Denn nur von Innen, erst durch das selbstständige Auseinandersetzen mit dem Gegenüber, kann ein gegenseitiges Verständnis und eine wirkliche Akzeptanz entstehen.

    Sevda fordert ihr Recht auf Religionsfreiheit uneingeschränkt ein und bringt dadurch den Schulalltag ins Wanken. Zu welchen Denkanstößen hat Sie das Projekt geführt?

    Iris Berben: Es wäre so schön, alles per Gesetz regeln zu können. Aber ich halte die Dinge für zu kompliziert und denke, man muss es wie Eva machen: Sich immer wieder annähern, miteinander reden, sich austauschen und einen Weg finden, wie man miteinander leben kann. Nur mit Hilfe eines Gesetzes wird es nicht funktionieren. Da ich mich seit Jahrzehnten gegen Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Ausgrenzung engagiere, ist mir dieses Vorgehen sehr vertraut: Ein Zusammenleben wird nur funktionieren, wenn wir zuhören, hinhören, uns für den anderen interessieren. Wenn wir den anderen verstehen. Ich glaube das ist die Möglichkeit, wie wir die vielen, vielen Fragen, die kommen werden, beantworten können: Offen und aufmerksam bleiben, zuhören und dem anderen eine Chance geben. Insofern war der Film kein neuer Anstoß für mich. Er hat mich vielmehr in einer Haltung bestätigt, die ich selber habe.

    Ava Celik: Der Film hat in seiner Klarheit nochmal ein Paradox in der deutschen Einwanderungsgesellschaft vorgeführt: Auf der einen Seite wächst die Akzeptanz für die kulturelle und ethnische Vielfalt in diesem Land, gleichzeitig nimmt aber auch die Angst davor zu. Es handelt sich dabei oft nur um projizierte Kulturängste, die es zu überwinden gilt – wie auch im Film, in der die Stigmatisierung durch das Kopftuch mit einer stereotypen Herabminderung der verschleierten Frau einhergeht. Wenn man den Film von außen betrachtet, ist es eigentlich absurd, was in dieser Klasse passiert. Schließlich haben die Schüler viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede: Sie sind im gleichen Alter, gehen alle zur Schule, sprechen die gleiche Sprache und arbeiten jeweils auf einen Abschluss hin. Das, was sie unterscheidet, ist ihr Glaube. Ich denke, dass das Festhalten an Gemeinsamkeiten notwendig ist, um eine Form von Interaktion aufrechtzuerhalten.

    Die Fragen stellte
    Evelyn Tapavicza

    Statement der Sozialwissenschaftlerin
    Von Naika Foroutan – Fachberaterin zum Film

    Wir leben in einer Gesellschaft, die sich mit einem neuen Narrativ auseinandersetzen muss: Deutschland ist ein Einwanderungsland heißt es nun, nachdem es fast 50 Jahre hieß, es sei es nicht. Jeder fünfte Bürger in diesem Land hat einen sogenannten Migrationshintergrund, fast jedes dritte Kind in Deutschlands Schulen hat Eltern oder Großeltern, die einmal aus einem anderen Land nach Deutschland zogen, um hier zu bleiben. Und mehr als jede dritte Familie in Deutschland ist über eigene Erfahrung oder über Verwandtschaftsbezüge mit multiplen Migrationsgeschichten verbunden.

    In den Jahrzehnten, in denen wir verbal und politisch noch 'kein Einwanderungsland' waren, wurde in Deutschland ein Integrationsbegriff etabliert, der suggerierte, es gäbe eine bestehende deutsche Kern-Gemeinschaft, in die sich 'die Anderen' oder in diesem Fall 'die Neuen' mit maximalen Bemühungen hinein zu integrieren haben. Wobei sie dabei bestenfalls ihre eigene Herkunft, ihre eigenen Geschichten, Kulturen, Religionspraktiken und Vorstellungen von der Welt hinter sich lassen und die hiesigen bestehenden – als seien diese kanonisiert – annehmen sollten.

    Dies stellt Sevda in Frage. Sie möchte von der Gesellschaft, hier symbolisiert durch die Schule, so akzeptiert werden, wie sie ist. Und sie möchte ihre Vorstellungen von Welt und Vernunft, von Gerechtigkeit und Glaube in diese Gesellschaft einbringen. Dabei stellt sie etablierte Normen und Verhaltenskodizes in Frage und bricht Grenzen auf. Sie selbst ist dabei auf der Suche nach ihrem Platz, den sie sich teilweise provokativ zu erkämpfen versucht. Sie möchte nicht gutwillig und paternalistisch behandelt werden, sie möchte ihren Platz in der Gesellschaft offensiv behaupten. Sie weiß um die Abneigung, die ihrer Religion entgegengebracht wird: fast 60 Prozent der Deutschen empfinden den Islam als bedrohlich und sind der Meinung, er passe nicht in die westliche Welt (Religionsmonitor 2014). Genauso viele finden, "Muslime und ihre Religion sind so verschieden von uns, dass es blauäugig wäre, einen gleichen Zugang zu allen gesellschaftlichen Positionen zu fordern" (Decker/ Kiess/ Brähler 2012: Die Mitte im Umbruch).
    Dies ist eine klare Infragestellung demokratischer Grundrechte. Selbst wenn Sevda diese konkreten Zahlen nicht kennen sollte, so fühlt sie diese doch jeden Tag. Sie hallen ihr entgegen, so wie sie ihren Eltern entgegen hallten und anderen Vätern und Müttern der ersten Generation und der zweiten – aus den Straßen, den Filmen, den Schulen, den Pegida-Demonstrationen – bis die nächste Generation jetzt laut ruft: STOPP! Sie macht das in multiplen Formen, teilweise sehr eloquent, teilweise aggressiv, teilweise provokativ. Hier werden die Grenzen der Zugehörigkeit neu abgesteckt und die Demokratie und ihr größtes Anliegen – nämlich gleiches Recht für alle Bürgerinnen und Bürger – als Basis genommen, um diese Gleichheit auch mit Bezug auf die Gleichwertigkeit von Religionen, Kulturen und Herkunft zu erkämpfen.

    Die Konflikte, die das mit sich bringt, sind teilweise Verteilungskämpfe, teilweise sind es Etabliertenvorrechte, die hier verteidigt werden. In jedem Fall nehmen sie zu, in diesem neuen Deutschland, das postmigrantisch wird, in dem also die Grenzen der Herkunft zunehmend in Frage gestellt werden und eine Haltung zu Vielfalt ein neues verbindendes Element über Herkunftsgrenzen hinaus ist. Eva Arendt ist in diesem Film die Figur, die sich am Ende weigert, entlang von Herkunft Entscheidungen zu treffen – sie entscheidet sich dafür, dies entlang von Haltung zu tun.

    Statement der Juristin
    Von Dr. Margarete Mühl-Jäckel LL.M. (Harvard), Fachberaterin zum Film

    Der Film "Die Neue" hat ein hochaktuelles gesellschaftspolitisches Thema zum Gegenstand, das zugleich grundsätzliche verfassungsrechtliche Fragen aufwirft: Es geht um die Integration einer Schülerin muslimischen Glaubens in ein deutsches Gymnasium, die aus religiösen Gründen das islamische Ritualgebet in der Schule verrichten möchte. Damit stellt sich – verfassungsrechtlich betrachtet – die Frage, wie der Konflikt zwischen dem Grundrecht der Religionsfreiheit (Art. 4 Abs. 1 und 2 GG) und dem staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag in Verbindung mit der staatlichen Schulaufsicht (Art. 7 Abs. 1 GG) aufzulösen ist.

    Dem Film gelingt es, die vielschichtigen rechtlichen Zusammenhänge zu verdeutlichen und dem Betrachter die Schwierigkeiten, aber auch die Notwendigkeit vor Augen zu führen, im Einzelfall eine angemessene Lösung zu finden. Dem Staat obliegt bei der Ausgestaltung des Unterrichts die Pflicht zu weltanschaulich-religiöser Neutralität und darüber hinaus zur Wahrung des Schulfriedens, der in einer ethnisch und religiös vielfältig zusammengesetzten Schülerschaft durch religiöse Handlungen einzelner Schüler auf dem Schulgelände möglicherweise gefährdet werden könnte. Nicht nur im Lebensalltag, sondern gerade aus rechtlicher Sicht müssen die unterschiedlichen Verfassungspositionen unter Berücksichtigung der jeweils gegebenen tatsächlichen Umstände und Möglichkeiten – z.B. ob ein geeigneter Raum für das Gebet zur Verfügung gestellt werden kann – geprüft und untereinander abgewogen werden.

    Die Diskussionen zwischen der Lehrerin, dem Schulleiter und auch dem Vertreter der Schulaufsicht ebenso wie zwischen der Lehrerin und den Eltern der Schülerin verdeutlichen die Komplexität dieser Aufgabe. Zahlreiche Gerichtsentscheidungen bieten zwar Anhaltspunkte für eine Lösung, zeigen aber auch, dass die Religionsfreiheit unterschiedlich gewichtet wird. Letztlich ist in jedem Einzelfall die gebotene Abwägung und Abgrenzung der Rechtspositionen sachbezogen und umfassend vorzunehmen.

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